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Full text of "Preussische staatsschriften aus der regierungzeit könig Friedrichs II"

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PREUSSISCHE 
STAATSSCHRIFTEN 

AUS DER 

REGIERUNGSZEIT KÖNIG FRIEDRICHS H. 

IM AUFTRAGE 

m KÖNiaUOBIN 

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN Zu BERLIN 

HEKAl'äOEfiEBEN 

J. G. DROYSEN und M. DÜNCKER 


ERSTER BAND. 

-#"■ 

BERLIN. 

VERLAG VOK ALEXANDER DÜNCKER, 


PREUSSISCHE 
STAATS SCHRIFTEN 

AUS DER 

ßEGIERUNÖSZErr KÖNIG FRIEDRICHS IL 

(1740 — 1745.) 
BBARBEITBT 

De. RBINHOLD KOSEE. 



BERLIN. 


f^AYLo 


\r r 


'*• 30 JAN. 1935 

K OF ÜAi^^ -> 


Einleitung. 


ifas Bestreben der Politik, durch Kundgebungen ihre Schritte jsu 
rechtfertigen, die öffentliche Meinung zu gewinnen ^ reicht bis in das 
AUerthum hinauf. Mit der Erfindung der Buchdruckerkunsi steigert 
sidi die Zahl der diesem Zweck dienenden Schriften. Gegen Ende des 
siebzehnten Jahrhunderts wird der Name StaMsschriften für solche 
PubUcaüonen üblich. Die lebhafte Äction der auswärtigen Politik im 
achtzehnten Jahrhundert hat bedeutsame Schriften dieser Art hervor- 
gerufen. 

Friedrich II. hat der puhlicistischen Vertretung seiner Politik 
keinen geringen Werih beigemessen] einige der Schriften ^ welche sein 
Verhauen und seine Unternehmungen ins rechte Licht zu stellen be^ 
stimmt sind^ stammen aus seiner eigenen Feder y fast alle sind aus 
semer persönlidwn Anregung hervorgegangen, nicht wenige sind nach 
smen ins Einzelne gehenden Weisungen, zum Theil unter seiner Cor- 
redur, geschrieben worden. 

Diese Zeugnisse der politischen Arbeit des grossen Königs sind 
J^ in den Drucken durchweg schwer zugänglich , und zum Theil nur 
t» verstümmelten Texten überliefert 

Die Thatigkeit des Königs auf diesem Gebiet klarer und vollstän- 
diger hervortreten bu lassen , hat die königliche AJcademie der Wissen- 
sehafien zu Berlin eine Zusammenstellung und den erneuten Abdruck 
derselben veranlasst» 

Damit war die Aufgabe gestellt^ das voUe Verständniss jeder dieser 
Schriften durch Darlegung ihrer Genesis und ihrer Zusammenhänge zu 
ermöglichen y den politischen Horizont und die Gesichtspunkte j unter 
denen sie geschrieben wurde, festzustellen, die Zeit ihrer Entstehung und 
ihren Verfasser genau zu ermitteln und den Erfolgen nachzugehen, mit 


VI Einleituiig. 

denen sie in die politische Lage eingegriffen hat. Aus diesen Daten 
ergehen sich denn auch Aufschlüsse darüber^ wo und wie die Ansichten 
angesetzt und sich ausgebildet haben ^ welche damals die öffentliche 
Meinung und in der Folge das Urtheü der Geschichtsschreibung be- 
stimmt haben und zum Theil noch bestimmten. 

Der vorliegende Band enthalt die während der sechs ersten Re- 
gierwng^ahre Friedrichs II. erschienenen, auf seine auswärtige Politik 
bezüglichen Schriften, für welche sich der Ursprung aus dem Cctbinet 
oder dem Cabinetsministerium des Königs nachweisen lässt Nicht alle 
wurden von der Regierung selbst püblicieri^ sie sind zum Theil ohne 
deren Mitwirkung und ohne deren Absicht bekannt geworden. 

Zunächst erscheint erforderlich, eine Reihe von Vorfragen zu er- 
ledigen. Ein rascher Ueberblick soll die verschiedenen Formen ver- 
gegenwärtigen, in denen die Staatsschriften des vorigen Jahrhunderts 
auftreten. Vorab sind die Staatsschriften im engeren Sinne, deren 
officieller Ursprung zu Tage tritt, und die Flugschriften, das heisst die 
maskirten Staatsschriften, zu unterscheiden. 


L Staatsschriften im engeren Sinne, 

A. Schriften ohne bestimmte Adresse, unmittelbar 
an das Publikum, die öffentliche Meinung gerichtet 

Hier kommen zuerst die Schriften von ausgesprochen apologetischer 
Tendenz in Betracht, für welche der diplomatische J^racJigebrauch noch 
heute die technische Bezeichnung: 

1. Exposes de motifs de conduiie hat*)* SoUen diese 
Schriften einen Krieg rechtfertigen, so heissen sie Manifeste, 

Friedrich U. hat im August 1745 gegen den sächsischen Hof ein 
Manifest erlassen (No, LXX, S. 685 dieser Sammlung), 1744 hei 
seinem Einmarsch in Böhmen aber nur ein Exposi des motifs^ 
gut ont ohUgö le Roi de donner des troupes auxüiaires ä VEmpereur 
(No. XTJTT, S. 433), weil nach den völkerrechtlichen Grundsätzen jener 
Zeil diese Hülfstruppensendung noch nicht das Eintreten des Kriegs-- 
zustandes zwischen den Höfen von Berlin und Wien einschlösse ebenso 
wenig wie die Theilnahme englischer und holländischer Hulfsiruppen 
an dem Kriege der Königin von Ungarn gegen Karl TU. einen Krieg 
Englands oder Hollands gegen den letzteren bedeutete. Auch gegen dat 
Bischof von Lattich veröffentlichte der König im September 1740 nicht 

*) Vgl. Ch. de Martens, Guide diplomatique, 6d. V. entiäTement refondue 
par M. F. H. Geffcken, Leipzig 1866, 11, 1, 109. 


Die verschiedenen Formen der Staatsschriften. Vn 

em eigenüiches Manifest, sondern eine Exposition des raisonSy 
fm tmt fort4 le Bot aux jtistes reprisailles contre le prince ivique de 
Lüge (No. HZ, & 13)^ weil er sein Vorgehen nicht als einen Krieg, 
sondern als eine durch die Reichsverfassung gestattete Retorsio juris 
miqui aufgefasst toissen wollte, 

2. Deductionen historischer oder juristischer Natur *)^ in welchen 
ier apologetische Charakter hinter dem erzählenden und deducierenden 
in die zweite Linie tritt. Die juristischen Deductionen wie No. XIV 
bis XVU unserer Sammlung, S. 96 ff,, sind in der Regel sehr umfang- 
reich. Historischer AH sind No. F, S. 20, No. XLIX, S. 4?7, No. LV 
Ä 543 und die kurzen Stücke No. IV, S, 13 und No. LXXI, S. 685, 
icelche die Beilagen zu einem Expose de motifs de conduite bez. einem 
Manifest bilden. 

3. Die Schriften^ welche der diplomatische Sprachgebrauch Decla- 
rationen nennt**) ^ werden sich im Allgemeinen als diejenigen offir 
cieUen Erklärungen bezeichnen lassen, die ohne Vertheidigungen sein zu 
wollen, eine einfache Mittheilung machen^ um irrigen Ansichten des 
Publikums entweder wie No. XLI, S. 411 entgegenztUreten^ oder wie 
No. XUy S. 61 z%¥vorzukommen. 

4. Den Kundgebungen der letzten Art sind nahe verwandt die 
unier No. XXI S. 292 und No. XXID-XXIV, S. 298 abgedruckten 
Zeitungsartikel***) ^ die, ohne in dem Gewände einer formlichen 
Dedaraiion aufzutreten, doch durch ihre Veröffentlichung in den unter 
der Censur des auswärtigen Amtes erscheinenden Organen ihren Ur- 
sprung an den Tag legten und ihr offidelles Gewicht erhielten. 


B. Schriften mit bestimmter Adresse, nur mittelbar 
an das Publikum gerichtet 

Soweit sie nicht wie die zuerst (No. 1) zu nennenden Patente ihrer 
yatw nach offene^ Jedermann erreichbare sind, werden sie der öffenUichen » 
Meinung entweder von dem Absender, oder von dem Empfänger vor- 
gdegt, oder aber von einem Dritten, der sie durch Zufall, sei es durch 
Verletzung des Briefgeheimnisses, sei es durch Aufhebung eines Couriers 
oder Erbeubmg einer Feldkanzlei oder eines ganzen Archivs in die 

*) Im engeren Sinne kommt nur den letzteren die Bezeichnung Deductionen 
zQy welche bei Holzschuher und Siebenkees, Dednctionsbibliothek von 
DeatBchland, Frankfurt und Leipzig 1778, I, 467 definiert werden als „Schriften, 
worinnen die streitigen Rechte und die darauf sich gründenden Ansprüche strei- 
tender Parteien untersucht und vertheidigt werden.^ 
*♦) Siehe Märten s a. a. 0. II, 1, 71. 
*) No. XXIII wurde auch in einem Sonderdruck verbreitet. 


Vm Einl^tang. 

Sande bekommen hat Es ist bekannt, dass die beiden grössten Eriege 
der neueren Zeit durch grossartige PMicationen tn gegnerische Hände 
gerafhener Actenstucke eingeleitet wurden: m Beginn des dreissigjäJirigen 
Krieges machte der münchener Hof in einer Reihe von Staatsschrißen 
und Flugschriften Mitfheilungen aus den Acten der nach der Schlacht 
am weissen Berge und nach der Einnahme von Heidelberg erbeuteten 
Archive seiner Gegner, und seine Erhebung gegen Sachsen und Oester^ 
reich im Jahre 1756^ die den siebenjährigen Krieg herbeifOhrte, 
rechtfertigte Friedrich der Grosse durch die Veröffentlichung der in 
Dresden vorgefundenen Correspondenzen, In der uns beschäftigenden 
Periode war im Herbst 17M der österreichische Hof in der Lage, mit 
einer Publikation aufgefangener preussischer Depeschen hervorzutreten 
(No. i, S. 495). 

Diese mittelbar zur Kenntniss des Publikums kommenden Schriften 
sind sehr verschiedener Art. Wir unterscheiden 

1. Patente (Lettres patentes^ litter ae patentes) heute 
Proclamationen genannt; die Höfe richten sie: 

a) an die eignen Unterfhanen*), vergl, No. LU, S. 528; 

b) an die Einwohner eines zu occupierenden Landes, vergl. No. IX, 
S. 67; No. XLVU, S. ^0; No. LUI, S 528; 

c) an die Bevölkerung eines Nachbarlandes, vergl. No. XLVIII, 
S. ^1; No. LXTTT, 8. 684. Die letzte Schrift nennt sich, weil ihr zu 
einem eigentlichen PcUent die Unterschrift fehlte Manifestation. 

Nur eine andere Form für diese dritte Art der Patente ist es^ 
wenn Friedrich IL anstatt die Ungarn oder die Polen unmittelbar an- 
zureden, 1742 den Marschall Schwerin einen offenen Brief an den Palor- 
tinus Palffy schreiben lässt, und selber im Mai und im Juni 1745 zwei 
Briefe an den Krongrossfeldherm von Polen richtet (No. XXVill^ 
S 324; No. LXVIU. LXIX, S 680). 

2. Diplomatische Actenstücke**) : 

a) Für die Oeffentlichkeit bestimmte Erlasse eines 
Hofes an seine Gesandtschaften, Bescripta ostensibilia, 
die namenÜich der wiener Hof, in der Form von Circularrescripten^ 
mit Vorliebe in die Welt sandte***), und durch die sich zwcmghser 
zu dem Publikum reden liess, als durch Exposes und Deductionen. 

I^eussische Bescripte dieser Art sind in unserer Sammlung unter 

*) In neaerer Zeit pflegen sich die Kriegsmanifeste in die Fonn von Procla- 
mationen dieser Gattung zu kleiden. 

**) Bein urkundliche Schriften, wie Verträge, Friedensschlüsse, Capituladonen^ 
Cartelle etc. sind als jedes discussiven Charakters entbehrend von unserer Samm- 
lung ausgeschlossen geblieben. 

*^) Vergl. S. 516, sowie S. 394. 409. 448. 


Die verschiedenen Formen der Staatsscbriften. IX 

NcXn, S. 83; No, XX, 8."289; No, LXUI, S. 574, abgedruckt. 
DieRescripte unter No. XUI, 8. 91 und No. XXU, 8. 29J2, sind 1741 
gegen den Willen des berliner Hofes bekannt geworden, auch No. X, 
S. 74f€ar ursprünglich nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt No. XVIII, 
S. Zn unä No. LXXIX, 8. 719 sind ihrer Zeit nur theilweise, No. 
XXn, 8. 310; No. XXVII, 8. 315 und No. XXXU, 8. 365 nur in 
Analysen fsur Kenntniss des Publikums gekommen. 

h) Diplomatische Mittheilungen von Hof zu Hof. 

Als Grundsatz galt, dass die VeröffenÜichung solcher Mittheilungen 
durch den Theil, von dem die Mittheilung ausging, jedenfalls nicht 
früher erfolgen durfte, als bis die letztere an ihre Adresse gelangt war *). 
Dem Empfänger Hessen sich über den Gebrauch, den er mit den 
MitiheiUmgen machen wollte, nicht wohl Vorschriften machen, weshalb 
im Verkehr zwischen Cabineten, die nicht in freundschaftlichem Ein- 
vernehmen mit einander standen**), stets grosse Abneigung gegen einen 
schrifUichen Meinungsaustausch obwaltete. 

Es sondern sich im Einzelnen: 

a) Briefe eines 8ouveräns an einen andern, oder an einen bei 
ihm accreditierten Diplomaten. Hierher gehören No. I, 8. 1; No. II, 
S. 11; No. VIII, 8. 63; No. XXXVU, 8. 388; bez. No. LVI-LVU, 
S. 569. 

ß) Mittheilungen durch die diplomatischen Ver- 
treter: 

Mündliche Erklärungen, vergl. No. XXX, 8. 351; No. 
XXXni, 8. 365; No. XLU, 8 411; No. LXXVl 8 715***). 

Mündliche Erklärungen, die durch einmalige oder wieder- 
holte Verlesung des Erlasses, der sie anbefiehlt, geschehen („faire la 
leckar^Os sodass der, welcher die Erklärung entgegennimmt, Zeit hat, 
sie dem Wortlaut oder doch dem 8inne nach zu Papier zu bringen 
(vergl No. XLVI, 8. 465; No. XLF, 8. 663; No. LXXIU, 8. 712), 
icobei auch wohl eine Art Protokoll aufgenommen wird (No. XI, 8. 79). 

Mündliche Erklärungen, nach deren Abgabe entweder ihr 
Wortlaut (als ^,discours^\ vergl. 8. 510, oder „discursus in substantia, 
vergl. 8. 15), oder das Rescript, welchem gemäss die Erklärung 
geschah (No. XXXIX, 8. 40J2; No. LXI-LXU, 8. 639; No. LXIV, 
S. 663), oder auch ein zu diesem Zwecke redigierter „Extract 

*) En Grundsatz, der von Seiten deä wiener Hofes im diplomatischen Ver- 
kehr mit Preuasen nicht immer beobachtet wurde, vergl. S. 31. 33. 

* **) Selbst in solchen Fällen kamen oft genug Indiscretionen vor, vergl. S. 392. 

***) Wir geben statt der zur Kenntniss des Publikums gekommenen ungenauen 
Analjaen dieser Erklärungen stets den Wortlaut der Weisungen, auf welche hin 
djesdben erfolgten. Vergl. unten S. LUL 


X Einleitimg. 

Bescripts" (No. XL, S. 402) schriftlich ohne Unterschrift, 
ewrücTcgdassen mrd — lediglich wn dadurch dem Gedächlniss dessen^ 
dem die ErTdärung gemacht wird, zu Eulfe ssu kommen (als j^aide-me- 
moire"*), „süblevandae memoriae gratia") 

Schriftliche Erklärungen ohne Unterschrift, wie No. 
LXXriU, S, 717. 

Schriftliche und gezeichnete Erklärungen, heute Noten 
oder Memoires (Memoranda) genannt**), während sich die in un- 
serer Sammlung befindlichen preussischen Erklärungen dieser Art Pr o - 
memoria (No. VI***), S.30; No. LXVU, S. 678; No. LXXU, 
S. 699; No. LXXIV, S. 713; No, LXXV, S. 714; No. LXX7II, 
S. 716) oder Resolutionen (No. XXF, S. 304f), No. XXXIB., 
S. 360) nennen. 

Am deutschen Reichstage wurden die Erklärungen der einzelnen 
Comitiälgesandtschaften den Directorialgesandtschaften (Mainz im Kur- 
fürsten-, Oesterreich bez. Salzburg im Fürstencollegium) überreicht, die 
sie dann den Ständen „per dictaturam publicam*' mittheilten. Eine 
besondere Art dieser Erklärungen sind die Voten^ welche die Gesandten 
bei den Abstimmungen verlasen (No. XXXIV, S, 369). Statt des wm- 
ständlichen Didier ens wurde für gewöhnlich die Form gewählt, dass 
die zu insinuierenden Actenstücke dem Birectorium in der erforder- 
lichen Anzahl von Druckexemplaren übergeben wurden^ um ^,loco 
dictaturae^*^ zur Austheilung zu kommen. Ausserdem stand es jeder Ge- 
sandtschaft frei^ ohne Vermittelung des Directortums Actenstücke ,^ad 
aedes legatorum"' vertheilen zu lassen (vergl S. 32; 544); doch kamen 
die Schriften deam nicht zu den Reichsacten. 


*) In den Acten der uns beschäftigenden Zeit sind wir dieser Bezeichnung 
nicht begegnet; ebensowenig ist die Bezeichnung Verbalnote, die wir für die 
ad 2) und 3) genannten Erklfimngen der Kürze wegen hier und da gebraucht 
haben, in jener Zeit eine officielle. 

**) Je nachdem in dem Schriftstück der Unterschrift die Coortoisie, d. h. die 
Formel der Versicherung der Hochachtung, vorausgeht, oder nicht; vergL Här- 
tens a. a. 0. n, 2, 5. Eine Note in diesem Sinne ist von den Schriften unserer 
Sammlung nur No. XXXI A, S. 860. — In einem Bescript an den prenssischbn 
Gresandten in Petersburg vom 5. Juni 1745 wird die Bezeichnung Note im Gregen- 
satz zu einer unterzeichneten Erklärung gebraucht, vergl. unten S. 707, Anm. 1. 
***) No. VI, ein am Reichstage zu übergebendes Circular, ist in den uns vor- 
liegenden Drucken nicht gezeichnet; doch dürften die wirklich zur Ueberreichung 
gekommenen Exemplare zuvor von dem Gomitialgesandten unterfertigt worden selu. 

t) Das Actenstück ist dort nach dem Entwurf abgedruckt, in welchem dio 
Unterfertigung fehlt; dieselbe lautet: Par ordre exprSs du Roi. H. de Podewils. 


Die verschiedenen Formen der Staatsschriften. XI 

II. Flugschriften. 

Neben den verschiedenen Arien der Staatsschriften im engeren 
Sinne, deren JJebersicht eben gegeben ist, begegnet man in der poli- 
tischen Tagesliteratur der vorigen Jahrhunderte zahlreichen Publi- 
caiionen, die jedes offtdeUen Anstriches entbehren. Mit besonderer 
Vorliebe wählen diese Schriften die Briefform: bald ist es ganz aU- 
gemein ein Freund, der seinem Freunde über die oder jene politische 
Frage seine Ansichten mittheilt^ bald schreibt ein Edelmann, ein Bürger, 
ein Kaufmann, ein Rechtsgelehrter, ein Ofßcier; gelegentlich, in einer 
Flugschrift aus dem Jahre 1758, stellt auch ein Buchdruchergeselle in 
einem Briefe an einen Freund seine Betrachtungen über die Schriften 
an, die er zum Druck befördern muss, worauf dann, um ihn zu under- 
legen, in der Gegenschrift sein Fressbengel nicht bloss redend, me die 
TJiiere in der Fabel, sondern sogar als Briefsteller auftritt. Nicht 
minder beliebt ist in dieser Literatur die dialogische Form: zwei oder 
mehrere Personen, häufig Angehörige verschiedener Nationen, unter- 
halten sich über eine Tages frage, bis der eine, der im Sinne des Ver- 
fassers der Flugschrift redet, die Anderen überzeugt hat. Dazu 
hrnmen, ohne eine derartige Einkleidung, ohnvorgreifliche Outachten 
uf^ ohnnmssgebliche Rathschläge , ohnpassionierte Anmerkungen, zu- 
fällige Gedanken, patriotische Reflexiones u. s, w., endlich die grosse 
Menge der Spottschriften und Pamphlete, wovon eine Anzahl freilich 
wir handschrifttich kursierte. 

Auch diese Flugschriften sind wie die eigentlichen Staatsschriften 
sim grossen Theile aus den leitenden Kreisen hervorgegangen oder von 
da aus veranUisst worden*). Aber sie zeigen sich auf das Eifrigste 
lemüht, ihre Herkunft zu verbergen und den Leser zu mystificieren. 
Man achtet darauf, dass die Lettern und typographischen Zierrathen 
nieht zu Verräthem des Geheimnisses werden, man stellt den am Druck- 
ifrie selbst befindlichen Buchhandlungen die Exemplare durch Vermit- 
Uinng des Postamtes zu, „als wenn sie mit der kölnischen oder frank- 
f^ertischen Post gekommen'', und auf demselben Wege spielt man sie 
fremden Diplomaten in die Hände, unter einer Adresse, die, um un- 
verdächtiger zu erscheinen, einige Verstösse gegen Titulatur und Ge- 
^^dogie enthalten muss **). Auf dem Titelblatte einer so maskierten Schrift 
premgt dann wohl, wie bei der No. XUV unserer Sammlung S. 432***) 

*) Yergl. J. 6. Droysen, Geschichte der preussischen Politik, Leipzig 
1855 ff., Theü IV, Abtheilung 4, 8. 4. 

*•) VergL nnten 8. 436. Andere Mittheilungen über den Vertrieb derartiger 
^hiiflen 8. 281 und 396. 

») Vergl. auch S. 439. 596. 


Xn Einleitang. 

und anderen^ die utopische Firma Pierre Marteau in Köln am Bhein^ 
über die gleich hier eine Bemerkung Platz finden ma>g. Die Firma 
spukt in der Geschichte vornehmlich der Broschurenliteratur von 
der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang unseres Jahrhunderts. 
Boss sie ihre angeblichen Verlag$artikel seit 1670 auch in den buch- 
händlerischen Messkatalogen anzeigt, könnte auf die Meintmg fuhren, 
als habe wirklich eine Handlung jenes Namens in Köln bestanden; 
dass es sich aber dabei nur um eine Mystification handeln kann, er- 
hellt schon aus dem Umstände, dass im bunten Durcheinander bald 
Peter Marteau's seel Wittib, P. Marteau junior, P. Marteau's Erben, 
P. Marteau^ s Söhne*) ^ bald aber tvieder Peter Marteau selbst (Pierre 
Jf., Peter Hammer, Pietro del Martello, Petrus Martellus) ihre Novi- 
täten^ zum Theil höchst verdächtiger Art**) zum Verkauf anbieten. 
Welcher Beziehung dieser seltsame Ueberallundnirgends seine Ent- 
stehung und in der Folge seine Popularität verdankte, lässt sich nicht 
mehr verfolgen***); genug, dass es allmählich conventionell wurde, eine 
Schrift, die incognito ihren Weg nehmen sollte, unter seiner gleichsam 
internationalen Phantasieflagge fahren zu lassen, und dass dem 
entsprechend der schemenhafte Peter Marteau in seiner Ubiquität zum 
Typus buchhändlerischer Mystification wurde f). 

*) In den Messkatalogen (vergL G. Schwetschke, Codex nundinarius 
Germaniae literatae bisecalaris, Halle 1850) taucht diese jüngere Generation der 
Familie Marteau erst im Jahre 1718 auf; aber schon aus dem Jahre 1689 kennen 
wir auf der Marienbibliothek zu Halle eine Schrift mit dem Drackort „Coloniae 
impensis viduae et haeredum beati Petri Martelli; s. t: Trajani Booea- 
lini Actio criminalis in Pamasso. 

**) Ein grosser Theil der berüchtigten gefälschten französischen Memoiren- 
hteratur will bei P. Marteau erschienen sein. 

***) Albr. Kirchhoff, Beiträge zur Geschichte des deutschen Buchhandels, 
Bd. I, Leipzig 1851, B. 126 entnimmt einem Briefe von Moretus an Justus lipedas 
aus dem Jahre 1605, dass sich die Autoren, deren Werke in Belgien von der 
spanischen Censur beanstandet wurden, für den Druck nach Köln wandten, und 
will darin einen historischen Hintergrund für die Fiction der Firma P. Marteau 
sehen. Dass auch im achtzehnten Jahrhundert in der That gerade in Köln zahl- 
reiche anonyme Flugschriften gedruckt wurden, ersieht man unten S. 330. 375. 
896. 681. 

t) Bei Kirchhoff a. a. 0. 11, 202 findet man eine satirische Anzeige aiis 
dem Jahre 1730 mitgetheilt: „Aus Stubenberg, nicht weit von Ofen, in Nieder- 
ungam wird hierdurch jedermänniglich und in Sonderheit denen Herren Buch- 
händlern mitgetheilt, dass sich der bekannte Pierre Marteau, um das sehnHche 
Verlangen vieler Leute zu stillen, entschlossen habe, ein Pränumerations-Betni^- 
Lexicon unter sehr vortheilhaften Bedingungen (seil, vor sich selbst) zu drucken" 
u. 8. w. Der Hamburger Unpartheyische Correspondent vom 
24. Juli 1745 schlägt bei Erwähnung eines im Verlage des „unsterblichen Pctcr 
Marteau^* erschienenen Buches demselben eine Reihe Werke zum Verlegen vor, 


Friedrich n. ab Pablicist. Xm 

Unter die Kategorie der Flugschriften oder verkappten Staats- 
seiriflen gehören von den Stücken unserer Sammltmg: No. XXIX, 
5. 328; No. XXXT, S. 374; No. XXXVm, S. 394; No. XLIV, 
S. 432; No. LI, S. 513; No. LIX, S. 581. Auch No, LX, S. 623 war 
l^tknmt, von preussischer Seite als Flugschrift verbreitet zu werden, 
ist dann aber von dem hairischen Hofe in Gestalt eines Oircular- 
rescripts veröffentlicht worden. Zu den Flugschriften kann man auch No. 
UV, Ä 536 zahlen^ insofern die Schrift keinen officiellen Charakter trägtj 
obgleich der officielle Ursprung für Jeden zu Tage lag. Endlich 
sddiesst sich dieser Reihe der unter No. XXXVI, S. 383 abgedruckte 
Zeihmgsartikel an. 


Friedrichs des Grossen Thätigkeit als Publicist ist lange Zeit nicht 
hnreichend gewürdigt worden. Die im achten Bande der akademischen 
ÄHsgabe der (Euvres de Fr^dSric le Grand abgedruckten Consid&aiions 
sur Väai prisent du corps politique de VEurope^ die im Jahre 1738 
(ntstanden sind^ galten als die politische Studie eines jungen Fürsten 
SU eignem Nutzen und Frommen, bis erst vor Kurzem der Nachweis 
geführt worden ist, dass sie geschrieben wurden^ um als Flugschrift 
äie öffentliche Meinung in England und Holland über die Ziele der 
französischen Politik aufzuklären*). Dass Friedrich als König fort- 
fuhr, dem Urtheile der Zeitgenossen , der publicistischen Debatte Auf- 
merksamkeit zuzuwenden, und dass er nach verschiedenen Richtungen 
hm selbstthätig in dieselbe eingriff, ist gleichfalls erst in neuester 
Zeit beachtet und festgestellt worden**). Wie Friedrich der Grosse 

deren Titel die Geschmacksyeriinmgen der damaligen Unterhaltungsliteratur per- 
äfliereiL Im Jahre 1807 erschien in Berlin eine Schrift: „Ein Wort im Ver- 
trauen an den Herrn Peter Hammer von Cöln, betr. die Schrift: Ver- 
trante Briefe über die inneren Verhältnisse am preussischen Hofe seit dem Tode 
Friedrichs ü." (Königl. Bibl. zu Berlin, 71 pp. 8"); zum Schluss steht ein Gedicht 
-Die Klugen im Lande", eine Parodie des Schiller'schen ßeiterliedes, wo es u. A. 
heisst: „Pasquille zu drucken in dieser Zeit, ist Peter Hammer ja immer be- 
reit^ u. 8. w. 

•) Vergl. M. Duncker, Eine Flugschrift des Kronprinzen Friedrich (Aus 
der Zeit Friedrichs d. Gr. und Friedrich Wilhelms IH., Abhandlungen zur preuss. 
Gesch., Leipzig 1876, S. 1 ff); zuerst veröffentlicht Zeitschrift für preussische 
Gesch. Bd. VLH, 1870. — Vergl. unten S. 328. 

•♦) Vergl. J. G. Droysen: Ueber eine Flugschrift von 1743, Abhandlungen 
d?r Königl. Akademie der Wissenschaften, philos.-hist. Classe, 1872, S. 91 ff. — 
und: Kriegsberichte Friedrichs d. Gr. aus den beiden schlesischen Kriegen, Beiheft 
zum MiUtärwochenblatt 1875, S. 237 ff.; 1876, S. 305 ff.; 1877, S. 85 ff. 


XIV Einleitniig* 

die Berichte über die glänzenden Erfolge seiner Waffen mit der eignen 
siegreichen Hand aufsetzte, so verfasste er auch die Manifeste selber, 
welche die Erhebung dieser Waffen ankündigten und rechtfertigten, diese 
stolzen Kriegserklärungen^ in denen Europa die Sprache Ludwigs XIV. 
wiederzuJwren glaubte*)- Zur Seite gingen ihnen die Flugschriften, in 
denen der König mit geschlossenem Visier für seine Politik eintrat. 

Von der einen aus der Zahl dieser püblicistischen Arbeiten 
Friedriclis 11,, von dem Expose von 1744, liegen nicht weniger als adit 
Enttmrfe vor (vergl, unten S. 432 ff). Wir gewinnen, wenn wir so 
gleichsam an den Schreibtisch des Königs herantreten dürfen , den an- 
ziehendsten Einblick in seine Art und Weise zu arbeiten. 

Zuerst werden die Gedanken flüchtig auf das Papier niedergewor- 
fen, wie sie dem Schreibenden in die Feder kommen; er fasst sie in die 
ersten besten Worte, um sie zunächst nur festzuhalten. 

Bann beginnt er an die Form zu denken, die er ihnen geben will. 
Indem der König den ersten Entwurf umarbeitet, indem er, diese zweite 
Itedaction in der Sand, seinem Cabinetssecretär einen neuen, wiederum 
sehr geänderten Text in die Feder dictiert, indem er an dem Dictat 
nochmals mit eigner Sand feilt ^ hier ein Wort streicht und dort eines 
hinzufugt — so werden die losen und eckigen Satzbildungen aUmählig 
eingerenkt und abgerundet, die farbloseren Ausdrücke ^verschwinden, 
um gewählteren und prägnanteren Platz zu machen. 

Sat endlich der Entwurf vor dem Forum des Sprachgefühls Gnade 
gefunden, so wird er, miter Zuziehung eines competenten Beurtheüers, 
des auswärtigen Ministers, noch einmal eitler genauen Prüfung in 
Bezug auf seinen Inhalt, seine politische Zweckdienlichkeit unterworfen, 
wobei in dem Könige der Stilist und der Staatsmann mitunter in Con- 
flict gerathen. In einigen Fragen siegt der Letztere, denn Friedrich ist 
„nicht so verliebt in seine Antithesen, um sie nicht der Politik zum 
Opfer zu bringen*^**); opfert er ihr doch einmal eine ganze, bereits 
vollständig druckfertige Flugschrift***). An einzelnen Wendungen 
aber hält der König trotz der Vorstellungen seiner Minister mit Zähig^ 
keit fest. Auch geschieht es, duss die Minister nicht Gelegenfiert 


*) Der Minister v. Podewils berichtet dem Könige am 25. 8ept 1740, er 
habe den fremden Gesandten die Schriften gegen den Bischof von Lüttich (No. 
III-IV, 8. 15) mitgetheilt: ^autant que j*ai appxis par d'autres, la plupart en lisant 
le manifeste de Wesel , ont dit: cela est fort! cela est vif! c'est le langage de 
Louis XIV, et yoil4 un d^but qui fait juger de ce qa'on doit attendre xm jour do 
ce prince." 

**) VergL S. 452. 
) VergL S. 333. 


Friedrich IL als Pablicist XV 

f»im, ikr begtäachtendes Wort zu sprechen^ wenn der König im 
Felde ist und ihnen aus dem Sauptquartiere Manuscripte zuschickt^ 
deren Druck keinen Aufschub leidet Hier treffen sie dann wohl auf 
eigne Verantwortung die Aenderungen, die sie für unerlässlich halten, 
und machen nachträglich beim Könige ihre Gründe geltend*), oder sie 
legen bei minder wichtigen Sachen verbessernde Hand auch stillschweigend 
an. Man hofft dann auch wohl^ ^,dass der Autor die Schrift nicht 
tcieder gu sehen bekommt^^**). 

Der Muttersprache hat sich Friedrich in seinen püblidstischen 
Schriften ebensowenig wie in seinen poetischen und wissenschaftlichen 
bedient. Ueberhaupt wurde in der preussischen Diplomatie mit seinem 
Begierungsantritte das Französische die officielle Sprache; der deutsche 
Kangleistil durfte nur noch in den auf die Reichsangelegenheiten be-- 
sügli<Aen Expeditionen zur Anwendung kommen. Die unten S. 704: an- 
geführte Aeusserung des Königs lässt ersehen, dass ihm dieser Stil, ob- 
tcoU er ihn bei anderer Gelegenheit ,ySehr schön''' nemd***)^ geradezu 
woerständlidi war. Und doch verräih eine Correctur von seiner Hand^ 
die wir in dem Entwürfe einer deutsch geschriebenen Staatsschrift 
finden, ein sehr richtiges^ wir möchten sagen modernes^ deutsches Spra^ch- 
gefuhl: wenn nämlich der König die am Kriege nicht betheiligten Reichs- 
lande nicht „unschuldige'''' genannt wissen will, sondern „neutrale'''' 
(vergl 8. 438). 

Dem Verständnisse des Königs für den Werth der öffentlichen 
Meimmg, wovon seine unmittelbare Betheiligung an der püblidstischen 
Debodte seiner Zeit Zeugniss ablegt^ entspricht, dass er, stait Ober 
üe Angriffe der Presse gegen seine Politik kühl hinwegzusehen^ 
ire Hcäiung wenigstens in den ersten Jahrzehnten seiner Regierung 
mä Aufmerksamkeit beobachtete und ihre Ausschreitungen nicht un- 
geahndet lassen wollte. Schon als Kronprinz hat er sich über diesen 
Gegenstand geäussert. Sein Vater hatte ein Pasquill, das ihn ver- 
spottete^ eine ^JEpistel Don Quixote's an den Sdiwanenritter" mit 
Gieichmufh hingenommen, ohne den Verfasser, der nicht unbekannt 
fear, verfolgen zu lassen; zwar schreibt Friedrich bei diesem Anlasse 
an Voltaire, ein König sei darüber erhaben , an der Züchtigung eines 

*) VergL S. 686. S. 74. 

**) So meint der Cabinetsrath Eichel zu dem Minister Graf Podewils bei 
Uebeeaendmig eines Kriegsberichtes, in welchem eine Stelle zu verletzend scheint, 
24. Sept. 1745; Droysen, Kriegsberichte a. a. 0., Jahrgang 1875, S. 257. 

***) Maxginal des Königs zu einem Bericht des Cabinetaministeriums vom 
i Juni 1740: Dans toutes les choses qui regardent TAllemagne, il faut qua le 
3vle allemand de chancellerie, qui est trös-beau, dans nos chancelleries soit 
öRiscrvd. 


XVI Emleitimg. 

Elenden Gefallen eu finden*); wie wenig er aber bereits damals diesen 
GrundsatB ßr durchßhrhar hielt, lässt der Brief ersehen, den er bei der 
nämlichen Gelegenheit an den Minister GrunibcJcow richtete **) : ,Jch gestehe 
Ihnen, dass ich den GleichmuOi des Königs nicht genug su betvundem 
weiss, der es sich geduldig gefallen l^st, dass man anderwärts ganz 
offen verläumderische Libelle dmckt, welche seine Person angreifen und 
ihn bei denen, die ihn nicht kennen j in Verruf bringen. Ich gestehet 
dass das Blut mir zu Kopfe gestiegen ist^ und dass ich es sehr wofd 
verstanden haben würde, die Unverschämtheit des Poeten und die In- 
famie seines Auftraggebers sswr Rechenschaft zu ziehen.'^ Wir sehen 
Friedrich nach seiner Thronbesteigung genau in dem geäusserten Sinne 
handeln. So erhält einer seiner Gesandten im Haag in seiner Instruction 
die Weisung, „Acht zu geben, damit nichts in denen holländischen 
Zeitungen gesetzet werde, welches mir oder meiner Sache präjudicierlich 
sei oder mich bei dem Publico odieus machen könne" ***)j und wetm 
seine Beschwerden aber die Angriffe der holländischen Presse nicht die 
gewünschten Massregeln seitens der Behörden in Holland erzielen^ so 
kennt der König noch andere Mittel, die Uebelthäter zu züchtigen f). 
Dem englischen Cabinet werden anlässlich der LügennacJirichten der 
londoner Zeitungen bei Gelegenheit Repressalien in Aussicht ge- 
stellt ff). - 

Von Friedriclis des Grossen publicistischen Arbeiten haben in der 

*) (Euvres de Fr^döric le Grand, Berlin 1846 ff., XXI, 126. 

**) 16. März 1737. Bei D u n c k e r , Eine Flugschrift des Kronprinzen Friedrieb, 
a. a. 0. 8. 32. 
*«0 S. 324. 
t) Dem Verleger des Groninger Courant schreibt der preossischc Le- 
gationssccretär Beck am 28. September 1744 aus dem Haag: ^Comme vous Stes 
le distributeur et Timprimeur de cette feuille, je veux bien pour cette fbis vous 
avertir charitablement que, si k ravenir il s^ trouve la moindre expression in- 
jurieuse k Thonneur de S. M. Pruss., on prendra une r^lution qui vous en fera 
repentir le reste de vos jours. Ne vous imaginez que ce sera par des plaintea 
qu^on fera contre vous; un chfttiment sensible vous tombera en partage^' etc. Die 
Acten ergeben für zahlreiche Fälle, dass die Beclamationen oder selbstständigen 
Massregeln der Gesandtschaften gegen die Ausschreitungen der Presse des Aus- 
lands auf unmittelbare Weisungen aus dem Cabinet des Königs erfolgten« 

tt) Im September 1743 tischten englische Zeitungen ihren Lesern das Märchen 
auf, dreihundert preussische Soldaten seien mit ihren Officieren und in voller 
Montierung aus Schlesien über die polnische Grenze desertiert Der König verfugt 
(am Rande des Berichts des Residenten Andri^, London 20. Sept. 1743): „Der 
Etatsminister Graf Podewils soll sich gegen Hyndford (den englischen Gesandten 
in Berlin) darüber beschweren und ihm sagen, es wäre uns ein Leichtes, eben 
dergleichen erfundene Dinge von der englischen Armee in die Zeitungen setzen 
zu lassen. Wir wollten aber g^n^reuz sein, und wenigstens abwarten, wie sie 
sich in ihren Zeitungen gegen uns menagieren würden.^ 


Friedrich H. als PnbHcist. XVII 

ciademisehen Ausgabe seiner Werke nur eine Reihe von Flugschriften aus 
der Zeit des siebenjährigen Krieges Aufnahme gefunden*). Aus der 
Zaü der preussischen Staatsschriften seiner ersten Regienmgsperiode 
ist dort ak Beilage zu der Histoire de mon temps eine Publication aus 
dem Jahre 1746 reproduciert worden^ die den auf den dresdner Frieden 
bezüglichen Briefwechsel des Königs und seines Ministers Podewüs mit 
dem damaligen englischen Gesandten am dresdner Höfe, Sir Thomas 
TiUiers, enthält**), ebenso wie von den Kriegsberichten des Königs 
mir die eine ,,Belation de la bataille de Chotusitz^^ sich in den (Euvres 
(H 143) äbgedrucM findet. 

Die Schriften, welche im Folgenden zusammengestellt sind, vor allen 
die aus der Feder des Königs stammenden Stücke **^, werden sich als 
nicht minder wichtige urkundliche Ergänzungen zu der Histoire de mon 
temps erweisen, als jener Briefwechsel mit Villiers. Die Acten des 
Geh. Staatsarchivs ergeben^ dass sich der König für die Aufzeichnung seiner 
Denkwürdigkeiten sowohl die ^.Letires ö^un officier prussien^\ une seine 
Manifeste und die sich ihnen anschliessenden Schriften vorlegen liess. 
Eine ins Einzelne gehende Vergleichung ihrer Angaben und Urtheile 
mit denen der Histoire de mon temps wüirde deshalb von hohem In- 
teresse semf). 


Die Mitarbeiter des Königs auf dem publidstischen Gebiete sind 
seine Cabinetsräthe und die Minister und Räthe des „Departements der 
auswärtigen Affairen." Die Mitwirkung oMer Anderen ^ selbst seiner 

*) ^^e^' ^6 Monographie von E. Gau er, die Flugschriften Friedrichs des 
GioBen aas der Zeit des siebenjährigen Krieges, Potsdam 1865. 

**) (Envres in, 181 — 216. Bibliographische Angaben über die ersten Aus- 
gaboi dieses Briefwechsels werden in der Abtheilnng Vm dieser Sammlung ge- 
macht werden. 

•^) No. m-IV, 8. 15; No. X, 8. 74; No. XXIX, 8. 328; No. XLIH, 8. 432; 
Ko. LXX, S. 685; aof ein Dictat oder ganz unmittelbare Weisungen des Königs 
dmften No. n, 8. 11; No. LXI, 8. 637; No. LXIV, 8. 663; No. LXXVI, 8. 715 
ntiöckgehen. 

t) Vergl. z. B. unten 8. 60. Von dem Manifest gegen Sachsen von 1745, 
unten 8. 685, steht Eist de mon temps (Euvres m, 124 eine Inhaltsangabe und 
S. 148 folgen ganze Sätze in wörtlicher Anführung; auch andere Staatsschriften, 
wie das Ezpos^ des moti& und die Prodamation an die Böhmen von 1744, das 
Pn>memoTia wegen der £[aiserwahl vom August 1745, das Bescript über die sächsi- 
schen Offenmvplane vom Nov. 1745, die Novembemote 1745 an Bussland (8. 432. 
470. 545. 719. 717 unserer Sammlung) werden in der Eßstoire de mon temps 
^m, 5^ 127. 150. 151) erwähnt Was daselbst m, 128 über die alten Prindpien 
des Hauses Oesterrdch gesagt wird, steht ganz ähnlich in dem Expos^ von 1744 
ond den Bemarques dW bon patriote allemand, unten S. 442. 

FnMdMlM SUatMchriftan. L 11 


XVin Ebüeitang. 

Gesandten^ verbat er sich^ weil ein ungeschickter Freund mehr scheiden 
eu können schien^ als ein gewandter Gegner*). 

Im Cabinet fand Friedrich II, beim Tode seines Vaters die Ge- 
heimen Räthe Schumacher und Eichel vor^ von denen der erste in den 
politischen, der andere in den militärischen Sachen den Vortrag hatte, 

Elias Schumacher hat sich das Vertrauen des neuen Königs 
nicht lange zu wahren verstanden. Schon am 30, Mai 1741 untersagt 
Friedrich dem Minister von PodewilSy mit dem Cabinetsrath von den 
schwebenden Verhandlungen mit Frankreich jsu sprechen**); Schu- 
machers Hand verschwindet in der Folge aus den Cäbinetsaden***), 

August Friedrich Eichel, der seitdem auch die diplomati- 

*) Georg Abraham LuisciuB im Haag (vergl. Droysen lY, 3, 207. 370. 
IV, 4f 464) legt im Februar 1741 den Entwurf zu einer Deduction der preuasischen 
Rechte auf Schlesien vor, welche dem Geschmacke der Holländer, wie er ihn 
kenne, mehr zusagen werde, als die für ein deutsches Publikum geschriebenen 
Deductionen, welche man in Berlin veröffentlicht habe, und am 10. März erbietet 
er sich, eine Schrift für den wiener Hof, die der göttinger Professor Treuer unter 
der Feder habe, sofort nach ihrem Erscheinen durch „Remarques^ zu widerlegen. 
Es wird ihm am 25. März geschrieben: „Je ne doute pas que vous ne vous en 
acquittiez en homme d'esprit Mais il est moralement impossible de ne pas donner 
quelquefois ä gauche, quelque habile homme qu*on soit, quand on 6crit sor ces 
sortes de sujets sans connoitre le dessous des cartes. Je n'ignore pas Teffet des 
premiöres impressions sur Tesprit du public, et qu^il est difficile de les dötmire, 
si on ne s^y applique d^abord et qu'on les laisse prendre racine. Mais le mal 
devient infiniment plus grand, quand on les attaque par des raisonnemens qui 
puissent donner prise, surtout d^ qu*on ne connoit qu'imparfaitement les tendaus 
et les aboutissans dWe afifaire.^ Bei einem andern, ähnlichen Anlass schreibt ihm 
der König, Potsdam 9. Februar 1743: „Reste ä savoir si TEurope vous en tiendra 
grand compte, et, d^ailleurs, vous savez que ce n'est pas toujours le moyen de 
plaire que de donner sans qu'ou en alt demand^.^^ Der Hofrath und Oberbürger- 
meister Professor Lüning in Lingen, der bekannte Urkundensammler, erhfilt am 
18. Febr. 1741 den bündigen Bescheid: „Gleichwie Uns nun mit Euren dnfaltigen 
und abgeschmackten Reflexionen im Geringsten nicht gedienet bt, Ihr auch dazu 
niemals einigen Befehl gehabt, so verweisen Wir Euch hiemit solch Euer vorwitzi- 
ges Unternehmen auf das Nachdrücklichste, und befehlen Euch zugleich in Gnaden, 
jedoch alles Ernstes, Uns mit dergleichen ungereimten Zeuge femerweit nicht zu 
behelligen." Einem Entschuldigungsschreiben des also Bedeuteten liegt eine Copie 
des ungnädigen Rescriptes bei mit dem Vermerk: „Das allerhöchste Original bievon 
habe den 4. Martii von der Post in aller Demuth empfangen und gelesen. Lüning."^ 
Vergl. auch S. 289. 344. 

**) Bei Droysen V, 1, 273: „Je ne veux pas que Schumacher soit inform^ 
de quoi que ce puisse 6tre." 

***) Der hannoverische Gesandte v. Schwichelt wollte wissen, dass der König 
ihn „ohnvermuthet der Diensten erliessen, ihm die Besoldung nahmen, und dabei 
unterdeuten Hessen, dass er sich hüten möchte, in einem Orte sich mit Ihro 
zu finden." (Friedrich d. Gr. und seine Umgebung im ersten schles. Kriege, nach 
den Schilderungen eines ausw. Gesandten, mitgetheilt von C. Grünhagen; 


^ 


Friedrichs ü. Cabinet: Schumacher, Eichel. XIX 

seke» Ea^edüianen besargte, war der Emsnge, der in den Zusatnmeif^ 
hang aller politischen Verhandlungen eingeweiht wurde*) ^ bis er 
mach achtunddreissigjähriger ThaMgheit im Cabinet am 3. Februar 
1768 €ds Zweiundsiebziger starb. Jnspruchshs , nur seinem Dienste 
lebend, zurückhaltend gegen Jedermann, für die fremden Gescmdten un- 
nahbcMT^ ja unsichihar**) , selbst gegen die Minister stumm wie das 
Grab, sobald es sieh um nur ihm anvertraute Geheimnisse handelt^ ver- 
richtet Eichel die Befehle seines Gebieters in Furcht und Zittern ob 
Arer ihn erdrückenden Genialität und Kühnheit, aber in unbeirrter 
persönlicher Hingebung. „Ich gehe gewiss jederzeit mit schwerem Herzen 
daran^ dergleichen Sache^ dazu weder CapacitS noch Routine habe, auf-- 
zusetzen", so schüttet er einmal dem Minister v, Podewik bei Ueber- 
Sendung eines königlichen Befehls sein Herz aus***), „der Gehorsam 
aber; den ich gegen des Herrn absoluten Willen haben muss, obligiert 
mich." „Ich gestehe^ dass mir der Kopf wngehei und das Herz springen 
möchte"^ schreibt er ein anderes Mal; ^^anderer Umstände von gewissen 
Orgeuil und dergleichen mehr nicht zu gedenken^ so von Tage zu Tage 
zunehmen und mir die aTlerbeirübtesten Beflexiones zu Wege bringen, 
hei welchen ich öfters, wenn es nach meinem Willen ginge, den Tod 
meinem Leben weit praeferierte, um nur kein Zeuge von allen besorg- 
Ucken Sachen zu sein^'f). 

Zeitachrift foi preuss. Gesch. 1875, 8. 632). Die Angabc des sehr geförbten 
und nnzuverlässigen Berichtes kann nicht zutreffend sein; denn zur Aushülfe 
findet Schumacher auch später noch Verwendung im Cabinet. f 7. Oct 1747. 

*) Die einzige Ausnahme vielleicht bilden die Verhandlungen von Klein- 
flchnellendorf, vergl. DroysenV, 1, 351. — Ein Nachruf auf Eichel : Berlin. 
Zeitung 6. Febr. 1768, wonach sich die AUgem. deutsche Biographie V, Leipzig 
1877, S. 722 berichtigt Noch am 16. Jan. 1768 entwirft Eichel eine Cabinetsordre. 

**) Vergl. den Bericht des englischen Gesandten Sir Hanbury Williams an 
den Staatssecretär Herzog von Newcastle, Berlin 22. Juli 1750 (bei Hör. Wal- 
pole, Memoirs of the reign of king George II, ed. by Lord Holland, London 
1846,1,449): Eichel, „is his Pruss. Majesty^s Private Secretary, and who is always 
kept under the same roof with his Pruss. Maj., and is so well watched, that a 
person may be at this court seven years without once seeing him." Ebenso 
a. a. 0. 465: ,,He is kept like a State Prisoner, is in constant waiting, and nevor 
has half an hour to himself in the whole year.^' An solche Stellen denkt wohl 
Bänke in seiner Charakteristik Eichels (Zwölf Bücher preussischer Geschichte, 
Sämmtliche Werke XXIX, 302). Charakteristisch für Eichel ist auch der Brief 
des Ministers Podewüs an den französischen Gesandten Marquis Valoiy vom 
5. Juni 1742, M^moires des n^gociations du marquis de Valoiy, Paris 1820, 
II265. 

♦*•) 4. M&rz 1743; bei Droysen V, 2, 63. 
t) 22. Juli 1745; ebend. V, 2, 521. In anderen Briefen schreibt er: „Gott 
wende in seiner Barmherzigkeit alles Böse in Gnaden ab^'; „Gott mag uns helfen 
und uns aus dem Moraste ziehen, in dem wir bis über den Hals ePtecken^; „Es 

II» 


XX Eiinleituiig. 

So betrübt der redliche Eichel oft klagte nicht ,^egen den Skom 
schfvimmen zu können'^ und „gaws vergebene Tentationes^' gefhan äu 
haben, so ist es ihm doch mitunter durch „seine bescheidenen Be- 
merkungen^* gelungen, die Entschliessungen des Königs zu beeinflussen 
und zu ändern*), 

Eichel übermittelte den Ministem die Befehle des Königs^ indem 
er entweder brevi manu die „mündlicheti allergnädigsten Resohdionen'' 
an den Rand ihrer Eingaben schrieb , oder indem er das , „was er in 
der Eil notieren können' ' (vergh S. 480) in officieU^n Cabinetsordres 
oder in Privatbriefen an die Minister näher ausführte. Das in eine^n 
seiner Briefe erwähnte ,,Buch''\ in welchem er sich jene Notizen machte **), 
scheint leider nicht mehr vorhanden zu sein. Jene mündlichen Be- 
Solutionen des Königs sind natürlich in ihrer unvermittelten Ursprung- 
lichkeit und in det treffenden Prägnanz ihres Ausdruckes van aUer- 
grossestem Interesse. 

Zu den politischen Geschäften im Cabinet zog der König in seinen 
ersten Regierungsjahren auch den Geh, Kämmerer Freders dar ff***), 
bis dessen geschwächte Gesundheit ihm den fortwährenden Aufent- 
halt in der Umgebung seines königlichen Freundes unmöglich machte. 
Von seinem vertrauten Verhältniss zu Friedrich, dem er während dessen 
küstriner Festungshaft nahe getreten war^ zeugen des Königs Briefe an 
Fredersdorff, obgleich, oder gerade weil sie sich nur auf die kleinen 
Alltäglichkeiten des Privatlebens beziehen f). 

Es lässt sich^ wo mr in den Acten den Schriftzügen Schi^ 
machers^ Eichels, Fredersdorffs begegnen, schwer entscheiden, ob 
selbstständige Entwürfe, oder ob Dictate des Königs oder Abschrifiei% 
seiner Autographen vorliegen. Nur bisweilen lässt sich dieses oder 


ist wahr: miscemus ima profundis; Gott bewahre uns ne pereamns in nndis'^. 
Ebend. V, 2, 441. 552; 1, 439. 

*) Vergl. ebend. V, 2, 533. 258 und unten S. 570. Die femer stehenden 
Zeitgenossen hatten erklärlicher Weise von Eichels Einfluss die weitgehendsten 
Vorstellungen; vergl. Büsching, Beyträge zur Lebensgeschichte denkwürdiger 
Personen, HaUe 1788 fF. I, 377. V, 84. 238. 
**) Vergl. Droysen V, 2, 434. 

***) Die Angabe Schwichelts in dieser Beziehung, a. a. 0. S. 631, best&tigt 
sich durch einen Blick in die Cabinetsacten. Ein sehr übertriebener Einfluss wird 
Fredersdorff in einem Berliner Berichte eines Franzosen beigemessen, der anschei- 
nend aus dem Anfang der fun£siger Jahre ist; mitgetheilt in: Ein kleinstaatlichez 
Minister des 18. Jahrhunderts. Leben und Wirken Fr. A. v. Hardenbergs. 
Leipzig 1877, 8. 78. In den Berichten von Hanbury Williams (Walpole, 
Memoirs I, 449) ist Fredersdorff „the great favorite^. 

t) Friedrichs IL eigenhändige Briefe an seinen Geh. Kämmerer Fredersdorff^ 
herausg. von* Fr. Burchardt, Leipzig 1834. 


Das CabinetBmmisteriam : Heinrich von Podewils. XXI 

jfnes Schrifislück mit Sicherheit als Copie oder mit annähernder Sicher^ 
kü als Bictat bezeichnen (vergl. S. 14. S. 687. S. 11. S. 433). Einen 
grosseren oder geringeren Äntheil hat der König durch mündlich mit- 
getheilte Gesichtspunkte und nachträgliche Correcturen jedenfalls cm 
oSeti m Cabinet ausgefertigten Schriften. 


Die Behörde, welche den Namen ^^Departement der auswärtigen 
Affairen" oder ^^Cabinetsministerium*^ führte^ war während der Be- 
girnrngszeit Friedrichs des Grossen für gewöhnlich aus sechs Mitglie- 
dem zusammengesetzt, von denen ein Theil Cabinetsminister, die übrigen 
EäOie Messen *). Unter ihnen arbeiteten in der Geheimen Kanzlei eine 
grössere Anzahl von S[ofräthen und Geheimen Hofräthen, Geheimen 
Secräären und Kanzlisten. 

Beim Tode Friedrich Wilhelms I. nahmen die sechs höheren Stellen 
die Minister GrafBorcke, v. Podewils ^ v.Thulemeyer und dieBäthe Wein- 
reich^ Vockerodt und v. Bgen ein. Schon am 4. August 1740 starb 
^\JMm Heinrich v. Thulemeyer^ und mit dem Ende des Jahres schied 
mh der alte Graf Adrian Bernhard von Bor che, der in der letzten 
Zeit keinen Antheil mehr an den Geschäften genommen hatte, aus dem 
Ministermm aus (f 25. Mai 1741). Statt ihrer traten ein Duhan de 
Jmäm als Geh, Bath, und am 7, Februar 1741 Caspar Wilhelm 
V, Borcke als Cäbinetsminister. 

Heinrich von Podewils bekleidete seine Stellung im Mini- 
'Www, die er zunächst dem Einfluss seines Schwiegervaters, des 
Miiusters V. Grumbchow^ zu danken gehabt hatte ^ bereits seit dem 
Jokre 1730. JPodewils' amtliche Correspondenz mit Friedrich dem Grossen 
:figt durchgehend, dass der Minister dem Könige seine von denen 
*« letztereti oft abweichenden politischen Ansichten bei jeder Gelegen- 
M aufgefordert und unaufgefordert mit FVeimuth und Nachdruck ent- 
9^ensieJlt tmd mit Beharrlichkeit wieder und wieder auf dieselben 
i^ckkomnü'^*). Der König hat sich selten überzeugen lassen, er 

*) Im Jahre 1747 stellte der König zehn junge Adelige als Hülfsarbeiter mit 
^ Titel Legationsrath im Cabinetsministerium an. „n faudra s^appliquer", 
>«hreibt er am 12. März an den Minister Podewils, ,,ä bien connoitre leors talens, 
**t <i]B ont aasez de capacitö pour ^tre employ^ im jour k des affaires publiques 
^t 4 des missions, car pour ceux qu'on en trouyera n^avoir pas les talens r^ms, 
j^ Ifs emplojerai ailleurs, soit dans les chambres des domaines, soit dans les col- 
^V^ de T^ence, selon qu'on leur trouvera de g^nie." Es ist dies die Pöpini^e 
^ departement ^tranger, wie sie Hertzberg nennt (vergl. Pr^is de la carriöre 
^lomatique da 'comte de Hertzberg; Zeitechrift für Geschichtswissenschaft, heraus- 
vigeben "^on A. Schmidt, Bd. I, Leipzig 1844). Seit 1767 werden im Berliner 
'^^7>^kalender Beamte dieser Kategorie nicht mehr aufgeführt 

**) Auch hier kann nichts ungerechter und ungereimter erscheinen, als das 


XXn £iiileitang. 

nennt dm Minister, der Alles schwäre sieht und ihn warnt, die Gefahr 
herauszufordern^ neckend sein „begossenes Htdin'^*), er spricht auch m 
der Histoire de mon temps von Podeunls' Furchtsamkeit**). Aber er 
wusste die Grunde seines JRathgebers^ auch wenn er sich ihnen nicht 
anschloss, sehr wohl zu würdigen; er giebt ihm im Juli 1744, alsFode* 
wils seine Bedenken gegen den beabsichtigten Einmarsch in Böhmen 
erhebt, gern zu, dass ein Minister die Verantwortlichkeit eines solchen 
Schrittes nicht auf sich nehmen dürfe, wohl aber dürfe es der Sou- 
verän und müsse es sogar. Des Königs Achtung ^ seine Freundschaft 
für Podewils, spricht aus einer ganzen Reihe vertraulicher eigenhändig' 
ger Briefe, die den ofßcieUen Cabinetsordres zur Seite gehen, mögen sie 
nun den leichten scherzenden Flauderton anschlagen gegen den „eher 
charlatan'\ wie ihm Podewils in seiner Eigenschaft als vielgewandier 
Diplomat heisst, oder mögen sie, wie mehr als ein Brief aus dem gefahr- 
vollen Sommer von 1745 die Bekenntnisse schwerer Seelenkämpfe ent- 
halten , die der König vor seiner Umgebung , vor jedem Anderen ver- 
birgt***). 

Urtheil Schwichelts a. a. 0. 623: Podewils sei „der Mann nicht, welcher .... 
80 viel Herzhaftigkeit besitzen sollte, einem jungen kühnen Monarchen, als der 
König von Preussen ist, Vorstelliingen zum gemeinen Besten thun zu dürfen, wo- 
von er befurchten könnte, dass sie jenes Neigungen und Absichten entgegen 
standen.^ Ueber Schwichelts, über Lord Hyndfords Verdächtigungen gegen Pode- 
wils' Integrität ist kein Wort zu verlieren; Hyndford verlangt am 8. September 
1742 von seinem Hofe G-eld, um Podewils „auf dem rechten Wege des Denkens 
zu bestärken^, aber nach einem Jahre stellt sich heraus, dass der Lord für seine 
Guineen keine Verwendung gefunden hat, vergl. Fr. v. Baumer, Beitrage zur 
neueren Geschichte aus dem brit. Museum und Reichsarchiv, II, Leipzig 1836, 
S. 188. 184. Als der König seinem Minister einmal in aufwallender Hitze vor- 
wirft, er scheine sich haben bestechen zu lassen (bei Droysen V, 1, 273 — in der 
Hist de mon temps, (Euvres m, 150, nennt er ihn ausdrücklich incorruptible) 
erwidert Podewils (17. Juni 1741): Ma pauvretä et ma r^putation parlent ^gale- 
ment pour moi, Dieu merd, et me mettent ä Tabri de tont aoup^n. Les menaces 
de V. M. n'ef&ayent pas un homme qui pr^(&re llionneur k la vie, et qni peut 
marcher le front lev^ avec la bonne confiance qu^il a, etc. 

*) Poule mouill^e, ein Lieblingsvergleich des Königs; so ein Marginal auf 
einen Bericht vom 11. Febr. 1743 (bei Droysen V, 2, 58): „Ne voili-t-il pas ma 
poule mouill^e? vous avez h^t^, je crois, cette belle drconspection d'Dgen de 
timide m^moire.^ Veigl. unten S. 390. 391. In einem Briefe an Eichel vom 22. Jnü 
1756 spricht Podewils von den Vorstellungen, die er dem Könige gegen den beab- 
sichtigten Einmarsch in Sachsen gemacht: „. . . Allein alles dieses wurde gänzlich 
verworfen, vor einen Effect von gar zu grosser Timidit6 gehalten, und ich zuletst 
jdemlich s^hement mit den Worten congediieret: Adieu, Monsieur de la timide 
politique," 

•♦) (Euvres m, 150. 

•**) VergL die Briefe vom 8. Mai, 25. September 1745 bei Droysen V, % 
465. 553. 


n 


Das GabinetsmixiiBteriain: Heinrich von Podewils. XXIH 

Die Thätigkeit^ die Podeurils in seinem Berufe entmckelt, ist von 
stmmenswerthem Umfange. Von den Berichten des Ministeriums an 
den König und von den Erlassen und Instructionen ßr die Gesandten 
mtwirfl er einen sehr beträchtlichen Theil eigenhändig bis in das Detail, 
und fitr den Theil, dessen Bearbeitung er seinen Bäthen überlässt^ 
oiebi er enkceder kurze, aber die wesentlichen Gesichtspunkte klar und 
scharf hervorhebende Weisungen auf kleinen, winzigen Zetteln, oder 
ober er bringt sehr eingehende, oft ganze Bogen füllende ^,Ingredienzien^\ 
icie sein Ausdruck ist, zu Papier, die dann fast nur noch stilistisch zu 
überarbeiten sind; in jedem Falle unterwirft er die Entwürfe seiner 
Mitarbeiter einer aufmerksamen, mitunter sehr eingreifenden Revision, 
PodewUs' französischer Stil zeigt nicht selten störende Härten; der Mangel 
sitraffer Concinnität macht seine langen Perioden oft undurchsicktig ; 
ober andererseits sind seine Darlegungen meist höchst anziehend durch 
überraschende Wendungen und ihre drastische, häufig sehr gelungene 
Ausdrucksweise; man erkennt in Podewils Schriftslucken wohl das 
Bestreben, den Geschmack des Königs zu treffen, welcher die Corre- 
spondenz seiner Gesandten und Minister gedrängt und lebhaft haben 
KoUte^). 

Von dem rasttosen Fleisse des ersten Ministers mag es eine Vor- 
sieJkng geben, dass er in den Dezembertagen von 1740, als gewiss im 
auswärtigen Amte zu Berlin die Arbeitslast keine geringe war, noch 
Zeit gewinntj demjenigen seiner Räthe , der die französische Ueber- 
seU^mg der umfangreichen Dedudion über die Ansprüche auf Schlesien 
m Angriff genommen hatte, diese Arbeit zur Hälfte abzunehmen: dem 
t%m zur Begutachtung vorgelegten Anfange der Uebersetzung fügt Pode- 
«ib zur grossen Ueberraschung des ersten Uebersetzers flugs die 
ScUusscapitel hinzu (S. 99). Von den Schriften unserer Sammlung ge- 
hören Am zwanzig**)] 

Friedrieh IL verlor den treuen Diener, den er bereits am 7. No- 
vember 1741 hei der Erblandeshuldigung Niederschlesiens in den Grafen- 

*) Podewils schreibt an Graf C. W. Finkenstein in Stockhohn, 4. Juni 1740: 
r^ M. travaille avec une application infinie aux affaires , sortout eile porte nne 
M€Dtion tonte patücoli^e k celles qni regardent notre d^artement . . . Yous vous 
ferez xm m^te aaprte da Roi, en rendant vos relations aussi interessantes qu^il est 
ptXBible, S. M. s'^tant plaiate de la stdrilit^ qui rögne g^n^ralement dans les rela- 
tions de tous nos ministres aux cours 6trang^es, ainsi que je ne doute nullement 
<iae yous ne tftchiez de la satisfaire de yotre cdt^ en tout ce qtd est possible." 

••) No. Vn-X, 8. 61 ff.; No. Xm, 8. 91; No. XVm, S. 278; No. XX-XXm, 
^289 ff.; No. XXV-XXVI, 8. 804 ff.; No. XXXI B., 8. 857; No. XXXVII, 
8. 388; No. XU, 8. 411; No. XLIV, 8. 432; No. XLVI, 8. 465 (zur H&lfte); 
Xo, LVI-LVII, 8. 569; No. LXH, 8. 639. 


XXIV Emldtmig. 

stand erhohen hcMe, in den trübsten Tagen des siebeiyährigen Krieges : 
Ppdewils starb am 29. Juli 1760*). 

Caspar Wilhelm von Borcke war am 30. August 1704 eu 
Gersdorf in der NeumarJc geboren und hatte vor seinem Einträte in 
das Ministerium die Gesandtschaftsposten in Dresden, Braunschweig , 
London und ssuhtsst^ seit 1738, den in Wien bekleidet. An den Ge- 
schäften scheint er sehr geringen Antheil genommen zu haben, in den 
Act^n begegnet man sehr selten seiner Hand; doch eeugen seine ge- 
legentlichen Bemerkungen von richtigem Urtheil und feinem Tact. In 
der Literatur steht Borcke an der Spitze der deutschen Shakespeare- 
Übersetzer \ seine Uebertragung des Julius Caesar erschien im Jahre 
1741. Den literarischen Neigungen des Ministers entsprach auch seine 
Thätigkeit ßr die Reorganisation der Akademie zu Berlin. Als Ih/tbli' 
eist hat er sich selbstständig nicht versucht^ und die von ihm gearbeitete 
französische Uebersetzung einer der Deductionen der preussischen An* 
Sprüche auf Schlesien blieb ungedruckt ^ weil ihr die eines Andern vor^ 
gezogen wwrde; seine Mitwirkung war auf diesem Felde lediglich eine 
begutachtende**). Borcke starb am 8. Märzl7ä7 und wwrde als Cabi- 
netsminister durch den Freiherm Axel von Mardefeld***) ersetzt. 

Podewils' rechte Sand im Ministerium war der Geheime Roth 
Johann Gotthilf Vockerodt, Geboren am 4, März 1693 zu 
Halle a. S., wo sein Vater Conrector des Gymnasiums war^ liess er 
sich Ende 1713, nach Beendigung seiner akademischen Studien in seiner 
Vaterstadt und in Leipzig, von dem russischen Generallieutenant Bruce, 
einem Schotten, als Erzieher für dessen Söhne engagieren, bekleidete 
von 1715 bis zum Januar 1718 eine SecretärsteUe bei dem moldauischen 
Sospodaren Cantemir und trat im Sommer desselben Jahres als Secre- 
tär der Petersburger Gesandtschaft in den preussischen SteuUsdienstf). 
Am 21. Juni 1737 verliess er Petersburg, um nach Berlin zu gehen, 
wo er zunächst die Erziehung der jüngsten Söhne Friedrich Wilhelms 1. 

*) BiographiBche Notizen finden sich Nene Geneal. Hist Nachrichten Theil 
137, S. 424. 

♦♦) Vergl. unten S. 121. 436. 456. 686. — Ueber Borcke kommen in Betracht 
Adelungs Zusätze zu Jöchers Gelehrtenlexikon und das Vorwort von H. Müller 
zu seinem Briefwechsel mit dem Greifswalder Professor v. Schwarz, Zeitschrift 
für preuss. Gesch. 1876, S. 39 £P. Die Allgemeine Deutsche Biographie erwähnt 
ihn nicht 

♦•♦) Vergl. unten S. 705. 

t) Nach einem von Vockerodt behufs seiner Anstellung eingereichten Lebens- 
lauf, Beilage zum Bericht des Gesandten G. v. Mardefeld, Petersburg 17. Juni 
1718. Gantemir schreibt an Vockerodts Vater, er möchte seinem Sohn erlauben, 
„länger hier zu bleiben, wo aber solches nicht sein könnte, ihm einen anderen 
Vockerodt schicken.^ 


Das CabmetBmiiiisterium: C. W. v. Borcke, J. Gr. Vockerodt XXV 

ibemahm und am 9. November den Charakter als Legationsrath er- 
kielL Am 81. März 1739 erfolgte seine ihatsächliche Anstellung im 
Cabinetsmimsternim als Geheimerraffh , mit der Massgabe, „dass der" 
sdbe bei dem Departement Unserer auswärtigen Affairen gebrauchet 
Verden^ denen Conferenzien Unserer zu besagtem Departement verord- 
neten Mmistrorum beiwohnen^ und um sich in denen Angelegenheiten 
Unseres Königl. Kurhauses desto besser informieren zu können y den 
freien Zutritt zu Unserem Königl. Archiv haben solle."^ Am 22. Oc- 
tober 1741 wurde ihm zu seinen bisherigen Obliegenheiten die neu- 
errichtete und dem Cabinetsministerium untergeordnete Expedition für 
die schlesischen Angelegenheiten übertragen. Endlich verfugte eine 
Cabinetsordre vom 5. August 1750^ ^^dass sogleich von nun an und vor 
das Künflige beständig der Geh. Bath Vockerodt, als welcher wegen 
seiner JRoutine von Affairen am besten beurtheüen kann, was sich in 
publique Zeitungen schickt oder nichts die Censur der Zeitungen in 
Berlin haben und mit aller Intention verrichten soU.^^ Seit 1750 
hatte er den Titel Geheimer Cabinetsraih. 

Die Uriheüej welche die Männer, die ihn kannten^ über Vockerodt 
fäUen, sind durchweg höchst anerkennend und hochachtend. „Er hat 
uohl studieret", so empfiehlt der Gesandte in Petersburg den Funfundr 
sicanzigjahrigen dem Könige (27, April 1718), „kann die russische 
Sjßrache so gut wie ein gebomer Busse ^ auch Französisch und Italie- 
nisch, ist sonst ein hurtiger Kopf^ der hie bei den Ministris und allent- 
halben bekannt ist und des Landes Weise und Beschaffenheit wohl 
tceiss''; ebenso am 18. Juni 1718: „«cÄ bin der Meinung^ dass ich vor 
Eac. K. M. Dienste eine besondere Acquisitum gethan''; am 2. Sept 
fugt der Gesandte hinzu: .^Bisher kann ich nichts anders sagen ^ als 
dass dieser Mensch so nüchtern und arbeitsam ist, wie ich ihn ver- 
langen kann , und attö seiner Kammer nicht kömmt/' ^^Er hat sich 
aUkier die Reputation eines habilen und ehrlichen Mannes erworben'', 
schreit G. v, Mardefelds Nachfolger, als Vockerodt Russland verlässt 
Der bekannte Freiherr von Bielfeld nennt ihn im Jahre 1741 .^homme 
^eS'Savant, ir^-capable et trds-laborieux"*). Der Probst und Con^ 
iistarialrath Süsßmilch schilderte Vockerodt seinem Freunde BUsching, 
dem Schulmann und Geographen^ als einen Mann, der in den aus- 
if^äftigen Affairen fast Alles thue und sehr gelehrt und klug sei; frei- 
lieh warnte er zugleich vor seiner grossen ^.Gefährlichkeit'^ weil 
Vockerodt ^Jkeine Gelegenheit verabsäume, die Religion anzufechten, 

*) Lettres foinili^es et antres de M. Ic baron de Bielfeld, sec. M. revue 
«igm. et corrig^e, Leide 1767, II, 7. 


XXVI Einleitang. 

AUes b€0W€ifle und diesen SJcepticismus durch eine grosse Belesenheit 
scheinbar mache". Büsching war^ als er später Vockerodt persönlich 
kennen lernte, um so eingenommener von ihm, als der Gefährliche nicht 
nur „nicht den geringsten Versuch machte, ihn zur Partei der Un- 
gläubigen zu ziehen^\ sondern ihm auch seinen französischen Bericht 
über Bussland unter Peter dem Grossen zum Geschenk gab *). ' 

König Friedrich IL, dessen Urtheil am schwersten wiegen unrä, 
bezeichnet ihn schon wenige Wochen, nachdem er ihn kennen gelernt, 
als y,homme qui a de Vintelligence, homme de trds-bon sens^^**). 

Vockerodts Name ist neuerdings wieder bekannt geworden durch 
die Veröffentlichung der deutschen Handschrift seines eben erwähnten, 
1737 auf Veranlassung des Kronprinzen Friedrich für Voltaire ge- 
schriebenen sachkundigen Berichts über das Russland Peters des Grossen, 
der zuerst im Jahre 1791 ohne den Namen des Verfassers französisch 
pübliciert worden ist***). Aber das schönste Denkmal ireuester Pflicht- 
erfüllung und unermüdlichster Arbeitskraft und Arbeitslust hat sich 
Vockerodt in den Acten der Behörde gesetzt, der er angehörte\ dem 
die preussischen Ministerialrescripte aus den Jahren 1739 bis 1756 
zeigen, soweit sie nicht von Podewik entworfen sind, fast durchgängig 
die kräftigen und zugleich gefälligen Züge der Vockerodtschen Hand. 

Die uns hier beschäftigende publidstische Thätigkeit Vockerodts 
steht hinter der von Podewils an Umfang nicht zurück. Von den 
Schriften unserer Sammlung gehören ihm die Nummern F, 8. 20; 

XXVII S. 314; XXX, S. S51; XLVl, S. 465 (zur Hälfte); XLVU 
bis XLIX, S. 470 ff.; LVEI, S. 574; LXV, S. 663; LXVI, S. 673; 
LXXU, S. 699; LXXUI, S. 712; LXXVTU, S 717; LXXLX, S. 719. 

Vockerodt starb in der Nacht vom 28. auf den 29. Februar 1756 f)^ 


•) Büsching, Beyträge VI, U2. 234. 

••) An Voltaire, 16. August 1737, (Euvres XXI, 85. 

***) £. Herrmann, Zeitgenöss. Beiträge zur Gesch. Russlands. Russland unter 
Peter d. Gr. nach den handschr. Berichten J. G. Vockerodts und 0. Plejers, 
Leipzig 1872. Vergl. die Anzeigen in der Russischen Revue VI, St Petersburg 

1875, S. 112 (von A. Brückner) und in der Historischen Zeitschrift XXXVI, 

1876, S. 670. 

t) Der Hofirath Buchholz an Warendorf, 28. Febr. 10. hör. vesp. 1756: „Ew. 
Wohlg. muss mit innigster Bewegung eines freundschaftlichen Herzens melden, 
dass unser werther Herr Geh. Rath Vockerodt heute um 7 Uhr Abends mit so 
einer gewaltigen Apoplexie befiedlen, dass er in beständigen Convulsionen erbännlich 
agonisieret und man das Ende seines Lebens alle Augenblicke gewärtigen müsse. 
Menschlichem Ansehen nach kann es wenige Stunden mehr währen, alle Empfin- 
dungen und Connaissances sind weg, und zeiget nichts als ein ängstliches Röcheln, 
dass noch etwas Kräfte und Geblüt die Lungen durcharbeite. Es ist fiast zu ep&t,. 


Das Cabinetsministerinm : J. G. Vockerodt, Schw. Weinreich. XXVU 

naehdem er bereits einige Jahre guvor durch körperliche Leiden in der 
voüen Ausübung seiner Amtsgeschäfte behindert gewesen war. Sein 
Naehfolger war zunächst Conrad Heinrich Warendorf, der wie Vocke- 
rodi eine 2!eitlang Legationssecretär (mletzt bevollmächtigter Minister) 
m Petersburg gewesen , und als Warendorf schon im folgenden Jahre 
starb, Ewald Friedrich von Hertzberg, 

Der Geheime Kriegsrath Schweihard Weinreich bearbeitete 
in dem Cabinetsministerium die Reichsangelegenheiten, ^^Er isf\ so 
rühmt Johann Jakob Moser von Weinreich, ,,unter den jetzt lebenden 
Rechtsgelehrten, welche die Theorie und die Praxis in dem Staatsrecht 
verbinden und wohl inne haben, einer der Geschicktesten"*), Er war 
ursprünglich Gesandtschaftssecretär der Generalstaaten in Regens- 
hurg und in Berlin gewesen**); im Jahre 1712 erhielt er eine 
juristische JProfessur in Frankfurt a, 0,, begleitete aber zunächst den 
jfnreussischen ersten Bevollmächtigten für den Friedenscongress ^ den 
Grafen Otto Magnus v, Dönhoff, nach Utrecht, um sich in der berühm- 
teti Universitätsstadt für seine Lehrthätigkeit noch weiter auszubilden***). 
Er wirkte darauf als Lehrer von 1713 bis 1716, wo er als Regierungs- 
raOi in wurüembergische Dienste übertrat In Stuttgart zum Director con- 
mtorii und Wirkt. Geheimen Roth befördert, trat er gleichwohl im 
Jakre 1731 in preussische Dienste zurück und übernahm das obengenannte 
Bessort an Stelle des gestorbenen Geheimen Roths Kannegiesserf), Bei 
Vacanzen pflegten die Bewerber um diese Stellung in ihren Eingaben 


L £xc. den Herrn Grafen y. Podewils dieserhalb zu incommodieren. Stelle indess 
I^ Befehl anheim, ob noch diesen Abend oder Nacht von der betrübten Situation 
ones 80 würdigen Mannes und Arbeiters Nachricht gegeben werden solle/' 

*) Moser, Lezicon derer jetztlebenden Bechtsgelehrten in Teutschland. 
Zöllichan 1738, S. 188. In seiner Selbstbiographie|(J. J. Mosers Leben von ihm 
selbst erzählt, 3. Aufl., Frankfurt und Leipzig 1777, 11, 80) nennt ihn Moser seinen 
i-alten und bewährten Gönner". 

*•) Weinreieh an den Grafen Dönhoff, Berlin 19. Januar 1712, unter Wem- 
reichs Mannalacten bei den Acten des Utrechter Friedens, auf welche die Notiz 
^ Moser a.a.O. hinführte, dass^Weinreich auf dem Friedenscongress prenssischer 
Legationssecretär gewesen sei. 

**^ „Sich in Sonderheit in jure publico capabler zu machen"; Weinreich an 
etDe ungenannte Ezcellenz, Utrecht 18. Juni 1712. 

t) Als Weinreich am 18. Juni 1781 vereidigt werden sollte, nahm er an der 
Clausel der Eidesformel Anstoss: „Ich wiU auch mit keinem andern Potentaten 
o<ler Denselben Ministris und Bedienten die geringste Correspondenz oder Gommuni- 
cation haben." Er leistete den Eid nach längeren Verhandlungen erst am 19. Juni, 
nachdem er sich „bloss seine Privatcorrespondenz" vorbehalten. Dass sich dieselbe 
auch auf gelegentliche, obschon harmlose Mittheüungen aus den Acten an Graf 
Manteoffel, den bekannten sächsischen Diplomaten, ausdehnte, erhellt aus Drojsen 
V, 1, 117. 


XXVm Einleitang. 

ihre Befähigung als DeductümsschriftsteUer in den Vordergrund eu 
stellen*); Weinreich haue die seine bereits im Jahre 1719 bewiesen^ 
als er für den toürttemberger Hof verschiedene StacUsschriften in Seuchen 
der „Matrikularmoderation" im schwäbischen Kreise zu verfassen hatte. 
Jetzt ais preussischer Beamter fand er noch oft Veranlassung zu publi- 
cistischer Bethätigung (No. l 8. 8; No. VI, S. 32; No. XU, S, 84; 
No. XLV^ S. 543). Weinreichs Stil ist, wie man namentlich an der 
letzten Schrift wahrnehmen wird, nach damaliger Weise schwerfällig und 
weitschweifig **)• 

Als Weinreichs geschwächte Gesundheit im März 17i/ seinen bal- 
digen Tod voraussehen Hess, schickte der König VocJcerodi an sein 
Krankenlager, um sich die Persönlichkeit bezeichnen zu lassen ^ die 
Weinreich für einen geeigneten Hülfsarbeiter im Ressort der Reichs- 
sachen ansehen würde. Weinreich nannte den Roth bei der Regierung 
von Minden und Tecklenburg, Christian Rudolf von Vette; 
die Cabinetsordre , die denselben nach Berlin berief, war kaum ab- 
gegangen, als Weinreich bereits starb***). Osnabrückisches JOandes- 
hind war Vette vor seinem Eintritt in preussische Dienste Gesandt- 
schaftssecretär seines Bischofs in Wien und Regensburg und Assessor 
beim Reichskammergericht gewesen f). 

Neben Vockerodts und Weinreichs Thätigkeit tritt der Aniheil 
ihres Collegeny des Geheimen RaiJies Jacques iJgide Duhan de Jan- 
dun^ an den Geschäften ebenso in den Hintergrund, wie der des 
Ministers von Borcke im Vergleich zu dem des ersten Cabinetsministers. 
Duhan (geb. 14. März 1685)^ der Sohn eines französischen Protestanten, 
der nach der Aufhebung des Edicts von Nantes nach Berlin gegangen 
wary ist der bekannte Lehrer und Freund Friedrichs des Grossen und 
erhielt bei dessen Regierungsantritte seine Stellung im auswärtigen Amte 
wohl nur als eine Sinecure; für publicistische Zwecke ist er aber gerade 
weil er „am wenigsten occupieref'ff), sowie wegen seither gewandten 

*) So beruft sich bei einer Vacanz der Stelle im Jahre 1762 Job. Christoph 
Wilh. Steck (Berlin 31. Oct.) auf seine Staatsschrift^n und Deductionen, und ebenso 
am 1. Nov. ein anderer Bewerber, Job. Heinr. Grottlob v. Justi, auf seine vielen 
mit Beifall des Ministerii ausgearbeiteten Staatsschriften. 

**) Einzelne Sätze, wie der S. 553, Absatz 3 von unten („Wobei der Chur- 
pfälziscbe") werden durch die vielen hineingeschachtelten näheren Bestimmungen 
geradezu unverständlich. 

***) Eichel an Podewils, 12. März 1747: „Da ich auch inzwischen heute firüh 
Ew. Exe. zweites Schreiben vom gestrigen dato erhalten habe, und mit besonderem 
Leidwesen daraus das Ableben des Herrn Geh. Raths Weinreich ersehen, so habe 
solches Sr. K. Maj. hinterbracht etc.^* 

t) Podewils an den König, Berlin 10. März 1747. 
tt) Vergl. Podewils an Eichel 8. Oct. 1743, unten S. 396. 


Das Cabinetammisterium: Wemreich, Vette, Dahan, Hgen. XXES 

TdeTj wiederholt in Anspruch genommen worden. Nach genauen 
Weisungen des Königs verfasste er die unter No, XXXV, 8. 374 und 
3o, XXX Vm, S. 394 abgedruckten Flugschriften, ausserdem franea- 
sische Ueberseizungen deutscher Originale und JExtraits aus grösseren 
Schriften (vergl. S. 22. 99. 6S7). Im Herbst] 1744 folgte er dem Kö- 
nige nach Böhmen und verfasste eine Reihe von Kriegsberichten. Als 
Friedrich II. aus dem siegreichen Winterfeldzuge von 1745 thach Berlin 
heimkehrte, fand er seinen hochverehrten Lehrer auf dem Sterbebette; 
IhAan starb am 3. Januar 1745*). 

Der letzte der höheren Beamten des Cäbinetsministeriums y der 
Kriegsraih Rüdiger von Ilgen, war der Vorstand des Ärchivcabinets 
(archives secrttes) und des Chiffrierbureaus**); unter seiner Aufsicht 
toJhsog sich die Drucklegung der gu veröffentlichenden Staatsschriften^ 
deren Correctur er auch der Regel nach besorgte. Zum Concipieren 
politischer Actenstücke ist Rgen nur selten verwendet worden; in unserer 
Samtnlmg sind die Rescripte unter Na. XXXII und XXXIII, S. 365, 
aus seiner Feder. 

Die Ausarbeitung der umfangreichen staatsrechtlichen DeducHonen 
übernahmen nicht die Beamten des Ministeriums, sondern andere vorzüg- 
lich befähigte Kräfte. Unter der Regierung der beiden ersten Könige 
pflegte man sich, wenn es RecktsanspriAche eu entwickeln nnd eu ver- 
fechten gab, an Johann Peter von Ludewig 0u wenden. Am 
15. August 1670 zu Hohenhart bei SchwöbischrHall geboren und seit 
Gründung der Universität Professor eu Halle a. S., veröffentlichte 
lAtdewig seine ersten Staatsschriften als Vertheidiger der neuen preussi- 
sehen Königswurde gegen den Einspruch^ den u, A. der deutsche Orden 
und der Papst dagegen erhoben***). Seitdem wurde Ludewig ^ der 
^22 die Kanglenvürde der höllischen Universität erhielt, wiederholt 
von Berlin aus mit der Abfassung von Deductionen beauftragt; er löste 
^me Aufgäben mit gelehrter Qrundlichkeiti%Mfhd man wird sagen dürfen 
^it Uebereeugung von dem Rechte der Sache, die er zu vertreten hatte, 
yom Hofmann hatte, Ludeung wenig: unbeJoümmert, um das Urtheü 
Ander er, ein wenig dünkelhaft im Bewusstsein seines allseitig an- 


*) Droysen, Kriegsberichte a. a. 0. 1875, 251. Ein neuer Rath wurde an 
IHiban*B Stelle nicht ernannt, {dagegen berief der König am 15. Jan. 1746 für die 
Rdchgangelegenheiten einen dritten Bünister in das Cabinetsministeriom, den Frei- 
^eim Wilh. Friedr. v. Danckehnann, der bereits, am 12. Juli 1746 starb und im 
^^ 1747 durch den Ghrafen Ernst Wilh.'v. Bredow ersetzt wurde. 

**) Kach Ilgen^s Tode im Nov. 1750 übernahm die erste Function Hertzbexg, 
die zweite Vockerodt (oben S. XXV). 

***) HolzBchuher und Siebenkees Deductionsbibliothek, m, 1552, wo 
tehn Schriften von Ludewig über diesen G^enstand verzeichnet sind« 


XXX Einleitang. 

erkaiimten Rufes *) y hielt er mit seiner Meinung nicht zurück und he- 
wahrte sich auf dem Katheder wie in seinen Schriften eine Freiheit der 
Ansicht und des Ausdrucks, die einem an die tiefste Deferene gewöhfh 
ten Jahrhundert auffiel und Anstoss erregte. Dass er sich im Odober 
1740 fsur Geltendmachung der preussischen Ansprüche auf Schlesien 
nicht rufen Hess, sondern mit Berufung auf alte Traditionen der 
preussischen Politik in Rheinsberg an diese Ansprüche erinnern und 
mahnen eu müssen glaubte**), ist charakteristisch für den treugemeinten 
Eifer, in welchem er sich als Wächter der Ansprüche Freussens eu 
betrachten gewohnt war. 

Zu iMdewigs ,yRechtsgegründetem Eigenthum des königl. Kurhauses 
I^eussen und Brandenburg auf die vier Herjsogthümer in Schlesien*' 
(No. XUy S. 96)^ schrieb Samuel von Cocceji, der grosse Refor- 
mator des preussischen Justizwesens^ eine „Nähere Ausführung" (No. XF, 
S. 120), für welche er seine Argumente hauptsächlich aus dem NcUur- 
rechte und dem römischen Rechte entlehnte, deren Principien sich 
seiner eigenthumlichen juristischen Richtung verschmolzen. Cocceji 
übernahm dann auch die Repliken auf die beiden österreichischen 
Gegenschriften gegen Ludewigs Deduction und seine Ergansung m der- 
selben (No. XVI, S. 136; No. XVU, S. 220), und veröffentlichte 
einige Jahre später auch in der ostfriesischen Successionsfrage eine 
Reihe ebenso gründlicher wie scharfsinniger Deductionen. Der Schwer- 
punkt seither Schriften gegen den wiener Hof in dem schlesischen 
Handel liegt nicht sowohl in den gelehrten, den Controversen des Lehn- 
rechts angehörigen Erörterungen über die NcUur der schlesischen 
Lehen, die der Verfasser den Angriffen seiner Gegner auf die Erb- 
Verbrüderung von 1537 entgegensetsfte, als m denjenigen Partien, in denen 
er in schneidiger Weise, auch im Ausdrucke oft glücklich, die Beschönigungs- 
versuche abfertigt, welche die österreichischen Publidsten für das Verfahren 
Kaiser Leopolds beim Absdilusse des Vertrages von 1686 machten***). 

Die Schriften, die am Sitze des Reichstages veröffentlicht werden 

*) Auf dem Sterbebette soll Ludewig J. J. Mosers Sohn gesagt haben: 
Er sterbe, und alsdann solle Moser der grösste Publicbt sein. ,, Welches Ver- 
mächtniss mb mein Sohn mit solchem Lachen hinterbrachte, dass er kaum davor 
reden konnte,^ erzählt Moser (Leben 11, 80). Ludewig f 7. Sept 1748. 
♦♦) VergL unten S. 56. 

***) Biographische Mittheilungen über Cocceji findet man bei Trendelenburg 
Friedrich d. Gr. und sein Grosskanzlcr S. v. Cocceji, Abhandlungen der Kön. 
Akademie zu Berlin, phiL-hist Cl., 1868, S. 1 ff. Die Angaben über Cocceji*s 
Jugendgeschichte, für die dort S. 66 Weidlich Gesch. der jetzt lebenden Rechts- 
gelehrten in Teutschland (Merseburg 1748) citiert wird, gehen auf Lud ewig zu- 
rück, vergl. die Vorrede zu dem Cocceji gewidmeten Band X der Reliquiac 
Maiiuscriptorum (Halle 1788). 


Lndewig, Gocceji alß preoss. Pablidaten. — A. H. y. Pollmann. xxxi 

soUten^ liess dots Cabinetsmmisterium in einigen FäMen (vergl. S. 545) 
nidU m Berlin ^ sondern durch die Comitialgesandtschaft abfassen, 
weleker schon heim Begierungsaniritt Friedrichs II, der Geheime Justizrafh 
Adam Heinrich Pollmann vorstand. Er hatte- 1707, einund- 
swaneig Jahre alt, seine juristischen Studien eu Giessen vollendet und 
Jddt sich seit 1709 in Köln auf, erst als Vertreter des gräflichen 
Hauses Lippe beim wesiphälischen Kreise, später als Bath des Kur- 
fürsten Johann Wilhelm von der PfaU, der ihm als Beichsvicar im 
Jahre 1711 den Titel eines Hofpfalzgrafen (comes sacri palatii) verlieh. 
Das Jahr darauf übernahm er an Stelle seines verstorbenen Vaters die 
fiarsüich-schwarzenbergische Landrichterstelle eu Gimbom, erhielt 17 SO 
einen Buf als ordentlicher Professor der Bechte nach Oiessen ohne 
demselben Folge zu leisten^ und wurde 1727 auf Empfehlung des Mi- 
nisters V. Ligen durch Friedrich Wilhelm L mit dem Titel eines Ge- 
heimen Baihes als preussischer Directoriahninister des wesiphälischen 
Kreises angestellt. Den Oesandtschaftsposten in Begensburg erhielt er 
mn 2. November 1736*). Sein brUtökes Auftreten machte ihm viele 
Feinde und verwickelte ihn in immer neue, oft sehr ärgerliche Streitig- 
heüen mit den anderen Comitialgesandten**). Auch in Berlin stand 
Pollmann im Anfang seiner diplomatischen Wirksamkeit, obwohl er 
am 28. Juni 1740 in den Adelstand erhoben umrde, in geringer Gunst; 
doch gewann er sich die Zufriedenheit des Königs in dem Masse ^ cds 
dieser sich überzeugen mochte, dass Streitbarkeit und unbeirrte Haltung 
fiir einen brandenburgischen Gesandten am Beichstage unenibehUrliche 
Eigenschaften waren. Wiederholt versicherten seitdem die bündigsten 
Bescripte aus dem Cäbinet den früher oft hart getadeUen***) Diplo- 
maien der königlichen Genugthuung Über sein energisches Auftreten. 
■PoUmann starb , bis an sein Ende auf seinem schwierigen Posten aus- 
harrend, am 30. November 1753, 


Noch haben eine Beihe von Männern wenigstens als Ueb er- 
setz er ein Anrecht darauf unter den preussischen Publicisten der be- 
ginnenden fridericianischen Zeit erwähnt zu werden. 

Dass Borcke, dass Duhan französische Uebersetzungen deutsch ab- 
gefasster Staatsschriften Übernahmen, wurde bereits erwähnt. Duhan war 
der officielle „Traducteur'\ doch treten auch Andere für ihn ein, wie der 


m^^ 


*) Nach einein von Pollmann am 25. Dez. 1741 eingesandten Curriculum vitae. 

^) Ein Extract-Rescripts des Roifursten von Mainz d. d. 23. Nov. 1740, das 
der mainzifiche Gesandte y. Grosschlag in Berlin übergiebt, bedauert, dass sich 
Pollmann „bei allen und jeden Gelegenheiten, also besonders jetzo, über die Massen 
onfiriedsam und recht gehässig bezeige.^^ 

') Veigl. S. 92. 346. 354. 545. 546. 


•♦•^ 


XXXn Emleitmig. 

Hofraih SeUentin (vergl. S. 121) *^, der franeösisch-refortnierte Prediger 
Simon PeUotUier (vergl. S. 4SI) **) ; bei Gelegenheit unterzieht sich auch 
einer der fremden Gesandten in Berlin der Arbeit des Uebersetsens 
(S.459). Von*1745 bis 1747 ist der officielle Traducteur der Pro- 
fessor und Prediger Formey***). 

Deutsche Uebertragungen französischer Texte verfertigte bald 
Vockerodt (vergl. S, 669) ^ bald der Secretär und Literat Lampreckt^ der 
nach dem Urtheü des Königs die gewandteste deutsche Feder in Berlin 
führte (vergl, S, 438). Ihnen reiht sich in etwas späterer Zeit kein 
Geringerer an, als Gotthold Ephraim Lessing, der im Jahre 1753 
eine von dem Ministerium ausgegangene Flugschrift ins Deutsche über- 
tragen hat, die Remarques d!un iiiranger imparticd sur la dispute prä- 
sente entre VAngUterre et la Prussef). 

Wenn lateinische Schriften nöthig waren^ etwa eine be- 
schwichtigende Kundgebung an die Adresse der argwöhnischen und un- 
ruhigen Nachbarn in Polen oder Ungarn^ so lieferte sie anfangs der 
Kanzler von Ludewig, „als ein unter den Gelehrten Europas nicht un- 
bekannter Lateiner'*, wie er sich selbsü>ewusst nennt (S. 200; vergl 
8. 101), Nach Ludewigs Tode hilft Vockerodt, unterstützt von Pode- 
wils, mit seinem Latein aus (S. 474), oder der Geheime Justvsraih 
V. Oskierka besorgt einen lateinischen Text ^^na^h polnischem Stüe'' 
(S, 658. 669). Oskierka lieferte dem Ministerium in den erforder- 
lichen Fällen auch die polnischen Texte (S. 689). Eine ceechi- 
sehe Schrift liess man im Jahre 1744 durch den Prediger der böhmi- 
schen Gemeinde in Berlin, Paul Piezger verfertigen (S. ^0). 

Die englischen, holländischen, vlämischen, italienischen, spanischen 

*) SeUentin hatte im Greneraldirectorinm die Expedition für Magdebni]^» 
Halberstadt, Minden, Cleve und seit 1740 die Verwaltung der Legationskasse. 

••) Sein Eloge in der Histoire de FAcademie von 1757, S. 439. Vergl 
ausserdem Haag, La France protestante, Viii, Paris 1858, 180. 
•••) M6moires de TAcademie 1797, S. 55. 
t) Vergl. den Brief Lessings an seinen Vater, 29. Mai 1753, Werke ed. Lach- 
mann yrr, 24. Zu Bd. Xni, 650 ist nachzutragen, dass die Uebersetzung vor dem 
Erscheinen in den Zeitungen vom 15. Mai in einem Separatdruck mit daneben 
stehendem englischen Texte veröffentlicht wurde, den wir nur in dem Exemplar 
des Geh. Staatsarchives kennen: 

An Impartial | Foreigners | Bemarks | lipon | The Present Disput I 
Between | England And Prussia, | In A Letter | From A OteaÜeaaD 
At The; Hague To His Friend | In London. | Anmerkungen | eines 
unpartheyischen Fremden | über | die gegenwärtige Streitigkeit | zwischen 
I England und Preussen; | in | einem Briefe | eines Edelmanns in ^^ 
Haag an seinen Freund in London. | Aus dem Englischen. I gedruckt 
im Jahr 1753 — 24 pp. 4». — 
Das französische Original der Flugschrift ist von Vockerodt 


Publicistische Th&tigkeit aoaeerhalb Preussens. XXXTIT 

VAerseUnmgeny in denen einzelne der preussischen Manifeste tmd De- 
dudionen vorliegen (S. 102. 121. 439, 690)^ sind nicht in Berlin ent- 
simden. 

Nicht bloss in IVeussen^ wo die Richtung des Königs seine Untr- 
gthmgy seine Minister tmd Beamten dam aufforderte, Proben litera- 
risdier Gewandtheit ahzulegen — nicht bloss hier waren es gerade 
die hervorragendsten Persönlichkeiten, welche sich auf dem publi- 
cL^isden Gebiete bethätigten. In Wien betrachtete der Freiherr von 
Bartenstein, dessen Wort in allen politischen Fragen den Ausschlag 
gab, die Puhlicisiih als seine Domäne: wir kommen auf seine Thätig- 
ieii auf diesem Felde zurück (S, 515 ff.). Für den münchner Hof 
schrieben GrafTörring und Freiherr von Spon (S. 456 ff,), der Kanzler 
ton Unertl und der Geh. Roth Ickstatt^ für den dresdner Graf Ponior 
imcshy (vgl. S. 673) und Ernst von Manteuffel*). In Holland machten 
Wilhelm van Haa/ren und Ällwyn^ der Pensionär von Dordrecht, durch 
Arf Schriften Aufsehen; von französischen Staatsmännern finden sich 
w gesandtschaftlichen Berichten aus jener Zeit der Chevalier von Ghor 
^y, der Herzog von Richelieu, der Marquis Fenelon, der Abb6 de la 
^ iSe ofe Publicisten genannt, die beiden letzteren Frankreichs Vertreter 
im Eaag; auch dem spanischen Gesandten bei den Generalstaaten^ dem 
Marquis de St. Gil^ wurden Flugschriften zugeschrieben. 

Eme besondere Aufmerksamkeit wandte die englische Regierung 
^ publicistischen Betriebe zu; sie hatte, was auf dem Continente 
feAfe, Gegner im eignen Lande zu bekämpfen, eine wohlorganisierte^ 
wn den angesehensten Peers des Königreichs geführte Oppositions- 
P'csse. G^en diese vornehmen Publicisten traten nun auch fUr die 
Ji^gierung Männer ein, die ihnen an gesellschaftlicher Stellung nichts 
^^hgdben; zugleich aber verfügte die englische Regierung über eine 
pMtSchaar gedungener Pressagenten**). 

Einen Bundesgenossen Friedrichs des Grossen in den Reihen der 
^^Vsdien Oppositionspresse lernen wir unten S. 582 ff. näher kennen. 


Wenden wir uns von den Kreisen, von denen die Staatsschriften 
^^^^^en, zu denen ^ a^f welche sie zu wirken bestimmt waren, so 

*) Ueber£mst Heinrich y. Mauteuffel als PablidBt yergl. Droysen lY, 4, 7. 
**) Deir Bericht der Commission , die im Jahre 1742 die Amtsföhrong Bobert 
^sipole's luwh dessen Sturz imtersachte, erwähnt als an Drucker und Schrift- 
s^Jler gezahlt für die Zeit von 1731 bis 1741 die Summe von 50,077 Pfimd 
"' SchQH&g. YeigL [Hansard], The parliamentary history of England firom the 
'^est period to the year 1803, XH, 814. N&heres ergiebt die unten S. 589 be- 
«pwdeM Fhigschrift Faction Detected. 

^"»«««te 9taatneliiift«D. L HI 


XXXrV Einleitung 

nehmen wir wahr, dass in Deutschland das rege Interesse an det\ 
Fragen des öffentlichen Lebens, welches die BefartnoHon und der 
dreissigj ährige Krieg geweckt hatten, auch in den Zeiten der ams- 
schliesslichen Cabinetspolitik sich nicht verloren hatte. Eine branden- 
burgische Deductionsschrift aus dem Jahre 1609*) hatte sich missUebig 
darüber geäussert, dass ,^der gemeine Pöbel, Krämer, Handwerker, ja 
öfters der Bauer auf dem Dorfe, die aus Vorwita eu tieuen Zeitungen 
dergleichen Deductiones aufkaufen und dieselben gleichwie die Nonne 
den Psalter lesen und kaum zum zehnten Theil recht einnehmen, weni- 
ger aber atuiere hierunter miteinlaufende, der Sachen vornehme Umstände 
zu erwägen oder zu unterscheiden wisset^, alsdann , wann sie Bier und 
Wein beredt gemacht, in ihren Zechen und Zusammenkünften solches der 
grossen Herren deduciertes Recht hervorziehen, examinieren und der- 
massen viel hiervon zu palfem und zu plaudern unssen, dass dem, so 
dies anhöret, die Ohren wehe thun müssen.'' In ganz demselben Sinne heisst 
es ein Menschenalter nach dem dreissigjährigen Kriege in einer Schrift 
aus dem Jahre 1679**): „Es ist bereits dahin gekommen, dass der 
geringe Handwerksmann oder unverständige Bauer gar mit Hintenr 
ansetzung ihres Berufs si<ih erkühnen, die ohnbegreiflichen Gehemnisse 
kaiserlicher und königlicher Bathschläge, welche meistentheils dem aU- 
wissenden Gott allein bekannt sein, zu ergründen und ihrem närrischen 
Uriheil zu unterwerfen. Der unverständige Pöbel unU ja allenlha^en 
an Verwaltung des gemeinen Wesens Theil haben und ungebeten sein 
Urtheil über die wichtigsten Welthandel aussagen," Der „Eu ropäische 
Niemand'*, eine Unterhaltungsschrift, die von 1717 bis 17J23 in Leipzig 
erschien, sagt von den Zeitungen (Bd. I, 639) : „ Wenn diese theils mü] 
der Wahrheit, theils mit der Unwahrheit schwanger gehenden Papiere^ 
von der Druckerpresse herunterkommen, so wartet man nicht so lang^ 
bis sie trucken werden, sondern man fället mit den neugierigen Äuge^ 
alsobald darauf, wie die Fliege auf eine Milchsuppe oder wie äi^ 
Käfer auf einen Pferdekoth. Diese Begierde herrscht nicht bloss 
denen Cabineten der Höfe und bei den Grossen, sondern auch in 
Studierstuben, in den Kaufmannscomtoirs, in den Schulstuben, auf d 
Werkstätten der Handwerksleute, in den Cafihäusem, bei den Schuh 
und Richtern auf dem Dorfe.*^ Im Jahre 1758 erschien eine Schrif 
„Von der Nothwendigkeit und Vortrefflichkeit der Tabagien zur Auf 

•) Kurtze anzaig derer Vhrsachen, Welche da, den Durchlauchtigsten 
Herrn Johann Sigismunden Marggraffen zu Brandenburg . . . Bewogen, das Im 
Churf. Gn. biss daher nichts von ihren habenden Bechten an den Güliscbel 
Fürstenthümen vnnd Landen . . . publiciren lassen . . . Berlin 1609. ^^ "^ 
Geh. St-A. 

**) Der vorwitzige Tadler. 1 


Yerbrdtung der Staatsachriften. Zustand der Ueberlieferung. XXXV 

reMerhalkmg des Gleichgewichts in Europa^''*), Boss insbesondere 
die Gelehrtenkreise an den politischen Vorgängen regen Antheil nahmen 
«crJ imier Umständen lieber eine Staatsschrift leisen , als einen wissen- 
schaflUchen Artikel^ können wir u. Ä. attö dem Hamburger Un- 
partheyischen Correspondenten vom 31, August 1745 ersehen, 
der seinen Lesern in dem Theil ,,von gelehrten Sachen*' das Kriegs- 
manifest des Königs von I^eussen gegen den sächsischen Hof mittheilt^ 
fceä er voraussetzt^ ^^dass den Zeitimgslesem a^etzo mehr daran ge- 
legen istj wenn wir ihnen das Neueste, so in der politischen Welt vor- 
gehet, kund machen^ als wenn wir ihnen ansagen, dass ein Schriftsteller 
sich in Gnaden entbunden und sich und die gelehrte Welt mit einer 
neuen Schrift erfreut hat.^' 


So lebhaft damals in allen Kreisen der Gesellschaft das Interesse 
an den politischen Fragen^ an den Händeln und Verhandlungen der 
Höfe und Cahinete war, und so gross wir uns demgemäss die Ver- 
hreitung der politischen Literatur vorzustellen haben, so Weniges ist uns 
doch von derselben erhalten. Der Zustand der Ueberlieferung 
erfordert für unsere Zwecke eine eingehendere Berücksichtigung. 

Von den Schriften, die als selbstständige Drucke erschienen^ 
pflegten die officiellen Publicationen nicht bloss in der grösseren 
oder kleineren Anzahl von Exemplaren abgezogen zu werden, deren man 
zur Veriheüung an die Vertreter der fremden Mächte, an die Mitglieder 
des Fürstenhauses und an die hohen Staatsbeamten, sowie zur Versendung 
an seine diplomatischen Agenten im Auslände zu bedürfen glaubte; der 
Drucker erhielt die Ermächtigung, weitere Exemplare in den Buch- 
handel zu bringen, und die Gesandtschaften umrden angewiesen, Nachr 
(brücke zu veranlassen ; wie sich denn fast stets Verleger fanden, die auf 
eigne Kosten den Nachdruck übemcJimen**). Gleichwohl gehörten diese 
Schriften ncbch nicht langer Zeit zu den Seltenheiten; man erlangte sie 
damn, wie ein Staatsrechtslehrer des vorigen Jahrhunderts***) sagt, fast 
fmr noch „bei öffentlichem Verkauf des Büchervorraths vornehmer Mi- 
nistri und Bäihe". Der Kanzler Ludeung nannte die in seinem Besitze 

•) Buxtehude 1758. 8. 

**) Bei B^inn des siebenjährigen Kri^es bittet am 16. Sept 1756 die Firma 
Knorr und Eeslinger in Frankfurt a. M. das preussische auswärtige Amt um die 
ErUmbniss, alle prenssischen Publicationen nachdrucken zu dürfen: ,Je suis en 
Situation de les imprimer et r^pandre tr^-promptement tant dans TEmpire que dans 
l86 aatres pays*/^ ebenso am 25. Dez.' de Limiers in Utrecht; weiter J. R. Iselin 
in Basel, Stocks Erben, Schilling und Weber in Frankfurt a. M. 

•••) Chr. G-. Buder in seiner Vorrede zu G. Stolle, Anleitung zur Historie 
der juristischen Grelahrtheit, Jena 1745, S. 20. 

in» 


XXXVI Einleituiig. 

befindlichen Deduciionen ein „seltsames Wildpref'^ wie es auf den 
grössten Bibliotheken und fürstlichen Archiven nicht m finden sei*). 

Noch seltener als die offidellen Drucke sind die Flugchriften; 
denn diese losen Blätter^ zum Theil auf einem halben Bogen gedruckt 
oder gar Einblattsdrucke, verloren sich noch leichter als jene andern, 
in der Hegel umfangreichen Fublicationen; zudem war an sich ihre Ver- 
breitung eine geringere, weil der Nachdruck dieser ohne jede Äutorisation 
auftretenden, oft sehr „fiiruntzigen" Schriften für den Unternehmer sehr 
gefährliche Folgen haben konnte. Wir hören demgemäss, dass der- 
artige „Scharteken" und ^.Famoslibelle" mit ganz erstaurdiclien Freisen 
bezahlt umrden. Ludetmg*^) erzählt von zwei Schriften, die er selbst 
nicht mehr gesehen hatte, von dem ^ßlevischen Bettlermantel" und denn 
„Kölnischen Donnermuth'% sie seien ihrer Zeit für je hundert Dukaten 
gekauft worden***). 


Ein Theil der von den Höfen ausgehenden Schriften erschien nicht 
in Einzeldrucken, sondern in der periodischen Presse^ den Zeitungen 
und Monatsschriften. Es waren namentlich diplomatische Corre- 
spondenzen und Actenstücke^ die theils im Wortlaut^ theils in Änalysefi 
an solcher Stelle zur Veröffentlichung kamen. 

Die Fäden, welche von den Cabineten und Gesandtschaftshotels su 
den Bedactionszimmem und Zeitungsbuden liefen, würden sich deutlicher 
erkennen lassen, wäre uns von den Quellen der sog, ^^öffentlichen*' 
Zeitungen^ wäre uns von den Geschriebenen Zeitungen etwas 
mehr als ein Paar ganz versprengte Beste erhalten. 

In Betreff der Geschriebenen Zeitungen, deren Geschichte 
sich bis über die Zeit der Beformation hinauf verfolgen lässt, ist 
auf die Untersuchung zu verweisen, in der diese nicht zu übersehenden 
Geschicktsguellen primärster Naiur und ihre eigenthümliche Bedeor 
tu/ng den gedruckten Zeitungen gegenüber für das achtzehnte JcA^r- 
hundert gleichsam neu entdeckt worden sind J. G, Droysen hcd 

•) Lud ewig, Entwurf der Beichslustorie S. 160. 
••) L. P. Giovanni, Q-ennania Princeps, ed. nova, Halaö Venedorum 1711, 

S. 658. 

***) Die meisten der in dieser Sammlung angefülirten und bescliriebenen Einzel* 
drucke von Broschüren etc. liegen nur in den Exemplaren des Kön. Geh. Staatfi- 
archivs vor. — Von Bibliotheken gewährten die verh&ltnissmftssig reichste Aus- 
beute die königl. Bibliothek zu Berlin und die furstL plessische Bibliothek zu Fnrsten- 
stein in Schlesien. — Alle Verzeichnisse preussischer Staatsschriften, wie die bei 
Holz schuh er imd Siebenkees, Deductionsbibliothek Bd. m, v. Kamptx, 
lit der Verfiftssung des königl. preuss. Hauses, Berlin 1824, sind unvollständig 
und ungenau. 


Zustand der Ueberliefening. Zeitungen. XXXVII 

M (fer Ahhandlung „Die Zeitungen im ersten Jahrzehnt Friedrichs des 
Grossen" *) den Nachweis beigebracht, dass in jener Zeit von Hamburg^ 
rö» JCo&i, Dresden, Wien, Warschau, Posen, London, Paris aus in 
regelmässiger Folge handschriftliche Correspondenzen, in ihrer Oeko- 
»omie den gedruckten Zeitungen ganz ähnlich, fheils an diese letzteren, 
iheäs cm Privatpersonen versendet wurden, namentlich aber auch an 
die Cabinete; denn die Diplomaten glaubten die oft überraschend guten 
Nachrichten dieser Correspondenzen mit dem verhältnissmässig hohen 
Preise, der für die Zusendung gefordert wurde, nicht zu theuer zu be- 
sohlen**). Oft wurden von demselben Ort aus mehrere derartige 
Correspondenzen versandt, wie z. B, in Wien neben dem weit verbrei- 
teim j^ordinären unener Zettel'^ sich noch andere Spuren dieser Art 
verfolgen lassen***), Aehnlicher Natur wie diese geschriebenen Zeitungen 
¥:m die sog. Begensburger ComitialrCorrespondenz, die den kümmerlich 
besoldeten Vertretern der kleinen Fürsten und Herren, diesen von zwei 
oder drei Markgrafen gemeinschaftlich gehaltenen Agenten^ wie die 
Engländer sie verächtlich nannten, einen Nebenverdienst verschaffte f). 
Wenigstens in einem Falle war eine geschriebene Zeitung dieser Art 
ak Quelle für eine Beihe sensationeller Zeitungsartikel über angebliche 
Pläne Friedrichs des Grossen nachzuweisen, wobei sich unschwer er- 
kennen lässt, von welcher Seite dem Bedacteur jener Correspondenz 
seine Nachricht zugegangen sein wird ff). — Johann Gottfried Griesch, 
der Bedacteur der Hamburger geschriebenen Zeitung, von der sich auf 
der St^dfbibliothek zu Bremen die Jahrgäkge 1731 — 1756 erhalten 
haben, erwähnt in seinem Blatte mehrfach, dass ihm die und die 
Nachricht von dem österreichischen Besidenten in Hamburg, Baron 
r. Kurtzrock kommefff). 

^^ « ffe nilichen''' Zeitungen haben im vorigen Jahrhundert die 
Omen verwandte Broschürenliteratur, von der sie auch an Alter über- 
if offen werden*f)y noch nicht zu verdrängen, noch auch tmr an Be- 

•) Zdtschrift für preussische G-eschichte 1876, S. 1 ff. 

••) Bousset forderte, wie Droysen a. a. 0. S. 13 mittheilt, für seine Corre- 
:^iMlenz monatlich 100 Grulden. Von seinem Mercure bist et pol. sagte der Reichs- 
vicekanzler v, Schönbom zu J. J. Moser, „dass man zu Wien oft darüber erstaune, 
^&8 für Dinge darin vorkämen, die man in Wien für die äussersten Geheimnisse 
^Ite, daTon nur etliche wenige etwas wüssten;" Mosers Leben, 3. Aufl., I, 50. 
•*•) Vergl. unten S. 136 und den Aufsatz: Die ersten Lebensbeschreibungen 
Friedrichs d. Gr., Zeitschrift für preussische Geschichte 1877, S. 234. 

t) Siehe unten S. 581 und Holzschuher und Siebenkecs I, 529. 
Moser' 8 Leben I, 78. 

n) Siehe unten S. 319 ff. 
tti") Droysen a. a. 0. S. 15. 

*t) Die älteste bekannte deutsche Zeitung, eine Strassburger, stammt aus dem 


XXXVm Einleitung. 

deutung zu erreichen vermocht Die publidstische Discussion müssen 
sie noch fast ausschliesslich den Flugschriften Oberlassen^ die in ihrer 
Anonymität^ in ihrer ephemeren und vagabondierenden Existefiz einen 
Conflict mit der Censur nicht zu scheuen hohen y während den Zei- 
ttmgen hei jeder Ausschreitung der Verlust ihres Privilegs droht. Sie 
beschränken sich deshalb darauf^ an die Nachrichten^ die sie bringen^ 
kurze ^JReflexiones^^ zu knüpfen^ während zusammenhängende und selbst^ 
ständige Bäsonnements nach Art der heutigen Leitartikel ganz fehlefi. 
Eine europäische Bedeutung hatten damals die Zeitungen Hollands. 
Die Bepublik war seit den grossen Friedenscongressen von Nymwegen, 
Byswick^ Utrecht der Mittelpunkt des diplomatischen Verkehrs: der 
Haag, sagt ein Journalist des vorigen Jahrhunderts, ist für die Diplo- 
maten dasselbe, was für die Kaufleute die Börse. Die Begierungsform 
des Landes brachte es mit sich, dass die Berichte der holländischen 
Gesandten im Auslande alsbald nach ihrem Einlaufen im Haag behufs 
der Vertheüung an die ^^Herren Begenten^^ durch den Druck ver- 
vielfältigt umrden; die weitere unvermeidliche Folge war^ dass ihr 
Inhalt auch in anderen Kreisen bekannt wurde, weil weder die hoch- 
mögenden Herren selber diese Sachen als Staatsgeheimnisse behandelten^ 
noch auch die Setzer in der Staatsdruckerei reinen Mund hielten*). 
Wenn nun auch die Gesandten in ihren officiellen Berichten nur solche 
Sachen meldeten^ deren Veröffentlichung man sich gefallen lassen durfte, 
alle Meldungen geheimer Natur dagegen in PrivaÜ)riefen an einzelne 
Mitglieder der Generälstaaten oder an den Greffier niederlegten^ so 
gab es doch immer Mittel und Wege, auch in das Gehdmniss dieser 
vertraulichen Berichte einzudringen**). Ebensowenig konnten die Ver- 
handlungen der fremden Gesandten im Haag lange geheim bleiben***)» 

Jahre 1609 und wird auf der Universitätsbibliothek zu Heidelberg aufbewahrt, 
yergl. die Mittheilung von J. Opel in der Magdeburgischen Zeitung 1877, No. 9. 
Ebend. Jahrg. 1876, No. 349 ff. sind dne Reihe anderer Zeitungen aus dem Beginn 
des siebzehnten Jahrhunderts nachgewiesen. 

*) Die Seh lesische Zeitung vom 4. Nov. 1743 meldet unter Botterdam 
20. Oct: „Drei vereidete Drucker des Staats haben sich vor wenigen Tagen un- 
sichtbar gemacht; man giebt ihnen Schuld, sie hatten die ersten Abdrücke von 
allen Schxiften des Staats einem fremden Minister eher zukommen lassen, als denen 
Herren von der Begierung, und davor jeden Monat 200 Gulden gezogen**. 

**) Bericht des preussischen Ges. Grafen O. Podewils, Haag 28. Med 1743^ 
Depuis qu^une partie des lettres du sieur van Hoey a 6tä imprim^e publiquement 
(veigl. unten S. 353), on a piis la r^solution de ne faire imprimer pour Tusage des 
provinces et des rdgens de riltat que les lettres qui sont adress^ auz Etats- 
G^&nux, et qui ne contiennent pour Tordinaire que des nouvelles frivoles. Malgr^ 
ces pr^cautions on continne Ä rendre publiques les pi^es les plus secrötes de 

r^tat 

Vergl. S. 305; 307 ff.; 323 Anm. 4; 671. 


•••> 


Zustand der Ueberlieferung. Zeitungen. XXXIX 

So floss den holländischen Zeitungen eine FüUe authentischen Ma- 
terials m, ihre JReichhaliigheit verschaffte ihnen Abonnenten in ganz 
Europa, diese weite Verbreitung aber iibte tvieder die Wechselwirkung 
aus, dass sich die Diplomaten zur Mittheilung dessen, was möglichst 
bekannt werden soUte, mit Vorliebe gerade der Zeitungen Hollands be- 
dienien*). 

Die Presspolizei wurde in den vereinigten Provinzen ziemlich lax 
geJukndhabt Nur durften die inneren Zustande oder die äussere Politik 
des Landes selbst nicht kritisiert, noch den Generalstaaten befreundete 
Mächte angegriffen werden*"^). Deshalb, und weil die meisten hollän- 
dischen Zeitungen von österreichischer Seite Subventionen bezogen und 
tinen grossen Theil ihrer Auflage nach den benachbarten habsburgischen 
yiederlanden absetzten, war es schwer^ Kundgebungen gegen den unener 
Hof in der holländischen Presse Aufnahme zu verschaffen**"^). 

Der Natur der Sache nach behaupteten unter den Zeitungen Hol- 
^mds die in der damaligen Weltsprache geschriebenen, die französischen, 
rar den in der Sprache des Landes erscheinend^ den Vorrang. 

Aus der Zahl der ersteren liegen bei den Acten des Geheimen 
Staatsarchivs einzelne Nummern f) der Leidener Nouvelles Extra- 
ordinaires de divers endroits (Verleger Etienne Luza^) , der 


•) Vergl. S. a29. 332. 354. 457. 537. 643. 

**) Am 14. August 1742 überreichte der französische Botschafter im Haag, 
Marqnis F6neIon, den Staaten ein Memorial mit einer Beschwerde über die Schrift 
-Xachricht von der wider die Stadt Luxemburg im Jahr 1730 angesponnenen Ver- 
r»4erd." — ^I^er Buchhändler wurde zwar vor die deputierte Gommission citiert, 
am anzuzeigen, von wem er solche Schrift erhalten, allein als er einige fremde 
Mimstros nannte, so hörte die fernere Untersuchung bald auf." Neue Europ. 
F»ma 87. S. 249. Ebend. S. 267 wird nachgetragen, dass die Schrift auf Ver- 
snkasang der österrdchischen Gesandten Herzog v. Aremberg und Baron v. Bei- 
schach veröffentlicht sei. Im Jahre 1744 wird dann auf Reclamation des preusa- 
scheo Gesandten dne Untersuchung gegen den Redacteur des Holland. Praat- 
Taar eingeleitet, was dem französischen Gesandten Abb^ de la Ville Anlass giebt, 
<^en Begenten zu erkl&ren: qu'il ne sauroit s^emp^her de leur fieiire remarquer 
U diffference qu'il y avoit entre ce proc^d6 et celui qu'ils avoient eu envers le roi 
sf»n maitre il y a deux ans — ein willkommener Vorwand für den Pensionär von 
Holland, das Verfiihren zu verschleppen, weil man, wie er entschuldigend zu dem 
pTCusBiachen Gesandten sagt, weitere Vorstellungen von Frankreich zu gewärtigen 
^ben würde, wollte man dieses Mal die Strenge des Gesetzes anwenden. 

***) VeacgL S. 538. Der preussische Resident Ammon schreibt Haag 16. August 
I<4ü: Preaque tous les gazetiers de ce pays reQoivent des gratificalions de la cour 
^^ Vienne, et tant par ce motif que pour se rendre agr^ble aux Etats et pour aug- 
^^ter le ddbit de leurs gazettes, ils y Inserent rarement les nouvelles d^avorables 
* iadite cour et les falsifient presque toujours. 

t) Eine Uebendcht der Gazettes ^trangöres circulant en France avant la r£- 
vohti<m giebt £• Hatin, Bibliographie de la presse p^odique fran^aise, Paris 


XL Einleitong. 

Gazette de laHaye (Antoine de Grroot), der Nouvelles d^Antster- 
dam (C. T. Breuil), der Gazette d'Utrecht (de Zdmiers). Die 
Gazette de la Haye erschien dreimal wöchentlich^ die drei anderen 
zweimal. 

Von den holländisch geschriebenen Blättern, den ^^Courafüen'\ 
sind der Amsterdamse Courant (Jan Spanjert); Oprechte 
Nieuwe Groninger Courant (J, Sipkes), die beide zweimal 
wöchentlich ausgegeben wurden, der dreimal erscheinende Leydse 
Courant (Anthony de Klopper) und der nu/r einmal in der Woche 
herauskommende Oprechte Bingsdagse Haerlemse Courant 
(Izaak en Johannes Enschede) hervorzuheben. 

Innerhalb der deutschen Fresse hatten die grösste Bedeutung und 
Verbreitung die von der Censur befreiten Zeitungen der Heichsstädte, 
doch wurde auch ihre Unabhängigkeit durch die Rücksichten wesentlich 
beeinträchtigt^ welche sie im Interesse ihres Vertriebs auf das Thum- 
und Taxis' scJien Reichspostamt nehmen mussten*). 

Von dem Redacteur der zweimal wöchentlich erscheinenden Ga- 
zette de Cologne, Franz Ignaz Roderique, sagt Friedrich der 
Grosse scherzend^ dass Maria Theresia nur ihm es verdankt habe, wetm 
sich im österreichischen Erbfolgekriege die Holländer ihrer Sache an- 
geschlossen**). Durch Roderiqu£s Blatt wurden die deutschen Zeitungen^ 
die Köln hatte, vollständig in den Hintergrund gedrängt. 

Auch Frankfurt a. M. hatte eine weitverbreitete französische 
Zeitung, den Avant-Cour eur ou Nowoelles extraordinaires de divers 
cours et autres lieux principaux de VEurope, begründet von der Värren- 
trapp' sehen BuchJiandlung***) und anfänglich von einem Franzosen, 
Marc Antoine Emanuel de la Barre de Beaumarchais, redigiert, der 
später Mitarbeiter Roderique's an der Gazette de Cologne wurde. Der 
Avant'Coureur wurde Montags, Dienstags, Freitags und Sonnabends 
ausgegeben; an denselben Tagen Hess Varrentrapp seit dem Herbst 1741 
auch eine deutsche Zeitung erscheinen: Frankfurtische Berichte 
von vorstehender Kaiserwahl und Krönung, wie auch von denen Staats-, 
Kriegs- und Friedensangelegenheiten (nach erfolgter Wahl unter dein 

1866, S.83, wonach sich bBrichtigt, was J. v. Schwarzkopf im Allg.Lit. Anzeiger, 
Jahrg. 1800, S. 1475 über das Alter der &anz. Zeitungen Hollands angiebt. 

*) „Alle Zeitungen, welche in Teutschland Curs haben wollen, müssen sich 
nach dem Sinne dieses Hauses (Thum und Taxis) richten," schreibt der preussische 
Resident v. Frey tag, Frankfurt a. M. 21. Octobor 1755. 

••) Th^r^se de leurs bras fortifia sa ligue l Et ne dut ce secours qu'au sermon 
de Roderique; (Euvres XI, 141, vergl. Droysen, Zeitungen a. a. 0. 9—11. 

••*) Nach J. V. Schwarzkopf Ueber politische und gelehrte Zeitungen zu 
Frankfurt a. M., Frankfurt 1802, S. 19, im Jahre 1734. 


Zustand der Ueberlieferung. Zeitungen. XLI 

^ekm-eten Titel: Fr. Ber, von denen Staats-, KriegS' und Friedens- 
migd.). Ausserdem hesass Frankfurt bereits seit dem Anfange des 
sid>eehnten Jahrhunderts das Journal in Frankfurt am Mayn, 
y^wöi^ienÜich vier mal bei den Serlinischen Erben zu haben", das, im 
Jahre 1615 von dem Frankfurter Bürger Egenolph Envmel begründet, 
nach heute unter dem alten Namen fortbesteht*) — und die Kais. 
Reiehsoh er p ostamts- Zeitung , begründet 1616 und eingegangen 
1866; in der uns beschäftigenden Zeit druckte und verlegte sie Joh, 
Bemh. Eichenberg der Aeltere. 

Die Begensburger Zeitungen verdankten ihre Bedeutung dem 
Reichst€ige^ der, mit der kurzen Unterbrechung von 1742 bis 1745, in 
den Mauern ihrer Stadt seinen Sitz hatte. Die Priv. Historischen 
Nachrichten erschienen wöchentlich eimnal^ ohne sich an einen be- 
simmten Tag zu binden (vergL unten S. 413), bei Christian Oottlieb 
Seiffart in den drei Hacken an der Haide; und auch der Kais. Priv. 
Unpartheyische Cabinets-Courier machte nur einmal in der 
Woche, des Sonntags, eine „Tour'\ wie er seine einzelnen Nummern 
nannte, „tcorinnen die vornehmste Begebenheiten, Veränderungen, glück- 
He^ und widerwärtige Zufälle geistlicher und weltlicher, christlicher 
md unchristlicher Staaten kurz und in einem natürlichen Zusammenr 
img erzählet werden.^* Noch die No. 16 (19. April) von 1741^ die letzte 
tm den uns vorliegenden Nummern aus diesem Jahre, nennt als Ver- 
leger Joh. Casp. Memmels seel. Wittib; die folgenden Jahrgänge er- 
schienen bei Heinr. Oottfr. Zunkel. 

In Augsburg wurde die Augsburger Ordinari Zeitung von 
Andreas Jacob Maschenbauer täglich , eine andere, die von Meyer**), 
mthenüich zweimal ausgegeben. In Nürnberg erschien eine Reichs- 
postzei^ing. 

Für Norddeutschland war der Mittelpunkt des Zeitungs- 
Idriebs Hamburg, Die Staats- und gelehrte Zeitung des 
Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten, ver- 
l^gi und gedruckt von sei Georg Christ. Grunds Erben^ und der Ham- 
burger Relations Courier, gedruckt bei seh Thomas von Wierings 
Erben im güldenen A.B.C. bei der Börse — erschienen beide ^ jene in 
Qwirt, dieser in Octav, wöchentlich viermal*^*). 

•) Das Missverstandniss von Prutz, dass das Journal bereits im 17. Jalir- 
himdert eingegangen sei, berichtigt L. Loeper in dem Aufsatze die Zeitungen und 
die Post, Archiv für Post und Telegraphie, Berlin 1876, S. 399. 

•*) Es liegen uns nur Ausschnitte aus dieser Zeitung vor, so dass der Titel 
nicht angegeben werden kann. 

**•) Der Courier erschien nach Schwarzkopf, Zeitungen in Frankfurt S. 2 
^t IföO, der Correspondent seit 1731 ; ein drittes dort erwähntes Hamburger Blatt, 
die Wöchentlichen Nachrichten (seit 1724), liegt uns nicht vor. 


XLn Einleitaiig. 

9 

Begünstigt durch die Nachbarschaft Hamburgs, und durch die 
Censur ihrer landesßrstlichen Behörden wenig behelligt, brachten es 
auch die Zeitungen Altena* s jm einer gewissen Blüthe: der viermal 
erscheinende Bei chsp ostreut er y gedruckt in der Witwe Ulrici privil 
Buchdruckerei, und der Altonaische Mercurius, den bis Ende 
1744 Christian Gottlieb Wendt in sehr preussenfeindlichem Sinne redi- 
gierte. Auch die Hamburg benachbarten Dörfer Wandsbeck und 
Schiffbeck hatten ihre Zeitungen"^), 

Wie die altonaer Blätter durften sich von den in fürstlichen 
Territorien erscheinenden Zeitungen auch die Erlanger mit grösserer 
Freiheit bewegen, die grade mit dem Beginn der vierziger Jahre eine 
mehr als locale Bedeutung erlangten. Im Jahre 1741 begründete der 
Professor Johann Gottfried Gross, vordem Lehrer an preussischen 
Gymnasien, am Pädagogium in Halle und am Kloster Bergen bei 
Magdeburg (geb. 1703, f 1768), eine Zeitung s,. t. Kurtzgefasster 
Auszug aus der neuesten Weltgeschichte unter demNamen 
Christian-Erlangischer Zeitung sextract^ eine Fortsetzung 
des Coburg er Zeitungsextractes*^)^ an dessen letzten Jahr- 
gangen Gross mitgearbeitet hatte. Das neubegründete Blatt erging sich 
unablässig in directen Ausfällen oder versteckten Bosheiten gegefi 
Preussen^ ohne dass die Markgräfin von Baireuth ihren königlichen 
Bruder gegen dieselben hätte schützen woUen; liefen dann^ wie es wieder- 
holt geschah, ernste Reclamationen aus Berlin am baireuther Hofe ein, 


•) Droysen a. a. 0. 6. 7." Im Jahre 1747 erschien in Schiffbeck eine 
Zeitung in Versen, yergl. Neue Euro p. Fama 141, S. 774. 

**) Die königl. Bibliothek zu Berlin besitzt von dem Coborger Zeitongsextracte, 
„zu finden bei Paul Günther Pfotenhauer^ , die Jahrgänge 1722 — 1730 (aus der 
Bibl. Ton Friedrich Nicolai), von dem Erlanger nur den ersten Jahrgang 1741. 
Die Jahrgänge 1722 — 1725 des ersteren soll nach einer handschriftlichen Notiz in 
dem Exemplar der königl. Bibl. der bekannte David Fassmann geschrieben haben. 
Dass im Jahre 1749 von Neuem ein Goburgischer Auszug aus allen Theilen 
der Neuesten Geschichte erschien, ergiebt eine Stellein der Neuen Europ. 
Fama (Heft 166, S. 767). Die Zeitungseztracte sind ein Mittelding zwischen 
den eigentlichen Zeitungen und den unten 8. XLV besprochenen Monatsschriften. 
In emem Vorwort zu dem Jahrgang 1730 der hallischen Wöchentlichen Bela- 
t Ionen, die auch ein derartiger Zeitungseztract sind, heisst es: ^. . . Ist gleich 
Anfangs bei Herausgebung der hiesigen Zeitungen die Einrichtung getroffen worden, 
dass ausser den drei gewöhnlichen Zeitungsblättem jedesmal zu Ende der Woche 
eine Relation der merkwürdigsten Sachen, so in der Woche eingelaufen, ausgegeben, 
und also das Neueste, obwohl je zuweilen noch Ungewisse, denen Zeitungen, 
da^enige aber, wovon man währender Zeit und bis auf Sonnabend hinlängliche 
Gewissheit erhalten, der Belation einverleibet worden.^ Auf diese Art werde 
^sowohl der Curiosität durch die drei ersteren Zeitungsbl4tter als auch denen 
Liebhabern der Historie durch die wöchentliche Belation Satisfaction gethan.^* 


Zustand der Ueberlieferang. Zeitungen. XLIII 

« 

59 Eog sich Gross in die Mauern der benachbtxrten Reichsstadt NUm" 
berg eurück oder entwich auch wohl nach Wien*), Mit seinem deut- 
schen Zeitungsextract wetteiferte die Erlanger französische Zeitung, wie 
man meinte^ nicht ohne Einfluss des Erlanger Universitätskanelers 
Sitperväle redigiert^ der, wie der preussische Resident Buirette in Nüm" 
herg berichtet , „mtY Sr, Mqj. sehr malcontent zu sein sich verlauten 
lassen, weil Se. Maj. ihm nicht genug Distinction erwiesen hdbe'^**). 

Von den Zeitungen anderer deutscher Staaten wären nur etwa noch 
die Nouvelles de Li^ge (Everard Kints) zu nennen, denen die Nach- 
barschaß Hollands zu Gute kam, ohne dass der Bischof ihnen Zwang 
auferlegte. 

Dagegen standen in allen deutschen Staaten^ die eine grössere 
Machtbedeutung hatten und eine selbstständige Politik führten, die Zei- 
tmgen unier genauer Gensur und konnten geradezu als ofßcielle Organe 
Idr achtet werden***), so vor Allem das Wienerische Diarium (in 
dem neuen Michaeler Haus bei Johann Peter v. Ghelen) in Oesterreichy 
tmd die Zeitungen in Berlin und in den preussischen I^ovtnzialhaupt- 
Städten f). ' 

In Berlin erschien seit 1722 die Berlinische privih Zeitung 
von Andreas Rüdiger (die heutige Vossische Zeitung) ^ und seit 1740 die 
Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrten 
Sachen von Ambrosius Saude {im Jahre 1875 ais Spenersche Zeitung 

*) Vergl. Droysen Zeitungen a. a. 0. S. 9. Am 24. März 1745 schreibt 
Podewils an Sichel: ^^Der Autor der Erlangischen Gazette, Gross genannt, soll dem 
gemeinen Rufe und den publiquen Zeitungen nach sich nach Wien retirieret haben, 
inxwischen ist doch unter den mit heutiger Post zur Kön. Unterschrift abgehenden 
Sachen ein nachdrückliches Schreiben dieserhalb an den Herrn Markgrafen zu 
Bftiieuth befindlich.^ Auch am 12. April 1757 geht eine Beschwerde über Gross 
nach Baireuth ab, der seine Zeitungsblätter fast posttäglich mit den nachtheiligsten 
Unwahiheiten und gröbsten Anzüglichkeiten anfülle; es möchte diesem incorrigiblen 
ond übelgesinnten Menschen sein Handwerk gänzlich gelegt werden, lieber 
6ro68 giebt es eine ganze Literatur; zu den bei Mensel, Lexicon der yom Jahre 
1750—1800 verstorbenen teutBchen Schriftsteller, Leipzig 1802 ff., IV, 309 genannten 
Scbiften tragen wir noch nach die auf der furstl. Bibl. zu Fürstenstein befindliche: 
i^bfeitigun^ des erlanger Zeitungsschreibers und seiner Alliierten mit ihrer un- 
gesondeu Kritik über verschiedene in Breslau gedruckte Blätter. Breslau 1759. 4. 

**) Drojsen Zeitungen a. a. 0. S. 9. Es ist derselbe Superville, dem die 
Uarkgrifin ihre Memoiren zum Zwecke der Herausgabe vermachte. 

***) Am 27. November 1786 bittet der Buchdrucker Unger in Berlin um die 
BrlanlmlaB zur Begründung einer Hof zeitung. Er wird abschlägig beschieden, weil 
l^tB zwei privilegierte Hof Zeitungen bestünden. 

t) In Sachsen erschienen die Leipziger Zeitungen (vergl. v. Witzleben, 
^esch. der Ldpsiger Zeitung, Leipzig 1860), inBaiem die Münchner Ordinari 
Postzeitnng, in Stuttgart die „Wöchentliche Anzeige von Neuigkeiten 
sowoU allhier als auf dem Lande.^ 


XLIV Einleituxig. 

eingegangen). In die ersten Jahre der Regierung Friedrichs d. Or. 
faden wiederholte Versuche^ eine französische Zeitung in der preussischen 
Hauptstadt zu begründen, durch die man zu einem grösseren Publikum 
zu sprechen beabsichtigte. Formeys (vergl. oben Ä XXXII, unten S. 69) 
Journal de Berlin ging bereits im Jahre 1741 wieder ein; im 
Jahre 1742 erschien, von Jordan redigiert, der Spectateur en Alle- 
magne, und mit dem Jahre 1743 begann der Buchhändler Schmid 
eine Gazette de Berlin, die aber auch schon mit dem Ende des 
Jahres wieder einging. Als es bei Beginn des zweiten schlesischen 
Krieges doppelt nothwendig erscheinen mochte , die preussische Politik 
in der Presse zu vertreten, begründete der Marquis d!Argens, der 
,,modeme Demohrit*', der sich damals als königlicher Kammerherr und 
Mitdirector der Akademie in Berlin aufhielt, die Wochenschrift Obser- 
vateur Ho llandois; sie erschien angeblich inLeiden bei Paul Gautier 
und erregte das lebhafteste Aufsehen, ohne sich indess länger zu halten, 
als bis in die ersten Wochen des Jahres 1745, Die letzten, nicht mehr 
erhaltenen Nummern, schrieb der Berliner Akademiker Joseph du Fresfie 
de FrancheviUe*). 

In Stettin erschien die Stettinische, in Magdeburg die Magde- 
burgische Zeitung, in Königsberg die Königsbergischen 
Zeitungen, Der Clevische Courier du Bas-Bhin scheint erst in 
etwas späterer Zeit entstanden zu sein**). 

In Breslau hatte unter der österreichischen Herrschaft bereits seit 
1656 eine Zeitung bestanden , die mit der preussischen Besitzergreifung 
einging***). Statt ihrer trat mit dem Jahre 1742 die Schlesische 
Priv. Staats-, Kriegs- und Friedenszeitung von J, J. Korn 
ins Leben, die heutige Schlesische Zeitung. Eine Breslauer französisclie 
Zeitung, für die der Procurator der Kriegs- und Domänenkammer 
Andrd Bigottier nach Ausweis der Acten am 30. Dezember 1742 ein 
Privileg erhielt, scheint bald wieder eingegangen zu sein. 

In Ostfriesland erschienen seit August 1747 Wöchentliche Ost- 
friesische Anzeigen und Nachrichtenf). 


••> 


•) Das Nähere bei Droysen, Zeitungen a. a. 0. S. 35—38. 

Seine Blüthezeit fällt in die Zeit seit 1767, als ihn der ehemalige Jesuit 
Jean Manzon aus Oulx in Piemont redigierte; vergl. Schwarzkopf im Allge- 
meinen literarischen Anzeiger 1801, S. 355. In Betreff der hallischen Zdtungeu 
vergl. die Anmerkung oben S. XLII. 

•••) Vergl. den Beitrag zur Geschichte des schlesischen Zeitungswesens von 
1668—1820, Schlesische Provinzialblätter LXXI, 1820, S. 33. 

t^ Nach Schwarzkopfim Allgemeinen literarischen Anzeiger 1801, S. 356. 


Zustand der Ueberlieierung. Monatsschriften. XLY 

Die politischen Monatsschriften oder Journale^ wie sie 
sieh im vorigen Jahrhundert im Gegensatz isu den Zeihmgen nennen, 
enthalten nicht bloss eine Zusammenstellung des von den Zetttmgen ge- 
hraeUen Materials, sondern auch Originalmittheilungen; zugleich ge- 
stattet ihnen der grössere Raum, über den sie verfugen, die Aufnahme 
auch der umfangreicheren StcuUsschriften; endlich fehlen ihnen auch 
räsannierende Partien nickt, 

Ihre Vorläufer sind die seit den achtziger Jahren des sechszehnten 
Jakrhmderts erscheinenden halbjährlichen Messrelationen oder Belor 
Uones historicae; zu eigenthumlicher Ausbildung aber und zur BlMhe 
gthngen sie erst ein Jahrhundert später in Holland, als nach Auf- 
Mmig des Edicts von Nantes die französischen Rifugiis und an ihrer 
Spitze gerade die Koryphäen der französischen Bildung von ihrem Asyl 
im Haag aus einen literarischen und publidstischen Rachehrieg gegen 
Ladewig XIV, eröffnen*). 

Die damals entstandenen Monatsschriften, die Lettres historiques, 
den Esprit des nouvelles u. s. w. überdauerte sämmtlich der M er eure 
historique et politique^ der im November 1686 von dem berüchr 
iigien Memoirenfälscher Courtilz de Sandras begründet, dann eine Zeit 
lang von Pierre Bayle herausgegeben, erst im April 1782 mit dem 
hundertsiebenundachtzigsten seiner je sechs Monatshefte umfassenden 
duodezbändchen eingegangen ist. Seit 1724 redigierte ihn Jean Rousset **) 
mit grossen^ Geschick und grossem Erfolg; man bewunderte namentlich 
die Reflexions, die der Mercure in einem besonderen Abschnitte seiner 
Erzählung der Thatsachen folgen Hess, Roussets Standpunkt, über den 
er sich in der Vorrede zum Maiheft des Mercure von 1743 anlässlich 
der Entstehung eines Couriers Viridique ou V Anti-Rousset ein- 
gf'hend auslässt, ist der patriotisch-holländische; von diesem Standpunkt 
(m tritt er im Jahre 1 741, als die Seemächte noch hoffen konnten den 
Kimig von IVeussen auf ihre Seite zu ziehen, sehr warm für die 
preussischen Forderungen gegen die Unnachgiebigkßit des wiener Hofes 
fin {vergl, namentlich die Vorrede zum Jahre 1742) , während er, seit- 
dm die Verbindung Pretissens mit Frankreich erkennbar wird, je 
^önger je feindseliger gegen Friedrich 21. auftritt, um erst nach dem 
dresdner Frieden seine Angriffe gegen ihn wieder einzustellen. 

Neben dem Mercure gab Rousset eine Monatsschrift, zumeist belle- 
Haitischen Inhalts, das Magasin des ilvdnemens, heraus, das seit 
1743Epilogueur, seit 1745 Le Demosthdne moderne und seit 1747 
l^Avocat pour et contre hiess, eine Nachahmung und zum Theil eine 
^^hersetzung der englischen Magazines (Gentleman Magazine, London 

*) VergL A. Sayons, Eist de la litt finin^aise 4 T^tranger, Paris 1858, II, 59. 
*•) NSheres über ihn bei Droysen, Preoss. Pol. IV, 4, 12. 


XLVI Einleitang. 

Magazine). Es ist uns ebenso wenig wie das seit dem Januar 1743 im 
Haag ins Lehen getretene Journal universel, wie die Nouvelles 
du Cabinet, Le sage Moissoneur u, Ä. zugänglich geworden. 

Ob neben dem Mercure und seinen Nachahmungen auch Monats- 
schriften in der Landessprache in Holland erschienen^ war vorerst nicht 
zu ermitteln. Dagegen konnte eine holländische Semestralschrifl benutzt 
werdefi, der Europische Mercurius {seit 1740 Nederlandsdie 
Gedenkboek of Eur. Merc), der seit dem Jahre 1690 in Amsterdam 
erschien; wer der Ä. L. ist, der sich in der Zeit des österreichischen 
Erbfolgekrieges als Verfasser angiebt, war nicht festzustellen. Ein ähn- 
liches Werk, der Europische Staatssecretarius, der von 1741 
bis 1756 halbjährlich in Haarlem herauskam^ ist uns nur aus Citaten 
bekannt. 

Nach dem Muster der französischen Monatsschriften Hollands 
wurde im Jahre 1704 in Luxetnburg La Clef du Cabinet des 
Princes begründet^ die zeitweise in einer Auflage von 40fi00 Exem- 
plaren erschienen sein soll*)^ sodass der wiener Hof durch dieses 
Organ dort von seinen Niederlanden aus den weitesten Emfluss auszur 
üben im Stande war. 

Die deutschen Monatsschriften standen hinter den französischen 
an Werth und Ansehen wiederum sehr zurück**). 

Die älteste und zugleich die gelesenste warum 1740 die 1702 begonnene 
leipziger „Europäische Fama, welche den gegenwärtigen Zustand 
der europäischen Höfe entdecket" (seit 1736 Neue E. FX Ihre BWho- 
zeit, die unter die JRedacUon des ,,wegen seither witzigen und an- 
genehmen Schreibart sehr beliebten"***) Sinold von Schüßs fällt, tcar 
1740 bereits vorüber, obgleich sie der Magister Ooitlob Schumann f) 
immer noch in recht sorgfältiger Weise fortsetzte; der Verleger war 
der Buchhändler Gleditsch. 

Gleichfalls in Leipzig, bei Heinsius, liess der Magister Michael 
Ranftff) die „Genealogisch-historischen Nachrichten von 
den aUemeuesten Begebenheiten'' erscheinen^ eine Zeitschrift^ die von 
1732 bis 1739 als „Genedl. Ärchivarim" sich lediglich auf das getua- 

*) Vergl. J. A. Fabricius in der Vorrede zu D. J. Morhof, Polyhistor liter. 
philos. et practicus, ed. IQ. Lubecae 1732. 

••) Die Neue Europ. Fama, Heft 159, 1748, S. 202 spricht mit Resignation 
von dem „ekelhaften Geschmacke" ihrer deutschen Landsleute, „welche lieber ein 
unrichtiges französisches Blatt anfuhren, als dass sie einem ehrlichen Teutseben 
zugestehen wollen, dass er dergleichen Künste auch gelernt, die wir bei den Au:^- 
ländem suchen." 

♦•♦) Vergl. Mosers Leben, 3. Aufl., IV, 146. 
t) Vergl.: Die ersten Lebensbeschreibungen Friedrichs d. Gr., Zeitschrift 
für preuss. Gesch. 1877, S. 230. 
tt) Vergl. ebend. S. 224. 


Zustand der Ueberliefenmg. MonatsBchriften. XLVII 

logische Gebiet beschränkt hatte^ unter dem veränderten Titel aber auch 
die politischen Tagesereignisse berücksichtigte. Ihre Sprache gegen 
heussen ist oft sehr ausfallend, während die Europ. Fama nach allen 
Seiten hin eine gewisse Zurückhaltung beobachtet, wohl um in dem 
fceiten Kreise ihrer Leser nirgends Missfallen gu erregen. 

Der yJEuropäische Staatssecretarius, welcher die neuesten 
Begebenheiten unpartheyisch erzahlt und vernünftig beurtheilt,*^ erschien 
seit 1734; jedoch nicht ohne Unterbrechung*)» Sein Grundton ist 
Franzosenhass. lieber den Ort des Ersclmnens und über den Verfasser 
ist uns nichts bekannt. 

Zu den genannten drei ^^Joumalen^' treten mit dem Beginn des 
ersten schlesischen Krieges eine Reihe neuer, von denen wenigstens eines 
sich in. der Gunst des Publikums festzusetzen u^usste und erst mit dem 
Ende des österreichischen Erbfolgekrieges sein Erscheinen einstellte. 

Von 1741 bis 1743 erschienen als ^^Gesamlete Nachrichten 
und Documente von dem gegenwärtigen Zustande des 
Herzogthums Schlesien/' 60 Hefte^ die nctchher, 1744, in fünf 
Bernden unter dem Titel Johann Gottfried Haymanns Gesamletes 
Kriegs- und Friedensarchiv (Leipzig und Görlitz^ Sigm. Ehren- 
fried Bichter) ausgegeben umrden. Noch ehe die letzten Hefte dieser ersten 
Folge erschienen waren, begann Haymann ein neues Unternehmen, ohne 
locale Beschränkung a/uf Schlesien, das Neueröffnete Kriegs- und 
Friedensarchiv (die ersten acht Hefte s. t. der aufmerksame Frey- 
mäurer in und um Deutschland), das im Ganzen 70 Hefte oder acht 
Bände umfasst (Leipzig und Görlitz 1744—1754). Nur die beiden 
ersten Bände sind noch von Haymann selber verfasst^ die Fortsetzung 
von Johann Heinrich Spindler. Der Standpunkt beider ScJ^ftsteller 
ist ein entsdneden sächsischer) Haymann war kursächsischer Geheimer 
Registrator. 

Ein Concurrenzuntemehmen des Haymannschen war die Sohle- 
sische Kriegsfamaj von der 1741 und 1742 neun Quarfhefte 
erschienen. Dass die Verfasser in der Thai, wie sie angeben^ Schle- 
sier waren, scheint die Localkenntniss zu bestätigen ^ mit der Bd. V, 
S. 60 geographische Versehen der regensburger Zeitungen corrigiert 
fcerden; auch enthält die Kriegsfama originale und ins Einzelne gehende 
Mittheilungen Ober Vorgänge in Breslau. Auf dem Titelblatt wird als 
Ort des Erscheinens Frankfurt und Leipzig angegeben; doch wird die 
Kriegsfama in Breslau gedruckt worden sein, wenigstens finden sich ihre 
eigenihumlichen Vignetten auch in der bei J. J, Korn in Breslau 1741 
gedruckten und verlegten Silesia diplomatica von Walther. Die Kriegs- 

*) So findet sich Heft 83 (1743) die Notiz, dass die Fortsetzung der Staats- 
*^^ durch gewisse Hindemisse eine Zeit lang unterbrochen gewesen sei. 


XLVni Einleitung. 

fama vertritt bis im der Besetzung Breslaus durch preussische Truppen 
(12. August 1741) sehr eifrig die am 2, Januar 1741 stipulierte Neur 
iralitäi der Stadt*). Unten wird erheUen (S. 96), in wie unorganischer 
Weise einzelne Theile der Kriegsfama zusammengeflickt worden sind. 

Andere periodische Blätter^ die der Krieg seit 1741 veranlasste^ 
zumeist bald vorübergehende Unternehmungen^ wie das PragmaÜsche 
Archiv, das in Erfurt erscheinende Welttheatrum , das Neueröffnete 
Cäbinet grosser Herren, das Kriegstheatrum Böm. Kayserlicher Maj. 
und Kon, hoher Alliierten, Neueste Beichshandlungen auf erfolgtes Ab- 
leben Kaiser Karls VII, u, A, kennen wir nur den Titeln nach aus 
buchhändlerischen Anzeigen in den damaligen berliner Zeitungen. 


Den Monatsschriften stehen diejenigen periodischen Werke zur 
Seite , die auf Darstellung und auf Bäsonnement verzichtend lediglich 
Sammlungen von Staatsschriften sind. Wie jene sich an die 
Messrelaiiofhen anschUessen, so stehen an der Spitze dieser Sammlungen 
die Acta Publica des Michael Caspar Lundorp, die mit dem Anfang 
des dreissigjährigen Krieges begonnen bis zum Jahre 1721 fortgeseM 
wurden **), Der in diesem Jahre erschienene achtzehnte ihrer mächtigen 
Folianten umfasst die Jahre 1690 und 1691; die Sammlung hatte also 
mit den Zeitereignissen nicht gleichen Schritt halten können. Deshalb 
hatte bereits 1697 einer der Fortsetzer des Lundorp^ der nürnberger 
Baihsconsulent Christoph Leonhard Leucht unter dem Pseudonym Antonius 
Faber eine neue Sammlung begonnen, die Europäische Staats- 
kanzlei\ sie stellte das an die Oeffentlichkeit kommende Material von 
politischen Broschüren und Actenstucken alsbald nach dem Erscheinefi 
in handlichen Octavbänden zusammen^ die je nach dem vorhandenen 
Stoff in kleineren oder grösseren Zwischenräumen ausgegeben wurden. 
Zur Zeit des österreichischen Erbfolgekrieges war der Serausgeber, 
nachdem nach Leuchts Tode (1717) eine Zeit lang dessen ehemaliger 
Schreiber Paul Lorenz Widmann die Redadion gehabt hatte, der mar- 
burger Ftofessor Johamn Carl König. 

Als nach dem Tode Karls VI. das mitzufheilende Material gewaUig 
anschwoll^ veröffentlichte König neben der Staatskanzlei noch die Selecta 
juris publici novissima. Gleichwohl aber erschien der bereits 
erwähnten Firma Varrentrapp zu Frankfurt a, M, noch eine weitere 
derartige Fublication nicht unzeitgemäss : vom Jahre 1741 ab veröffent- 
lichte sie in Octavheften, deren je zwölf einen Band bildeten, die 

*) Theil y. und VI. erschienen bereits nach Besitzergreifung; sie sind an- 
gezeigt in der Berlinischen Zeitung yom 21. Sept. 1741. 

*^) Vergl. E. Fischer, M. C. Lundorp, Programm des Luisenst&dtaschen Gjm- 
nasiums, Berlin 1870. 


Zustand der Ueberliefenuig. Sammlungen. Gleichzeitige Geschichtswerke. XLIX 

j^Sammlung einiger Siaatsschrifien^ welche nach Ableben 
Kaiser Karls VL zum Vorschein gekommen und die gegen- 
wärtige unchiige Staatsangelegenheiten in Teutschland betreffen" (4 Bde., 
s. f., 1741 — 1743); daran schlössen sich als Fortsetmngen die „Histo- 
rische Sammlung von Staatsschriften zur Erläuterung der neuesten 
Welt- und teutschen Reichsgeschichten unter Kaiser Carln VII,''' 
(3 Bde., Frankfurt 1744—1747)*)^ „die Neue Sammlung von Staats- 
schriften zur Erläuterung der neuesten Welt- und teutschen Eeichs- 
geschichten nach Ableben Kaiser Carls VW"" (3 Bde.^ Frankfurt 
17tö — 1747) und die „ Vollständige Sammlung von Actis Publicis 
und Staaisschriften zum Behuf der neuesten Welt- und teutschen Beichs- 
historie unter Kaiser Franz'* (8 Bde., Frankfurt 1749—1753). 

In Holland edierte Jean Eousset den Becueil historique d^actes, 
negociationSj memoires et trait^ depuis la paix d^ Utrecht (ä la Haye 
1718 ff. XXI voU.) als eine Art Urhmdenbuch zu seitdem Mercure 
historique et politique; kürzere Schriftstücke finden sich häufig in 
beiden Publicationen gemeinsam. 

Weitere Verbreitung erhielten die Publicationen der Höfe durch 
die gleichzeitig mit den Ereignissen oder bald nach ihnen entstandenen 
ersten zusammenfassenden Darstellungen. 

AUe diese Geschichtswerke, die mit Vorliebe die biographische Form 
tröffen, kennzeichnensich als mehr oder minder fabriksmässig ausgeführte 
Compikxtionen ohne jeden originalen Werth, aber sie treten uns als Ersatz 
ein fir die verloren gegangenen Zeitungen; derjenige Theil des Quellen- 
maieriais^ der das Zwischenstadium der Monatsschriften und Becueih 
nicht durchlaufen hat, sondern aus Originaldrucken oder aus Zeitungen 
unmittelbar in die ersten zusammenfassenden Darstellungen übergegangen 
ist, wird sich in den meisten Fällen nur bis in diese tertiäre Schrift 
zurück verfolgen lassen. Aus der ganzen Masse der Compilationen in 
biographischer Form kommen für die vierziger Jahre des vorigen Jahr- 
hmderts hauptsächlich in Betracht die Helden-y Staats- und 
Lebensgeschichte Friedrichs des Andern, 9 Bde., Frankfurt 

*) Der Vorbericht des Verlegers zum zweiten Bande sagt, dass der Professor 
König sich nicht habe entbrechen können, die Sammlimg yor einen unnötfaigen 
Ueberfluss und Missbrauch anzugeben. ri^Tir weiss ich nicht, woher oftgedachter 
Herr Professor das praetendierte Monopoliom erhalten , solche Acta publica allein 
zu edieren . . . Uebrigens aber wird eben dieser Herr Professor nicht in Abrede 
^ können, dass vielleicht mehr als die Hälfte der bisher yon mir gedruckten 
^'i^en ihme nicht eher zu Gesichte gekommen als in meinen Sammlungen/' — 
Vielleicht war der J. D. v. Olenschlager bei. der Herausgabe der Varrentrappi- 
wben Sammlung betheiligt, der, wie auf der folgenden Seite erw&hnt, für Varren- 
^PP ^e „Geschichte des Interregni** schrieb. 

^uoselM SUatMChrifton. I. IV 


L Elinleitung. 

und Leipzig (Jena) 1746—1770, und die Geschichte und Thaien 
der Königin Maria Theresia, 4 Bde. (Jena) 1743 — 174ß (fort- 
gesetzt als Europäische Staats- und Teuische Beichs- 
historie unter Kaiser Franz L). Beide Compilationen haben 
das Äctenmaterial, welches sie in den Staatsschriften und 2!eitungen 
vorfanden, dem Wortlaute nach in ihre Darstellung aufgenommen, während . 
die meisten ähnlichen Werke von diesen urkundlichen Zugaben absahen,. 
Als Verfasser des ersteren Werkes ist Christian Friedr. Hempel nach- 
weisbar, der als Doctor der Bechte in Halle a. S. lebte; er hat viel- 
leicht auch die „Geschichte und Thaten der Königin Maria Therem»'' 
verfasst*). 

Sorgsamer gearbeitet als die grosse Menge dieser Compilationen ist die 
bei Varrentrapp erschienene Geschichte des Interregni nach Ab- 
sterben Karls VI. (4 Bde. 4% Frankfurt 1742—1746) von dem frank- 
furter Staatsrechtslehrer Johann Daniel von Olens chlager**), die ihre^ 
Entstehung nicht ausschliesslich der buchhändlerischen SpecuUxtion zu 
danken hat, sondern at^ gelehrtem Interesse geschrieben ist; ebenso Ade- 
lung* s erst einige Zeit nach den Ereignissen begonnene Pr agm. Staats- 
geschichte Europens von dem Ableben Karls VI. (Gotha 
1762—1769). Der Verfasser der letzteren hat schon dwnaJs, nach zwei 
Jahrzehnten, Zeitungen und originale Drucke der 8ta<itsschriften und 
Flugschriften nicht mehr zur Hand gehabt; er kann sich für viele seiner 
Angaben nur auf jene- Heldengeschichten u. s. w, berufen. 

Von Werth ist endlich noch ein aus Holland stammendes Werk mit 
einer grossen Anzahl von Angaben, die wir nur hier finden und die 
offenbar den holländischen Zeitungen entnommen sind***). Im Jahre 
1739, mit dem Ausbruche des spanisch-englischen Krieges, begann der 
gelehrte Bruzen de la Martinieref) auf Veranlassung des Buchhändlers 
Adrian Moetjens im Haag den Etat politique de VEurope zu 
schreiben, eine Art Zeitgeschichte, wovon wöchentlich ein Bogen er- 
scheinen sollte, die aber wiederholt Unterbrechungen erlitt; im Ganzen 
erschienen (bis 1749) dreizehn Bändelten. 


•) VergL: Die ersten Lebensbeschreibungen Friedrichs d. Gr., Zeitschrift für 
preufls. aesch. 1877, S. 227. 247. 

**) Als Verfasser des anonym erschienenen Werkes kennt ihn schon die 
Neue Europ. Fama, Heft 77 (1741) S. 368. Olenschlager gilt als das Ur- 
bild des Goethe'schen Narciss im sechsten Buche von Wilhelm Meisters Lehr- 
jahren. 

***) In einzelnen Fällen Hess aich dies noch nachweisen, vergl. unten S. 821, 
Anm. 1. 

t) Vergl. Droysen, Preuss. Pol IV, 4, 28. 


Zustand der Uebcrlieferung. LI 

Von der Literatur der Monatsschriften, Sammlungen^ gleichzeitigen 
Geschichtswerke ist etwas mehr in den sicheren Port der Bibliotheken 
emgdaufen^ als von den wie im Sturm zerstobenen Blättern der Zeitungen. 
Gleichwohl dürften die wenigsten Bibliotheken vollständige Serien der 
vorstehend angeführten periodischen Werke besitzen, während man doch, 
>ott das Material auch nur annähernd vollständig bei einander sein, 
nicht eine einzelne Sammlung, nicht einzelne Monatsschriften zur 
Hand nehmen muss, sondern ihrer viele, denn wohl jede enthält Stücke, 
die in die anderen nicht Aufnahme gefunden haben. Nicht minder selten 
md die ersten zusammenfassenden Darstellungen. Von der Helden- 
geschichte Friedrichs des Andern fand man schon im Jahre 1784 schwer 
ein vollständiges Exemplar*). Und wem es trotzdem gelungen^ sich 
diese ganze entlegene und fragmentarische Literatur zusammenzutragen^ 
der empfindet dann in sehr hemmender Weise das Fehlen brauchbarer 
Inhaltsverzeichnisse und wird die Klage eines Zeitgenossen begründet 
finden, dass man ,,oft wegen einer einzigen Begebenheit oder Urkunde wohl 
drei bis vier Bände vergeblich durchblättern muss^***). 

Eine ganze Beihe von Schriften ist in diesen Sammelwerken über- 
haupt nicht zu finden, selbst wenn man sie alle durchsehen woüte\ so 
§M, um uns auf Beispiele der folgenden Publication zu beschränken, 
die Flugschriften: Lettre Sun Bourgeois de Bordrecht, Lettre Sun gentilr 
hmme fran^oiSy Conseil d'ami ä M. de Bartenstein ^ Riflexions sur 
finstrucHon de la r^ence SHanovre pour M. de Busch u. s. w. (unten 
S. 374. 394. 515. 516) nirgends wieder abgedruckt worden; es fanden 
^ich nur die den Acten beiliegenden Einzeldrucke, von der einen ist nur 
noch die Sandschrift vorhanden. 

Ein verhängnissvollerer Uebelstand als die UnvoUständigkeit dieser 
Sammelwerke, ist, nach der entgegengesetzten Richtung, ihr Beichthum an 
ungenauen und an untergeschobenen Stücken. 

Die Stücke y die in der That das sind, für was sie sich ausgebet^ 
befinden sich durchweg in einer sehr traurigen Textverfassung. Es gilt 
dies in geringerem Grade von den in den Sammelwerken reproducierten 
Broschüren^ die sich in der Regel nur durch die bei den Nachdrucken 
sich steigernden Druckfehler entstellt finden; es gilt in höherem Grade 
wn den diplomatischen Actenstücken, welche die Verfasser der MoncUs- 
^hriflen, Becueils u. s. w. meist bereits in den Zeitungen, denen sie 
diesdben entnahmen, in einem sehr verdorbenen Zustande vorfanden. 
Bald liegen sie in unzutreffenden, oft völlig sinnlosen Uebersetzungen 

•) VergL Zeitschrift für preuss. Gesch. 1877 , 8. 221. Ein vollständiges 
Exemplar besitzt das königl. geh. Staatsarchiy. 

**) Haymann in der Vorrede zu der Gesammtausgabe seines Kriegs- und 
Friedenaarchivs. 

IV* 


LII Einleitong. 

vor, bald sind in Stil und Ausdmck ga/ne wiUhurUche Veränderungen 
vorgenommen — wie denn in Holland die Zeitungsschreiber es unter Arer 
Würde hielten, die von den Höfen ihnen mgehenden Miüheüungen 
schlicht und schmucklos abzudrucken *)^ — baid begegnet man Auslassungen 
und bald Zusätzen von Worten und von ganzen Stellen , bei denen die 
Absicht leicht wahrnehmbar ist (vergl, S. 80. 81. 392. 676). Wo endlich 
von einem Schriftstuck oder von einer Erklärung nicht der Wortlaut, 
sondern nur der Inhalt angegeben unrd^ ist oft der eigentliche Sinn 
nicht mehr uneder zuerkennen, sondern geradezu in sein Gegeniheil ver- 
dreht (vergl Ä 419. 710 ff.). 

Nur noch ein Schritt ist es dann zu den directen Fälschungen. 
Statt sich zu begnügen, von einer Erklärung eine immerhin nur un- 
genaue Analyse in Umlauf zu setzen^ verbreitet man angebliche Ab- 
schriften dieser Erklärung^ in denen von ihrem wirklichen Text nicht 
ein Wort mehr steht. Zu diesen für echte Actenstücke untergescho- 
benen kommen weitere, die nicht einmal mehr untergeschobene gencsmd 
werden können^ die vollständig aus der Luft gegriffen sind und die 
Zeugnisse einer Verhandlung sein wollen, welche nie stattgefunden hat 
Es ist darauf aufmerksam gemacht worden, dass gerade der österreichi- 
sche Erbfolgekrieg reich ist an solchen Fälschungen, mit denen man in 
besonders erregten Momenten die öffentliche Meinung irre zu fuhren %mi 
zu entzünden versuchte**). Den apokryphen Erklärungen, deren 
Zahl eine besonders grosse ist^ reihen sich die apokryphen Manifeste 
an (vergl. Ä 326. 417) und die apokryphen Verträge (vergl. Ä 330h 
unter den letzteren der berufene Nymphenburger Vertrag, dessen Un- 
echtheit erst in neuester Zeit erwiesen worden ist. Denn einmal recipieri 
in die historische Ueberlieferung] wussten diese Fälschungen auch fori- 
zuwuchem und sich festzuwurzeln. 

Es ist als eine dankbare Aufgabe bezeichnet worden, sie emmal m 
sammeln und ihren Ursprüngen^ Tendenzen und Wirkungen nach ins 

*) Bericht des preussischen Residenten y. Ammon, Haag'^lO. August 1745: 
„Ces gens ont m6me leur petite vanit^, et ne veulent pas copier lea avis qu'on 
leur donne, mais les alt&rent et accommodent toujouis selon leur goüt et leurs 
id^es." 

•*) Vergl. J. G. Droysen, der Nymphenburger Vertrag von 1741, Abhand- 
limgen zur neueren Geschichte, Leipzig 1876, 8. 246. Martini6re sagt in dem 
Avertissement zu seinem Etat pol. de l'Europe p. XIV von diesen F&lschungen 
und falschen Gerüchten: „Ces bruits, ces nouvelles ^toient des v^ritables prodoc- 
tions d'une politique ing^nieuse qui les employoit k scs plans. C'^toient des illu- 
sions, il est vrai, mais ces illusions souvent populaires n'^toient pas moins de? 
moyens de parvenir au but que les n^ociations et les m^moires des ministres. 
C'^toient souvent des acheminens au succ^s des mesures souterraines qu*ila ne fiii- 
soient qu^anticiper.^ 


Zustand der Ueberliefenmg. Lin 

Ucht zu stellen y weil eine derartige Untersuchung für die Chardk- 
ierisük der einzelnen Höfe Resultate ergeben möchten, für welche diese 
Fäisekungen den Werth echtester Quellen erhalten würden. Die vor- 
liegende Publication ist an die bezeichnete Aufgebe wenigstens heran- 
gäräen. Sie glaubt für die preussische Geschichte im Zeitraum 
der sehlesischen Errege die UnechOieit einer Beihe von Ueberlieferun- 
gen nadnoeisen zu können. In den meisten Fäüen giebt die Durch- 
((^schung der diplomatischen Corre^ondenzen den erforderlichen 
Äufsdduss und eine genügend sichere Controle; nur hier und da 
ionnte ein sicheres Uriheil über Echtheit und ühechtheit dieser oder 
jener Ueberlieferung nicht erzielt werden. Ursprung und Tendenz der 
einzelnen Fälschungen freilich liess sich mehr errathen und verstehen*), 
als mit Eindenz darlegen. Zm Beibringung eines vollständigen Nach- 
weises nach dieser Seite hin müssten nicht nur die Cdbinetsacten und 
die Gesandtschaftsberichte der Archive ciUer offenen und versteckten 
Gegner zugänglich sei, sondern vor AUem auch die geschriebenen und 
gedruckten Zeitungen in umfassenderem Masse herangezogen werden, cds 
dies bei dem irümmerhaflen Zustande dieser Literatur möglich ist**). 


Wo die im Folgenden mitgefheiUen Schriften in officieUen Original- 
drucken vorlagen, erfolgt der Abdruck nach diesen; in allen anderen 
Fäüen sind die Handschriften des Geh. Staatsarchivs zu Grunde gelegt^ 
sodass an die Stelle der in den Zeitungen u. s. w. erschienenen Ana- 
lysen stets das entsprechende ojuihentische Document tritt***). 

Der Uebersichtlichkeit halber sind die Schriften zu sieben grösseren 
Gng^en vereinigt, innerhalb derer der Begel nach die einzelnen Stücke 
nach der Zeitfolge geordnet sind. Die in den Jahren 1744 und 1746 
anlässlich der preussischen Besitzergreifung von Ostfriesland mit dem 


••^ 


•) VeigL S. 80. 290. 322. 826. 357. 358. 418. 648. 706. 
*) Der Ort, wo ein Actenstück zuerst abgedruckt wurde, ist in den seltensten 
Fäüen zu ermitteln, zumeist haben nur die Monatsschriften und gleichzeitigen 
Sammlungen citiert werden können. Gitate aus den weiter abgeleiteten Werken, 
wie aus Adelung und noch Späteren, beizubringen, ist im Allgemeinen unterlassen 
worden, um nicht einen allzu beschwerlichen Ballast von Stellen anzuhäufen. Für 
<Ue dtate aus neueren Darstellungen wird bemerkt, dass die Hinweise auf 
A.V. Arneth, wo nichts Näheres angegeben wird, sich auf Maria Theresia's 
erste Regiemngsjahre, 3 Bde., Wien 1863—1865 beziehen; Th. Garlyle, History 
of Friedrich H. of Prussia wird nach der deutschen Uebersetzung von J. Neuberg 
und F. Althaus, Berlin 1858 ff., und Droysen, Geschichte der preuss. Pol., bis 
Tbeil IV, Abth. 1 nach der zweiten Auflage citiert. 

***) No. XXX ist eine Doppelnimimer, indem der preussischen Resolution vom 
31. Januar 1743 die englische Note vom 29. Januar, auf welche sie antwortet, vor- 
angeechickt ist, um die gefälschten Texte dieser Note aus der Ueberlieferung zu 
vetdrÄngen. 


LIV Einlcituiig. 

Hofe zu Hannover gewechselten preussischen Siaatsschrifien waren, zu- 
sammen mit den sich ihnen anschliessenden Schriften bis zum Jahre 
1753, einer späteren Abtheilung zuzuweisen. 

Eine Anzahl minder wichtiger Schriften, zumal solche, welche die 
Argumente früherer nur wiederholen, sind von der Sammlung ausgeschie- 
den (vergl Ä 15. 20. 21, 309. 338 ff. 441. 545. 657. 660). Aufgenommen 
wurden dagegen die Schriften y die der preussische Hof zwar nicht uty- 
mittelbar veranlasste, aber nach ihrem Erscheinen für die Zwecke 
seiner Politik verbreiten Hess und damit adoptierte (No. XLV, S. 458; 
No. LI, S. 515; No. LIX, S. 581; No. LX, S 623) 

In den französischen Texten sind, weil die Beibehaltung der 
regellosen Orthographie der Originale unzuträglich erschien^ nur durch- 
gehende Alterthümlichkeiten bewahrt worden. Fast ebenso wenig ist 
in den deutschen Originalen die Bechtschreibung conseguent. Es ist 
die heute übliche Orthographie hergestellt, ohne dass die Formen und 
Wortbildungen jener Zeit geändert wären. Die Titel der Originale 
sind überall genau wiedergegeben. 


BESTE ABTHEILUNO. 


DER 


RECtIERUNGS-ANFANG 


Pmoniebe SUst<wcbriften. I. 1 


• 


Friedrich II. war^ als er an seines Vaters Platz irat^ des bewussten 
WiUenSf seinen Staat nach den Tagen des Zuschauens und der Un- 
enischiedenheit zu einer Politik des Entschlusses und der That hinüber- 
mfukren. Zugleich Team es^ihin darauf an^ dass die scharfe Wendung 
der preussischen Politik edsobäld beachtet tviirde. Eine der ersten Ver- 
ordnungen des neuen Herrschers verßigte die Vermehrung des Heeres 
um lOfiOO Mann, und gleichzeitig erhielten die Gesandten die Weisung^ 
mit Achselzucken über die lebhafte und heftige Sinnesart des jungen 
Königs, die eine unruhige Begierung voraussehen lasse, die Aufmerksam- 
keit auf diese Rüstungen zu lenken*). Europa sollte sich wieder daran 
gewöhnen, die preussische Macht als vorhanden zu betrachten und in 
Rechnung zu ziehen. 

Dem entsprechen die ersten öffentlichen Schritte der auswärtigen 
Politik Friedrichs U. 

Seiner Einmischung in die Grenzstreitigkeiten zwischen Kurmainz 
und HessenrCassel, seinem Abmahnungsschreiben an das zu gewaltsamem 
Vorgehen geneigte Mainz '^*) im Juni 1740^ erwächst eine grosse po- 
litische Tragweite dadurch, dass hinter dem Kurßrsten von Mainz der 
kaiserliche Hof stand. Mit seiner bei diesem Anlass in Wien abge- 
gebenen Erklärung, die Stände im Reich, zumal die evangelischen, bei 
ihren Freiheiten schützen zu wollen, stellt sich Friedrich in principiellen 
Gegensatz zu dem System des habsburgischen Kaiserthums und in- 
auguriert die Politik, die funfundvierzig Jahre später den Fürstenbund 
geschaffen hat 

Nicht minder hat das Vorgehen Friedrichs gegen den Bischof von 
iJUtich im September 1740 seinen grossen politischen Hintergrund. 
„Man unterschätzt die Bedeutung der Lütticher Execution, wenn man 
meint, Friedlich U. habe nur einen kleinen Reichs forsten, der auf seine 

« 

*) Eigenhändige Instructionen des Königs für Tnichsess und für Camas, 
&. VL 10. Juni 1740. VergL Droysen, Friedrichs des Grossen politische 
Stellung im Anfang des schlesischen Krieges, Abhandlungen zur neueren Ge- 
scbichte, Leipzig 1876, S. 278. 

**) Vergl. Droysen, Gesch. der preuss. Politik V, 1, 72. 

1* 


4 Der Regierungsanfang. 

Schwäche pocJite, zur Baison bringen wollen. Unendlich wichtiger war 
in dieser Zeit schwellender Spannung zwiscJien FranJcreich und England, 
wo man in Holland tvie in den österreichischen Niederlanden mit Herzr 
klopfen jeden kleinsten Wechsel der Lage beobachtete, wo Frankreich 
darauf rechnete, dass die Rheinlinie unvertheidigt sei, und England 
sich auf die von Oesterreich und Holland besetzten Festungen der 
Barriere verliess — dass da R^eussen rücksichtslos, mit gewaffheter 
Hand, jenseits der Maas , innerhalb der Barridrelinie seine ExectUion 
vollzog, auf die Gefahr hin, dass der geschleuderte Funke zilnden und 
einen allgemeinen Brand entfl<immen werdet*) 

*) Droysen, Abhandlungen S. 279. 


I. 

Schreiben Friedrichs 11. an den Kurfürsten 
von Mainz, Berlin 19. Juni 1740. 


Im März 1736 erlosch mit Johann Reinhard der Mannsstamm der 
Grafen von Hanau, Die Reichslehen dieses Hauses^ die Grafschaft 
Hanau-Münzenberg, fielen dem Landgrafen von Hessen- Cassel zu; doch 
bestritt ihm der Kurfürst von Mainz einen Theil dieser Erbschaft, das 
Freigericht vor dem Berge WeUmitzheim bei Älzenau mit dreizehn 
Flecken und Dörfern und einem jährlichen Ertrage von 13,000 Rtl. *) 
Das Reichskammergericht entschied für Mainz. Hessen, das mit dem 
Kammerrichter Graf von Ingelheim selbst in Erbstreitigkeiten ver- 
wickelt war, focht das Erkenntniss an und nahm den Recurs an den 
Beichstag. Nun behauptete der Reichshofrath, in casibus recursuum 
die Comiticddeliberation hemmen zu dürfen, bis er die Frage, an gra- 
vamen sit habile ad recursum, entschieden hätte. HessenrCassel , dem 

*) Der Zusammenhang ist folgender: Berthold von Mainz und Reinhard von 
Hanau werden am 9. Jimi 1500 von Maximilian I. gemeinsam mit dem Freigericht 
belehnt Kurfürst Johann Georg von Sachsen erhält 1625 für seine im böhmischen 
Kriege geleisteten Dienste die Exspectanz auf sämmtliche hanauische, vom Beich 
recognoscierende Mannslehen. 1643 schliessen Hanau und Hessen-Cassel einen Erb- 
verfarag. Hessen erwirbt 1728 gegen eine Geldzahlung die sachsischen Ansprüche 
in der Weise, dass Sachsen die Investitur mit den hanauischen Beichslehen im- 
mediate empfangen und dann dieselben auf Hessen als subfeuda übertragen wird. 
Beim Tode des letzten hanauer Grafen wird die Basis der Mainzischen Ansprüche 
anf nunmehrigen Alleinbesitz des Freigerichts ein Vertrag mit Sachsen von 1717, 
in welchem August H. für den Fall der Vervvu'klichung seiner Exspectanz auf den 
hanauischen Antheil an dem Freigericht verzichtet; Hessen, als jetziger Besitzer 
d^ sächsischen Ansprüche, hält sich durch diesen Verzicht nicht für gebunden. 
Die zahlreichen, in der Sache gewechselten Streitschriften, die in der Europ. 
Staatskanzlei nur theilweise abgedruckt sind, finden sich bei den Acten des 
Geh. 8t-A. 


Q Der Begiemngsanfang. 

seine evangelischen Mitstände beipflichteten^ sah in diesem ÄnsprtMh 
des Beichshofraths eine Schmälerung des den Beichsständen zukommen- 
den jus liheri suffragii^ custodiae et interpretatianis legumj nee nan 
qphariae justitiae et imperii dicasteriorum. Es berief sich auf dreizehn 
PräcedenzfäUe seit dem Jahre 1654^ in welchen der Beichstag, trotz 
kaiserlicher Decrete, Entscheidungen der Beichsgerichte cassiert habe. 

Inzwischen regte Mainz eine neue Streitfrage an; es beanspruchte 
eine Lehnsherrlichkeit über den zu dem hanauischen Amte Bücherthal 
gehörigen Orte Bumpenhetm am Main. Im Vertrauen auf seinen Buch- 
halt am kaiserlichen Hofe, wo die Haltung des Landgrafen von Hessen- 
Cassel als ein Eingriff in die reichsoberrichterliche Gewalt des Kaisers sehr 
übel vermerkt wurde, legte Mainz zur Geltendmachung seines Anspruchs 
seifte Truppen und seine Landmilizen, 3000 Mann mit 8 Kanonen^ an 
die hanauischen Grenzen und erbat sich Hülfsvölker von dem Bischof 
von Bamberg tmd Würzburg „vermöge der zwischen beiden Kur- und 
Fürsten subsistierenden Defensiwerbindung,'* 

In dieser Lage wandte sich Landgraf Wilhelm von Hessen uHe an 
andere BeichsfUrsten auch an den eben zur Begieruthg gelangten König 
von Preussen (13. Juni 1740). Er berief sich darauf „dass Allerhöchst 
Deroselben in Gott ruher^der Herr Vater Maj. sich seiner Sache auf 
dem Beichstage und sonsten bis hierhin nachdrücklich angenommen", 
und bat um den weiteren Schutz Preussens. Die Folge des Briefes, 
den der Gesandte des Landgrafen, Graf Ysenburg, dem Könige über- 
reichte, war das preussische Abmahnungsschreiben an den Kurfürsten 
von Mainz, Grafen Philipp Karl v. Elz, vom 19. Juni, welchem die 
Andeutung, dass der Landgraf im Falle eines Angriffs auf militärische 
Hülfe von Preussen zu rechnen habe, hinreichenden Nachdruck gab. 

Eine Abschrift des Schreibens Hess Friedrich U. ausser an den 
Landgrafen auch an seine Gesandtschaften in Wien und Begensburg 
schicken. In Wien Hess er fordern*), ^,da$s Kurmainz durch ein ernst- 
liches kaiserliches Schreiben dbgemahnet und zu Gleich und Becht ge- 
wiesen wcp'de^^; zugleich Hess er erklären^ dass er auch in eigner an- 
deren Angelegenheit, in welcher der böhmische Lehnshof incompetenter 
Weise eine Entscheidung gegen den Landgrafen von Hessen-Cassel ge- 
fällt, für denselben einstehen werde**). Wir werden nicht zugeben, 

*) Erlass vom 19. Juni 1740. 

^^) Ludwig von Hessen-Darmstadt hatte als Schwiegersohn des letzten Grafen 
von Hanau dessen Allode geerbt Streitig zwischen ihm uad Hessen-Cassel als 
Erben der hanauischen Beichslehen war die Mobiliarverlassenschaft des Hauses 
Hanau und das Amt Babcnhausen. Burg und Stadt Babenhausen hatte im Jahre 
1372 Ulrich von Hanau aus seinem väterlichen freien Gut der Krone Böhmen zu 
Lehen aufgetragen. Dies gab dem böhmischen Lehnshof Veranlassung, sich in 
den Streit einzumischen. 


Schreiben Friedrichs II. an Mainz, 19. Juni 1740. 7 

.Jass mit Hitäansetzung des ordentlichen Rechts unrechtmässige Gewalt 
im Reiche zumal wider evangelische Fürsten und Stände verübet^ und 
Friede %md Buhe in demselben gestöret werde.''* 

Friedrichs Schritt verfehlte seine Wirkung nicht. Schon am 2. JuU 
berichtete die wiener Gesandtschaft: jyDie bei Rumpenheim gegeneinan- 
der gestandene beiderseitige Mannschaft ist schon in gutem Frieden 
icieder auseinander gegangen. Der mainzische Hof hat dem kaiser- 
lichen die Sache durch eine Species facti aufs Gehässigste dargestellt... 
Fs hat aber der kais. Geh. Etats-Secretarius Freiherr v. Bartenstein 
dem hiesigen kurmaimischen Minister zu erTcennen gegebeti, wenn das 
Factum und die Possession durch glaubwürdige Ursachen oder Zeugen- 
aussagen bescheiniget und dasselbe auf den Landfrieden qualificieret 
icürde^ werde die Kaiserliche Rechtshülfe an behörigem 
Orte und in seiner Ordnung nicht entstehen.'^ Man desavouierte 
in Wien das stürmische Vorgehen von Mainz, von dem Einschlagen der 
via facti durfte nicht mehr die Rede sein. Auch der Bischof von 
Wi^zburg erklärte nunmehr, ^^dass er ihnen zuforderst eine gründliche 
und verlässige facti speciem ausbitten müsse und alsdann, gestalten 
Dingen nach, des Davorhaltens sei, nicht via facti, sondern mit guten 
officiis allen Weiterungen zuvorzukommen.''' Nur das Dehortations- 
schreiben. welches Preussen gefordert hatte, blieb dem Kurfürsten von 
Mainz seitens des kaiserlichen Hofes erspart 

Um so entschiedener suchte der kaiserliche Hof in der Frage des 
hessischen recursus ad comitia mit seiner Auffassung durchzudringen. 
Die hannoverische Regierung hatte am 26, Mai 1^40 in einem Erlass 
an ihren Gesandten in Wien, Baron v. Lenthe, die Meinung geäussert, 
der Reichstag müsse in einem neuen Reglement die Fälle qualificieren, 
in welchen die Appellation von den Reichsgerichten an den Reichstag 
zviässig sei. Der Gesandte machte in einer vertraulichen Note von dem 
Inhält des Erlasses Mittheilung; der kaiserliche Hof beantwortete in 
icemg discreter Weise die Note durch eine leidenschaftliche^ aus Barten- 
steins Feder stammende*) Schrift, die in Regensburg vertheilt wurde.**) 

*) II (r^crit nouvel) est sorti d'une plume qiii trop ^prise de son vaste g^nie 
n'emploie presque jamaia le jugement pour peser et mesurer les termes. Borcke's 
Bericht 3. Aug. Vergl. dessen Bericht vom 17. Sept. bei Droysen V, 1, 73 
Anm. 1. 

**) Abschriftlich beim Bericht Pollmanns vom 28. Juli. Borcke berichtet aus 
Wien 17. Sept.: On est comme de raison fort fächö k Hanovre de ce que les 
minjstres de TEmpereur ont fait un si mauvais usage de ce que la dite cour leur 
avoit fait dire en confidence par son ministre ici. Pollmann in Regeusburg sagt 
dem kurböhmischen Gesandten : „es käme ihm befremdlich vor, dass eine Antwort, 
so von dem kais. Miuisterio auf einen partikularen Antrag eines einigen zu Wien 
sobsistierenden Ministers ertheilt worden, allen Comitialgesandten bekannt ge- 


g Der Rogierungsanfang. 

Sie enthielt die vöUige Ählehmmg der Vorschläge Hannovers: „dass 
diesfalls als in einer durch das natürliche und gemein geschriebene 
Becht^ auch des Reichs Grundgesetze, bereits entschiedenen Sache Iceines 
neuen Regulativs bedürfe, und endlich dass im Uebrigen, das ist ohne 
Hemmung des Laufes der Justiz in ganz liquiden Angelegenheiten 
L Kais. M. nach wie vor aufrichtigst erbietig seind, mit patriotisch ge- 
sinnten Kurfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs alle diejenige von 
denen Reichsgrundgesetzen gar heilsam vorgesehene Mittel und Wege, 
es seie mittelst Zustandebringung derer Kammergerichtsvisitationen oder 
sonsten, eifrigst miianzugehen, welche zur Beförderung der gottgehetlig- 
ien Justiz vortragend zu sein ermessen tverden können.^'' Es sollte mit 
andern Worten in der Reichsgerichtsverfassung Alles beim Alten, d. h. 
im Unklaren*) bleiben; es sollte vor Allem im vorliegenden FaMe der 
Landgraf von Hessen wegen seines Recurses an den Reichstag ge- 
demüthigt und zur Fügsamkeit gegen die Reichshofrathsmandate ge- 
nöthigt werden. 

Der kaiserliche Hof erreichte seinen Zweck nicht Kurmainz zog 
es vor^ sich unter Vermittelung von Kurbraunschweig gütlich mit dem 
Landgrafen von Hessen über die schwebenden Streitpunkte zu vergleichen. 
In einem Schreiben an Friedrich U. vom 31. October 1740^ das den 
Dank für des Königs energische Unterstützung ausspricht^ betont der 
Landgraf dass ^,sonder Zweifel hierdurch einzig und allein''' Kurmainz 
bewogen worden sei^ die hannoverische Vermittelung anzunehmen. — 

Das Schreiben vom 19, Juni 1740 ist von dem Geheimen JRath 
Weinreich aufgesetzt. Wo es veröffentlicht wurde, vermögen toir nicht 
anzugeben; es liegt uns erst in der 1746 erschienenen Helden- 
geschichte Friedrichs des Andern, U, 44, vor, wo auch die ein- 
lenkende Antwort des Kurfürsten von Mainz, vom 30. Juni^ abgedruckt 
ist. Die letztere war am 31. Juli 1740 noch nicht veröffentliclit. Der 
mainzische Gesandte in Regensburg hatte an diesem Tage die vom 
21. Juni datierte Antwort seines Kurfürsten auf ein Schreiben Georgs 2i, 
Herrenhausen 16. Juni, bekannt gemacht; Pollmann bemerkt, indem n- 
sie nach Berlin schickt: „Er soU auch ein anderes Schreiben in Händen 

maxiht werden wollte, ab ob der kurbraunschweigisehe Gresandte in Wien im 
Namen des ganzen Reichstags den Antrag gethan hätte.^ (Bericht vom 28. Juli.) 

*) Nicht bloss der französische Gesandte, bemerkt ein Bericht Pollmanus vom 
23. Juni, warf die Frage auf: „qu'est ce que les affaires de recours?" Es 
erschienen „Abgeforderte eilfertige Gedanken in puncto recursus ad comitia", die 
der wetterauische und fränkische gräfliche Agent Keipf^ „ein vieljähriger Practicus 
in comitialibus", zur Information des kurböhmischen Gesandten Graf Kherenhüller 
aufgesetzt hatte. 


Schreiben Friedrichs U. an Mainz, 19. Juni 1740. 9 

habffi^ so an Ew, K, M. abgegangen ^ welches er bis herzu nicht rou- 
hfrm lassen, tvetl dem Vernehmen nach die kaiserliche Minisiri solches 
missrathen haben soUen/*^ 


Es haben Uns des Herrn Landgrafen Wilhelm zu Hessen-Cassel 
Liebden unvermuthet zu vernehmen gegeben^ welcher Gestalt £w. Chf. 
Würden und Liebden zu Behauptung der ganz neuerlich prätendier- 
ten Landeshoheit über den hanau-Miinzenburgischen Ort Rumpenheim 
solche militärischen Anstalten vorgekehret, welche auf offenbare Thät- 
lichkeiten angesehen zu sein schienen^ indem fiast. die ganze Garnison 
aus Mainz nebst acht Canons^ und einer starken Anzahl bewaffiieter 
Bauern dahin commandieret worden ^ also dass das auf unstreitigem 
kanauischen Grund und Boden stehende WaJdenheimische Regiment 
sich stündlich eines Angriffs zu besorgen habe. 

Ew. Chf. W. und L. werden nach Öero hohen ßegabniss von 
i>elb8t ermessen, was dergleichen gegen einen benachbarten evan- 
gelischen Fürsten vorhabende Vergewaltigung^ wann solche ins Werk 
gesetzet werden sollen ^ für ein grosses Aufsehen im Reich erwecken 
würde, und wie leicht dadurch gefährliche Unruhe und Weiterung 
in dortiger Gegend entstehen könnte, welche aber zu verhüten; und 
Friede und Ruhe im Reich aufrecht erhalten zu helfen , die heilsame 
Reichsgeaetze Uns und andere Stände anweisen und verbinden. Wir haben 
Uns dahero nicht entbrechen können, Ew. Chf. W. und L. zuforderst 
dieses hierdurch wohlmeinend zu Gemüth zu fuhren, und tragen zu 
Dero bekannten Liebe zu Recht und Billigkeit das gute Vertrauen, 
Sie werden als ein vornehmer Churfurst in vorerwähnter Dero nachbar- 
lichen Irrung mit des Herrn Landgrafen zu Cassel Liebden vielmehr 
einer gütlichen Handlung oder allenfalls der ordentlichen Justizpflege 
Platz zu geben geneigt, als Dero etwa* zu haben vermeinende Befug- 
'iss sofort durch Gewalt der Waffen auszufuhren und solcher Gestalt 
•an landverderbliches Kriegsfeuer anzuzünden gesinnet sein, welches 
vielleicht zu Dero eignem grossesten Schaden aussphlagen möchte, 
^ann zumalen auch andere Stände, nach Massgab der Handhabung 
<les Landfriedens, dazu mitbeitreten sollten. Wie Wir dann Unseres 
^-^rts, nach Verordnung solcher Reichssatzung, und als ein Erbverbrü- 
derter des Fürstl. Hauses Hessen, auf bedürfenden Fall Uns nicht 
bürden entziehen können, vorher vermeldtem Sr. Liebden dem Herrn 
Undgrafen Wilhelm gegen unrechtmässige Gewalt und Beunruhigung 
den nöthigen Schutz und Hülfe zu leisten. 


10 ^^ Regierungsan&ng. 

Wir wünschen aber^ dass es zu solcher äussersten Weitläufigkeit 
nicht kommen^ sondern Ew. Chf. W. und L. Dero Truppen und Land- 
miliz fordersamst von denen hessen-hanauischen Grenzen zurückzu- 
ziehen und den obwaltenden Streit in Güte oder durch den Weg 
Rechtens abzuthun sich entschliessen mögC; als welches Wir £>ero- 
selben hierdurch freundlich und wohlmeinend anratheU; im übrigen 
aber Ew. Chf. W. und L. zu Erweisung angenehmer Gefälligkeiten 
jederzeit bereit und geflissen verbleiben etc. 

Berlin, den 19. Juni 1740. 


II. 


Schreiben Friedrichs 11. an den Bischof von 
Lattich, Wesel 4. September 1740. 


m Jahre 1/32 hatte Friedrich Wilhelm L nach langen Erbstreitig- 
tuen van der Herrschaft Herstall an der untern Maas, einem Theile 
t oranischen Erbschaft, Besitz ergriffen, *) Er sollte des neuen Ge- 
*rt<i? nicht froh werden. Die Einwohner des Ländchens widersetzten 
tt im preussischen Verwaltungsmassregeln und der Bischof von 
^ich, Georg Ludwig von Berghes^ der die Lehnshoheit über Herstall 
tanspruchte, unterstützte ihren Widerstand. Verhandlungen, wegen 
•ies Yericaufs der Herrschaft an den Bischof, zu welchem Preussen 
W bereit erklärte, zerschlugen sich, weil der Bischof und seine Stände 
Iw Capital von 100,000 Patagons, das für die Abtretung gefordert 
^i'de, nicht auszahlen, sondern nur verzinsen wollten. 

Friedrich H beschloss bei seinem Regierungsantritte, trotz der Vor- 
^^wiyen seiner Minister, die zum Nachgeben riefhen, dem ärgerlichen 
^^halinisse durch einen raschen und kühnen Schlag ein Ende zu 
^chm. Nicht die rebellischen Unterthanen, sondern den eigentlichen 
^Mgen, den Bischof, gedachte er seinen Arm fühlen zu lassen. An- 
^ September 1740, als der König seine westliclien Landestheile be- 
^<^, vcar der Augenblick zum entscheidenden Handeln gekommen, 

Am 4. September sandte Friedrich dem Bischof durch seinen Ge- 
^'wii üa^Ä Bambonr^t das folgende Schreiben, das sein Ultimatum 
'^'üaH. Der Entwurf zu demselben ist von der Hand Fredersdorffs, 
"'»< offenbar der König dictierte. Die Veröffentlichung erfolgte nicht 
■^^" pretissischer Seite^ sondern durch den Empfänger, in der „Exposi- 
''<^'J conire celle imprimde ä WeseV^ (vergl. unten S. 21). 

* VergL Droysen V, 1, 87 ff. 


12 ^^' Regierungsan&ng. 

Wesel, 4 sept. 1740. 
Mon Cousin. 

Connoissant toutes les atteintes que vous avez donn^es k mes droit 
incontestables sur ma libre baronie de Herstal, et de quelle manier 
les söditieux de Herstal ont iti soutenus depuis quelques aim^es dan 
leur d&ob^issance d^testable k mon ögard, j'ai ordonn^ k mon coo 
seiller priv^ Rambonnet de se rendre de ma part aupr&s de toqj 
pour vous demander en mon nom une explication sincire et cati 
gorique dans Tespace de deux jours, si vous voulez prot^ger les mt 
tins de Herstal dans leur dösordre et d^sob^issance abominables. A 
cas que vous me refusiez ou retardiez cette juste r^ponse, que je di 
mande avec raison, vous vous rendrez seul responsable devant vM 
la terre des suites que votre refus entratnera infalliblement apri 
8oi. Je suis etc. 


III— IV. 


Exposition | des Kaisons qiii ont port6 
a Majest6 le ßoy de Pnisse,! aux Justes repre- 
saiUes | contre le | Prince Ev^que de Liege. 

2 Bll. 4*. — Weseler Originaldruck. Geh. St-A.*) 


Factum. 

2 BIL 4». — Weseler Originaldruck ••). Geh. St. A. 


^s der Bischof von LüUich sich weigerte, innerhalb der ihm 
}ffifMten Frist von zweimal vierundzwanzig Stunden sich zu ent- 
fcfc^Wcn, brach am 11. September ein Commando Grenadiere und 
vragoner unter dem Generalmajor v. Borcke aus Wesel auf und 
^'ide die zum Stifte gehörige Grafschaft Hoom. 

Das Manifest und das demselben beigegebene Factum, die der 
i'^tral auf seinem Marsche verbreiten Hess, sind von Friedrich II, 
•f'i^ verfasst. 

yon der Exposition ist der eigenhändige Entwurf des Königs 
•*'' eine Abschrift desselben von Schumacher erhalten^ die dem 

*'• Die Stabe veranschaulichen die Brechung der Zeilen auf den Titel- 
5^utteni der Originaldrucke. — Bll. bezeichnet unpaginierte Blätter, pp. paginirte 

*) Von beiden Schriften erschien am 20. September auf Befehl des 
«ißaterhim» ein Nachdruck bei Haude in Berlin, und ein anderer in Begens- 
^'^ aaf Veranlassung des preussischen Gesandten (Bericht vom 29. Sep- 
Oiöerv Exemplare der Nachdrucke liegen uns nicht vor. 


14 ^6^ EegieningsanfiEing. 

Drucke 8u Grunde liegt; sie stimmt wörtlich mit dem Entwurf über ein 
bis auf ein Faar Aeusserlichkeiten: die Ueberschrifi Manifeste ist in 
Exposition etc. geändert, in der ersten Zeile ist hinter den Worten 
Sa MoQesti eingeschoben ,,h Roi de Prusse^\ und mm Schluss ist 
hinssugefugt: Wesel ce ... Sept 1740. 

Von dem Factum liegen vier Handschriften vor: 

A, ein Entwurf von Schumachers Hand, überschrieben Factum. 

B, ein Entwurf von derselben Hand, mit einigen unerheblichen 
Aenderungen, welche ihn als den jüngeren von beiden hennjseichnen. 
Am Rande ist von Fredersdorff bemerkt: „Factum de la propre main 
de S.M. qui a üi changi en aprds", — das heisst: Dieses Manuscript ist 
die Abschrift eines {uns nicht erhalten^} eigerJiändigen Entumrfs des 
Königs, der na,ckher umgearbeitet worden ist. 

Die spätere Umarbeitung liegt uns vor in 

C, einem eigenhändigen Entwurf des Königs, in der Form weit 
vollendeter als die ursprüngliche Fassung A, bez. B, die offenbar nur 
ein leicht hingeworfener erster Versuch war. Der König liebte es, zu- 
nächst ohne Rücksicht auf die Form seine Gedanken auf dem Papiere 
festzuhalten, — Ost dann ohne andere als orthographische Aenderungen 
dem Drucke zu Grunde gelegt worden. 

Die vierte erhaltene Handschrift^ D, ist eine gleichlautende Ab- 
schrift von C von der Hand Fredersdorffs : Factum de la propre main 
de S. M.f tel quHl a ötS imprimS en demier Heu. *) — Wir geben neben 
dem Texte des Factums, der zur Veröffentlichung kam (C D)^ auch den 
ursprünglichen Entwurf A mit den Varianten von B. 


Eine deutsche Uebersetzung der beiden Schriften des Königs er- 
schien in Nürnberg auf Veranlassung des preussischen Residenten 
Buirette von Oehlefeld, der sie mit den nürnberger Zeitungen als 
Gratisbeilage verbreiten Hess (Bericht vom 4. Oct): 

Erklärung der Ursachen^ tvelche Seine \ Königliche Majestät in 
Preussen zu denen gerecJir \ ten Represaillen wider den Fürsten 
und Bischoff \ zu Lüttich bewogen haben. \ MDCCXL. 

2. Bll. 4° (enthält die Exposition nebst dem Factum) — Geh. St-A. 


*) Nach dem Obigen berichtigt sich die Angabe, welche Ranke in den 
Zwölf Büchern Preussischer Geschichte (Werke 27. 28. S. 312) gegen Droysen 
V. 1, 97 aufrecht erhält, dass das in Wesel vom Könige eigenhändig entworfene 
Manifest schon in der Abschrift des Cabinetssecretärs ermässigt worden sei. 


Ezpositions des raisons. 1740. 15 

Ein Oircuiarrescript vom 17. September 1740, mit dem Exposition 
u»d Fachim den Gesandtschaften zugestellt wwrden und das Folhnann 
mBegensburg veröffentlichte (Bericht vom 26. Sept; abgedruckt: Eur op. 
Staatskanzlei LXXIX, 367; Heldengeschichte II, 90), ent- 
kdli keine neuen Argumente und ist in diese Sammlung nicht auf- 
genommen worden, ebensowenig ein „Discours in sübstantia, so der 
Chtrbrandenb. Comitialgesandte über die Herställsche Sache geßhref, 
d^fi PoUmann am 13. October dem mainzer Directorialgesandten schrift- 
M übergab. Abgedruckt: Europ. Staatskanzlei LXXX, 603. 


Exposition des raisons qui ont port^ Sa Majest^ le Boi de Prusse 
aux justes reprfeailles contre le prince 6v6que de Lifege. 

Sa Majestö le Roi de Prusse ayant iti poussäe k bout^ par les 
naQTais proc^^ da prince ^vöque de Li^ge, s'est vu forcäe k 
r^t de recourir k la voie des armes afin de r^primer la violence 
et laffront qae Täv^que a pr^tendu lui faire. 

Cette räsolution lui a coüt^ infiniment; d'autant plus qu'elle est 
äoign^e par principe et par nature de tout ce qui peut avoir le 
moindre rapport avec la rigueur et la söv^ritä. 

Mais se vojant forc^e par le prince de Liege k changer de con- 
duite, eile n^a pu prendre un autre parti que de soutenir la justice 
<ie ses droits , et de venger Tindignitö du traitement fait k son mi- 
nistre de Creytzen, de meme que le m^pris avec lequel ce prince de 
Li^ge n'a pas mßrne daignä r^pondre k la lettre du Roi. 

Comme trop de rigueur apporte de la cruaut^^ ainsi trop de mo- 
ieratioQ ressemble k la foiblesse. Ainsi; quoique le Roi eüt volontiers 
^acrifi^ ses interets au repos et k la tranquillitä publics^ ii n'a pu 
^n agir de meme par rapport k son honneur, et c'est lo principal 
Qiotif qui Pa d^terminä k prendre un parti si contraire k ses in- 
tentions. 

On a vainement tentd toutes les voies de la douceur pour 
^accommoder k l'amiable; on a vU; au contraire, que la mod^ration 
^^ Bot aogmentoit Tarrogance du prince ^ que la douceur donnoit 
^w ressources k sa hauteur^ et qu^enfin, au lieu de gagner par la bont^^ 
^^n devenoit insensiblement un objet de vexation et de möpris. 


16 


Der Begienmgsanfiuig. 


N'y ayant donc aucun mojen d'avoir justice qu'en se la faisant 
soi-meme; et le Roi ^tant assez grand piince ponr pouvoir se Tad- 
ministrer, il fera sentir au prince de Li^e tout le tort qu'il a eu 
d'abuser si indignement de sa mod^ration. 

Et malgr^ tant de maavais proc^däs de la part de ce Prince, le 
Roi ne sera point inflexible; satisfait de lui avoir montr^ qu'il peut 
le punir, et trop gön^reux pour Paccabler. 

Wesel, ce 11 sept. 1740. 


Faetnm. 

[Text des ersten Entwurfes — A-] 

Les Sujets de la seigneurie de Ucrstal, 
s'etant rebcll^ contre le Roi Tann^e 
1733, se mirent sous la protection du 
prince de Liege qui la leur accorda sans 
difßcult^. Ce prince avoit remu^ toute 
Sorte de cordes, et s'^toit send d'une 
infinit^ de voies sourdes afin d'excitcr 
les Herstalois contre le Roi leur maitre, 
et de s'arroger par Ik une souverainet^ 
8ur ccttc seigneurie que les princes de 
li^e avoient pr^tendue ') des temps des 
princes d'Orange, laquelle cependant ne 
leur avoit jamais 6t^ conc^öe, mais 
plutot con-test^e avec fondement et 
justice*). 

Le Roi d^funt*) tenta toutcs les voies 
de la douceur pour ramener les rebelles 
Herstalois k Toböissance, mais il n'y 
r^ussit jamais, et les pratiques du prince 
de Li^e foment^rcnt toujours la d^- 
ob^issance et le feu de la rebellion k 
Herstal. 


La modöration du feu Roi *) alla si 
loin qu'il s*offiit de vendre au prince de 


Varianten von B: 1) avoient toujours 
pretendue. — 2) mais contestöe par des 
protestations lögales. — 3) Le d^funt 
Roi. — 4) du Roi. 


Faetnm. 

[Text der Publication.] 

Les Sujets de la seigneurie de 
Herstal, s'^tant rebell& contre le 
Roi rann^ 1733, se mirent soiu 
la protection du prince de htihge, 
qui la leur accorda sans balancer. 
Ce prince s'^toit arrogö une sou- 
verainet^ chim^rique sur 1& sei- 
gneurie de Herstal, qui de tout 
temps lui avoit 6t6 contest^ par 
les princes d'Orange, premiera 
possesseurs de cette seigneurie. 


Quoique le d^funt Roi eüt tentö 
toutes les voies de la douceur pour 
ramener les rebeUes Herstalois ä 
Tob^issance, il n'y r^ussit jamais, 
tant le prince de Li&ge prenoit 
soin d'aigrir les esprits par les 
pratiques secrötes qu'il entretenoit 
avec les rebelles. 

Le Roi qui n*avoit d'autre In- 
tention que de m^nager ses voisins, 


Factum. 1740. 


17 


Liege la seigneorie de Herstal moyeimant 
Kvjm patacoDs, somine trSs-modiquc k 
IVfianl de Herstal, seigneurie situ^e le 
1 n^ de la Mcuse et dans une contr^c 
richf et Opalen te; mais comme eile se 
troiive au centre du pays de Li^e, et 
Mee des £tats du Koi, Sa Majest^ jugca 
cDQvenable de sacrificr cette seigneurie 
i son repos, afin d'^viter tout ce qui 
pumrroit causer du trouble, ou avoir la 
moindre temtare dlnjustice. 


Lc prince de Li^e ayant fait sem- 
lUnt d^acc^ter les ofires du Boi au 
• ommencement de la n^gociation, les 
tlüda (^nsuite par divers moyens; il mal- 
^ta mOme extr&nement*) le colonel 
Cneytzcn que le Roi lui avoit fait l'hon- 
^j«Tir de lui envoyer en qualit^ de 
miiustre de sa part Tant de mauvais 
I»r.>cede8 de suite ne pouss^rent pour- 
-^t point k bout la patiencc du Boi, 
•fii vouloit par la douceur couvrir le 
prince de Li^e de confusion. 


Dans ces entrefaites il plut k Dieu 
^m dinge selon sa sagesse iufinie toutes 
l(s vicifiBitades du monde, de disposer 
1« joare du Boi et de le retirer k 


5) Le prince de Li^e n'accepta 
P^t les offires du Boi, au contraire 
»l tnaltraita extr&nement. 

^^i^MMtsehe StMtwchriften. I. 


et leur faire sentir les effets de sa 
mod^ration^ s'offrit de vendre au 
prince de Li^ge la seigneurie de 
Herstal moyennant 100/m. pata- 
cons, somme tr^s-modique k Togard 
de Herstal, seigneurie situde le long 
de la Meuse et dans une contree 
riebe et opulente. Mais comme 
Fendroit de Herstal est aux portes 
de Li^ge, et isol^e des Etats de 
Sa Majest^y le Roi jugea cön- 
venable de rompre par cette vente 
le cours d'une infinit^ de cbicanes 
et de disputes qui ne pourroient 
que le distraire d'occupations plus 
importantes, et dont la fin ne pou- 
voit qu'^tre d^savantageuse pour 
le prince de Liege. 

L'offre de la vente trouva tant 
de contradiction de la part de ce 
prince que quoique Pon put faire, 
cette nögociation ^choua. 

Non content de d^sobliger le 
Roi k tant de reprises, le prince de 
Li^ge prit k täche d'affronter le 
colonel de Creytzen que Sa Majest^ 
lui avoit fait Tbonneur de lui 
envoyer en qualitö de ministre 
chargä d^affaires ; on lui arretä ses 
effets^ on le traita avec m^pris, 
et le prince pronon9a dans son 
emportement des paroles dont tout 
autre qu'un prince aussi mod^r^ 
que le Roi Teüt fait repentir. 

Dans ces entrefaites il plut au 
Tout-Puissant qui dirige, selon sa 
sagesse infinie, toutes les vicissi- 
tudes du monde de disposer des 


18 


Der Regienmgsanfang. 


lui,') poor r^compenser sa mod^ration 
et 8a patience. 


Apr6s la mort de Fr^^iic-Guillaiune 
les sujets de Herstal rcfus^rent de pr6ter 
sermcnt au uouveau Roi malgr«^ les 
ordres r^iter^s et les rcmontranees qu'on 
leur fit k ce sujet 

Le prince de Li^e nc manquoit point 
de son cot^ de nourrir leur obstination 
ce ^ui rendoit toutes les promesses de 
pardon et toutes les mcnacos inutiles. 


Sa Majc8t6 se voyant pouss^c k bout 
r^lut d'envover son couseiller de Kam- 
bonnet avec une lettre au prince de 
li^e pour lui demander r^ponee cat6- 
gorique s'il prdtendoit s'arroger la sou- 
verainct^ sur la seigneurie de Herstal, et 
s'il youloit soutenir les rebelles? A quoi 
ce prince ne daigna m&ne de rdpondre. 


La mesure 6tant combl6c, et le Roi 
ne pouvant pas pousser sa mod^ration 
plus loin sans faire souffiir son honneur, 
a ^t^. obligö d'avoir recours k la voic 
des armes, et pour punir le prince de 
li^e de ses mauvaises pratiques qui 
ont occasionne la rebellion des Herstalois, 


6) k soi. 


jours de Sa Majest^, 6t de la re- 
tirer k soi^ aprts avoir tennin^ 
un r^gne k Jamals glorieux et m^- 
morable. 

Le serment de [fidälit^ que le 
Roi exigea des Herstalois ä son 
avänement k la couronne lui Ait 
refus^^ quelque remontrance qu'on 
leur eüt faite k ce sujet; et malgr^ 
le pardon qu^on avait promis aux 
auteurs de la rebellion. Le prince 
de Li&ge^ toujours rempli de sou 
projet d'usurpation, soutenoit les 
rebelles et nourissoit leur obstina- 
tion avec tant d'adresse qu*on em- 
plojoit en vain les bonnes paroles 
et les menaces. 

Le Roi ne voulant rien pröci- 
piter et n'ayant rien plus k coeur 
que de cultiver l'amitiö de ses 
voisins temporisa encore jusqu'k 
son arrivöe k Wesel, d'oü Sa 
Majestä envoya le conseiller Ram- 
bonnet avec commission de de- 
mander au prince de Liöge une 
röponse catägorique s'il vouloit 
persister k s^arroger la souverainet^ 
sur la seigneurie de Herstal, et 
k soutenir les rebelles, ou s'il vou- 
loit s'en ddsister formellement en 
abandonnant les auteurs de la re- 
bellion? A quoi ce prince ne 
daigna pas mdme k r^pondre. 

C'^toit ajouter Tinsulte k Tin- 
justice, ce qui attaquant directe- 
ment Thonneur du Roi, Sa Majest^ 
a ^t^ forcäe par le prince de 
Lifege de renoncer dans cette oc- 
casion k sa mod^ration ordinaire 


Factum. 1740. 


19 


la perte de sa prötendae^) souverainet^ 
et ponr reprimer Tinsolence de ce prince 
qni ^toit pairenu k son comble, Sa 
MajeBt& a 6t6 forc^e de s^emparer du 
comt^ de Hoom et de la yille de 
MaJX3eychi qni ne sont proprement que 
r^quiv^alent de la seigneurie de Heratal 
usarpte par le prince de liöge.*) 


7) Das Wort ist in A unterpunctiert, 
in B feUt es. Vor la perte scheint par 
za fehlen. — 8) in B folgt noch: k 
Wesel ce ... Sept 1740. 


et de lai faire ressentir les effets 
de son Indignation sur la rebellion 
des Herstalois par lui fomentäe, 
sur les mauvais traitements faits k 
son ministre de Creytzen ; sur la 
souverainet^ qu'il s'arroge injuste- 
ment sur Herstal, et sur la fa9on 
möprisante avec laquelie il n'a 
pas daign^ räpondre k la lettre 
du Roi. 

Pour cet effet; Sa Majestä a 
fait marcher des troupes dans le 
comtä de Hoom pour j rester 
jusqu'k ce qu*il plaise au prince 
de Li^e d'eniendre raison^ et de 
donner les mains k un accommo* 
dement juste et honnSte. 

k Wesel, ce 11 sept. 1740. 


2* 


V. 

Exposition | Fidele, Et Succincte, Des 

Proced^s | Irreguliers, Et Des At- 1 Tentats, | 

Du I Prince & Evöque | De Liege, | Contre | Les 

Droits Incontestables | De | Sa Majest6 | Le ßoi 

De Prasse, | En Qualit^ | De Seigneur | De La 

Libre Et Franclie | Baronie De HerstaL 

MDCCXL. 

18 pp. foL — Berliner Originaldrack — Geh- St.-A. 


y on Wesel aus Hess d<r König am 11. September dem austvärtigcn 
Amt die Weisung zugehen, dem 3Ianifest ,^die erforderte historisch 
Ausfuhrung aller begangenen hisolenti(m des Bischofs per tnodum der 
Beilagen anzuhängen!'^ Die Arbeit übernahm Vockerodt unter Mit- 
mrkung von Podeivils; der Druck der Exposition fidhle et 
succincte erfolgte bei Haude, 

Zugldch Hess Podeivils in der Gäbertschen Hofbuchdruckerei eine 
bereits 1737 gedruckte Deduction neu auflegen, das 

Memoire \ Historique \ Et \ Juridique, \ Oit Ton fait voir: 
I Que les irois präendus Traites, d^ 1546 S \ 1548 S 1555 pour 
une Echange de Herstal, \ contre la Terre oü fut bäti Marinh 
berg, \ sont nuls de taute nullit^, <& que | par consiquentj \ Le 
Prince de Liege, \ N'a aucun droit ni de Relief ni \ de Juris- 
diction I Sur Herstal. \ ä Duisbourg, \ ä Vlmprimerie de Jean 
Sas, I Anno MDCCXXXVU. 

il pp. fol. — Geh. St,-A. i 

Der neue berliner Druck umfasst gleichfalls 4Sf pp, foL, ohne Oriy 
mit der Jahreszahl MDCCXL*). Das Memoire ist abgedruckt in der 

*) Auch hiervon erschien (nach dem Bericht PollmannB vom 20. Oct) ein uns 
gleichßills nicht vorliegender Nachdruck in Regensburg. 


Exposidon fidSle et succincte. 1740. 21 

Europ, Staatskamlei LXXVII^ 482. Es erörtert die früheren 
Verhältnisse der Herrschaft Herstall ^ sodass die Exposition, fidble 
ei succincte für die eigentliche Rechtsfrage auf das Memoire ver- 
weisen und sich auf die thatsächlichen Ereignisse seit dem Anfall der 
Baronie an Preussen beschränken kann. 

Am 25. Septemier legte Podewils beide Deductionen dem Könige 
vor: ,,heureux, si Tune et Vautre trouveront Vapprobation de V. M. 
seul siige compStent de ces sortes de productions.''*^ Am 1. October 
gingen die Schriften an die Gesandtschaften ab. 


Zwei weitere preussische Kundgebungen wiederholen lediglich die 
Äusßhrungeti der Exposition fid. et succ, in gekürzter Form: 

1) Schreiben Friedrichs IL an den Bischof von Lüttich , Berlin 
24. September 1740, 

die von Podewils aufgesetzte Entgegnung auf ein Schreiben des 
Bischofs vom 11. September. Podetvils schickte, weil der Bischof das- 
selbe veröffentlichen Hess, *am 1. October auch diese Antwort zum Ab- 
druck an die Gazette de la Haye (Bericht an den König, vom 
^f. October). Abgedruckt: Rousset, Recueil historique XIV, 324. 

2) Reponse ä TExposition que VEvegue de Li^e a fait publier 
contre celle du Roi, 

Die Schrift liegt uns vor in der Gazette de Cologne vom 
28, October; der Einzeldruck, den der preussische Gesandte im Haag 
T^anstalten Hess (Bericht vom 21. Oct), ist uns nicht bekannt. 

Das Gegenmanifest des Lütticher Bischofs, auf welches sie repli- 
eiert, fuhrt den Titel: 

Eocposition \ Contre \ Celle \ Imprimee \ ä Wesel le U, Septem- 
I bre 1740, \ A Liege, De Vlmprimerie d'Everard Kints \ Im- 
primeur de Son Altesse 1740, 

12 pp. 4° p. 12 unten: feit k Li6ge le 18. Septembre 1740*) — Geh. 
8t.-A. — Abgedruckt: Europ. Staatskanzlei LXXIX, 297. 

Podetvils bemerkte, als er die Schrift am 29. September dem Könige 
übersandte, es sei bereits AUetn, was sie vorbringe, in der Exposition 
fid. et succ. und dem Memoire hist, et jur. vorweg begegnet, 
£mi Cabinetsschreiben vom 5. October verfügte indess: Leprince ivSque 
if liege ayant fait remettre dans les gazettes de Hollande et de Cologne **) 

*) Gen.-Maj. von Borcke schickt die Schrift am 22. aus Maaseyck, Räsfeld 
i^ 27. ans dem Haag. Am 20. war sie nach dem Bericht des preussischen Besi- 
denten von Hetzler in Lüttich noch nicht ausgegeben. 

•*) Gazette de Cologne, 27 sept 


22 ^ev Regieningaanfang. 

ses püces justificaioires tauchant notre dimiU^ je Irouve cotwenahk 
paur en anianUr ou affaiblir Timpression, que votus faisiez aussi m- 
s^er dans les susdites gaeettes un court extrait bien ioumi des pihces 
imprimies pour soutenir ma cause. Vous y devejs employer une bonne 
plume capable de s'exprimer avec ordre et pr^cision." Duhan verfer- 
tigte darauf den Ausssug unier dem obigen Titel*)^ der am H. Odoher 
an den Gesandten im Haag abging , um durch dessen Vermittelung m 
die Zeitungen eu gelangen. Abgedruckt: Bousset^ Recueil historique 
Xir, 328. 


Exposition fidöle et succincte des procödds irr^guliers, et des 

attentats du prince & övdque de Liöge, contre les droits incon- 

testables de SaMajest^ le roi de Prusse, en qualit^ de seigneur de 

la libre et franche baronie de Herstal. MDCCXL. 

La libre et franche baronie de Herstal, andennement ind^pendante, et fief im- 
mddiat de TEmpire, a relev^ depuis le 15. si^le du duch6 de Brabant; mais le 
droit de relief, que les ducs de Brabant y exerc^nt depuis ce temps-lÄ, se bornoit 
au simple hommage, que les seigneurs de Herstal 6toient oblig^ de leur prSter. 
Au reste entiörement exemts des Services et charges que la qnalitä de vassal 
exige communement , ils jouissoient de tous les droits et avantages que poss^ent 
les princes d^Allemagne, et m§me on n'appeloit de leurs sentences qu'anx triba- 
naux de l'Empire. 

La Situation de Herstal, qui est aux portes de Liöge, exdta la convoitise des 
^vdques dei cette yille, et comme T^glise possMoit un territoire que la reine 
Harie, gouvemante des Pays-Bas, pour son fr^re Tempereur Charles-Quint, ddsiroit 
ardemment, ils profit^ent de cette occasion, et proposörent un troc de ce territoire 
contre Herstal. Les ministres de la reine sachant, que les droits du maitre sur 
cette baronie ne consistoient que dans le simple relief, y firent ais6ment consentir 
cette princesse, de sorte que le contrat d*^hange fnt conclu sans difiBcult^, et 
sign^ 4 Binche le 6 mai 1546. 

n n*en fiit pas de m^e, lorsqu'il fut question de Tex^uter. Les oppoedtionB 
des tuteurs du prince d^Orange, seigneur de Herstal, et Celles des ^tats de Brabant 
y formörent des obstacles insurmontables. La reine m&ne reconnut ing^ument 
qu'elle n^^toit pas en droit de donner k ce prince malgr^ lui un autre seigneur 
f^odal, et ra£faire resta au croc, pendant pr^ d'nn siöcle. 

Ges difficult^ ne rebut^nt pourtant pas les ^y6ques de Liöge: constamment 
attach^s k poursuiyre leur but, et ne le pcrdant jamais de yue, ils surent si bien 
prendre leur temps, que pendant la minorit^ du prince GuiUaume d^Orange, depuis 
roi de la Grande-Bretagne, ils obtinrent de Tarchi-duc Leopold, alors gouvemeur 

*) Im ersten Satze wird 'der Titel des gegnerischen Manifests bekrittelt: 
L'^v^ue de Li^e vient de faire publier une brochure portant le titre Strange 
Es^sition contre celle imprim^e k Wesel. 


[Exposition fidöle et sacdncte. 1740. 23 

des Pays-Bas, le transport effectif du droit de relief de Herstal, en faveur de leur 
^lise, et Tacte en fiit sign6 et mis en ex^ution k main ann^e, le demier d^octobre 
1655, malgr^ les oppositions et les protestations des tuteurs et tutrices du prince 
d*Orange. 

Tout ceci £tant amplement dMuit, dauB le Memoire historique et juridi- 
qn e ci -Joint, que le feu Koi de Prasse a fidt publier au sujet de la qualitä de la baro- 
nie de Herstal, Ton 7 renvoit le lecteur, et il seroit inutile d'en parier davantage, 
parce qu^on n^y a rien avanc^ qui ne soit conforme aux piöces justificatives, dont 
la coor de Li^e n*a jamais os^ r^voquer en doute Tauthenticit^ ni combattre les 
condusions que Tauteur en tire* On y montre clairement, que 8. A. Tövdque et 
prince de liöge n^a aucun droit ni de relief ni de Jurisdiction sur la baronie de 
Herstal; Jet quand m&ne le feu roi Guillaume in de la G-rande-Bretagne, comme 
prince d'Orange, se seroit accommodd lä-dessus avec Tövdque, d'une maniere pr^ 
judiciable k sa maison, un pardl accommodement ne sanroit tirer k cons^uence, 
ni pr^judider aux droits incontestables des h^ritiers de la maison d'Orange, qui ne 
d^vent pas leur droit du demier mftle de cette maison, mais du fiddcommis qui 
y a ^t^ ^tabli par le prince Fr6d6ric- Henri, car c*est de lui que la maison royale 
de Prasse tient tous ses droits sur cette succession, du chef de sa bisaieule, n^e 
princesee d^Orange. 

Les archives de cette maison ayant 4t6 inaccessibles k Sa Majest6 le roi de 
Prasse Fr^^ric ler de glorieuse memoire, pendant la contestation qui s'^leva 
entre lui et le prince de Nassau-Dietz sur la succession d^Orange, apr^s le d^ös 
du roi Guillaume III de la Grande-Bretagne, il lui a 4t6 impossible de s'informer 
d*abord au juste des droits qui lui appartenoient k T^ard de la baronie de Herstal. 
Ainsi il n'est pas ^tonnant ni ne peut porter aucun pr^judice aux droits de la 
maison royale de Prasse, que le feu roi FrM^ric I«r tächant de se mettre en 
poBseasion des biens qui lui ^toient ddvolus par la mort de Sa Majest^ Britannique 
et pour ne manquer k aucune formalit^, qu*il supposoit alors 6tre n^essaires, ait 
demand^ k la cour fSodale de li^e Tinvestiture de ladite baronie. 

Feu le roi Fr6d6ric-Guillaume, k son avdnement k la couronne, jugea k propos 
par la m^e supposition, de la faire renouveler: ce que 8a Majestä ne fit pour- 
tant qu*avec cette condition expresse, que par cet acte eile ne pr^tendoit pas re- 
nonoer aux droits que lui d^ouvriroient, avec le temps, les archives de la maison 
d*Orange, lorsqu'elle en auroit obtenu la communication, et qu'en cas qu'il se iüt 
introduit quelque nouveaut^, qui püt donner atteinte k ses droits, eile ne vouloit 
pas y toe tenue: r^servation que Sa Majest6 d^non^a clairement k T^lecteur de 
CJologne, alors ^§que de Li^e, dans une lettre qu^elle lui äcrivit, et k laquelle 
S. A. Electorale acquies9a. 

Peut-toe, que Sa Majest^ ne se seroit pas roidie k refiiser de reconnoitre 
r^dque de Li^e pour seigneur fik>dal d'une partie de la baronie de Herstal, (car 
au fond il lui importe peu, que ce soit k Liöge ou k Bruxelles qu*elle en ÜEusse 
prendre le relief) si T^y^que se füt content^ des droits honoraires que cette qualitö 
donnoit aux anciens ducs de Brabant, les seuls, que le roi d^Espagne, en qualitö 
de duc de Brabant, lui avoit pu transförer. 

Mais ce n^^toient ^as 14 les seules yues de la cour de li^e. D^ le moment 
qu^elle se fht mis en tdte d^acqu^rir les droits des ducs de Brabant sur la baronie 
de Herstal, eile prit aussi le dessein de les ^tendre, et de mettre par degrö le 
seigneur de Herstal au niveau avec le reste de ses vassaux. La minorit^ du demier 
prince d^Orange, les embarras oü il 6toit engag^ ailleurs, et les guerres presque 
continuelles dont ces proyinces furent agit^es durant sa vie, donnörent occasion 


24 ^^^ BegienmgsanBEuag. 

au conseil priv6 de li^ge, d'exercer k Herstal diffßrens actes de jurisdictioi]. 
jusque-lä. inusiti^; et la dispute qui survint ensuite au sujet de la saccession 
d'Orange, lui laissa le champ libre pour les multiplier k rinfini. 

La source des pr^tentions des princes et 6v6ques de lÄ^ge 6tant viciense, tont 
ce qui en d^coule doit aussi Tetre infiniment. 

Ces princes sc sont arrog^ une souverainet^ et Jurisdiction sur la libre et 
franche baronic de Herstal, que la maison d'Orange leur a toujours contestcn\ 
ayant mSme reiust^ de reconnoitre, comme on a yu ci dessus, la validit^ du trans- 
port que la maison d'Autriche, en qualitö de duc de Brabant, fit da droit de 
relief aux princes et (^vßques de Li^e. 

Mais supposons pour un moment, que les princes d'Orange et leors successeius 
dans la seigneurie de Herstal eussent voulu reconnoitre ce droit de relief, trans- 
port^ aux ^veques de Li^ge, s'ensuit-il de \k, que ces demiers puissent s^attribuer 
ime souyerainct^ et une Jurisdiction illimit^e sur cette baronie? Ne voit-on 
pas tous les jours des exemples dans r£mpire et hors de TEmpire qui prouvent 
que le droit de relief ue donne ni Jurisdiction ni souyerainet^ k ceux qui en 
jomsssent? 

Le royaume de Naples rel^e du saint-si^e, cependant le roi des Deox-Siciles 
ne voudroit pas reconnoitre le pape pour son souverain. L^ile de Malte est 
dans le m^e cas par rapport k TEspagne , qui ne s^arroge aucune Jurisdiction 
pour cela sur le grand-maitre de Malte. Dans TEmpire, le roi de Danemaic 
relöve le pais de Budjadingen de la maison de Brunsvic - WolfPenbuttel ; et le Boi 
de Prasse plusieurs fie& des abesses de Quedlinbourg et de Grandersheim de meme 
que de T^veque de Bamberg. Mais ni les uns ni les autres ne pr6tendcnt tirt? 
de ce droit celui d'une Jurisdiction illimit^ sur tous ces fiefs, et enoore moins 
une espöce de souyerainet^. 

Comment le prince et öy§que de Li^e peut*il donc se mettre dans Tespiit 
de youloir excrcer Fun et Tautre sur une terre qui NB., pour la distinguer de« 
autres, a 6t& qualifi^e dans les documens publics et les chartes qu^on en a de 
libre et franche baronie? Nom qui seroit inutile, si cette seigneurie deyoit 
6tre confondue ayec tout le reste des autres terres titr^es qu*on trouye en si graud 
nombre dans les Pays-Bas et dans T^ygchd de Liöge, sans qu'une seule porte 
ce titre-Uu 

Mais la cour de Li^e ne s^arrSte pas k ces prötentions seules de souycrainete. 
Elle ya plus loin: les droits de police, T^tablissement des magistrats, les ordon- 
nances sur les impdts, et tant d'autres branches de Jurisdiction, dont les ^ydques 
de Liöge ayoient laisse jouir tranquillement les princes d'Orange, ont et6 contest^ 
de la mani^e la plus iuouie, au feu Boi de Prasse. 

Ce fut en yain, que Sa Majest^ proposa k Töy^que de terminer par un 
accommodement k Taimable les diff^rens qu'ils ayoient sur ce sujet, et que pour 
lui donner une preuye 6yidente de la sinc^rit6 de ses intentions, eile offiit, de 
laifiser, en attendant, les choses dans T^tat oü dies ayoient ^t6 du t-emps de S. M. 
Britannique; que de plus Sa Majest^ leya effectiyement la defense qu*elle ayoit 
falte, de porter des appels au conseil priy6 de Li^e, proyisionellement pourtast, 
et sans pr^judice de ses droits. # 

n est yrai que T^y^ue y rdpondit en des termes tr6s-polis en apparence, en 
acceptant VoSre que Sa Majest^ lui fedsoit et en t^moignant une forte enyie de 
yiyre dans une parfaite intelligence ayec eile. Mais la suite fit yoir que tout 
ceci n^^toit que de belies paroles, et que le conseil de Li^e, loin de concourir au 
bat salutaire que Sa Majestö se proposoit, n^ayoit d^autre dessein, que d'aigrir les 


Exposition fidöle et succincte. 1740. 25 

cbo?« de plus en plus, et d'employer des manoeuvres sourdes, pour r6duire insen- 
>iWflnent Sa Majest^, fatigu^e et lass^e des chagrins et des embarras que lui 
iiii-**roit nn aus« petit objet que la baronie de Herstal, 4 se relächer de ses 
liroits, et k accorder k T^lise de li^e une plus grande autorit^ qu'clle n*y avoit 
^e jusqa'alors. 

Dans ce dessein, le conseil de Li^e r^lut de s'attacher plus particulierement 
1-^ habitans de Herstal, gens naturellement inquiets, turbulens, et enclins k se 
üiatiner contre leur maitre. On les dötouma de rattachement et de Tob^issance, 
üue a leur seigneur legitime. On employa, pour cet effet, divers 6niissaires 
Liegeois, particulierement un certain de Fawes, se qualifiant avocat de la cour de 
Li^e. qui apr^ s'Stre acquis beaucoup de cr^it parmi les habitans de la baronie, 
HP Temploja que pour leur inspirer l'esprit de r^volte, et pour les y fortifier, en 
li2« asdurant de la protection de leur pr^tendu souverain, et pour les porter k 
UD m^pris ouvert des ordres du Roi et k des d^marches insultantes envers ses 

*>ffici€TS. 

Sa Majeste inform^o des intrigues que cet homme tramoit contre ses int^r§ts 
De auinqua pas d'en porter des plaintes k V^v^que de Li^ge, et de demander, que 
i'aodace de ce sc^l^rat fiit r^prim^e, et qu'il lui fiit d^fendu de se mMer des 
ä&ins de la baronie. Mais le conseil priy6 fut sourd k cette juste demande. De 
Fawes remplissoit si bien ses vues, qu*on ne voulut Tabandonner, ni le ch&tier 
comme il Tavoit m^rit^. 

On ne tarda pas m^me k Li^ge k se dömasquer tout a fait, et le conseil 
d«)ima bientot oavertement aux r^volt^ de Herstal les preuves de la protection 
<i'>Dt jusques \k il ne les avoit fait assurer que sous main. 

L'^lection des bourgmestres s^^tant fsdte tumultuairement aux plaids g6n€- 
nai de Tann^ 1734 sans la concurrence du seigneur, qui a un droit incont^stable 
iy presider par ses officiers, ainsi que cela s'est pratiqud de tout temps sous la 
•i<?mination des princes d^Orange, et les ^lus n'esp^rant pas d^obtenir leur confir- 
Qiation de Sa Majestä le Roi de Prusse, s^adressörent au conseil de lAäge, et de- 
Bumd^rent d*en Stre confinn^s dans leurs charges. Bien que ce füt une chose sans 
cx^mple, Foccasion d'^tendre les droits de la pr^tendue souverainet^, et de brouiller 
(Uviuitage le maitre avec les sujets, cette occasion, dis-je, ^toit trop belle pour 
«tie n^lig^ Aussi n'eut-on garde de les renvoyer, et on leur accorda la con- 
iinnation qu'ils avoient demand^c, sans se mettre en peine des droits incontestables, 
'pe le seigneur de Herstal a exerc^ de tout temps par rapport k cet article. 

Pea apr^ le conseil de li^e eut une nouvelle occasion, d'empi^ter sur les 
*in>it8 du seigneur de Herstal. Les che& des r^volt^ avoient besoin d'argent, pour 
!it>tttettir et poucsuivre les d^marches, qu'ils avoient commencdes contre Sa Ma- 
i^ et les officiers. II falloit donc ^ire une imposiüon sur la communaut^. 
Maia cela ne se pouvoit qu^avec le consentement et par les ordres du seigneur, k 
'1^ le droit de taille, aussi bien que celui de police, appartient privativement, de 
laveu de la cour de lAhge m6me; et Fargent devant 6tre employd contre ses in- 
t^rgts, il n'y avoit point d^apparence d'en obtenir le consentement Le conseil de 
U%e fut assez officieux pour les tirer d'embarras. U les autorisa de son chef 
<^ imposer une demie taille k la communaut^, et pour ne pas faire la gr^Q k demi, 
il leor offiit m^e ses propres sergeants, pour contnundre au payement ceux qui 
i^Qioient voolu s'y soustraire, et qui reconnurent le tort manifeste qu'on fedsoit en 
^ aux droits seigneuriaux. 

Efifin, quoi qu'il soit Stabil exprese^ment, par les r^glemens faits sous la do- 
ii'iiiation du fen Boi de la Grande-Bretagne, que les comptes des deniers de la 


26 ^6r Regierungsanfang. 

communaut^ doivent dtre rendus par-devant les officien du seignear, la cour de 
Li^e ne laissa pas d'en diapenser de sa propre aatoritö , et en cons^quence de 
809 principes, les bourgmestres de Herstal, k condition qua la reddition des 
comptes se fit en pr^sence de commissaires. 

Toutes ces entrepriBes et plosiears antres qu^il seroit trop long de d^tailler, 
se ÜEtisant en 1734 et 1735, il auroit 6tä trös-ais^ au fen Roi de Pruase d'en £Eure 
repentir les auteurs. La conjoncture Ty invitoit et ne pouvoit @tre plus favorabk 
II avoit assez de troupes k port^e, pour ex6cuter ce dessein, sans d^gamir ses 
places, et avant que Ton eüt pu 8*7 opposer. 

Cependant, Sa Majestd, pr^förant toujours les voies de douceur k Celles de b 
s^^rit^, se contenta d'envoyer k liöge le colonel de Creytzen, drossard de 
Herstal, charg^ de repr&9enter fortement k T^dque Tinjustice du proc^^ de 8on 
conseil, et de le requ6rir, d'y remddier promptement d^une maniöre conyenable de 
lui faire donner la satis^Eiction qu'exigeoit Tinsulte qu'elle en avoit re^ue, et de 
fiairc cesser en attendant les attentats qui se commettoient contre ses droits les plus 
incontestables. 

La r^ponse de T^vdque ne fiit rien moins que satifffaisante. Le conseil qoi 
Tavoit dict^e soutenoit hautement ses d&narches, et pr^tendoit n^avoir rien £ut 
que ce que la souverainet^ de T^lise de Li^e sur la baronie de Herstal Tautori- 
Roit de faire, avertisscment qui £u8oit assez connoitre k Sa Majest^, k qnoi eile 
devoit s'attendre, si eile reconnoissoit cette souverainet^ sans en döterminer bleu 
ezactement les limites. 

Le Roi n^nmoins ne perdit pas encore Tesp^rance, de porter l'^vdque k on 
accommodement juste et raisonnable. Comptant sur la pi^t^ et F^quit^ d'un prince 
eccl^astique, Sa Mtyest^ se flattoit, qu*il se prSteroit k ce que la justice en ezigeoit, 
pourvu qu^on put dissiper la pr^vention oü il paroissoit 5tre par rapport k ses 
droits, lesquels, sans les avoir bien examin^, il r^ardoit toujours comme incon- 
testables. 

Dans cette yue, Sa Majest^ lui fit proposer de remettre la d^cision de leois 
diffi^rens k des arbitres, et de laisser, en attendant, toutes les choses in statu 
quo, & condition pourtant, qu'il r^voqu&t la protection que son conseil avoit iu- 
lustement accord^e aux r^volt^ de Herstal, et qu'il assbt&t Sa Majestö k les ra- 
mener k leur devoir. 

Mais le conseil de Liöge trouvoit trop bien son compte au d^rdre de 
Herstal, pour le faire cesser. De sorte que la proposition duBoi fut rejet^e, sons 
pr^texte, que T^Sque ne pouvoit pas mettre en compromis les droits qui, selon 
lui, appartenoient incontestablement k son ^lise, et dont eile 6toit en possessioiL 

Ainsi la r^volte de Herstal continua, et les ann^es suivantes furent marquee^ 
par de nouveaux attentats contre les droits du Boi, tant de la part des liabitam 
de Herstal, que de celle du conseil de lÄkge. 

Les mutins de Herstal ayant derecbef ^lu des bourgmestres, sans la con^ 
currence et le consentement de Sa Majestä, le conseil de Liöge, sur leur demandc^ 
ne fit pas difficultä de les confirmer, nonobstant la contradiction et la protestation 
du colonel de Creytzen. 

Et comme les ^chevins de Herstal n*avoient pas voulu participer au crime d£ 
leurs compatriotes, mais s'^toient tenus constamment attach^ k leur seigneor, et 
avoient respectö ses ordres, le conseil de Liöge se fit un plaisir de les mortifier, 
en leur faisant diff&rentee cbicanes, k Toccasion d'un proc^, intentö par un bonr 
geois de Li^e contre un des ^bevins, et Fayant injustement ^oqu^ par-devani 
son tribunal, il se mit en devoir de faire exdcuter la sentence k Herstal par sa 


Exposition fidöle et succincte. 1740. 27 

propres officiera, bien que, selon les constitutions du pajs, dans le cas mdme o& 
Tappellation est pennise, ce n'est pas le tribanal supdrieur qui fait faire Tex^cution 
par ses sappöts, mais la cour de justice de Herstal, qui en est ordinairement requise, 
par le tribimal. 

En vain S. M. le Boi de Prusse repr^nta k T^vdque Tinjustice de rirr^gularit^ 
de ce procM& Les gens de son conseil, qui le gouvernoient, n^eorent ancun ^gard 
k ces instances, et toute la r^ponse qu'on en tira fut qu^un tribunal souverain dtoit 
en droit d*en agir conune il avoit fiiit. 

Enfin ponr d^onrager tont k fait ceux d'entre les habitans de Herstal qui 
«^toient rest^ fid^les k leur seigneur legitime, le conseil de Liöge, sans avoir aucun 
^gaid aux constitutions du pays, qui d^cident fonnellement qu^aucun officier ne peut 
toe Stabil dans la baronie que par ordre du seigneur, ce] conseil, dis-je, s'^mandpa, 
jusqu^4 6tablir, de son autorit^, un arocat Li^eois, nommä Buissart, procureur- 
g^^ral de la partie de Herstal en de9a de la Meuse, lequel d^buta par citer les 
öchevins de la cour de justice de Herstal, k comparoltre devant ledit conseil, pour 
i^e poursuivis criminellement. Entreprise qu*on ue jugea pourtant pas k propos 
de ponsser plus loin, ayant apparemmeut fait attention k Tinjustice 6norme de ce 
proc^^ et parce qn'on a cru mieux couvrir ses desseins, et de les poursuivre avec 
plus de succös en Idchant la bride aux s^ditieux, et en les encourageant k oublier 
entiörement le respect du k leur seigneur, et k sapper ses droits les plus sacr^, par 
des d^marches auxquelles le conseil de LiSge ne paroissoit prendre d'autre part, 
que Celle de la connivence. 

Cependant apr^s tout ce que le conseil de Liöge avoit successivement attent^, 
depuls quelques ann^es, contre les droits de Sa Majestä le Roi de Prusse, il auroit 
&Uu se boucher les yeux, pour ne pas s^apercevoir que la populace n'agissoit 
que par des ordres sup^rieurs, et qu*il y avoit un dessein form^ de rendre absolue 
la pr^tendue souverainet^ de Herstal, de faire d^pendre de r^§que tous les officiers 
de la baronie, de les soumettre k son procureur-g^^ral, de restreindre les droits 
seignenriaux, et de les bomer k la simple jouissance du domaine utile, k Fexemple 
des autres vassaux de T^glise de Li^ge. 

En effet Tavocat de Faw^ et les autres ^missaires li^eois ne cessoient point 
de prfichcr aux Herstalois de pareils principes, et de les engager k des attentats 
qui ne tendoient pas k moins, qu'ä secouer entiörement tout respect et ob^issance 
envers leur seigneur. Ils poussörent mdme Tinsolence jusqu*äi faire citer devant 
leur tribunal le hant-drossard de la baronie et quelques autres officiers du Boi, 
k Herstal, sur des affiiires qui regardoient directement le Service de Sa Majestä, et 
pour lesquelles ils avoient produit en original ses ordres et ses r^solutions. Ces 
officiers refiisant, comme de raison, de comparoltre devant une Jurisdiction dont le 
juge n*6toit pas comp^tent, les Herstalois ne laissörent pas que de procdder k une 
condanmation par contumace. Mais ce qui passe toute croyance est que le dit 
baut-drossard, le colonel de Creytzen, s'^tant trouv^ quelquo temps aprös k li^e, 
revdtn du caract^re de ministre du Roi k cette coiur, un des bourgmestres de 
Herstal, nornm^ Grasset, a eu Teffironterie de faire mettre par un procureur, en 
vertu do ladite sentence, arrdt sur ses effets et meubles, sous les yeux du prince 
et ^v^ue de liöge et de son conseil. Et sur la plainte que le colonel de Creytzen 
en porta k ce prince, toute la satisfaction qu'il put obtenir d'un attentat aussi 
^orme et d'une violation si manifeste du droit des gens, se r^uisit k obliger ledit 
Crasset, k renoncer k son arrdt, et k le notifier, par un billet ouvert, k Thöte du 
dit coloneL 

A la fin les r^volt^ de Herstal ne mtrent plus de bomes k leur insolence. 


28 I^cr RegicniiigsanfaDg. 

ün manant de Herstal ayant 6te enroll^ au scrvice du Roi, höre du territoire de 
la baronie, et m^me hors de la juriÄÜction de Li^ge, au cominencement de l'annee 
1739, les rebelies se servirent de ce pr<5tcxte, pour porter leur fureur jiisqujuix 
demiere exc^; et ayant arröt^ quelques officiere du Roi, qui se trouvoient par 
hazard k Herstal, ils les eDfermöront dans les prisous publiques, oü ils üirentmal- 
trait6s de difF^rentcs mani^es, et accabl^s d'injures et d'outrages, sans avoir le 
momdre ^gard au respect du & la personne sacr^e du Koi qu'ils avoient rhonneur 
de servir. On les mena^a de les mettre eii pi^ces, k moins qu^ils ne remissn)! 
entre leurs mains le paysan qu'ils pr^tendoient leur avoir ^t6 enlev^. Attentat qui 
parut si atroce aux habitans du quartier de Wandr^, paiüe de Heretal, situ^e an 
del4 de la Mouse, qu'ils en t^moign^rent leur horreur k Sa Majest^ en Vassiirant 
de leur fideliU^ inviolable, et la suppliant, de ne les pas confondre avec les r^voltt*:». 
aux actions descjuels ils ne prcnoient aueunc part 

A la premi6rc nouvelle que le feu Roi re9ut de cet ^v^nement, sa pens6efiit 
d'y faire mareher un d^tachement de troupes, pour chätier les rebelies, et pour r^ 
tablir son autorit^ les armes k la main. Dej& les dispositions en ^toient faites. II 
avoit m^me envoyd une lettre k r6v6que de Li^ge, pour demauder le passage pour 
ses troupes. 

Mais faisant ensuite r^flexion qu'on n'arriveroit pas assez k temps, pour sauver 
des officiers innocents, qui se trouvoient entre les mains de ces fiirieux, tout pr^ö 
k les immoler k leur rage, Sa Majeste changea d'id^e, et ^erivit une seoonde lettre 
k r6v^ue de Li^ge, pour le requörir, de tirer ses officiers d'entre les mains des 
rebelles, et de leur faire rendre la libert^. 

A r^ard du premier point, l'^vSque Taccorda d'abord. La chose 6toit aisee. 
Les Herstalois n'agissant que par Tinspiration des Lifegeois, livrirent les officiers k 
r^v^que, d6s que cclui-ci leur en fit parier. II eut fait au Roi le plaisir entier, et 
Teut Obligo trös-particuli^rement, sll avoit apport^ la mßme facilit^ k V^gard du 
second article. La politesse le vouloit ainsi, et la prudence mSme le conseilloit. 
Mais soit que le plaisir de chagriner le Roi Tait empörte sur des reflexions plus 
sens^es, ou que le conseil de Li^e eüt cru commettre im crime, de negliger la 
moindrc occasion d'exercer des actes de Jurisdiction sur tout ce qui pcut avoir 
rapport 4 Herstal, Tavis contraire pr^valut; et sous prätexte, qu'il falloit examincr 
les accusations, port^es par les habitans de Herstal contre les officiers du Roi, od 
s'arrogea sur eux une Jurisdiction illegitime. On les enferma de nouveau dtroiteraeut, 
comme des gens coupables des plus grands crimes. On leur fit subir les intoiro- 
gatoires les plus humilians, et ce ne fiit qu'avec bcaucoup de peine, et apr^ uoe 
n^gociation longue et penible, que le colonel de Creytzen vint k bont de les faire 
mettre en libertä. 

La difficulte que le feu Roi avoit trouv^e de faire entcndre raison sor les 
afiaires de Heretal k T^v^que de Li^ge, jointe k la r^flexion, que Tavantage que 
cette seigneurie lui procuroit, u'avoit aucuue proportion avec TembarraB qu'elle 
lui causoit, ätant enti^rement coup^e et äloign^e du reste de ses Etats, d^tennina 
k la fin Sa Majeste k se pr6ter k la proposidon qui lui avoit it& faite sous maui, 
k dififörentes reprises pendant le cours de cette affaire, de vendre la dite baronie 
k r^vöque de Li6ge, pour une somme d'argent proportionn6e k la valeur de cette 
seigneurie. Ainsi eile ordonna au colonel de Creytzen, de pressentir sur ce chapitrc 
les principaux membres des 6tats de Li6ge, et d'entrer avec eux en n^gociation i^ 
dessus. D'abord les ätats firent paroitre beaucoup d'empressement pour faire cct 
achat On convint m6me du prix, et tout paroissoit r^l& Mais quand il sagit 
d^en passer un contrat formel, et qu'on demanda les assurances du payement, ic 


Exposition fidSle et succincte. 1740. 29 

cjnseü de liäge proposa des conditions si cxtraordinaires , que Ic Roi fiit oblig6 
de rompre la n^gociation. 

Sur ces entreüaites, le feu Roi de Pmsse termina sa glorieuse carri^re. Sa 
Mijest^ k pr^nt r^gnantc, s'ötant feit repr&enter, apr^ son av^noment k la cou- 
^>{me. l*^tat de ses affaires, ne crut point devoir laisser plus longtemps ind^ise 
Celle de Herstal. Les habitans de cette seigneiirie furcnt sommds d'abord de pröter 
!►• Ferment ordinaire k leur nouveau maitre. Tout auroit du les y inviter, Tusage 
t'uibli. leur devoir de sujets, et la cl^mence d'un graud prince, dans laquelle ils 
aumifDt sürement trouv^ le pardon de leurs crimes, ainsi que le Roi les en a feit 
A\'jurer dans la snite, s'ils vouloient prendre le parti de rentrer dans leur devoir, 
^t se comporter en sujets fidSles et ob^issants, en renon^ant pour jamais k cet esprit 
if revolte, qui les avoit anim^s jusqu'ici. 

Mai:» ces peaples s^itieux möconnoissant leurs veritables int(^r3t8, et souffl^s 
^vretement par la cour de Li6ge, ne t&noignörent aucune disposition k se ranger 
4 l^ur devoir. On ne vit que trop clairement d'oü le eoup partoit ; et le Roi, pen- 
'iant son s^jour dans ses Etats de Cl^ves, y voulant rem^dier, par les remontrances 
qa'il oidonna k son conseilleT Rambonnet de feire au prince et ^v^ue de Li^e, 
au nom de Sa Majestd, qui lui avoit in^me ^rit lä-dessus, eut la mortification de 
D^ pas seulement recevoir de r^ponse. 

D felloit donc arrdter le progr^ du mal dans sa source, et feire retomber sur 
!^^D autcur toutes les suites d'une quantit^ d'attentats les plus crians, contre les 
■imit^ incontestables de Sa Majest^ sur sa libre et franche baronie de Hcrstal. 

C'cst uniquement dans cetto vue, que le Roi s'est trouv6 fore^ k regret, et 
c*ütre son inclination, de repousser la violence, qu'on lui a feite jusqu'ici, de la 
ptft de la cour de Li^ge, par la violence, et d'employer ce qu'on appellc rHor- 
fvinm juriä iniqui, comme le seul remMe usit6, et autoris^ m§me dans ces sortes 
<i «jccasioiis par les loix et les constitutions de TEmpire, contre un prince qui jus- 
({iilci na point feit de difEcult^ de fouler aux pieds les droits les plus incontes- 
^leä de Sa Majest^, et contre les attentats duquel il n*y avoit point de justice 
i obtenir, malgr^ toutes les plaintes que le feu Roi de glorieuse memoire en a 
^i porter depuis plusieurs ann^es k la cour de Vienne. 

Cf^endant, le Roi, en feisant entrer un d^tachement de ses troupcs dans le 
'••mt^ de Hoom, appartenant au prince et ^v^ue de Li^ge, ne s^est port^ k cette 
eitrMte, que parce qn'il ne voyoit point d'autre moyen, de le ramener k des 
^stimens plus ^quitables. Sa Majest^ ne s'^loignera jamais d'un accommodemeut 
n^te et raisonnable avec le susdit prince, conune le seul but que sa justice et sa 
^aoderation ont en vue dans cette affsdre, ces deux principes invariables 6tant 
•1 booasole de toutes ses actions. 


VI. 


Pro Memoria. 


2 Bll. foL — Geh. St-A. — Andrer Druck, 4 Bll. foL, ebend.*) 


Am 29. September Hess der Bischof von Luttich dem Beichsdtrectorium 

in Regensburg eine Beschwerdeschrift gegen Preussen einhändigen. 

Das von Hugo Wilhelmus baro de Wezel untereeichnete Memorial hat 

den Titel: 

Dictatum Ratisbonae d. *^ | publice per Moguntinum. 

Memoriäle \ Nomine \ Reverendissimi d; Celcissimi Domini \ Do- 
mini Episcopi ac Prindpis \ Leodensis, \ Sacri Romani hnperii 
Electorum, \ Principum ac Sta- \ tuum ad praesenUa ComiJiä 
Legatis, Consiliariis ac Depur \ talis exhtbitum^ violenter a( 
armata manu ä Regia Mo- | jestate Borussiae occupatum Conii- 
tatum Homensem ac \ Masacum in Principatu Leodensi situm 
concemens, \ appositis Num. L 2. 3. 4. 5 S 6. \ Ratisbonae^ 
Typis Sieronymi Lewsii. 

9 pp. fol. — Geh. St.-A. — Abgedruckt Europ. Staatskauzlei LXXIX. 

Der maingische Gesandte lehnte Anfangs zu wiederholten Maien 
die Didatur ab, weil er noch keine Instruction von seinem Kurßrsten 
habe***). Aber am 10, October Hess er sie gleichwohl vomehtnen, 
,,ohne vorhero von seinem Hofe specialen Befehl zu erwarten, wie doch 

*) Die Acten ergeben, dass die Schrift in Begensburg gedrackt wurd^ 
Welcher von beiden Drucken der originale ist und wo der andere herstammt, ist 
nicht festzustellen. 

**) 10. Octobris 1740. Für das Datum der Dictatur blieb eine Lücke auf dem 
Titel der dem Directorium übergebenen Schriften, die dann handschriftlich aiw- 
gefullt wurde. 

***) Bericht Pollmanns, Begensbuig 3. October. 


Pro Memoria. 31 

M iergleichen FäUen, srnmal wo dabei besondere Absichten vorwalten^ 
mgesck&bft ssu werden pflegV^*) 

Die unvertntUelte BereitwiUigkeü des DirectoriaJgesandten erJdäri 
sich wohi daraus^ dass inetvischen der kaiserliche Hof in sehr eni- 
sdUedener Weise für lAÜtich Partei genommen hatte. Während man 
m Wien m dem preussischen Gesandten v. Borcke von dem HerstaUer 
Bändel „avec beaticoup de modiration et douceur'^ sprach, und 
ihm versicherte j dass aMen weiteren Schritten jedenfalls freund- 
$diaftliche Vorstellungen durch die kaiserliche Gesandtschaft in Berlin 
Vifrangehen wHardenj**) voUzog der Kaiser am 4. October ein officielles 
und offenes Dehortatorium an den König von JVeussen ***) Es forderte 
die BückncJime der getroffenen Massregeln ^ Beilegung des Streites auf 
gütlichem oder rechtlichem Wege, Anzeige der geschehenen Folgeleistung 
m swei Monaten. Ehe diese verflossen und ehe das Dehortatorium in 
Berlin eingehändigt war — es ist nie eingehändigt worden — machte 
der Kaiserliche Principälcommissarius die Sache beim Reichstage an- 
tov*]?. „OhfSschwer, heisst es in dem Kaiserlichen Commissionsdecret,f) 
fei m ersehen , wie der König in Preussen von hitzigen und derer 
lieichssatzungen ganz und gar ohnkundigen, annebst mehr auf ihren 
Bgennutz als auf ihres höchsten Herrn Principalens wahres Inikresse 
hedaehten Rathgebem zu derlei im Seiche nie erhörten Verfügungen 
ferleüet worden.'^ Eine Beilage zu dem Beeret bildet das ,^geschä/rfte 
J)ehortatorium^*. 

Auf die Nachricht von diesem Vorgang , den man in Berlin nach 
den Versicherungen aus Wien nicht hatte erwarten können, berichtet 
PoietcHs vom 22. October an den König : ^ßette dSmarche peu amiahle 
i(nt voir de quel bois on ^ichauffe ä Vienne ä Vigard de V. M., et ä 
9(<ot il faudra s^attendre de la part de cette cour dans des affaires de 
plus grande importance.'' Der König verfügte eigenhändig ; ^^B faut 
^ dire leur fait, et faire sentir ä Deinrathff) qu^on pouvoit juger 
de Zetir es bownes intentions par ces bagatelles. II faut aussi gue Borcke 
W dire grossi^ement leurs v4rit^, et qu'on täche ä les chagriner en 
'^ 5M€ Ton pourra. Ceci ne nous fait ni bien ni mal '* 

*) Worte des brandenburgischen Promemoria. 

**) Berichte Borcke's, Wien 5. Oct u. 5. Nov. Vgl. Droysen V, 1, 99. 
***) Schon am 1. Oct. wusste man in der Stadt, dass nachdrückliche Remon- 
^tionen nnd Dehortatorien an den König von Preussen ausgefertigt würden, 
-veQ die Gewaltsamkeit allzu klar auf der Hand lieget." Geschriebene Zeitung 
»u^ Wien (Bibl. zu Fürstenstein). 

I) Dictatnm Ratisbonae d. 12. Octobris 1740. Gedruckt daselbst bey HieronjTno 
l^ntz 1740. — 26 pp. fol. — Geh. St.-A. — Abgedruckt: Europ. Staatskanzlei 
J^XXX, 607. 

tt^ Kaiserl. Resident in Berlin. 


32 ^^^ Regierungfc»anfang. 

Podetvils sandte noch an demselben Tage einen JErlass m diesem 
Sinne an die Gesandtschaft in Wien; er betont darin namentlich^ das.^ 
das Dehortatorium in Berlin gar nicht überreicht worden sei. ZugJeid 
entwarf er die GrundzUge einer Erwiderung auf das Kaiserliche Com- 
missionsdecret , wonach der Geheime Rath Weinreich ein Prom^mma 
ausarbeitete. 

Die Schrift hatte nur noch eine theoretische Bedeutung. Schon 
am 20. October war in Berlin der Vertrag unterzeichnet worden^ durch 
den der Bischof von Lüttich die Herrschaft Herstall erwarb^ gegen 
Zahlung von 200,000 Btl. und einer seit 1690 an Preussen schuldigen 
Summe von 80fl00 Patagons.^) und noch ehe das Promenwria nach 
Regensburg abging, hatte man in Berlin und Rheinsberg die NachriM 
von dem Tode des Kaisers, gegen dessen Beeret es sich richiäe. 
Schwerer wiegende Fragen harrten bereits der Erledigung. 

Pollmann Hess in Regensburg die Schrift den einzelnen Reichstags- 
gesandten überreichen und bemerkte, dass die Nachricht von dem güt- 
lichen Vergleich zwischen Preussen und Lüttich am Schlüsse der Schrift 
einen vortrefflichen Eindruck machte: La plupart des minisires camiti- 
aux plus scathdalisis quHls sont des dimarclies de la Cour de Vietm. 
plus ils admirent le procedi magnanime de V. M. {Bericht vom 
7. November.) 

Eine letzte LütticJ^er Staatsschrift, die Pollmann am 24, October 
nach Berlin sandte: 

Protestation \ Ulterieure \ De Par \ Son Ältesse, \ LEveque d- 
Prince de Liege, \ Touchant \ Herstal. \ A Liege, \ De Vlrnpri- 
merie de la Veuve Procureur, au vieux Marchi. 1733. \ ä BaiiS' 
pone, ä Vlmprimerie de Jerome Lerui, MDCCXXXX, 

4 Bll. fol. — Geh. St.-A. 

blieb preussischer Seits unerwidert Ebenso eine Schrift der Eingesessenen 
von Herstall, welche ihre Freiheiten sowohl gegen Preussen wie gegen 
den Bischof wahren wollten: 

Justification | Pour Les \ Bourguemaitres j Et Deput4s \ De La 
Franche Terre \ Et \ Libre Baronie De | Herstal. \ A Liege.. 
Chez G, J. Broncart Imprimeur & Mar- \ chand Libraire de- 
meurant au Hon vers sous | la tour de Saint Lambert T/40. 
1 Bl. 14 + 32 pp. 4° — i Herstal ce 3. Octobre 1740 — Geh. StA- 

*) V&^- Verdy du Vernois, Memoire sur la vente de la Baronie d'Herstali 
in den M^moires de PAcademie de Berlin 1796, p. 557. 


Promemoria. 33 

Pro Memoria. 

Seine Königl. Majestät in Preussen haben mit nicht geringer 
Verwunderang vernommen ^ was Massen am 12. dieses laufenden 
Monats Octobris ein ganz unvermuthetes kaiserl. Conmiissions-Decret 
wegen Dero mit Sr. Hochfiirstl. Gnaden dem Herrn Bisehof und 
Fürsten zu Lüttich gehabten Irrungen über der Baronie Herstall an 
den Reichstag gekonmien, nachdem nur zwei Tage vorher, nämlich 
am 10., ein von dem fiirstl. lüttichschen Gesandten, eben dieser Her- 
Btallischen Streitigkeiten halber, übergebenes Memorial von dem chur- 
mainzischen Directorio ohne vorhero von seinem Hofe deshalb specialen 
Befehl zu erwarten, wie doch sonst in andern Fällen insgemein, zu- 
mal wo dabei besondere Absichten vorwalten, vorgeschützet zu wer- 
den pfleget, auch ohne denen von dem königl. preussischen Comitial- 
Gesandten dawider geschehenen Remonstrationen Platz zu geben, zur 
öffentlichen Dictatur gebracht worden. 

In solchem kaiserl. Conunissions-Decret wird besonders eines von 
Ihro Rom. Elaiserlichen Majestät an Se. Königl. Majestät in Preussen 
ergangen sein sollenden Dehortatorii erwähnet, welches man aber bis 
diese Stunde nicht zu Gesicht bekommen hat, vielweniger dass solches 
l>ehörig wäre insinuieret worden. Ja es ist so gar nicht das aller- 
^'eringste von Seiten des kaiserlichen Hofes wegen dieser lüttichischen 
I^fferenzien weder dem königl. preussischen Ministro zu Wien, noch 
durch den kaiserlichen Residenten zu Berlin, es sei publice oder 
privatim, angebracht oder vorgestellt worden, welches auch nur den 
Schein hätte haben können, dass man sich zu Wien derselben an- 
nehmen wollte. 

Es hätten daher Se. Königl. Maj. in Preussen Sich nimmermehr 
versehen, dass der kaiserliche Hof auf eine so ungewöhnlich ge- 
sell winde Art, davon wohl kein Exempel, solange der gegenwärtige 
Reichstag währet, sich finden oder sonst erhört sein wird, ohne Sie 
'Ol geringsten vorhero zu vernehmen, oder auch ein so genann- 
t<^ä Debortatorium an Sie zu erlassen, und Dero Erklärung oder 
Rechtfertigung über die von dem fürstlichen Stifte Lüttich zu Wien 
^nd nachgehends auch zu Regensburg wider Sie angebrachte Klagen, 
die Herstallische Zwistigkeiten betreffend, zu begehren und abzu- 
warten, auf blosse narrata des Herrn Bischofs und Fürsten zu Lüttich, 
^d da kaum das von dessen bei der Reichsversammlung zu Regens- 
burg befindlichen Gesandten überreichte Memorial dictieret gewesen, 
'sogleich durch ein in unfreundlichen und theils empfindlichen Aus- 
drückungen verfassetes Conunissions-Decret gegen Sie, als einen der 
Vornehmsten Churfursten und Stände des Reichs, hervortreten und 

Preunaeke SUatnclirifteii. I. 3 


34 ^6r B^enmgsanfang. 

gleichsam das ganze Reich wider Höchstdieselbe provocieren und in 
den Harnisch zu bringen suchen würde ^ als ob dasselbe bei diesen 
Partikularhändeln in augenscheinlich grosser Gefahr schwebete oder 
dessen Verfassung darüber Noth litte , da doch zu forderst aus dem 
ganzen Verlauf dieser Sache Niemand mit Grunde wird schliessen oder 
artheilen können ; dass selbige sich zum Recursu ad Comitia Imperii 
qualificieren möge, als welchem sonst in andern bekannten Angelegen- 
heiten vornehmer Reichsstände ^ so von weit grösserer Wichtigkeit 
sind, und wesentliche Stücke der uralten reichsständischen IVeiheiten, 
Rechte und Befugnüsse concemieren, bishero von dem kaiserlichen 
Hofe überhaupt so heftig hat widersprochen werden wollen. Danebst 
es auch solches Recursus um so weniger bedurft hat, da man sowohl 
zu Wien als zu Regensburg gar wohl informieret gewesen, dass diese 
mit dem Stift Lüttich entstandene Misshelligkeiten würklich in terminis 
amicabüis compositionis gestanden. Wie sie dann auch unter gött- 
lichem Beistand durch einen mit denen von dem Herrn Bischof und 
Ständen des Bischof- und Fürstenthums Lüttich an Se. Eönigl. Majestät 
abgeschickten, mit genügsamer Vollmacht versehenen Deputierten am 
20. dieses Monats gezeichneten Accommodements-Tractat, und zwar 
auf eine vor Se. Eönigl. Majestät glorieuse und zugleich vor des 
Herrn Bischofs zu Lüttich Hochfiirstlichen Gnaden vergnügliche Art, 
glücklich beigeleget, mithin dadurch die ganze Sache zu beiderseits 
Höchst- und Hoher Interessenten Zufriedenheit völlig abgethan worden. 

Ob nun zwar solcher Gestalt gar nicht mehr nöthig wäre, von 
der Sache selbst und deren Ursachen, welche Se. Königl. Majestät in 
Preussen zu denen ergrififenen Mitteln veranlasset haben, weiter einige 
Meldung zu thun, so darf man sich doch ganz dreiste quoad merita 
causae auf die desfalls in Druck gegebene Deduction imter der 
Rubrik: Exposition fid^le et succincte etc. beziehen, als! 
woraus zur Gnüge erhellet, wie Se. Königl. Majestät zu demjenigen,! 
was Sie hierunter vorzukehren wider Ihre angebome Moderation 
und also wieder Ihren Willen gezwungen worden, per retorsionem 
juris iniqui voUenkommen berechtigt gewesen, absonderlich aber weil 
sie nirgends keine Justiz haben erhalten können. Inmassen, ob man 
schon königL preussischer Seits bei dem kaiserlichen Hofe vc^ 
schiedene Jahre her über die bischöflich lüttichische Infractiones wider 
die wohlhergebrachte königliche Jura zu Herstall, schriftlich und 
mündlich beschweret, und um Assistenz und Hülfe angesuchet hat, 
man doch dadurch das Geringste nicht ausgerichtet oder einige Ver- 
fügung zur Remedur erlangen mögen , von Seiten des Herrn Bischof 
selbst aber alle gebührende Satisfaction verweigert worden. 

£s ist auch dem Reich an dieser ganzen Sache nichts gelegen. 


Promemoria. 35 

indem es demselben in Ansehung der Erhaltung des Reichs-Systematis 
gleichviel sein kanu; wer die Souverainetät oder gewisse Jura eminen- 
tiora über die Baronie Herstall vindicieret; zu geschweigen, dass es 
noch zur Zeit nicht einmal ausgemacht ist, ob diese freie Herrschaft, 
so vorhin von denen Herzogen von Brabant lehnrührig gewesen, oder 
auch die Grafschaft Hoorn, als von welcher dermalen ratione der ge- 
brauchten retorsionis juris iniqui die Frage ist, eigentlich zum Keiche 
gehöre oder nicht. 

Indessen, da es gleichwohl dem kaiserlichen Hole gefallen hat, 
in dieser Sache mit solcher ausserordentlichen Eilfertigkeit ohne vor- 
' hergehende geringste Communication, Berichtserforderung oder Admo- 
nition zu Werk zu gehen, um wider Se. Königl. Majestät in Preussen, 
nachdem Sie kaum die Regierung angetreten, das ganze Reich in 
Bewegung zu bringen: so lasset man die ganze unparteiische Welt 
darüber urtheilen, ob dieser so bedenkliche modus procedendi wider 
einen so vornehmen Churfiirsten und Reichsstand nicht mit der Reichs- 
Executions- Ordnung offenbar streite, als worin bekanntlich in solcherlei 
Fällen gewisse gradus zu beobachten vorgeschrieben sind; absonderlich 
aber, ob nicht Sr. Königl. Majestät in Preussen höchste Gloire und 
Reputation dadurch auf das Empfindlichste angetastet worden, dass, 
anstatt Sie aus gleichem angestammten, reichspatriotischen Eifer, wie 
Dero glorwürdigste Vorfahren, nichts mehr so sehnlich wünschen, 
als vor die Erhaltung des werthen teutschen Vaterlandes Freiheit 
und Wohlstand, auch der Ruhe im Reich, alle Ihro von Gott ver- 
liehene Macht und Kräfte mit Freuden anzuwenden, Sie nicht nur 
eines Landfriedensbruches, und als ob Sie sich wider des Reichs- 
grundverfassung gröblich vergriffen hätten, gleichsam beschuldiget, 
sondern auch so gar per indirectum dem Reich fast insinuieret wer- 
den wollen, als ob dasselbe von Sr. Königl, Majestät gefährliche und 
zu dessen Umsturz abzielende desseins zu befürchten, und also in 
Zeiten auf seiner Hut zu sein, und Kaiserliche Majestät schleunig 
mit standhaftem Rath und Gutachten an die Hand zu gehen Ursach hätte. 
Se. Königl. Majestät in Preussen wissen Sich wohl zu bescheiden, 
dass hierunter von Ihro Rom. Kaiserlichen und Catholischen Majestät 
nichts beizumessen sei, als von Dero weltbekannten Grossmuth und 
Aequanimität, auch hohen Wohlwollen und besonderen Freundschaft, 
Sie ganz ein anders ungezweifelt Sich um so mehr promittieren können, 
als Allerhöchstgedachte Se. Königl. Majestät seit der Zeit des Antritts 
Dero königlichen Regierung nichts so eifrig gewünschet und gesuchet, 
als Ihro Kaiserlichen Majestät hochgeschätzte Gewogenheit und Freund- 
schaft zu erwerben und Deroselben alle ersinnlichen Proben Ihrer auf- 
richtigen Hochachtung und Ergebenheit darzulegen. 

3* 


36 ^^i* RegierungsanfiEmg. 

Es ist aber zum höchsten zu bedauren, dass übelgesinnte und 
gehässige Gemüther aus eigennützigen Absichten das so nöthige und 
vornehmste Augenmerk in dieser, wie in andern Sachen, nämlich das 
Band einer guten Einverständniss und Harmonie zwischen Haupt und 
Gliedern des Reichs unversehrt zu erhalten und so viel möglich zu 
befestigen ; fast gänzlich aus den Augen setzen und durch allerhand 
hitzige und übereilte Rathschläge zu vielen Misstrauen und daraus 
entstehenden schweren CoUisionen geflissentlich Anlass und Gelegen- 
heit geben. 

Welches alles jedoch, so empfindlich auch Sr. Königl. Majestät 
die gegen Sie hierunter geäusserte widrige Neigungen fallen müssen, 
Allerhöchstdieselbe in dem festen Vorsatz, alles Ihr Vermögen zu 
Gonservation der Ehre, Würde und Autorität Seiner Rom. Kaiser- 
lichen Majestät als des Reichs höchsten Oberhauptes, und zu Auf- 
rechterhaltung der reichsständischen Freiheit, wie auch der gemeinen 
Wohlfahrt und des Ruhestandes des teutschen Vaterlandes, mit Freu- 
den ihres höchsten Ortes daran zu strecken, niemals irre machen 
noch davon abhalten wird, in der ungezweifelten Zuversicht, dass so 
wenig Ihro Rom. Kaiserliche Majestät als jemand von Dero höchst- 
und hohen Herren Mitständen in solche Dero patriotischen Sentiments 
jemals das geringste Misstrauen setzen werde. 


Excurs zu Abtheilung I."^) 


VoÜaire erzählt in seinen M&moires powr servir ä Vhisioire de M. de 
Voltaire {CEuvres äd. Beuchot XL, 55), Friedrich II, habe ihn hei ihrer 
ersten Begegnung beauftragt, ein Manifest gegen den lütticher Bischof 
2U schreiben. „tPen fis un tant bon que mauvais, ne doutant pas qu'un 
roi avec qui je soupais et qui m'appelait son ami ne düt avoir tou- 
jours raison/' 

Dieser Angabe ist bis auf die neueste Zeit mit Unrecht Glauben 
beigemessen worden,**) Voltaire hat in keiner Weise an irgend einer 
der preussischen Staatsschriften in der HerstaUschen Angelegenheit 
einen Antheil, 

Allerdings Hess Voltaire Anfang Odober 1740 im Haag, wo er 
sich damcäs aufhielt, eine anonyme Schrift erscheinen unter dem Titel: 

Sommaire \ Des Droits De Sa \ Majeste \ Le Roi De \ Prusse 
I Sur I HerstaU. 

8 pp. 4^ — Geh. St.-A. 

Auf Veranlassung des preussischen Gesandten v, Räsfeld wurde 
ihr Verkauf untersagt ***) Daraufhin erschien Voltaire bei dem Ge- 

*) Vergl. Droysen V, 1, 97. Anm. 2. 

**) Vergl. Preuss, Friedrich der Grosse, I, Berlin 1832, 157, wo Voltaire 
als Verfasser der Exposition des raisons genannt wird, und F. Henaux, histoire 
du pays de Li6ge, W. IH, U 521 (Li^ge 1874). 

***) Bericht Rasfelds, Haag 4. October: J'ai d'abord faire venir le libraire 
anprös de moi pour m'informer de qui il avoit le contenu de ce sommaire; mais 
malgr^ les bonnes paroles et mdme les menaces, je ne Tai pu porter k me le d^- 
clarcr. Oberst y. Kreytzen schickt die Schrift am 7. October aus Maaseyck, ihr 
Debit sei im Haag untersagt. Jean Rousset erzählt im Mercure bist et poL 
CIX, 433, offenbar mit Schadenfreude über Voltaires Fiasko: II a paru unc bro- 
chure intitul^e Sommaire etc., mais eile fiit supprim^e ä la röquisition du ministre 
de Prusse, n'^tant que Touvrage d'un particulier. 


38 I^cf Regienmgsanfaug. 

sandten und setzte ihn durch die Erklärung in Verlegenheit ^ er habe 
den Sommaire verfasst und zwar auf Wunsch des Königs vonPreussen,*) 
Es war dies nur ein Versuch, den Gesandten irre zu fuhren. Die erste 
Begegnung zwischen Friedrich und Voltaire fand am Abend des 
11, September statt; mithin ist es schon an sich unwahrscheinlich, dm 
der König an dem Tage, an dem er seine „Exposition'*^ und das ,,Fac- 
tum'^ püblicieren Hess und den Befehl zur Abfassung einer ausfuhrlicheren 
Deduction nach Berlin schickte, noch Voltaires Bemühungen m M- 
Spruch genommen haben sollte. Zudem liegt ein Brief Voltaires c» 
Friedrich vor, in welchem die Hoffnung ausgesprochen unrd^ der König 
werde wegen des Sommaire nicht mehr missvergnügt sein. **) Wie hätte 
sich der eitle Voltaire zu dieser Entschuldigung verstanden, wäre die 
Schrift unrklich auf Wunsch oder mit Wissen des Königs verfasst 
worden, wie würde er in diesem Falle nicht vielmehr den Gekränkte 
gespielt und sich ütber die Rücksichtslosigkeit des preussischen Gesandten 
ereifert hohen? Friedrich geht dann am 21. October in seiner M- 
wort mit verbindlichem Scherz über den Zwischenfall hinweg'. „Mon 
eher Voltaire, je vous suis miUe fois obligi de tous les bons offiees ^ 
vous me rendez, du Li4gois que vous abattez, de van Düren que 
vous retenez, et en un mot de tout le bien que vous me faites . . 

Pendant qu'on fapplaudit et que ton üoquence 
Terrasse en ma favewr deux venhneux serpens. 

,.,Je n'ai pas le plus petit mot ä dire contre tout ce que vous 

*) Bericht Räsfelds 4. Oct: Apres coup M. de Voltaire vient me dire que 
c^est loi qiii Ta donnä au libraire. J*aurois fort souhait^ que je rensse su aupata- 
yant, et que c*eut ^t^ la volonte de V. M., pour regier mes discours li^-dcssus, 
^tant tr^ - mortifiant] k un ministre de V. M. que de telles choses se fönt en 
sa pr^sence, sans qu'il n'cn sache rien, et qu'il dösavoue publiquement quand 11 
entend apr^ coup que cela 8*est fait avec la connoissance de V. M. 

**) La demiöre lettre de V. M. (an den Bischof von Lüttich, d. d. 24. Sept 
vergl. oben S. 21) a fait partout un effet admirable. Qu'il me soit pennis, Sirc^ 
de repr^nter k V. M. que vous rcnvoyez dans cette lettre publique aui protesta- 
tions £GUtes £ontre les contrats subreptices d'^change et aux raisons ddduiteä daiis 
le memoire de 1737. Comme Tabrög^ que j'ai fait de ce memoire est la scule 
piöce qui alt ^tä connue (!) et mise dans les gazettes, je mc flatte que c'est donc 
k cet abr^g^ que vous renvoyez, et qu'ainsi Y. M. n*est plus m^contente 
que j'aie os^ soutenir vos droits d'une main destin^e k ^rire vos louanges. Ce- 
pendant je ue re9oi8 de nouvelles de V. M. ni sur cela ni sur Machiavel. (^uvres 
de Fr^d^ric XXII, 40.) Voltaire irrt sich natürlich, wenn er sich schmeichelt 
jener Brief verweise auf seinen Sommaire ; er hätte sich fuglich sagen können, da^ 
ein am 24. September geschriebener Brief sich nicht auf eine Anfang October er- 
schienene Brochüre beziehen kann. 


Voltaire's Sommaire. 39 

aces fait^ sinon que je regreUe le temps que vot48 emportent ces bor 

gateUes."- *) 

Durch ein Spiel des Zufalls tourde von derselben Schrift, die im 

Haag auf den Wunsch der preussischen Gesandtschaft unterdrückt 

icurde, in Begensburg auf Veranlassung des dortigen Vertreters Preussens 

tin Nachdruck veranstaltet^ weil man dort den Sommaire,* wie man ihn in 

im hollandischen Zeitungen fand, allgemein beliebte (Bericht PoUmanns, 

2?'. OcL). Der Nachdruck betitelt sich: 

Exposition \ Sommaire \ Des Droits \ De Sa Majesie \ Le Roy 

I De IVttöse, I Sur Herstal. \ ä BMispone \ ä llmprimerie de 

Jerome Lenz. MDCCXXXX, 
4 BIL fol. — Geh. St-A. 

Beuchot kannte keinen der beiden uns vorliegenden Drucke und 

giebt in den (Euvres de Voltaire L, 605 den Sommaire nach der 

Gazette d' Amsterdam vom 7. October, ohne seinen VoÜaire'schen 

Ursprung direct erweisen zu können.**) 

*) (Euvres XXII, 43. Der Brief an Voltaire, der daselbst S. 30 ohne 
näheres Datum steht, mit der Stelle ,g'ai profit^ de yos avis touchant M. de 
Li%e, et vous verrez que mes droits seront imprim^es dans les gazettes" — wird 
geschrieben sein, als Friedrich die Inserienmg eines Auszuges in die hoUändiBchen 
Zeitimgen befahl (5. Oct, vergl. oben S. 22). 

**) yfie toutes les pi^es que j'ai lues relativement k Taffaire d'Herstal, c'est 
ia seale qui pnisse 6tre de Voltaire.^ 


ZWEITE ABTHEILUNa. 


DIE 


PREUSSISCHEN AJ^SPRÜCHE 


AUF SCHLESIEN. 


Ute Theile von Schlesien, auf welche Friedrich II. im Jahre 1740 An- 
^früche erhobt waren drei von den neun Herzogfhumem Niederschlesiens, 
Uegftiijs^ Brieg und Wohlau, und das oberschlesische Hereogthum 
Jägemdorf. 

Jägemdorf war ein alter Besitz des brandenburgischen Hauses, 
h Folge der Sdäacht am weissen Berge bei Prag wurde am 22. Ja- 
nuar 1621 Johann Georg von Jägemdorf j ein Sohn des brandenburgi- 
sehen Kurfürsten Joachim Friedrich, als Anhänger des besiegten und 
flüchtigen Böhmenkönigs Frie4rich von der Pfalz zugleich mit diesem 
geächtet; sein Herzogthum erhielt Fürst Karl von Lichtenstein zu Lehen. 
Bas Haus Brandetiburg unterliess nichts diese Belehnung anzufechten 
i*nd das Gut des Geächteten für sich in Anspruch zu nehmest, so bei 
^W römischen Königswahl von 1636^ während der westfälischen Friedens- 
mierhandlungen und besonders 1653 bei der Wahl Ferdinands IV.*) 
.,0i nun zwar^ sagte der grosse Kurfürst, einige Satisfacüon dann und 
^mm versprochen, welche aber lange nicht den Schanden, viel weniger 
fin Herzogthum ersetzen thut, so haV ich doch bis dato solches darum 
meht acceptieren wollen^ in der Hoffnung, dass man mir entweder ge- 
recht werden und biUigmässige Erstattung thun oder andere Zeit und 
Gelegenlieit kommen könnte, da man wieder zu dem Seilten mit Fug 
md Recht gelangen möchte, immittelSj dass es nicht in Vergess gerathe, 
''öfters Erinnerung thun lassen, worauf aber wenig oder gar nichts er- 
folget ist, wessen ich mich keineswegs betrübt habe, denn ein Freund 
^orgt dem andern bis zur gelegenen Zeif'**). 

*) Vergl. für 1636 Urkunden und Actenstücke zur Geschichte 
des grosBeu Kurfürsten, VI. (Polit Verhandlungen, her. vonB. Erdmanns- 
•iSrffer ID) 229; für 1648 cbend. IV, 387. 433- VT, 202; für 1653 VI, 199—273 
pudm. 

^) In dem vor 1675 geschriebenen Entwurf zur Erwerbung von Schle- 
hen, bd Kanke XXV-XXVI. 519. 


44 ^^6 preussischcii Ansprüche auf Sclilcsicu. 

Mit dem Herzoge Friedrich von Liegnite^ Brieg und Wohlau haue 
Kurfürst Joachim II. von Brandenburg am 18. October 1537 eine Erb- 
Verbrüderung geschlossen^ Jcraft deren beim Aussterben des Mannsstammrs 
der kurfürstlichen Linie Brandenburg die böhmischoi Lehen des bramhi- 
burgischen Hauses^ d. h. Krassen^ ZüUichau, Kottbus und einige kleinere 
Herrschaften an die liegnitzer Piasten^ beim Aussterben d(r Icizirwi 
die Herzogthümcr Liegnitz, Brieg ^ Wohlau ,^und was dazu gchörW' 
an Brandenburg fallen sollten. Einer Genehmigung zu dieser Ab- 
machung seitens des Ohrlehnsherrn, des Königs von Böhmen, bedurfte ts 
für die liegnitzer Herzoge nicht, denn das ihnen von König Wladislaw R 
1511 ertheilte, vofi seinen Nachfolgern Ludwig und Ferdinand bestätüjie 
Privileg verlieh ihnen in ganz unztveide^itigen Ausdrücken das Becht, 
eine Erbvefbrüderung , uHe die von 1537 war^ abzuschliesse^i. Wenn 
Kmiig Ferdinand, trotz seiner eignen Bestätigung jenes Privilegs ^ am 
18. Mai 1546 die Erbverbrüderung ceissierte, so war dies kein Eechts- 
spruch, sondern an Geualtact*), Die branelenburgischen Fürsten haheti 
den Spruch nie anerkannt und sich entschieden geweigert, die ürhmh 
der Erbverbrüderung auszuliefern. 

Am 21. November 1(j75 starb der letzte der plastischen Herzoge, 
Georg Wilhelm**), und bereits am 1. Dezember beauftragte Kurßrst 
Friedrich Wilhelm aus dem Hauptquartier Stargard in MecMoiburg 
seinen Gesanelten in Wien, dort zu fordern, „d<iss in elen drei Herzog- 
thümem keine Veränderufig möge fürgenommen, sonelern elieselhen in 
statu quo gelassen werden^'; er habe seine Bäthe beaußragt, die seine 
Ansprüche darlegenden Documente aus elem Archiv zusammenzustellen. 
Aehnliche Erlasse ergingen am 4. December 1675 und am 30. Märt 
des folgendere Jahres***). 

Wir übergehen die Verhandlungen, welche folgten f). Am 22. März 


*) Wir verweisen auf die urkundliche Darlegung von C. Grünhagen, die 
Erhverbrüderung zwischen IlohenzoUcrn und Piastcn im Jahre 1537, Zeitschrift 
für preuss. Gesch. 1868, S. 337 ff. 

**) Der Sohn des 1672 gestorbenen Herzogs Christian von Wohlau, der 1664 
die drei Herzogthümer wieder vereinigt hatte. 

***) Die österreichische Actenmässigc Gegeninformation von 1741 
giebt an, dass das Kurhaus Brandenburg nach dem Tode des Herzogs durch acht 
Jahre, nämlich bis auf den 20. Nov. 1683, sich nicht mit seineu Ansprüchen ge- 
meldet habe, und fuhrt ziun Beweise ein Schreiben des Kurfürsten vom 11. Man 
1684 an, in welchem er sich allerdings auf ein früheres Schreiben vom 20. Nov. 
1683 bezieht, aber keineswegs mit der Bezeichnung, dass er in letzterem zuerst 
seine Ansprüche ausgesprochen habe. Diese Angabe ist dann in die traditiouelle 
Geschichte übergegangen. Erst Droysen (HI, 3, 496-, W, 4, 152) hat das oben 
Mitgetheilte aus den Acten des Geh. St-A. constatiert. 

t) Vergl. Droysen, Das Testament des grossen Kui*furstcn, in den Ab- 


Die preussischen Ansprüche auf Schlesien. 45 

1686 tcurde endlich in Berlin der ^^Defensionstractat*^ zwischen Kaiser 
I/vpold und dem grossen Kurfürsten geschlossen*). Der Kaiser trat 
iiarin den Kreis Schunebus von dem Hereogthume Glogau und die sog. 
Lichtensieinische Schuldforderung an Brandenburg ah; ^.dahingegen 
iVoJlen 8. Kurf, Durchl., sobald die ganze Sache zur völligen Richtig- 
hnt l'onimen wird, vor sich, Dero Erben und Nachkommen^ sowohl in 
lifuure als specie, allen Prätensionen ^ so dieselben bis anhero an die 
ÜPTzogthümer Jägemdorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau und anderen 
Stücken mehr gemachet und machen können, in perpetuum renunciieren.'*^ 

Drei Wochen vorher, am 28. Februar^ hatte der Kurprinz Friedrich 
'inen ihm von dem kaiserlichen Gesandten Fridag Baron von Gödens 
rorgelegien Revers unterschrieben, der ihn zur Zurückgabe von SchwiebiAS 
Mch dem Tode des Vaters verpflichtete**). 

Eine österreichische Staatsschrift von 1741 erzählt über die Eni- 
4*hung dieses Reverses mit Berufung auf einen Bericht Fridags vom 
21. Januar 1686: der Kurprinz habe gefürchtet^ sein Vater werde mit 
lifr Vollziehung eines für ihn ungünstigen Testaments den König von 
Frankreich betrauen, er habe sich deshalb „im Januar'''' um Hülfe an 
iffn kaiserlichen Gesandten gewandt , sich freiwillig erboten, Schmebus 
pfich dem Tode seines Vaters tcieder abzutreten^ und es dadurch dem 
Kaiser möglich gemacht, den Vertrag vom 22. März 1686 einzugehen: 
./'S haue auch der vom Kurprinzen aus eigenem Trieb an die Hand 
'pgcbene Weg, seinen Herrn Vater uneder zu getoinnen, seine voUe Wir- 
hn;g. Der Kurfürst schloss mit Kaiser Leopold ein geheimes BündnisSj 
^'f'!jab sich darin aller AnsprUche an die schlesischen Herzogthümer^ 
änderte sein Testament und Hess dlles^ was in demselben för den 
Kurprinzen Nachtheiliges eingeflossen war^ aws, legte endlich solches in 
ilfT Reichskanzlei nieder, ^'^ 

Die Angabe ist unrichtig. Das geänderte Testament war wochen- 
kng vor dem Reverse fertig tmd in der Reichskanzlei; es datiert vom 
1*1' 26. Januar 1686, und die Uebersendung nach Wien erfolgte am 
21. 31. Januar, Schon am 25. December j 4. Januar war eine Ver- 
'däYkdigung zwischen dem Kaiser und Brandenburg in aller Form er- 


handlungcn der K. säclis. Gesellschaft der Wissenschaften 1866, jetzt Gesch. der 
pri'uss. Pol. IV, 4, 129 <r. 

*i Bei Th. v. Morner, Kurbrandenburgs Staatsverträge von 1601 — 1700, 
B^rUn 1868, S. 750. 

**i Der Rovers ist zuerst in der österreichischen Actenmässigen Gcgen- 
information von 1741 nach einer orthographisch nicht ganz correcten Gopio ver- 
"fff-nt licht worden, darauf nach dem Original im AViener Archiv bei Droysen 
HL 3, 640; wieder abgedruckt bei Morner 750. 


46 ^e preuBsisclicn Ansprache auf Schlesien. 

reicht, da an diesem Tage ein Vertrag wegen d^r Türkenhülfe unter- 
zeichnct wurde. 

Der grosse Kurfürst blieb bis an seinen Tod der Meinung, dass 
der Kaiser^ was er ihm in dem Defensionstractat gelobt^ ohne Arg 
erfüllen würde. Als Friedrich Wilhelm die Augen schloss, ist dann 
der Revers ans Licht und in Wirksamheit getreten. Schunebus ist im 
Jahre 1695 zurückgegeben worden. 

Freilich bedurfte es, bevor es dazu kam, bei dem jungen Kurfürsten 
Seitens des Baron Fridag ^,gar heftiger und dringender Instanzen, 
welches ihm (Fridag) aus der darunter führetulen Beisorge fast selbst 
leid gewesen*)^ es bedurfte cfer unumwundensten Drohmigen von kaiser- 
licher Seiie^ man würde sich propria autoritate in den Besitz des LaTides 
setzen**). 

Nach der Angabc einer der preussischen Bcductionen von 1741 hat 
Friedrich IIL bei der Wiederabtretung von Schwicbus seinen Ministem 
erklärt: „Ich muss^ mll und werde mein Wort halten. Das Recht 
aber in Schlesien auszußJiren^ will ich meinen Nachkommen überlassen, 
als welche 'ich ohnedem bei diesen tciderrechilichen Umständen weder 
verbinden kann noch will. Giebt es Gott und die Zeit nicht anders 
als jetzo, so müssen tvir zufrieden sein: schickt es aber Gott anders, so 
teer den meine Nachkommen schon wissen und erfahren, was sie des falls 
dereinst zu thun oder zu lassen haben''***). 

Der berliner Hof vergass seine Rechte auf Schlesien und das ver- 
deckte Spiel, welches sie ihn hatte einbüsseti lassen, mit Nichten. Von 

*) So der Fürst Johann Georg von Anhalt, der die Hand geboten hatte, 
seinen Neffen zu dem Reverse zu bestimmen, in einem Schreiben au den Kaiser, 
Cöhi 21. Febr. 1690, bei Droysen IV, 4, 186. 

**) Friedrich III. an die augsburgisclie Wahlgesandtschaft, Cöln 12. — 22. Nov. 
1689. Droysen IV, 4, 188: „Wir haben mit nicht geringer Befrembdunge er- 
sehen . . . dass der Reichfl\'icekanzlcr und der Kammerpräsident Euch nmdaus ge- 
saget, der Kaiser würde liinschicken und propria autoritate den Ivreis wieder in 
Besitz nehmen und occupieren lassen. . . . Und weil uns dasjenige, was die 
Grafen von Königseck und Rosenberg de occupando circulo propria autoritate ge- 
saget, sehr afficieret und eine solclie Bcdrohunge ist, welche man kaum einem 
Reichsgrafen hätte thun mögen, so befehlen Wir Euch hiemit in Gnaden, ihnen 
darauf anzuzeigen, dass wann man dergleichen unternehmen, und denen gerechten 
Remonstrationen, so Wir dieser Sachen haibor thun lassen, kein Gehör geben 
wollte, so wären Wir festiglich entschlossen, die von Gott und der Natur zur De- 
fension des Seinigen erlaubete Mittel zur Hand zu nelmien und Unsere ßefugnus 
und Gerechtsame, auch wie indigne man mit Uns in dieser Sache verfahren, der 
ganzen Welt vorzustellen." Vergl. auch Rechtsgegründetes Eigen t hu m 
cp. 3, § 13. Beantwortung der Actenmässigcn Gegeninformation 
cp. 3, § 11, Anm. 7. 

***) Rechtsgegründetes Eigenthum cp. 3, § 16. 


Die preuBsischen Ansprüche auf Schlesien. 47 

d^m Minister Rüdiger von Ilgen, der seit dem Frieden von St, Germain 
6^1 Laye bis zum Jahre 1728 an der Leitung der preussischen Politik 
hervorragenden und bestimmenden Äntheil nahm^ ist ein Memoire er- 
halten ^yVon den gefährlichen Absichten des Hauses Oesterreich gegen 
das Haus Brandenburg"*). Er erzählt darin mit zuverlässigster Sachr 
hmde die Geschichte von dem Testament und dem Revers von 1686^ 
den AnsprOcJien auf die vier Herzogthümer und dem Schmebuser Ha/ndel. 
,yWas von diesem Verfahren des Kaiserlichen Hofes, fährt Ilgen dann 
forty gegen das Haus Brandenburg zu halten, und ob solches nicht auch 
eine Probe der schlechten Affection sei, die das Haus Oesterreich gegen 
das Haus Brandenburg heget, das lasset man einem jeden vernünftigen 
Mavm gerne urtheilen. Und ist dabei am meisten zu beklagen, dass 
adle und jede diese schlesische Prätension betreffende Briefschaften dem 
kaiserlichen Hofe in die Hände gerathen, und es also schwer zugehen 
teird^ wenn auch gleich dermaleins, zu Poussierung dieser 
Sache, eine bequeme Conjunctur §ich ereignen sollte, das 
Werk von des Hauses Brandenburg dieserwegen habenden juribus 
grundlich zu informierend^ 

Der berliner Hof unterliess nicht, seiner Ueberzeugung , dass ihm 
ein grosser Theil von Schlesien von Rechtswegen gehöre, auch in Wien 
Ausdruck zu gehen und bei geeigneter Gelegenheit den kaiserlichen Hof 
an sein Unrecht zu mahnen. Nach dem unerwarteten Tode Kaiser 
Josephs im Jahr 1711 erklärte sich König Friedrich L bereit, dem Bruder 
des Verstorbenen seine Stimme für die Kaisertvahl zu geben, forderte 
aber als Preis die Anerkennung einer Reihe von Ansprüchen; in dem 
Verzeichniss derselben, das er an seine wiener Gesandtschaft schickte**), 
pteM als achtzehnter Punkt: „Begehren L Kön, Maj, wegen der be- 
kannten vier schlesischen Herzogthümer Liegnitz, Brieg, Wohlau und 
Jägen^orf wenigstens so viel, dass Ihre des falls habende Praetension 
und auf was für eine unbillige Art Sie darum gebracht werden wollen, 
auf eine raisonable Weise erörtert werde^\ Die Zusicherung, welche 
damals erfolgte, wurde von Karl VI. nach geschehener Wahl schnell 
vergessen. Aber man wusste in Wien sehr wohl, dass die preussische 
Forderung wiederkehren tverde. Als zwei Jahre späUr dir Cardinal 
Schönbom nach dem utrechter Friedni als Gesandter Karls nach Berlin 
ging, um fiir den Krieg gegen Frankreich, den der Kaiser jetzt allein 
fortsetzte, das preussische Reichscontingent zu erbitten, setzte er vor- 
aus, dass Friedrich Wilhelm I. die Abtretung von Schtviebus fordern 

*) Abgedruckt bei Droysen IV, 4, 310 fF. l)io Denkschrift scheint im 
Jahre 1715 geschrieben zu sein. 

**) Abgedmckt bei Droysen IV, 4, 297. 


48 ^6 preussischcn Ansprüche auf Schlesien. 

* 

werde*). Und ein Schreiben des Prinzen Eugen a/us dem Jahre 1719 
lässt ersehen, dass der Wiener Hof annahm, man werde in Pretissen 
heim Abgange des österreichischen Mamisstammes die alten Ansprüche 
wieder zu erneuern suchen**). 

In der That hofften Friedrich Wilhelm L und sein Minister Hgefi 
gerade auf diese Gelegenheit, bei welcher sie durch gute Dienste, die 
man leiste, die A^ierJcenntmg jef her Ansprüche zu erzielen gedachten***). 
Satte doch schon der grosse Ku/rfurst zu einer Zeit, wo es sich 
nur um Jägemdorf handelte, für jenen Fall seiche EntuMirfe gemacht f). 
Am 20. October 1740 war der erwartete Augenblick gekommen; er fand 
den Mami auf Preussens Throne, der ihn zu ergreifefh verstatid. 

Man hat die Frage, ob Friedrich der Grosse sein Vorgehen gegen 
Oesterreich im Jahre 1740 für berechtigt gehalten habe^ deshalb dm 
müssige nennen wollen, weil Friedrichs eigene Aeusserwngen den Beteeis 
liefern sollen, dass es ihm um nichts als um Vergrössertmg seiner ürh- 
Imide und gleichzeitig um Urfverbung Jcriegerisclien Ruhms zu thun ge- 
wesen. Es wird dabei in nicht ganz gerechter Weise verschunegen, dass die 
viel gescholtene und viel bewunderte Stelle in der ,^Geschichte meiner 
Zeit"' mit dem Geständnisse des Königs, bei seinem F/ntschlusse habe 
vielleicht das Verlangen einen Namen zu erwerben mitgeivirkt^ doch 
rmr den Schluss einer eingehenden Motivierung des Krieges um ScMesien 
bildet. Der königliche Schriftstelle}' sagt in dieser Motivierung u, A., mit 
zerrissenefu Herzen hätten alle preussischen Patrioten die Nichtachtmvj 
der fremdefi Mächte gegen Friedrich Wilhelm L und das Brmidmah 
das die Welt dem preussischen Namen aufdrückte^ empfmiden; er wirft 
die Frage auf: ,,Sollte man sich länger der Treulosigkeit des wiener 
Hofes opfern lassen, oder sollte man zu den Waffen greifen und sich 
die Afierkermung seines Rechtes selbst schaffen?" 

Allerdings würde mancher Andere, und es liegt nahe, gerade an 
Friedrich Wilhelm L zu erinnern, trotz aller Uebervortheilwngerh, Kran- 
kwngen, Bemüthigu/ngen^ trotz des schmerzlichsten Gefühles für dieselben, 
im gegebenen Falle aus Vorsicht und Kleinmuth gezaudert^ zugesehen, 
den Augenblick versäumt haben, um endlich seinen Gram und Groü 
mit sich in die Gruft zu nehmen. Dass Friedrich über das Dulden 
ztmi Handeln hinausgelangte und über die niederdrückende TJeberzeuguf^g. 
dass die Ijige Preussens enttmrdigend sei, zu dem mtdhigen Entschlüsse, 
dem ein Ende zu machen, dass er dem Entschluss die Ausfuhrung folgefi 

*) Graf Manteuflfel an August ü., Berlin 16. Mai 1713, Droysen IV, 2,37. 
**) Vergl. Eanke XXVII-XXVni, 324. 

*'^) Ranke a. a. 0. mit Berufung auf eine Eingabe Ilgens aus dem Jahre 172'3. 
t) Vergl. den oben citierten „Entwurf des grossen Kurfürsten zur 
Erwerbung von Schlesien." 


Die preoBsiachen Ansprüche auf Schlesien. 49 

Uess, das verdankte er jenem edlen Ehrgete^ dessen er sich nicht schämen 
und den er nicht verhehlen woUte.*) 

Es erscheint angezeigt, einige Blicke in das politische Actewmaierial 
aus dem Ausgang des Jahres 1740 m werfen, aus denen uns Friedrichs 
Auffassung von der Berechtigung seiner Unternehmung auf Schlesien 
unmittelbarer entgegentritt als aus der Histoire de man temps. 

Friedrichs eigenhändige Denkschrift über die Grunde seines Ein- 
marsehes in Schlesien**) beweist^ dass er die a/rgen Heimlichkeiten der 
Vorgänge von 1686 sehr wohl kannte und dass er das guireffende Wort 
für das damalige Verhauen Kaiser Leopolds tsu finden wt^ste. 

Vorgänge, welche ein Seitensiück 0U denen von 1686 abgaben, hatte 
er selbst erlebt und beobachtet. 

Nach dem clevischen Erbvertrag iswischen Brandenburg und Pfahh 
Neuburg von 1666, der das Jahr darauf von Kaiser und Reich bestätigt 
iWhd garantiert war, stand der männlichen Na^ihkommenschaft des grossen 
Kurfürsten beim Erlöschen des neuburgischen Mannsstammes die Erb- 
folge in den Herzogffiümem Jülich und Berg eu. Der letzte mämdiche 
Spross des Hauses Neuburg, Karl Philipp, war bereits 1661 geboren ***). 
Da aUe Orossmächte dem brandenburgischen Hause die Erbfolge miss- 
gönnten und sie lieber dem Hause PfalshSubsbach zuwenden wollten, so 
konnte Freussen froh sein, wenn es durch einen Vertrag mit einer der 
Grossmächte nur die Hälfte seines Rechtes behauptete. 

So schloss denn Friedrich Wilhelm L , fMch einer vorläufigen Ab- 
machung zu Wusterhausen (12. October 1726), am 23. Dezember 1728 
mit dem Kaiser das sog. ewige BiJmdniss zu Berlin. Freussen über- 
naJun darin die Garantie der pragmaMschen Sanction Karls VI, und 
verzichtete <mf seine Rechte auf Jülich, der Kaiser garantierte ihm dar 
gegen die Erbfolge m Berg. Der Vertrag^ so ist mit Recht gesagt 
worden, ist für die weiteren Verhältnisse beider Mächte ebenso verhäng- 
nissvoll geworden, wie jene Abkunft über Schwiebus. 

*) Die Stelle in der Histoire de mon temps II, 54 lautet: ajoutez k ces raisons 
une ann^e tonte prSte d'agir, des fonds tont trony^ et peut-§tre Tenvie de 
se faire un nom: tout cela fut cause de la guerre que le Boi d^lara 4 Marie- 
Thdröse ... In der Redaction der Memoiren von 1746 steht nur: Joignez 4 tous 
ces moti& Tappas d^une arm^e nomhreuse et mobile, le grand ordre des finances, 
ies trSsors qui remplissoient T^pargne de la couronne et yous connottrez toutes les 
raisons que j'eus de d^larer la guerre & Th&rSse d*Autriche. Man sieht, dass 
Friedrich bei der schliesslichen Redaction seiner Memoiren im Jahre 1775 von 
dem Bath, den ihm Voltaire 1743 gegeben hatte, „sich in denselben nicht allzu 
sehr bloss zu stellen" ((Euvres XXn, 180) absehen zu dürfen glaubte. 

**) No. X. dieser Sammlung. 

^^**) £r starb 81. Dez. 1742. Das Nfthere über die staatsrechtliche Seite der Erb- 
frage bei Droysen V, 1, 64. 65. 

Prenwisehe Btaatsschriften. I. 4 


50 ^e preosaiflchai Ansprüche auf Schlesien. 

Dm Haus Oesterreich eog seinen Varfkeil van dem Vertrage m- 
mMelbar. England und Frankreich, denen EbUand, Dänemark, Schwedm. 
Hessen sich anguscMiessen geneigt waren^ bereiteten damals einen Angriff 
gegen Oesterreich vor; sie rechneten auf Preussens Müwirhmg, dm 
1725 gu Herrenhausen wenigstens in eine DefensivaUiane mit ümea 
getreten war. Die Schwenkung der preussischen Politik seit 1726, 
Friedrich Wilhelms Annäherung an den Kaiser^ machte die gamt 
Comhination hinfälUg: 

Die Vortheile, die der berliner Vertrag IVeussen bot^ lagen in m- 
gewisser Feme; Preussen hai sie nie eichen soUen, 

Karl VI. haUe vor dem berliner Vertrag sich am 16. August P2^ 
gegen Karl Philipp von der Pfalz gebunden^ die Erbfolge in Mid 
und Berg den SuUbachem verschaffen ssu wollen. Die VerpflicMmf}, 
die er dann zu Berlin einging, stand also zu dieser gegen Pfalz vn 
geradem Widerspruch. Vielleicht, dass der Vertrag von 1728 mü denh 
selben Hintergedanken in der Hofburg ratiftdert wurde, wie der von lSdß> 
und dass es dort von vornherein nicht in Absicht stand, die Gegenleishm^ 
zu erfüllen. Als später Karl VI. Prefissens Garantie für seine prof^ 
matische Sanction nicht mehr gebrauchte , weil ganz Europa ihm die- 
selbe garantiert hatte*), nahm er keinen Anstand, am 10. Februar 
1738 in Gemeinschaft mit Frankreich, England und Holland j^ 
identischen Noten in Berlin überreichen zu Ictösen, in denen von Preussen 
gefordert wurde ^ die Jülich- bergische Succession der Enischeidumg dir 
vier Mächte zu überlassen. Und bald darauf horte man in Berlm**) 
von einem am 13. Januar 1739 abgeschlossenen geheimen Verka^^ 
zwischen dem Kaiser und Frankreich, in welchem beide Theile dm 
Pfalzgrafen von Sulzbach den provisionellen Besitz von JüiUdi m>i 
Berg, zunächst auf zwei Jahre vom Tode des derzeitigen Besitzers a» 
gerechnet^ zusicherten. Damit war der Vertrag mit Preussen^ wie (f 
denn ohne Vertragsbruch gegen Pfalz nicht hätte erßMt werden kömen^ 
in aller Form gebrochen. Statt Preussen versprochener Massen bei d& 

*) Die österreichischen Staatsschriften und Flugschriften aus dan Jahi^ 
1741 erklären, der Vertrag von 1728 sei ganz ausser Frage zu lassen, Preoaseii ^^'i 
ja durch die 1731 ertheilte Garantie des Reiches für die pragmatische Sanction gi^ 
hunden. Der Einwurf ist in neueren Darstellungen wieder vorgebracht worden. 
Er besdtigt sich durch eine von Sinzendorf gegengezeichnete Declaration Karls ^1- 
d. d. Wien 7. August 1731, wonach Preussen durch die herbeizuführende Eeicb 
garantie zu nichts verpflichtet sein soll, „als bloss allein zu demjenigen, wozu Sit' 
in Dero mit L Kais. Kön. und Cathol. M. habenden geheimen Allianztractat lu 
Ansehung mehrbesagter österreichischer Erbfblgegaranüe sich allschon verbindlich 
gemachet ^^ Nach dem Bruche des berliner Vertrags von Seiten des kais. Hoff^ 
war Preussen also auch durch die Reichsgarantie zu nichts mehr verpflichtet 
**) Droysen IV, 3, 382. 


Die preuasischen Ansprüche auf Schlesien. 51 

Besetzung van Berg zu unterstützen^ im Besitze zu schützen, verband 
$iek der Kaiser, seinen Bundesgenossen von diesem Besitze auszuscUiessen. 
.I& seheint beinahe,^' rief Friedrich Wilhelm L damals aus, „als habe 
Mon in Wien Treue und Glauben, wenigstens in Beziehung auf uns, 
(fimlich bei Seite gesetzt; man wiU nach der Lehre MacchiaveUCs nicht 
halbtcegs böse sein, sondern ganz und gar; aber vielleicht kommt einmal 
eine Zeit, wo der Kaiser bereuen wird, dass er seinen besten Freund 
so empfindlich beleidigt und anderen aufopfert*y 

Wenn der wiener Hof jetzt dazu half, Preussen um seine 
rheinische Erbschaft zu bringen, wie es ihm seine schlesische entwendet 
hatte, so mochte er erfahren, dass es nicht wohlgethan war, durch 
M^w Falschheit das Andenken an jene alte aufzufrischen und zu einem 
Rückblicke auf die österreichische Politik gegen das Haus Brandenburg 
^ii dem Frieden von St. Germain aufzufordern. Friedrich H stellte 
^esen Bückblick an**); er sah, dass seine Vorfahren zur Belohnung 
flS<T der Dienste, die sie dem Hofe in Wien geleistet, nur EifAttösen 
OH ihren Bechten erlitten haUen; er gewann die Ueberzeugung , dass 
Doni vom Hause esterreich nie zu erwarten stehe***). Er zog die 
Ukre, „dass Mässigung eine Tugend sei, die ein Staatsmann nicht 
inma- m ihrer Strenge zur Anwendung bringen dürfe, in Anbetracht 
Ar Verderbtheit des Jahrhunderts.^^ f) Gerade das Verhalten des 
^ener Hofes in der jüdich-bergischen Frage wurde ßr Friedrich die 
^'^rcmlassung und bot ihm zugleich eine Handhabe, ff) auf die schie- 
fgehen Ansprüche seines Hauses zuriAckzukommen. 

*) Ranke XXyU-XXVIII. 238. Der hoUändische Gesandte in Berlin er- 
klärte im Dezember 1740 dem Minister Podewils, er wisse nicht anders, als dass 
<i*'r wiener Hof wegen Bergs einen Vertrag mit Preussen wohl unterhandelt, aber 
^cbt abgeschlossen habe, denn sonst hätte sich der Kaiser nicht bei den diplo- 
°^^^hen Massregeln von 1738 betheiligen können. Als ihm Podewils das Origi- 
nal des vollzogenen Vertrages zeigte, rief der Gesandte: cela est fort! je n'anrois 
^^niaia cm la cour de Vienne capable d*une] pareille conduite. Podewils an 
FriMrich n, 27. Dez. 1740, bei Droysen V, 1, 188. 

^) Instruction für den nach Wien abgehenden Grafen Gk>tter, 8. Dezember 
1<40: Que si Ton me poussoit k bout, j^exposerois aux yeux de tout runiyers 
«'^mbien on a abus^ indignement de la confiance de feu mon pSre, et de quelle in- 
^ntitude on ayoit pay^ toute ma maison depuis 1679 et la paiz de Nimögue 
psqu'icl 

^ ***) Oder wie die Resolution auf einen Bericht des Gesandten in "V^^en von 
^'43 es prädsiert: es sei „bekannt genug, dass der Hof daselbst, wenn ihm was 
^^er geschehen, solches nie vergesse, und wenn man ihm was guts gethan, mit 
Undank lohne." 

t) Histoire de mon temps. 

tt) Marginal des Königs zu dem Entwurf der Instruction für Gbtter: D ficiut 
^•^^ww une Instruction ostensible pour Gotter, qu'il puisse montrer aux ministres 

4* 


52 ^® preosBiachen AnBprfiche auf Seblerien. 

Er hatte sich ab Kronprinz gemigsam übereeugen hömieny dass 
es unmöglich sein tverde, gegen die Missgunst sämmÜicher OrossmädUe 
auch nur das kleinere Stück der rheinischen Erbschaft eu behaupten: 
gegen Frankreich^ das die Festung Düsseldorf mit dem Bheinüberga/ng 
nicht einer widerstandsfähigen Macht überlassen eu dürfen ghnibie; 
gegen Holland, das jeden starken Nachbar an seinen Qreneen furcht^ 
und sich bereits durch den preussischen Besitz von Cleve beängsügi 
ftMte\ gegen England, für dessen hannoverische Besitzungen und fm 
dessen Pläne auf Ostfriesland eine Vermehrung der preussisehen MacU 
in Westdeutschland bedenklich erschi€n\ gegen Oesterreich, das dm 
Niederrhein nicht in protestantische Hände fallen lassen woUte. Eine 
preussische TJntemehnnmg a/af Schlesien dagegen eoTUdierte doch nm 
mit dem Interesse Oesterreichs. 

Gang abgesehen von jenen alten Ansprüchen, um die das E(»tö 
Brandenburg durch die Abmachungen von 1686 gekommen war, hielt 
sich Friedrich schon nach dem Sinne und Geiste des Vertrages von 
1728 moralisch durchaus berecMigt, Schlesien für sich in Ansj^ruch m 
nehmen. 

Bei den Verhandlungen , die diesen Vertrag vorbereiteten^ hatitn 
sich die beiderseitigen Bevollmächtigten, der kaiserliche Gesandte Graf 
Seckendorf und der preussische Minister Adrian Bernhard von Bord 
über einen geheimen Artikel geeinigt. Er lautete : „Sollte wider alh 
Verhoffen die Commission oder auch der Beichshofrath wider L Kon. 
M. in Preussen, oder auch wider L Böm. Kais, und Cath, M. in äff 
Jülich und Bergschen Sache sprechen^ so sollen und wollen L Böm> 
Kais, und Cath. Maj. gehalten sein, L Kön. M. ein wahres Aequi- 
valent ex propriis jsu gebenJ^ Nachher hatte Seckendorf in eitler 
Eingabe vom 19. Bezember 1738 dem Könige Friedrich Wilhelm vor- 
gestellt^ dass es eines solchen Artikels nicht bedürfen werde, da ch^ 
Fall, wie der vorausgesetzte, nie zu erwarten seu Der Kaiser sei dwrch 
die klarsten Worte des Vertrages verpflichtet, den König im Besüze 
von Berg zu schützen. Der Process beim Beichshofrath, der schon 
hundert Jahre ruhe, werde nicht wieder aufgeregt werden; gesetzt j (^ 
geschehe doch^ so habe der König so viel gutes Becht, dass er hmen 
widrigen Ausschlag befilrchten dürfe, und selbst für den FaU, dass ein 
solches Erkenntniss erfolge, wer wolle es gegen den Kaiser und gegen 
den König ausfuhren? Friedrich Wilhelm fand sich durch die beruhigende 
Erklärung des kaiserlichen Gesandten Oherzeugt und entscMoss sidh o»f 
der ausdrücklichen Erwähnung eines Aequivalents aus kaiserlichen B^' 

de Ui-bas, oü il foat un pea brailler, et insister aar le trait^ de Pragae (soll hdssen 
Berlin) indignement et lÄchement rompu. 


Die prenasiBcheii Anspräche auf Schlemen. 53 

Imden nicht m bestellen. Sem Minister Borck fheitte sein Vertrauen 
mi Niehteny er liess sich durch eine besondere Decharge bezeugen^ dass 
ier König ihn eur Nachgiebigkeit in diesem Rmkte ermächtigt habe.*) 

in vollen Widerspruch eu der Erldärung seines Bevollmächtig' 
fen. deren Aufrichtigkeit die Voramsetmmg f&r Preussens VereuM- 
kiskmg auf die Stipuiation eines Aequivalents gewesen war, hatte dann 
der Kaiser selbst am 12. Jum 1733 dem ReichshofrtUh befohlen , den 
Proeess iAer Jülich und Berg wieder aufeunehmen. Und wenn dann 
voUmds Breussen nach Massgabe jenes geheimen Vertrages ewischen 
im Kaiser und Frankreich von seinem bergischen Erbrecht verdrängt 
Kerden sollte, wenn den Kaiser selber die Schuld traf dass sein Vertrag 
mit Rreussen unaiusfuhrbar wurde, war dann Preussen nicht moralisch 
MmgUch berechtigt, sich dasÄequivalent aus kaiserlichen Erblanden an- 
smgnen, welches schon fiir den FaU, dass ohne Schuld des Kaisers 
ier Vertrag nicht zu Stande käme, gefordert worden und im Sinne des 
Yerirages als zugestanden zu betrachten war? 

Als Graf Ooüer im Dezember 1740 die preussische Forderung der 
Abtretung Schlesiens in Wien motivieren sollte ^ schrieb Friedrich zu 
ifr v<m Podewils aufgesetzten Instruction für den Gesandten eigen- 
händig hinzu: ,J)er verstorbene Kaiser hat durch einen Vertrag Berg 
oder ein Aequivalent garantiert^ ich habe meinen Vertrag erfüllt ^ aber 
^^ mi mir entgegen gewesen^ wenn ich jetzt aiso in Schlesien einrücke, 
^om das mein Aequivalent sein.''**) Ebenso sagt der König in seiner 
^etihändigen Denkschrifl über die Motive seines Einmarsches:***) 
Jier König garantierte dem Kaiser die pragmaiische Sanction ßir die 
Garantie von Berg; nun hat sich das Haus Oesterreich an seinen Vertrag 
^^ gehauen, indem es lifSS oder 1739 dem Sause Sulzbach den 
pr(^visionellen Besitz der Herzogthämer Jülich und Berg garantierte, also 
^U der König dadurch wieder in den vollen Umfang seiner Bechte ein, 
MK SO mehr als man ihm ein Aequivalent aus den eignen Gütern des 
^ers versprochen hatte" Nur dem Dafürhalten von Podewils , der 
^(mssd^en mochte, dass man in Wien^ zumal nach dem Vertragsbruch 
m 1739, von dem im Principe zugestandenen Aequivalent und jener 
^üänmg Seckendorfs nichts würde wissen wollen, ist es zuzuschreiben, 
^ hei der Geltendmachung der Ansprüche auf Schlesien ein so schwer 
^gendes Moment nicht stärker betont worden ist, f) Dass Friedrich von 

*) Ranke XXVn-XXVm, 69.70; Droysen IV, 3, 35. 
**) Qae d^fant l^Empereor avoit par un traitä garanti Berg oa un öqniyalent, 
^« j'avois rempli mon trait^ maiB qu'ils m^avoient M contraires, et qu'amai, en 
^trant en Sil^e, ce me pourroit §tre pour un äquivalent 
^ No. X dieser Sammlung. 
t) Podewils an den König, 29. Dez. 1740, veigl. unten S. 74. 


54 ^® preusBLBchen Ansprüche auf SchlesieiL 

jenen Verhandlungen wegen des Aequivalents tüusste und sie m dm 
Vordergrund gestellt uissen wollte^ ist ein neuer Beweis, wie genau er 
die Geschichte der preussischen Politik und Diplomatie kannte, wie treu 
er alle Ansprüche seines Hauses festhielt und um wie viel sorgfältiger 
und gewissenhafter , als gemeinhin geglaubt wird oder glauben gemadd 
werden soU, er sein Vorgehen gegen Oesterreich begründete. 

Das über die jOlichsche Frage Gesagte genügt, um erkennen su 
lussen, wie Friedrich bei seiner Thronbesteigung das Verhättniss seines 
StacUes eu dem wiener Hofe vorfand und auffasste. Der Augenblick, 
seiner Auffassung Geltung eu geben, musste mit dem Tode des Kaisers 
oder mit dem Tode des Kurfürsten von der PfaU für ihn eintreten. 
Wie der plötzliche Tod des Kaisers ihn nicht überraschte*), so iciri 
Friedrich auch für den andern Fall seinen Plan in Bereitschaft gehihi 
haben. Als Kronprinz hatte er im Jahre 1^37 gegen den Minister i<m 
Grumbkow sich dcthin ausgesprochen, wenn es nach ihm ginge, ujürde 
er sämmüiche vierzig Schwadronen Dratgoner und die Husaren nach 
Cleve schicken y zwei Reiterregimenter und die Garnisonen in Breussen 
lassen und die gesammte Infanterie und den Rest der schweren CavaUerie 
in den Marken zusammenziehen^ um im Stande zu sein, jedem^ der sich 
seinen Absichten widersetzen würde, zu Leibe zu gehen. Die Dragoner 
uHürden Befehl bekommen, im gegebenen FaUe sofort in Jülich mi^ 
Berg einzurücken und sich beider Herzogthümer zu bemächtigen. Bei 
folgenden Verhandlungen könne man dann höchstens zur Herausgabe 
von Jülich gezwungen werden; besetze man aber nur Berg, so m^de 
man nachher die Hälfte davon abtreten müssen**). Friedrich hielt da- 
mals noch ein Zusammengehen Rreussem mit dem Kaiser für mog1icii***)\ 
seine durch Seckendorfs Erklärung vom 19, Dezember 1738 gerechtfertigt^ 
Auslegung des berliner Vertrages, une sie soeben entwickelt worden isij\ 
lässt uns einen Anhaltspunkt dafür gewinnen^ uHe er seinen Pl(m 
modificiert haben möchte ^ nachdem seit 1739 von kaiserlicher Seite der 
offenbare Bruch des berliner Vertrages vorlag. Friedrich dürfte Jet 
dem ersten diplomatischen oder militärischen Widerstand, auf den seine 
Occupation der Herzogthümer gestossen wäre, am kaiserlichen Hofe de» 

*) Friedrich an Algarotti, 28. Oct 1740: Je n'irai point 4 Berlin. Une baga- 
tojle comme est la mort de FEmpereur ne demande pas de grands mouvemeofi; 
tout ^toit pr^vu, tout ötoit arrang^.] Ainsi 11 ne s^agit que d^ex4cuter des desseins 
que j^ai roul^ depnis longtemps dans' ma töte ((Euvres ÄVUl, 20)- Veigl- 
Droysen, Friedrichs des Grossen politische Stellung im Anfang des schlesischeD 
Krieges, Abhandlungen zur neuer. Gesch. S. 267. 

**) Reinsberg U.fövr. 1737, bei Duncker, Eine Flugschrift des Kionprinzeii 
Friedrich, Abhandlungen zur preuss. Gesch. S. 31. 

***) In demselben Briefe: Ce que je ferois dans ce cas . . . ce seroit de me 
mettre avant toute chose bien avec TEmpereur. 


Die preussischen Ansprüche auf Schlesien. 55 

008115 foederis von 1728 gestellt haben und hei der zu gewärtigenden 
tniefriedigenden Antwort seine in den Marken versammelte Hauptmacht 
nach ScMesien geworfen hohen , um sich sein Äequivaient zu nehmen- 

Auch in Wien verhehlte man sich nichts dass das Verhältniss zu 
Preussen ein äusserst gekanntes sei, aber im Bunde mit Frankreich 
iflaubte man die preussische Freundschaft entbehren zu können*). 

Von seiner Thronbesteigung an liess Friedrich dem Wiener Hofe 
ihiäifk genug durchblicken, dass er bei eintretender Gelegenheit auf Ersatz 
für die Schädigungen^ die sein Haus von Oesterreich erlitten, sich 
Rechnung mache ^ dciss die österreichische Politik^ wenn sie weiter von 
Preussen Nutzen ziehen woUe, sich entschliessen müsse, das VerhaUmss 
heider Mächte auf Gegenseitigkeit beruhen zu lassen und den preussischen 
bäeressen endlich einmal gerecht zu werden, **) 

Seit zehn Jahren waren zwei^ jährliche Benten von 80,000 und 
20fi00 Gulden auf die Zölle der Maas, die Oesterreich und HoUand 
tertragsmässig gemeinsam an Breussen zu zahlen hatten, ausgeblieben. 
jM<m hat ums, heisst es in dem Erlass an Borcke vom Hf. SeptembcT, 
wf eine unerhörte Art unter den frivolsten Vorwänden da/mit hin- 
gehalten . . . Es wäre schreiend ^ wollte man jetzt mit\mir dasselbe 
Spiel fortsetzerL Man soU mich nicht fu/r immer um einen so beträcht- 
lidien Anspruch bringen. Ich gebe dem kaiserlichen Hofe zu bedenken^ 
ob irgend ein anderer an meiner Stelle so lange zugesehen haben würde. 
Jkr werdet nicht verfehlen, ein ernstes Wort darüber mit den kaiser- 
lichen Ministem zu sprechen und auf eine befriedigende Antwort zu 
^mgen.^ 

In einem Erlass vom 12. JuU, in welchem die Freilassung eines 
^i mehreren Monaten m Raab festgehaltenen preussischen Unter- 
officiers gefordert wird, finden sich die bedeutsamen Worte: „Werm der 
kaiserliche Hof mir in Sachen von so untergeordneter Bedeutung nicht 
Genüge ffnm wiU, so weiss ich nicht, was ich in den Fragen, die mehr 
öttsmoeÄew^ von ihm erwarten soU.'^ 

*) Bericht Boicke^s, Wien 6. April 1740. Der Prinz von Hildbnrghausen hat 
^ S^Bii^ »des Kaisers Maj. inkliniere in seinem Herzen dazu, das gute Einver- 
Q^en heizuBtellen . . . Allein jetziger Zeit, da noch Alles hier in einer totalen 
Uiigewiflshdt schwebe, würde darinnen nicht zu eilen sein; massen verschiedene 
^ere Gemüther noch nicht genugsam präparieret wären; darunter verstünde er 
Hüdbnrghaosen) im höchsten Vertrauen den Graf von Starhemberg und den Baron 
^fon Bartenstein." 

^) Es erhellt nicht, wie Arneth I, 101 (vergl. I, 79) sagen kann, „dass 
^^ Friedrich während der ersten Monate seiner Thronbesteigung jede Kund- 
gebung soigfältig vermied , aus der man einen Schluss auf die Haltimg zu ziehen 
^ Stande gewesen wäre, die er dem Kaiserhofe gegenüber zu beobachten gedachte." 


56 ^6 preuseoBchen Ansprüche auf Schlesien. 

WiederhoÜ wurde der Gesandte angewiesen^ eine bestimmte Er- 
Märung eu fordern, ob man sich in Wien durch den Tractat von 1/28 
noch gebunden hatte oder nicht; die kaiserlichen Minister waren nicki 
au einer solchen ssu bewegen; sie schwiegen in dieser wie in aüen an- 
dern von Tteussen in Erinnerung gebrachten Fragen. *) 

Bas kaiserliche Commissionsdecret gegen das Vorgehen Friedrichs R 
in der herstaller Angelegenheit zeigte dann fsur* Genüge^ wie der wiener 
Hof sein Verhäliniss eu Preussen auffasste, 

Qu^on tdche ä les chagriner en ce que Von pourra^ hcMe Friedrieh 
am 22, October voU Unmuth über dieses Beeret an PodewUs geschrieben.**) 
Vier Tage später hatte er die Nachricht von dem Tode des Kaisers. 

Er machte das rasche Wort nicht aUsogleich währ, er verstichii 
noch einmal, sein VerhMtniss zu Oesterreich herzustellen. Er erbot 
sich mit seiner ganzen Heeresmacht für die AufrechterhaUwng der prag- 
matischen Sanction einzustehen, der Geldverlegenheit des wiener Hofes 
durch eine Baarzaldung von zwei Millionen Thdlem abzuhelfen y detn 
Gemahl der Erbtochter Karls VI, seine Stimme für die Kaiserwahi iu 
geben. Er forderte dafür die Revision der theils erschlichenen, iheH< 
erzwungenen Abmachungen von 1686 und 1695, 

Wenn es für Friedrich damals noch einer Mahnung an seinr 
Pflicht gegen seinen durch die habsburgische Politik arg übervortheiüen 
und geschädigten Staat bedurft hätte, so wäre sie nicht ausgeblieben. 
Noch lebte einer der Veteranen aus der Zeit des grossen Kurfürsten, 
welcJher der SchnMch^ die unter dessen Nachfolger den Hoheth 
zollermtaat traf, welcher der ^^Retradition'' von Schwiebus hatte mi- 
schen müssen. Wie wenn er das Vermächtniss herkommen hätte, dp 
Gegenwart an ein verlornes Gut zu mahnen, wandte sich der alte Kanzler 
von Ludewig in HaUe, als er kaum die Nachricht von dem Tode Karls VI 
erhalten hatte , an seinen jungen König nach Rheinsberg. Seit vierzig 
Jahren, so schrieb er am 1. November, sei er von dem seligen Minister 
von Bgen in auswärtigen Angelegenheiten verwendet worden und habe 
viele Nachrichten Ober die preussischen Gerechtsame auf Schlesien ge- 
sammelt, ,^weil der von llgen dafür gehalten, dass bei Verlösdiung des 
Mannsstammes von dem Hause Oesterreich, über kurz oder lang, nod 
ein Gebrauch davon gemacht werden würde.''* 

Wir haben Bgen vorhin selbst gehört. Friedrich H beides m 
Jahre 1/40 nur, dass er die aUen Ziele der preussischen Politik im 
Äuge hatte, dass er der Mission würdig war, die ihm die prophetischen 
Worte seiner Almen zuwiesen, das „JExoriare aiiquis nostris ex ossibus 

*) Das Einzehie bei Droysen V, 1, 67—75. 
**) Oben a 31. 


Die preoflsiflchen Ansprüche aaf Schlesieii. 57 

«ttor'' des grossen Kurßrsten, das ,,da steht einer, der mich rächen 
soll'' seines Vaters. 

Dass der Buchstabe der Verträge^ dass das formelle Recht nicht 
jwr Um iffOTy das wusste Friedrich und UHtösten seine Bathgeber sehr 
icM. Aber wenn der Vertrag von 1686 erschlichen, wenn das for- 
mtOe Becht an die Arglist verloren war^ so galt wenn irgendwo dann 
Her das summum jus summa injuria*). 

Zudem erhielt dieser Defect der preussischen Rechte eine Deckung 
nickt bloss durch den vorhin dargelegten Zusammenhcmg der schlesischen 
Frage mit der jiüich^bergischen, sondern noch durch einen andern Um- 
stand. Wir gedachten oben der Geldforderungen, die der wiener Hof 
am preussischen Gassen seit zehn Jahren vorenthielt. Als seWst im 
Dezember 1740 die österreichischen Minister den preussischen Gesandten 
noch mit unbesUmimten Versicherungen^ wie sie zur Zeit Friedrich 
Wilhelms L oft genug gegeben worden waren, hüllten wollten, schrieb 
Friedrich dem Gesandten am 17. Dezember: ^,Ich weiss nur zu gut, 
»OS darauf zu geben ist Das einzige Mittel, von diesem Hofe sein 
Recht zu bekommen, ist es sieh selber zu verschaffen, und ich hoffe, 
dass die gegenwärtige Lage mir Gelegenheit geben wird^ diese Sache 
auf eine oder die andre Art ebenso zu einem befriedigenden AbsMuss 
SU bringen, wie die andern, in Betreff deren mir der Hof bisher be- 
endig Gerechtigkeit verweigert hat.**) Die officiellen preussischen 

^ Podewils an den König, 7. Nov. : pour la question de droit, il faut que je 
(Hse avec an profond respect k V. M. que quelques pr6tentions bien fond^es que 
U maison de Brandebourg ait eues autrefois sur les duch^s de liegnitz, de 
Brieg et de Wohlau, sur Ratibor et Oppehi, sur la principautä de Jaegemdorf et 
le ceicle de Schwiebus en Sil^e, U y a des traitds solenneis que la maison 
dAatriche r^lamera, et par lesquels la maison de Brandebourg s^est laissöe in- 
daire, quoique fraudulemment, k renoncer pour des bagatelles k des pr^tentions si 
consid^rables. Cependant on trouyera toujours moyen de &ire revivre ces andens 
<iroit8 et de se röcrier sur la l^on dnorme, en y ajontant les prStentlons p^cuniaires 
qne y. M. a & la Charge de la maison d' Antriebe, et qui fönt des sommes assez 
coDsid^bles. Darauf der König: L'article de droit est Taffaire des ministres, c*est 
U votre, il est temps d^y travailler en secret, car les ordres aux troupes sont 
donn^ Daos der König sich eingehender, als diese Antwort voranssetEen lassen 
tennte, mit der Rechtsfrage beschäftigte und sogar auf die verwickeiteren Punkte 
derselben einging, beweist eine Stelle in einem seiner Briefe an Podewils, vom 
^' Nov.: n m'importe aussi de savoir si la Sildaie est un fief masculin ou si les 
deox sezes y peuvent succ^er suivant le droit public. Das Aigument, dass 
«SchlesieD dn Mannlehen sd, findet nch dann in des Königs Baisons qui ont 
d^termin^ etc. (No. X dieser Sammlung). — Friedrichs eigenhändige Denkschrift: 
Id^ sur les projets politiques k former au sujet de la mort de TEmpereur (bei 
^roysen V, 1, 146), die nur für den Mnister Podewils bestimmt war, hat zum 
Aulgangspunkt: „II est juste de maintenir ses droits.^ 

**) Sur lesquelles la cour m*a refus^ jusqulci constamment justice, und vorher: 


58 ^6 preoBsiflchen Ansprüche anf ScblesieiL 

Ktmdgebungen nennen, was gewöhnlich nickt hecxktet wird^ neben den 
alten Ansprüchen auf Schlesien ausdrücklich die rückständigen Sckäd- 
f orderungen als Grund der Beseteung des Landes. 

Und wenn sich nun schon in Wien Niemand mehr des Vergangenen 
erinnern wollte, wenn schon die Minister, die bei einer ganzen Reihe 
von sich widersprechenden Tractaien mitgewirkt hatten^ alles Unrecht 
der früheren Regierungen mit Karl VI, ins Grab legen woUten*X u)€nn 
gewiss Maria Theresia persönlich von allen den Sünden ihrer Vätery 
die jetzt an ihr heimgesucht wurden, nicht berichtet wair und angesichts 
der Forderungen Friedrichs nur das stolze Gefühl der beleidigten Un- 
schuld halte — konnte denn selbst dann die Forderung der Abtrektng 
eines Theiles von Schlesien so hart, so unerhört erscheinen? Vor wenigen 
Wochen hatte der wiener Hof selbst durch einen geheimen Agenten 
eine solche Abtretung in Berlin anbieten lassen, als er, um dem drohen- 
den Staatsbankerott zuvorzukommen ^ einige Millionen Thaler aus dem 
preussischen Schatze zu entleihen wünscMe **). Und jetzt waren für 
dieses Opfer nicht nur Millionen Geldes zu haben, es waren hundert- 
tausend Streiter für die Rettung des österreichischen Gesammistaales, 
es war die Kaiserkrone zu gewinnen, die diesem Staate erst semei\ 
äusseren Glanz und seinen inneren Halt gab. 

Kaiser Karl VI. hatte, um Spaniens Garantie ßr seine prag- 
matische Sanction zu geunnnen^ ganze Königreiche, Neapel und Sicüien, 
abgetreten***), er hatte der russischen Garantie gm Liebe f) in semem 
letzten Türkenkriege Serbien, Bosnien und die Wallachei auf das S^l 
gesetztund verloren, hatte ßr die fr anzösi sehe Garantie den Verlobten 
seiner Tochter, Franz von Lothringen, aus dem tausendjährigen Besitz 
des gerhardinischen Hauses austreiben helfen ff) — vmr für ^eussen, 
nächst Frankreich die stärkste Militärmacht des damaligen Europas^ 


L^oxiique moyen de tirer raison de cette cour est de se la fisdre soi-mdme. Eis 
fast wörtUcher AnkUTig Histoire de mon temps cp. 1. zum Schluss: ou 
f alloit-il se ÜEÜre soi-mSme raison de ses droits? und ; ... pour se rendre & loi- 
m§me la justice que d'autres lui refusoient 

*) So sagt Borcke am 5. Nov. in Bezug auf das Kaiserliche Commissions- 
decret wegen Herstall: Hs tfichent de Tenteirer avec le d6funt monarque, quoique 
de son naturel ce monarqne n'^toit nullement port6 pour ces conseils violens. 
Droysen V, 1, 167. 

**) Das Nähere bei Droysen V, 1, 74. 
***) Erlass an Gotter und Borcke, 80. Dez. 1740: La Sanction Pragmatiquc a 
permis k feu r£mpereur de cikler et d'aH^ner des royaumes cntiers comme ies 
Deux-Siciles et une parde du Milanois etc. 
t) Arneth I, 35. 

tt) Arneth I, 28 ff. Das Wort Bartensteins: „Keine Abtretung, keine Erz- 
herzogin^ kennzeichnet die Situation. 


Die pT6ii8siflchen Ansprüche auf Schlesien. 59 

deren QewidU ungleich schwerer in die Wagschale fallen musste, als 
(ks Spaniens oder Busslands^ für Breussen^ das seine Bundesgenossen^ 
^hafl nicht fikr die ungewisse Zukunft, sondern für die augenblickliche 
Krisis anbot ^ die grösste Krisis, welche je über das Haus Oesterreich 
gekofnmen war — nur für Breussen hatte man keine Opfer wnd keine 
Abtretungen, weil die österreichische Politik gewohnt war, I^-eussen mit 
Worten htrufuhalten und mit Versprechungen abssufmden. 

An Versprechungen Hess man es in Wien^ wie nie in der Stunde 
der Noih^ so auch diesmal nicht fehlen. Dem berliner Cabinet woUte 
es scheinen, als sollte für die traditionelle Unaufrichtigkeit der 
österreichischen Politik Preussen gegenüber ein letzter schlagender 
Beweis beigebrcuM werden, wenn der Grosshereog von Toskana die 
beiden preussischen Unterhändler noch einmal mit der Aussicht auif 
das Hereogfhum Berg m beschwichtigen versuchte, Sie soUte sich 
jefgt wieder für Preussen erschliessen lassen, da der geheime Vertrag 
mä Frarücreidi gu Gunsten von Preussens sulzbachischem Eivalen im 
Januar 1741 abliefe, *) Und doch lief dieser Vertrag nicht im Jcmuar 
Ü41 ab, nicht zwei Jahre nach seinem Abschluss, sondern erst zwei 
'Jahre nach dem Tode des neuburgischen Kurfürsten von der Pfalz, der 
nnstweüen noch lebte, „Ich erstaune, sagt Friedrichs Erlass an seine 
Bevollmächtigten in Wien vom 30, Dezember ^ ich erstaune, dass man 
m Wien nach dem Verrath gegen meinen verstorbenen Vater und nach 
dem Abschluss eines Vertrages, der einem früheren, feierlich raMficierten 
dvrect widerspricht, jetzt mein Haus zum zweiten Male düpieren will. 
Aber was meine Ueberraschung vollendet und mich mit Entrüstung einen 
^0 seltsamen Vorschlag zurückweisen lässt, das ist, dass man die Stirn 
h(ü mtc& zu versichern, der Vertrag mit Frankreich vom Jahre 1739, der, 
dem mit uns zum Hohn, den provisioneUen Besitz von Jülich und Berg 
dem Prinzen von Sulzbach sichert, laufe im nächsten Januar ab. Wie 
^nn man Jemanden so plumb blenden wollen, der den zweiten Artikel 
dieses Vertrages kennt?**) Wie wül man denn in Wien nach einer 

*) So vendchert der Grossherzog Franz dem y. Borcke in der Audienz vom 
17., dem Grxafen Grotter in der vom 18. Dez. „Inhalt der Antwort, so des Herrn 
Herzogs von Lothringen Kön. Höh. mir auf meinen unter heutigem Dato gethanen 
Vortrag g^eben", Beilage zu Gotters Bericht, 19. Dez. Die Aeusserung zeige 
la mauvaise foi avec laquelle on veut agir jusqu'ä la fin avec V. M., bemerkt 
Podewils am 29. Dez. zu dem Bericht 

**) ,)Quod praedictus terminus duorum annorum rursus censendus sit initium 
«Apere a die mortis praesentis electoris Palatini, si eundem, quod Dens avertat, 
HQteqnam partes Jnter se conveniant, supremum diem obire contingat^ Wir 
kommen auf den Vertrag von 1739 zurück bei Besprechung der preussischen 
^taatsBchrift von 1747: „Sr. K. M. in Preussen Gegenantwort . . . 
^d Beweis, dass der Tractat von 1728... vorlängst erloschen 
"■ei*^ AbÜieilung YDI dieser Sanunlnng. 


60 I^c preoflsischen Ansprüche auf Schienen. 

solchen Verpflickiung die Hände frei haben, um beim Tode des Kur- 
fürsten von der PfaU etwas für mich in dieser Sache 0u Ümn? Mm 
müsste denn in gedoppelter Treulosigkeit den Vertrag mit IVanhreich 
ebenso brechen woUen, wie man den mit meinem verstorbenen Vakr 
über denselben Gegenstand geschlossenen gebrochen haV**) 


Es folgen hier zunächst sieben hürgere Schriften über den Ein- 
marsch in Schlesien, und in eweiter Linie die vier grossen Deduk- 
tionen der preussischen Ansprüche auf die vier scMesischen Herzog- 
fhümer. Die dräte und die vierte Deduction bilden die Repliken auf 
die von österreichischer Seite versuchten Widerlegungen der beiden ersten] 
da sie sich in die Form von Anmerkungen kleiden^ so musste zu 
ihrem Verständniss auch der Text der österreichischen ^^/ibUcaUonen 
vollständig abgedruckt werden, Dupliken von Seiten des wiener Hofe^ 
sind nicht erschienen, 

*) Stenzel, Geschichte des preussischen Staates Bd. IV, Hamburg 1851, 
S. 66, meint, „dass Oesterreich dem berliner Vertrage entgegen im Jahre 17^ 
Berg an Pfietlz-Sulzbach fönnlich gewährleistet hatte, scheint Friedrich doch nicht 
besthnmt gewusst zu haben", und C. Grünhagen, Friedrich der Grosse am Bu- 
bikon (Historische Zeitschrift XXXVI, 1876, S. 135) fuhrt nur einen Wahr- 
scheinlichkeitsgrund dafür an, dass der geheime Vertrag zwischen dem wiener 
Hofe und Frankreich in Berlin bekannt gewesen seL Wie massgebend dieser 
Vertrag für Friedrichs H. Entschliessungen war, wird aus den oben mitge- 
theilten Stellen ersichtlich sein. Dem entspricht das Gewicht, das in der 
Histoire de mon temps auf diesen Umstand gelegt wird: Bemarquons 
sur toute chose que Tempereur Charles VI ne s*en ötoit pas tenu 4 une simple 
garantic du duch^ de Berg etc. ((Euy res n, 48), w&hr^d die ,droits incontestablei«' 
auf Schlesien nur beiläufig erwähnt werden (H, 54; in der unedierten Bedaction 
von 1746 lautet die Stelle: je con^us d*abord le dessdn de revendiquer les princi- 
paut^ de la Sildsie sur lesqueUes ma maison ayoit des droits fond^s en justice). 


• vu. 
Declaration vom 13. Dezember 1740. 


^chon afn 3, November legte Podewils dem Könige ein ytprojet cTune 
d^'claration ä faire'''' vor, das er für den Fall eines preussischen Ein- 
warsches in Schlesien aufgesetzt habe. Der preussischen Rechte auf 
dit schlesischen Herzogthümer wird darin nur andeutender Weise ge- 
ihehi; des Ministers Gedanke ist, es unrd der juristischen Erörterungeil 
nicht bedürfen, wenn der tciener Hof für die Bundesgenossenschaft, 
'fe ihm IVetiSsen anbietet, freiwillig Schlesien abtritt*); doch soU die 
Andeuhing besagen, dass I^-eussen das, was es sich jetzt für gute 
biefiste geben lassen will^ auch ohne Weiteres zu nehmen sich für be- 
T'chiigt hält**). 

Am 28, November legte Podewils den Entwurf in bedeutend erwei- 
Mer Gestalt vor: ,,j'ai retouchd, et habiUi un peu autrement la d&- 
^hraiion ä faire au sujet de Tentrde." Die RechtsansprilU^he sind nicJit 
w*:hr bloss angedeutet**^). Der König gab die Weisung, dass die 

*) Podewils an den KQnig, 10. Nov.: Pour ce qtii est de la d^uction des 
droits de V. M. sar plusieurs parties de la Sil^ie et de ses autres pr^tentionfl 
cr«ntre la maison d'Autriche, je devois croire qu'il seroit plus convenable de n'en 
^re d'abord mention que 16g6rement et sous des mots couverts ... La raison en 
'^i qne si Ton pent convenir avec la cour de Yienne et avoir Taccession d'autres 
puisances snr ce sujet, on n^aura que faire une pareille d^uction. 

^) Podewils an den König, 8. Nov.: J'ai cru qu'il ^toit n^essaire de glisser 
'« passage sonslign^ dans cette declaration („mais S. M. outre plusieurs raisons 
^r^fortes qu'elle se r^erve de manifester en son temps"), pour annoncer en avance 
*i^^ V. M. a ea un droit plus fort que celu de la convcnance. 

***) Was Grünhagen, Friedrich d. Gr. am Rubikon, a. a. O. 126, in deut- 
<'ber Ueberaetzung mittheilt, ist der erste, nicht zur Verwendung gekommene 
Hntwurt 


•62 ^6 preuBsischen Ansprüche auf Schlesien. 

Declaration, erst am Tage vor seiner Ähreise ewr Armee veröffefdlüAt 
werden dürfe*). 

Am 6. Dezember wurde die Declaration an die Gesandtschaften 
im Haag, in London und in Petersburg y am 13. an die übrigen ge- 
schickt: arh demselben Tage erhielten sie^ nachdem der König am Morgen 
die Stadt verlassen, die fremden Gesandten in Berlin in schriftlicher 
Form, mit einem kurzen Begleitschreiben von Podewils**). Das Publi- 
kum bekam sie noch nicht sofort und befand sich in grosser Aufregung. 
„Le mot de manifeste, erzählt Jordan dem Könige am Id. (CEuvres 
XVlIy 74) termine ä prisent presgue toutes les conversations ; ont veut 
quHl en paraisse un aujourcThui qui ne dott itre que la pr^fctce d^tme 
ample diduction ä laguelle ün jurisconsuUe iravaiUe. On court ches 
les libraires , comme on s'empresse ä voir un ph^nom^ne cileste qu^on 
auroit annoncd.'' Am 15. erschien dann die Declaration in deutscher 
Uebersetzung von Ilgen in den deutschen Zeitungen, am 17 , im Original 
text im Journal de Berlin. ,^ manifeste enfin paroUf^ schreibt 
Jordan an diesem Tage (CEuvres XVII, 75), „tout le monde est surpris 
de sa bribvet4. On attendoit et on vouloit une diduction ample ei 
circonstanciSe , et au Heu de cela, on regoit un compliment fait afu 
puissances que Von croit fort alarmäes. On fluche cette diclaraiion 
comme un (hiologien prSchant un texte d^äcriture. Chacun Fea^lique 
ä sa manidre: Tun präend y trouver une frappante clarti^ Vaiuitre au 
contraire y croit voir une obscuritö affectee et politique.^' 


Le Koi en faisant entrer ses troupes en Silösie^ ne s'est port^ k 
cette d^marche par aucune mauvaise Intention contre la cour de 
Vienne et moins eneore dans Celle de Vouloir troubler le repos de 
TEmpire*** ^). Sa Majest^ s'est cru ^) indispensablement obligä d'avoir 
Sans d^lai recours a ce moyen pour') revendiquer les droits incon- 

*) ^n la faut dSliyrer k tous les ministres, mais il faat attendre que mes 
troupes soient en marche, ainsi ce sera le 12, jour ayant mon d^art, que vons 
le leur insinuerez et qu*on pourra le faire mettre dans les gazettes^ (eigenhändig). 
**) In der Ueberlieferung wird meist der 6. Dez. als Tag der Bekanntaiachimg 
angegeben, so La Clef du Cabinet des Princes LXXIV, 101 (Februarheft 
1741), Heldengeschichte I, 447; Adelung H, 175; Carlyle m, 166. 

***) Abweichungen des ersten Entwurfs: 1) et moins — Empire fehlt 
— 2) Mais S. M. outre plusieurs raisons tr^-fortes qu'elle en a eues et qu'elle se 
r^serve de manifester en son temps s*est crue. — 3) Für das Folgende bis zum 
Schluss : pour emp§cher que d^autres dans les conjouctures präsentes ne s'emparent 


Declaration vom 13. Dezember 1740. 63 

testables de sa maison aar ce duchä; fond^s sur des anciens pactes 
de famille et de coDfratemit^ entre les ölecteurs de Brandebourg et 
les princes de Silösie j aussi bien que sur d'autres titres respectables. 
Les circonstances pr^entes ^t la juste crainte de se voir pr^venir 
par ceux qui forment des pr^tentions sur la succession de feu TEm- 
pereur ont demand^ de la promptitude dans cette entreprise; et de 
k vigueor dans son ex^cution. Mais si ces raisons n'ont pas voulu 
permettre au Roi de s'äclaircir pr^lablement Ik-dessus avec la reine 
de Hongrie et de Boheme, elles n'emp@cheront jamais S. M. de prendre 
toujours les intärSts de la maison d'Autriche fortement ä cceur, et 
d'en etre le plus ferme appui et soutien, dans toutes les occasions qui 
se pr^enteront. 

d'one proyince qui fait la bairi^ de ses Etats, et pour ^Carter de aes frontiöree 
le fea de la guerre qui pourra s'allumer au sujet de la succession des Etats de la 
maison d^Autriehe, dont S. M. prendra toujours les int^ts k coeur et dont la 
conservation et Tamiti^ ne lui seront pas moins chöres qu^elles Tont 6t^ de tout 
temps aus reis ses angustes pr^^cessenrs. 


vm. 

Rnndsclireibeii Friedriclis IL an die 
deutschen Reichsstände und die Generalstaaten 
der Niederlande, Berlin 13. (bez. 10.) Dezember 

1740. 


Das Schriftstück ist von Podewils entworfen. Seine Veröffentlichung 
in den Reg ensburg er historischen Nachrichten (J741,Stück3)ist 
nicht vonpreussischer Seite veranlasst. Im Haag wurde das Schreiben, das 
an die Generalstaaten tmter dem 10. Dejsember ausgefertigt tvurde, in 
fransfösischer UeberseUsung gednAckt; sie steht im Januarheft des Mer- 
eure hist. et pol. (CX, 67; ohne Datum) und im iltat poliiique 
de VEurope F2ZZ, HS; ebend. und Gesch. des Interregni L 
301^ Heldengeschichte I, 508, Adelung U, 181j die Antwort der 
Staaten, Haag 24. Dezember^ in französischer^ bez. deutscher üeber- 
Setzung. Von den Antworten der deutschen Reichsstände ist nur die 
des Königs von Polen als Kurfürsten von Sa^chsen^ Dresden If. De- 
zember, veröffentlicht worden. Gesch. des Interregni 1, 300. 
Heldeng esch i, 506, Adelung II, ISO; vergl. Brühl an Ponia- 
towshi ncbch Paris^ Dresden 3. Januar 1/41^ bei Vitzthum d' Eck- 
st ae dt ^ Maurice comte de Saxe, Leipzig, 1867, S. 374^ 

Von einem Circularerlass an die preussischen Gesandt- 
Schäften über den Einmarsch in Schlesien, vom 13. Dezember, steht 
ein in einigen unwesentlichen Punkten nicht ganz genauer Abdruck 
(ohne Datum) im Januarheß des Mercure hist. et pol. (CX, 93)^ 
im Februarheft der Clef du cabinet des Princes (LXXIV, H^) 
und in Roussets Recueil historique XV, 137, Der Erlass deckt sich 
dem Inhalt nach mit dem Bundschreiben, 


RundBchreiben vom 13. Dezember 1740. 65 

£w. pp. mögen Wir hiemit freundvettqrlich nicht verhalten, 
welcher Oestalt Wir uns genöthiget gesehen , zu Vindicierung der 
rDserm König!. Churhause von Saeculis her zustehenden incontestablen 
jimum auf das Herzogthum Schlesien^ so theils aui* alte Successions- 
pacta und Erbverbrüderungen zwischen Unsern in Gott ruhenden 
Vorfahren an der Chur und denen Schlesischen Herzogen von Lieg- 
oitz, Brieg und WohlaU; theils auch auf andern unwidersprechlichen 
mndamentis gegründet, mithin durch keine von Unserm Königl. 
Chorhause in vorigen Zeiten etwa erzwungene; obgleich nicht ad- 
bplierte Vergleiche Uns und Unseren Nachkommen ^ den Funda- 
mentalgesetzen Unsers Königl. Churhauses zuwider ^ jemals entzogen 
werden können^ Unsere Truppen in bemeldtes Herzogthum einrücken 
zu lassen, und Uns desselben Besitzes bei denen jetzigen weit aus- 
cehenden Conjuncturen^ soviel möglich^ gegen alle anderen Beeinträch- 
tikimgen zu versichern. 

Nun hätten Wir zwar wünschen mögen, dass die gegenwärtige 
Beschaffenheit der Umstände ^ und die täglich mehr zunehmende Be- 
^rgnisse eines innerlich- und äusserlichen Krieges wegen der Oester- 
reichischen Erbfolge Uns erlauben wollen, mit der Königin von 
logarn und Böheim Majestät, als mit welcher Wir alle nur ersinn- 
iiche Freundschaft und enges Vernehmen zu cultivieren festiglich ent- 
«schlossen, Uns dieserhalb zuförderst näher zu explicieren und zu ver- 
einständigen. Weilen aber eines Theils die Gefahr auf dem Verzug 
gehaftet, anderen Theils aber Uns so wenig angemuthet werden 
bnnen, dasjenige, was Wir zu Prosequierung Unserer Rechte anzu- 
wenden verbunden, dem Ausschlag einer zweifelhaften und unsicheren 
%ociation zu überlassen, als es Uns zu verdenken stehet, zu Con- 
>*^rvation eines Landes, woran Wir' und Unser Churhaus so gegründete 
Ansprüche haben, alle nur ersinnliche Mittel anzuwenden : so werden 
^^'' PP-y nach Dero hohen Begabniss, und der Uns und Unserem 
K'"'nigL Churhaus jeder Zeit bishero zu Unserer besonderen Verbind- 
lichkeit erwiesenen Gewogenheit und Freundschaft leicht von selbst 
zu ermessen belieben, dass Wir hierunter nicht anders, als ge- 
schehen, veriahren können. Ew. pp. werden dabei von Uns die auf- 
rehtigste und bündigste Versicherung anzunehmen geruhen, dass, 
;fleichwie Wir hierunter, als Wir vor Gott contestieren können. Nie- 
^^nd, am allerwenigsten aber das Erzherzogliche Haus Ocsterreich 
za beleidigen gedenken, als mit welchem Wir ohnedem Uns auf eine 
•'jlche Art hierunter zu vereinständigen würklich in Begriff sein, dass 
usadbe seines Orts hoffentlich damit vollenkommen zufrieden zu sein 
Ursache haben wird. Wir auch aUe Uns von Gott verliehene Mittel 
uud Kräfte dahin anzuwenden trachten werden , damit das bisherige 

I*w»i«l,e gtaatBacliriflen. I. 5 


66 Die preoBsiflchen Ansprüche auf Schlesien. • 

Systema des Reichs .und Unserer sämmtlichen höchst und hoheL 
Herren Mitstände wohl hergebrachte Jura, Freiheiten und Privilegien 
aufrecht erhalten^ das geliebte Vaterland teutscher Nation vor alleni 
feindlichen Anfall gedecket^ und dem Reich ein würdiges Oberhaupt 
wieder gegeben werden möge. 

Ew. pp. geruhen an diesen Unseren patriotisch-gesinnten Senti- 
ments um so viel weniger hierunter einigen Zweifel zu setzen ^ noch 
sich etwa durch allerhand sinistre Insinuationes daran irre machen zu 
lassen, als Wir davon, ob Gott will, solche Proben zu geben gedenkes, 
welche die ganze ohnparteiische Welt, absonderlich aber das Erz- 
herzogliche Haus Oesterreich, von der Droiture Unserer hierunter 
fuhrenden aufrichtigen, und zu des Reichs wahren Besten einzig uud 
allein abzielenden Intentionen genugsam conviucieren sollen. 

Da Wir übrigens Ew. pp. zu Erweisung aller freundvetterlicheü 
Dienste und Gefälligkeiten stets geflissen verbleiben. 

Berlin den 13. Decembris 1740. 


IX. 


Patent, | Wegen | Des Ein-Marclies | 

Sr. Königl. Maiestät | in Prenssen | Trouppen 

in das Hertzogtliuinb I Schlesien. 

2 Bll. fol. — Frankfurter Originaldruck. — Geh. St.-A. 


• // sera näcessaire^ berichtet PodeuHls an den König am 10. November, , 
poMT ^anquiUiser et rassurer les esprits des Jiabitans de la Silesie, de 
l^que conditian quHls putssent ^tre, comtne F. M. nentre point en 
nmemi^ mais plutöt en ami, bon voisin, et protecteur dans leur pays, 
^'on iistrtbue ainsi que cela se pratique en pareilles occasions des 
^db-es patentes pübliques et imprim^esJ''^ Er legt seinen Entwurf zu 
fv^em solehen Talent vor: Je me flatte, que F. M. le trouvera coucM 
'^ les termes les plus doux, les plus mod^is, et les plus convenables 
'i ce sujet-lä. Die erforderlixihen Exemplare würden am besten nicht in 
Bfrlin^ wo das Geheimniss schwer m tvahren sei, sofidem in Frank- 
fwi a. 0. gedruckt werden ; Schwei'in müsse dort Schildwachen vor der 
J^ruckerei aufstellen und dem Drucker und seinen Gehilfen den Eid 
^incÄme», bei Todesstrafe nichts zu verrath^n. 

Auf Weisung des Königs wurde das Patent auf den 1. Dezetnber 
^oiiert,*) Am 18. November wurde es zum Druck nach Frankfurt 

*j Podewils an den König 14. Nor. : Je Tai dat^ du 1er d^cembre, par la raison 
'P il a plu k V.M. de me marquer de sa propre main. Vergl. Friedrich II. an 
rodewik, Bhdnsbeig 12. Nov.: La bombe crövera le 1er de d^cembre. Rousset 
im Mercure bist et pol. CX, 89. (janv. 1741) und im Recueil historique XV, 133. 
nebt den U. Dezember als Datum des Patents an, ebenso La Clef du Cabinet 
'leg Princes LXXIV, 101 (fövr. 1741.) 

5* 


(>g Die preuflsiBchen Ansprüche auf Schlesien. : 

geschickt, die Auflage betrug tausend Exemplare. Die PubKcaim 
erfolgte erst am Tage des Einmarsdies, am 16, Dezember, 

Unter dem 18. erliess das hönigl. ungarische Oberamt in Breslau 
ein Gegewpateniy unterzeichnet von Hans Anton Graf Schaffgotsch mi 
Sebastian Felix Freiha^m v, Schwanenberg ; *) am 21. übergaben zmi 
Deputierte^ Ernst Maximilian von SwSerts, Reichsfreiherr von Beist. 
und Herr v. RJiediger ein nrnt, mut. mit dem Patent gleichlautendes 
Schreiben des Oberamts (ohne Datum) im preussischen Hauptquartier 
zu Mükau. „Ä Mcy. befanden sich eben bei der Tafel und fragten 
bald anfänglich, ob die Deputierten Oberamtsräthe oder Landesöiksk 
wären, wobei dieselben mit Er benamset tvurden. Nachdem sie aber 
zu erkennen gegeben, dass sie nur Landstände wären, verwandelte der 
König das Er in Sie und nöthigte dieselbigen, dass sie sich zum Speisen 
niedersetzten. L Maj, salien darauf das Manifest durch, ohne dabä 
eine entrüstete Miene zu zeigen. Hernach gaben Sie es Dero Pagen, 
mit dem Befehl, es an gehörigen Ort zu legen. Die Abgeordneten be- 
kamen auch weiter keine Antwort, als dass ihnen darüber ein Recqmr 
ausgefertiget umrde, mit welchem sie ohne Verzug zurü^kreiseten:'*^} 
Der König schickte den Protest nach Berlin, und Podewüs rieih 
(25, Dezember) ihn unbeantwortet zu lassen; es sei unter der Wünk 
des Königs, sich mit einer ProvinzialbeJiörde in eine Erörterung eimii- 
lassen. 

In Berlin ging das preussische Patent bis Ende Dezember nur ,,d< 
ein Geheimniss unter der Hand herum,*'' ***) Am 29, Dezember bradiieft 
es die deutschen Zeitungen; sie nannten es ein ^.Manifest"*. Da die 
Schnft in der Tliat niclds weniger als ein Manifest im diplomatischen 
Sprachgebrauch der Zeit, d, h, als eine Darlegung der Berechtigung der 
preussischen Unternehmung war, so schrieb Podeunls, der die ühgenauig- 

*) Gedruckt in Placattbrm; Geh. St.-A. — Stenzel, Preuas. Gesch. IV 7T 
nennt irrig den 15. als Datum und bemängelt die richtigen Angaben. lu der 
breslauer Zeitung erschien das Patent des Oberamts am 22., veigl. Gutzraar 
(Bresl. Syndikus) Nachrichten über Einrückung der K. preuss. Trouppen, bei Stcnztl 
Scriptores rer. Silesiacarum V, Breslau 1851, S. 20; daraufhin giebt der Erlanger 
Zeitungsextract Jan. 1741, p. 18, den 22. als Tag der Veröffentlichung an. - 
Abgedruckt: Europ. Staatskanzlei LXXVIII, 606 u. s. w. 

**) Seh lesische Kriegs fama V, 19 und wörtlich daraus abgeschrieben 
Hcldeugeschichte I, 481. Vcrgl. auch Kundmann, Heimsuchungen Gott^v 
über Schlesien (Leipzig 1742) S. 452, Gutzmar bei Stenzel V, 21 und die Ars 
et Mars betitelten Aufzeichnungen eines breslauer Franziskaners ebend. 402. — 
Ernst Maxim. Sw^erts, aus einem ursprünglich brabantischen Geschlechte, starb 
am 3. Juli 1757 als maitre de spcctacle am Hofe Friedrichs des Grossen. 

***) So schreibt am 24. Dez. der berliner geheime Berichterstatter der Aebtissii» 
von Quedlinburg, vergl. Berliner Nachrichten aus dem Beginne der schles. Kriege 
her. von Grünhagen, Zeitschrift für preuss. Gesch. 1876, S. 385. 


Patent an die £inwohner von Schlesien. 1740. 69 

W erst am 31. im Journal de Berlin gewahr wurde, sofort an Ilgen, 
ide er ,,mii grosser Verwunderung aus der heutigen französischen 
XeiUmg des Hauden gesehen, dass derselbe sich unterstanden, unier deni 
Xamefi eines Manifestes eine abgeschmackte und übel gerathene Ueber' 
^sung des Patents drucken Zi4 lassen, ohne dass gedachter Haude solche 
forher zur Correctur oder Censur gegeben,'^ Es musste „cito bei der 
Post befohlen werden, nicht eine einzige piece von dieser abgeschmackten 
Zeitimg lieute abgehen zu lassen,^' und die Zeitimgen mussten eine von 
Podeiüils formulierte Berichtigung bringen : das Patent führe gar nicht 
'len Namen eines Manifestes y sondern diene nur dazu, den schlesischen 
Eingesessenen alle etwa geschöpfte ungegründete Furcht und Beisorge 
nnes feindlichen Einfalls zu benehmen. ,,Man Jiat dann anhero auch 
nicht ewtubriget sein können, erst angezogene sehr übel gerathene und 
dfr Gazette sonder Befehl und aus Versehen einverleibte pi^ce und 
Vfhersetzung hierdurch gänzlich zu revocieren und zu underrufen."'^) 
Detn Redacfeur des Journal de Berlin, dem Professor und Prediger 
Ff/rmey, gab diese öffentliche Büge Veranlassung, die Redaction nieder- 
legen, vergL seine Souvenirs d^un citoyen, Berlin 1791, /, 

m.m. 


Wir Priderich von Gottes Gnaden König in Preussen, Mark- 
^^^' zu Brandenburgs des Heiligen Römischen Reichs Erzkämmerer 
'^d Churftirst etc. etc. entbieten denen sämmtlichen Einwohnern des 
Herzogtbnms Schlesien^ und dessen incorporierter Fürstenthümer und 
Landen, wess Standes und Würden sie sein, Unsern gnädigen Gruss 
ind geneigten Willen zuvor. 

Demnach es dem Allerhöchsten gefallen weiland Se. Kaiserl. Majestät 
äus dieser Zeitlichkeit abzufordern und dadurch das Reich sowohl, 
^3 das Durchl. Erzhaus Oesterreich seines Oberhaupts zu berauben, 
mithin letzteres wegen der an desselben Succession bei nunmehro 
^nzlicher Erlöschung des Mannsstammes geschehenen Ansprüche 
^elen gefahrlichen Weiterungen zu exponieren , welche sich zum 
Theil schon geäussert^ theils auch in voller Flamme auszubrechen im 
Begriff zu sein scheinen^ solches aber unter andern das Herzogthum 
Schlesien, an dessen Conservation und Wohlstände Wir bishero um 
^ tiel mehr Theil genommen^ dass selbiges Uns und Unseren Reichs- 
^nden zur Sicherheit und Vormauer dienen muss, leicht mit ergreifen, 
und von denjenigen, so an die Erblande des Hauses Oesterreich einige 

^) In den deutschen Zeitungen vom 3., dem Journal de Berlin vom 7. Januar. 


70 ^^ prenssischen Ansprüche auf Schlesien. 

Prätension zu haben vermeinen ^ darin zu Unserm und Unserer an- 
grenzenden Landen äussersten Präjudiz und Nachtheii eigenmächtige 
und gewaltsame Possession genommen werden, mithin das hiernächst 
dieserhaib ausbrechende Kriegsfeuer Unsere Grenzen mit ergreifen, 
und Uns Selbst nicht in geringe Gefahr setzen könnte : so haben Wir 
zu Abwendung aller solcher besorglichen Suiten^ und zur nöthigen 
Defension der von Gott Uns anvertrauten Lande und Leute, bei der 
bevorstehenden grossen Gefahr eines allgemeinen Krieges nach denen 
in aller Völker Rechten erlaubten Principiis einer noth wendigen Ver- 
theidigung und um verschiedenen theils verborgenen^ theils auch 
genugsam sich bereits geäusserten; Uns aber zum Höchsten präjudi* 
cierlichen Absichten vorzukommen ^ wie auch aus anderen triftigen 
und wichtigen Ursachen, welche Wir zu seiner Zeit zu manifestieren 
nicht unterlasseiL werden ; Uns genöthiget gesehen, Unsere Truppen 
in das Herzogthum Schlesien einrücken zu lassen , mithin dadurch 
selbiges vor allem besorglichen anderweitigen An- und Einfall zu 
decken. 

Und gleich wie dieses keines Weges in der Intention geschehen, 
um Ihro Königl. Majestät von Ungarn zu beleidigen, als mit welcher 
und dem Durchlauchtigen Erzhause Oesterreich Wir vielmehr alle 
genaue Freundschaft zu unterhalten und desselben wahres Beste und 
Conservation zu befördern, nach dem Exempel Unserer glorwürdigsten 
Vorfahren an der Krön und Chur eiferigst wünschen^ auch welcher 
Gestalt solches Unsere einzige Absicht bei dieser Sache sei^ mit der 
Zeit sich von selbst genugsam zeigen wird; wie Wir denn darüber 
mit höchstgemeldter Ihro Königl. Majestät Uns zu explicieren und 
zu vereinständigen würklich im Begriff sind: als können alle und 
jede des Herzogthums Schlesien und dessen incorporierter Provinzien 
und Landen Einwohner, wess Standes oder Würden sie sein, sich ver- 
sichert halten, dass dieselben von Uns oder Unseren Truppen nichts 
feindliches zu besorgen, sondern vielmehr bei allen und jeden ihren 
wohlhergebrachten Kecht und Gerechtigkeiten, Freiheiten und Privi- 
legien, in publicis et privatis, in ecclesiasticis et politicis welcher 
Religion, Standes oder Würden dieselben sein können oder mögen, 
Unserer Königlichen Protection und mächtigen Schutzes sich, wie sie 
es inmier wünschen und verlangen können, zu erfreuen haben sollen. 
Wie Wir denn auch bei Unseren Truppen solche gute Mannszucbt 
und Disciplin halten zu lassen gesonnen, dass Niemand durch die- 
selben molestieret und beunruhiget, noch weniger aber in dem Besitz 
des Seinigen gestöret werden soll. 

Dagegen Wir aber auch zu ihnen des allergnädigsten Vertrauens 
leben, dass gleichwie Wir aus keinem feindlichen Gemüth und Ab- 


Patent an die Einwohner von Schienen. 1740. 71 

sehen^ sondern vielmehr zu ihrem eigenen Besten und Erhaltung des 
ilmen sowohl , als Uns so nöthigen Ruhestandes ihres Vaterlandes 
Uns ihnen genähert, dieselben sich nicht beifallen lassen oder unter- 
stehen werden^ bei solchen von Uns so gnädigst geschehenen Aeusse- 
roDgen und freundnachbarlichen Betragen sich gegen Uns oder die 
Lnsrigen auf einige Art zu vergreifen und etwas vorzunehmen^ welches 
Los hiemächst wider Unsem Willen zu anderen Mosures zu schreiten 
zwingen und nöthigen dürfte^ als welches dieselben, nebst allen daraus 
entstehenden Übeln Suiten und Folgerungen, sich lediglich sodann 
beizumessen haben würden. 

Urkundlich unter Unserer eigenhändigen Unterschrift und vor- 
gedrucktem Königlichen Insiegel. Gegeben in Unserer Residenz zu 
Berlin, den Iten Decembris 1740. 

L. S. 

Friderich. * 

H. V. Podewils. 


Exciirs zu IX. 

TTtr erwähnen im AnscMuss an das PcUent an die Schlesier zwei 
Fkgschrißen^ von denen die erste nicht ohne Genehmigung des berliner 
Hofs veröffenüicht sein dürfte, da iJtr Verfasser ein preussischer Be- 
'mter tcar und sich in der Schrift keineswegs verheimlicht Doch finden 
rrr th den Acten dieselbe nicht erwähnt. Es ist die: 

Lettre \ Apologetique \ Pour quelques Süesiens^ qui se son en- 
gag^ \ ä la cour de Berlin. 

4 Bll. 4« — Bibl. zu Fürstenßein. 

bi deutscher üebersetjsung s. t: 

Vertheidigungs - \ Schreiben \ Vor einige Schlesier^ welche 
König- \ lieh Preussische Dienste angenom- \ men haben. 

8 pp. 4® — Bibl. zu Fürstenstein. 

Abgedruckt: Gesammelte Nachrichten von dem Zustande 
fie^ Herzogtkums Schlesiens II, 102; Schlesische Kriegsfama V,22 
^ (mr deutsch) bei Stengel, Scriptores rerum Silesiacarum F, 398. 
fm deutschen Auszug Heldengeschichte i, 442. 

Der Brief ist datiert Berlin, 29. Dezember 1740 und unterzeichnet: 
^' IHe Vermuthung, welche aufgestellt worden ist^*) dass hinter dem 

*) Von C. Grunhagen, Friedrich der Grosse und die Breshiuer. Breslau 
l^. S. 43. 


72 1^6 preaflsiachen Ansprüche auf Schlesien. 

K, Knobelsdarf, der beruJimte Archited, verborgen sei, ividerlegi sich 
aus dem Inhalte des Briefes. Was der Schreiber van seinen persm- 
liehen Verhältnissen erzählt ^ ist folgendes: Er verliess ScJUesieti m 
Mai 1740, um eine Reise nach Sachsen zu machen. . . . Uenvie m* 
prit de voir les c&ömonies des ^ousailles du prince Fridiric de Hesst- 
Cassel . • . Mit einem Freunde kommt er dann weiter nach Nieder. 
Sachsen, hört übercdl den König von Jh'eussen rühmen, und reist m 
August nach Berlin, um ihm seine Dienste anzubieten. Er bewirbt $id 
um die Stelle eines Geheimen Justizraths; der König bricht nach 
Schlesien auf, bevor sein Gesuch erledigt, Chacun croyoit que taut Sf 
faisoit amiablement et de concert avec notre Reine . . Le baron d* 
DemraOi, notre resident, a dit publiquement au comte JSenckel (im deut- 
schen Text, der sich dadurch als die Uebersetzung kennzeichnet ^ steh 
nur: dem Grafen H . . .) que rien n'itoit plus sür. Zum ScMuss 
sagt er: R est vrai que les gazettes ont fait TJumneur de me donmer 
un emphi consid^able, mais il y a bien d!aMtres mensonges, Les wm- 
velles de Mr. Haude sont fort sujettes ä caution. 

Nun findet sicfi in den berliner Zeitungen vom 20, Dezember 1740 
die Notiz^ dass der König den Baron von Kittlitz zum Geheimen^ 
Roth ernannt habe. Im berliner Adresskalender auf das Jahr Ii42 
wird Ernst Friedrich von KOÜitz und Ottendorf als jüngster Geheimer 
Justiz rath aufgeführt*), Rin also werden wir als den Verfasser 
der Lettre apohgdtique anzusehen haben. 

Die Tendenz des Briefes ist, di^ Anschuldigung zurückzuweisen, 
als hätten die in Berlin weilenden Schlesier den König zu der Unter- 
nehmung auf Schlesien „afigereizf". Schon am 25. November schreibi 
ein geheimer Correspondent aus Berlin: „Sonsten halten sich aUhier 
viele vornehme schlesische CavaUers, worunter auch Deputierte sei^* 
sollen, auf, deren Anbringen aber noch unbekannt ist^''**). In Breslau 
verbreitete sich das Gerücht, „es wären schon über hundert schlesisch 
Familien von gräflichem und edelem Stande, welche fheils in preussisch* 
Dienste und unter des Königs Frotection sich begeben und ihn gleich- 
sam eingeladen^ in das Land zu kommen''***). Das Tagebuch eme^ 
breslauer Franziskanermönclies (,^Ars et Mars") bemerkt zu dem „ Vfr- 
iheidigungsschreiben vor einige Schlesier"' : ^^non petita excusatio est stti 

*) Er wurde demnächst bei Bestellung des Breslauer Regierung8Collegium> 
demselben als Regierungsrath zugewiesen; vergl. Landesdiarium bei Stenzel 
Script V. 208, Berlinische Nachrichten vom 16. Januar 1742. Die Kittlitz 
gehören zum ältesten schlesischen Adel. 

**) Zeitschrift für preuss. Gesch. 1876, S. 378. 
***) Als unglaubwürdig erwähnt in einem Breslaner Briefe vom 10. Dez. aui' 
der Fürstensteiner Bibl.« (rrünhagen a. a. O. S. 42. 


Let^ apolog. pour quelques Südens. — Wohlmeinende Beflexiones. 73 

meusaiio . . . nunquam Bex Borussiae^ saltem sine insinuatione helli, 
m Silesiam duansset populum snufn, nisi jam a tempore tnuito, prasser- 
Hm v*ro iUico post rescitum obitum Augt4Sti$simi Imperatoris, a Silesiis 
{fMxime a capite Wratislatvia) saepius repetiUs precibus immo pro- 
fMSsiotübus omnigefhi auxilii stimtdtxtus^ adlectus et qtum cocLctus fuisseV' 
(Script rer. Siles. F, 40J2), Dergleichen Behauptungen dürften indess 
uicht bloss masslos übertrieben , sondern überhaupt grundlos sein. 
Allerdings ist richtig, dass damals zahlreiche vornehme Schlesier in 
prfussische Dienste traten. So wird in den Zeitungen vom 20. Dezember 
ausser der Erfiennwig des Kittlitz noch die des Grafen Henckel zum 
Oberschenken und des Grafen Hochberg zum Stallmeister erwähnt. 
Und eine eigenhändige Weisung des Königs an Podewils (12. Dezember 
V40) verfugt: II faut que vous preniez tous nos Silesiens ä qui fai 
donne des charges en serment relativement ä leurs postes, pour les tenir 
par lä d^autant plus fermes dans nos intSr^ts. Aber dass eine solche 
Vorsichtsmassregel für nöthig erachtet wurde, scheint doch die An- 
nahme einer Einladung des Königs durch diese Schlesier grade amzu- 
üMiessen. 

Die zweite Flugschrift^ deren Abfassung der preussische Hof wohl 
kdefifaUs fem steht, fuhrt den Titel: 

Wohlmeinende Beflexiones eines auswärtigen Ministers, welcher 
die vollkommene Kenntniss des Schlesischen Landes, dessen 
Begierungsform und innerlicher Verfassung auch Zustandes zu 
besitzen, und von der Generosität und landesväterlichen Intention 
des Königs von Preussen informieret zu sein vermeinet. 
Abgedruckt: Gesch. des Interregni U, 135', Helden- 
Heachichte I, 832—856. 

PoUmann sandte sie am 10. April 1741 abschriftlich auf 4 BU. 
Jol, aus Begensburg: ,Je n'en sais pas Vautewr^ ni celui qui les a fait 
monier, mais on y rend la justice ä V. M. par rapport aux Silesiens 
pe tont le monde raisonnable convient de lui ^tre due.*'' Der Euro p. 
Staatssecretarius 67, 630 meint über die Schrift, erstens seien die 
Wahrheiten ziemlich bekannt und hätten von einem, der sich als der Ver- 
hfiünisse hundig rühmt, wohl noch besser gewusst werden können, und 
^^ceitens sei die Schrift ziemlich schmeichlerisch gegen den König von 
Preussen. 


X. 


Memoire sur les raisons qiü ont d^termin^ le 
Roi h faire entrer ses troupes en Sil^sie. 


,,«ye vofis envoie ici, schreibt der König am 39. Dezember aus Herrn- 
darf an Podetvih , une minute que fai faite de nos droits qu'il seroit 
ban de communiquer ä GhambrierJ''' Die Beilage „Raisons qui (mt 
dMermifU le Bai ä faire entrer ses trautes en SihSsie" ist von des 
Königs eigner Hand.*) Podetvils fand ein Pa^r Stellen d^xrin obBu- 
ändern: tPy ai seülement, sauf le respect que je dois ä V, Jf., change 
un coupU ^endroits. Le premier de la pretention de quelgue miUiüns 
d!4cus, puisqu^en comptant au plus haut, celu ne va pas tout^-fait ä 
deux millians de ftorins, sur lesqueUes il pourroit m^e y avoir quelquc 
chose ä räbattre. Le second, que V, M, suppose taujours qu'on a 
promis au feu Boi un bivalent si on ne le mettait pas en possession 
de Juliers et de Bergue^ mais cela ria jamais 6t6 stipuleJ"^**) Ausser- 
dem milderte der Minister einige starke Ausdrücke des Entumrfs ufid 
fügte einem Postscript des Königs gemäss nach einiges hinzu, worauf 
das ^^Mömoire sur les raisons etc'^ am 31. Dezember an die Gesandt- 
Schäften***) abging. 

Ursprünglich nur zur Instruction für die Gesandten, nicht zur Yer- 
öffentlichung bestimmt f), k^m es nach einiger Zeit in die londoner JZeitvn' 

*) Veigl. Droysen V, 1, 188. 

**) Podewilß an den König, 29. Dezember. Vergl. oben S. 53. 
***) In Cöbi, Dresden, Haag, Kopenhagen, London, Mainz, Mannheim, Müncheu, 
PariB, Petersburg, Stockholm. 

t) VouB n'avez po^rtant pae besoin de le communiquer in extenso, mais il 
sufiit que vous vous en serviez pour vous expliquer sur cctte afilEiire jusqu'i ce 
que je vous ferai tenir quelques exemplaires d'une ample d^uction qni est 90us 
la presse. 


Memoire siir les raisons qoi ont d^tennin^ le Boi etc. 


75 


^tHy als Graf Truchsess die Weisung bekommen hatte^ die Communiquäs der 
.'» der englischen Presse sehr aufmerksam bedienten österreichischen Ge- 
sandtschaft mit gleichen Waffen zu bekämpfen, *) Die Denkschrift fand 
dann als ,^Memoire^ welches der K. preuss. Gesandte von 
Truchsess dem K, Grossbrit Hofe wegen des Herzog- 
ihnms Schlesien übergeben/*^ auch in die continentale Presse 
ihren Weg. Vergl Gesch. des Interregni 11^ 252; Staats- 
Schriften nach dem Ableben Karls FI., J, 3^, und mit Ent- 
termmg der stilistischen Härten des Originals ]^ tat p ol, de VEurope 
7UI, S76. In deutscher Uebersetzung: Heldengeschichte /, 779. 

Wir geben neben dem Text^ wie er den Gesandten zuging^ auch 
'/ew ursprünglichen Entwurf mit Beibehaltung der Orthographie des 
Königs. 


Raisons 
qul ont determln^z le Boy & 
faire entr^r 8es troupes en 
Sllesie. 

Les Droits du Roy sur la plus pare 
Df« Duch^ et principaut^ de la Bilesie 
^nt Incontestables. 


Les posseseuTs de ce Duch^ en sont 
meme Si bien CSonvenüs qu'ils ont fait 
an trait^ avec Telecteur Frederic Guil- 
(Aoinc par le quel cet Ellecteur renon- 
"Jeroit en fieiyeur du Cercle de Schwie- 
^ 4 Ses Droits Sui* les autres pr: et 
I^ch: de La Silesie; cette renonciation 


X6moire snr les raisons 

qnl ont d6termln6 le Rol h 

faire entrer ses tronpes en 

8il6sle. 

Les droits du Roi sur une 
grande partie des duches et prin- 
cipaut^s de la Sil^ie sont incon- 
testables. La d^duction qu'on a 
donn^e Ik-dessus au public en fait 
voir les fondemens et leur solidit^. 

L'empereur Leopold ler en con- 
vint 81 bien qu'il fit Tan 1688 avec 
r^lecteur Prid&ic - Guillaume un 
trait^ par lequel il donna en äqui- 
valent pour ces pr^tentions le cercle 
de Schwiebus en Sil^sie k ce 


^) Bericht Truchsess', 31. Januar: Tous les papiers publics imprim^s qui 
l'i^isBent tous les jours sont sans cesse remplis de lettres supposöes remplies d'im- 
P^^ences sur les affaires de^Sil^e. — 10. Februar: La cour de Vienne a &it 
publier une infinit^ de d^ductions contre les d^marches de V. M., ce qui a cans^ 
iine prevention extreme dans la nation non instruite si^sanunent de T^tat des 
choaes et des droits de V, M., n'ayant jusqu'ici rien paru en public de sa part. 
^bon am 11. Februar erhält Truchsess die Weisung, de faire glisser en d'autres 
P^ptem «emblables des pi^es qui fassent voir la solidit^ de mes droits. 


76 


Die preuflsiflchen Anapruclie auf Schlesien. 


Seroit valablc si par La plus noirc per- 
fidie L'empereur Leopoldt a*avoit arach^ 
le Cercle de Schwibua k Federic Premier. 


L^equivalant qui coustituoit La renon- 
ciation etant donc rendu, nos Droits 
revienent en enüer et tout L'actc fait 
avec L'electeur Fr. Guill. devicnt nnlle. 


C'est donc en vertu de ces Droits, 
et d'nne pretention de quelques Millions 
d'ecu que le Roy est entr^ en Silesie 
pour Maintenir Son bien et pour etoy^r 
Ses Droits, il n'auroit point et^ Con- 
veoable de faire une pareüle Demarche 
Du Vivant de Tempereur, car L'em- 
pereur etant Le Chef de L'cmpire, c'est 
agir Contre les Constitutions de L'Em- 
pire Si un de Ses membres Vouloit 
L'ataquer. 


princC; pour qa'il renonf&t k ses 
droits sur plusieurs duchös, princi- 
paut^s et seigneuries de ce pays- | 
Ik. Cette renoQciation auroit ete i 
valable^ si par la superch^rie la 
plus noire la cour de Vienne n'avoit 
paa arrachö cet äquivalent au fib 
dans le mSme temps qu'eUe Taccor- 
doit au p^re. C'est k dire on ceda 
de la part de la maison d'Autricbe 
le pays de Schwiebus ä l'^lectear 
Fr^döric-Guillaumey et on extorqua 
en meme temps qu'on fit ce traitt- 
simulä au prince äectoral son fils, 
Prüderie I.^ dans la suite Roi de 
Prusse, un revers de le rendn? 
d^s que le p^re auroit ferm^ Ie> 
yeux. 

L'^uivalent qui constituoit la 
renonciation etant donc rendu, la 
dernifere devenoit nulle par elle- 
mSme; et Paete fait Ik-dessus avec* 
Tdlecteur Fröd^ric-Guillaume de- 
venoit tel aussi, d^ que la con- 
dition 80U8 laquelle on Tavoit 
arr§td ne subsistoit plus. 

La sup^rioritä de la maisou 
d'Autriche jointe k la dignitö im- 
periale dont eile jouissoit de gene- 
ration en g^n^ration fut un obstacle 
insurmontable pour la maison de 
Brandebourg de tirer raison d'une 
pareille Usurpation, le supreme 
chef de TEmpire ^tant juge et 
partie dans cette afFaire-li!i k la fois: 
et par cons^quent il n'y avoit 
aucune esp^rance raisonnable de 
pouvoir Jamals se fiatter d'obtenir 
la justice qu*on ^toit fondö de de- 
mander. 

Mais cette crainte ne subsistant 
plus aprte la mort de rEmpereur 


Memoire sur les raisons qui ont d^termin^ le Roi etc. 


77 


' (dont les filles d'ailleurs ne pou- 
I voient succ^der au duchä de Sil^ie^ 
i puisque la znaison d' Autriche eile- 
memo avoit autrefois döclarä ce 
pajB-lk fief purement masculin et 
s'^toit Fappropri^ comme tel quand 
les dernierB princes de Sil^sie 
vinrent k s'eteindre vers le milieu 
du si^cle pass^ saus laisser de 
poBterit^ male), le Roi s'est cru 
autorisä en justice et oblig^ en 
conscience de faire valoir ses droits 
incontestables sur une province de 
la possession de laquelle la force 
majeure de la maison d'Autriche 
avoit si longtemps frustr^ la sienne. 

S. M. n'auroit jamais os^ esp^rer 
d*obtenir de la cour de Vienne 
par la voie de satisfaction qui lui 
^toit due la-dessus. 

Le refus d'uu remboursement 
de dettes liquides d'un compte de 
plusieurs millions de florinS; dont 
la maison d'Autriche est redevable 
au Roi; ainsi qu'on le peut verifier, 
et dont le payement a etä solli- 
cit^ pendant un si grand nombre 
d'ann^eB en vain, servoit de le9on 
ä S. M. ce qu'elle devoit attendre 
sur des objets plus importans de 
la justice de la cour de Vienne. 

Toutes ces consid^rations jointes 
aux conjonctures präsentes qui 
faisoient craindre a tout moment 
que ceux qui formoient des preten- 
tions sur la succession de feu 
rEmpereur, n'envahissent aussi la 
Sil^sie, au prdjudice des droits du 
Roi; ont indispensablement engagö 
S. M. de pr^venir ces incon- 
v^nienS; et de pourvoir elle-m^me 
k ses süret^s tant par rapport k ses 


78 


Die preufläschen Anbrüche auf Schlesien. 


De plus, cette Demarche n'est point 
Contraire k La pragmatique Sanction 
pnisque Le Eoy ne pretent point Herit^r, 
mais soutenir Ses droits particuillers, et 
L^Empercur n'ayant Ltxi m@me aucun 
Droit Sur ccp Duch^ en Silesie qu'on 
Lui Conteste, de quels justisse Sa fille 
en peut Elle donc pretendre? d'autans 
plns qu'on ne sauroit Herit^ de ce qni 
n'apartient pas k Ses parans. 

Mais Suposons pour mettre les Choses 
au pirre qu'ou regardat Taction du Boy 
Controire k La pragmatique Sanction, il 
est bon de Dire que par le tret^ de 1*732 
Le Boy garantit la pragmatique Sanction ' 
Il L'empereur k condition De La Garan- 
tie du Duche de berguc, ore la Maison 
d'antriche k manqu^ k Son tret^ en 
garantissant L'an^e 1738. ou 9 & la Mai- 
son de Sonltzbach la possesion pro\nsio- 
nelle des Duch^z De Julicr et beigues, 
de Sorte que le Boy rentre par la Dans 
la plainitude de Ses Droits, d'autans plus 
qu^on lui avoit promis un equivalent 
des propres biens de L'Empereur. 


Toutee Ccs Baissons prisses ensembles 
ont ocasion^ L'Entreprisse du Boy 11 ne 
Demande pas mieux que de S'acomod^r 
avec La Midsson d'autriche pourou que 
Ton veuille ayoir quelque Consideration 
pour la justisse de Ses Droits. 

N. j^ai oubly^ d'ajout^r que La Silesie 
ayant toujours etöe un fief Masculin, eile 
n^est devenu feminin que par la prag- 
matique Sanction, ore Gomme ma garatie 
en est Nulle je rentre k present dans 
L'entier de mes Droits puisqull n'y a 
plus de Decendents Malles de La famille 
Imperialle, c^est ce qu^on peut ajout6r 
aux autres raisons Si dessus mention^cs. 

Fr. 


droits sur la Sil&ie que pour ce qui 
regarde ses prätentions p^uniaires. 

On auroit tort de vouloir ac- 
cuser le Roi ä cette occasion d'avoir 
enfreint la Sanction Pragmatique. 

S. M. ne pr^tend point s'ing^rer 
pour h^ritier de la successioii 
d' Antriebe , mais seulement sou- 
tenir ses droits particuliers, dont 
feu l'flmpereur a pu d'autant moins 
disposer, que c'est un bien d'autrui 
sur lequel il n'a pu transmettre 
ä la reine sa fille plus de droit 
qu'il n'en a eu lui-m^me. 

Au reste la maison d'Autricht' 
ne sauroit r^clamer la garantie de 
la Sanction Pragmatique promise 
par feu le Roi de Prusse en vertu 
d'un traite conclu entre ce prince 
et l'Empereur Charles VI, puisque 
ce monarque, bien loin de 'rem- 
plir les engagemens de ce traite. 
en a contractu un autre diametrale- 
ment oppos^ äu premier, ainsi qu'on 
le peut faire voir, d'une maniire 
qui ne fait pas beaucoup d*honneur 
k la bonne foi de la cour de Yienne. 

Toutes ces raisons prises en- 
semble ont occasionnä, et justifient 
Tentreprise du Roi. II ne demande 
pas mieux que de s'accommoder 
avec la maison d'Autriche pour- 
vu qu*on veuille avoir quelque con- 
sideration pour la justice des ses 
droits et pr^tentions. 


XL 

Extrait de la döpßche royale du 
15 novembre 1740 couch^ dans le protocole de 
la Conference ä Vienne, le 3 janvier 1741, dans 

la chancellerie de la Cour. 

Extrait de la d^p^che royala du 26 döcembre 1740, 

protocole dans la m^me Conference.*) 


Am 3, Januar gaben die preussischen Gesandten in Wien, Graf OoUer 
und V, BorcTce, auf den Wunsch des Hofkanzlers Graf Simendorf die 
Vorschläge^ die sie zu machen beauftragt waren, in Form einer Verbal- 
note ah, welche der Staatssecretär v. Bartenstein zu Protocoll nahm**) 
Zicei Tage später wurde ihnen in Form einer schriftlichen Note***) 
die vollständig ablehfhende Anticort des toiener Hofes auf diese Vor- 
schlage überreicht. 

Ein Bericht von Podeunls an den König , vom 15, Januar , meitvt 
über diese Antwort: Cette pidce, et le protocole qyüon a tenu ä Vienne 
5Wf les propositions de V, M,, est le tour le plt^s malin qu*on nous 
(xuroit pu jouer, et je voudrois pour beaucoup qfion eüt pu 4viter Vune 

*) Vergl. Droysen V, 1, 186. 

**) £n ^rivant et n'ayant pas la permissioii de vomir sa bile, le baron de 
BarteoBtein changeoit de couleur aans cesse, se mordoit les lövres, jetoit le papier, 
hiaoit des grimaces etc. So der Entwarf zu dem Bericht der preuss. Gesandten 
rom 3. Jan., von Borcke^s Hand ; in der Ausfertigung sind diese pittoresken Neben- 
omstande fortgelassen. 

***) Gezeichnet Philippe Louis Comte de Sintzendorf, Gundaccams Comes a 
Starhemberg. Das Original ist französisch. 


so l^c preuseischen Ansprüche auf Schlesien. 

et Vautre, parce gü'an en fera le plus michcmt usage du monde ä 
Vienne (xuprbs de la France^ en faisant voir ä cette couronne par une 
pareille communication que V. M. a propose une aUiance Stroite avec 
In Russie et les Puissances Maritimes, ce qui* la France regardera 
comme une ligue contre eile et nous ne pardonnera Jamals, CeM m 
plat de la fagon'de Bartenstein paur nous rendre suspects ä lu France, 
en quoi il pourra bien r^sir guand le Cardinal verra le proiocole df 
la ndgociation et la räponse en ecrit qu'on leur a donn^e. 

Was Podetcils eru artete, blieb nicht aus; wenig später stund das 
ProtocoU nebst der Antivort des wiener Hofes in allen Zeitungen % 
Arglos und des Gebrauches, der von ihren Erklärungen gemacht 
werden sollte, nicht gewärtig, hatten die preussischen Diplomaien 
aus ihren Instructionen nur die Forderungen des Königs zu Tto- 
tocoU gegeben, nicht auch die Motivierung derselben durch dm 
Hinweis auf die alten Ansprüche auf Schlesien. Jetzt musste es an- 
gesichts dieses Protocolls scheinen, als sei von preussischer Seite im 
Laufe der ganzen Verhandlungen der Rechisstandpunkt , der doch den 
Ausgangspunkt und die Grundlage für dieselben bildete, gar nicht ein- 
genommen tvorden.*'^) 

Es kam hinzu, dass bei der Veröffentlichung kein Anstand (/klom- 
men wurde, das ProtocoU einleitungstveise durch eine Fälschung von 
leicht ersichtlicher Tendenz zu erweitem. Der Anfang der von Borch 
vorgelesenen Depesche vom 15, November soll sich nach drr öster- 
reichischen Publication „auf den zu besorgenden Anfall von FrafA- 
reich und Kursachsen gründen,'* wälirendin dieser Dresche Kursctchse^i 
iiherhaupt nicht, und Frankreich nur in dem Zusammenhange genannt 
mrd, duss das Haus OesUrreich, wenn es die Erbietungen Preussens 
nicht annehme, keinen andern Ausimg habe, als sieh in FrankrHchs 
Arme zu werfen.***) 

Ebenso ist am Schlipse die preussische Erklärung durch einen 
tendenziösen Zusatz entstellt, 

*) Arn 16. Januar schickt PolUnann die österreichische Publicatiou aus R«^ns- 
burg, am 25. Hoffinann aus Warschau, am 28. Graf Degenfeld aus Franküirt u. s. w, 
**) Ein Circulan*escript an die preuss. Gesandtschaften vom 4. Febr. sagt 
über die österreichische Veröffentlichung: Le reste est trocqu6 telleraent qu'on uy 
fait pas la moindre mention de mes droits et pr^tentions sur la Sil^ie, ce qui 
fait Vobjet principal. 

***) „Le premier d^but ou Tentr^e du soit-disant protocole est un tissu de 
metosonges," sagt das Circularrescript vom 4. Febr. Das ganze Verfahren de^ 
wiener Hofes in dieser . Angelegenheit bezeichnet das Rescript als une trahison 
des conditions qu'on lui (k la cour de Vienne) a confi<^es dans Tesp^nce quelle 
en usera comme toutes les autres cours polic^es avec lesquelles on traite sam« 
renoncer k une certaine probit^ et candeur mSme au plus fort d€» brouillcrie*. 


Protokoll derConfereoz vom 3. Jan. 1741. 81 

Wir gd>en hier das auO^entische ProtocoU^ wie es den preussischen 
Gesandten nach der Canferensf eingehändigt wurde^ und unter dem Text 
dif Zusätze der österreichischen IMblication, wie sie uns als Beilage 
» dem Bericht des brandenburgischen Reichstagsgesandten vom 16. Januar 

wrÜegt,*) 


Extrait de la d^pSche royale du 15 novembre 1740, couch^ dans 
le protocole de la Conference k Vienne, le 3 janvier 1741 , dans la 
cfaancellerie de la Cour. Praesentibus: 

Le Chancelier de la Cour Comte de Sinzendorf. 

Le Grand-Mar^chal et Ministre d'Etat^ Comte de Q-otter. 

Le Conseiller Priv^ des finances et Envoy^ Borcke. 

Le Secrätaire d'Etat, Baron de Bartenstein. *^) 

1. Je suis prSt de garantir de toutes mes forces tous les Etats 
qae la maison d'Autriche poss&de en Allemagne contre quiconque 
Toadra les envahir. 

2. J'entrerai l^dessus dans une alliance ötroite avec la coor de 
ViennC; celle de Russie et les Puissances Maritimes. 

3. J'emploierai tout mon crödit & faire parvenir le Duc de 
Lorrame k la dignitä imperiale ^ et & soutenir son ölection contra 
quoBcanque. Je pourrois mSme dire sans risquer trop que je me 
fiüs fort d'y röussir. 

*) Sie ist abgedrackt, mit stilistischen Varianten und die deutschen Partieen 
in» FVanzösische übertragen, Mercure bist et pol. GX, 148 (fövr. 1741), La 
Clef du Cabinet des Princes LXXIV, 168 (mars 1741), iltat politique 
^^ TEurope Vm, 158 (wo für die zweite Depesche ftlschlich der 7. Dez. als 
Datum angegeben wird), u. s. w. 

^) Der Rin güng lautet in der österreichischen Veröffentlichung: „Dict^, le 
•^juTier 1741, en pr^nce de S. E. Mr. le Comte de Sinzendorf, Mr. le Comte 
^tter et Mr. le Baxon Borck. Der Graf Gk)tter declarirt voraus, dass me keine 
^•nnlichen Propoeitiones zu machen h&tten, sondern nur die instructiones yorzu- 
'^ten, am sie aufeeichnen zu können. 

Der Befehl von I. K. M. in Preussen ist datiert den 15. Nov., so Herr Baron 
?• Borck erst den 17. Dez. emp£uigen und geöffnet 

Der FJngang wurde nur vorgelesen, aber geweigert, sothanen Eingang zu 
'^eren, und gründet 'sich auf den besorgenden Anfoll von Frankreich und 
^orcachsen. * 

^as aber folget ist theils vom Herrn Baron v. Borck und theils vom Herrn 
''lafen v. Gotter in die Feder dictieret, auch beiden nach der Hand wieder vor- 
^leKn und denen Königl. Instructionen gem&ss befunden worden. 

J« BDis pr§t ... 

^"1«««««^ SUatasclurmaD. I. 6 


82 ^^ preussiflchen Ansprüche auf Schlesien. 

4. Pour mettre la cour de Vienne en ätat et bonne positure 
de defense, je lui foumirai d'abord argent comptant deux miUions de 
florins. 

VouB sentez bien que pour des Services aussi essentiels qae oeax 
auxquels je m'engage par les conditions tr^s^onöreuses marqu^es ci- 
dessus; 11 me faut une r^compense proportionnäe et une süret^ con- 
venable pour un d^dommagement de tous les risques que je coors; 
et du röle dont je veux bien me charger. 

En un mot, c'est la cession enti^re et totale de toute la Silesie 
que je demande d*abord pour prix de mes peines et des dangers 
que je vais courir dans la carriäre pour la conservation et la gloire 
de la maison d'Autriche. 


Extrait de la d^peche royale du 26 d^cembre 1740, protocolä 

dans la mSme conförence. 

J'ai bien appris par votre relation du 20 de ce mois que Kirch- 
eisen vient de m'apporter de quelle fa9on vous avez itA reipi du 
duc de Lorraine et dans quels termes il a jug4 k propos de r^pondre 
k vos propositions. 

Quoique cette r^ponse, pleine de marques d'aigreur et de durete, 
semble couper tout chemin aux voies d'accommodationy vous devez 
pourtant faire tout au monde pour porter le susdit prince k envisager 
d*un oBil moins prövenu mon plan et mes vueS; qui tendent assure- 
ment au bien et k la conservation du duc et de la maison d'Autriche, 
que j'assisterai de toutes mes forces, si Ton me veut faire avoir raison 
par rapport k mes justes prötentions sur la Silesie. 

Vous pouvez mSme insinuer au duc qu'encore que j'aie demande 
Tentiire cession de cette province, je saurois y apporter de la mod^ra- 
tion et me contenter d'une bonne partie de ce pays; pourvu qu'il 
plairoit k la reine de Hongrie d'entrer avec moi dans un accommode- 
ment raisonnable et sincire, et de faire des liaisons Streites et conve> 
nables k nos int^rSts r^ciproques *). 

*) In der Österreichischen Veröffentlichung folgt noch: Le Boi a encore 
autoris^ M. le comte de Gotter de dire de bouche qu'en tonte occasion oü il 
pnisse aider la reine de Hongrie de conserver la grandeur de sa maison et de ae 
d^ommager de la bagatelle qn'elle va perdre en cette occasion, il le feroit de 
grand coeur. 


XII. 


Rescript, | Welches | Ihro KönigL Maytt. 
von Preussen | an Dero Ministrum zu Regens- 
burg, I den Geheimten Justitz-Rath 1 von Pollmann, 

ergelien lassen. | Anno 1741. 


4 Bll. 4^ — Bibl. zu Fürstenstein. 


-Im 29. Dezember 1740 erliess Maria Tlieresia an ihre Comitial- 
mcmdisckafl zu Regenshurg ein zur Veröffentlichung bestimmtes Re- 
script aber den preussischen Afigriff auf Schlesien] am 16, Januar kam 
iiasselbe zur Dictatur tmd erschien darauf im merten Stück der wöchent- 
Uchen Regensburger histor ischen Nachrichten*). 

Für die Erwiderung umrde in Berlin die Form eines Rescriptum 
ofitensibile an den Reichstagsgesandten getvählt Zu Grunde liegt ein 

* ) Abgedruckt Europ.Staatskan^lei LXXVIII, 623 u. s. w. Der branden- 
tHi^ische Gesandte, der während des Interregnums keinen Reichstag anerkannte, 
i^rotestieTte gegen die Dictatur und liess nachher eine Art Protocoll verbreiten: 
.Conclusum verschiedener Herren Gesandten zu Regensburg, die öffentliche Dic- 
tiening eines K- ungar. Schreibens betreffend" (ebend. 621), beginnend „Ex ore 
Legati Bmnswicensis" und mit dem spöttischen Schiuss: „Wie hierauf das Con- 
^^liuqun: dictetur postmeridie, fertig worden, davon weiss Niemand, indessen ist es 
;:»schehen". Zu Grunde liegen die kurzen Notizen des bei der Dictatur anwesen- 
'leD kurbraunschweigischen Legationskanzlisten („des churbraunschw. Legcanz. eigne 
H*nd, Nahmens Krukenberg" steht auf seinem von Pollmann nach Berlin ein- 
treNindten Zettel). Eine Regensburger geschriebene Correspondenz vom 30. Januar 
besagt, der braunschweigische Gesandte v. Hugo habe sich wegen des „Ex ore 
l^ti Bnmsvicensb" . . . „gewaltig formalisieret und solches hin und wieder des- 
avouieret, auch sincerieret, dass er den Herrn kurbrandenburgischen Gesandten 
biennalen in etlichen Tagen, weder vor noch nach, nicht gesehen noch gesprochen". 

6* 


g4 Die preoflBiflcheii Ansprüche anf Schienen. 

Enhcurf von Podewils^ den Weinreich im Eineeinen ausfvhrte. PoU- 
mann veriheilie das Bescript am 2, Februar in Abschriften und liess 
es in die Regensburger Zeitungen setzen. {Bericht vom 9. Febr.^ di( 
betreffenden Nummern liegen nicht mehr bei den Acten). In Berlin 
wurde das Bescript am 18. Februar durch die Zeikmgen bekannt ge- 
macht Ueber die Herkunft des uns vorliegenden Eingeldruckes vfr- 
mögen unr nichts anzugAen, 

Eine französische Uebersetzung: Bousset^ Becueil historiqu^ 
Xr, 159. Etat pol de VEurope VIII, 197, 


Von Gottes Gnaden Friderich etc. Wir haben aus der Abscfariit 
desjenigen Schreibens; welches die Königin von Ungarn und Böheim 
sub dato Wien den 29. Decembris jüngst abgewichenen Jahres 1740 
an die dort anwesende der Churforsten, Fürsten und Stände des 
Reichs Räthe^ Botschafter und Gesandte gerichtet und bei dem Chur- 
mainzischen Ministre übergeben lassen ^ um solches denen übrigeu 
bekannt zu machen, ganz imvermuthet ersehen müssen, wie heftig 
hochgedachte Ihre Majestät sich über die Finrückung eines Theilsl 
Unserer Armee in Schlesien beschweren, solche als einen ungerech- 
ten und feindlichen Finfall mit vielem Wortgepränge ausschreien, 
dem gesammten Reich und allen und jeden dessen Ständen die daraus 
zu besorgen habende Gefahr sehr scheinbar vorspiegeln, mithin selbige 
zur ungesäumten vereinigten Hülfe und Rettung wider Uns, wxn 
den vorgeblich imminierenden gänzlichen Umsturz des Reiches zu 
verhüten, aufe Nachdrücklichste ersuchen, auffordern und an- 
frischen wollen. 

Nun finden Wir zwar nicht nöthig, nachdem Wir gleich Anfangs 
die gerechte Motiven, welche Uns zu der unternommenen Expedition 
in Schlesien bewogen, durch ein Cirkularschreiben an gesammte Un- 
sere Reichsmitstände eröffiiet, auch darauf ferner die bestbegründete 
Gerechtsame Unseres Königl. Churhauses Preussen und Brandenburg 
auf einen considerablen Theil des Herzogthums Schlesien durch eine 
in öffentlichen Druck gebrachte Schrift haben darthun lassen, vor- 
jetzo etwas weiter zu Justificierung Unseres Verfahrens dem Reich 
oder dem Publice vorzulegen; sintemalen Wir bereits genugsam an- 
gezeiget haben, wie Wir bei denen gegenwärtigen Conjuncturen, da 
bekanntlich verschiedene Prätendenten zu der Oesterreichischen Suc- 


Bescript an den Reichstagsgesandten, 20. Jan. 1741. 85 

cession sich angegeben^ die Vindicierung Unserer und Unseres Königl. 
Churhauses Gerechtsame nicht auf den ungewissen und zweifelhaften 
AoBSchlag einer weitläufigen Negociation haben ankommen, oder 
Uns darauf verweisen lassen, viel weniger Uns der nicht ohne Grund 
zu besorgen gehabten Gefahr, von Andern durch Occupierung des 
Herzogthums Schlesien präveniert zu werden, exponieren zu können, 
6ondern nothwendig bei der jetzigen Gelegenheit diejenige Mittel an 
die Hand nehmen müssen, die, bei Entstehung eines Richters, die 
illgemeine natürliche und Völkerrechte anweisen. 

Zumalen da Wir Uns von dem Durchlauchtigsten Erzherzoglichen 
Hause Oesterreich in dieser Sache nicht mehrere justizmässige Satis- 
taction haben versprechen dürfen, als die leidige Erfahrung in so 
vielen andern gleichen Fällen, (da es nicht allein auf Repetierung 
eines oder anderen alten Patrimonialstückes, sondern auch auf die 
gesachte Befriedigung und Abtragung vieler Millionen Gulden recht- 
mässiger und liquider Schuldforderungen angekommen), mehr als 
zaviel ausgewiesen hat, daas von dem wienerischen Hofe niemals 
das Geringste, weder durch den Weg Rechtens, noch durch Güte zu 
erhalten gewesen, sondern die Vorfahren Unseres Rönigl. Churhauses 
Mch entweder schlechterdings mit den gerechtesten Prätensionen haben 
abweisen, oder doch mit leerer Hoffnung abspeisen und aufhalten 
lassen müssen. 

Bei welchen kundbaren Umständen Wir Uns denn auch von 
allen nnpräoccupierten Gemüthern zuversichtlich versehen, dass Uns 
von Niemand werde verdacht werden, dass Wir endlich Unser vor 
Ins habendes klares Recht durch andere Wege zu verfolgen Uns ge- 
uöthiget gefunden haben, ohne dass es desfalls voritzo einiger wei- 
teren rechtlichen Ausführung bedarf. Dieweilen aber eines Theils in 
dem vorangeregten Königl. Hungarisch- und Böhmischen Schreiben 
verschiedene Dinge enthalten sind, welche dem Publico, und in Sonder- 
^^\ Unsern Reichsmitständen einen widrigen Begriff, nicht so sehr 
von der Sache selbst oder deren meritis caasae, als vielmehr von Un- 
iierem Betragen und der Art und Weise Unseres Verfahrens gegen 
Uchgedachte Königin Maj., anbei eine üble Idee von Unserer In- 
tention und Gesinnung gegen das Reich beibringen könnten; anderen 
^eils aber besagtes Beschwerungsschreiben vermeintlich an das ge- 
rammte Reich gebracht werden wollen, gleich als ob die Sache dahin 
^v Entscheidung gehörete: so finden wir uns gemüssiget. Euch 
inerüber einige nähere Erläuterung zu geben, damit Ihr im Stande 
«ein möget, Andern den irrigen Wahn, so man etwa in dem einen 
<>der andern Stücke fassen möchte, zu benehmen. 

£b dienet Euch demnach zu wissen, und ist in facto unläugbar, 


gg Die preossischen Ansprüche anf Schlesien. 

dass Wir noch vor Einrückung Unserer Eriegsvölker in das Herzog- 
thum Schlesien nicht ermangelt haben ^ dem an Uns abgeschickten 
Königl. Hungar. und Böheimisch. Ministro Marchese de Botta nicht 
nur Unsere rechtmässige Befugnisse auf verschiedene schlesische 
Fürstenthümer, und was Uns nöthigte^ solche ohne Zeitverlust geltend 
zu machen^ ganz unverhohlen zu erkennen zu geben , sondern auch 
zugleich die allervortheilhafteste ConditioneS; wenn der wienerische 
Hof Uns wegen jener bilUge Satisfaction angedeihen lassen wollte, 
antragen und offerieren zu lassen. Dahingegen es so weit gefehk 
haty dass obgedachter Marchese Botta, wie in dem mehr erwähnten 
Königl. Hungar. und Böheim. Schreiben zu milde angefuhret worden. 
mit einigen^ dem Vorgeben nach ihm aufgetragenen anständigen Pro-! 
Positionen herausgegangen, dass er vielmehr es bei blossen generalei^ 
Bezeugungen von seiner Königin Freundschaft gegen Uns, und de^ 
gleichen vaguen Versicherungen mehr, bewenden lassen, worauf ihm 
aber jedes Mal deutlich geantwortet worden , dass es dermalen nidit 
auf blosse Complimente, sondern auf Realitäten ankomme. 

Die von Uns abgelassene eigenhändige Briefe vom 6. Dez. vori- 
gen Jahrs, deren in mehr gemeldtem Schreiben der Königin Er- 
wähnung geschiehet und die von Unserm Ministro zu Wien, dem Ton 
Borcke übergeben worden, sind bloss eine Antwort auf die von J. M. 
Uns mit eigner Hand eröffnete und Deroselben am besten bekannte 
wichtige desideria*) gewesen, in welchen man die gethane Freund* 
schaftssincerationes mit eben dergleichen Gegencontestationes beant 
wertet, wegen der Hauptpunkten aber sich lediglich auf dasjenige be- 
zogen hat, was obgedachter Unser am dortigen Hofe subsistierendei 
Ministre, der v. Borcke, vorzustellen befehliget wäre. 

Inzwischen ist von denen rechtmässigen Ursachen, welche Unt 
veranlasset, Uns desjenigen, was Unserm KönigL Churhause bisherc 
durch die vorgedrungene Uebermacht der Kaiserlichen mit dem Erz 
herzoglichen Hause Oesterreich seit vielen Saeculis her verknüpßei 
Autorität entrissen gewesen und vorenthalten worden, mit besten 
Recht in hoc flagranti zu bemächtigen , allen allhier anwesenden Mi 
nistris auswärtiger Potenzien schriftlich durch ein Circulare auf ein< 
uniforme Art Nachricht gegeben und davon gar kein Geheinmiss ge 
macht worden, solches auch auf gleiche Weise durch Circularschreibei 
an Unsere Hohe und Löbliche Mitstände des Reichs notificieret, mit 
hin darunter keine differente Sprache wie man vorgeben wollen, ge 
führet worden. Was aber an den Höfen in mündlichen Unterredun 

*) Der Brief, d. d. Wien 15. Nov. 1740, ist gedruckt bei Arne th I, 373; 
ebend. 374 die Antwort FriedrichB IL Anm. d. Heraosg. 


Beacript an den BdchstagBgesandten, 20. Jan. 1741. 87 

gen zwischen Unsern und denen wienerischen Ministris hinc inde, 
aas Gelegenheit der jetzigen Läufe, und aus was fUr vorwaltenden 
vernünftigen Ursachen Unserm Eönigl. Churhause das Seinige in 
Schlesien nicht länger zu entziehen, vorgefallen sein mag — das 
können Wir so eigentlich nicht wissen, weil ein Jeder der beste Aus- 
leger seiner Worte sein und bleiben muss, hingegen kann man dem 
wienerischen Hof dieses ganz dreiste entgegen setzen, dass derselbe 
niemals im Stande sein werde, etwas aufzuweisen, so zum Beweis 
derer in dem oft angezogenen Eönigl. Hungar. und Böheim. Schreiben 
angeführten gehässigen Beschuldigungen von allerhand sinistren In- 
ainnationen, welche von Unserer Seite in Wien geschehen sein sollten, 
hinlänglich sein könnte. 

Dieses aber hätten Wir Uns nimmermehr beifallen lassen können, 
dass man Uns auch die allerliebreicheste Aeusserungen von Freund- 
schaft gegen I. Maj. die Königin von Hungarn und Böheim würden 
zur Last legen und ungleich ausdeuten wollen, da Wir unter allen 
gekrönten Häuptern in Europa am ersten dieselbe in solcher Dignität 
erkannt, auch zu Erwiderung der Uns durch Absendung des Marchese 
de Botta erzeigten Ehre und Höflichkeit um Uns die förmliche No- 
tification von dem bedauerungswürdigen Absterben des in Gott 
rahenden Eaisers Caroli VI. Maj. zu thun, den vornehmsten Bedien- 
ten Unsers Eönigl. Hofs, den Oberhofmarschall Grafen von Gotter 
hinwieder an Dieselbe abgeschicket, um Ihro wegen der Gelangung 
zur Königl. Cron und Regierung zu gratulieren, zu einer Zeit, da 
verschiedene grosse Potenzien in Europa, ja gar einige ChurfUrsten 
dea Reichs selbst, hochgedachte Eönigin noch nicht einmal in dieser 
Qualität erkennen wollen. Wie dann auch besagter Graf von Gotter 
zugleich alle raisonable Propositiones, zu Erhaltung und Befestigung 
eines guten Vernehmens mit Deroselben, zu thun befehliget gewesen, 
aber damit wenig Gehör gefunden, ob es gleich ofthochemannter 
Königin ein Leichtes gewesen, durch Unsere billig massige Befrie- 
digung allen ferneren Weiterungen zuvorzukommen. 

Uebrigens ist dermalen gar nicht darum zu thun, die pragmatische 
Sanction wegen der Erbfolge in dem Oesterreichischen Hause anzu- 
fechten und über den Haufen zu werfen. Ein jeder Vernünftiger 
begreifet leicht, dass jene Keinem sein gebührendes Recht oder das- 
jenige, was man ex pactis et Providentia majorum erworben, benehmen 
könne, und des letzt abgelebten hochseligen Rom. Kaisers Maj. haben 
Selbsten, als Sie die in ihrem österreichischen Hause gemachte Ordnung 
der Erbfolge im Jahre 1731 an das Reich communicieret, ausdrück- 
lich erkläret, dass die darüber verlangte Garantie zu Niemandes 
^aahtheil und zu keines Menschen Beleidigung, folglich auch 


88 1^6 preusaischeii Ansprüche auf Schlesien. 

nicht zu Schmälerung oder Kränkung der Rechte eines Tertü ange- 
sehen sei. Es kann auch diese Erbfolgeordnung gar wohl in ihrem 
Esse bestehen ^ wenn Wir gleich das Unsrige , wovon unser Haus so 
lange Zeit her verdrungen gewesen, vindicieren. 

Auf die von Unseres in Gott ruhenden Herrn Vaters Maj. be> 
sondere Garantie aber obgedachter Oesterreichischer Erbfolge wird 
man von Seiten des wienerischen Hofes wohl nicht allzu sehr sich 
berulen dürfen, sondern vielleicht besser thun, davon still zu schwei- 
gen, weil man sonst diesseits genöthigt sein würde ; der ganzen Welt 
zu entdecken, wie schlecht man jenerseits einen solennen Tractat 
worauf obgedachte Garantie sich gründet, erfiillet, und wie sehr man 
dabei zum höchsten Präjudiz Unseres Herrn Vaters Treue und 
Glauben, welche man anjetzo zur Unzeit reklamieren will, hintange- 
setzt habe. Nichtsdestoweniger aber woUen Wir Unser billiges 
Ressentiment auch hierüber gerne dem Publice zum Besten sacrifi- 
cieren, und zu einem raisonnablen Vergleich mit der Königin von 
Hungarn und Böheim Maj. die Hand bieten, wenn man nur auch von 
Dero Seite equitable Principia annehmen und nicht die violente Rath- 
schläge dererjenigen , welche schon eine geraume Zeit her aut 
nichts Anderes als lauter schädliche extrema verfallen, vordringen 
lassen will. 

Indessen wird wohl Niemand, der Unser gegenwärtiges höchst- 
gemüssigtes Verfahren mit gleichgiltigem und unparteiischem Ge- 
müthe betrachtet, durch die viele in oftangeregtem Schreiben gehäufte 
Exaggerationes, um solches verhasst zu machen, sich bereden lassen, 
als ob darüber das ganze Reich in augenscheinlicher Noth und Ge- 
fahr wäre über einen Haufen zu gehen, und man dahero mit ge- 
sammter Hand herbeieilen müsse, solche in Zeiten abzuwenden. Wir 
haben schon bei einer anderen Gelegenheit öffentlich dedarieret 
und solches auch in dem vorgemeldten dieser schlesischen Sache 
halber ad Status abgelassenen Schreiben wiederholet, wie Unser vor- 
nehmstes Augenmerk sei, das Reichssystema in seiner Verfassimg auf- 
recht erhalten zu helfen und dazu alle Unsere von Gott verliehene 
Kräfte willigst anzuwenden. Diese Unsere dedarierte Intention ist 
aufrichtig, und Wir sind bereit, wann es erfordert wird, davon 
wesentliche und überzeugende Proben zu geben. Dadurch aber leidet 
der nexus imperii nicht den geringsten Abbruch, ob das Herzogthiun 
Schlesien sich in des Oesterreichischen oder des Preussischen und 
Churbrandenburgischen Hauses Händen befindet Vielmehr, wofei^i 
das gemeinsame Band, wodurch das Reich in seinem Zusammenhang 
erhalten wird, bestehen soll, muss Recht und Billigkeit oder das 
Suum cuique observieret und keinem Reichsstand das Seinige, wovon 


Bescript an den Reichtstagagesandten, 20. Jan. 1741. 89 

er mit Gewalt verdränget worden , durch die überwiegende Macht 
vQrenthalten werden. Wir begehren nur digenige, so Uns von Gott 
gesdienket ist, keineswegs zu Unserer Reichsmitstände Vergewaltigung 
za prävalieren, oder gegenwärtig im Trüben zu fischen^ sondern sind 
rielmehr mit allem Ernst dahin bedacht ^ die Ruhe im Reich zu er- 
halten and denenjenigen , welche solche von Aussen oder Innen 
mochten stören wollen^ nebst Unseren Mitständen mit vereinigten 
Er&ften entgegen zu gehen. Dass Wir aber Unser Eigenthum in 
Schlesien, so von dem Erzherzogl. Oesterreichischen Hause so lange 
Zeit her Unserm Königl. Churhause wider alles Recht entzogen worden 
und weshalb Unsere Vorfahren so lange in Geduld gestanden; bei 
g^nwärtiger Gelegenheit und in perpetuum zurücklassen sollten, 
das wird Uns wohl von keinem Unserer billig gesinnten Reichs- 
mitstände zugemuthet werden wollen. 

Wir werden in anderen zweifelhaften Fällen Uns gerne an 
Gleich und Recht begnügen, auch gebührender Erkenntniss nach des 
Reichs Grundverfassung und Satzungen zu unterwerfen Uns nicht 
entbrechen; im gegenwärtigen Fall aber, da Wir es mit dem Hause 
Oesterreich zu thun haben, welches keinen Richter im Reich er- 
kennen will und von dem Wir keine Justiz zu gewarten haben, ist 
l'ns; nachdem zumalen auch all Unserer sowohl allhier als zu Wien 
gethaner Antrag zu einem raisonnablen Vergleich vorgedachter 
Hassen keine Statt gefunden, kein anderer Weg übrig geblieben^ 
als durch diejenigen Mittel, welche das Natur- und Völkerrecht 
zwischen Potenzien, die keinen Richter haben, und in Sachen, wo 
num de Prince a Prince aequaliter gegen einander stehet, an die 
Hand giebet, Unsere Befugniss zu vindicieren und zu behaupten. 
Wodorch so wenig die gemeine Reichsgesetze verletzet, als eines ein- 
zigen andern Reichsmitstandes Gerechtsame af&ciert oder vemach- 
tieiliget werden. 

Dahero Wir Uns auch festiglich persuadieren , man werde 
überall von selbst wohl begreifen, dass diese Unsere mit der Kö- 
nigin von Hungarn und Böheim Maj. wegen Schlesien habende 
iHfferenzien, welche zumalen in die jura singulorum einschlagen, 
keineswegs zur Cognition des Reichs gehören, und demnach so un- 
>tatthaf]t, als unnöthig und vergeblich, an die ohnedem gegenwärtig 
ui keiner Activität sich befindende Reichsversanunlung gebracht 
worden, in Sonderheit da weder das Reich in Gemein, noch einige 
uidere dessen Stände insbesondere, daraus werden einige Gefahr 
noch Bonsten das geringste Präjudiz zu besorgen haben, oder sich 
^^ anders als etfVA durch freundschaftliche Interposition zu me- 
ieren yerbunden. 


90 1^6 preuflfflschen Anspräche auf Schlesien. 

Ihr habt demnach diese der Sachen wahre Beschaffenheit nnd 
Eigenschaft überall , wo Ihr es nöthig findet, bekannt zu machen 
und die dortige reichsständische Ministros in particulari von der 
Reinigkeit Unserer Absichten und von Unserem patriotischen 
Eifer vor die gemeine Wohlfahrt des Reichs , wie der Ausgang 
solches bewähren wird, nochmals aufs Bündigste zu versichern , und 
Wir verbleiben Euch anbei etc. 

Berlin den 20. Jan. 1741. 


XIII. 

Baisons qui prouvent ^videmment que 

rexpödition de S- M. Prussienne n'est nullement 

le eas oü la cour de Vienne est en droit de 

reclamer les eiigagemens et Tassistance des 

pnissances garantes de la Pragmatiqiie 

Sanction, 


J« demselben Tage, an welchem die Königin van Ungarn ihre Be- 
schwerde über den preussischen Angriff an ihre Reichstagsgesandtschaft 
ichickie (29. Dezember), erliess sie auch ein Circular an die Garanten 
<y pragmatischen Sanctian, das die HiUfeleistung gegen Preussen 
forderte*). Graf Truchsess meldete bald nach seiner Ankunft in London, 
ymh Walpole's Versicherung seien die Seemächte gern bereit, zur Ver- 
ständigung zu helfen „bien attendu que ce fut sur un pied ä ne pas 
deroger aux engagemens de VAngleterre en faveur de la Pragmatique 
Sandiofi, que les Puissances Maritimes et autres en Europe itoient 
^dement risolues ä soutenir envers et contre totis"**^. Friedrich 11. 
^^rßgte darauf an Podeunls (Schweidnitz 24. Februar): Voiis devez 
puhlier partout^ soit par mes ministres, soit par les gazettes, que mon 
fniention n^ait jamais iU dans Texpddition en Silesie de döroger ä la 
SaficUon Rragmatique, ni (fy faire breche, la regardant comme une 

*) Abgedruckt Etat pol. de TEurope VIII, 165; Recueil historique 
XV, 452. 

**) Bericht vom 30. Januar, bei Droysen V, 1, 211. 


92 1^6 preussischcn Ansprüche auf Schlesien. 

disposition gut ne me regarde ni m blanc ni en noir, niais que je nai 
d'autre but que de paursuivre par des voies lögitimes et usit^es en&f 
les princes mes justes droits sur cette province, et qu'ainsi je ne faisoii^ 
qu'ä me procurer man bien, dont on avoit prive st longtemps ma maison 
contre toutes les r^gles de la justice. 

Der Minister scJi von einer Erklärung in den Zeitungen ab mi 
begnügte sich mit einem Cicularrescript an die Gesandtschaften^ welckv^ 
die Weisung enthielt, die darin entmckelten Gesichtspunkte ssu ihm 
Geltung zu bringen (faire bien valoir). 

Pollmann in Regensburg glaubte sich durch diese Weisung er- 
mächtigt, den Erlass in Form einer Denkschrift den anderen Reick- 
tagsgesandten miizutheilen. Die Folge war, dass das Schriftstück hdä 
darauf unter dem obigen Titel als Broschüre erschien*). Ein Exem- 
plar derselben liegt uns nicht vor. Den Gesandten traf seitens des 
Ministeriums scharfer Tadel, dass er einen Erlass, an dem die dem 
preussischen Hofe befreundeten antipragmatisch^n Mächte Anstoss nehmen 
mussten^ in dieser Weise habe bekannt werden lassen**). 


Je vois de plus en plus que malgrä toutes les däclarations les 
plus fortes que j^aio d^jk faites, presque dans toutes les cours d'Europe, 
que mon intention n'a Jamals iti dans Pexpödition en Sildsie de ddroger 
k la sanction pragmatique ni d'y faire aucune brfechey la regardant 
comnie une disposition de famille qui ne me regarde ni en blanc ni 
en noir^ et que je n'ai point d^autre but que de poursuivre par des 
voies legitimes et usit^es entre les princes mes justes prätentions et 

*) Erlanger Zeitungscxtract, April, 1. Woche, S. 112: ,,Man sieht eine 
neue Schrift unter dem Titel Raisons etc^^ Unter demselben Titel steht das 
Rescript Mercure hist et pol. OX, 436 (avril), in La Clef du cabinet des 
Princes LXXIV, 385 (mai) u. s. w. Statt der ersten Person steht: Sa Majest^. 

**) Pollmann entschuldigt sich auf das tadelnde Rescript vom 10. Mai, er habe 
das Rescript vom 28. Febr. nicht für eine geheime Instruction gehalten : „enfinSire. 
s*il y a quelque chose dans ma maniöre de faire en cette occasion qui nc fut 
enti^rement conforme aux int6rdts de V. M., eile en daignera juger lui-m^me, a 
c'est par ma fieiute ou par celle de ceux qui devoient dresser de telles d^p^bfö 
avec plus de pr6caution et marquer plus pr^is^ment la volonte de V. M." Darauf 
erfolgte ein von Vockerodt angesetzter Erlass, Breslau 17. Juni: Wir mögen Euch 
nicht verhalten, dass wir sothane Ursachen im Geringsten nicht von der Natur 
und Elrheblichkeit finden, dass Wir Euer darauf gegründetes Betragen approbieren 


Baisons qui prouvent ^demment etc. 1741. 93 

droits sar cette province^ on ne laisse pas de continuer d'etre dans 
rerrenr de confondre Tun avec Tautre , quoique ce soient des objets 
toQt-k-fait difförens et söpar^s. 

La sanction pragmatique est une disposition de famille Stabile par 
lä maison d'Autriche pour fixer l'ordre de saccession des descendans 
tant mälee que femelies. 

Les puissances qui ont garanti cette disposition ont pour but 
d'empecher que cet ordre de succession ex jure sanguinis^ comme 
on Tappelle, ne soit pas troubl^^ mais qu41 demeure dans son entier^ 
tel qu'il a iti ^tabli par feu TEmpereur Charles VI. 

Toutes les fois donc que d'autres prötendans veulent renverser 
le sQsdit arrangement et former des pr^tentions sur cette succession 
pour en frustrer les descendans femelles du dernier mfile, comme fait 
la Bavi^re; la couronne d'Espagne et d'autres qui ne se dömasquent 
pas encore^ les puissances garantes de la sanction pragmatique se 


Mer auch nur excusieren könnten ... Da Euch nicht verborgen sein kann, wie 
»hj Uns daran gelegen, Spanien und Churbayem bei gegenwärtigen Conjuncturen 
ZQ menagieren und bei gutem Willen zu erhalten, so können Wir nicht begreifen, 
vie es möglich sei, dass Ihr nicht wahrgenommen, dass dasjenige, was von der 
Prätension dieser beiden Höfe an die österreichische Succession in gedachtem 
ßf^pto erinnert wird, Euch nicht in der Absicht zugeschrieben worden, dass Ihr 
'"'Ii^hes in Unserm Namen gleichsam ausposaunen und der ganzen Welt schriftlich 
vorstellen sollet, indem ja auch der einfaltigste Mensch leicht ermessen kann, dass 
solches nothwendig bemeldte beide Höfe auf dass Aeusserste choquieren müsse. 
Alle Unsere an auswftrtigen'Orten befindliche ministri, denen obangezogenesCircular- 
ß'^pt zugesandt worden, haben solches vollkommen wohl eingesehen, und ge- 
F'fiehet es Euch gewiss zu schlechtem Ruhm, dass Ihr der einzige unter ihnen 
^<l, der davon einen so unbedachtsamen Gebrauch gemacht habe" .... Der 
^Terische Hof habe es „sich nicht beigehen lassen können, dass Ihr als ein Mann, 
i'^T nim schon seit so viel Jahren in Unsem Geschäften gebrauchet worden, einen 
^ 'leben pas de clerc gethan und ohne Unsem expressen Befehl dergleichen Dinge 
m die Welt geschrieben haben würdet Da Wir übrigens sowohl aus obange- 
^l?enem Bericht als aus andern seit einiger Zeit eingelaufenen Relationen miss- 
tillig wahrnehmen, dass ohnerachtet der vielföltigen Weisungen, so Euch wegen 
Eurer tmgezicmenden und harten Schreibart von Zeit zu Zeit gegeben worden, 
'^ir aetmoch dabei beständig beharret und Euch nicht entblödet^ nicht nur fremde, 
Ij»» Rangs und Dignität halber billig zu respectierende Personen, sondern selbst 
'^> Euch vorgesetzte Ministros in unbescheidenen terminis anzuzapfen , so haben 
^^11 Ench solches hiemit nochmals ernstlich und auf das Schär&te verweisen, und 
^'igldch nachdrücklich verwarnen wollen. Euch hinföro von dergleichen unmanier- 
•fhcn Ausdrückungen gänzlich zu enthalten, und in Euren künftigen Berichten 
xemalB die dgards aus den Augen zu setzen, die Ihr obangefuhrten Personen, in 
^•nderheit aber denenjenigen, so Wir mit ünsrer confiance beehren, schuldig seid, 
•*'? welche Wir der ungezäumten critique ihrer Subalternen blosszustellen keines- 
^'^gs gemdnt smd." 


94 1^6 preuasischen Ansprüche auf Schienen. 

trouvent dans l'obligation de maintenir cet ordre de succesaion Stabil 
dans la maison d'Autriche contre ceux qui veolent le renverser et 
s'ingörer eux-mSmes pour successeurs de cette maison. 

Voilä le ca8 oü les PuissaDces MaritimeS; la France, la Russie. et 
d'autres garans se trouvent contre la Bayiere, TEspagnC; et d'aatr&» 
pr^tendans de la susdite succeBsion, parce qu'ila veulent invertir et 
an^antir Tordre ^tabli. 

Mais il n'est pas de m6me de ceux qui ex jure particuUri 
et proprio et ex pactis Providentia que maiorum ont de 
justes pr^tentions sur une partie ou une province de la successiou 
de la maison d'AutrichC; et qui en veulent ni k la totalitä de sod 
h^ritage ni k Pordre de succ^der Stabil dans cette famille. 

n seroit contre la nature^ le but et le v^ritable sens de 1b 
garantie gönörale de la sanction pragmatique, si les puissances qui 
s'en sont charg^es voudroient Tappliquer k tort et k travers aux pre> 
tentions particuli^res que Tun et Fautre peut avoir k la cfaarge dela 
maison d'Autriche^ et dont celle-ci^ sous Tombre d'une disposition de 
famille^ peut s'exempter aussi peu qu^il est permis k quelqu'un de 
d^rogor pour ce qu'on appelle factum proprium aux droits aequis 
d'un troisi^me, puisque sans cela il n'y auroit jamais de justice & 
esp^rer^ s'il döpendoit du bon plaisir dune puissance de faire des 
arrangemens qui en puissent fermer la porte k quiconque seroit fonde 
k r^clamer. 

Teile est maintenant la Situation oü se trouvent les puissances 
garantes de la sanction pragmatique k mon ögard par rapport sm 
droits particuliers et aux prötentions, tout-k-fait s^par6es et ind^pen- 
dantes de Tordre de succession^ que ma maison et mes ancdtres oct 
eus k la charge de celle d'Autriche. 

Si j'en voulois k la succession entiöre de cette maison, et si 
j'entreprenois d*en renverser Tordre Stabil en faveur d'un troi- 
si^me^ la cour de Yienne seroit fondöe k r^clamer la garantie de 
la sanction pragmatique contre moi, et les puissances garantos de la 
remplir. 

Mais comme j'attaque ni Tun ni Tautre, et que je me borne de 
poursuivre mes droits particuliers , jura privata^ par des voie^ 
usit^es^ par la coutume de toutes les nations^ entre des princes qni 
n'ont point de juges, tout ce que d'autres puissances peuvent faire 
Ik dedans ne sauroit consister qu'k employer leur entremise et leurs 
bons Offices pour moyenner un accommodement, (l'objet de leur 
garantie, qui est le maintien de Pordre de la succession de la maison 
d'Autriche, ne souffrant absolument aucun tort par mes pr^tentionsj 


Baisons qni prouvent Mdemment etc. 1741. 95 

et, par oona^uent^ le cas d'alliance et de Tengagement qu'on r^clame 
k tort dans cette occasion ne sauroit exister. 

Voos ne xnanquerez pas de bien faire valoir ces raisons solides 
qui prouvent ^yidemment que la cour de Vienne ne sauroit rdclamer 
les engagemens et rassistance des puissances garantes de son ordre 
de suocession. 

k Berlin, ce 28 de fövrier 1741. 


XIV. 

Beclits^egrüiidetes | Eigenthnm | Des| 
Königliclien Chur-Hauses, | Preussen und Branden- 
burg, I Auf die Hertzogthümer und Fürsten- 
thümer, | Jägerndorff, Liegnitz, | Brieg, Wolilau,| 
und zugehörige Herrschafffcen | in Schlesien. 

Im Jahr 1740. 

1 Bl. XC. pp. 4" — Berliner Originaldruck — Greh. St-A.; Kon. 

Bibl. zu Berlin. 
Zwei Nachdrucke, 27 + 24 pp. 4^ bez. 46 pp. 4*^ auf der Bibl. zu 

Fürstenstein, ein dritter, 48 pp. 4^ ist dem zweiten Theil der 

Schles. Kriegsfama eingelegt*). 


A,uf jenes Schreiben, das der haUische Kanzler von Ludetvig auf die 
Nachricht von dem Tods Kaiser Carls VI. an den König rkhtek 
(oben S. 56), antwortete ihm dieser am 6. November aus Rheinsbergi 

„ Weil Ich am Eurem Schreiben vom 1, d. ersehe , dass Ihr mh- 
liehe Nachrichten von denen Praetensiones Meines Kön. Hauses cMf the 
vier bekannte schUsisch^ Fürstenthimer gesantmlet habet ^ so soUet Ihr 
davon einen kurzen und deutlichen Auszug und Entwurf zu Papi^ 
bringen und mir einsenden. Ihr müsset diese Arbeit ganz geheim hdlii'f^ 
und icohl menagieren, damit nichts da/oon transpirieren möge/^ 

*) Vexgl. Schles. Kriegsfama, Theil U, Vorrede: „Von dem Rechtsgegr. 
Eigenthum sah man, ehe der erste Monat verging, schon einen ansl&ndischeu vifi 
emea inlfindischen Nachdruck.^ In die Quarcbfinde der Schles. Kiiegsfiama findeD 
sich wiederholt vollständige Broschüren, mit eigner Paginierung, eingelegt so (ü^ 
„ActenmSssige Gregeninformation^ (vergl. unter No XVI), die JKurze Beantwortnog 
der näheren Ausfuhrung" (vergl. unter No. XVII) u. A. Es Iftsst sich nachweisfo. 


Bechtagegründetes Eigenthum, 1740. 97 

bideicig übersandte seine Arbeit am 19. November *). Inzwischen hatte 
auA Podewils c»n 10, dem Könige vorgeschlagen, den hallischen Kanzler 
«ff ier Abfassung einer Deduction der prettssischen AnsprücJie zu be- 
wftragen. Er selbst, Podemls, und die Beamten des ausivärtigen Amts 
iflV» diiirch die laufenden Geschäfte zu sehr in Anspruch genommen, um 
»(h mar Arbeit tvidmen zu können^ die Müsse, Zeit und peinliche 
»Jikaltsche Forschungen erheische. Am 13. wu/rde Ludetvig ,,in 
rnkfrsitätsangelegetiheitefi^^ nach Berlin beschieden. Am 15. wurden 
insticeilen die Vorstände des Hauptarchivs und des geheimen Cabinets- 
TTchivs angewiesen ^,alle alten acta und Nachrichten wegen der JVä- 
"rkmn des Kurhauses auf die schlesischen Herzogthümer zusammen 
« mchen und in Bereitschaft zu halten^ damit man sich derselben bald 

hidewig liess sich mit seiner Reise nach Berlin ziemlich viel Zeit. 
icar schrieb er am 19. November, dass er sich geheim und in aller 
VBe dam angeschickt habe und so Gott wiU mit Ausgang nächster 
foche bei seinem Schwiegersohne dem von Nüssler in Berlin zu sein 
•ff — aber erst am 4. Dezember traf er dort ein **). Und nun schritt 
fbic Arbeit weit nicht so schnell vor , wie nach Massgabe der Um- 
^ude gewmischt wurde***). Am 16. Dezember konnte er endlich 

fc «iiese Broschüre nicht etwa für die Schles. Kriegsfama nur abgedruckt ist» 
ieimvhr scheint es, dass der Herausgeber dieser Zeitschrift Exemplare der Bro- 
Acre in der Zahl, welche die Auflage seiner Kxiegsfama erheischte, aufkaufte 
id (iann seinem Buchbinder den Zusammenhang derselben mit den sonstigen Be- 
tioitheilen der Fama herstellen liess. In derselben rohen Weise sind im sieb- 
^t«s Jahrhundert einzelne der Bände des Diarium Europaeum und der ersten 
ÄDdorpausgabe entstanden. 

*) Manuscript von 35 Seiten fol. 

**: Nachdem an demselben Tage eine Mahnung an ihn erlassen war: „Hätten 
Kit wünschen mögen , dass Ihr Eurem Versprechen gemäss Euch sofort auf den 
"*^ anhero begeben, da aber solches bishero nicht geschehen, so habet Ihr nun- 
•^* unverzüglich Eure anhero Reise anzutreten und Euch davon nichts als 
^^ Gewalt abhalten zu lassen." Auf dem Entwurf steht von Podewils Hand: 
»■spHiuLtur citissime, und muss morgen früh ohnfehlbar abgehen, auch auf das 
^vert citiadme gesetzet werden." Ludewig selbst erzählt: Adventu licet seriori 
^ promiseram signüicato ezpedivi quae erant expedienda (Reliquiae XII, 
P^' p. 3). 

***' Weil man den alten Herren, wie es scheint, nicht direct zu grösserer Eile 
*«lKrmen mochte, so hielt man sich an den Geh. Kanzlisten Hern, der „wegen 
^^ guten leserlichen Hand" dem E^anzler als Copist überwiesen war. Auf eine 
™»fning Ilgens „nebst der höchst unvermutheten Beilage 8r. Freiherrl. Exe" 
ff«l<»wiis) betheuert Hern am 10. Dez. auf Ehre und Gewissen, „dass durch mein 
f<'iH-hiilden noch nicht das Geringste . . . versäumet worden. Ich habe gestern 
Ah-mi ^^^ mehr ab einen Bogen zum mundieren bekommen, da ich gewiss 

P^«ri*che sUatasciOTfton. L 7 


98 rWe preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

melden^ ,,dass wenn der Buchdrucker Zeit hat, er den Abdruck aUiä 
anfangen mag, wenn ich nur wegen der Schrift und Format mii Am 
Abrede genommen, so noch heute früh gaichehen könnte.^'' 

Auch beim Drucke den der Hofbuchdrucker Gäbert besorgte, trd 
eine Verzögerung ein, „weil, me Ludeung am 28. dem' Minister klofit 
das unbändige Volk nicht dahin zu bringen geivesen, die FcuMaijf^ 
über zu arbeiten . . • Ich habe mich zu dem' Ende zu Hause bestämhQ 
gehalten, auf Correctxiren, die ohne dies mühsam, geharret und gehofftt 
tvelches noch itzo geschiehet^^ llgen musste darauf die Buch(bruchr 
^,durch ein scharfes Billet zu mehrem FTeiss anJialten und alle anikm 
Sachen liegen zu lassen bedeuten . . . oder S. K. M. icerde es MM ^f«- 
gnädig machen können, dass es mit diesem Werk, welches Sie so eilng^ 
pressieren, so langsam von Statten^ geht''*). 

Am 6. Januar schickte Podewils dem Könige die fertige Dedudm 
Am 7. wurden den fremden Gesandten Exemplare überreicfd, uftd -n» 
gleich erfolgte die Versendung an die Vertreter Preussens im Andawh 
Der Reichstagsgesandte erhielt 24 Exemplare, die andern zwei bis sifj^h 

Die berlintr deutschen Zeitungen brachten am Id., 17. mi m 
Januar eignen Auszug aus dem „Rechtsgegründeten Eigenthum'^. BaU 
kam die Schrift auch in den Buchhandel, Der Drucker }uUte m 
Exemplare an das Archiv abzuliefern gehabt, weitere durfte er ü«| 
eigne Kosten abziehen und verkaufen'^*). Am 24. Januar wcMrcii he< 
den Hmnburger Buchhä^ndlem mehrere Sallefi der Deduction «i''^ 
Leipzig angekommen***). 

Der Kanzler Tjudewig erhielt in Anerkennung seiner Arbeit flf^>d 
seinen täglichen Diäten von 3 Ttialern den Titel eines Kaders (h 
magdeburgisehen Regierung , deren ältestem* Roth er loar — eine St 

mehr gefordert um die Nacht durch arbeiten zu können. G^en des Herrn i^ 
heiraten Raths und Kanzlers Au&tehen werde mich sogleich mehreres zu hold 
hinverfugen u. s. w." 

*) Podewils an Hgen, 28. Dez. Am 29. schreibt Podewils nochmnls r^' 
das Werk so viel wie möglich zu pressieren," und am 4. Jan. „Ich bitte dem Bud 
drucker, so die Schles. Ded. druckt, die Beschleunigiuig der Arbeit jk» vii 
möglich zu recommandiereu. 8. K. M. können sich nicht vorstellen, wie sololw^ 
so lang dauern kann". Dem König schreibt Podewils an demselben Tage: J 
compte dans une couple de jours pouvoir envoyer cfuelques cxen^)laire8 de notr 
ddduction allemaude k V. M. Les miserables imprimeurs d'ici uou« out tu 
enxager n'ayaut pas voulu travailler tous ces jours de fSte." 

**) „Der Buchdrucker muss aber solche nicht eher debitieren, bis einige ex'-»« 
plana an S. K. M. gesandt, ingleichen an die hiesige Kön. und fremdi^ inimfitr«' 
ausgethcilt" Marginal Podewils* zu einem Bericht Ilgens vom 21. Dez. 

***) Bericht des Residenten Dcstinou, 24. Jaii. 


Rechtsgegründetes Eigenthum, 1740. Uebersetzungen. 99 

lokotng ,^mit ein wenig Wind, der nichts kostet'^ toie Podemls, der 
iimJbe in Vorschlag bringt, sich (msdrückt*). 


Erposition \ Fidele^ \ Des Droits Ihcontestables De La \ Maison 

Royale De Prasse^ \ Et\ Electorale De Branr \ Debourg, | Sur 

plusietirs IVincipautds \ Daches^ & Seigneiiries, \De La\ Silesie. \ 

1740. 

XCII. pp. 4® — Berliner Originaldruck — Gek St-A. 

Ein Nachdruck, LXVII pp. 4° auf der Bibl. zu Fürstenstein. 

Sohatd die ersten Bogen der Ludeungschen DeducUon aus der 
hmck^ei kamen, erhielt der Hofrath Naud^ den Auftrag (20, Dez), 
w f»5 Französische zu ubertra^gen^ „weilen Sr. K. M. die Edierung der 
dtdudion, sonderlich aber in französischer Sprache, sehr pressieret.'^ 
dif' Ueherseteung fiel so wenig zur Zufriedenheit des Ministers v. Pode- 
tih aus, dass Duhan de Jan dun die Arbeit übernehmen musste**). 
hi* letzten Abschnitte übersetzte Podewils selbst, tvie er auch die ganze 
rfhmefzung corrigierte und den Tiiel bestimmte, 

BerDruckderExposition fidile, den gleichfalls Gäbert besorgte, 
mtfisie unterbrochen werden, „damit es mit der teutschen Deduction nicht 
hK Stocken gerathen mochte, weil zu beiden kein Papier genug vor- 
btrfen, dergleichen auch, wie bisher gebrauchet, in ganz Berlin nicht 
wht SU bekommen gewesen^' **^), Erst am 24, Januar konnte Pode- 
fils dem Könige Exemplare zuschicken, am 25, erfolgte die Versendimg 
tt rfie Gesafidtschaften. Von Köln am Rhein aus u-anderte die Schrift 
^f Veranlassung des preussischen Residenten nach Italien f). 

h der französischen Uebersetzung fehlt der §. 5 des Originals mit 
kiutr Erhmeruug an den evangelischen Glauben der Schlesier, welcher 
««//r der österreichischen Herrschaft der Bedrängniss ausgesetzt sei. 

Abgedruckt: Rousset, Recueil historique XV, 168. 


*] An den König 6. Januar: comme du tcmps de feu le Roi on lui donnoit 
-rünairement une petite gratification pour ces sortcs d'ouvrages, et qu'il faudra se 
*^-ir prgt k r^liquer aux r^ponses que la cour de Vienne ne manquera pas de 
^Jte k cette d^uetion, V. M. pourroit encourager infiniment le Sieur Lud ewig le 
I^yant maintenant par un peu de vent qui ne lui coütera rien etc. 

^\ Podewils an Ilgen, 22. Dez.: ,)Die firanz. Uebersetzung ist so miserabel und 
*" ^Jbel gerathen, dass man sich billig schämen müsste, solche dergestalt drucken 
n k-aen. Der Translator hat dem wörtlichen sensu schlechterdings gefolget, es 
o^'ir fdch in der französischen Sprache reimen oder klappen, also habe es fast von 
Alilang bis zu EInde corrigieren müssen und sehe wohl, dass es mit Hn. Naud6 
•i^unnt« nicht angehen wird." 

'**) Ilgen an Podewils, 5* Jan. — n^as annoch benöthigte Papier" musste aus 
Hamburg verschrieben werden. 
t; Bericht Kohds, 17. Febr. 

7* 


100 ^ie preussiBchen Ansprüche auf Schlesien. 

Abrege | des Droits de Sa Majeste le Roi de | Jhrusse sur pi^ 
sieurs Principautes & \ Seigneuries en Silesie. 

VIII pp. 4» — Berliner Originaldruck — Geh. St.-A. 
Andrer Druck (8 pp. 4°): Bibl. zu Fürsteiistein*). 

Der König haue gewollt, dass die französische Deductian keine 
vollständige Uebersetzung der deutschen^ sondern nur ein Auszug darm 
sein sollte: mais que le frangois ne sott que la moeUe de Vallemani^ i\ 
faut que tout au plus la deduction soit de six pages^ c'est conforme au 
genie de la langue. (Marginal zu Podeunls Bericht vorn 29. Dez,) Podan^s 
erunderte (4. Jan.)^ es sei bereits eine vollständige Uebersetzufig unter d^r 
Presse : je ne Vaurois fait entreprendre, si les ministres de France^ dAtußo- 
terre et de Hollande qui sont ici ne m'avoiefit fait etitendre plus dumfois 
que Ums ceux qui n*entendoient pas Vallemand seroient impatiens 4e 
voir une fidele traduction frangoise de la deduction alletnande qui alkii 
paroitre, tyouiant que dans des affaires de cette importance ow il falhii 
constater et prouver des faits, on ne se payoit pas de beaux raisoim- 
mens et des toumures d^esprit^ mais qu'il falloit des documens, Av 
rialites et des preuves, et comme tout cela se trouve dans la deduction 
allemande^ il en faut de taute nöcessitö une traduction frangoise, donl 
on pourra toujours dans la suite tirer la moelle et en faire une pilcf 
plus raccourcie^ si V. M, le trouve apropos^'**). Da der König daraafi 
neben der Uebersetzung auch einen Abrigi verlangte (10. Jan.)^ '^ 
redigierte Vockerodt einen solchen. Den Druck besorgte die Offidfii 
von Grrinäus***), [ 

Abgedruckt: Journal de Berlin (No. 30—36, 4. Fehnm 
bis 4. März), Mercure hist, et pol. CZ, 172 (fivr. 1741) und i» 
deutscher Rückübersetzung in den beiden Berliner deutschen Zeitwigtit 
(No. 13-17, 28. Jan. ff.). 

Abrege \ De\ La Propriete \ fondee en Droit \ De la \ Maison 
Boyale de Prusse <& Ele- \ ctorale de Brandebourg \ sttr Jf^\ 
Duches & Principautds \ de Jaegemdorff, Liegnite, \ Brico, 
Wohlau I (£: \ Seigneuries y appartenantes ( en \ Silesie. | iWI 

14 pp. 4«» — Kön. Bibl. zu Berlin. 

Die Herkunft dieses zweiten, von dem offmellen erheblich verseht' 
denen Auszuges aus der Exposition fidHe ist uns unbekannt. 


*) Nach Polhnanns Bericht vom 2. Febr. erschien in Regensburg, imd nscb 
dem Chambriers vom 10. Febr. in Paris ein Nachdruck. 

**) Auch Jordan betont in seinem Brief an den König vom 10. Jan. ((Euvro> 
XVn, 83): Les personnes qui n'entendent pas Tallemand attendent avec Timpatiti»«*** 
la traduction de tout Touvrage. 
♦♦♦) Ilgen an Podewils, 12. März. 


RecbtBgcgründetcs Eigenthum, 1740. Uebersctzungen. 101 

.PaMmonium Atavitum \ Forussiae JRegis \ Et \ Gentis Branden- 
burgicae \ In | Qtuituor Silesiae | Ducatibus j Jaegemdorf, \ Brieg, 
Uegwitz \ Wohlau \ Oum Adnexis Fluribus Dynastiis. | 1740. 
LXXX + XL pp. 4« — Geh. St-A. 

Koch Beendigung seines y,Rechtsgegründeten Eigenthums^' schrieb 
Mmg an den König (2. Januar): „Falk Ew. K. M. ßr gut finden, 
ik teutsche Deduction in reines Latein zum Behuf der Gelehrten in 
Etropa übersetzest zu lassen, so ermangele nicht desfalls, als ein unter 
htGelelirten nicht unbekannter Lateiner, davon ein Meisterstück zu 
mchen.'*' Unter dem 14. Jamiar nahm der König das Anerbieten an; 
m 26. Februar war die Ueberseizung fertig. Sie hat dann nicht bloss 
^m Behuf der Gelehrten in Europa^*^ gedient, sondern auch zu prao- 
Mcn Ztcecken. Am 7. März wurden den Begierungen in Königs- 
^r(/, Stettin und Kiistrin je fünfzig Exemplare geschickt „sie unter der 
Band in Folen ausiJieilen und unter ^ die Leute bringen zu lassen . . . 
£< iann auch nicht schaden, dass man solch lateiniscJies impressum 
Mort nachdrucke und folgends soviel exemplaria als möglich davon 
mW> Tolen zu debitieren sich bemühe. Die dortige Buchführer und 
Buhdrucker werden sich damit vermuthlich gerne chargieren, davon 
^<h eher Vortheil als Verlust zu ertvarten haben.'^ 

In Königsberg übernahm der akademische Buchdrucker Beussner 
i^ Nachdruck, und die Begierung Hess die Schrift durch den refor- 
^ifrtcn polnischen Frediger Karkettel und die Kauf leute Saturgus und 
hhenheid nach Folen „an ihre dort habenden Correspondenten^'' ab- 
luden. Auch in Küstrin druckte ein Buchdrucker der Begierung vier 
Bitss Papier von der Deduction nach, wofür er einige Exemplare „vor 
«t/i gfm Verstecken'''' behielt', die Begierung übergab darauf die Schrift 
if^i Gutsbesitzern an der Grenze „zur gemächlichen Distribution^*' (Be- 
^<hi vom 13. März) ; der eine derselben , Oberst v. Borck auf Falken- 
^9, Inttet am 29. März um einige Exemplare in französischer Sprache, 
nJf^7 einige polnische dames, welclie zwar nicht recht in lateinischer 
Sffradie versieret, jedoch in französischer, viel Vermögen nehmen mit dem 
^^^mschen Hofe zu correspondieren.^*' 

Bas Patrimonium atavitum enthält als Anhang ein ^,Sacrae 
^riae coroUarium, quo rerum in Silesia gerendarum iura illus- 
^«J'uf exemplo.'' 

Abgedruckt: Europ. Staatskanzlei LXXXI, 76 und im 
^^y^dXU der Ijudemgschen Beliquiae. 


\Q2 ^^ preusflischen Ansprüche auf Schlehen« 

A fatihfuJl Account of the indiq^table JRigiJhS of ihe Boyd 
and Electoral House of Prussia and Brandenburg io Sfverd 
principdlities , dutchies and lordships in Süesia. London^ 
8. — 6^^ Bogen. 
Vereeichnet: Holzschuherund SiehenkeeSy DeductümshiWoikA 
von Teutschland, 111, 1580. 

Het op de Rechten gegronde Eigendom vanH Koninghjk Kaif\ 
Suis Pruisseii en Brandenburg öp de Hertoch- en Yw^i 
dommen Jagcmdorf, Liegnitz, Brieg, Wohlau en Ofiderhon 
Hcerscliappyen in SiJesien. 
Vergl. Europische Mercurius 1741, /, 84: Mt eehe hy 
Drukkers dezes in groot octavo apart te bekomen. 

Eine flämische Uebersetzmig 
des j,Recht$gegründeten Eigenthums^*^ erschien laut Berichts des prens^ 
sehen Agenten von Haes (21. Febr.) in Dordrecht 


Rechtsgegründetes Eigenthum, des Königlichen 
Churhauses Preussen und Brandenburg, auf die Herzog- 
thümer und FürstenthUmer Jägerndorf, Liegnitz, Brie^, 
Wohlau und zugehörige Herrschaften in Schlesien. 

Im Jahr 1740*). 

§. 1. [Churbraudcnburgische Gerechtsame auf die schlesischo 
FürstenthUmer liegen in den Geschichten Jedermann vor Augen.] 
Wem die böhmische und schlosische Geschichte und Rechte bekannt, dem kaiffl 
und wird auch dieses nicht verborgen sein, was vor klare und unwidertreibli^ln' 
gcsetzmfiflsige Gründe das Chur- und Fürstliche Haus Brandenburg auf die sthlf- 
sische Herzogthümer und FürstenthUmer, auch Herrschaften Jägemdorf, Liegniti 
Brieg, Wohlau, Beuthen, Oderberg u. a. von so langen Jahren her gehabt und 
selbige bei allen österreicliischen Kaisern als Königen in B<>hmeu unausgc^txt 
getrieben und vorstellig gemacht habe. 

§. 2. [Sind unter den Rechtsansprüchen grosser Herren auf- 
geführet.] Alle diqenige, welche von den Rechtsansprüchen hoher Potrtitat<ii 
überhaupt eigene Bücher geschrieben, haben auch nicht ermangelt, diese chnr 
brandenburgische Befugniss in ihren Scluriftcn aufzuführen imd dem Publioo be- 
kannt zu machen, obgleich die eigentliche Beschaffenheit dieser Sache nicht allei) 
aus dem Zcugniss klarer Urkunden und Verträge bekannt sein mögen. 

♦) Die Beilagen der Deduction, welche dieselbe an Umfang noch üb«»rtn^ff*»^ 
sind hier nicht mit abgedruckt, da man die entscheidenden Stellen aus donselb't 
im Texte findet Sie stehen : Sammlung der Staatsschriften nach Ableben Carls VI. 
I, 242; Selecta juris publici novissima II, 234, Gesch. des Interrecni I, 155. 

Anmerk. d. Herau54r. 


BecbtBgegründetes Eigeuthum, 1740. 103 

§.3. [Auch von dem glorw. Hause Oesterreich wohl erkannt 
Tud seihige zu verkaufen angemuthet] Ob nun wohl die glorwürdigste 
Vorfahren des Durchlauchtigsten Hauses Oesterrreich, als Könige in Böhmen, die 
Billigkeit der Sache wohl begriffen und dem Chur- imd Fürstlichem Hause 
Baiidenbuig wichtige Geldsummen zu Vergütung dieser offenbaren Gerechtsamen 
btü^tjuidig angeboten haben ^ sp. hielten doch die zeitige Chur- und Fürsten des 
Hau*» Brandenburg bei der gerechtliebenden Posterität unverantwortlich zu sein, 
ib erlangte^ Eigenthum an so ansehnlichen Horzogthümem und Fürstentliünieru 
mit Land und Leuten dergestalt zu verkaufen und ihre in solchen Füratenthümcm 
Omen gehörige Unterthanen allen Chur- und Fürstlichen Hausverträgen entgegen 
m abaudomiieren imd zu verlassen. 

§.4. [Churbrandenburg aber niemals feil gewesen.] Man kann 
mir Reclit sagen, dass die glorwürdigste Vorfahren des Chur- und Fürstlichen 
flsuses Brandenburg eine Geiiv^enssache daraus gemachet, ihre nach Erbrecht 
ihnpu augehörige Unterthanen hülflos fremder Gewalt zu überlassen, besonders 
h dieselbe mit zu Gott beschworner Eidespfiicht dem Chur- und Fürstlichem 
Hau^e Brandenburg sich verbunden, mithin, als die klare Zeugnisse davon an den 
Tag zu legen, alles Volk mit Thränen und Seufizen bejammert: dass durch Ge- 
walt und üebennacht des grösseren Ge^entheils es eidbrüchig werden und von 
ihr«'r berechtigten hohen Landesobrigkeit ,sich abziehen lassen müssen. 

§.0. [Mächtiger Keligionseifer des Hauses Oesterreich.] Und wie 
bö dem glorwürdigsten österreichischen Hause der voniehmstc Stein des Anstosses 
der aUer Welt bekannte ReligiQnseifer gewesen, welcher sich auch um so viel 
mehr dadurch an den Tag geleget, weil diese dem Churfurstlicliem Hause Brandcn- 
iwrg eigenthümlich zugeh(jrige Fürstenthümer anderen der römischen katholischen 
B'-ligion zugethanen Fürsten als fremdes Gut nachhero zu theil worden: so wollen 
^»m^llft imd Recht um so viel weniger zulassen, des Seinigen hierunter dergestalt 
ffl vergessCTL und seine eigenthümliche , meistentheils evangelische Unterthanen 
■l<'m BedrängnisB widriger Religionsobrigkeit zu übergeben. 

§•6. [Veränderte Ursachen zu fernerer Nachsicht] Es bleibet 
T'hl wahr, dass unter mächtigen Potentaten die Zeit alles ändern kann? Und 
^a ias Chur- und Fürstliche Haus Brandenbui-g gegen der Ueberraacht des durch 
»l'n kaiserlichen Thron befestigten durchlauchtigsten österreichischen Hauses 
vt4tT zur Güte noch zum Recht einen Weg gefunden : nuiuAehro, da dieser glor- 
*'*5nligste und über alle Stufen menschlicher Glückseligkeit gesetzte österreicliische 
Mamiesstamm erloschen, derjenige, so alles regieret, dem Königl. Chur- und Fürst- 
*''ht*ni Hause Brandenburg einen neuen Ruf gegeben, sich ihrer so lange Zeit ver- 
J*>^npii eigenthümlichen Unterthanen anzunehmen imd das unstreitbare Recht 
i3r»*r Vorfahren zum wirklichen Besitz und Genuss zu bringen. 

§•7. [Vorbericht dem Publico zum besten.] Damit aber auch die 
^*i allen Veränderungen aufeehende Welt von Gerechtigkeit der Sache überzeuget 
^''nieii möge, so ist vor gut und nützlich befunden worden, davon eine vorläufige 
•Vmeige zu thun. Mit welcher Arbeit aber man auch um so viel leichter zum 
^nl«8s kommen mag, weil man nur die in Archiven liegende Urkunden reden 
'^'^^t, als welche von keiner geschmückten Feder oder tiefgesuchter Juristerei 
*«'i^'<' Hülfe bedürfen. 

S-8, [Ordnung davon.] Wie nun dieser rechtlichen Befugnisse verschie- 
"'''■ '^j 80 will auch die Sache selbst erfordern, dass solche in behöriffcr Ab- 

*'h 'I 

♦inmng und Ordnung vorgenommen und an das Licht gebracht werden. 


104 1^6 preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

Das I. Gapitel. 
Des Königl. Churhauses Preussen und Brandenburg Gerechtsamti 

auf das Herzogthum Jägerndorf. 

§. 1. [Ursache des Anfangs von Jägerndorf.] Es ist von diesan in 
Schlesien gelegenem Churbrandenbur^chen Herzogthum Jägemdorf um so nd 
mehr der Anfang zu machen, je grössere Gewaltthätigkeiten ausgeübet worden^ 
solches Land denen Churfursten zu Brandenburg aus den Händen zu reissen nr.d 
bis dahin vorzuenthalten. 

§. 2. [Markgraf Georg erkaufet solches als ein feuduiii 
alienabile et testabile 1524.] Die Geschichte davon ist folgende. Es hal 
Georg, Markgraf, wegen seines evangelischen Religionseifers Pius genannt, dic^ 
Herzogthum mit baarem Geld erkaufet und bezahlet anno 1524. Dann als d»i 
damalige König in Böhmen Ludovicus dem Markgrafen, seinem Hofmeist<*r xnai 
Vettern, angerathen und freigelassen, sich in Schlesien anzukaufen und zwar der 
gestalt, dass er die anerkaufte Lande, als pure eigcnthumliche Erbstücke, mit drt 
Freiheit besitzen möge, solche eigenem Gefallen nach wiederum zu ver&ussem und 
damit, als seinem Eigeuthiun, zu schalten und zu walten: als hat besagter Heri 
Markgraf seine in dem Königreich Hungarn acquirierte Stücke losgeschlagen itu^ 
das darvon gehobene Geld wiederum an Erkaufung des Herzogthiuns Jägenidorj 
geleget. 

§. 3. [Bezahltes Kaufgeld.] Die Kau&umma ist an die Besitzere von 
Jägemdorf, die von Schellenberg und sonsten, richtig bezahlet, auch damit difl 
gleichfalls freie Erbherrschaft Liebschütz vergütet worden. 

§. 4. [Wirkliche Beleihung.] Hierauf erfolgte nun die Avirkliche Bei 
lehnung dieses Herzogthums als eines obbesagter Massen von dem König accor- 
dierten Erb- und Veräusseningslehens, imd war dem Herren Markgrafen Sitz nnj 
Stimme auf denen schlesischen Fürstentagen eingeraumet 

§. 5. [Confirmat. Begis. Ford. I. 1527.] Nach dem Tod des Königl 
Ludovici hat Ferdinandus L, König imd nachheriger Kaiser, anno 1527 alles obigfl 
coniirmieret und ist der Herr Markgraf Georg bis an seinen anno 1543 erfolgten 
Tod im Besitz geruhig geblieben. Wie er dann die Landesregierung in dm 
Herzogthum sehr wohl und weislich zum Aufriehmen und Bestem der ünterthajid 
eingerichtet, die Residenzstadt enveitert und in derselben das schöne Schloss mi< 
grossen Kosten erbauet, auch alles übrige in bessern Stand gesetzet hat. 

§. 6. [Nachfolger Prinz Georg Friderich 1539.] Er hinterliH 
einen vierjährigen Prinzen Georg Friderich (anno 1539) zmn Nachfolger. Weil 
aber seines Herrn Vaters Bruders Sohn, Albertus Alcibiades in Franken, sich di'ij 
Vormundschaft in Jägemdorf gleichfalls wie in Franken unterziehen wollte, g^yH 
welchen König Ferdinandus grosses Misstrauen bezeugte: als hat er dem minder- 
jährigen Prinzen zu gute die revenues des Herzogthums Jägemdorf sequestrieren 
lassen. 

§. 7. [Tritt die Regierung an.] Wie dann, sobald dieser Erbprinz da- 
neunzehnte Jahr seines Alters erreichet, der Kömg Ferdinandus I. ibmc nicht 
allein das Herzogthum Jägemdorf wieder eingeraumet, sondern auch die bis dahin 
sequestrierten Einkünften bei Heller und Pfennig wieder bezahlen lassen. 

§.8. [Uebertragung des Herzogthums Jägerndorf an Chur- 
brandenburg. Der Churfürst Joachim Friderich nimmt Besitz uii'l 
Huldigung in Jägerndorf.] In solcher gesegneten Begierung, als gleichwoiu 
bei doppelter Ehe keine Leibeserben erfolget, hat der Markgraf sein Haus be- 


Bechtfigegründetes Eigenthum, 1740. 105 

schicket und sein Herzogthum Jägemdorf als ein feudum testabile et alienabile 
wovon oben §. 2), nebst denen solchem zugelegten Erbherrschaften Lübschütz, 
(Merberg, Beuthen, Tamowitz und anderer Zubehör, an das Churfurstliche Haus 
Brandenburg vermachet imd übergeben. Wie dann vermöge dieser Vermächtniss 
der damalige Churfurst Joachim Friderich sofort nach dem anno 1603 erfolgtem 
Tod des Markgrafen Georg Friderichs das Herzogthum Jägemdorf mit allem Zu- 
behör in Besitz nehmen, die Huldigung im Lande vollziehen und die Landes- 
r^ermig bestellen und handhaben lassen, ohne jemandes Gegenspruch oder einige 
Widerrede, Als von welchem Durchlauchtigstem Churfurstcn das gesammte 
Kunigliche Churhaus Preussen und Brandenburg abstammet Mithin auf dasselbe 
Hdeicommissarische Erbfolge des Herzogthums Jägemdorf cum pertinentiis, allen 
Rechten und Hausvertragen nach devolvieret und übertragen worden ist 

§. 9. [Leget damit seinen andergebornen Pr. Johann Georg 
ab. 1607.] Zwar hat der obbesagte Churfurst Joachim Friderich vor gut be- 
funden, dieses Herzogthum Jägemdorf mit allem Zubehör an seinen ander gebor- 
Qcn Prinzen Johaim Georg anno 1607 deswegen zu überlassen, theils weil die 
Landstände des Herzogthums Jägemdorf einen eigenen Herrn und Regenten im 
Laude gewünschet, theils auch weil dieser Prinz des Bischofthums Strassburg 
«ier romisch-katholischen Intriguen halber, sich begeben müssen. Wobei aber die 
Churfurstliche Brandenburgische Linie ihren Haiisverträgen nach sowohl, als auch 
'\n!L fideicommissarii heredes ganz unverrückt geblieben. 

§. 10. [Dieser zerfällt in des Kaisers Ferdinandi Ungnad, und 
Achtserklärung und stirbt 1624. Dessen Prinz Ernestus muss 
fremder Schuld halben Jägerndorf missen.] Als nun dieser obbesagte 
Herr Markgraf und Herzog von Jägemdorf Johann Georg in der bekannton 
böhmischen Unruhe sich mit dem P&lzgrafen Friderich V. alliieret und darüber 
mit dem Kaiser Ferdinando IL in einen blutigen Krieg zerfallen, hat zwar das 
Churfurstliche Haus Brandenburg, als welches an diesem Unwesen keinen Theil 
kommen, geschehen lassen müssen, dass der neue König in Böhmen mid 
nachheriger Kaiser Ferdinandus H. ihren Vetter Johann Georg, als damaligen 
Be«tzer des Herzogthums Jägemdorf und pertinentien, solcher Lande entsetzet mid 
denselben anno 1628 [1621] in des Kcichs Acht und Aberacht gethan, in welcher 
dpr Geächtete das Jahr darauf 1624 verstorben. Weil aber derselbe einen einzigen 
mindeijähTigen Prinzen Emestimi nat^ 1617 hinterlassen, haben sich zwar verscliio- 
dene Fürsten und Herren zur Fürsprache bei dem Kaiser befunden, das noch un- 
^huidige Kind fremder Schulden halber nicht leiden zu lassen, sondern ihme nach 
^es geachteten Vaters Tod sein ex Providentia herrührendes Fürstenthum wiedemm 
(einzuräumen. Es war aber der Religionseifer und andere Absichten viel zu stark, 
^8 dass man solchen Intercessionalen und Vorstellungen Gehör geben mögen. 
Worüber denn der einige Prinz 1642 auch verstorben und dieser Jägemdorfischeu 
Chorfurstl. Brandenburgischen abgetheilten Linie ein Ende gemacht hat. 

§. 11. [Nach dessen Tod 1642 fällt Jägerndorf an das Chur- 
haus Brandenburg zu rücke.] Als dieses geschehen und das Herzogthiun 
Jägemdorf mit allem Zubehör an die churfurstliche Linie wiederum nach Erbgangs- 
ond Stammesrecht zurückgefallen, mithin die österreichische Kaiser, als Könige in 
Böhmen, nicht den geringsten Schein Rechtens mehi* vor sich gesehen, dem Chur- 
fiintlichai Hause Brandenburg sein angestammtes Erb- und Eigenthum vorzuent- 
halten: flo ist von dem Churfursten Friderich Wilhelm, glorwürdigsten Andenkens, 
das kündbare Recht dahin vorstellig gemachet worden, dass bei dergleichen 
^tammesfuistenthümem dem Stammesverwandten Fug und Macht gelassen, ohne 


\Qß Die preiiasischcn Ansprüche auf Schlesien. 

alle Bückfrage, Process und Streit, sich der entledigten Lande zu bemächtigeD 
und dieselbe actu corporali wieder in Besitz zu nehmen. 

§.12. [Im dreissigjährigen Krieg.] Wie aber das dreissigjahrige Kriegs- 
feuer noch lichterloh zu solcher Zeit anno 1642 gebrannt und der höchatselige 
Churfurst es nicht von der Zeit gefunden, in einen neuen Krieg einzugchen, die 
Österreichische Kaiser auch alle Zeit zu gütlicher Beilegung Hoffiiung gemaclict 
als hat man die Sache bloss bei Ilin- und Herschreiben bewenden lassen müssen. 

§. 13. [Dem Haus Oosterreich wird dieser wegen zugesetzt im 
westphälischen Frieden 1644.] Die Pacificatoren des westphälischeu Frie- 
dens wurden zwar auch hieininter angetreten, die sich aber meistens auf den Fiis^ 
gesetzet, dass, was nicht cau^a belli gewesen, auch nicht materia pacis sein solle. 
Wie denn besonders auch es an continuierter Hoffriung des Hauses Oesterreich 
nicht gefehlet, nach beigelegten Kriegstrubeln und erlangtem Frieden auf SCttcl 
zu denken, diese Streitigkeit nach Gleich und Recht in Güte abzutlimi. 

§. 14. [Es kommen dieserhalb Austregae in Vorschlag.] Einige 
haben zwar dabei dieses erinnert, dass sich zwischen der Krön Böhmen und dem 
Chui*fiirstlichen Hause Brandenburg besondere Verträge fanden, nach welchen msui 
in denen unter beiden Häusern entstandenen Zwistigkeiten den ersten Versuch zu 
thuu^ per Austregas dieselbe auszumachen und beizulegen; man hat aber uicmal!^ 
über der Wahl eines oder mehrem Obermännern fertig werden können. 

§. 15. [Das Beeilt ist extra litem.] Und es litte die ausser alleu 
Zweifel gesetzte Sache auch in der That keinen Process, Weil ja mit mensch- 
lichem Verstand oder juristischen Kunstgriffen nichts auszusinnen war, unter 
welchem Schein dem Churfurstlicheu Hause Brandenburg sein Erb- und Stamme^- 
herzogthum Jägemdorf von der Krön Bölmien vorenthalten werden möchte. 

§. 16. [Felonia trifft keinen seitwärts verwandten Vetter] 
Denn wollte man die angeschuldigte Felonie des Markgrafen Johann Georg vor- 
schützen, so konnte sich dieselbe bei aller vorgestellten Schärfe deamocli nicht 
weiter als auf die Descendenz und Nachkommenschaft des delinquierenden oder 
angeschuldigten Besitzers dergestalt extendieren, dass der Markgraf Emestns, ^> 
lange er gelobet, seines väterlichen Herzogthums verlustig sein sollte. Daliingegeii 
denen seitwärts Verwandten, als der Churfürstlichen Linie, nichts desfalls imputiert 
und zur Last geleget werden mögen. Als wo wieder kein Rechtsgelehrter etw*? 
emwenden mag oder wird, er müsste dann aus Privatabsichten in andere SiniiHii 
verrücket sein. Nicht zu gedenken, wie die bewährteste Rechtsgelehrte auch das 
nicht einmal zugeben mögen, dass in Stanuneslehen sogar denen Kindern de.^ 
Delinquenten etwas zum Nachtheil zu verhängen, weU diese den Grund ihrer 
Landesfolge nicht auf das Recht des letzten Besitzers, sondern vielmehr auf des 
ersten und ältesten Stifters seinen Willen zu setzen und diesem uaclizulebeu. 
verbunden. 

§. 17. [Auch crimen laesae Majestatis gehet nur auf Descendenteii 
des Verbrechers.] Wollte man aber ein crimen laesae Majestatis aus der cou- 
duite des Markgrafen Johann Georgs, Herzogen zu Jägemdorf^ machen, so wäre 
dagegen noch vielmehr von den Jagemdorfschen Prinzen Emestum, und nach 
dessen 1642 erfolgten Tode vor die churf. brandenburgische Linie einzuwenden. 
Dann, in Ansehung des erstem, so gehen die Strafen der Majestätslästerungen mir 
auf die eigentlich sogenannte allodia des Verbrechers. Folglich haben solclie in 
Stammeslehen oder fideicommissis familiae keine Statt; noch viel weniger aber 
mögen dieselbe den Vettern und agnatis, die an dem Verbrechen keinen Tbdl 
haben, angerechnet oder zur Last geleget werden. Bei welcher Beschaffeulieit 


Rechtagegründeteä Eigentham, 1740. 107 

nicht der geringste Schein Rechtens übrig bleibet, diesei^wegen die unßchuldige Churr 
fiirstL Vettern des Hauses etwas an der Landesfolge in dem Horzogthum Jägem*- 
ilorf entölten zu lassen oder ihnen ihr gehöriges Eigentham fremder Schidden 
halber tmd wegen eines sdtwärts verwandten Vetters zu entziehen. 

§. 18. [Die Uebertragung an Churbrandenburg ist mit Recht 
und ohne Widerspruch 1603 geschehen.] So ist auch hierselbst um so 
viel weniger zu zweifeln, dass dem letztem Besitzer eines Stamm- und Ver- 
Hiissenmgslehens gebühret, die Laudesfolge davon an seitswärts Verwandte zu 
übertragen. Dann wie oben Cap. I, §. 2 schon dieses zum Voraus gesetzet, dass 
der Markgraf Georg das Herzogthum JSgemdorf unter keiner andern Bedingung 
mit Anrathen und Bewilligung des Königs Ludovici, als Lehnherrens, erkauft, als 
daäs dejT Käufer solches als ein feudum alienabile et testabile besitzen möge. 
Andem£Eills derselbe nicht dahin zu bringen gewesen, seine Erbgüter in Uungani 
zn verkaufen, und dieses Geld sowohl als auch was er sonsten im Vermögen ge- 
habt, an das Herzogthum Jägemdorf und Zubehör zu verwenden. 

§. 19. [Mit dem Beifall der Krön Böhmen und der schlesischen 
?^tände.] Wie aber gleichwohl a posse ad velle kein Schluss zu machen, also 
liegen die von dem Markgrafen Georg Fridcrich anno 1599 sowohl als 1603 er- 
richtete, von der Churfurstl. Brandenburgischen Linie angenommene und ohne 
allen Anstand oder Widerrede nach desselben Tod zum Effect gebrachte disposi- 
tiones und Vermächtnisse an dem Tage, nach welchen die Jägemdorfische und 
zubehöiige Lande an den Churfürsten zu Brandenburg Joach. Friderich, glorwür- 
•ligssteu Andenkens, anno 1603 gefallen und von demselben ohne allen Gegenspruch, 
vFeil dergleichen zu machen niemand einige Gelegenheit gefunden, in den Besitz ge- 
nommen, mithin durch die churbrandenburgische , von Kaiserlicher Majestät be- 
tätigte Hausverträge dem Churflirstlichen Hause aunecticrt imd in ge\*'is3er Mass 
♦invcrleibct wonlen. 

§.20. [Die Churbrandenburgische Rechte sind Oesterreich 
hfwusst und leiden keine Verjährung.] Hierwieder hat nun weder Ver- 
jihnuig noch einige andere Ausflucht statt. Anerwogen dieser klare rechtsgegrün- 
<let<» Anspruch auf das Churbrandenburgische Fürstenthum Jägemdorf, nicht allein 
zu allen Zeiten und bei aller Gelegenlieit gerüget und getrieben, von dem mäch- 
tigen Gegcntheil aber solches auch deswegen erkannt worden, weil es jederzeit 
'Ur&uf angetragen, dieser Churbrandenburgischen Befugniss mit wichtigen Geld- 
summen abzuhelfen. Folglich das Durchlauchtigste Haus Oesterreich sich niemals 
in bona fide, vielmelur aber allezeit in Wissen und Wissenschaft überzeuget be- 
foiwien, dass das Herzogthum Jägemdorf Churbrandenburgisches Eigenthmn sei, 
obgleich der römisch-katholische Beligionseifer und andere Absichten nicht zuge- 
lassen, sich dahin zu überwinden und dem Churfürstlichen Hause Brandenburg 
'las seinige zu restituieren und wieder einzuräumen. 

§. 21. [Zeit und Recht des königlichen Ghurhauses Preussen 
!ind Brandenburg wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen.] Es 
möchte nun also wohl von der Zeit sein, das seinige nicht länger m £remde<n 
Hanilen zu lassen, vielmehr bei ereignetem Falle sich nunmehro derjenigen Mittel 
und Kräfte zu bedienen, welche zu Erhaltung seines Rechts hinreichend sein 
njögen. Das hohe Gegentheil winl und mag sich ja voi:jetzo um so viel leichter 
^iebri fiiasen, je grössere Geduld die Vorfahren des königlichen Churhauses da- 
'lureh bewiesen, dass sie ihr Eigenthum schon so lange in österreichischen Händen 
gelassen and die Gefälle und Einkünften ihres eigentliümlichen Herzogthums ntm 
f^t über hundert Jahre gemisset haben. So viel Tonnen Goldes dieses jährlicher 


JOS 1^6 prcussischen Ansprüche auf Sclilesieu. 

Schaden gewesen, bo >nelc und mehr Millionen Tsird nunmehro, nach Verlauf von 
hundert Jahren, solches ausmachen. Bei welcher Beschaffenheit dem königlichou 
Churhause vorjetzo Niemand den gebrauchten Ernst bei der Sache verdenken 
wird, ausser etwa denjenigen, welche der römisch-katholische Religionseifer und 
Eigennutz zunicke hält, das vorenthaltene Jiigenthum an seinen rechtmSssigeu 
Herren wieder herauszugeben. 

Das II. Capitol. 
Des königlichen Churhauscs Preusscu und Brandenburg 
Gerechtsame auf die schlesische Hcrzogthumc Liegnitz, Brie^' 

und Wohlau. 

§. 1. [Fürsten von Liegnitz sind anfangs souverain.] Anfang> 
ist überhaupt imd zum Voraus festzusetzen, dass die Herzoge von Liegnitz und 
zugehörigen Landen aus dem Piastischen Hause sou verain, frei und erblich re- 
gieret, ohne sich weder der Krön Polen noch Böhmen unterwürfig zu macben 
oder sonsten jemand einige dependance zuzugestehen. 

§.2. [Die Lehensauftragung anno 1329.] Nur anno 1329 haben 
dieselbe ihre Herzogthünier, Fürst enthümer und andere Lande, als ihr vollw 
Eigenthmn, an den König von Böhmen, Johaimem Luzenburgicum, zu Lehen auf- 
getragen, dergestalt und also, wie der erste Lehenbrief in der Anlage A zeuget: 
dass sie solches ungczu^aingen gethan, dass die Lande ihr Erb- und Eigenthuni 
seien, dass sie auch f(*>rderliin als ein rechtliches Erblehcn bei allen Rechten mwi 
aller Freiheit verbleiben sollen. 

§. 3. [Geschiehet als ein feudum alienabile.] Woraus denn leicht- 
lich und offenbar rechts gegründet zu schlicssen, wie weit dieses aufgetragene 
Erblehen von gemachten oder aus Gnaden verliehenen feudis boneficiatis zu unter- 
scheiden. In mehreren Erwägiuig, dass hieselbst der Lehnherr nichts gegeben, 
vielmehr alles von dem Lehenmann erwarten und empfangen müssen. 

§. 4. [Daraus erhellet die Eigenschaft feudi alienabilis. Zwei- 
fel de testabilitate feudi wird 1511 gehoben.] Wie nun aus dieser Be- 
schaffenheit der richtige Schluss ist, dass diese Lehnbarkeit nach den gemeinen 
Lehnrechten, Avelche de feudis datis handeln, gar nicht auf nur einige Weise zw 
beurtheilen, sondern dass solche Liegnitzische und zugehörige Lande wahrhaftip' 
Erblehcn oder fcuda hereditaria und alieuabilia Avorden, als welches auch der 
König Uladislaus in seinem sub B beigelegten Gunstbrief anno 1511 mit dürren 
Worten besaget: dass die Herzoge von Liegnitz (auch ehedem) alle ihre I^ndc 
imd Leute bei ihrem Leben verkaufen, versetzen inid vergeben mögen. Abt* 
wurde im Gegentheil gezweifelt, ob von der freien Handlung unter Lebendigen 
auch der Schluss auf die Freiheit eines letzten Willens zu machen, oder, nach der 
Lehensformel zu reden, ob die feuda alienabilia auch pro testabilibus zu achten V 
Diesem Zweifel imu abzuhelfen suchten und erhielten die Liegnitzische Füreton 
obgedacliten Gunstbrief von dem Uladislao anno 1511 in folgenden Worten: 

Dass sie ihre Land und Leute ein Theil oder gar auf dem Todtenbetto 
oder testamentsweise, wie sie am besten zu Ratlie worden, vergeben, ver- 
kaufen, versetzen, verschaffen und verwechseln m('>gen. 

§. 5. [Ohne jcmands Eintrag oder Widerrede.] Und dieae Wahr- 
heit hebt mm alle sonst gemachten Schwierigkeiten auf, als wann dieser Gunst- 
brief des Königs Uladislai anno 1511 pro privilegio enoimi zu achten, als warn» 
an dessen Gültigkeit die Nachfolger an der Krön zu zweifeln oder auch der Krön 


Bechtsgegrüiidetes Eigenthum, 1740. 109 

md dem Königreich Böhmen dadurch ein Nachtheil verursachet worden wäre. 
Dann das Becht der Veraufiserung denen Herzogen zu Liegnitz, Brieg und Wohlau 
^Hdch aus dem Lehenbrief erwiesenermassen ohnedem und schon vorhero frei 
stunde, hieselbst aber solches nur dahin ausgezogen worden, dass solche Ver- 
äoäsenmg auch durch den letzten Willen oder testamentsweise geschehen dürfte. 

§. 6. [Weitere Confirmation K. Ludovici 1522.] Wie dann auch 
''ht>n diesen Unterscheid der nachherige Gunstbrief des Königes Ludovici anno 
I*)22t den wir sub Lit. G. beigeleget, mit deutlichen Worten anzeiget und zum 
Voraus setzet, dass den Herzogen von Liegnitz und zugehörigen Landen die Ver- 
änsaerang ihrer Länder durch Handlung unter Lebendigen allezeit freigestanden, 
voTJetzo aber auch solche durch letzten Willen oder testamentsweise geschehen 
möchte. 

§. 7. [Und Erläuterung derselben.] Es muss sich auch solches des- 
«'^eu niemand irren lassen. Dann nachdem die deutsche imd andere der rönu- 
H lien Rechte unerfahrene Völker von testamentis nichts gewusst oder gehalten, 
<iiese Folge a jure, inter vivos alieuandi, ad jus testandi einigen Zweifel verur- 
^liet, welchem dann, durch die besagte Gunstbriefc von 1511 und 1522 abge- 
holfen werden müssen. Als auch noch anno 1524 aufs neue, wie die Anlage sub D. 
ieiget, wiederholet worden ist. 

§. 8. [Dass sie mehr zum Ueberfluss als Nothwendigkeit ge- 
llen ct.] Bei dieser Beschaffenheit hat man nicht nöthig, bei der Gcncral- 
vOnfiraiation aller den Herzogen von Liegnitz verliehenen Privilegien, wohin die 
IWUage sub Lit. £. gehörig, sich aufzuhalten. Dann wäre auch solche nicht er- 
folget, so wurden doch aus dem Recht der ersten Eigenschaft des aufgetragenen 
UhvnB die liegnitzische und zugehörige Lande ein feudum alicnabile und die 
facultas testandi, welche der K. Ludovicus noch anno 1524 für sich und seine 
Naehkommen an der Krone, unter den Clausulen, ob bcne merita und cognita causa, 
v»frlieheu, den Herzogen und allen ihren Nachkommen frei und ungehindert 
^'^büeben sein. 

§. 9. [Vermöge aller Rechte erfolget die Erbverbrüderung mit 
('hurbrandenburg 1537.] Bei diesem offenbaren, klaren und unwidertreib- 
'ichen Recht nun ihre Land und Leute anderen per actus inter vivos et mortis 
'HU8Ä ußich eigenem Rath und Gefallen zuzuwenden, hat Herzog Friderich von 
liegnitz, Jirieg und Wohlau sich nicht das geringste Bedenken machen können, 
^üt dem Churfursten zu Brandenburg, Joachime IL, anno 1537 eine solenne Erb- 
• erbrüderung und Erbvereinigung aufzurichten, dieselbe zu Liegnitz am Freitag 
uch 8t. Galli zu vollziehen, zu unterschreiben und mit einem körperlichen Eid 
^\ beschwören, so wie wir denselben sub Lit. F. buchstäblich hier beigeleget haben. 

§• 10. [Diese Erbverbrüderung hat ein zehenfaches Band und 
'•t mit der Huldigung verbunden.] Und es finden sich bei dieser Erb- 
'♦•remignng und Erbverbrüdenmg über die sonsten gewöhnliche ganz besondere 
iwl verbindlichere Umstände. Dann 1) werden die Ursachen derselben als das 
•'He, bestandige und gute Vertrauen unter beiden Häusern ; sodann 2) die doppelte 
'ß»d zweüjBMshc Vermählung derselben mit einander angeführet; femer 8) wird ge- 
kleidet, wie dieselbe nicht allein mit vorhergegangenem weisem Rath und reifer 
^ Überlegung, wie nicht minder 4) mit Einwilligimg der gesammten geistlichen 
imd weltlichen Landständc geschehen ; nächstdem 5) solche von beiderseits Contra- 
Wten, durch einen leiblichen Eid mit aufgereckten Händen zu Gott dem All- 
n^äehtigen beschworen worden; nachgehends 6) auch die gesammte Stände und 
v-'nterthanen der Herzogthümer Liegnitz und zubehörigen Lande dem Churfursten 


HO I^*c ppeussischen Ansprüche auf Schieben. 

von BrÄndenbiirg die Evcntaalhuldigung gethan und dieselbe actu corporali abg^ 
Bchiroren, über dieses 7) damit das pactum confrateniitatis reciprocum und bilaterale 
sein möchte, sollt« Churbrandenburg auf die gesammte liegnitzsche, briegiaclie, 
wohlauische luid zubehörige Lande, die Herzoge von Liegnitz aber auf die ge- 
sammte böhmische Lehen des Churfürsten von Brandenburg expectivieret und ge- 
sichert sein und damit 8) die Erbverbrüderung um so mehr befestiget sein möchte, 
haben beide durchlauchtigste Contrahenten gegen einander den Brudomamen unter 
sich sowohl als auch in ihren Oanzeleicn angenommen und nichts unterlassen, was 
nur irgend dazu dienen mochte, nicht etwa nur eine Personalverbindimg zu haben, 
sondern vielmehr 9) eine wirkliche und eventualem translationem donmül dergestalt 
zu bewirken, damit auf ereignetem Fall die Länder ipso jure sogleich auf die Erb- 
verbrüderten fallen, mithin 10) sodann dem Churfürsten von Brandenburg das 
Kecht angedeihen möchte, die liegnitzische, briegische, ^vohlauische und zu- 
gehörige, dem Churhause Brandenburg gehuldigte Lande in wirklichen Besitz zu 
nehmen. 

§. 11. [Dawider legt sich König Ferdinandus L aus uugegrün- 
deten Ursachen.} Wer hätte nun bei solcher rechtsgegründeten Handlung ge- 
denken mögen, dass Jemand sich unterstehen sollte, die Gültigkeit dieser so theuer 
errichteten und von den hohen Interessenten sowohl, als den gesanunten Laud- 
ständen beschworenen Erbverbrüd^ning anzufechten? Nur der Eigennutz der 
böhmischen Räthe ging so weit, dass selbige das Spiegelfechten von denen 
böhmischen Landständen anfingen, die bd dem König aus fe^t lächerlichen und 
kahlen Ursachen cinkommen und vorgeben mussten: es wären gleichwohl die 
schlesische Fürstenthümer und Herrschafben der Krön Böhmen incorporieret und 
einverleibt; mithin würde die erbverbrüderte Landesfolge des Churfürstlicheu 
Hauses Brandenburg den böhmischen Landständen zum Scliaden gereichen, 
solchem nach dieselbe durch königlichen Ausspruch aufgehoben, vor null und 
nichtig erklärt und cassieret worden. 

§. 12. [Welche kürzlich widerleget werden.] Ein jeder vernünftiger 
Mann und noch mehr ein Rechtsgelehrter begriffe die Nichtigkeit dieses »Spiels. 
Anerwogen 1) ja nicht die Frage war, ob das Fürstenthum Liegnitz und zubo- 
hörige Lande von den böhmischen Landen ausgezogen imd ezimieret werde» 
sollten; \4elmclu: besagte 2) der Buchstabe der obbesagtcn Erbverbrüderung, dass 
bei entstehenden Fällen Churbrandenburg m eben der Verbindung gegen die Krone 
Böhmen stehen und verbleiben sollte, in welcher sich die erbverbrüderten Herzoge 
zu Liegnibs und zugehörige Lande befunden; ferner, da dieses seine Richtigkeit 
hat, so arbeiten d) die böhmischen Landstände hieriimen gegen sich sclbäten, 
indem ja ihnen am meisten daran gelegen, dass dieses Herzogthum liegnitz und 
zugehörige Lande als res iufeudari solitae wiederum mit eUiem neuen Laudstand 
besetzet würden, nicht aber von der königlichen Kammer, als nacldiero geschehen. 
eingezogen und dadurcli die Anzahl der Laudstände geschwächet werden möcbto; 
über dieses so wurde ja 4) die Erbverbrüderung nicht mit einer fremden l^uissanei*. 
sondern mit Churbrandenburg geschlossen, als welches ohnedem mit so vielen ii» 
sehnlichen Lelien der Krön Böhmen mit Lehuspflicht verwandt yrw^ nicht zu gt'- 
denkon^ dass 5) durch den ersten Lehnbrief bei freiwilliger und ungezwungen auf- 
getragener Lehnbarkeit amio 1329, als oben Cap. II, §. 2 gesaget, den neuen üog- 
nitzischen Vasallen die Veräusserung ihrer Lande vi pacti freigelassen war, welchem 
keine naohherige Verordnungen entgegengesetzct werden mochten. 

§. 13. [Die aber gegen Uebermacht Königs Ferdinaudi i. 
nichts vermögen. AViderrcclitliche königliche Sentenz 1540-1 


Bechtsgegründetes Eigenthum, 1740. 111 

Allein die Macht ginge hiebei vor Recht, die liegnitzscho Herzoge nmssten solcher 
weichen und zusehen, daas eine königliche widerrechtliche Sentencc und Abschied 
zu Prag anno 1545 des Inhalts erfolgete: dass dem Herzog Friderich zu Liegnitz 
nicht gebühret, solchen Contract, Vertrag, Erbverbrüdenmg furzunehmen, folglich 
derselbe nichtig und unkräfäg, und so viel mit der That in die Wirkimg ge- 
bracht, abzuthnn, zu vernichten und zu cassieren sei. Wie Wir dann solchen Con- 
tract und Vertrag mid was daraus und darauf erfolget aus königlichem und landes- 
fiirstlichem Amt hiemit für unbündig, unkräftig und nichtig erklären u. s. w. 
Geben in unsrer Stadt Breslau den 18. Mfd 1546, wie solches in der Beilage sub 
Lit. Gr. erfolget. 

§. 14. [Ist res inter alios acta; dagegen auch Öffentlich pro- 
testieret. Geheimniss der Absichten des Richters werden offen- 
bar.] Nun konnte zwar dieser königliche Ausspruch dem churfurstlichen Hause 
Brandenburg deswegen nicht entgegen gesetzt werden, weil der Churfurst zu 
solchem Rechtshandel gar nicht citieret und c^ben deshalben der churfurstlich 
brandenburgische Rath bei der solennen PublicaHon unter Notarien und Zeugen 
aufgetreten, dawider öffentlich protestieret und Seiner Churfurstlichen Durchlaucht 
zu Brandenburg alle ihro desfalls habende jura und Gerechtigkeiten vorbehalten, 
welches alles Königliche Majestät Ferdinandus I. selbsten mit angehöret, darauf 
aber keine Antwort erfolget Allein das Geheimniss diesc^r Sache eröffiiete sich 
bald nachher selbsten. Indem Herzog Friderich zu Liegnitz mit seinen beiden 
Söhnen Friderich und Georg durch königliche Macht und Gewalt dahhi gezwun- 
gen worden, nicht allein dieser mit Churbrandenbnrg so theuer vers<^hwomen Erb- 
verbrudenmg abzusagen, sondern auch dieses zu verheissen : dass die Herzogthümer 
imd Fürstenthumer Liegnitz, Brieg und Wohlau bei Erlöschung des Mannsstammes 
an den König in Böhmen selbsten fallen und denen Erbtöchtem und Allodialerben 
mir etwas gc^^dsses ausgesetzet und bezahlet werden solle. W^omit also klar am 
Tage, dass Königliche Majestät hieselbst als judex in propria causa gesprochen, 
also autor fador] in rem suam gewesen und die Klage der böhmischen Stände niu* zu 
einem blossen Schein gebrauchet worden. Vernunft und Recht winl hiebei 
leiclitlich den Ausschlag geben, ob und ^vie weit solches den naturlichen und 
Civilgesetzen gemäss oder nur auf einige Weine verbindlich, vielmehr Vernunft 
imd Rechten nach null und nichtig sein und bleiben müsse. 

§. 15. [Nullität gegen Brandenburg.] Ihro Churfikatl. Durchlauchtig- 
keit zu Brandenburg konnte wenigstens dieses Urthel nicht binden, theils als 
res inter alios acta, theils auch weil die Herzoge von Liegnitz, Brieg und Wohlau 
selbsten an den Churfursten geschrieben, dass dasjenige, was ihnen ihres Orts durch 
höhere Macht und Gewalt abgedrungen worden, dem churfurstlichen Haust; 
Brandenburg sein wohl erlangtes Reclit nicht Avitxlerum nehmen und aufheben 
möchte. Der Erbfall hätte sich noch nicht ereignet, die Zeit veränderte alles; 
(lahero , ^as jetzo nicht geschcheji könnte , dereinst vielleicht dcro späten Nach- 
kommen zu statten kommen dürfte. 

§.16. [Der Churfurst behält die Urkunden als ewige Zeugen von 
Wahrheit und Recht und zeiget die ungültigen Einwurfe.] Wie dami, 
als die Herzoge von Liegnitz und zugehörigen Lanilen von dem Könige in Böhmen 
befehliget worden, die dem churförstlichen Hause Brandenbiurg ausgestellten und 
ausgehändigten Urkunden und documenta wiederam abzufordern; Ihro Churfürst- 
liche Dnrchlauchtigkeit sich dessen mit allem Recht gewegert und den Herzogen 
zur Antwort wissen lassen : Die Erbverbrüderung wäre einmal nach der Eigenschaft 
der liegnitdschen und zugehörigen Lande sowohl, als dreifach ertheilter königlichen 


112 ^6 preasaischen Ansprüche auf Schlesien. 

Freiheit, sodann wohlbedächtlich und mit Bath und Einwilligung des Landes 
errichtet, auch mit Eidestreu beschworen. Da sich nun in derselben nichts fände, 
was der Krön Böhmens zuwider, viehnehr alles der Eigenschaft der li^^itzischen 
und zubehörigen Lande ersten Lehensübertragung, wie auch denen von den drei 
Königen ertheilten und bestätigten Freiheiten gemäss sei, so würde Diro Chur- 
fürstÜche Durchlauchtigkeit die rechtliebende Welt billig verdenken, sie auch bei 
der werthen posterit^ sich einen Vorwurf machen, dasjenige, was sie einmal 
durch theuer beschwome richtige und gesetzmässige Verträge erhalten und be- 
sessen, sich durch unrichtige Wege, Furcht und Bedrohung wieder aus den Händen 
winden zu lassen. Sie würden also, was sie rechtsgegründet erlanget und sich 
und den Ihrigen erworben, an sich behalten, sich auch zu keinem anderen Schluas 
bequemen; die ihnen eingehändigten Originalurkunden aber als Zeugen von Licht 
und Recht in Verwahnmg behalten, bis Gott die Zeit schickte, davon einen Avirk- 
lichen Gebrauch zu macheu. Und dabei ist es auch lange hernach allezeit ge- 
blieben, besonders da bei fortwährender männlichen posterit^ des fürstlichen 
liegnitzischen Hauses ohnedem keine Frage darüber entstehen können. 

§. 17. [Als 167 5 der liegnitzische Mannesstamm verloren, suchet 
und treibet Churbrandenburg sein angefallenes Recht] Als aber 
durch den Tod des letzten Herzogs Georg Wilhelms anno 1675 sich der Anfeil 
auf die Herzogthümer Liegnitz, Brieg luid Wohlau an das churfurstliche Hans 
Brandenbui;g zugetragen, haben Ihro Churfurstliche Durchlauchtigkeit Friderich 
Wilhelm der Grosse nichts ermangeln lassen ,> dem kaiserlichen Hofe ihr habendes 
Successionsrecht mit allem Nachdruck vorstellig zu machen. Ksüserliche Majestät 
haben auch die Wichtigkeit und Triftigkeit davon wohl b^;riffen, sich aber mit 
den damals eingefallenen Kriegeszeiten entschuldiget, nach deren Beilegung dieses 
Successionsrecht untersuchet imd was billig wäre erfolgen sollte. 

§. 18. [Der kaiserliche Hof suchet für das angefallene Land 
Geld zu bieten.] Unter der Hand wurde dem glorwürdigsten Churfursten ander- 
weitige SatisfEUition, besonders wichtiger Sununen Geldes, angeboten, welches aber 
H.^T churfurstliche Hof allezeit damit beantwortet*: Dass Seine Churfurstliche Durch- 
lau cht das von Gott und Rechtswegen Ihnen gehöriges und angefallenes Land 
wollten, welches Ihnen zu keinem Verkauf feil wäre. Dahero man auch mit der- 
gleichen Vortrag sich weiter m keine vergebene Mühe setzen und die Zeit damit 
umsonst hinbringen möchte. 

§. 19. [Fordert ein Gutachten von dem liegnitzischen Kanzler, 
findet aber solche Schrift mehr wider sich.] Als nun der kaiserliche 
Hof in beständigem Anspruch und Unruhe von dem churfürstlich brandenburgischen 
gehalten und dessen Successionsrecht auf Liegnitz, Brieg und Wohlan unaufhörlich 
getrieben worden, so erginge vom Kaiser Leopolde an den damaligen liegnitzischen 
Kanzler Friderich von Roth am 2. Januar 1684 ein ausdrücklicher Befehl, dieser 
Sache halben ein ausführliches Gutachten aufinisetzen und bei dem kaiserlichen 
Hof einzusenden. Es geschähe auch solches und der Kanzler wurde in einer Arbeit 
von zehn Monaten damit fertig. Die Schrift selbsten aber gerieth also, dass der 
kaiserliche Hof Bedenken trug, selbige dem churbrandenburgischen Hofe, nocb 
sonsten, bekannt zu machen. Als man nun durch vertraute Hand davon endlich 
eine Abschrift erhielt, so wurde man die Ursachen allererst gewahr, warum der 
kaiserliche Hof damit zunicke gehalten. Dann die chiurfurstlich- brandenburgische 
Jura auf diesem klare Successionsrecht in dem liegnitzischen und zugehörigen 
Fürstenthümem dadurch mehr befestiget und erläutert worden, indem dieser ge- 
schickte Mann dem churfürstlicheu Hause viele zur Sache dienliche Gründe in 


Rechtegegründetes Eigenthmn, 1740. 113 

nähern Umständen an den Tag geleget, welche in einem Zeitverlauf &8t von zweien 
Sicdis denen nachherigen Bedienten nicht mehr so ausführlich und umständlich 
bekannt sein mögen. 

§. 20. [Dahero der Kaiser näher zur Sache schreitet und Chur- 
Brandenburg Land anbietet] Als nun dieses rechtliche Gutachten von dem 
ü^tzischen Kanzler Friedrich "von Roth anno 1684 ausgestellet imd der ELaiser- 
üche Hof daraus die wichtige und unstreitige Successionsgründe um so viel leichter 
«■ingesehen, weil solche von ihrem eigenen Bedienten auf Kaiserlichen Befehl auf- 
geetset mid gefiertiget worden, so arbeitete num die zwei Jahre darauf 1685 und 
1686 um so viel sch&rfer an einem Vergleich. Man gab auch die Sache nun naher 
iL< bisbero geschehen und bequemte sich zu Abtretung von Land und Leuten; 
ob^lach der bekannte römisch-katholische Religionseifer schwer daran ging, das 
Oniifuistliche Haus Brandenburg zu seinen evangelischen Glaubensgenossen zu lassen 
BDd denselben einigen Trost in ihrer Religionsbedr&ngniss zu gönnen. 

§.2L [List und Gef&hrde bei dem Schwiebusischen Satisfactions- 
tractat 1686.] Mit was vor List und Gefährde aber in diesem so genannten 
^«t^iaetionstractat leider verfiihren worden, und was vor unhdlbare und sonsten 
kaum erhörte Nullitäten dabd vorgegangen, dieses solle nun in einem eigenen 
Ctpitel ausgefnhret und vorstellig gemachet werden. 

Das III. Capitel. 

Von Nichtigkeit der solchen Gerechtsamen entgegengesetzten 

Verträge von anno 1686 und 1695. 

i 1. [Unverbrüchliche fideicommissarische Hausverträge de 
>onalienando von 1437 bis 1603.] Anfangs ist zum Voraus zu setzen, dass 
^ RönigL Chur- und Ffirstlichen Hauses Preussen und Brandenburg bereits von 
'^hundert Jahren her übliche und von Kaiserlicher Majestät von Zeit zu Zeiten 
^nnirte Hausverträge diese Verbindung mit sich fuhren: 

Dass keinem Besitzer der Chur- oder Fürstlichen Lande des Hauses Branden- 
burg erlaubt sein solle, von wirklichen Land und Leuten oder auch deren 
Angefallen etwas zur Urthat und Tod zu veräussem. Und wann solches 
irgends von einem Besitzer geschehen, der Nachfolger an dem Chur- oder 
Foistenthmn die freie Gewalt und Macht haben solle, das dergestalt wider- 
rechtlich Veräusserte wiederum zu vindicieren und den Besitz davon zu 
e^reifen. 
^le solches aus denen in originali vorhandenen und theils schon im Druck liegen- 
^Crinmden de anno 1437, 1478, 1541, 1603 in deutlichen Worten zu ersehen, 
cu'h dttrch das beständige Herkommen des Chur- imd Fürstlichen Hauses bewähret 
fi«l befestiget worden ist 

§•2. (Trifft buchstäblich das Herzogthum Jägerndorf.] Wie dann 
^^^sonderB des Herzogthums Jägemdorf wegen dieses in vermeldeten Chur- und 
festlichen brandenburgischen Hausverträgen mit versehen worden, dass ohn- 
^nchtet der Churfurst seinem andergebomem Sohn dasselbe als ein Deputat ab- 
s^^trptai und zu seinem Unterhalt eingeräumet, wovon Cap. 1, §. 9 gehandelt^ 
^Qoch solches Herzogthum nicht allein mit kernen Schulden beschweret, sondern 
«ich nach dem Ausgang dessen männlichen Stanunes wiederum derselben Chur- 
'^^ eingetfaan werden und zu ewigen Zeiten bei dem Churfurstlichen Hause 
Bwndoibnig verbleiben solle. Wie die Worte in dem gerauischen Vertrag 1603, 
^^ lit fi., sammt und sonders gefasset 

^'««■■»el» 8tM*aKliriften. I. 8 


114 I^e preusraschen Ansprüche auf Schienen. 

§. 3. [Sogar auch in nicht zu bezahlenden Schulden der Vor- 
fahren.} Es ist auch dieses um so viel weniger zu verwundem, weil sogar bei dem 
Cbur- und Fürstlichen Hause Brandenburg, kein Nachfolger in denChur- noch andern 
Fürstenthümem gehalten ist, sdnes Vorfieihren gemachte Schulden zu bezahlen noch 
zum Schaden des Landes dessen vorgenommene Facta zu prSstieren und zu halten. 

§. 4. [Wie in allen Stammes-Fürstenthümern überhaupt und 
hier insonderheit] Denn obgleich solches überhaupt allen Geschlechtes- und 
Stamms-I^üistenthumen gemäss ist, als welche in einem gemeinsamen nexn fid^- 
commissario mit einander verbunden, welches Band keiner ohne den andern trennen, 
noch der solches thut, seinen Nachfolger verbinden mag, das verfiusserte in andern 
Händen zu lassen, so ist doch dieses weit kräftiger, wann in einem Fürstlicben 
Haus dergleichen durch eigentliche Hausverträge festgesetzet und darinnen buch- 
stäblich versehen, dass keinem Besitzer erlaubt sein solle, seinen Nachfolgern hier- 
unter dasjenige zu entziehen, was die Vor&hren in ewige unaufhörliche Zeiten 
ihren Descendenten erworben und auf dieselbe ex pactis majorum gekommen ist 

§.5. [Diese Ursach hält auch die Churfürsten in den schlesi- 
schen Herzogthümern zurück.] Und eben dieses war eine rechtsgegrfindete 
Ursache, warum das Churhaus Brandenburg bei so vielerld Veränderungen und 
obbesagten Fatalitäten der schlesischen erblichen und erbverbrüderten Herzog- 
thümer Jägemdorf, liegnitz, Brieg und Wohlau nicht dahin zu bringen gewes^ii 
weder dieselbe noch deren Gerechtsame zu veräussem imd für Geld derselben sich 
zu verzeihen. Man darf hiebe! wiederum nur die im Archiv verwahrlich liegende 
Schreiben, protocolla und Handlungen ansehen, so wird sich dieses unausgesetzet 
und unendlich finden, dass das Haus Oesterreich allemal für diese öfters besagt« 
Herzogthümer Länder und Gerechtsame dem Churfurstlichen Hause starke Summen 
angeboten, aber allemal auch die Antwort erhalten, dass kein zeitiger Churfurst 
oder Markgraf des Hauses Brandenburg vermöge der so viel hundertjährigen Haiis- 
verträge sich im Stande fände, dasjenige, was einmal an Gütern, Ländern und 
Gerechtigkeiten mit Fug und Recht erworben, für Geld wiederum weg zu geben 
und sich dessen auf seine Nachkommen zu verzeihen. 

§.6. [Darunter sich Oesterreich in dem schwiebusischen Kreis 
endlich begreifet 1686.] Ohngeachtet nun das Haus Oesterreich vornehmlich 
des römisch-katholischen Beligionseifers halber gar schwer daran ging, zu Zeiten 
des Churfürsten Friederici Wilhelmi M. dem Churfurstlichen Hause Brandenburg, 
mithin einem mächtigen evangelischen Fürsten, einen Fuss in Schlesien zu lassen, 
so erfoderten doch die Conjimcturen selbiger Zeit, mit dem Churfürsten sich dieser- 
wegen auszusöhnen und zu vergleichen. Es wurde also dem Churfürsten der 
schwiebusische-schlesischc Ejreis mit der lichtensteinischen Forderung auf Herr- 
schaften in OstMesland gelegen, von vielen Tonnen Goldes, angeboten und dar- 
über Handlung gepflogen, deren List und Gefährde, welche dabei vorgegangen, 
man nunmehro in etwas entdecken muss, um derselben ^chtigkeit und Unver- 
bindlichkeit des jetzigen Königlichen Churhauses daraus zu erkennen. 

§. 7. [Gefährde bei dieser Handlung 1686.] Es geschahen zu gleicher 
Zeit zwei mit und in sich selbst streitende, simulirte und verstellte Handlungen. 
Dem regierenden Churfürsten wurde der schwiebusischQ Ejreis 1686 angeboten und 
übergeben; aber auch zu gleicher Zeit Dero Churprinz dahin nulliter inducieret, 
heimlich zu versprechen dasjenige, was Dero glorwürdigstem Herrn Vater gegeben 
worden, bei einstens angetretener Regierung wiederum wegzugeben und den ganzen 
Abschluss der Handlung zu cassieren. Beides war unrichtig und in Vernunft und 
Gesetzen unverbindlich. 


BechtBgegrundetes Eigenthnm, 1740. 115 

f 8. [Wider alle Vernunft und Bechte.] Es gehören zu allen Hand- 
iBDj^en, wenn selbige unter vernünftigen Völkern eine Verbindung haben sollen, 
nrei unentbehrliche Stücke, Wissenschaft und Wille. Keines von beiden mag man 
hieselbst behaupten. Denn der glorwürdigste Churfurst Friedrich Wilhelm meinte, 
idsem Haas den Hansverträgen gemäss, etwas auf ewig zu erwerben, und zu 
^ietcher Zeit wurde sein Churprinz von dem österreichischen Ministro, Baron von 
Frejtag, inducieret und durch erdichtete und ausgesonnene Drohung, Furcht und 
Intzigaen ganz insgeheim d^hin gebracht, das erworbene dereinst wieder herzu* 
ireben and damit den väterlichen Vertrag zu eludieren und zu zernichten. 

§. 9. [Unverantwortliche Elusion des Churfürsten.] Wer war 
tber hiebd in der Gefährde? Nicht der Churfurst, als welcher es mit dem Kaiser 
uod Rdch treu und wohl gemeinet und aus patriotischem Eifer so viele, ihme von 
ussen angetragene Vorthdle ausgeschlagen, mithin am allerwenigsten verdienet, 
von dem österreichischen Ministerio dergestalt hintergangen und berücket zu 
werden. 

§. 10. [Wie auch sub- et obreptiones gegen den Ghurprinzen.] 
)Gt dem damaligen Ghurprinzen und nachherigem Churfürsten und Könige in 
Prenssen wurde weit geföhrlicher umgegangen. Der anwesende Kaiserliche Minister 
«ttzfe ihm in geheim mit Furcht und Hoffen zu ; er brachte ihn bei gewissen Um- 
runden dahin, dass er ihme zu sagen musste, in eine vertraute heimliche Handlung 
■Dter vier Augen mit ihm einzugehen, keinem aber von seinen Bedienten ein Wort 
^Ton za sagen. Der Antrag erfolgte endlich: der Kaiserliche Hof würde dem 
Cborprinzen in jetzigen und zukünftigen Zeiten aUzu schwer fEiUean, wenn er nicht 
iien Entachlnss zu einem Revers fasste, das schwiebusische Land bei künftiger 
Beperang an das Hans Oesterreich wiederum abzugeben, sowie es sein Herr Vater 
jetzo zom Schein von demselben übemonunen. Dieser österreichische obgedachte 
l^Dister hatte bereits den Revers vorgeschrieben und auf eine ganz unrichtige und 
ibereüte Weise die Churprinzliche Unterschrift desselben erhalten. Ist es wohl 
möglich, dass ein Gontract bedächtlich mit Wissen, Willen und Verstand geschlossen 
^^isen solle, wo man dem andern Theil nicht zulasset, sich um die Umstände des 
Buxielfl zu eikundigen? 

ill. [Dessen Inducierung wider Wissenschaft und Willen.] Alle 
^hte wollen, dass bei Unterschriften fürstlicher Personen die exceptio sub- et 
^^ptionis statt habe. Hieselbst fhnde sich nun beides in überhäufter Maass. Denn 
wie in dem ersteren von keinem noch nicht regierenden Prinzen erfordert wer- 
^ uMg, dass er von den Angelegenheiten seines Hauses eine hinlängliche Wissen- 
^^ babe, also konnte man auch von dem damaligen Churprinzen solches nicht 
^^'I^ngen. Er wusste nicht die Schärfe seiner Hausverträge, de non alienando; 
^e waren die unläugbare Gründe auf die öfters besagte schlesische vier Herzog- 
^^ Bdheten unbekannt, und bei einem von den Churfurstlichen Bedienten oder 
"'^'^ eigenen Leuten sich dieserwegen zu befragen, solches war ihm deswegen 
^& obbeaagtem Kaiserlichen Minister schlechterdings verboten. Weil diesem nicht 
»fc|iannt, dass, falls diese List und Gef&hrde dem glorwürdigsten Churfürsten 
fnderich Wilhelm zu Ohren kommen mögen, darüber ein Feuer entstehen können, 
^«Iches das gesammte Reich empfinden müssen. Und so viel de subreptione. Was 
'^ die obreptionem, die foUche und erdichtete Vorstellungen betrifin;, so waren der- 
inbigen fast unzählige, theils in Ansehung des Churfurstlichen Hauses in sich, 
«fiU der ans Verweigerung dieses Reverses bereits vorhandenen und noch künftig 
'^«oTgenden erdichteten Gefiedir der selbiger Zeit in Ost und Westen] brennenden 
^ ineb anscheinenden Kriegesläuften, wodurch der damalige Churprinz, weil er 

8* 


V 


116 Die preosBiflcheii Ansprüche auf SchlesieiL 

.bei niemand sich dieserwegen Bath erholen dfirfen, sich in ftusserster Bedräogiua 
befanden, den ihme vorgelegten abgedmngenen Beyers zu unterschreiben. Was 
sollte wohl List und Gefährde, sub et obreptio, erschlichen und hinter das Licht 
gefuhret heissen, wenn diese Umstände solchen Namen nicht verdieneten? Der 
Ehre derjenigen, welche sich dieser Bänke gebrauchet, will man yoijetzo gerae 
schonen und diese Geheimnisse lieber noch nicht ruchbar machen. 

§. 12. [ChurfürstL Durchl. eröffnen solches ihrem Ministerio.] 
Wie dann, als nach dem anno 1688 erfolgten Tod des glorwürdigsten Churfursteo 
Friderid Wilhelmi M. Friderich lU., nachgehends erster König in PreusBen, die 
ChurfursÜiche Landesregierung angetreten und das Haus Oestezreich auf Haltno^ 
des null und nichtigen Beverses und desselben Erfüllung gedrungen, Ihro Ghuifursd 
Durchlauchtigkeit auch weiter keinen Anstoss gehabt, das ganze Wcric nunmehn 
Ihrem Ministerio zu eröfinen und solches von demselbigen untersuchen zu lasgeo 
der Schluss desselben einmüthig, als die archivische Begistraturen besagen, dahii 
ausgefallen: 

Dass dieser Bevers allen Hausverträgen entgegen ^e nicht minder wegei 

dabei vorgefEdlenen Umstände und Bänke, weder in naturlichen Recbto 

noch Gesetzen, vor verbindlich geachtet werden möge. 

§. 18. [Nichtigkeit des Beverses von 1686 wird dem Kaiserl 

Hof vorstellig gemachet] Man hat sich darauf an den Kaiserl. Hof selbst«! 

gewendet, die Unbilligkeit und Unbündigkeit der Sache vorstellig gemachet uim 

die Herausgebung des abgedrungenen Beverses gesuchet, aber bei Härtigkdt de 

damaligen böhmischen Kanzlers kein Gehör gefunden; vielmehr hat dieser letzter 

endlich godrohet: 

WamiSe.Churfur8tliche Durchlauchtigkeit zur Abtretung des schwiebosiscbei 
Landes sich nicht bequemen würden, militärische Gewalt erfolgen sollte. 

§. 14. [Von dem Churfürsten selbst werden die meisten Bänki 
entdecket] Noch haben Se. Ghurfurstliche Durchl. sich dieses nicht schrecke 
passen, vielmehr ihren Gesandten nach dem Wahltag zu Augsbiug 1690 die au^ 
drückliche und gemessene Instruction gegeben, dem Kaiserlichen Ministerio ^ 
Vorstellung zu thun, dass man 8r. ChurfürstL Durchlaucht unmögliche und vidc 
die Verträge ihres Hauses laufende Dinge zumuthete, der Bevers auch ihnen dord 
unerlaubte Mittel und Bänke zu der Zeit abgedrungen worden, da sie noch kei* 
Herr ihrer Lande und Bechte gewesen, noch von B^gimentssachen den nöthige 
Unterricht gehabt hätten. Einem noch nicht r^erenden Prinzen etwas Nacl 
theiliges bei künftiger Begierung anzumuthen, solches wäre schon eine in de 
Bcchten nicht erlaubte unrichtige Sache, dabei aber die wahre Beschaffenheit de) 
selben zu verhehlen und was imgegründet als Wahrheiten vorzustellen, sodio 
nicht einmal zuzulassen, sich bei seinen Bedienten der wahrhaftigen Umstände i 
erkundigen, solches wären ganz unheilbare Nullitäten, die alle Verbindung «o\ 
hebten. Was keinem wirklich regierenden Churfürsten zu Brandenbui^ erlauW 
wäre zu vollbringen, das dürfe man auch keinem Churprinzen anmutheii; dj 
Hausverträge ständen beiden, noch mehr aber dem letzten im Wege. Seiii 
ChurfürstL Durchl. würden also nimmer zu Abtretung der schwiebusischen Land 
einen Elntschluss bissen. Sie hätten vielmehr zu Kaiserlicher Majestät das siebet 
Vertrauen, dass bei lauterm und wahrhaftem Vortrag der Sache in sie weiter ntd 
gedrungen werden könnte, andernfalls ne solches auf alle extrema ankomm^ 
lassen müssten. j 

§. 15. [Darauf die Sache etwas stille wurde.] Hierauf hielt sich di 
Sache noch einige Jahre so hin, bis endlich Seine Churfürstliche DurchL sich dui^ 


Rechtsgegründetes Eigenthum, 1740. 117 

wies anhalten, drohen und yerheissen ermüdet £Emden und diese Schwiebusische 
lizMie dem Hanse Oesteireich wiederum gegen Erlegung dner geringen Geld- 
ainme, welche kaum die meliorationes im Lande ausmachten, anno 1695 abgetreten 
CDd eingerikunet haben. 

§. 16. [Erklärung Sr. Churfürstl. Durchlauchtigkeit aus Liebe 
zam Frieden ohne Zw^ng Rechtens. Aussetzung des Rechts auf 
kunftigeZeiten.] Wobei gar sonderlich zu'merken, dass, als einige Churfurstliche 
Mhiistri Seiner Churfurstlichen Durchlaucht so sehr angelegen, sich zu kdner Ab- 
tretung bringen zu lassen; Seine Churfurstliche Durchl. zur Antwort erthdlet: Ich 
anzas, wül und werde mein Wort halten, das Recht aber in Schlesien auszuführen 
will ich meinen Nachkommen überlassen; als welche ich ohnedem bei diesen 
viderrechtiichen Umständen weder verbinden kann noch wül. Giebt es Grott und 
die Zeit nicht änderst als jetzo, so müssen wir zuMeden sein, schickt es aber Gk>tt 
nderst, so werden meine Nachkonunen schon wissen und erfahren, was sie desfialls 
ä^Tmst zu tfaun oder zu lassen haben mögen. 

§. 17. [Ermanglung einer Renuntiation.] Es haben auch ohne Zweifel 
digenige, welche auf österreichischer Seiten das schwiebusische Land anno 1695 
TOT) denen Churfurstlichen Räthen und Bevollmächtigten übemonunen, wohl selbsten 
bt^ffen, dass der Churfurst solches mehr deswegen geschehen lassen, damit er 
ßr ach sein Wort halten mögen, ohne dass ihn die Rechte und Gesetze dazu ver- 
banden. Solchem nach hat man mit der Uebergab geeilet und haben die öster- 
mehiflche Bevollmächtigte solches dabei bewenden lassen, ohne eme weitere 
Renuntiation von dem Churfürsten vor sich und seine Erben und Nachkonunen 
ut die vier schlesische Herzogtiiümer zu verlangen, weil sie selbsten wol ver- 
mathet, dass solches nicht ohne Ursache neue Schwierigkeiten machen und von 
dem Chorfursten nicht zu erhalten sein dürfte. 

§. 18. [Reddito Surrogate.] Und in der That sollten ja die schwiebusische 
Lande em Surrogatum von denen vier schlesischen Herzogthümem sein, obgleich 
<^ entere kaum den Namen gegen dem letztem verdienet Da nun das Haus 
Oesterreich den schwiebusdschen Kreis wieder zurücke nimmet, so ist sehr be- 
?>^ch, ans was Ursachen das Königliche Churhaus Preussen und Brandenburg 
<^ hält, dasB seine auf die vier schlesische Herzogthümer habende Gerechtsame 
in Ansehung der Nachfolger in der Chur wiederum in den vorigen Stand und 
^^^nifis geeetzet worden, besonders da bei. der angenonmienen geringen Qeld- 
^^onune das schwiebusische Land mehr des bedrohlichen Ueber&lles halben von 
<ian nbermächtigen Gegenthdl wiederum verlassen und abgetreten werden müssen, 
^ die ex pactis et prouidentia majonun herrührende Ansprüche auf die vier Herzog- 
^mner damit denen Hausverträgen als sanctioni pragmaticae entgegen getilget 
vorden wären, wdl ja Se. Churfürstl. Durchl. ihren Nachfolgern in der Chur dies- 
^11^ nichts weder vergeben können noch wollen. Und zwar nicht das erstere, 
»^ entgegenstehender Chur- und Fürstl. Brandenburgischer Hausverträge, nicht 
^ anch das letztere, wml von Sr. ChurfÜistL Durchl. ab Churfürsten keine 
^^tere Benmidation und Verzicht weder vor nch noch ihre Nachkommen auf 
^*«elhe erfolget 

i 19. [Eludierte Euiction der lichtensteinischen Forderung.] 
^)Ilte man nun auch die zu solcher Zdt mit cedierte lichtensteinische, nachhero 
^W ohnmöglich gemachte Forderung in Erwägung ziehen, als welche bei der 
■^Mehnäflchen Handlung den grossesten Theü ausmachte und andere convenable 
^ ^Wangen dabei hatte, so wird dem Hause Oesterreich aus ihren Archiven 
^ohl erinnerlich sein, dass auch diese contrahirte Summe nicht euincieret, vielmehr 


118 Die preussiBcheD Ansprüche auf Schienen. 

der ganze Contract mit vielen Ansflüchtoi deigestalt elndieret worden, daes nuut 
dafür kanm den zehenden Theil erhalten können; ohngeachtet von dem Kaiser- 
lichen Hof die völlige Euiction darüber aiudrücküch verheiasen worden, welches 
doch zu keinem Behelf an der Hauptsache, vielmehr nur zu dem Ende angefuhiet 
wird, um aller Welt vor Augen zu legen, wie vielerlei Art von Gefährdoi man 
gebrauchet, dem sogenannten Satisfiftctionstractat entgegen zu handeln und das 
Churfurstl. Haus Brandenburg in laesionem plus quam enonniaaimam, eines unsäg- 
lichen Verlustes und Schadens von Land und Leuten, auf eine in den Bechteu 
verbotene Weise zu setzen. 

§.20. [Ferdinandus L acquirieret die liegnitzischeFürstenthümer 
auf den Mannsstamm. Mithin treten jetzo die Churbrandenbur- 
gischen Bechte wieder an den Tag.] Und noch ausser diesem allen inid 
sich auch bei dem Ausgang des österreichischen Mannsstammes der wienerische 
Hof dieses zu Gemüthe fuhren, dass die Herzogthümer und Fürstenthumer Jagen- 
dorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau von keiner andern Erb- und Landesfblge oder 
B^erung, als auf das mftnnliche Geschlecht, in dem Durchl. Hause jemals ge- 
wttsst, in solcher Eigenschalt auch besonders die drei letzteren anno 1675 von dem 
glorwürdigsten K. Leopoldo eingezogen worden, folglich nunmehro der Königin 
in Hungam und Böhmen Königl. Maj. um so viel billiger finden mögen, dem 
Königlichen Churhaus Preussen und Brandenburg sdne, auf den Mannsstamm an- 
gehuldigte und anererbte, bishero aber durch Uebermacht des österreichiachai 
Mannastammes diesem Durchlauchtigsten Hause vorenthaltene Unterthanen in denen 
obgemeldeten vier Fürstenthümem um so viel weniger Iftnger vorzuenthalten. In 
mehreren Erwägungen, dass, wie die Churbrandenbuxgische Erbverbrudemng, so- 
dann auch das Jfigemdorfische Successionsrecht allzeit nur auf den blossen MallD^ 
stamm gegangen, auch jetzo denen Unterthanen der vier obgedachten Fürstenthumer 
nicht anzumuthen sein werde, mit abermaliger Vorbeigehung ihres bereits schon 
vor so vielen Jahren von ihnen erbgehuldigten Churfurstl. Brandenbuigiachen 
Mannsstammes sich an weibliche Nachkonunen verweisen zu lassen. 

§. 21. [Andenken davon 1) in dem schlesischen Wappen, 2) der 
Kanzeleiformel im TiteL] Das Churfurstliche Haus Brandenburg hat auch 
zur Erhaltung dieses rechtlichen Andenkens nicht allein das W^pen von Schlesicii 
überhaupt an unverrücktem Ort und Stelle beständig beibehalten, sondern auch 
als man in der Kanzelei den gewöhnlichen Titel mit Auslassung Schwiebus fassen 
müssen, ist die Formel wie auch in Schlesien und Crossen zum Andenken nicht 
minder deswegen geblieben, damit das Recht auf die vier schlesische Herzogthümer 
zu keiner Zeit in einige Vergessenheit kommen möchte. 

§. 22. [Hoffnung zu dem Seinigen zu gelangen.] Solchem nach um 
so viel weniger Jemand irren mag, wann dieses klare und offenbare Recht anjetio 
wiederum an das Licht tritt und die Hofihung anscheinet, es werde das Durch* 
lauchtigste Haus Oesterreich sich nun equitablcr finden lassen, die unrichtige Wege, 
in welchen man das ehemalige Churfurstliche und jetzo Königliche Haus Preuse«n 
und Brandenburg herumgcführet, erkennen und ihme nunmehro das Eigenthnm 
seiner V&ter und Vorfahren wiederum angedeihen lassen« 

§. 23. [Bei geendigter Uebermacht Erhaltung des Rechtes.] Das 
Königliche Churhaus Preussen und Brandenburg suchet jetzo nur sein Recht im 
Frieden zu erlangen, welches ihm die Uebennacht des grossem Gr^genthdb »> 
lange Zeit vorenthalten, auch bis dahin gegen dem glorwürdigsten österreichischen 
Hause und Kaiserthum kein anderes Mittel vorhanden gewesen als Geduld zu haben 
und die Ausführung dieser Sache einer andern Zeit zu überlassen. 


Bechtsgegründetes Eigenthum, 1740. 119 

§. 24. [SchlnsB und Anssetzung anderer dem Königl. Churhause 
zukommenden Gerechtsame.] Doch es mag vor der Hand dieses genug 
sdn. Sollte es za einem ferneren Gegensprach kommen, so würde man genöthiget 
weiden, vieles ex archuis zu entdecken, was man yoijetzo noch verborgen halten 
inll, am aach der Gkbdne derjenigen zu schonen, welche sich gegen dem Chur- 
förstliehen Hause Brandenburg in diesen schlesischen Angelegenheiten unverant- 
voitlicher Gefihrde bedienet und in denselben nicht ai^ das kundbare Recht, 
soDdcrn allein die Uebermacht des österreichischen Kaiserstuhls gesehen haben, 
wohl wissend, daas das Churfurstliche Haus Brandenburg gegen demselben allzu- 
schwaeh und der zeitigen DuichlauchtigBten Churfursten patriotisches Herz för den 
Kaiser und das teutsche Reich allzu treu, gut und redlich gewesen, dass sie lieber 
bd ihrem klaren und offenbaren Recht sich mit Geduld fassen und in die Zeit 
^hen, als sich schärferer Mittel bedienen wollen oder können. Aber eben diese 
Nachsicht und Geduld machte die österreichischen Bedienten treister und un- 
gescheaeter in obbesagten Stücken, in That und Wahrheit solcher zu missbranchen. 
Es moss und wird sich sodann finden, dass das Durchlauchtigste Haus Oesterreich 
mh dem Gharfürstlichen Haus Brandenburg Verträge gemachet und dabei der 
Chorbrandenburgischen Hülfe gegen seine Feinde redlich genossen, selbige aber 
nachhero zu keiner Erfüllung gebracht und die in Vernunft und Gesetzen ge- 
gründete Wahrheit nicht bedacht habe, dass zur Festhaltung eines Vertrages beide 
rerhnnden und dafem der eine Theil davon abweiche, auch der andere sodann 
davon befireiet werde. 

§.25. [Anzeige davon.] Die ehemalige Churfarstliche Brandenburgische 
Gevollmächtigte Bediente haben dieserwegen zu Wien zahlreiche Register dem 
'»terreichischen Ministerio voigeleget; und zwar: 1) Von vielen wichtigen Ver- 
beissongen, die nicht erfallet; sodann 2) von grossen und an Millionen anlaufen- 
den Summen, die nicht bezahlet worden; ja 3) von entzogenen und vorenthaltenen 
Landen and Leaten, dazu man niemals wieder gelangen können. Es finden sich 
noch in alten Titulaturen der Markgrafen zu Brandenbuig die Titel als Fürsten 
za Oppeln und Batibor, die der Kaiser Garolus V. ihnen selbsten gegeben, so sind 
auch anf Sagan und Münsterberg Verträge vorhanden; welches alles man lieber 
ZQ kmiiliger Untersuchung ausgesetzet sein lassen will, als vorjetzo den Schluss 
dieser vorläufigen rechtesg^ründeten Befugniss des Königl. Ghurhauses Preussen 
ond Brandenburg auf die vier schlesischen Herzogthümer und Fürstenthümer 
Jügemdorf^ Liegnitz, Brieg und Wohlau länger aufinihalten. 


XV. 

Nähere Ansfälirimg 
Des in denen natürlichen nnd Eeichs- 
ßechten | gegründeten | £igenthmns | Deü | KönigL 
Chur- Hauses | Preussen nnd Brandenburg | auf 
die I Schlesische Herzogthümer | Jägemdorff, 
LiegnitZ; | Brieg, Wohlau, etc* | nnd zugehörige 

Herrschaften. 1 1740. 


XXXn pp. 4* — Berliner Originaldmck — Geh. St-A. 
Ein Nachdmck, 24 pp. 4% Bibl. zu Ffiistenstein*). 


?5xye ministre d!itat de Cocc^i, lässt der König am 6, Februar fl«5 
Buppin an Podemls schreiben, m^ayant envayi la ctjointe tdUrieure 
didudum de mes pritentions sur une grande pariie de la SilSsie^je 
Tai tratwä solide et propre pour amuser le public, prmdpaXement en 
ÄUemagne^ en HoUande, et partout oä Tesprit des d&nonstraiions juridi- 
ques rkgne. (Test pourguoi vous amrez soin de la faire imprüner en 
aUemand et en frangois, k plutöt qu'il sera possible.^^ 

Am 8, Februar bat sich der Verfasser von Podewüs noch eintgf 
Aden über den Bevers von 1686 und die BetradiUon des Schmebuser 
Kreises von 1695 aus, am 16, schickte er dem Minister den Schluss 
seiner Arbeit zu"**). Den Druck besorgte die Hofbuchdruckerei; cm 

*) Einen B^gensbuiger Nachdruck erwähnt Pollmanns Bericht vom 13. Man- 

**) In dem Begleitschreiben sagt Cocceji: ,,Je suis bien oblig6 4 V. £x<^'« 

mais je la supplie trte-humblement de ne &ire plus de mention du vojage de 

Francfort: j'en suis si d6gout^ qne je n'y voudrois pas aller mdme si le roi voolüt 


Nfth. Ausfuhnuig des in denen Rechten gegrönd. Eigenthums. 1740. 121 

Z4. B'ebtwir gelangte die Schrifi in Berlin tfur Vertheüung und am 25. 
sie an die Gesandtschaften verschickt. 


Deduetion | Ulterieure, \ Dans La Quelle On Prau/ve \ Par \ Le 
Droit Natuirel \ Et Par \ Les ConsUtutions De L' Empire, \ Que 
Les DuchSs \ De Jaegemdorf, lAegnitZy \ Brieg, Wohläu \ <& &{ 
Et Autres Seigneuries , \ Appartiennent \ En Iksre Proprieti 
\A La Maison Boyale de Ptusse \ Et Electoraie De \ Bran- 
denbourg \ 1740. 

XLIV pp. 4^^. — Berliner Originaldmck — Geh. St-A. 

Das Geh. Staatsarchiv bewahrt ewei Entwürfe dieser Ueberseteung 
der y^diheren Ausftüwwng^^ den einen von der Hand des Ministers 
C. TV. V. Borcke^ mit Correcturen von Podewüs und von Coccgi, den 
andern, der für die VeröffefUUchung den Vorzug erhielt, von dem Hof- 
rath Setlenäny gleichfalls mit Abänderungen von Coccqi. 

Ausgegeben wurde die Ueberseteung am 8. April. 

Abgedruckt'. Schles. Kriegs fama lU, 31, und, ohne die ein- 
leitenden Paragraphen, Bousset^ Becueil hist. XV, 215. 


A farlher account of the property which Hhe royal brandenb. 
daims in the Silesian dutchies of Jaegemdorf , Brieg^ Wohlau 
etc., as fhe same is founded on the laws of tuxture and of the 
Empire. London. 8^. ^Vs Bogen. 
Verzeichnet: Holzschuher und Siebenhees, Deductionsbibliothek 

m, 1581. 

wfxßftder tont ce qui nous avons demandö. Toute la grftce que je demande k 
V. £. e^est d'oter raigreiir de Tesprit du maitre, qu'il paroit avoir contre moi, 
en Ini insinuant que je lui pourrois §tre utile en cas qu'il faudroit r^pondre 
anx manifestes de rÄutriche, ayant ramass^ ddjä pour cet effet tous les 
materianx: eUe pourra trouver Toccasion en lui parlant de la nouvelle dMuction 
qae je viens d'envoyer k V. E.^ Cocceji will noch am Abend dem Könige die 
Arbeit übersenden afin de cahner un peu Torage. Trendelenburg, Friedrich 
d. Gr. und sein Grosskanzler Cocceji a. a. 0. S. 17 spricht mit Berufung auf diesen 
Brief von einer Entfremdung und Kälte, die der König im Anfang seiner Regie- 
rung gegen Gocc^i gezeigt habe. Es handelt sich indess nur um eine augen- 
blickliche Verstimmung. Der König hatte Gotter und Coccgi zu Botschaftern für 
die bevorstehende Kaiserwahl ernannt Als sie am 12. Febr. um Erhöhung des 
ihnen zngemessnen Gkhalts baten, erfolgte der ungnädige Bescheid (Potsdam 14. Febr.) 
^eh gebe nicht mehr, wenn sie nicht wollen, so sollen sie in Berlin bleiben. Der 
CHMntalhneister v. Schwerin und der Etatsministre v. Broich sollen an ihrer Stelle 
hm-*» (Vai^. auch A Beck, Gust Ad. v. Gotter, Gotha 1867, S. 59, 60.) Unter 
dem enten Eindrucke dieses Bescheides ist der obige Brief geschrieben. 


X22 ^^ preusedflchen Ansprüche auf Schienen. 

Nähere Ausführung des in denen natürlichen 

und Reichsrechten gegründeten Eigenthums des 

königL Churhauses Preussen und Brandenburg auf die 

BchleBiBcheHerzogthümer Jägerndorfy Liegnitz^ Brieg, 

Wohlau etc. und zugehörige Herrschaften. 

1740. 

§. 1. Man hat die Gerechtsame des königlichen Churhauses Brandenboig dnicli 
eine vorl&ofige Deduction unter der Rahrik: 

Rechtsgegründetes Eigenihmn auf die Herzogthümer und Ffiratenthümer 
Jägemdorf, Brieg, Wohlau etc. 
aus denen Originaldocumenten so deutlich der Welt vor Augen geleget, dass man 
versichert sein kann, dass dieselbe auch durch die subtileste Chicane nicht in Zweifel 
gesogen, vielweniger angefochten werden können. 

Man hat insbesondere gezeiget, dass die Verträge de anno 1686 und 1694 (in 
deren ersterem der Ghurfurst Friderich Wilhelm auf diese vier Herzogthümer 
renunderet), wider die pacta &miliae laufen, und dass überdem in specie der (jtw- 
fürst Friderich zu dem letzteren durch ganz unerlaubte Intrigues inducieret worden. 

§. 2. Damit aber Seiner Königl. Majestät Gerechtsame in ein noch grÖBseres 
Licht gesetzet werden mögen, so hat man nöthig erachtet, auch aus denen natür- 
lichen und Reichsrechten sowohl das E%enthiun auf das Herzogthum Jägendoif 
als die Validit&t der Erbverbrfldemng und die Nullit&t der Benuntiation noch 
weiter zu behaupten. 

Capitel I. 
Des königlichenHauses Gerechtsame, dasHerzogthum J&gerndorf 

betreffend. 

§. 8. Was nun anfänglich das Herzogthum Jägemdorf anbetriflft, ito hat difl 
Krön Böhmen die Jura des königlichen Churhauses niemals angefochten, sonder^ 
vielmehr geschehen lassen, dass der damalige Ghurfurst Joachim solches nachAb» 
gang des Jägemdorfischen Stammes in Possesion genonmien, sich huldigen lassen 
und dasselbe seinem zweiten Sohn zu seinem Unterhalt eingeräumet hat, wdcho 
auch solches Herzogthum ruhig besessen und lange Zeit allda r^eret, bis a 
endlich in die fatale böhmische Unruhe verwickelt, in die Acht erkläret und seil 
Land confiscieret worden*). 

§. 4. Nachdem nun der Herzog zu Jägemdorf und sein Stamm verstorben 
einfolglich dieses Herzogthum denen Ghurfnrsten von Brandenburg als Agnati^ 
welche an dem prätendierten Crimino des Herzogs keine Schuld g^bt, an- 
gefisdlen: so haben sie um die Restitution dieses Herzogthums zwar öften an« 
gehalten, aber wegen Präpotenz des Erzhauses Oesterreich nie darzu gelangen 
können. 

§. 5. Welches desto unverantwortlicher ist, weil ja diese Agnati ihr Successions 
recht nicht von dem Herzog, sondern von ihren Vorfahren, denen ersten Contrt' 
heuten haben, welches ihnen durch des Herzogs Uebelthat nicht hat entsogea 
werden können. 

*) vid. de Deduct Cap. 1. 


Nih. Ansföhriiiig des in denen Rechten gegrond. Eigenthums. 1740. 123 

§. 6. Es ist eine in der Natur gegründete R^el, dass niemand wegen eines 
Ändern IGssethat gestraft werden könne, weil die Fanten personell sein, welches 
der bekannte Grotius'*) mit soliden aus der |Vemanft hergeleiteten rationibus und 
aller Völker Beisämmnng aosgefuhret und in specie auf das crimen laesae Majestatis 
applideret hat 

§. 7. Die Reichsgesetze declarieren ausdrücklich, 

dass, wann jemand in die Acht erkläret wird, diese Acht NB. denen 
Lehnserben an ihrem Lehn und sonst männiglich an seinen Gerechtig- 
keiten nicht schaden solle**), 
ond restrin^eren daher die Gonfiscation der Güter NB. blos auf des Aechters 
Leben. 

§.8. Es ist also ganz unverantwortlich, dass die Krön Böhmen dem könig- 
lichen Ghurhanse nach anno 1642 erfolgtem Abgang der proscribierten Familie 
dieses Herzogthum vorentiialten und sich bis auf diese Zeiten durch ihre Gewalt 
md Prftpotenz dabei conservieret hat; dahero gedachtem Churhause nicht zu ver- 
denken, dass sellnges, da ihm Gk>tt die Mittel und Gelegenheit an die Hand giebt, 
sein Recht zu vindideren suchet 

Capitel U. 

Von denen Gerechtsamen des königlichen Churhauses auf die drei 
»chlesische Herzogthümer Liegnitz, Brieg, Wohlau und andere 
Herrschaften etc. und von der Gültigkeit der darüber errichteten 

Erbverbrüderung. 

$. 9. Man hat in der vorigen Deduction die Jura des königl. Churhauses auf 
diese drei schlesische Herzogthümer etc. aus der zwischen dem ChurfärBten zu 
Brandenburg Joachimo und dem Herzog zu Liegnitz etc. Friderich anno 1587 er- 
licbteten Erbverbrüderung zur Gnüge gezdget; es kommt also hauptsächlich 
danmfan, ob der Herzog befugt gewesen, dergleichen Erbverbrüderungen zu machen 
imd von seiucm Land, en faveur des Churhaus Brandenburg, welches zugleich ein 
Vasall von der Krön Böhmen war, zu disponieren. 

§. 10. Nun kann hierüber kein vernünftiger Zwdfel walten, wann man be- 
trachtet 1) dass diese Herzoge von ihrem ersten Ursprung her freie Fürsten ge- 
wesen, wdche ihren Antheil Landes mit aller Hohdt proprio jure besessen und 
N*B. erblich inne gehabt haben; 2) dass diese firde Fürsten ihr dgen Land mit 
der anklebenden Hohdt aus frdem und ungezwungenen Willen der Krön Böhmen 
ta Lehn offerieret und sich alle von ihren Vorfahren erhaltene Rechte und Frd- 
heiten vorbdialten, auch daher jederzdt nach ihrem Gefallen von ihren Herzog- 
thömera disponieret haben; 3) dass insbesondere die Herzogen zu Liegnitz bd der 
freiwilligen Lehnsoblation nicht allein in genere sich alle Jura, sondern auch in 
^T^e ÜEU^tatem alienandi dch vorbehalten und daher ihre Herzogthümer der 
i^ Böhmen nicht anders als NB. zu rechtem Erblehn offerieret haben; 4) dass 
(üe Könige von Böhmen diese Frdhdt nach Gefallen von denen Herzogthümem 
za di^oieren und solche zu veraussem, vielfältig agnosderet, auch facultatem 
testandi verstattet haben; und dass also 5) diese Erbverbrüderung nach allen gött- 
licben und weltlichen Rechten gelten müsse, welches nunmehro aus der Historie 
^ ans denen natürlichen und Reichsrechten ausgeführet werden soll. 

•) Grot de jur. Bdl. et Pac. 1. 2, C. 21, §. 12 seq. 
**) Ei^lftr« des Landfr. de anno 1522, tit 22. 


124 ^^ preasaiBchen Ansprüche auf Schlesien. 

§. IL Alle polnische und schlesische Scribenten kommen 1) darinnen über- 
ein, dasB, nachdem Polen und Schlesien lange Zeit unter einem Gkossfuisten ge- 
standen, endlich zwischen denen beiden Brüdern, dem Uladislao IL und Boleslao TV. 
anno drciter 1141 ein Krieg entstanden, welcher vor dem filtern Bruder dergestalt 
unglücklich ausgefallen, dass er das Reich räumen müssen und im Ezilio gestorbeo 
ist Nach dessen Tod haben sich dessen drei Söhne deigestalt mit don BolesUo 
verglichen, dass dieser Polen behalten, 

die drei Prinzen aber das Land Schlesien erblich und mit aller Souveränität 
behalten sollte;i*). 

Es haben die böhmische Könige diesen Statum derer schleeischen Ffirsten 
selber anerkannt, gestalten dann Uladislaus anno 1505 bei der Investitar Tder 
schlesischen Fürsten diesen alle ihre Bechte und Frdheiten dergestalt confirmirte, 
^ Inunassen der schlesischen Fürsten Vorfohren, ehe dann sie an die Krön Böh- 

men kommen und als freie Fürsten des Reichs, geübt und gehalten haben**). 

Wann also 2) diese schlesische Herzoge freie Fürsten gewesen, welche ihre 
Länder nebst der daran klebenden Hoheit erblich besessen***), so folget noth- 
wendig, dass sie mit Einwilligung ihrer Stände davon nach G«£Eillen haben dispo- 
nieren können, weil sie unter keiner Botmässigkeit standen und also keines andern 
Consens nöthig hatten, welches dadurch ausser allen Zweifel gesetzet wird, weil 
sie sich ja der Krön Böhmen unterworfen, einfolglich ihr Land auf gewisse Masse 
veräussert haben, welches nicht hätte geschehen können, wann sie nicht freie 
Fürsten gewesen wären und diese ihre Erbfurstenthümer hätten veränssem können. 

Dieses ist gewiss, dass die schlesische Herzoge schon zu der Zeit durch Erb- 
verbrüderungen, auch mit denen Königen von Böhmen selbst, über ihre Herzog- 
thümer disponiert haben, allermassen Premislaus Ottocarus König von Böhmen mit 
dem Herzog Henrico IV. wegen der Grafschaft Glatz und Herzogthum Breslau »ch 
anno 1278 dergestalt vereiniget hatf). 

§. 12. Es kommt also 3) auf die Frage an, ob diese Herzoge, nachdem sie 
ihre Herzogthümer, um nicht unter die polnische Regierung zu fEdlenft)» dem 
böhmischen König Johann gutwillig zu Lehn offerieret, etwas an ihrer Hoheit 
Erblichkeit und insonderheit an der alten Freiheit von ihren Herzogthümem zu 
disponieren und solche zu veräussem etc. verloren haben. 

Nun ist wohl vemünfdger Weise nicht zu vermuthen, dass freie Fürsten, welche 
ihre Herzogthümer mit aller Hoheit erblich besessen, sich ohne Noth (nachdem- 
malen sie sich gutwillig und ohne Zwang der Krön Böhmen unterworfen) ihrer 
alten Rechte und Freiheiten begeben haben sollten; das Gregentheil erhellet viel- 
mehr aus denen fbrmulis subjectionis, vermöge deren diese Herzoge ihre eigene 
Länder nicht anders als mit allen Rechten und Freiheiten, welche sie von ihren 
Vorfeihren gehabt, zu Lehn genonunen haben, am meisten aber aus denen actibiu 
superioritatis, welche die Herzoge nach der Vereinigung mit Böhmen exercieret 
haben und die von dem gelehrten Luc«e weitläufig angeführt worden, wobd er in 
specie das jus alienandi durch Anfuhrung verschiedener Ezempel bestätiget fft)* 

*) Lucse Chron. pa^. 68, 69. Schikfus Schles. Ghron. L. I, c 18 et c 19. 
Münster Fol. 1240, Henel. Silesiogr. c. 2, pag. 164 seq. 
•*) Lucas Chron. pag. 93. 

♦♦*) Von der Hoheit der Schlesischen Fürsten vid. Luc» Ghron. Fol. 1657. 
t) Luc» Cron. Fol. 1666 et 1297. 

tt) Vid. Luc» Chron. pag. 481, c. 4. Henel. Silesiogr. c. 8, pag. 809, 810, 
811. Schikfus Schles. Chron. L. I, c. 27, 28 et 29 et 1. 2, c. 1, pair. 2. Ducrloas. 
Hist Pol. 1. 9, nag. 992. 

ttt) Luc» Chron. pag. 91, 92 et 97. 


Näh. Ansfuhruiig des in denen Rechten gegrönd« Eigenthums. 1740. 125 

§. 13. Was nun 4) insbesondere die Herzoge zu Liegnitz, Brieg, Wohlan etc. 
anbetrifit, so ist ohnstreitig, dass diese sich bloss unter gewisser Condition der 
Krön Böhmen unterworfen haben*); dann in dem mit dem Herzog Bogislay anno 
1^ emchteten Vertrag bekennet der böhmische König Johannes: 

dass er ihm etc. sein eigen Land, das er ihm mit Willen und unge- 
zwungen aufgegeben, verliehen habe zu einem rechten Erblehen: Lieg- 
nitz, Brieg etc. mit allen Rechten, Freiheiten und Nutzen, als sie von 
Alters und ihren Eltern an ihn gekommen. 
Er verspricht und gelobet zugleich, denselben zu lassen und zu behalten, 

bei allen seinen Rechten und bd aller Freiheit, in welcher Weise das 
an ihi) kommen und bracht ist von seinen Vorfahresa**). 
§. 14. Ifieraus erhellet nun 5) offenbar, dass die Könige von Böhmen kein 
Recht auf diese Herzogthümer erhalten, als mit Vorbehalt aller Rechten und Frei- 
heiten, welche von ihren Vorfahren auf sie ver&Uen sein, und also auch mit dem 
jnre alienandi, welches sie als fireie Fürsten vorher gehabt haben. 

§. 15. Damit aber 6) ratione juris disponendi ja kein Zweifel übrig bleiben 
mochte, so hat der König zum Ueberfluss die qualitatem feudi alienabilis***) bei- 
gefügt, nämlich dass er diese Fürstenthümer dem Herzog als ein rechtes Erblehen 
miückgebe. 

Nun ist aber aus der Natur der rechten Erblehne bekannt, dass der Vasallus 
nach seinen Ge&llen absque consensu Domini davon disponieren und solche (salvo 
jore feudi) alienieren könnet)» 

§. 16. Die Könige von Böhmen haben 7) diese facultatem alienandi viel- 
^tig agnoflcieret; dann nachdem die Herzoge um Vergunst anhielten, auch per 
altimas voluntates von diesen Herzogthümem zu disponieren, so haben gedachte 
Könige solches anno 1511, 1522 und anno 1524 (mithin zu dreien verschiedenen 
Malen) aus dieser Ursach accordieret, 

weil der Herzog sonst vermöge der Lehensauftragung sein Land und 

Leute bei seinem Leben, eines Theils oder gar, verkaufen, versetzen und 

vergeben magtt)* 

§. 17. Wobei 8) wohl zu remarquieren ist, dass auch nach diesen Concessio- 

nm der König Ferdinand, (welcher die von dem Herzog errichtete Elrbverbrüderung 

<^assieret hat) anno 1529 selbst alle des Herzogs Privilegia NB. über seine Lande 

(md Laite bestätiget habe mit diesen Formalien 

alle Privilegia, Herrlichkeiten, Freiheiten, Gerechtigkeiten etc., NB. damit 
er und sein Land und Leute vormals von Unsem Vorfahren begnadiget 
worden, wie sie Namen haben mögen, als wären sie von Wort zu Wort 
klarlich hierin begriffen und ausgedruckt, auch in aller Maass er und 
seine Vorfahren dieselbe bishero gebraucht und genossen fft)* 

*) Lucae Chron. pari 5, pag. 1657. 

••) Vid. Deduct 
••*) Vid. Lynker Resp. 76, n. 18. Rhetz. Comm. jur. feud. p. 844. 

t) Lynker. dd. loc. et Resp. 132, n. 5. Resp. 506. Zigler Dec. 25. Besol- 
«iüs voc Erblehen pag. 288, 289, 241. — [In der frangösischm üehersetzum, D^- 
fweeion uUerieure, ist cm dieser SuMe ein Excwrs Ober das Wesen der MrUehm 
^*"9odio2Mi, er eiftte^pfuM der SUHk a>. II, §1, der Beantwortung der lÄcten- 
f^iiigen Gegeninformation j No. Xvl dieser Sammlung: „Unter diese nc^as 
^octerMcos feudi meri heridüarü aber werden gerechnä etc.'* Änm. d. HerausgJ 

tt) vid. Deduct 

tu") vid. Deduct 


126 ^^ preiiarifldien An^rache «uf ScUesieo. 

$. 18. Was kann mm 9) bei diesen ümstindcn wohl vor ein vernönftiger 
Zweifel fibrig bleiben, ob der Henog m liegniti befogt gewesen, seine Herzog- 
thomer dnzch eine Erbverbrüdenmg auf das Ghmbans ftandenboig m tnms- 
ferieren, da derselbe 1) von seinem eigenen Land ond erblichen Götem disponierte, 
welche er 2) von der Kion Böhmen als ein rechtes Eiblehen, mid also 3) cum 
reservatione facoltatis alienandi offerieret hatte, ond da 4) die Könige von Böhmeo 
selbst diese fiicnltatem alienandi so vielfiUtig agnoadert haben. 

f. 19. Es kann hiebei 10) am so weniger einiger Zweifel stattfinden, da denen 
Rechten der Kion Böhmen im geringsten nicht dadurch pr&jndicieret worden, 
weil derselben alle ihre jnra (nämlich fidelitatis, servitiormn, apertorae in casnm 
deficientis abeqne dispositione, ÜBmiliae etc.) ansdiücUich in der Elibverbrädenmg 
vorbehalten waren; vielmehr kann mit Wahrheit gesaget werden, daas die Macht 
der Krön Böhmen dadurch vermehret worden, weil das Chmhaos Brandenbaig 
seine importante böhmische Lehne mit denen liegnitnschen combinierte*). 

§. 20. Da mm also 11) diese Güter nach wie vor der Krön Böhmen in- 
corporiert geblieben, so kann man mit aller Vernunft nicht begreifen, was die 
Krön Böhmen sich vor ein jus contradicendi gegen diese Erbverbrüdenmg habe 
anmassen können. 

§. 21. Am wenigsten aber kann man 12) begrdfen, qua consdentia die 
snbomierte Stände des Königreichs Böhmen in ihrem Libello vorgeben, und der 
König in der Sententia cassatoria*'^) behaupten können, 

dass die Erbverbrüdenmg und Erbhuldignng wider der Krön Böhmen 
und derselben alt erlangte Freiheiten, Rechten, G^rechtigkdten, Ver- 
träge, Satzungen, Vereinigungen, Einleitungen, erlangtes Eigenthum laufe 
und der Krön Böhmen Aufiiehmen, darzu dem gemeinen Nutzen höchst 
schädlich und deshalb an ihm selbst unkräflig und nichtig sei. 
Nun acceptieret man zwar hieraus utilissime der Krön Böhmen eigenes GreständnisB. 
dass alle Handlungen, welche gegen die Verträge, Vereinigungen und erlangtes 
Eigenthum laufen, auch zum Schaden des Landes gereichen, null und nichtig sein. 
(weil eben aus diesem Principio hauptsächlich die beide Verträge de anno 1686 ond 
1695 als unkräftig und nichtig gehalten werden müssen): 

Wie ungereimt aber diese Principia auf diese &bverbrüdemng applicieret 
weiden, erhellet aus dem Vorhergehenden, all wo gezeigt worden, dass die Krön 
Böhmen niemals kein ander Recht auf diese Güter gehabt, als welches alle Do- 
mini directi auf rechte Erblehen haben, dass dergleichen Vasalli ihre Erblehen- 
güter pro lubitu, absque consensu Domini veräussem können, dass diese facultas 
alienandi in dem Lehnbrief und nachherigen Confessionen der Könige von Böhmen 
selbst fundiert sei, daas endlich der Krön Böhmen ihrem Aufiiehmen nicht g^ 
schadet werde, weil dieselbe ihre vorige jura überall beibehalten hat, und diese 
Herzogthümer auf der Krön incorporiert bleiben sollten. 

Wann aber auch 13) diese Herzogthümer keine rechte Erblehen wären, i^ 
wann auch die facultas alienandi in dem Lehnbrief selbst nicht enthalten wäre, so 
kann doch nicht geleugnet werden, dass der König Ludwig dem Henog einen 
Generalconsens dahin ertheilet habe, 

dass er alle seine Städte, Land und Leute mit aller ihrer Obrigkeit etc^ 
eines Theils oder gar, auf dem Todbette oder in Testamentsweise wie 

*) Schikfus d. 1. 1. 2, c. 1, pag. 2 in fin. 
*♦) Vid. Deduct. 


NäL Ansfahrang des in denen Rechten gegründ. Eigenthums. 1740. 127 

er oder seine Erben am besten zu Bath worden, vergeben, verkaufen, 
versetzen, verschaffen und verwechseln möge, wem er will*). 

Nun ist aber bekannt, dass alle Lehen in der Welt consensu Domini et 
Agnatoram auf einen andern mit Vorbehalt des Liehensrechts transferieret werden 
kooneiL Und da solches bei denen feudis, welche ex beneficio domini directi her- 
rühren, statt hat, so kann ja keine vernünftige Ursache gegeben werden, warum 
^Iches nicht viel mehr in feudis oblatis geschehen könne. 

§. 23. Im Uebrigen erheilet 14) aus der Historie dieser schlesischen Herzog- 
thämer, dass diese von ihrem ersten Ursprung an von einer Familie auf die andere 
lioTch Kaofcontracte, Ehestiftungen, testamentarische Dispositionen, Erbverbrü- 
derangen etc. gekommen, am wenigsten aber die St&nde darüber wären befragt 
worden ••). 

Ja es sein bis auf diese Stunde noch verschiedene Fürstenthümer in der 
Fönten von Lichtenstein, Auerq>erg und Lobkowitz Händen***), welche ihnen 
theils kau£sweise, theiLs alio titulo, ohne Consens der St&nde verschrieben aem: 
eortiaaimo indicio, dass diese Herzogthümer von Anfang her und ihrer Natur nach 
alienable gewesen sein. 

$. 24. Man hat 15) die wahre Ursachen der Chicane, welche die subomierte 
bobmisehe Stande wider alle Bechte, ja wider alle Vernunft auf das tapis bringen 
müssen, in der Deduction selbst schon eröffiiet und zugleich gezeiget, dass die 
dieserwegen von dem König Ferdinand ertheUte sententia cassatoria contra jura 
natome et imperii laufe, dass sie ex falsa causa, in causa propria, non dtata domo 
Brandenbuigica, ertheilet, einfolgUch ipso jure null und nichtig sei. 


Capitel m. 
Von der Ungültigkeit derer Verträge de anno 1686 und 1695. 

§. 25. Nachdem man nunmehro die Gerechtsame des Churhauses Brandenburg 
sof die vorhergemeldte vier Herzogthümer etc. aus der Historie und aus denen 
natörlichen und Reichsgesetzen auf einen ganz unwidersprechlichen Grrund gesetzet, 
w wird nöthig sein, aus eben diesen Gesetzen die Nullität der Verträge de- anno 
1686 und 1695 etwas näher zu zeigen. 

§. 26. Man ist 1) nicht in Abrede, dass der Churfurst Friderich Wilhelm durch 
«men anno 1686 errichteten Satisfoctionstractat sich mit dem Hause Oesterrdch 
vog^chen und vor diese vier importante Herzogthümer ein geringes Stück Landes 
<ien schwiebnsischen Kreis genannt, nebst einer weit über eine Million sich be- 
tngeode lichtensteinschen Foderung (worüber die Eviction versprochen worden), 
angenommen, auch darauf allen seinen Anfoderongen an diese vier Herzogthümer 
rcnoDciert habe. Man ist auch 2) nicht in Abrede, dass der Churfurst Friderich 
<ier dritte anno 1695 auch dieses Aequivalent dem Hause Oesterreich gegen einige 
geringe prästationes wieder zurück gegeben habe. 

§. 27. Es soll aber nunmehro 3) gezeiget werden, dass der Vertrag de anno 

und die darin enthaltene Benuntiation, wann sie auch schon den Gontrahenten 
selber binden könnte, dennoch ratione der Successoren weder nach denen natür- 
lichea noch nach denen Beichagesetzen bestehen könne: a) weil die liegnitzische 


^ Vid. Deduct 


,, , Vid. Henel. Silemogr. c 8, pag. 238, 234, 289, 292, 296, 329. Luc» chron. 
foU666 et foL 753 etc. 

•♦♦) Vid. Henel. c. 8, pag. 222, 766, 996, 1001, 1682. 


128 ^® preuflsiBchen Ansprüche auf Schlesien. 

and übrige Landstande m diese Verftossening nicht consentieret, b) weil deoeo 
Nachfolgern durch dergleichen Benonciationen ihr jns soccedendi nicht entzogen 
werden kann, c) weil der Tractat de anno 1686 von Seiten des kaiserlichen Hofes 
ein simuliertes Negotium ist, und also nach denen Rechten nicht bestehen, ja den 
Ohurfursten selber nicht binden kann, . d) weil Se. DurchL und das Chuifaaiis 
enormissime dadurch laedieret worden, e) wdl das durchlauchtigste Erzluuis 
Oesterreich seinerseits den Tractat nicht adimplieret hat etc. 

Und wann also f) der Haupttractat wegfi&llt, so folget von selbsten, dass ge- 
dachtes Erzhaufl aus dem zweiten Tractat de anno 1695, welcher sich auf den 
vorigen gründet, kein Becht erhalten habe. 

§. 28. Dann ist es 4) eine in der Vernunft gegründete Regel, dass kein Be- 
gente die ihm anvertrauete LSnder ohne Consens und Einwilligung derer Stinde 
alienieren, und dieselbe einer andern Herrschaft überlassen könne*). 

Da nun 5) aus denen in der Deduction angefahrten Documenten erhellet, dasa 
nicht allein der Herzog zu Liegnitz, sondern auch NB. die sSmmtUche Stände 
dieser Herzogthümer, dem Churhause Brandenburg ans besonderem Vertraaen 
durch eine wirkliche Erbhuldigung diese Länder übertragen und sich dessen und 
keines Anderen Herrschaft unterworfen haben, so folget aus denen natürlichen 
Rechten, dass die Herrschaft dieser Herzogthümer, NB. ohne der Stände Be- 
wUligung, keiner andern Puissance hat überlassen oder cedieret werden können**). 

§. 29. Es besagen femer und 6) die natürliche und allgemeine Völkerrechte, 
dass, wann aus der Disposition zweier Begenten einer fürstlichen Familie Land nnd 
Leute nebst der Begierung und Hoheit angetragen werden, kdner von dieser Fa- 
milie die Länder alienieren oder der Succession zum Priyudiz seiner Nachfolger re- 
nuncieren können, weil ein jeder Successor sein Successionsrecht nicht von seinem 
Vater, sondern von denen ersten Contrahenten hat, welches ihm durch die Re- 
nunciation des Besitzers nicht entzogen werden kann, weil der Besitzer von emcm 
fremden Becht disponieren würde***). 

§. 30. Diese ratio wird 7) auch in denen römischen Gesetzen, welche mehren- 
theils sich in der natürlichen Vernunft gründen, festgesetzet, denn wenn jemand 
ein fideicommissum familiae alienieret oder sich dessen per delictum unwürdig 
machet, so kann dessen Sohn und Erbe sothanes verlornes Fideicommissgat le- 
vocierenf); und wird die Ursache dabei angeföhret, dass denen Kindern die- 
jenigen Güter, welche sie nicht von ihrem Vater, sondern von ihren Vorfahren 
erhalten, facto patris nicht entzogen werden könnten, weil ihnen solche nicht der 
Vater, sondern die Vorfahren gegeben ft)« 

§. 81. Und diese Begel kann 8) von dem durchlaucht Erzhause um so viel 
weniger in Zweifel gezogen werden, weil die Krön Böhmen bei Cassation der 
Erbverbrüderung selbst zum Fundament setzet, dass alle Handlungen, welche 
wider die Verträge und Vereinigungen laufen und zu des Lands Schaden ge- 
reichen, null und nichtig seinfft). 

*} Grot 1. 2, c. 6, §. 3, 4, 6, 7, 8. ibique Zigler und L. 3, c. 20. §. 5, n. 2. 
**) Nam taUs actus, (alienationis scilicetl si regnum electione, aut successona 
lege, deferatur, nullus est: Quae autem nulla sunt, nuUum habent cfifectum jaiis. 
Grot d. c. 4, §. 10. 

♦*♦) Grot 1. 2, c. 14, §. 11 et 12. 
t) L. 67, §. 3. Legat 2. 1. 3 ff. Interdict et releg. 

tt) D. 1. 3, ibi: Quae liberis non a patre, sed a genere etc. tribuuntur, ^^ 
patris eis non auferri, non enim haec pater, sed majores ejus dederunt 
ttt) Vid. Deduct 


Näh. Aiufohiung des in denen Rechten gegründ. Eigenthums. 1740. 129 

§. 32. Wenn man nun 9) diese in der Vernunft gerundete Jura, mit dem 
Vertrag de anno 1686 zusanunenhält, so erhellet aus dem Inhalt der Erbverbrü- 
denrngf dass diese Herzogthümer von denen ersten Paciscenten (nämlich dem 
Herzog zu liegnitz und dessen Ständen an einem und dem Ghurfursten Joachim 
«Q andern Theil) allen churfurstlichen Leibes -Lehnserben, von Erben zu Erben, 
forimd für, erblich und ewiglich, übertragen worden. Gleichwie nun ein jeder 
Soccessor und Erbe des Churhauses Brandenburg aus diesem pacto et fideicom- 
muEo familiae ein jus succedendi proprium und vor seine eigene Person erhalten, 
welches er nicht von seinem Vater etc., sondern aus derer ersten Paciscenten 
WUXea aoquirieret hat, so giebt die natürliche Vemimft an die Hand, dass kein 
Besitzer seinen Eandem und Nachfolgern ihr Recht entziehen oder deren Suc- 
ceäslonsrecht renuncieren könne, dahero alle dergleichen Handlungen gleichfalls 
i{iäo jure null und nichtig sein*). 

§. 83. Da nun 10) nach denen gemeinen Völkerrechten dergleichen Renun- 
ciaöoQ in Ansehung der Successoren ungültig und unkräftig ist, so kann dieselbe 
d^oweniger gegen das Churhaus Brandenburg angefuhret werden, weil die Dis- 
p«isition dieser natürlichen Rechte von undenklichen Jahren her pacta familiae be- 
^tiget und darin .ausdrücklich pracavieret worden, 

dass keinem Besitzer der Ghur- oder fürstlichen Lande erlaubt sein solle, 

von wirklichem Land und Leuten, NB. oder auch deren Angefallen, 

etwas zu veräussem etc, und wann solches geschehe, der Nachfolger 

freie Macht haben solle, das dergestalt widerrechtlich Veräusserte wiederum 

zu vindicieren und den Besitz davon zu ergreifen, 

wie solches in dem dritten Capitel der Deduction**) an- und ausgeführet worden. 

Welches pactum familiae ohnstreitig NB. gegen das Erzhaus Oesterreich gelten 

moas, weil selbiges dieses pactum familiae in allen seinen Clausein conformieret, 

tnithin zugleich approbieret hat^ dass keine Angefalle von dem Churhause alienieret 

weiden können noch sollen. 

Weil also mit Bewilligung des ganzen Churhauses und mit Sr. Kaiserl. Ma- 
j^^tät Bewilligung und Approbation ein fideicommissum perpetuum familiae auch 
ülier die angefallenen Lander etablieret worden, so ergiebt sich von selbsten, dass 
*io jeder Successor befiigt sei, nach pactis familiae, proprio jure das Land der von 
ä^inen Vorfahren geschehenen Renunciation ohugeachtet zu vindicieren ♦••). 

§. 34. Es spricht also 11) die Krön Böhmen in der prätendierten senteutia 
<^^i«atoiia sich selber das Urtel, wenn sie darin zum Grunde setzet, dass die 
Handlungen, welche wider die Rechte, Verträge und Vereinigungen laufen und zu 
'^'"S Landes Schaden gereichen, null und nichtig sein. 

Demi es läuft die von denen churfurstlichen Ministris ohne genügsame In- 
^^nnatiott angerathene Renunciation a) offenbar wider die allgemeinen Völker- 
Qöd Rdchsrechtef), b) wider die Verträge und Vereinigungen, welche nicht allein 
primi disponentes in faveur des Churhauses Brandenburg (vid. §. 32), sondeni 
auch die Markgrafen von Brandenburg unter sich gemacht (vid. §. 33). Sie ge- 
reichet c) zum unwidersprechlichen Schaden des Churhauses, welches dadurch 
ner importante Herzogthümer ohne Noth und ohne ein billiges Aequivalent ver- 
H-ren würde etc. 


*) Orot. d. c. 14, §. 11 et 12. Dict. I. 07 et d. l. 3. 


••) Vid. Deduct 
*^) Orot. L. 2. c. 7, §. 26. 
t) Vid. Supr. §. 28 et seq. 

?Wtts8iMke 8U»tMcliri(t*n. I. 


130 ^^ preuMischen Ansprüche auf Schlesien. 

§. 35. Es würde 12) diese renonciatio et alienatio noch einen Schau haben, 
wenn des Chorhauses Brandenbmgs Recht auf diese vier Herzogthfimer uogewiss 
und zweifelhaftig, oder eine Noth vorhanden gewesen, oder ein dnigennasst^n ad- 
aequates Aequivalent davor wäre gegeben worden. 

§. 36. Es erhellet aber 13) aus dem ersten und zweiten Capitei der DeduetioD, 
nicht weniger aus dem was oben (vid. §. 3 et seq.) angefuhret worden, das die 
jura des Churhauscs Brandenburg nicht dem geringsten Zweifel unterworfen sdn; 
es ist auch zu der Zeit, wie der Tractat anno 1686 geschlossen worden, kene 
Noth vorhanden gewesen, weil die Krön Böhmen nichts von dem Chuihaus prä- 
tendierte, einfblglich man nur h&tte stille sitzen und die so lang geruhete Pri* 
tension bis auf eine bessere Zeit und Gelegenheit hätte aussetzen könnai and 
sollen. 

Es hat auch das Churhaus kein billiges Aequivalent bekommen; allcnnaasen 
der schwiebusische Kreis und die lichtensteinischo codierte Schuldforderung kzuin 
den zwanzigsten Theil von demjenigen, was die Krön Böhmen NB. blos an fructi- 
bus perceptis et percipiendis heraus zu geben schuldig ist, betraget, wiewohl auch 
dieser Kreis selber wieder zurück gegeben worden, einfolglich auch dieses geringe 
Aequivalent wegfället. 

§. 37. Wenn man aber auch 14) alle diese in der Vemunffc, in denen Beicb- 
gesetzen und in denen pactis familiae fundierten Principien bd Seite setzet, so ift 
doch offenbar, dass der Vertrag de anno 1686 ein simuliertes N^olium sei, woran 
des Churfurst Friderich Wilhelm Durchl. weder nach denen natürlichen noch nacb 
denen Reichsgesetzen verbunden waren. 

Denn der Churfurst hatte die Intention, seinem Hause eLoige Satia&ctiöu 
wegen der vier Herzogthümer zu verschaffen, und renuncierte in dieser Hoffnung 
seiner Prätension. Die Krön Böhmen simulierte eine gleiche Intention; sie ver- 
sprach den schwiebusischen Kreis zu codieren und unterschrieb zu dem Ende den 
Vertrag de anno 1686. 

In der That aber hatte man niemals willens, das Versprochene zu halten, 
dahero negotiierten die kaiserliche Ministri unter der Hand mit dem Chuipriozen 
und induderten denselben, dass er durch Ausstellung eines Revers versprechen 
musste, diesen Kreis künftig vrieder zurück zu geben. 

Da nun also 15) die Krön Böhmen, um den Churfuisten zu hintet^gehen, ein 
anders sunuliert, ein anders mit dem Ghurprinzen agieret hat, so folgt auch Dsch 
denen natürlichen Rechten, dass dergleichen simuliertes Negotium den betrogenen 
Theil nicht binde, weil beider Theile wahrer Wille (worin die Substanz des 
pacti bestehet) hier nicht vorhanden ist 

Die römischen Gesetze bestätigen 16) diesen Vemunftschluss so deutlich, ak 
wenn sie in specie auf diesen Casus ihre Absicht gehabt hätten. Denn es de- 
clariert der Prätor, dass er keinen Vertrag, worbei einige G^efahrlichkeit gcbrauckt 
worden, gehalten wissen wolle, was er aber durch ein geflübrliches Pactom ver- 
stehe, erkläret er folgendermaasen, wenn etwas simuliert, ein anders aber gehan- 
delt wird, um den andern zu hintergehen*). 

Es findet sich in denen römischen Rechten ein mit unserm fast Überali überein- 
stimmender Casus: da ein Creditor unter dem Prätext, dass jemand das von dem 
Debitor eingesetzte Pfand kaufen wolle, indudert wird seinem Pfiandrecht zu re- 

« 

*) L. 7, §. 9 ff. de Pactis, ibi, Dolo malo, ait Praetor, actum se non serva- 
tiirum, dolus malus fit calliditate et fallacia: et dolo malo pactum fit, quoües 
circumecribendi altcrius causa aliud agitur et aliud simulatur. 


Nfih. Ausfabrang des in denen Rechten g^ründ. Eigenthums. 1740. 131 

iinncieren. WeU aber der Debitor einen Käufer sabomierte und einen Revers 
TOD ihm nahm,' daas der Kauf nicht gelten solle etc., so decidiert der Ictus, dass 
itrCreditor sein Pfimdrecht behalte*). 

§. 38. Da nun 17) des Churfürst Friderich Wilhehn Durchl. selber aus diesem 
•Timlierten Negotio nicht verbunden gewesen, so folget nothwendig, dass auch 
'i»oi Xachfblger nicht daran gebunden sein, und also die von jenem geschehene 
Kurandation gegen dessen Erben nicht angefähret werden könne, weil denen Erben 
"beo die Jura und Exceptiones zu statten kommen müssen, welche dem Alienanti 
iigestanden hätten**), auch denen Successoreu nicht schaden kann, was dem 
Airtori seihst, in dessen locum er succedieret, nicht hätte schaden können***). 

§. 39. Es kann auch 18) dieser Vertrag und die darin enthaltene Renunciation 
-I alio capite nicht subsistieren , weil der Churfürst Friderich Wilhelm sowohl, 
lis das ganze Churhaus enonnissime lädieret ist, insonderheit nachdem durch den 
Vertrag de anno 1695 der schwiebusische Kreis wieder zurück gegeben, und also 
'iie vier Herzogthümer gleichsam weggeschenket worden. 

§. 40. Schliesslich und 19) so ist das Churhaus Brandenburg auch diescrwegen 
nieht sn den Vergleich de anno 1686 gebunden, weil dajs durchl. Erzhaus Oester- 
riieii seihst diesen Vergleich nicht adimplicret hat, allermassen dasselbe den 
■"chwiebnsischen Kreis nicht cum effectu, sondern blos zum iSchein eingeräumt und 
'Üe lichtenstciniache Schuld noch bis auf diese Stunde nicht evindert hat Nun 
'«agen aber sowohl die natürlichen ff) als die Reichsrechte ttt)» dass, wenn der 
'ine Theü den Tractat nicht erfüllet, der andere Theil gleichfalls davon ab* 
K'*hen könne. 

§•41. Da nun 20) aus denen natürlichen und Reichsrechten gezeiget worden, 
'1^ der Vertrag de anno 1686 dem Churhaus Brandenburg gar nicht präjudideren 
^"ttne, ja nicht einmal den paciscierenden Churfürsten selber binde, so wird nicht 
("'thig sdn, sich lange bei dem von dem Churprinz aufgestellten Revers und 
'ii>; darauf anno 1695 erfolgte Retradition des schwiebusischen Kreises aufeu- 
lulten. 

§. 42. Denn was den Revers anbelanget, so bestehet eben in demselben die 
(tefUulichkeit, weil dieser Revers, um den contrahierenden Churfürsten zu hinter- 
•r-hen, von dem Churprinzen abgefordert worden , denn der kaiserliche Hof hat 
itiemals Willens gehabt, dem Churfürsten und dessen Churhaus den schwiebusi- 
nbeo Kreb abzutreten, sondern es musste der Churprinz sich zuvor unterm 
'^.' Febr. 1686 reversieren, dass er den zu cedierenden Kreis wieder zurück geben 
>'olIe, worauf dann den 22. Mart und also vier Tage [sicj darauf, der Tractat 
Ptosen wurde. Es ist also in dem Tractat ein anders simulieret und in dem 
fi«N'ers ein anders gehandelt, mithin das ganze negotium, dolo quippe contractum, 
^ jore null und nichtig. 

$. 43. Ueberdem so läuft 21) das in diesem Revers extorquierte Versprechen 
*ider alle göttliche und weltliche Rechte, wozu der Aussteller durch allerhand 
i.''&hrUcbe Insinuationes ist indudert worden, wie unten gezeiget werden soll. 

') L. 10, pr. ff. Quib. mod. pign. junct 1. 7, §. 9 ff. Pactis. 

•*) L. 28. C. Evict L 76. Contr. Emt 1. 177. Reg. Jur. 1. 59. Eod. 

"*) L. 3, §. 2 in fin. De itin. act. priv. 

t) Jisdem ex causis Princeps, sive aliena fraude ac dolo, sive erore circum- 
V'iitaL äve metu, restitui potest, ex quibus causis subditus restitueretur. Bodin. de 
^ym. p. m. 112. seq. conf. Grot. 1. 5i, c. 12, §. 26, n. 1 et c. 19, §. 6. 

tt) txPot L 3, c. 20, §. 24 et 38. 

Htj L. 14. C. de Transact. 

9* 


* 


132 ^^ preoBsischen Ansprüche auf Schlesien. 

Dieses ist gewiss, dass kein Prinz sich bei Leben seines Herrn Vaters und Sou- 
verains verbinden kann, dessen Verträge au&uheben. Es wäre dieses anEingiifi 
in die Hoheit eines regierenden Herrn, dergleichen keine Poissance in der Weit 
wegen der schädlichen Folge approbieren wird. Nun ist aber aus denen nstüi- 
lichen Rechten bekannt, dass, wenn jemand etwas verspricht, welches imrocbt. 
einfolglich nicht in des Paciscenten Macht und Vermögen ist, solche Verbindung 
unkräftig sei*). 

§. 44. Am wenigssen aber kann 22) das Haus Oesterreich aus diesem Rer^ 
ein jus ageudi herleiten, weil selbiges aus der gefahrlichen Induction des Chur- 
prinzen, und also ex facto suo ilhcito, ohnmoglich ein Becht erhalten könneu 
Dieses ist gewiss, dass die Menees derer kaiserlichen Ministrorum nimmermehr 
justificieret werden können, welche a) einen jungen Prinzen, der b) keine Ide«- 
von denen Gerechtsamen seines Hauses hatte, auch c) sich bei niemand Baths er 
holen konnte, weil alles unter vier Augen gefiedert wurde, d) durch unverant- 
wortliche, falsche und chimerique Insinuationes e) dahin inducieret, dass er eintn 
Revers von sich stellen musste, wodurch f) dessen Herr Vater, der zugldcb sein 
Souverain war, hintergangen, g) dem Churhaus Schaden zugezogen, und b) der 
Prinz (wenn es wäre kund worden) in das grösste Unglück hätte gestürzet werden 
können. Grotius behauptet^ dass derjenige, welcher durch seine fallaciam Anlas» 
zu einem Versprechen gegeben, nicht daraus agieren könne**). 

§. 45. Da nun 23) der Revers an sich ungültig ist, so folget nach der ge- 
sunden Vernunft, dass auch der nachher erfolgte und auf diesen ungültigen Bever? 
sich gründende actus retraditionis so wenig dem inducierten Churfursten sellK^. 
als dessen Nachfolgern präjudicieren könne, denn es enthält dieser untenu 
10. Dec. 1694 verfertigte Recess keine neue Verbindlichkeit, sondern es ist ein 
blosses unter beider Ministris gehaltenes Protokoll, worin der Modus wie die R< 
tradition nach Anleitung des ausgestellten Revers geschehen köime und solle, re- 
guliert worden. Nun ist aber bekannten Rechtens, dass, wenn et^^as null und 
nichtig ist, alles was daraus erfolget, ohnkräftig sei***). In mehrer Erwägung, 
da der Churfurst endlich bedrohet worden, dass man ihn durch gewaltsamt' 
Mittel zur Abtretung anhhlten würdet)' Dieses ist gewiss, dass die G«recht3jun>' 
des Churhauses Brandenburg durch diese Retradition vielmehr verstärket, sh rtf- 
ringert worden, indem selbiges dasjenige Aequivalent, welches das Erzhaus dem- 
selben NB. zum Schein eingeräumet, wirklich nicht erhalten. Dahcro in offectu 
der Vergleich de anno 1686 au%ehoben, mithin alles in den vorigen Stand p- 
setzet worden. 

§. 46. Wenn aber auch 24) dem durchl. Erzhause eingeräumt würde, daäi 
der Churfurst und nachherige König Friderich durch den Revers und darauf er- 
folgte Retradition oder sonst seinem Recht renunciert hätt«, was würde solche^ 
der Krön Böhmen helfen? Es würden ja diesem Pacto und dieser Renuuciation 
die Hauptcxceptiones, welche dem Hauptvertrag von anno 1686 opponieret worden, 
entgegenstehen. Man würde mit gleichem Recht sagen können, dass diese B«^ 
nunciation ohne der Landstände Einwilligung vollenzogen worden, und also null 
und nichtig sei, dass dergleichen Renunciation über ein undisputierlichcs Keciit 

*) Grot 1. 2, c. II, §. 8, n. 1. Materiam promissi quod attinet, eam oport»*t 
esse in jure promittentis, ut promissum sit efficax: Quare primum non valent pFD* 
missa racti per se illiciti. 

**) Grot 1. 8, c. 17, §. 17. 
***) Myns. Resp. 8, n. 6. 

t) Vid. Deduct. Cap. 3. 


Näh. Adsfuhrnng des in denen Rechten gegründ. Eigen thums. 1740. 133 

(b solche ohne alle Noth und fast umsonst geschehen, denen Successoribus des 
Oiorhauses, (welche ex pacto primorum disponentinm et ex pactis familiac, ein 
pmprium jus sucecdendi erhalten) nicht präjudicieren könne, und dass dieselbe über 
>1^ propter laesionem enonnissimam unkräftig sei. 

§. 47. Alles was 25) die Eron Böhmen mit einigem Grunde würde praten- 
iit^ren können, wäre dieses, dass ihnen die wenige Gelder, welche die Paciscen- 
tni gehoben, von deren Erben zurückgegeben werden müssten. Man ist auch 
(LiRu bereit, wenn zuvorderst wegen derer auf viele Millionen sich belaufenden 
froctuom perceptorum et percipiendorum etc. ein Liquidum wird constituiert werden. 


Capitel IV. 

Dass die Krön Böhmen durch Violierung der Verträge 
and Beeinträchtigung derer Vasallen, das Dominium directum 
auf diese vier Herzogthümer verloren habe. 

§• 48. Gleichwie mm aus demjenigen, was bishero angefähret worden, offen- 
bar am Tage li^t, dass denen Herzogen zu Liegnitz freigestanden, von ihren 
Ländern zu disponieren, und dass die Herzoge sich ea lege imd nicht anders, der 
Rron Böhmen sabmittieret haben, so folget aus der Vernunft, dass, da die Krön 
Br^hmen contra legem delationis sothane Disposition annullieret und dem recht- 
missigen Successori et Vasallo (nämlich dem Churhause Brandenburg) das Lehen 
i^tzogen etc., nunmehro das Band, womit die Herzoge zu Liegnitz und nachher 
^ Churhaus Brandenburg ab Vasalli der Krön Böhmen verbunden gewesen, 
«ofhöre. Denn 

§. 49. Es ist 2) schon oben gezeigt worden, dass der Imperans, wenn er 
ontra legem delationis handelt, sein Becht verliere, weil die Condition, worunter 
tj sich dem Imperanti unterworfen, deficiert, einfolglich deficiente conditione alle 
< Obligation aufhöret. 

§. 50. Welches 3) bei allen Vergleichen Rechtens ist, dahero auch in 
l'iien römischen Gesetzen versehen ist, dass, wenn ein Theil von dem Ver- 
^iQch abgehet, dem andern gleichfalls frei stehe, davon abzugehen*), so 
*laaB alles wieder in den vorigen Stand, wie es vor dem Vergleich gewesen, ge- 
*^t2et wird. 

§. 51. Und dieses hat 4) um so viel mehr bei diesen vier Herzogthümem 
Jött, weil die oblatio feudi durch einen ordentlichen Friedensschluss geschehen**), 
3iid der König von Böhmen in diesem Friedensschluss denen Herzogen die Jura 
"'ine? rechten Erblehens, mithin ^ultatem alienandi versichert hat. 

Nun ist aus denen natürlichen Rechten bekannt, dass, wenn der eine Theil 
Von dem Frieden abgehet, der andere Theil gleichfalls nicht daran gebunden 
*^'**). Da nun der König von Böhmen den Hauptartikel des vorangefuhrten 
F.-iedens übern Haufen wirft, so fällt die Lehnsoblation auf einmal weg, und 
'^'•s« Herz(^thnmer kommen wieder in diejenigen Freiheiten, worin sie vor der 
'•^»Ution gewesen. 


*) L. 14. C. de transact 
^ ^) Vid. Deduct: dass wir uns mit dem Herzog Bogislaven NB. um alle 
i^röche und Kriege, die zwischen uns und ihm etc. bishero gewähret haben, um 
'^ Land zu Li^nitz und Brieg etc. gesichert, geeinet und ewiglichen verrichtet 

'«u etc. 

•*♦) Giot L 3, c. 20, §. 34 et 88. 


134 ^6 preuflsischen Ansprüche auf Schlesieo. 

§. 52. Es ist auch 5) aus denen Lehnrechten bekannt, daas der Dominm 
directus aus eben denen Ursachen eine Felonie gegen den Vasallum begehe , ans 
welchen der Vasallus gegen den Dominum directum einer Felonie schuldig geadi- 
tet wird*). Und insbesondere werden drei Casus von dergleichen Felonie ange- 
führet, nämlich wenn der Dominus directus dem Vasallo kdne Justis administriert**), 
den Vasallum aus seinen Lehngütem setzet***), und wenn er ihm sonst eineii 
schweren Schaden verursachet f). 

§. 53. Da nun in dem gegenwärtigen Falle der Dominus directus (nSmlich 
die Könige in Böhmen) denen Herzogen 2ni Liegnitz wieder alle Privilegia imd 
Jura die Disposition entzogen, die Erbyerbruderung cassieret, denen rechtmaBsig^ 
Nachfolger das Eigenthum dieser Erblehen entzogen, und dadurch einen unersetz- 
lichen Schaden zugezogen hat, so folget der vernünftige Schluss von selbsten, dAä:> 
die Krön Böhmen das dominium directum per feloniam verloren habe. 

Capitel V. 

Dass Se. Königl. Majestät nicht nöthig gehabt, von dem 
Einmarsch Dero Truppen in Schlesien dem Erzhaus Oesterreich 

eine Ankündigung zu thun. 

§. 54. Es macht das durchl. Erzhaus Oesterrdch in dem in Schlesien pabli- 
eierten Patent ein grosses Wesen davon, dass man ohne die geringste An- 
kündigung in Dero Erblande mit einer Armee eingerücket sei, und hat der 
Welt dadurch Glauben machen wollen, als ob man wider das Völkerrecht g^ 
handelt habe. 

§. r>5. Man wundert nch aber sehr, dass das durchl. Erzhaus deigleichai 
gegen 8e. Königl. Majestät in Preussen anfuhren darf, da man blos seineiR 
Exempel nachgefolget hat 

Es hat gedachtes Erzhaus, nachdem die liegnitzische Linie ausgestorben, dem 
Churhaus Brandenburg nichts ankündigen lassen, sondern sich de fäcio in die 
Possession gesetzet und durch Gewalt dessen Eigenthum occupieret, durch seine 
Präpotenz solche beinahe hundert Jahr genutzet und aller beschehenen R^ 
monstration ohngeachtet das Churhaus Brandenburg mit leeren Worten amüsieret. 
Man hat also jetzt nichts gethan, als was das durchl. Erzhaus zuerst an sieh 
probieret hat Die Jura fcudalia besagen , dass, wenn der Dominus directus da 
Lehen dem Vasallo mit Unrecht vorbehält, dieser solches mit Gewalt von ihoi 
abfordern könne tt)« 

§. 56. Dieses ist gewiss, dass auch nach denen natürlichen Rechten keine 
Ankündigung nöthig sei, wenn man sein Eigenthum vindicieret, wie solches Gro- 
tius behauptet ttt). 

§. 57. Und wozu sollte die Ankündigung geschehen? Da das Erzhaus ä<> 
lange Jahre diese Länder vorenthalten, und aller vor denen ungültigen YertrageQ 
beschehenen Bemonstration ohngeacht von deren Restitution nichts wissen volle». 

*) IL feud. 6, in f. TL feud. 26, §. Domino, II. feud. 47. 
♦•) IL feud. 24. 
•*•) IL feud. 22 in f. 
t) Arg. IL feud. 7. 
fh 2. feud. 22. in fin. 

ttt^ L. 3, c. 3, §. 6, n. 1. Necjue magis per naturae jus indictio necessam 
est, si Dominus rei suae manum injicere velit. 


Näh. Aasfuhniiig des in denen Rechten gegründ. Eigenthums. 1740. 135 

so dasB man wohl vorhergesehen, dass, nachdem es diese ungülldgen Verträge vor 
sich hatte, noch weniger denen Rechten und der Billigkeit Platz geben würden. 

§. 58. Man möchte auch gerne wissen, wem man die Ankündigung hatte 
ünm sollen, da äch so viele Prätendenten hervorthun, dass man nicht wissen kami, 
mit wem man es eigentlich zu thun haben würde. 

§. 59. Unterdessen, und da gerundete Beisorge obhanden gewesen, dass 
iSe. Rönigl. Majestät von einem andern dieser Prätendenten, die ein Auge auf die 
eehleaschen Länder gerichtet haben möchten, prävenieret und deroselben die Vin- 
diderong ihres Rechts dadurch schwerer gemachet werden dürfte, so kann Sr. 
KonigL Majestät nicht verdacht werden, wenn sie das praevenire gespielet und 
ach sovorderst in die Possession dieser Länder gesetzet haben. 

§. '60. Welches alles um destomehr in der Billigkeit beruhet, weil es bei dem 
Ershaos stehet, diesen ganzen Krieg durch Restitution der vier Herzogthümer und 
durch Erstattung derer dem königlichen Churhause von so langer Zeit her ent- 
zogenen Nutzungen ein £nde zu machen, gestalten man alle Augenblick erbötig 
ist, durch gütliche Handlungen die Source von allen Misshelligkeiten zu coupieren. 


XVI. 

Beantwortung | Der so genannten 

Actenmässigen nnd rechtlichen | Gegen- 1 

Information, | über | das Bechts - begründete | 

Eigenthnm | Des | Königlichen Clinr - Hauses | 

Preussen und Brandenburg | auf die | Schlesisclie 

Herzogthümer 1 Jägemdorff, Liegnitz, Brieg, 

Wohlan etc. I Anno 1741. 


LXXXV pp. + XIV. pp. Beilagen fol. — Berliner Orig.-Druck. — 

Geh. St.-A. zu Berlin. 
Ein Nachdruck, 116 + 18 pp. 4^ — Bibl. zu Färstenstein *). 


j,JJes Königs von Preussen herausgegebene schriftliche Begründmg 
wegen habender Prätension auf die bekannte schlesische FärstenOmmer, 
nebst Beilagen dieserwegen, macht dem hiesigen Ministerio wegen ihrer 
soUdite vieles zu schaffefh^'y so berichtet am 8. Februar 1741 em gut 
unterrichteter Correspondent aus Wien**). „Das Publikum war bereits 
feist ungeduldig geworden und hatte öfters fhochgefragt , ob denn tM 
die Königin von Ungarn eine Antwort auf die königh preussische De- 
duction würde verfertigen lassen"***). Erst nach einem Vierteljahre, 

*) Einen in Begensburg in hundert Exemplaren angelegten Nachdruck er- 
wähnt der Bericht Pollmanns vom 1. Juni. 

«*) Johann Gk>ttfned Mörlin gab eine geschriebene Zeitung henuts, die steh 
u. A. auch der Graf Konrad Ernst Maximilian von Hochbeig nach FOistenatein 
schicken liess, wo die Bibliothek die Jahrgänge von 1738 bis 1741 bewahrt 

»•♦) Heldengeschichte I, 835. 


Beantwortang der Gegeninformation. 1741. 137 

!ie<jm Ende März, erschienen die Gegenschriften der angegriffenen 

Partei"*). Es sind: 

Eines \ Treuliehenden Schlesiers \ Ä, C. \ Gedanken \ Über \ 

das I Preussisch-Brandenburgische \ Bechts-Gegründete \ Eigen- 

tktim I Auf I Jägemdorf, Liegnitz, Brieg \ Und \ Wohlau etc. etc. 

I In I Schlesien. \ Im Jahr 1741. 
31 pp. 4^ — Geh. St-A. 

Acten-mässigej und Bechtliclhc | Gegen- | Information \ lieber \ 

das ohnlängst in Vorschein gekommene sogenannte \ Bechts- 

gegründete \ Eigenthum \ des \ ChurSauses Brandenburg \ Auf 

die Herjsogthümer, und Fürstenthümer \ Jägemdorff, Liegnitz, 

Brieg, Wohlau, \ Und zugehörige Herrschaften. \ In Schleien. \ 

Anmo 1741. 

25 Bll. foL — Wiener Originaldnick. — Kön. Bibl. zu Berlin. 

Ein Nachdruck, 48 pp. -f BS pp. Beilagen auf der Bibl. zu Fürstenstein 
und, ohne die Beilagen, auf der Ron. Bibl. zu Berlin. Der Druck 
ist dem zweiten Theil der Schles. Kriegsfama eingelegt**). 

Die Gedanken des treuliebenden Schlesiers A. C, eine Schrift ^,so 
hncendig sehr harte klinget^ ^**) , schliessen mit den Worten: „Der 
Urheber der Dedudion hätte vielleicht in dem Macchiavello ^ welchen 
Herr VoÜaire mit Anmerkungen, die aber nicht die seinigen sind, 
herausgegeben hat, nähere und eigentlichere Beweisthumer für seine 
Sathe gefunden. Ein besseres Becht mtiss bewiesen werden. Siqui- 
dem magna regna sine justitia sunt magna latrocinia*^ Sachlicher 
w< die „Gegeninformation^' gehalten f). Ihr ziemlich gemässigter 

*) Mörlins Gorrespondenz vom 25. März: Die actenmassige Gegeninibnnation 
^t die Presse verlassen und wird dem Publikum nächster Tage mitgetheilt 
werden. Aus Regensburg schickt Pollmann die „Gedanken^^ am 3., die „Gegen- 
mforaiation^ am 6. April nach Berlin. 

**) In der Vorrede zu diesem Theile heisst es von der Gegeninformation: 
^War die erste Edition auf 24 Va Bogen fol. abgedruckt, so in Schlesien bald m 
4* nachgedruckt worden." Der eingelegte Druck enthält p. 48 der ersten Pagi- 
nienrng den Vermerk: ,,In acht Tagen werden die hierzu gehörigen Beilagen 
^ürh erfolgen." Ein Beweis für das oben 8. 96 Anm. über die Schles. Kriegs- 
*»ma Gesagte. 

***) Schles. Kriegsfama, Theil II, Vorrede. Abgedruckt daselbst lU, 68; 
Ues. Nachrichten von dem Zustande des Herz. Schlesien I, 497, Europ. 
^Uatskanzlei LXXX, 183; Gesch. des Interregni I, 173. 

t) „Welche nach den anfanglichen Berichten der Geh. Referendarius Baron 
B^enstein, nach den letztem aber der Hofirath Kannegiesser soll gemacht haben," 
|^«i«t es im Erlanger Zeitungseztract, April, 2. Woche, S. 118 und 
>B deu Geneal. Hist Nachrichten 22, S. 946. In der Folge wird es 
^ n^>«kannte Sache" erwähnt, dass „auf k. böhm. Seite die Feder des in 
^^ imd Schlesien hoch angesehenen Herrn Hermann Lorenz v. Kannegiesser 
^«schrieben"; schles. Kriegsfama II, Vorrede, vergl. Neue Europ. 


138 ^^ preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

Ton*) vermochte den Eindruck der preussischen Deduction sehr abzu- 
schwächen und der österreichischen Sache viele Freunde eu gewinnen. 
,,Der Autor hat in seiner sophistischen Schreibart'^ berichtet derpreusst- 
sehe Resident v. Freytag am 2, Mai aus Frankfurt a. M., „wenm er 
in jure et facto gang ungegründete Dinge prämittieret und daraus UesTt 
und wahrhafte Conclusiones gezogen^ auch sogar weit einsehende LwHj^ | 
auf seine Seite gebracht Der hessen-darmstädtische Gesandte hat sid 
nicht entblödet^ mir in das Gesicht gu sagen, dass man anj^o, 6t$ 
etwa^ neues und besseres unsererseits zum Vorschein kommen würde, 
vor Oesterreich sentieren müsste. Es ist bei einer so klaren Sache m 
bewundem , dass die alte praejudicia timoris bei vemünfligen Leuten 
so ganz besondere Eintruckungen machen können. Die kleineren Stänäf 
hier im Reich haben eine solche eingewurzelte Furcht vor den wiener 
mandatis sine clausula^ dass sie nicht einmal gegen Oesterreich denken, 
geschweige zu reden getrauen," Sehr bezeichnend dafür ^ wie sich c^i 
öffentliclie Meinung durch die offidellen Kundgebungen bestimmen mä 
umstimmen liess^ ist der Bericht des Residenten Buirette aus Nürnberg 
{11. April): ^^tTavois Sahord la satisfaction de remarquer que cettt 
pidce (das Rechtsgegriindete Eigenihum) faisoit une merveiUeuse m- 
pression sur les esprits de quasi tous ceux^ qui la lurent. Mais depms 
qviun imprimi de Vienne a paru , sous le titre de Eines treuli^endei^ 
Schlesiers A. C. Gedanken , ces m4mes esprits se trouvent extrSmement 
partagis et embarassis sur ce sujet. Un autre imprimd plus diffus, 
qui doit suivre celui-cij pourroit aisement achever dien imposer an 
public, ä moins que V.M. ne jugeoit convenable d'y faire wh 
r^pliquel^ 

Dem Verfasser des Rechtsgegründeten Eigenthums war die Gegetir 
Information ^,auf der Post ohne dass von wem es kommen zu lesen'' 
aus Wien zugegangen; er fragte sofort an, ob er sich zu einer soliden 
Widerlegung gefasst halten soUe: ^,ich denke auch^ dass ich der leich- 
teste interpres des von mir genMchten Aufsatzes sein werde" *^)' 
Podeunls empfahl indess dem Könige, Cocc^i mit der Rqflik zu bea^- 
tragen ***). Am 16. Mai konnte Coccyi seine Arbeit dem Könige vor- 

Fama 70, 877 (Aprilheft 1741); Heldengeschichte I, 8S4 u. s. w. Die „Ge^ 
danken" wurden dem Beichshofrath v. Knorr zugeschrieben. Ein Bericht d& 
württembergiBchen Ministers v. Keller, der im Januar 1741 ab geheimer Ageut 
des berliner Hofes nach Wien ging, d. d. Stetten (in Württemberg) 16. Febr^ er- 
wähnt, dass Knorr mit der Widerlegung der preuss. Deduction beauftragt sd. 

*) Podewils an den König, Berlin 11. April: Le style en est aases modeste. 
et ce que Tauteur avance paroit d*abord ^blouissant et plausible. 
**) LudeMrig an den König, Halle 4., an Podewils 8. ApriL 
***) 11. April: „Nous n^en (von der Gegeninformation) avons pu attraper 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 139 

legen: ,j^€spdre que Timpressian que cette hrochure {Gegen-Infarmation) 
a fait dans Tesprä du public, s'effacera facilenient, quand on balancera 
k foibJe des ratsam cdUguies par la dite cour avec la justice de la 
cause de V, Jlf." Die österreichische Deduction, schrieb Podemls dem 
Kömge (20. Mai)^ a fait beaucaup de bruit dans V Empire et aux 
I fours ^angires, et on a eu Veffronterie de soutenir qu'on n^a/voit rien 
de solide ä y ripondre. Mais le ministre cFEtat de Cocc^i a dressd 
une refutation ä cette replique qui peut passer pour un chef dtoeuvre*). 
Am 20. Mai wurde die ,^Beantworümg der GegeninformaUon^^ 
<zn die Gesandtschaften geschickt^ am 21. in Berlin ausgegeben. 


Kurtzer Auszug der Beantwortung Welche das Königliche 
Cfmrhaus R^eussen und Brandenburg Auf die Von dem Wie- 
nerischen Hoff publiderte so genandte Gegeninformation Über 
das Bechtsbegründete Eigenthwn auff die Vier Schlesische Herzog- 
thümer ohnlängst herausgegeben. 
Der Auszug erschien zuerst^ Ende Juni,\in den Berl Nachric hten 
(Mo. 79 ff), ohne den obigen Titel. 

Der Gräfl. Stolbergische Baih Seehnann in Halberstadt ^ der ein 
königl Privileg vom 29. April 1741 hoMe, ^^aUes was bei Feldschlachten, 
Krieges- und Friedenslauften passieren und sonst den Avisen anliängig 
sein möchte j wenn selbiges zuvor gehörigen Orts revidieret und cen- 
surierei worden, zu drucken und zu verkaufen^*, suchte am 25. Juli 
äitrch Vermittelung der Halberstädter Regierung bei dem auswärtigen 
Ministerium um die Erlaubniss nach, einen Separatabdruck dieses Aus- 
Zuges zu veranstalten: ,,weilen ich aus viel amländischen Gazetten und 
^n specie denen Begensburgischen , auch sonsten occasione meiner cor- 
^tspondence wahrgenommen, dass die s. g. Wienerische Gegeninformation 

qnuD seul exemplaire jusqu'ici .... Mr. de Cocceji, k qui j^ai donn^ cette piöce, 
s d ab^rd mis la main k roenvre pour 7 &ire une rdplique solide. Je n*en ai vu 
<{ae le commencenient, mais j^esp^ que cet ouvrage r^uBsira parfEÜtement, et que 
Qoe adverBaires seront battus k platte couture." Etwas resigniert schreibt sp&ter 
^2. Sept) lAdewig an Podewik: ^w. £xc. haben Kr. M. allergn. Ghitfinden mir 
daUn erO&et) dass die Antwort auf das österreichische Impressum von des Frei- 
l^erm von Gocceji Exe geschehen solle. Nachdem nun solches erfolget und zwar 
^ teatscher und firanzöanscher Sprache, so habe noch auf einen lateinischen Auf- 
B&tz . . . gedacht und die österreichische Einwürfe in ge&sste kurze S&tze gebracht 
ööd alle und jede wiederum rechtsgegründet beantwortet Finden aber Ew. Exe. 
<^nTeiiabler zu sein, die Sache ruhen zu lassen, so werde auch die Arbeit ruhen 
'■*®«" Sie blieb ungedruckt 

*) In Anerkennung der Leistung Cocceji's erhielt sein Sohn, der sp&ter als 
Gemahl der Tfinzerin Barberina vielgenannte Carl Ludwig von Coccqji, eine An- 
"^^^^ als Legationsrath im Ressort der Beichssachen. 


140 ^6 preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

sehr divulffierct und pro farmando glattcomaie für etwas fufidamenlales 
amgeschrieeii wird, da doch das scripimn in der That nichts bedeutet, 
und es denen Neubegierigen nur an Lesung der Widerlegung er- 
mangelt" Seelmann erhielt die Erlaubniss unter dem 4, August; den 
Titel filr die zu veramtaliende Ausgabe bestimmte Cocceji, Ein Exemplar 
liegt ufhs nicht vor, 

Exirait de la r&ponse que la Cour de Berlin a faüe sur m^ 
(Jcrit public par la Cour de Vienne sous le titre cPInformaHon 
conire les pretentions du Roi de Prusse touchant les quaire 
duchts de la Silesie. 
Weil die Gesandten im Haag mit Ausnahme des russischen^ der 
vollständig deutsch verstand, dem dortigen Vertreter Rreussens ihr Be- 
dauern äusserten, dass die Antwort auf die österreichische Gegemnfor- 
mation nur in deutscher Sprache erschienen sei*), verfugte PodewUs^ 
den Auszug aus der „Beantwortmig'^ ins Französische zu Vertragen. 
Der Extrait wurde, wie die Heldengeschichte 7, 838 angiebt, cmf 1^ ^ 
Bogen gedruckt; ein Exemplar liegt uns nicht vor. Cocceji befürwor- 
tete ^ den Auszug im Haag und in Cöln in die Zeitungen setjs^en zu 
lassm^ „man müsste aber besorgen^ dciss wo es möglich^ jedestncU eine 
Section voll eingerücJcet würde, weil alsdann in vier Malen der eortrait 
absolvieret und public gemacht werden kann'' (anBorcke 7. Juli). Am 
8. Juli gingen die nothigen Weisungen an die Gesandten an beiden 
Ortefi; am 11. erfolgte die Versendung der Schrift an die vorigen Ge- 
sandtschaflen. In Regensburg erschien ein Na^chdruck (Bericht I^oll- 
manns vom 31. Juli.) 


Beantwortung der sogenannten actenmässigen 
und rechtlichen Gegeninformation über das rechts- 
begründete Eigenthum des königlichen Churh&uses 
Preussen und Brandenburg auf die schlesische Herzog- 
thümer Jägerndorf; Liegnitz, Brieg, Wohlau etc. 

Anno 1741**). 

Es ist zwar nicht ohne, dass von einem und andern Scribenten, welche in 
ihren Büchern von denen Rechtsansprüchen hoher Potentaten und HäuBer ge- 
handelt, auch von der Pi*atension, so das Ghurhaus Brandenburg auf die sckle- 
siache Herzogthümer Jägemdorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau, dann die Herr- 
schaften Oderberg und Beuthen hiebevor zu haben vermeinet hat, überhaupt eiiii<^ 

•) Bericht Ragfelds, Haag, 7. Juni. 
**) Die Beilagen zu der ,^Gcgeninformation^' stehen: Sammlun|^ der 
Staatsschriftcu nach Ableben Carls VI., I, 655; Gesch. des InterretFni 
I, 216; die zu der Beantwortung ebend. I, 1286 bez. II 206. 


Beantwortung der Grcgeninformation. 1741. 141 

Meldung geschehen seie; es kann aber denenjenigen, die sich in denen Actis publicis 
and insonderheit so das Königreich Böheim und das Erbherzogthum Schlesien an- 
sehen, etwas genauer umzusehen die Mühe gegeben, ebenfalls nicht verborgen sein, mit 
was vor gutem Grund diesen churbrandenburgischen Anforderungen zu allen Zeiten 
suf das Beständigste widersprochen worden ^). Und wie dessen ohngeachtet wei- 
iiod Kaiser Leopoldus als König in Böheim glorwördigsten Angedenkens aus an- 
gestammter Clemenz und Liebe zu dem Frieden, dann aus ganz besonderer Zu- 
Qtägong und Hochachtung gegen das Churhaus Brandenburg sich nicht habe ent- 
?^en sein lassen, sothane Pratensionen sammt und sonders aus dem Grund zu 
heben und dieses Churhaus ohne alle Bechtsverbindlichkeit dergestalt zu ^be- 
friedigen, dass auf solche Ansprüche vor sich alle ihre Erben, Successoren und 
Nachkommen auf ewig feierlichst renuncieret worden ist'); wie solches diejenigen 
Scriptores (welche von denen churbrandenburgischen Prätensionen handeln und 
<ieDcii des Churhauses Archiva offen gewesen) selbst bekennen und einhellig dafür 
halten, dass sothane vermeintliche Anforderungen durch die Verträge von anno 
1<)86 und 1694 vollkommen abgethan worden. (Puffendorf de Gestis Friderici 
Tilhelmi L. 19, §. 25, Ludwig Germ. Princ. L. 2, C.,3, §. 13, idem in Reliquiis 
Mamiscript Tom. X, pag. 895 et 396.)'). 

l) Wie ungegrundet dieser Widerspruch sei, soll unten mit mehrerem gezeiget werden. 
2: Ee ist in denen bisherigen Deductionen genugsam gewiesen worden und wird sich 
aus dem folgenden noch weiter ergeben, dass die Anfoderung des Churhauses 
Brandenburg in denen göttlichen und weltlichen Gesetzen gegründet sei, dass 
das Durchlauchtigste Erzhaus Oesterreich nach allen Rechten verbunden ge- 
wesen, die dem Churhaus de facto entzogenen schlesische Länder zu resti- 
tuieren; dass autth femer dass Anno 1686 versprochene Aequivalent von Seiten 
des Erzhauses ein simuliertes Negotium gewesen, einfolglich an sich null und 
nichtig sei^ und endlich, dass die ex simulata causa beschehene Benunciatiou 
den Churfurst Friderich Wilhelm selbst nicht habe binden, am wenigsten aber 
d^sen Successoribus ihr ex pacto primorum disponentum acquiriertes Recht 
entziehen können. 
3i Die angeführten Scriptores sein blosse ICstorici, welche das Factum, wie es 
an sich ist, beschreiben; ob aber das factum de jure bestehen könne oder 
nicht, davon können diese Scribenten (welche die Jura des Hauses niemals 
untersuchet haben, auch nicht dazu bestellet gewesen) nicht urtheilen; sie 
haben also die Wahrheit geschrieben, wenn sie gesaget, dass diese Präten- 
siones anno 1686 und 1694 abgethan worden. Sie haben aber nicht gesaget, 
noch vernünftiger Weise sagen können, ob sie rechtlicher Art nach abgethan 
sein; insonderheit da der angeführte Puffendorf seine ganze Historie mit dem 
Leben des Churfnrsten und also mit anno 1688 endiget, da man von dem ge- 
fiUirlichen Revers und versprochenen Retradition in dem Archiv noch keine 
Nachricht hatte. 

Auf was för eine imerhörte, wider alles Natur- und Völkerrecht laufende Art 
^"üigegen der jetzige König in Preussen und Churfurst zu Brandenburg mit einem 
starken Kriegsheer in das von Truppen entblösste Herzogthum Schlesien ein- 
gedrungen und das ganze Land überzogen, dieses ist eine durch alle öffentliche 
2eitangen allschon zur Genüge ausgebreitete Sach^). 
1) Weil der Königin von Böhmen Majestät fast in allen Schriften, diese Umstände 
CMggerieret, so hat man in der näheren)|Deduction gezeiget, dass nach denen 
natürlichen Rechten, wenn jemand sein E^igenthum vindicieret, es keiner Krieges- 
denunciation bedürfe (Grot. L. 3, c. 3, §. ), weil der Besitzer emes fremden 


142 ^^ prenflsischen Ansprüche auf Schlesien. 

Gnts, wenn er solches nicht nitro restituieret, {jacto ipso genugsam declariertt. 
dass er keine Intention habe, dem Domino das seinige zu restituieren. 

Man hat femer gezeiget, dass das Haus Gestenreich am allerwenigsten würd<> 
befugt sein, über diese Proceduren sich zu beschwören, weil man bloss aemein 
Exempel gefolget hätte. 

Denn man hat daselbst ausgefuhret und wird unten noch weiter ausfahren, 
dass, da Jägemdorf nach der Proscription des Herzogs Johann Georg dem 
Churhaus Brandenburg ohnstreitig hätte anheimfallen sollen, das £^haTi> 
Oesterreich von der Gelegenheit profitieret, und, ohne dem Churhaus vorhero 
etwas zu declarieren oder zu denuncieren, ganz unvermuthet einige Begiment* t 
einrücken lassen und sich mit gewafiheter Hand dieser Herzogthümer, welelie 
der Churfurst Joachim seinem Sohn Johann Georg bloss zu seinem Unterhalt 
(*ingeräumt, bemächtigen und dem Churhaus entziehen lassen. 

Die Herzogthümer liegnitz, Brieg und Wohlau (welche dem Churhans 
gleichfalls vermöge einer rechtsbündigen Erbverbrüderung zugehörten und dem- 
selben durch eine Landeshuldigung eventuaUter tradieret waren) hat gedachtes 
Erzhaus, eben da der Churfurst Friderich Wilhelm gegen die Rdchsfemdc 
agierte und in seinem eigenen Lande einen mächtigen Feind auf dem Hal^ 
hatte, nach Absterben des liegnitzischcn Herzogs de facto occupieret, ohoo 
dieserwegen dem Churhause etwas zu denuncieren oder zu declarieren. 

Es würde also das Ejrzhaus Oesterreich an andern nicht improbieren können, 
was es seinerseits zu seinem Vorthcil ehemals gut gefunden, und siebet maii 
hierunter keinen andern Unterschied, als dass die gegenwärtige Occupatiou 
aus einem offenbaren und rechtsgegründeten titulo hat geschehen können, da- 
hingegen die von gedachtem Erzhaus geschehene Invasion contra legem dela- 
tionis wider die alte reservierte Gerechtigkeiten und wider der Könige von 
Böhmen eigene, so vielfaltig reiterierte agnitiones und Erklärungen zu Werk 
gerichtet worden ist ^ 

Man wird aber in dem Folgenden zeigen, dass Se. Königliche Majestät (ob 
Sie schon aus denen jetzt angeführten Ursachen befogt gewesen, sofort ohne 
weitere Denunciation sich derer schlesischen Herzogthümer jure talionis zu 
bemächtigen und Rechnung de fructibus perceptis et percipiendis zu forden)' 
keineswegs als ein Feind in Schlesien eingedrungen, sondern dass dieselbe 
wichtige Ursachen gehabt, ihre Truppen in Schlesien einrücken zu lassen, um 
zu verhindern, dass keine fremde Puissance sich dieses Herzogthums, welches 
eine Barriere von Sr. Königlichen Majestät Landen ist und an dessen Theil 
das Churhaus Brandenburg einen so wohlgegründeten Anspruch hat, bemäch- 
tigen und dadurch die Vindicierung Dero Gerechtsame desto schwerer machen 
möchte. 

Man wird femer zeigen, dass Se. Königliche Majestät dan ^larchese Botta 
diese Ursachen vor der Einrückung in Berlin eröffiiet, auch solche durch Dero 
in Wien damals subsistierenden Minister declarieren, nachhero aber einige zum 
guten und beständigem Vernehmen abzielende wichtige Propositioncs thnn 
lassen, wie man zu beider Theile Vergnügen dem Churhaus Brandenbuig 20 
seinem Recht verhelfen könne. 

Weil man aber am wienerischen Hofe keine Propositiones anhören, weniger 
in eine gütliche Handlung sich einlassen wollte, sondern vielmehr declariette, 
dass man Se. Königliche Majestät, so lange Sie in Schlesien blieben, vor einen 
Feind halten und es auf alle Extremitäten ankommen lassen, ja le tout poor 
Ic tout risquieren wollte, so haben Se. Königliche Majestät an denen F6d^' 


Beantwortong der G^^eninfonnatioii. 1741. 143 

Seligkeiten keine Schuld, allennassen von Seiten deroselben alles geschehen, 
wafi nach dem jure gentium in dergleichen Fällen observieret werden soll. 
Man hat in der Güte einige Satisfiiction gesuchet, man hat dieserwi^en güt- 
liche Vorschläge proponieret, das Gegentheil hat solche nicht hören noch an- 
nehmen wollen, dahero bei diesen Umständen keine weitere Dennnciation, da 
die Clarigation vorbeigegangen, nöthig war; und da der König von Preussen 
loa dahin nicht die geringste Feindseligkeit ausgeübt, auch alles mit baarem 
Geld bezahlet, so hat er wider Willen die Feindseligkeiten in einem Land, 
welches er zu beschützen vermeinet, anfangen müssen. 

Dieser feindliche Einfall ist um so unverantwortlicher, als solcher eines Theils 
«ider die goldede Bull Kaisers Carl IV., die Fundamental -Reichsgesetze und be- 
-«•oden wider den darinnen hoch verpönten Landfrieden unternommen ^) , andern 
Ibeils auch gegen die Königin in Hungam und Böheim von dem König in Preussen 
£u eben der Zeit, wo man sich zu sothaner Invasion gerüstet, die aufrichtigste 
VVisicherungen dem Schein nach gegeben worden'), mithin man sich nichts weniger 
»infuDen lassen können, als dass man von einem Nachbarn, welcher sich zu aller 
Kreondschait erboten und in Betracht seiner von der Krön Böheim rührenden 
Li'heii ein ansehnlicher Vasall ist'), ohne einige vorgängige Declaration feindlich 
•*'Ute angefidlen werden *). 

1 ) Man könnte bei denen vorangefuhrten Umständen mit mehrem Recht sagen, 
dass das Erzhaus Oesterreich bei der ehemaligen Occupation dieser vier Herzog- 
thümer wider die Auream bullam und wider den verpönten Landfrieden ge- 
handelt habe, weil es geiit'altsamer Weise die Herzogthümer dem Ghurhause 
entzogen hat 

Es kommt aber bei dieser jetzigen Expedition gar nicht auf den Landfrieden 
an, weil solcher blos gegen Fürsten angeführet werden kann, die einen Obern 
haben, welcher aber in gegenwärtigem Casu nicht vorhanden ist, wie nunmehr 
gezeigt werden soll. 

Denn man hat in derNäher en Ausführung etc. erwiesen und wird auch 
von dem Verfasser der Gegeninformation nicht geleugnet, dass die schlesische 
Herzogen, ehe sie sich der Krön Böhmen submittierct, souveräne und freie 
Fürsten gewesen, welche ihre Länder erblich besessen und solche alienieren 
können, auch quoad dominium directum wirklich alienieret und dieses der Krön 
Böhmen offerieret haben. 

Diese Herzoge, und in specie die Herzoge zu Liegnitz, behaupten, dass sie 
sich und ihre erbliche eigenthümliche Lande freiwillig und bloss unter ge- 
wissen Gonditionen der Krön Böhmen submittierct, xmd alle Gerechtigkeiten 
wie sie solche vorher gehabt und wie selbige von ihren Eltern auf sie ge- 
kommen, in specie aber das jus alienandi reservieret hätten; sie erweisen 
solches ans dem l^ge delationis, aus denen Agnitionen derer Könige und aus 
einer undenklichen Observanz etc. Die Könige von Böhmen wollen alle diese 
offenbare Raisons nicht gelten lassen, sie beziehen sich auf Incorpovations- 
Privil^gia (welche aber nach der gesunden Vernunft denen Herzogen ihre Jura 
antea quaesita nicht nehmen können). 

Bei dieser Gollision ist die Frage, wer Richter sein soll imd wem die inter- 
pretatio legis delationis zustehet? Nun kann wohl vernünftiger Weise der 
Konig von Böhmen solche nicht prätendieren und in propria causa nicht pars 
^ judex zugleich sein, sondern es konunt die Sache wieder in den Stand, wie 
ae tempore delatioms gewesen, wo zwischen zweien souveränen Herren ge' 
^delt wurde, in welchem Fall die Waffen den Ausschlag geben müssen. 


144 1^0 preussiflchen Ansprüche anf Schlesien. 

Wiewohl auch aus dem jure feudal! communi gezeiget worden, dass, wenn 
der Dominus directus dem Vasallo sein Lehen mit Gewalt vorenthält, dieser 
solches von demselben mit Gewalt fodem könne. II. F. 22 in fin. 
2) Die Versicherungen, welche Se. Königliche Majestät der Königin von Bi>hmeii 
Majestät gegeben, bestehen in einer Antwort auf das von gedachter Königin 
eigenhändig in obligeanten terminis an Se. Königliche Majestät abgelassene 
Schreiben, welches Sie mit eben dergleichen Gegencontestationen erwidert, im 
übrigen aber sich auf dasjenige bezogen haben, NB. was der damals zu Wien 
subsistierende Minister vorzustellen befehliget war; dieses bestand nun in der 
schlesischen Angelegenheit, wovon man dem Marchese Botta allhier ouverture 
gethan , auch demselben sowohl als denen Mitständen durch ein Circulare die 
Ursachen angezeiget hatte, warum Se. Königliche Majestät genöthiget würden, 
solche ohnverzüghch , und ehe andere Prätendenten dieselbe prävenieren und 
ihr jus possidendi schwerer machen könnten, gelten zu machen, so dass mau 
bei allen getlianen Versicherungen und Sinccrationen die schlesische Angelo^- 
heit niemals aus dem Auge gelassen, sondern dieselbe vor Einrückung der 
Truppen ohnverholen und öffentlich zu erkennen gegeben. 

Im übrigen sein die von Sr. Königlichen Majestät gethancn Versichenrngec 
nicht zum Schein (wie hier angeführet wird) gegeben worden, auch nicht oknc 
£ffect gewesen; Se. Königliche Majestät haben ja die Grossherzogin ab Königin 
erkannt und sich offerieret, die pragmatische Sanction mit ihrer ganzen flacht 
zu garantieren, wenn sonst der Königin von Böhmen Majestät deroselben w^en 
Dero gerechten und offenbaren Prätension billige Satisfaction zu geben sieb 
hätten entschliessen wollen. 

3) Dass Churbrandenburg ein böhmischer Vasallus wegen anderer Länder ist 
solches hindert gar nicht, dass Sc. Königl. Majestät, als Herzog zu Liegnitz- 
nicht sollten gegen den Dominum directum, welcher legem delaüonis violieat 
und ohne Denunciation dem Churhaus Brandenburg sein Eigentlium gewalt 
samer Weise entzogen hat, ihr Recht vindicieren können. 

4) Es ist schon gezeiget worden, dass in dem gegenwärtigen Fall, insonderheit 
nachdem die Königin von Böhmen die schuldige Satisfaction versaget hat. t^ 
keiner Declaration auch nach dem allgemeinen Völkerrecht gebraucht habe. 

Der König schickte zwar den Grafen Götter mit einigen Propositionen nach 
Wien*); ehe aber dieser allda angekonunen, rückte die Armee wirklich in di.' 
beede schlesische Gränitz - Fürstenthümer Glogau und Sagan ganz unversehens 
ein. Man publiciertc brandenburgischer Seits, um sowohl die Landesinwohner al< 
die auswärtige Mächten irre zu machen, in allen Städten und Dörfern ein ver. 
Stentes Patent, in welchem man versicherte, dass die Einrückung der preussiachen 
Truppen nur zur Sicherheit des Landes Schlesien mid der eigenen brandeir 
burgischen Staaten abzielete, und dass man in dem Begriffe sei, sich darüber mir 
der Königin in Hungam und Böheim zu verstehen. Ja man nähme in denen s" 
verschiedene auswärtige Höfe erlassenen Schreiben den allmächtigen Gott mehr 
als einmal zum Zeugen, dass man die Königin von Böheim keinesw^s zu beleidig«'i> 
oder Ihr nachtheilig zu sein gedenke'); zu gleicher Zeit suchte man andere Hot'- 
gegen die Königin von Hungam xmd Böheim dadurch zu gewinnen, dass man 
ledem auf eine andere Art voi^ebildet. Höchsterwähnte Königin habe sich bereit-s 
durch Bündnisse wider ihr Interesse eingelassen; denn so gab man bei Engeland 
vor, dass mit der Krön Frankreich eine Allianz geschlossen sei, Frankreich hin- 
gegen suchte man zu überreden, als wenn das Bündniss mit Engeland und Holland 
gegen die Krön Frankreich bereits seine Richtigkeit habe"). 


Beantwortung der Gegemnformation. 1741. 145 

1) £b dürfte der Königin von Böhmen Majestftt vielleicht noch gereuen, dass sie 
die avantagense propositioneB , welche der ObennarBchall Graf von Gotter zu 
thun instroieret war, nicht annehmen, sondern die Sache auf die Spitze des 
Degens setzen wollen, wodurch die künftige Satis&ction nur schwerer gemachet 
werden durfte. 

2i Wie unbillig diese verbitterte Imputationes sein und wie wenig Grund die> 
selben haben, kann nicht besser als aus dem Verfolg der Sachen selbst gezeiget 
werden. 

Gleich nach dem Tode des glorwürdigsten Kaisers Caroli VI. gaben sich so 
viele Prätendenten zu der böhmischen Krone und derselben incorporierten 
Heizogthum Schlesien an, dass nicht ohne Ursach zu befürchten war, einer oder 
der andere würde sich dieser Länder durch die Waffen bemächtigen. 

Weil nun Se. Königl. Majestät auf zweifache Art hiebei interessieret waren, 
indem dnen Thdls Dero in Schlesien belegenes Herzogthum Crossen die 
Barri^e von ihren märkischen Ländern ist, andern Theils Se. Königl. Majestät 
ein incontestables Recht auf vier schlesische Herzogthümer haben, welche sie 
finer firemden Gewalt nicht exponieren lassen konnten etc., so haben Se. Königl. 
Majestät in diesem Frangenti nöthig gefunden, zur Sicherheit ihrer Barriere 
sowohl als zur Conscrvation gedachter vier Herzogthümer, und damit dieselbe 
nicht in einer andern Puissance Hände gerathen möchten, einige Truppen in 
Schlesien einmarschieren zu lassen, in der Intention, die übrigen der Durch- 
lauchtigsten Erzherzogin zustehenden Herzogthümer zugleich wegen Sr. Königl. 
Majestät dabei habenden eigenem Interesse gegen alle feindliche Anfälle zu 
schützen. 

Und dieses ist anfänglich die wahre und aufrichtige Absicht Sr. Königl. 
Majestät gewesen, welche daraus offenbar am Tage liegt, weil Sie, wie aller 
Welt bekannt ist, nicht die geringste Feindseligkeit im Lande ausüben, sondern 
ihre Armee alles mit baarem Gelde bezahlen lassen. 

Se. Königl. Majestät haben Dero Intention und warum Sie bei denen an- 
scheinenden gefahrlichen Umständen den Marsch ihrer Truppen präcipitieren 
müssen, dem Marchese Botta noch vor der Einrückung in Schlesien eröffiiet? 
aach in Wien durch Dero damals dort subsistierendcn Minister beides melden 
und anzeigen lassen. 

Und weil Se. KönigL Majestät von Dero aufrichtigen Neigung dem wiene- 
rischen Hof noch eine convainquantere Marque geben wollten, so haben Sie 
Dero Obermarschall, Grafen von Gt)tter, dahin besonders abgeschickt, die Ur- 
sachen der Einrückimg ihrer Truppen in Schlesien naher vorzustellen, wobei 
sie denselben zugleich instruieret, auf einer Seite gedachtem Hofe verschiedene 
auf gutes Vernehmen abzielende höchst avantageuse Propositiones zu thun, 
Mf der andern Seite aber auch demselben zu insinuieren, dass man sich wegen 
der auf einige schlesische Herzogthümer habenden Prätension mit der Königin 
von Böhmen Majestät gerne vernehmen wollte; femer war derselbe instruieret, 
die Jura des Churhauses auf Schlesien dem wienerischen Hofe und dass denen- 
^hen zum Präjudiz des Hauses nicht hatte renuncieret werden können, vorzu- 
stellen, anbei zu melden, dass solches durch eine unter Händen habende 
Deduction gezeigt werden sollte etc. Anstatt nun, dass der wienerische Hof 
die angeführte Ursachen der Einrnckung in Schlesien goutieren und die Prä- 
^oiakmes auf dieses Herzogthum anhören, auch die avantageuse Vorschläge, 
wodurch gedachten Prätensiones zu beider Theile Vergnügen abgethan werden 
k<>imen, examinieren, einfolglich sich in eine gütliche Handlung einlassen sollen, 
l*'«»»)«!« StaatMchriflen. I. 10 


X46 ^^^ preoBsiflchen Ansprüche auf Schlesien. 

so hat man doch von diesem Allen nichts hören wollen, sondern vor der Huid 
alle gütliche Handlang verworfen und zugleich frei declarieret, daas man aller 
diesseits angebrachter guten und freundschaftlichen Versicherungen ohngeachtet 
den König von Preussen, so lange er in Schlesien verbliebe, ab einen Femd 
tractieren und ansehen würde. 

Se. KönigL Majestät haben Sich von Ihrer friedfertigen Intention durch 
dieses widrige und harte Ver&hren nicht abwenden lassen, sondern den tod 
vorgedachten Ministris abgeschickten Kri^srath Kircheisen mit einer näheren 
Instruction znrückgefertiget, auch zugleich Dero Ministris befohlen, dem wiene- 
rischen Hofe Raisons vorzustellen, warum dieselbe keine Ursache hätte, die 
gütliche Prospösitiones haut ä la main zu verwerfen etc. Es hat aber diese 
Vorstellung so wenig Platz gefunden, dass man nicht allein durah eine in 
harten Terminis abgefasste schriftliche Resolution alle gütliche Handlasg» 
vor der Faust abgeschlagen, sondern zugleich declarieret hat, dass man zu allen 
Extremitäten schreiten und le tout pout le tout hazardieren würde. 

Ja man hat auch von denen obiter gethanen Propositionen selbst den 
übelsten Gebrauch gemachet, indem man dieselbe auf eine zerstümmelte und 
verfälschte Art, um andere Puissanccn darüber in Argwohn und in den Haniifch 
gegen Se. Königl. Majestät zu bringen, denen öffentlichen gedruckten Zeitangs- 
blättem wider alle Probität inserieren lassen. 

Da nun Se. KönigL Majestät die Nachricht erhalten, dass man kehie Pro- 
positiones anhören noch sich in einige Handlung einlassen wolle, sondern auf 
eine fiöre Art sich erkläret habe, die Sache durch die Waffen auszuführen, ao 
änderte sich freilich die ganze Face derer Affairen und Se. Königl. Majestät 
fanden sich wider ihren Willen genöthigct, von dieser Zeit an diejenige Mesoics 
zu nehmen, welche man gegen einen declarierten Feind zu nehmen berechtiget 
ist und sahen sich also gemüssiget, diejenige Fürstenthümer feindlich anzu- 
greifen, zu deren Beschützung sie zum Theil die Waffen eigriffen hatten. 

Bei diesen angefuhreten Umständen lasset man die ganze unparteiische Welt 
urtheilen, ob das Patent, worinnen man versichert, dass die Einrückung der 
preussischen Truppen nur zur Sicherheit des Landes Schlesien und der eigenen 
brandenburgischen Staaten abziele, eine Verstellung gewesen, und ob es nicht 
eine offenbare Wahrheit sei, dass man sich mit der Königin von Böhmen 
Majestät darüber habe vernehmen wollen. 

Dieses ist gewiss, dass Se. KönigL Majestät ninuneimehr haben glaubeo 
können , dass der wienerische Hof auf die angeführten Ursachen nicht allein 
nicht reflectieren, sondern auch die Propositiones, welche die königliche Mui»tri 
zu beider Theile Avantage zu thun instruieret waren, nicht einmal anhon'o. 
sondern zuvorderst auf eine vorgängige Abführung Dero Truppen aus Schlesien 
bestehen, eventualiter aber den Krieg androhen würde. 

8) Man ist von dem wienerischen Hofe schon gewohnet, dass er dergleichen g^ 
hässige Beschuldigungen überall zu insinuieren suchet, und ist versichert, daa^ 
er nimmermehr im Stande sein werde, dasjenige, was der Ver&sser so hanÜ* 
mcnt dahin schreibet, wahr zu machen. 

Indessen Hesse man die Hostilitäten in Schlesien wirklich für sich gehen. 
auch alles, was nur Feindliches geschehen könne, weltbekanntermassen betreiben *u 
und man konnte anderwärtig nicht ehender begreifen, was für Prätensiones nach 
solennen Verträgen der König in Preussen an diesem armen Land möglicher Dingt« 
formieren möchte, bis man endlich churbrandenburgischerseitB in einem anzuger 


Beantwortung der Qegeninformation. 1741. 147 

liehen Lnpreaso unter dem Namen Rechtsbegründ et es Eigenthum des könig- 
lichen ChurhanaeB Prenasen und Brandenburg auf die Herzogthümer und Fürstenthfimer 
Jagemdox^ liegnitz, Brieg, Wohlau und zugehörige Herrschaften in Schlesien der 
Welt kund getiian, dass man die alte vermeinte und schon l&ngst abgethane 
IHtensioneB auf die Färstenthümer Jägemdorf, Liegnitz, Brieg und Wohlau, nicht 
minder auf die ficrrachaften Oderberg und Beuthen wiederum au&uwärmcn und, 
unter diesem Blendwerk, fremden Guts und, wegen ungegrundeter Prätensionen auf 
einige Fnistenthümer, des ganzen Landes sich zu bemächtigen gedenke'). 

1) Es haben Se. Königl. Majestät nicht die geringsten Hostilitäten verüben lassen, 
80 lange noch Hofihung gewesen, dass der Königin von Böhmen Majestät der 
Billig- und Grerechtigkeit würden Platz geben. Nachdem aber dieselbe ge- 
sehen, dass man alle gethane billige Vorschläge auf eine hautaine Art ver- 
worfen, die Assistenz derer garans der pragmatischen Sanction (welche doch 
mit dieser Privatprätension nichts zu thun hat) verlanget, eine Armee zusammen- 
gezogen etc., so haben Se. Königl. Majestät endlich zur Defension ihrer Ge- 
rechtsame diejenige Mesures, welche in einem rechtmässigen ELrieg zwischen 
zweien Souveränen gebräuchlich sein, an die Hand nehmen und durch die 
Waffen ihre SatisÜEU^tion und Sicherheit suchen müssen. 

2) Die Prätension des Churhauses Brandenburg hat dem wienerischen Hofe nicht 
unbekannt sein können, weil schon dem Marchese Botta in Berlin vor der £in- 
räckung Ouvertüre davon geschehen und solche nachhero von dem Graf Grotter 
zu vielen Malen wiederholt worden, welcher zugleich in specie instruieret ge- 
wesen, die Ursachen anzuzeigen, warum die derselben zuwider gemachte Ver- 
träge und gethane Renunciationes ungültig sein; weil aber der wienerische 
Hof gar nichts von einiger Handlung hören wollte, so ist dessen Schuld, dass 
er sothane Ursachen nicht eher als aus der gedruckten Deduction ersehen. 

Im übrigen haben Se. Königl. Majestät niemals die Intention gehabt, sich 
des ganzen Landes zu bemächtigen, sondern blos ihr £igenthiun gegen alle 
fremde Prätendenten zu schützen; nachdem aber der wienerische Hof Se. 
RönigL Majestät für einen Feind declarieret und denselben mit Gewalt zu delo- 
gieren bedrohet, so kann Deroselben nicht verdacht werden, dass sie jure belli 
alles dasjenige occupieren, was Ihrem Feinde zugehöret. Es ist bekannt, dass 
die aoquisitiones bellicae pro justo dominii titulo inter gentes gehalten wer- 
I den; unterdessen sein Se. Königl. Majestät dennoch jederzeit bereit, sich mit 
I der Königin von Böhmen Majestät auf eine billigmässige Art zu vergleichen. 
Wobei man dem wienerischen Hofe wohl zu überlegen anheimgiebt, dass, 
wenn man sein Recht geltend machen wollte, ganz Niederschlesien nicht zu- 
reichend sein dürfte, Se. Königl. Majestät und Dero königliches Chur- und 
iDaricgräfiiches Haus wegen aller an der Königin von Böhmen Majestät haben- 
den rechtlichen Anforderungen zu satisfacieren und sie deshalb schadlos zu 
halten. 

Kon will man zwar hier nicht examinieren, sondern der vernünftigen Welt zu 
^^en überlassen, ob dieses unter gesitteten Völkern geschweige in der Christen- 
i^t die Art sd, seine Prätensionen geltend zu machen , da man, ohne sich gegen 
^ Souveräne des Landes oder die ihrigen im mindesten zu äussern, ja gegen die 
^*te Veiaicherungen ganz unversehens in ein von Truppen entblösstes Land 
i^t einem starken Kriegsheer einfallet und darinnen alles gewaltthätig occupieret '). 
'W solche Weise sind die Puissancen bei ihren Staaten niemalen sicher und man 
^^^ ach von selbst gar leicht den Schluss fassen, was über kurz oder lang andere 

10* 


148 ^6 preuflsischen Ansprüche auf Schlesien. 

Nachbarschaften von einem solchen Unternehmer zu gew&rtigen haben; denn wem 
die hftafige Pr&tensiones des Ghurhauses Brandenbarg bekannt sind, muss notfa- 
wendig daraus schliessen, dass in Teutschland £ast niemand einige Sicherheit ba 
dem Seinigen haben könne, wenn der König in Preussen gegen alle BeichssatEimgeD 
und Ordnungen, in welches Land es ihm nur gelüstet, mit zahlreicher Biannschaft 
einzubrechen und wenn er darinnen fest zu sein glaubet, mit alten nichtigen und 
allschon abgethanen Pr&tensionen aufisutreten wagen darf'). Es mangelt leider 
an Leuten nicht, die gleich fertig sind, Befugnisse und Gerechtsame denen grossen 
Herren auf Länder ihrer benachbarten vorzubilden, und so unstandhaft ihre Aus- 
führung auch ist, dieselbe nach Möglichkeit au&uputzen. Wenn nun dieses zu 
einem feindlichen EinfiBdl in eines andern Land genugsam sein soUte, so ist es um 
Frieden und Ruhe in Teutschland geschehen'). 

1) Es ist schon vorhin gezeigt worden, dass man dem Marchese Botta vor der 
Einrückung Nachricht von denen Ursachen, welche Se. Königl. Majestät be- 
wogen, ihre Truppen in Schlesien einrücken zu lassen, ertheilt habe und dass 
man also nicht ohnversehens eingerücket sei ; man hat auch schon angefuhret 
worin die Versicherungen bestanden und dass man bei denenselben die achleeiache 
Angelegenheit nicht vergessen habe. 

Im übrigen ist es in facto irrig, dass Se. Königl. Majestät in Schlesien ein- 
gefallen und darin alles gewaltthätig occupieret haben, Sie sein mit lauter fried- 
fertigen Gedanken zu ihrer Länder und ihres Rechtes eigenen Sicherheit in 
Schlesien eingerückt und haben nicht die geringste Feindseligkeit darin au^ 
geübt, bis die Conduite des wienerischen Hofes Sie darzu genöthiget hat 

Wenn aber Se. Königl. Majestät auf eine feindliche Art in Schlesien ein- 
gefallen und dasselbe gewaltthätiger Weise, ohne das geringste zu melden oder 
einige Propositionen zu thun, occupieret hätten, so kann sich das Erzfaass 
Oesterreich nicht darüber beschweren, weil dasselbe ehemals das Herzogtbuoi 
Jägemdorf, gleichfalls ohnversehens (wie unten mit mehrerem erwiesen wer- 
den soll), mit gewaffeneter Hand überfeillen, die grausamsten Hostilitäten aas- 
geübt und die Stände der Krön Böhmen zu huldigen gezwungen, mithin da:* 
ChurhauB Brandenburg seines Eigcnthums beraubet Die Herzogthümer Liegnitz. 
Brieg etc. aber hat man zu einer Zeit occupieret, da der Churfürst mit seiner 
Armee am Rhein stand und die Krön Schweden in die Churmark eingefiftli<^i 
war. Daher muss ja auch nach denen natürlichen Rechten das Erzhaas gcgo» ' 
sich gelten lassen, was es damals vor sich billig gefunden. i 

Man kann hardimcut behaupten, dass, wenn man diesseits auch nicht das! 
geringste Recht an diese Länder hätte und alles vi et fiicto wäre vorgenonuneo 
worden , man jetzo mit eben so gutem Recht Schlesien besitze, als die Kroa 
Böhmen tempore occupationis dasselbe besessen hat, so dass man sich einaniitr 
nichts vorzuwerfen haben würde. 

Und wenn man schliesslich den titulum derer Könige von Böhmen über dia 
meisten Herzogthümer in Schlesien genauer examinieren wollte, so dürfte ach 
finden, dass deren keines vorhanden, welches nicht, wenigstens quoad domi* 
iiium utile , durch Gewalt oder durch List der Krön Böhmen einverieibel| 
worden, wie solches das markgräfliche Haus Brandenburg in einer besondenü 
Deduction, insonderheit occasione derer Herzogthümer Oppeln und Ratibor^ 
zeigen wird. 

2) Gleichwie keine Puissance in und ausser dem Reich ist, welche mit einer ^ 
offenbaren Gkwaltthätigkeit dem Ghurhaus Brandenburg sein ESgenthuxn eni- 
zogen hat, also hat auch keine Puissance dieserwegen etwas von Sr. Köuip 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 149 

Majest&t zu beüeihren. Wiewohl dieselbe ohne dem sich von selbst bescheiden, 
dasB Sie üi dem Beich ein Oberhaupt haben, welchem Sie die Entscheidung 
ihrer Angelegenheiten, von welcher Natur dieselben sein mögen, überlassen 
mdasen. Dahero sind alle die so gehässige und auf diesen Casum nicht appli- 
cable InsinuationeB ohne Grund und muss der Ver^Ebsser der Gegeninformation 
das GhuihaoB Brandenbui^ nicht nach denen Principüs des Erzhauses Oester- 
reich judicieren. 
3) Dum es an Leuten nicht ermangele, welche Gerechtsame auf Länder ihrer 
benachbarten zu fingieren suchen, ist leider mehr als zu wahr und dürfte sich 
in dem Verfolg zeigen, dass man sich eben dieserwegen über das Erzhaus 
Oesterreich auf das äusserste zu beschweren Ursache habe. 

Man gedenket sich auch bei der anzüglichen Schreibart des Ver&flsers des 
aogenannten Bechtsgegründeten Eigenthums nicht viel aufisuhalten, massen die ehr- 
bflie Welt von selbst verabscheuen wird, dass derj Autor die glorreicheste und ge- 
rechte Kaiser Ferdinandum I. und Leopoldum und ihr Ministerium theils einer 
Ungerechtigkeit, theils einer Arglist und Gefährde zu beschuldigen sich nicht ent- 
färbet^), sondern nachdem dieser Verfasser die zur Sachen Begriff hauptsächlich 
nothige Umstände theils verschweiget, theils anders als sie sich verhalten, anführet, 
die mehresten ziun Werk dienenden Urkunden aber entweder nicht bei der Hand 
gehabt oder mit Fleiss vertuschet und hierdurch gar leicht bei denenjenigen, 
welche sich in denen böhmisch- und schlesischen Geschichten nicht so genau um- 
gesehen haben, irrige Gedanken erwecket haben dürfte*). 

So findet man der Nothwendigkeit zu sein, der ganzen Sachen Verhalt der 
(rerechtigkeit liebenden Welt vor Augen zu legen und so aufrichtig zu Sassen, dass 
kein Wort geschrieben werde, welches man nicht durch Acta und durch die alle- 
xeit mit Oiiginalien bewähren könnenden Urkunden zu bestärken vermöge *), 

1) Es bat der Verfasser der Gegeninformation gewiss keine Ursache, sich über 
Anzüglichkeiten zu beschweren; es sein einige Facta (welche ohnedem nicht 
sowol denen Landesherren als denen Ministris zu imputieren sein) dergestalt 
beschaffen, dass man dieselbe ohnmöglich bemänteln könne und daher solche 
Worte gebrauchen müssen, welche den Nachdruck der Sachen recht exprimieren, 
anbei in denen Bechten erlaubt sein; und hierunter gehören die Facta derer 
Kaiser Ferdinandi und Leopoldi. 

Bfan hat vielmehr Ursache sich über den Verfasser zu beschwören, welcher 
mit Hintenansetzung aller Consideration vor Sr. KönigL Majestät Person und 
wider die Wahrheit dieselbe beschuldiget, dass sie auf eine unter gesitteten 
Völkern, geschweige in der Christenheit unerhörte Art wider alles Natur- und 
Völkerrecht, wider die Fundamentalgesetze des Reichs und NB. den verpönten 
Landfrieden einen unvermutheten, gewaltsamen, unverantwortlichen Ein&U ge- 
than hätten etc. 

2) Wer von beiden Ver£ftssem die zur Sache hauptsächlich dienenden Umstände 
verKhwiegen oder anders als sie sich verhalten, angeführet habe, solches wird 
sich ans dem folgenden an den Tag legen. 

3) Man wird der Grerechti^eit liebenden Welt vor Augen legen , dass der Ver- 
gaser der G^eninformation kein Wort geschrieben, welches nicht dem wahren 
^nn der Acten und Originalien zuwider läuft und dass das Hauptdocument, 
woraus sich diese Gegeninformation intuitu derer Herzogthümer Liegnitz, Brieg 
Qod Wohlau etc. gegründet, niemals originaliter existieret habe und alsdann 
wild man von der gerühmten Aufrichtigkeit am besten judicieren können. 


150 ^c preusBiBcheii Ansprüche auf Schlesien. 

Damit aber der Leser eines gegen dem andern desto leichter combinieren könne^ 

so wird man das Werk in eben der Ordnung wie der Verfasser des sogenaimteD 

rechtsgegründeten Eigenthums abhandeln und jede vermeinte Prätension in emem 

eigenen Capitel besonders untersuchen^). 

1) Man wird diese Ordnung gleichfalls beibehalten und die in dieser Gregeninfor- 

mation angeführten Beweisthümer mit dnigen Remarquen b^leiten. 


Capitel L 

Von der vermeinten churbrandenburgischen Prätension auf da« 

Fürstenthum Jägerndorf. 

Gegen in Formation. §. 1. Es setzet der Verfiisser zu seinem vcnneint' 
liehen Grund voraus, es hätte König Ludwig zu Böheim dem Markgrafen Geoig 
überhaupt bewilliget, sich in Schlesien anzukaufen, und zwar dergestalt, dass er 
die anerkaufte Lande als pur eigenthümliche Erbstücke mit der Freiheit beatmen 
möge, solche eigenem Gefallen nach wiederum zu veräussem und damit als seinem 
Eigenthum zu schalten und zu walten'). 

Beantwortung. 1) Der Yer&sser des rechtsg^ründeten Eigenthums hat des 
Königs Ludwig Concession dieserwegen zum Grund gesetzet, weil er dem 
Markgraf Georg darin die Macht g^eben, Güter in Schlesien, anzukaufen und 
damit nach seinem Gefallen zu thun und zu lassen, und dieser Grund ist allein 
genug, zu erweisen, dass der Markgraf und seine Erben dieses Herzogthnm 
als ihr Eigenthum zu veräussem beftigt gewesen. Lit A. 

Wann aber auch dieses Privilegium nicht existierte, so würde dennoch aus 
der Natur und Eigenschaft der schlesischen Herzogthümer folgen, dass die 
Posseasores damit als ihrem Eigenthum, salvo jure feudi, haben schalten und 
walten können. Wie dann auch insbesondere die Herzoge von Jägemdorf diese 
Macht beständig beibehalten haben, welches nunmehro weiter gezeigt werden soll 

Man setzet 1) voraus, dass die Herzoge in Schlesien, ehe sie sich der Krön 
Böhmen submittieret, souveräne Fürsten gewesen, welche ihre Länder erblich 
besessen und nach Gefallen davon haben disponieren können, auch wirkMch 
davon disponieret haben, indem sie das Dominium directum über ihre Ffinten- 
thümer der Krön Böhmen gutwillig zu Lehen offerieret (Vid. infr. cap. 2, § 1) 

Gleichwie nun 2) diese Vasallen alle ihre vorige Grerechtsame, obschon nur 
jure dominii utilis, exercierten, also folget nothwendig, dass ihnen auch das ju3 
disponendi vorbehalten geblieben, weil sie sich alle ihre Gerechtsame und 
Freiheiten, die sie vorher gehabt und von ihren Eltern auf sie gekommen^ 
ausdrücklich reserviert haben. 

Unter diese erbliche Fürstenthümer gehöret 3) Troppau (wovon Jägemdorf 
ein Antheil ist), welches Nicolaus IL der Krön Böhmen freiwillig zu Lehen 
offeriert hat (Lucae Chron. pag. 734), und welches dergestalt erblich geweseui 
dass auch die Töchter darin succedieren können, wie bald gezeiget werden solK 

Wie nun 4) die Herzoge von Troppau ihr Land getheilet und dem Herzog 
Nicoiao V. das Fürstenthum Jfigemdorf zugefallen (Lucae Chron. pag. 752). 
derselbe aber ohne männliche Erben verstorben, hat König Uladislaus dessen 
Fürstenthum (ohngeachtet noch eine Tochter und Bruderskinder vorhanden 
waren), als ein der Krön ange&llenes Lehen angesehen und solches dem 
Johann von Schellenberg und dessen männlichen Erben anno 1493, NB. ^ 
einem rechten erblichen AufaU, einfolglich zu einem feudo mere haereditariot 


Beantwortung der Q^eninfonnation. 1741. 151 

wiedemm verliehen. (Vide den in der Gegeninformation sab No. 3 angeführten 
Lehenbrief.) 

Dieser Johann von Schellenbexg hat 5) seinem Sohn Georg (welcher des 
letztem Herzogs zu Jftgemdorf Tochter geheirathet (Lucae Chron. pag. 752), 
dieses Fürstenthom abgetreten, anbei den König Uladislaom gebeten, 

dass, weil sein Sohn Georg etliche Fürstenthümer in Oberschlesien inne 

hatte und derer Fürsten von Troppau Schwester Tochter geheirathet, der 

König gedachtem seinem Sohn Georg die Freiheiten, welche die Fürsten 

von Troppau genossen und gebraucht haben, confirmieren möchte etc. 

Uladislaas coi^rmierte in genere alle Privüegia, welche die Fürsten von Troppau 

gehabt haben und bestätigte unter andern dem Georg, NB. seinen Söhnen und 

Nachkommen die Gerechtigkeit, dass, wenn sie ohne Manneserben sterben, 

das weibliche Geschlecht gleich wohl erben möge als die Manneserben, als 

aach dieselbe Fürsten solche Freiheit bis auf den heutigen Tag gebrauchen, 

Ldt B.; woraus wiederum offenbar erhellet, dass dsfl Fürstenthum Jägemdorf 

ein rechtes und wahres £rblehen sei, in welchem nicht allein die Frbeu, sondern 

aach auf die Nachkonunen, männlichen mid weiblichen Geschlechts, succedieren« 

Es hat 6) die SchellenbergiBche Familie, welche dieses Fürstenthum als 

Feodnm mere haereditarium besessen, solches anno 1523, den Montag nach 

Ascensionis, dem Markgraf Georg zu Brandenburg, mit allen seinen Rechten 

zu einem rechten, crkäiuflichen Erbeigenthum verkauft Lit C. 

Und weil 7) der Markgraf in diesem Contract in specie verlanget, dass der 
Georg von Schellenberg auch seiner Söhne Einwilligung beischaffen sollte ; so 
wQide anno 1524 ein neuer Kaufcontract ausgefertiget, worin der Vater und 
die Söhne gedachtem Markgraf dieses Herzogthum wiederum als ihr Erb- und 
Eigengut zu rechter Erbschaft verkaufen. Lit D. 

Der Bfarkgraf erhielt 8) drei Tage vor dem ersten Kauf, nämlich dem 
Freitag nach Ascensionis 1523, einen Generalconsens, dass er Lehen- oder 
Erbgüter in Schlesien an sich bringen möchte und zwar mit dieser notablen 
Clansel, NB. dass er damit nach Geßdlen thun und lassen könnte, für den 
König und dessen Nachkonunen ungehindert Vide Lit. A. 

Gleichwie nun 9) der Markgraf die facultatem disponcndi über dieses Herzog- 
ümm ans der Natur und Eigenschaft der schlcsischen Lande, aus dem Schellen- 
beigischen Kaufbrief und aus der königlichen Confirmation und Concession 
erhalten, also hat er euch auch nachhoro beständig auf diesen erblichen Kauf 
becogen, denn als der Markgraf Georg anno 1526 bei dem König Ludwig um 
Verleihung der in dem Fürstenthum Jägemdorf belegenen Herrschaft Freuden- 
thal Ansuchnng that, führte er die Ursache an, weil er das Fürstenthum 
JSgemdorf, wie es weiland die Fürsten zu Jägemdorf inne gehabt, von dem 
von Schellenberg erblich erkauft hätte; es hat also der König Ludwig von 
diesem erblichen Kauf Nachricht gehabt und so wenig dargegen zu sagen ge- 
finiden, dass er vielmehr gedachtem Markgrafen, seinen Erben und Nach- 
kommen und allen Inhabern des Fürstenthums (mithin gleichfalls mit der fiacul- 
tate alienandi) die Herrschaft Freudenthal verliehen hat (Vid. Beilage zur 
Oegeninfbrmation sub No. VI.) 

Es hat auch 10) Kaiser Ferdinand nicht allein dieses letztere Privilegium 
anno 1532 confirmieret (Dict No. VI), sondern es hat auch eben derselbe ELaiser 
uino 1557 nach Absterben des Markgrafen Georg, dessen Sohne Georg 
Friderieh, seinen Erben und NB. Erbnehmen die ausgebrachte Begnadigung 
^ darauf erfolgte Confirmation, von dem König Ludwig über das Fürsten- 


X52 ^6 preuasiflchen Anspräche auf öchleaieii. 

thum Jägemdorf in Schlesien ausgangen, NB. mit Rath und Bewilligang 
der Stande au& neue bestätiget Lit E. 

Worauf dann 11) dieser Herzog Georg Friderich in eben demselben Jahre deu 
Lehenseid dahin abgeschworen, dass er von wegen dieses Fürstenthums Jägero- 
dorf in allermassen wie die VorfiEihren, Fürsten desselben, solches inne gdiabt, 
genossen und gebraucht, auch nach Markgrafens Georg Absterben NB. eibHch 
auf ihn gekommen und von der Krön Böhmen zu Lehen rühret etc. getreu 
und gewärtig sein und alles dasjenige thun wolle, das getreue Lehensfoisten 
und andere Fürsten in Schlesien zu thun schuldig sdn etc. Lit F. 

Von diesem Herzogthum 12) nun, welches originarie dn wahres Erfo- and 
Eigenthum gewesen, so dem von Schellenberg zu einem rechten erblichen An- 
fall von denen Königen in Böhmen verliehen und naclihero dem Markgrafen 
Georg zu einem rechten erkäufiichen Erbeigenthum verkauft worden, woiüb<Y 
der Markgraf ausserdem ein besonderes Privilegium erhalten, nach Ge&Ueo 
damit zu thun und zu lassen etc. von diesem Herzogthum sage ich, hat der 
letzte Possessor Georg Friderich disponieret und per donationem mortis causa 
solches auf den Churfursten von Brandenburg, Joachimum, transferieret, aacb 
in dem Eingang der Donation sein Recht darüber zu disponieren, mit Anfuhning 
aller jetzo berührter Umstände, vorausgesetzet (Vid. Beilage zur G^geninfbr- 
mation sub No. XI.) 

Nach Absterben des Markgrafen Georg Friderichs zu Brandenburg and 
Herzogen zu Jägemdorf hat 13) Churfürst Joachim anno 1603, nach Anleitang 
der vorgemeldeten Donation dieses Fürstenthum ohne jemandes Wider^nich 
occupieret und 14) die Huldigung von den Ständen eingenommen ; auch 15) die 
Regierung mit jedermanns Vergnügen drei ganze Jahre ruhig durch seine 
Räthe geführet 

Weil aber 16) die Stände einen Prinzen vom Hause bei sich zu haben ver- 
langet, so hat der Churfürst seinem zweiten Sohn, Johann Georg, dieses 
Fürstenthum zu seinem Unterhalt reservatis juribus Domus Brandenbu^cae 
eingegeben und dass solches geschehen, Sr. Kaiserl. Majestät berichtet. 

Es hat auch 17) der Markgraf anno 1607 sich in Jägemdorf eingefmidcn 
und seine Ankunft dem Kaiser zu wissen gethan, auch sich zur persönlichen 
Aufwartung offeriret 

Er hat 18) die Huldigung anno 1607 den 12. Februar von den Stfixiden du* 
genommen und ist 19) von dem Bischof von Breslau auf den Furstentsg ver- 
schrieben worden, woselbst er auch persönlich erschienen, Seasionem genommeu 
und Votum geführet. 

Und bb hiehcr ist 20) dem Churfursten und dessen Sohn nicht die genog^f 
Quästio movieret worden, bis endlich Kaiser Rudolphus, unter allerhand tm- 
gegründetem Von^'^and, die von dem Churfursten zum Ueberfluss gesachte 
Confirmation anno 1607 versagete, wiewohl das Churhans alle die angeführte 
Gründe widcrlegete und nach wie vor in ruhiger Possession verblieb. 

Die Könige von Böhmen movicrten sich 21) auch weiter so wenig, daas «e 
vielmehr den Markgrafen Georg Friderich NB. ab Herzog von Jägcndoii 
wegen Restitution derer Herrschaften Oderberg und Beuthen, durch den b5h- 
mischen Fiscal bei dem schlesischen Oberrecht in Anspruch nehmen liesseu. 
woselbst er anno 1617 und 1618 zur Restitution dcrerselben (wenn ihm zu- 
vorderst das Wiederkaufspretium nebst denen Meliorationen restituieret win* 
condemnieret worden, woraus ja offenbar erhellet, dass der böhmische Ober- 
landshauptmann, das Oberrecht und der böhmische Fiscal den Posseasorem al< 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 153 

rechtm&Bsigen Besitzer des Herzogthoms Jägemdorf agnosciert und ihm die 
Restitution des Pfandschillings und der Meliorationen zuerkannt haben, welches 
ja nicht hätte geschehen können, wenn der Markgraf keinen Titulum zu diesem 
Herzogthum, mithin zu diesem P&ndschiUing und Meliorationen gehabt hätte : 
ond diese Sentenz ist notanter gegen ihn unter der Rubrik Markgraf zu 
Brandenburg und Herzog zu Jägemdorf publicieret worden. 

Es würde auch 22) das Erzhaus Oesterreich sich wohl nimmermehr unter- 
standen haben, dem Churhause dieses Herzogthum wegzunehmen, wenn es nicht 
anno 1621 die Grelegenhdt gefunden, unter dem Prätext der gegen den Mark- 
graf Greorg Friderich ergangenen Achtserklärung, das Land ohneracht aller 
£Bst von dem ganzen Reich geschehenen Vorstellung mit gewaffiieter Hand zu 
occupiereu, wovon die sub Lit G. beiliegende Relation Nachricht geben 
kann etc. 

Es ist 23) bei dem dieserwegen zu Leipzig gehaltenen Convent unter denen 
Interessenten in Vorschlag gekommen, ob man nicht durch die Waffen sich 
Recht schaffen sollte; weil aber das Erzhaus Oesterreich damals occasione der 
böhmischen Unruhe in einer mächtigen Verfassung stand, so femd man solches 
nicht de tempore, sondern man musste es auf Negotiationes ankommen lassen, 
welche aber bis auf diese Stunde ohne Effect geblieben. 

Da nun 24) aus dem Angeführten offenbar erhellet, dass a)' die schlesische 
Herzogthümer ihrer Natur nach erblich und alienable sein, b) dass der von 
^hellenberg überdem insbesondere das Herzogthum Jägemdorf als einen 
rechten erblichen Anfall vom König in Böhmen erhalten und dessen Sohn die 
vorhin demselben angeklebte qualitatem feudi promiscui vor sich, seine Erben 
und Nachkommen erlanget, c) dass der von Schellenberg und seine Söhne 
dem Markgraf Georg zu Brandenburg dieses Herzogthum zu einem rechten 
erbkauflichen Erbeigenthmn und als sein Erbe und eigen Gut zu rechter Erb- 
schaft verkauft, d) dass der König Ludwig dem Markgrafen Georg, als er 
diese Lande wenig Tage zuvor gekauft hatte, ein Generalprivilegium er- 
theilet, in Schlesien Lehen- oder Erbgüter anzukaufen und damit NB. nach 
Gefiülen zu thun und zu lassen, e) dass der König Ludwig, nachdem ihm bei 
einer andern Gel^enheit 'dieser erbliche Kauf nochmal vorgetragen worden, 
nicht allein nichts dagegen movieret, sondern vielmehr dem Markgraf seinen 
Erben, Nachkonunen und allen Inhabern des Herzogthums die Herrschaft 
Freadenthal dazu verliehen habe, f) dass der König Ferdinand anno 1557 des 
König Ludwigs Verschreibung über Jägemdorf mit Consens der Stände confir- 
nüret (vid. zur Gegeninformation sub N.), dass der letzte Herzog von diesem, 
durch rechten Erbkauf als einem freien Erb- und eigenem Gut disponieret und 
solches dem Churhause per donationem m. c. übertragen habe, g) dass das 
Chorhans sich in die Possession dieser freien Erb- und eigenen Güter ohne 
jemandes Contradiction gesetzet, zu denen Fürstentagen verschrieben worden, 
Votum et Sessionem daselbst gehabt und über zwanzig Jahre in ruhigem Be- 
sitz gewesen etc., so kann man nicht begreifen, quo jure 'das Erzhaus Oester- 
rdch die Confirmation der geschehenen Donation anno 1607 hat versagen und 
dem Churhause Brandenburg dieses Fürstenthum wider alle göttliche und 
weltliche Rechte anno 1621 entziehen können. 

Es ist jetzo nichts übrig, als dass man dem Verfasser auf dem Fuss folge 
^ den Ungrund alles dessen, was er gegen die Jura des Churhauses Branden- 
^^ angefnhret, kürzlich anzeige. 


154 ^6 preussischen Anisprüche auf Schlesien. 

Gregeninformation. §. 2. Siehet man aber sothanen Confiens, der ge- 
geben Montags nacb der AufSerstehnng Christi anno 1528, selbsten em, so lanten 
die Worte eigentlich dahin: 

Inio. Dass die Bewilligimg nur auf sdne Person, dessen Brader imd ihie 
Erben Kraft mid Macht haben solle. 

2^0. Dass er mid seine Erben alleweg dem König und der Krone Böheim 
das von solchen Gütern verpflichtet sein sollen, was ein anderer Fürst in ScUeaoi 
zu thnn schuldig ist^). 

Beantwortung. 1) Der Verfiasser der Gegeninformation hat den Hauptartikel 
ausgelassen, nSmlich dass der Markgraf Georg, seine Brüder und ihre Erben 
nicht allein Macht haben sollen Güter in Schlesien anzukaufen, sondern auch 
nach Ge^Edlen damit zu thun und zu lassen ohne des Königs £Qndenmg. VkL 
Lit. A. 

Gegeninformation. §. 8. Hieraus lieget nun zu Tage, dass in dem könig- 
lichen Gonsens von denen gegenseits angeführten Worten als pure eigenthümfiche 
Erbstücke etc. solche eigenen Gefallen nach wieder zu yeraussem und damit ah 
sein Eigenthum zu schalten und zu walten etc. nicht ein Buchstaben entiialten, 
sondern solche lediglich beigedichtet worden seien*). 

Beantwortung. 1) Man vergisst hier die gerühmte Aufrichtigkeit, wenn man 
behauptet, dass von denen angeführten Worten nicht ein Buchstaben in dem 
Gonsens enthalten, sondern dieselbe lediglich beigedichtet seien; denn da in 
dem Gonsens deutlich enthalten, dass der Markgraf Macht haben soll, in 
Schlesien Lehen und Erbgüter zu kaufen und nach Gefallen damit zu tlitrn 
und zu lassen, so sein alle die angeführte Wörter darunter begriffen, denn 
wer nach GefEdlen mit einem Gut thun und lassen kann, der bemtzet es als 
ein eigenthümliches Erbstück, das er nach Gefallen veräussem kann; welches 
durch die anderen oben angeführten Umstände bestärket wird, allwo gezeiget 
worden, dass das Fürstenthum Jägemdorf, seiner Eigenschaft nach, ein alie- 
nables Erblehen ist, welches dem von Schellenberg zum rechten erblichen An- 
fall verliehen und von diesem durch einen rechten Erbeigenthumakauf als m 
frei Erb- und Eigengut drei Tage vor dem ertheilten Gonsens auf den lAaA- 
grafen Georg transferieret worden. 

Gegeninformation. §. 4. Es erscheinet vielmehr klar daraus, dass dei 
König Ludwig der Meinung niemiEden gewesen sd, durch diese Einwilligung die 
Natur und Eigenschaft derer zu erkaufenden Güter in dem geringsten abzuändern ^\ 
weniger sich und der Krön Böheim hierunter das mindeste zu vergeben'). 

Beantwortung. 1) Man gestehet gerne zu, dass des Königs Ludwigs Meinung 
niemalen gewesen, die Natur und Eigenschaft derer zu erkaufenden Güter zu 
ändern. Die Natur der schlesischen Fürstenthümer aber bestehet darin, dass 
dieselbe feuda mere haereditaria sein und die Possessores davon salvo jure 
domini directi disponieren können. 
2) Es hat der König von Böhmen der Krön hierunter nichts vergeben, weil der- 
selben das Dominum directum nach wie vor zustehet und auf ewig derselbe) 
incorporieret bleibet, wenn schon der Vasallus per dispositionem Ultimi vasalli 
geändert wird. 

Gegeninformation. §.5. Die vorhandene Investituren über die Ffirstcn- 
thümer in Schlesien sowohl^) als die von Zeit zu Zeit sich ereignete Anfalle 
überhaupt, dass solche wahre und rechte Manneslehen seien >), und es ist insonder* 


Beantwortung der Gegeninfbnnation. 1741. 155 

beit aoch das FurBtenthnm Jftgemdorf von dieser nfimlichen Eigenschaft jederseit 
zeweeen und verblieben*). 
Beantwortung. 1) Dieses Iftuft offenbar wider alle Documente und wird kdne 
ansge Investitur derer ersten Herzoge vorgezeiget werden können, worin der 
miimlichen Lehen Meldung geschiehet 

Es ist aber auch schon gezeiget worden, daas dieses nicht hindere, dass die 
feada mascolina zugleich mere haereditaria sein können. 
2 Dieses ist eben die Source von allen Ungerechtigkeiten, worüber sich die 
schlesische Fürsten so sehr beschweret haben, dass man deren Länder, wenn 
der Poasessor keine Söhne hinterlassen, zur Krön gezogen, wenn auch schon 
.\giiati vorhanden gewesen, wie bald gezeiget werden soll. 
•j Das Gegentheil, und dass JSgemdorf (als ein Theil des Fürstenthums Troppau) 
Termöge der Declaration des Königs Uladislai ein Weiberlehen gewesen, ist 
vorbin erwiesen worden und soll unten noch weiter erwiesen werden. 

Man siebet aber noch nicht ab, wohin das ganze Argument abzielen soll. 
Denn wenn man auch diesen Thenn, dass Jägemdorf und alle schlesische 
FttTBtentfaümer m&nnliche Lehen sein, zugestehen wollte, so würde dieses nicht 
hindern, daas sie nicht zugleich feuda mere haereditaria, mithin alienabilia, 
sem können. Es hören ja, auch nach denen gemeinen Lehnrechten , die feuda 
nicht auf maaculina zu sein, wenn schon der Dominus £acultatem alienandi 
dem Vasallo verstattet ü. F. 48. 

(regeninformation. §. 6. Also wurde es von König Sigismundo schon 
io umo 1422 dem Herzoge Johannes von Troppau verliehen in verbis: ihm und 
Muen Erben zu rechten Lehen gnfidiglich geliehen und gereichet, item dass er 
iolehes za rechten Lehen haben, halten, gebrauchen, gemessen und erblich be- 
Btzen solle ^\ 

Beantwortung. 1) Es stehet in diesem Documento nicht, dass Jägemdorf 
em Mannlehen sei. Die Könige von Böhmen attestiren selber das Gegentheil. 

Wann es aber auch ein Mannlehen wäre, so besaget eben dieses Document, 
dttB der Herzog Johannes dieses rechte Lehen erblich besitzen solle, welches 
^Iso, wenn man es mit denen vorhin angeführten Umständen zusammenhält, 
^ feodum mere haereditarium inferieret 

Und gesetzt auch femer, dass die jägemdorfische Fürsten facultatem 
alienandi zu der Zeit nicht gehabt hätten, so würde solches dennoch nachhero 
dorch den sub Lit A. angeführten, dem Markgraf Georg ertheilten Gonsens 
geändert und diesem nunmehr verstattet sein, nach Gefallen mit seinen er- 
kttiften Gütern zu thun und zu lassen. 

(vegeninformation. §. 7. Nachdem nun dieser Herzog in anno 14b3 
^e männliche Leibeserben verstorben, ist sothanes Lehen, ohnerachtet seine 
^Inrester Barbara wie auch seines Vaters Braderkinder, die Herzoge von Ratibor, 
^ am Leben waren, eröffiiet und folglich dem König und der Krön Böheim an- 
^^'^"ig^&Uen, die Schwester und Braderskinder aber sind von der Lehnsfolge aus- 
^^'^'^finea worden*), zum unwidersprechlichen Zeugniss, dass es ein wahres 
^^^ehen sei*), in welchem idemand als der von dem ersten Lehnträger ab* 
"*»»wt, zu saccedieren vermöge'). 

Beantwortung. 1) Hier findet sich wieder eine Probe von der Gewaltthätig- 
^ot, welche die Könige von Böhmen wider die arme schlesische Fürsten 
^iisgeübet haben, und ist dieses wiederam ein offenbares Merkmal, was dieselbe 
vor ungerechte Prätexte gebraucht, denen Fürsten ihre Länder wegzunehmen. 


156 ^^ preussischen Ansprüche auf Schlemen. 

Es ist bekannt, dase in denen schlesischen Füratenthömern, als feadiBmere 
haereditarüs, die Succession blos ex jure sanguinis reguliert werden moase. 

Und dass dieses bei dem Herzogthum Jagemdorf also beständig hergebiacht 
sei, erhellet offenbar aus der schlesischen Historie; denn als Nicolaus IH. ohne 
Erben starb, succedierte dessen Vatem Bruders Sohn Nicolaus IV. (Luc Ckron. 
pag. 752, Schickfiis schles. Chron. 1. 2, pag. 143), und als dieser ohne Erlxii 
abging, verfiel das Fürstenthum auf dessen Bruder Sohn Nioolaum V. (Schick- 
fiis dict. loc. Lucae dict loc). 

Mit was vor Recht hat nun der König von Böhmen die Bruders KindeL 
die Herzoge von Katibor, von dieser Succession ausschliessen und voigd)e& 
können, dass dieses Fürstenthum der Krön anheim gefallen sei? 

Mit gleichem Unrecht hat der König auch die Barbaram ausgeschlosses. 
welche des Nicolai V. Tochter war und nach der im Fürstenthum Troppu 
und Jagemdorf hergebrachten Gewohnheit billig h&tte succedieren sollen (vide 
§. I, No. 6 und §. 8). 

2) Es kann aus einem so offenbaren ungerechten Facto kein Zeugniss heigenonunea 
noch ein Mannleheu daher erzwungen werden , und wenn es auch mit deoi 
Zeugniss seine Bichtigkeit h&tte, würde doch dadurch dem jure dispoDeodit 
welches diesen Lehen anklebet, nichts benommen sein. 

3) So unrichtig die Prämissa sein, so unrichtig ist auch der Schluss, dennpoätO) 
dass dieses Fürstenthum ein wahres Mannlehen sei, so folget doch nicht, dui 
niemand succedieren könne, ab der von dem ersten Lehntrfiger abstammet; 
denn da diesen Lehen die facultas alieandi theils aus ihrer Eigenschaft, thak 
aus dem Gonsens der Könige von Böhmen anklebet, so können alle diejeniga 
succedieren, welchen die Vasalli die Succcssion durch ihre Disposition über- 
tragen. 

Unterdessen erhellet aus diesem Schluss so viel, dass der Verfasser daa 
Unrecht, welches der König von Böhmen denen Fürsten von Ratibor daduidk 
dass er das Fürstenthum Jagemdorf zur Krön gezogen, zugefuget, selbst er- 
kennen müsse; denn da die ratiborischen Fürsten von denen troppau- und jigen- 
dorfischen Fürsten in recta linea herstammeten, so hatten sie ja nach des 
Gegentheils asserto succedieren müssen. 

G egeninformation. §. 8. Nach vorbesagter Eröffnung gäbe König Ul*- 
dislaus anno 1493 dieses Lehen seinem obristen Kanzler, dem Johann von Schellen- 
berg, aber anders wieder nicht als mit der Eigenschaft eines rechten Bfannlt^ais. 
in Verbis: dem genannten Johann von Schellenberg und seinen jeglichen männ- 
lichen Erben etc. zu einem rechtlichen erblichen Anfall etc. in aller Maas, Her- 
kommen, Web und Weg dasselbe Herzogthum vor und bisher besessen, gebrai^kt 
und gehalten worden ^). 

Beantwortung. 1) Eis ist nicht ohne, dass der König Uladislans dem tou 
Schellenberg dieses Fürstenthum Jagemdorf zu einem Mannlehen (wider dif 
Eigenschaft und Natur der schlesischen Fürstenthümer) gegeben habe; er hat 
aber diesen Irrthum selber erkannt und durch eine solenne Declaration das 
Herzogthum Jagemdorf zum Weiberlehen bestätiget 

Denn, ^nachdem Barbara, des Herzogs Nicolai V. zu Jagemdorf Tocbter. 
des obristen Kanzlers von Schellenberg Sohn geheirathet, so hat derKanzlt? 
dem König Uladislao die wahre Umst&nde vorgestellet, dass n&nlich da^ 
Herzogthum Troppau (wovon Jagemdorf jederzeit ein Theil gewesen, welch« 
nach erfolgter Theilung unter denen Brüdern von dem Nicoiao V. zuerst »L* 


Beantwortung der G^eninformation. 1741. 157 

ein besonderes Fürstenthum gehalten worden ; Lucae Chron. pag. 772) ein feu- 
dum promiflcuum sei, worin auch die Töchter succedieren könnten, und da- 
her gebeten, dass seinem Sohn, welcher Jägemdorf un Besitz hatte und die 
jägemdorfische Tochter Barbaram geheirathet, auch dieses Recht angedeihen 
möchte etc., welches auch der König Uladislaus accordieret und Jägemdorf zu 
einem Weiberlehen declaricret hat (Vid. Lit. B.) 

Hierdurch fällt also das ganze Argument des Verfassers der Gegeninfor- 
mation : Jägemdorf ist ein feudum masculinum , ergo kann niemand als der 
von dem ersten Lehnträger herstammet succedieren, auf einmal hinweg. 

Man hat aber auch schon vielfaltig angemerket, dass, wenn auch das 
Fürstenthum Jägemdorf ein Mannlehen geblieben wäre, die Natur eines Mann- 
lehens gar nicht hindere, dass demselben zugleich die fisu^ultas disponendi et 
alienandi ankleben könne, wenn solche Facultät aus der Eigenschaft der Lehen 
oder aus der Concession des Domini directi herrühret : beides und insonderheit 
das letztere findet sich bei Jägemdorf. Der von Schellenberg hat dieses Mann- 
lehen, wie der Verfasser selbst gestehet, zu einem rechtlichen erblichen Anfall, 
einfblglich als ein feudum mere haereditarium, erhalten und aus diesem Grund 
hat er es auf den Markgraf Georg zu rechtem erblichen Eigenthum als ein 
frei Eirb- und Eigengut transferieret; der König Ludwig aber gab dem Mark- 
graf Georg einen Generalconsens dahin, dass er nach GefiäUen mit denen in 
Schlesien anzukaufenden Gütern thun und lassen möge etc. ^vid. §. 1). Kann 
wohl bei diesen Umständen der geringste vemünftige Zweifel übrig bleiben, 
dass die Fürsten zu Jägemdorf, das Lehen mag ein Mann- oder Weiberlehen 
sein, nicht sollten ihre Länder an einen andem böhmischen Vasallum liaben 
veräussem können? 

Gegeninformation. §. 9. Niemand wird hieraus mit Grund schliessen 
können, dass König Uladislaus durch diese Verreichungsfbrmel die vorige Eigen- 
schaft des Lehens au%ehoben und abgeändert habe^), denn wollte man sich etwa 
an denen Wörtern Erben, rechten erblichen Anfall stossen und ein Veräusserungs- 
lehen daraus erkünsteln '), so darf man nur dabei das Wort männliche und die bei- 
gefugte Glausel, wie es vor und bishero besessen, gebraucht und gehalten worden 
etc.'), nicht ausser Acht lassen, in Maassen daraus klar vor Augen lieget, dass der 
Concedens keinen andem als den männlichen lehnserblichen Anfall und die mämi- 
üche Lehnserben darunter verstanden und ein mehrers Recht, als die vorigen Be- 
sitzer gehabt^ keineswegs habe einräumen wollen*). 

Beantwortung. 1) König Uladislaus hat durch diesen Lehnbrief nichts ge- 
ändert ratione qualitatis feudi aUenablis, denn diese qualitatem haben alle 
Bchlesische Fürsten von Anfang gehabt (man mag die Lehen als feuda mas- 
culina oder promiscua ansehen) und diese Qualität ist in dem angeführten 
Lehnbrief mit deutlichen Worten ezprimiert, weil es dem von Schellenberg 
zu einem rechtlichen erblichen Anfeill, einfolglich als ein Erb- und Eigengut, ver- 
liehen worden, wie er dann auch dreissig Jahre hemach dieses Fürstenthum dem 
Markgrafen als sein frei Erb- und Eigengut durch einen rechten erblichen eigen- 
thmnlichen Kauf überlassen, mithin den Sensum sothaner Worte deutlich ezpli- 
cieret hat 

Die ganze Aenderung bestand also darin, dass Uladislaus es als ein feudum 
masculinum verschrieben, welches er aber nachhero selbst geändert und dem 
von Schellenberg durch ein besondereff Privilegium die vorige qualitatem feudi 
promiscui wieder verliehen und bestätiget hat (Vid. Lit B.) 


158 ^® preossiflcheii Ansprüche auf Schleaien. 

2) Die Worte zu einem rechten erblichen AnfisiU können vernünftiger Weiae unl 
nach dem Lehnbrief nicht anders verstanden werden, als dass die mjümlicl 
Erben nach Gefallen von diesem erblichen Anfall disponieren k5nnen; de 
Schellenbergische Kaufbrief kann die beste Nachricht geben, daas zu der 
nicht der geringste Zweifel hierüber gewesen, weil die Posscssores das Fäxst« 
thum wirklich an einen Fremden, mit Vorwisscu des Königs, als ilir Erb- 
Eigengut verkauft haben. 

3) Eben aus diesen Clausein folgen nothwendig zweierlei : 1) daas dieses Heno^ 
tiium kein Mannlehen sei , weil der König Uladislans selber nachheio deeli 
rieret hat, dass die Töchter derer Herzoge von Troppau von Anfang her 
auf damalige Zeit in dem Fürst^nthum haben succedieren können, daher 
denen Besitzern das Füistenthum Jftgemdorf (welches vor dem Xicolao 
jederzeit eine Portion von Troppau gewesen und also gleiches Recht mit den* 
selben hatte), eben dieselbe Freiheit verschrieben (vid. Lit. B.). 2} Dasj 
dieses Furstenthum, wenn es auch ein Mannlehen wäre, alienable sei, weil, 
wie vorhin gesagt worden, die vorigen Fürsten ihre eigene erbliche Länder ^ 
nitro der Krön Böhmen zu Lehen offerieret, anbei alle ihre vorige Gerecht^-, 
keiten ausdrücklich reservieret haben. 

4) Dieser Schluss zerfället aus dem vorhergehenden von selbsten. Die Worte j 
sein klar, dass denen Schellenbergischen männlichen Erben dieses Ffirst^thoifi 
zu einem rechten erblichen Anfedl, einfolglich als ein feudum mere heredituinm 
verschrieben worden, woraus dann erhellet, dass die eingeflickte EzplicatioQ 
lediglich erdichtet seL j 

G e g e n i n f o r m a t i o n. §.10. So wenig demnach dieser Grundsatz nacb 
dem wahrhaften Hergang der Sache einigem Zweifel unterliegen kann, ebeni^ol 
gewiss ist es, dass der von Schellenberg durch den hernach in anno 1524 erfolg- { 
ten Verkauf an den Markgrafen Georg von Brandenburg dieses Lehen andent 
nicht, als wie er es selbsten empfangen und besessen (es mögen auch die Worte 
in dem von ihme von Schellenberg ausgefertigten Particularkauf brief immer lan^:?D 
wie sie wollen), habe überlassen können'). 

Beantwortung. 1) Der von Schellenberg würde sich nimmermehr unt^f- 
standen haben, sein Furstenthum durch einen rechten erblichen eigenthün- 
liehen Kauf als Frei-, Erb- und Eigengut zu verkaufen , wenn er nicht ver- 
sichert gewesen wäre, dass er solches vermöge seines Lehnbriefe zu thon b(> 
fugt gewesen-. 

Wiewohl auch schon viel^tig angefuhret worden, dass, wenn auch der 
von Schellenberg und dessen Vorfiahren nie das Recht zu veränssem gehabt 
hätten, dennoch der Markgraf Georg solches ex consensu des Königs Ludwigs 
würde erhalten haben, weil ihm darin verstattet wird, mit denen in Sch]f!d<v 
anzukaufenden Gütern nach Gefallen zu thun und zu lassen. Vid. Lit. A. 

Gegen Information. §. 11. Wobei übrigens dieser besondere UmstaDd 
zu beobachten kommet, dass der Contract zugleich von des Verkäufers Söhnen 
mit geschlossen und unterschrieben worden, welches zu erkennen giebet, dus^ 
Jägemdorf kein Allodium, sondern ein Feudum Masculinum sei ^), als in welchem 
zur Veräusserung nebst dem lehnherrlichen auch derer im Leben seienden Söhneu 
Consens erfordert MÖrd*). 

Beantwortung. 1) Dieses Argument will gar nichts sagen. Die Söhne babefi 
dieserwegen den zweiten Contract unterschrieben , weil der Marisgraf in dem 
ersten, mit dem Vater allein errichteten Kaufcontract solches ausdräcklicb 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 159 

verlangt hatte, nicht aher dieserwegen, weil es ein fendum masculinum ge- 
wesen, welches offenbar falsch war, nachdem der König Uladislaas das Fürsten- 
thnm JSgemdorf selber anno 1496 zwn Weiberlehen declarieret hatte. Yid. 
Lit A. / 

2) Dieses lauft contra principia juris feudalis, wo ausdrücklich disponiert wird, 
daas ein Sohn in denen Lehen, wobei kein fideicommissum familiae verknüpfet 
ist, nothwendig foctum patris prästieren müsse (2. F. 45). 

Gegeninformation. §. 12. Zwar rühmet sich der Autor des gegen- 
tfaeiligen Impressi, der Markgraf Georg wäre von dem König mit diesem Herzog- 
thum in der Qualität dnes Erb- und Veräusserungslehens wirklich belehnet 
worden. Er lässt aber solches bei seinen blossen Worten bewenden und erweiset 
f» mit nichts. 
Beantwortung. 1) Wie kann es deutlicher erwiesen werden als aus denen 
Worten des Consensus, worin dem Markgrafen verstattet worden, mit denen 
anzukaufenden Gutem, (welche sua natura alienable und dem von Schellen- 
berg, von welchem der Markgraf causam hatte, zu einem rechten erblichen 
An&ll verschrieben waren), nach Gefallen zu thun und zu lassen. 

Gegeninformation. §.13. Dieses Blendwerk muss auch männiglich um 
K) mehr in die Augen follen, als aus der Verfassung des Königreiclis Böheim be- 
ktmit ist, dass die zeitliche Könige sich der Krön und denen Ständen mit Pflich- 
ten zu verbinden pflegen, dass sie von diesem Königreich und denen einverleibten 
lindem kein Eigenthum, noch auch einige Lehen und Anfalle vergeben, sondern 
£olche zu der Krön und dero künftigen Königen eigenen Inhabung beibehalten 
wollen, auch das darwider geschähe oder ausgebracht würde, keine Kraft noch 
Beständigkeit haben, sondern cassieret und nichtig sein solle'). 
Beantwortung. 1) Man wird alle diese Privilegia und Verpflichtungen etwas 
näher examinieren und zögen, dass dieselbe denen sclüesischen Fürsten nicht 
präjudicieren können. 

Gegeninformation. §. 14. Auf solche Weise hat sich König Uladislaus 
in anno 1.510 g^en die Stände des Königreichs, insonderheit auch wegen Schleien 
erkläret, in verbis: Und wie Uns aus wohlbedachtem Muth und aus königlicher 
Macht als König zu Böheim in den schlesischen Landen keine Fürstenthümer, so 
^ir jetzo haben werden, so durch An&U oder in andere Wege an Uns konunen, 
niemanden von dieser Krön Böhmen zu Theil oder an allem nicht hinweg geben 
^Uen, sondern die und dieselben alle Fürstenthümer und Anfälle gänzlich und 
onzertheilt zu der Krön Böheim zu Unser und künftigen Königen zu Böheim 
^ifmien Inhabung hinzuthun, verbleiben und zueignen. Und wo wir einigerlei 
Anfallen hinweg geben derselben Fürstenthümer, so Uns noch nicht heimgefallen 
vären oder künftiglich hinweggeben wurden, dass Wir solches alles hiemit diesen 
rioeren Brief aus böheimisch königl. Macht als König zu Böheim cassieren und 
m Nichts wenden, des auch kein Kraft, Macht, noch Beständigkeit haben soll, in 
lt*inerlei Weis oder Weg wider diesen Unsem Brief jetzt und zu künftigen Zeiten 
mit keinen Rechten etc. *) 
Beantwortung. 1) Dieses Privilegium, welches die Könige in Böhmen 
denen Ständen zum Präjudiz derer schlesischen Herzoge gegeben, ist ipso jure 
null und nichtig. 

Denn es ist 1) offenbar, dass die schlesische Fürstenthümer von ihrem 
eisten Ursprung her erblich gewesen und die Fürsten haben darüber dis- 
ponieren können. 


160 I^c preoBBiflcheii Ansprüche auf Schlesien. 

Es ist in specie 2) gezeiget worden, daas das Furstenthum JSgetndorf anno 
1493 (mithin voi dem Privilegio incorporationis) zu einem rechten erblichen 
AnfiEill, mithin als ein feudum mere haereditarium dem von SchcUenheig vef- 
liehen worden (vid. supr. §. 1, n. 4) und 

Dass 3) dieser sich seines Rechtes gebrauchet und sothanes Fürstenthnm 
anno 1523 durch einen rechten erblichen eigenthümlichen Verkauf auf den 
Markgraf Georg transportiert habe. (Vid. Lit. C. et D.) 

Es ist 4) weiter gezeiget worden, dass der König zu Böhmen, Ludwig, dra 
Tage nach diesem Kauf, dem Markgrafen einen generalen Consens ertheilei 
habe, Lehnguter in Schlesien anzukaufen und NB. damit nach GeMIen za 
thun und zu lassen, wie solches die Natur und Eigenschaft der schleascheD 
Fürstenthümer ohnedem mit sich brachte. (Vid. Lit A.) 

Aus welchem Consens 5) offenbar erhellet, dass der König nicht allem den 
Schellenbergischen erblichen Verkauf approbieret, sondern auch die dem ver- 
kauften Gut anklebende facultatem disponendi agnosciert habe. 

Gleichwie nun 6) diese facultas disponendi ein ji^ quaesitum derer schle- 
sischen, insonderheit aber derer jägemdorfischen Fürsten war, so möchte man 
wohl wissen, quo jure die Könige von Böhmen berechtiget gewesen, diesen 
i^^ürsten solche facultatcm, welche sie ex lege delatioms sich vorbehalten uod 
aus dem Schellenbergischen Lehnbrief nothwendig folget, auch von denen 
böhmischen Königen agnosciert und bestätiget worden etc., durch ein In- 
coiporationsprivilegium zu benehmen. 

Es haben 7) die böhmische Stände sich im geringsten nichts von einem 
dergleichen Privilegio merken lassen, und die schlesische Fürsten haben 
noch weniger etwas davon gewusst, bis occasione eines zwischen denen FQr?ten 
und denen böhmischen Ständen anno 1546 entstandenen Processus solches 
produciert wurde. 

Worauf die Fürsten sofort dagegen protestieret und demselben exceptionem 
nullitatis daher opponiert haben, weil die Könige von Böhmen nicht befugt 
gewesen wären, ihnen ihre jiura quaesita zu entziehen. 

Welche Protestation 8) von dem kaiserlichen Oberhauptznann und dem 
Oberrecht so wohl fundiert gehalten wurde, dass die böhmische Stände per 
sententiam abgewiesen und die Fürsten bei ihrem Recht, ohngeachtet des 
Privilegii de anno 1510, geschützet worden. (Schickfiis, Schles. Chron. üb. 8, 
cap. 28, pag. 278 seq. usq. ad pag. 283.) 

Und als femer 9) der königliche Fiscal bei dem anno 1618 wegen des 
Pfandschillings der Herrschaft Beuthen gehaltenen Ober- und Füistenrecht 
eben dasselbe Privilegium allegierete, wurde ihm solches nicht allein ver- 
boten, sondern ihm auch von dem damaligen kaiserlichen Oberhauptmann eb 
Verweis gegeben. 

Wenn aber auch 10) dieses Privilegium subsbtieren könnte, so i^iürde 
dasselbe dennoch der Krön Böhmen nicht zu statten kommen, denn es spficbt 
solches von Fürstenthümem und Gütern, welche dem König anh«m &llen, 
und dass diese nicht sollten hinweg gegeben werden, sondern zu der Krou 
und der Könige eigenen Inhabung verbleiben. 

Es ist aber dieser Anfiedl noch nicht geschehen, einfblglich der casus in- 
corporationis noch nicht existieret, weil die Fürsten von Jägemdorf (wie sie 
zu thun berechtigt waren), beständig von ihrem Ffirstenthum disponieret, and 
der letztere anno 1608 per donationem m. c. solches auf das Churhsu:^ 


Beantwortung der Gegeninfonnation. 1740. 161 

BiandenlNiig transferiert hat, dahero die Krön Böhmen so lange warten muss, 
bis die j&gemdorfiflche Fürsten ohne Disposition aussterben. 

Diesee ist 11) gewiss, dass die böhmische Stände, wenn sie geglaubt hätten, 
(iass sie ex privilegio de anno 1510 ein Recht erhalten, die schlesische Fürsten- 
tbnmer emzuziehen, nimmermehr zugegeben haben würden, dass einem fremden 
Markgrafen wäre erlaubt worden, dergleichen Güter cum fecultate alienandi 
anzukaufen, am wenigsten würden sie die Markgrafen und deren Erben an 
die achtzig Jahr in ruhiger Possession gelassen haben. 

Wenn aber auch 12) ratione der erblichen Eigenschaft dieser Fürstenthümer 
nud qua lege die Fürsten von Jägemdorf sich der Krön submittieret, noch 
»Diger Zweifel übrig sein könnte, so ist in der nälieren Ausführung etc. ge- 
zeigt worden, dass die Krön Böhmen nicht darüber judicieren könne, sondern 
die Sache wieder in den Stand gesetzet werden müsse, wie sie ante delationem 
(irewesen und dass also die Sache zwischen zweien Souveränen nicht anders 
als durch die Waffen ausgemacht werden könne. 

Oegeninformation. §. 15. Eben dasjenige hat nicht minder König 
ü-dovicus in anno 1522, mithin erst ein Jahr zuvor, als derselbe dem Markgrafen 
^'OT^ den von dem Verfasser des obgedachten jenseitigen Impressi vorgespiegel- 
in freien und unbeschränkten Consens, sich in Schlesien anzukaufen, gegeben 
^>b<^ solle, Selbsten der Krön und denen Ständen zu Böheim auf das Verbind- 
fcfete zugeaaget und versichert*). 

Beantwortung. 1) Da das vorhergehende Privilegium null und nichtig ist, 
90 folget von selbsten, dass alles, was jenem opponieret worden, auch diesem 
(ntgegen stehet. In mehrerer Erwägung, da dieses eine confirmatio 
prioris ist. 

(regeninformation. §. 16. Wer mag sich nun wohl beigehen lassen, 
liti^ dieser König seiner so theuren Zusage in einer so kurzen Zeit sich nicht 
Bt-br erinneret haben ') und aus dem Herzogthum Jägemdorf als einem bekannten 
^ Krön Böheim schon einverleibten ') alten und unwidersprechlichen Mannslehen ') 
^' pures Eib- and Veräussemngslehen zu machen gemeinet gewesen sein sollte?*). 
B(*antwortung. 1) Weil diese Zusage an sich null und nichtig war, über- 
dem der casus incorporatioms, so lange die Herzoge über ihre Länder dispo- 
merteo, noch nicht existierte, so ist wohl zu glauben, dass dem König Ludwig 
entweder dieses Privilegium de anno 1522 unterschoben worden, oder dass er 
veraieinet, dass dem juri disponendi derer Fürsten dadurch nicht präjudicieret 
werde, welches letztere desto wahrscheinlicher ist, weil König Ludwig in dem 
^DO 1523 dem Markgrafen Georg ertheilten Greneralconsens (worinnen er 
diesem die Freiheit giebt, Güter anzukaufen und damit nach Gefallen zu thun 
and zu lassen), in Ansehung des juris alienandi nichts concedieret, als was allen 
whlesischen Fürstenthümem in genere, und* in specie dem Fürstenthum Jägem- 
dorf vermöge des Schellendorfischen Lehnbriefis, anklebet. 
• Es war ja anno 1493, wie der von Schellendorf mit Jägemdorf zu einem 
rechtlichen erblichen Anfall beliehen worden, das Incorporationsprivilegium 
de anno 1510 noch nicht vorhanden, wie konnte dann dieses Fürstenthum 
schon der Krön einverleibet sein? 
'^ l^asB es niemalen ein Mannlehen gewesen, ist oben gezeiget worden. 
4 Dass Jigemdorf von seinem ersten Ursprongc an (es mag Mann- oder Weiber- 
Hen sein) ein pures Erb- und Eigenthumslehen gewesen , ist schon erwiesen. 

^egeninformation. §.17. So wenig dieses ohne besondere und aus- 
'irackentliche Miteinwilligung derer Stände hätte gültig geschehen kömien*), eben 

Pr»MB»cke Stiatsschriften. I. 11 


1Q2 Die preussischen Ansprüche auf Sdüesien. 

80 wenig ist solches auch in der That erfolget, sondern es geben die oben schon 
angeführte Formalia des Consensns nur allzudeutlich zu erkennen, dass König 
Ludwig sich seiner Pflichten auf das beste erinnert und eben dämm seine Be- 
willigung zu dem Gütereinkauf einestheils lediglich auf des Markgrafen Georg 
Person, seinen Bruder, und ihre Erben eingeschranket'), andemtheils aber mit 
dem bescheidentlichen Vorbehalt ertheilet habe, dass er Markgraf Grcorg und seine 
Erben von denen erkaufenden Gütern dem König imd der Krön ebenso, wie 
andere Fürsten in Schlesien verpflichtet sein sollen"). 
Beantwortung. 1) Es ist irrig, dass der Standeconsens nöthig gewesen, weil 
König Ludwig nichts neues coi^cedieret, sondern die denen schleeischen Fürsten 
ihrer Natur und Eigenschaft nach anklebende Freiheit, nach Gefallen mit 
ihren Fürstenthümem zu thun und zu lassen, als etwas bekanntes angefahrt 
und bestätiget hat 

Es ist aber auch aus der CJonfirmatione Ferdinandi de anno 1557 gereipet 
worden, dass die Stande in die Verschreibung Königs Ludwigs wegen Jägem- 
dorf consentierct haben. (Vid. Lit E.) 

2) Dieses läuft wider den Buchstaben der Concession , welche so wenig auf den 
Markgraf, dessen Brüder und Erben eingeschranket worden, dass vielmehr 
denenselben zugleich die Freiheit (welche allen schlesischen Fürsteuthümera 
eigen ist), verstattet worden, nach Gefallen damit zu thun und zu lassen, ein- 
folglich ihre Güter auch auf andere zu transferieren. 

3) Dieses verstehet sich von selbsten. Es hindert aber solches gar nicht, da^ 
die Fürsten von Jägemdorf nicht sollten von diesem Fürstenthum disponieren 
und dasselbe einem andern Vasallo auftragen können, welcher alsdann prä- 
standa zu prästieren schuldig ist 

Gegeninformation. §. 18. Der Autor des gegnerischen Impressi muss 
dieses alles entweder nicht gewusst oder mit Fleiss verschwiegen haben. Beides 
fallet demselben zur Schuld und Verantwortung, da in einer so wichtigen Sache 
es allzu gefährlich ist, mit eigenen Erdichtungen oder geflissentlicher Unter- 
schlagung der Wahrheit in dem Publico zu erscheinen und aufisutreten ^). 
Beantwortung. 1) Der gegentheilige Verfasser, welcher entweder den Con- 

sensum des Königs Ludwig und die andern angeführten Umstände nicht recht 

eingesehen oder mit Fleiss verschwiegen, spricht sich hier selbst sein UrtheiL 
Gegeninformation. §. 19. Es nimmt derselbe zwar seine Zuflucht zu 
der Gonfirmation des Königs und nachmaligen Kaisers Ferdinand I. de anno 1527 
(solle sein de 1532) mit dem Voigeben, dieser Kaiser hätte nach dem Tod des 
Königs Ludovici alles obige von ihme Beigebrachte confirmieret Es wird aber 
von ihme hierunter abermalen nicht aufrichtig gehandelt'), denn es ist 

lm6 darinnen wegen Jägemdorf mit keiner Silben enthalten, dass es ein 
pures Erb- und Veräusserungslehen sein solle*); 

2d6 verschweiget derselbe die allda wiederholte, beigesetzte merkwürdige 
Claosel, dass der Markgraf Georg dieses Fürstenthum Jägemdorf ebenso besitzen 
solle, als wie es weil, die Fürsten zu Jägemdorf innegehabt, genossen und ge- 
braucht haben etc.'). 

3ti6 übergehet er ebenfalls mit Stillschweigen, dass diese Gonfirmation nicht 
sowohl über Jägemdorf, als nur hauptsächlich über die von don König Ludwig 
beschehene Donation derer Regalien auf Freudenthal ^), und zwar 

4t6 auch diese änderst nicht, denn mit der abermaligen ausdruckentlichen 
Sicherstellung gegen die Krön zu Böheim in Verbis: 

So viel wir daran vergeben können oder mögen etc. erfolget seie*). 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 163 

Beantwortung. 1) Man wird sehen, welcher von beiden Verfassern aufrich- 
tig gehandelt habe. 
2 £s verschweigt der Verfasser hier mit Fleiss, dass der König Ludwig, 
•l^'^^n Vcrechreibung der König Ferdinand hier bestätiget, ausdrücklich aii- 
cTefiihret, 

wie der Markgraf Georg vor ihm erschienen sei und ihn unterrichtet 
und angezeiget habe, wie er das Fürstenthum Jägerudorf von dem von 
Schellendorf, NB. wie es die Fürsten von Jägenidorf inne gehabt, ge- 
nossen und gebraucht, NB. erblich gekauft habe etc. 
Da mm der von Schellendorf dieses Fürstenthum als einen rechten erblichen 
Anfall besessen, da derselbe solches als ein Frei-, Erb- und Eigengut dem 
Markgrafen durch einen rechten erblichen Eigcnthumskauf verkauft, da der 
Kr.nig Ludwig in den Ankauf gewilliget und die Freiheit, nach Gefallen 
«iamit zu thun und zu lassen, bestätiget, da alle diese Umstände von dem 
♦•rblichen Kauf dem König Ludwig persönlich von dem Markgrafen vorge- 
Trag»?n worden, und da König Ferdinand alles dieses confirmieret , so lauft ja 
ttider die gerühmte Aufrichtigkeit, wenn man vorgiebt, dass mit keiner Silbe 
in dieser Confirmation enthalten, dass Jägenidorf ein pures Erb- und Ver- 
äosserougslehen sei. 

S Dieses hätte freilich noch beigefugt werden können, weil dadurch die qualitas 
feudi mere haereditarii noch mehr bestärket wird, denn da in genere 
liie schlesischc Fürsten das jus disponendi gehabt und in specie der von 
S'hellenberg das Fürstenthum Jägemdorf 34 Jahr vorher an dem Mark- 
^fon Georg erblich alieniert hatte, so hat dieser Markgraf durch die Con- 
tirmationem Ferdinand! das Fürstenthum Jägemdorf mit eben dem Recht wie 
H'ine Vorfahren, nämlich als einen rechten erblichen Anfall erhalten. 

4 Weil man aus dieser Confirmation blos zeigen wollen, dass der Schellen- 
berojische erbliche Verkauf darin aufgefuhret worden, dieser aber ein rechter 
erblicher Eigenthnmskauf gewesen, welchen sowohl der König Ludwig, als 
(ier König Ferdinand approbiert haben (wie kurz vorher gezeigt worden), so 
war nicht nöthig, wegen Frendenthal etwas anzuführen. 

h Dieses ist eine offenbare Verdrehung der Worte: Der König von Böhmen hat 
hier nicht die Jura der Krone vorbehalten wollen, sondern, wie der klare 
Augenschein es giebt, denen Beaitzem, welche an den Bergwerken zu Freuden- 
thal gleichfalls Becht hatten. 

Oegeninformation. §. 20. Hieroben hat man bereits dargethan, dass 
^ vorige Fürsten das Fürstenthiun Jägemdorf lediglich als ein rechtes Mann- 
f^*^ besessen haben') und dass solches mithin nach Absterben des Herzogens 
i^bannes von Troppau ohne männlichen Leibeserben dem König und der Krön 
"hfim schon wirklich einmal eröffnet worden^), hernach aber an den von 
^Uenberg auf Cost in eben dieser Natur und Eigenschaft wieder gediehen sei *). 

Beantwortung. 1) Das Gegentheil ist aus des Königs Uladislai eigenem Be- 

kenntnias gezeiget worden. (Vid. supr. §. 8.) 
^ Dan die Könige von Böhmen via facti dieses Fürstenthum angezogen, da 

d^K'h noch eine Tochter und Bruderskinder vorhanden waren, ist oben an- 

fftuierkt worden. (Vid. §. 7.) 
■^ E* ist zwar dem von Schellenberg dieses Fürstenthum wider die Eigenschaft 

*^4'T tH^hlesiflchen Herzogthümer als ein Mannlehen gegeben worden, aber NB. 

Ol ciiiem rechten erblichen Anfall, und also cirni qualitate feudi mere here- 

11* 


Jg4 ^^ preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

ditarii; wiewohl auch nachher Uladislaus die qualitatem feudi foemind durch 
ein besonderes Privilegium wieder erneuert hat (Vid. Lit B.) 

Gegen Information. §. 21. Dass aber sodann bei dem Markgrafen 
Georg diese Lehnseigenschaft abgeändert und in das angebliche Eügenthum ver- 
wandelt worden sein sollte, solches hat niemalen erwiesen werden können'), viel- 
mehr lieget das platte Widerspiel sowohlen ex deductis, als aus deme weiters am 
hellen Tag, da des Markgrafen Georgii Sohn, Markgraf Georg Friedrich, ab Successor 
ofterwahntem Fürstenthum Jägemdorf sowohlen von König Ferdinand I. in anno 
1557, als auch von dem König Maximiliao in anno 1567 selbsten wieder nach dem 
Exempel derer Vorfahren, Fürsten und Besitzern desselben Fürstenthums , als m 
ordentliches Lehen recognoscieret und darüber die Lehnspflicht geleistet hat*i. 
Beantwortung. 1) Es ist auch keine Aenderung in der Qualität des wahren 
Erblehens geschehen, weil der von Schellenberg, von welchem der Markgraf 
causam hatte, es zu einem rechten erblichen Anfall, in welchem auch die 
Töchter succedieren sollten, erhalten. (Vid. supr. §. 1, n. 4 et 5.) 
2) Der Markgraf Georg Friderich ist in die Jura des von Schellenberg getreten. 
Dieser aber besass das Fürstenthum nicht als ein ordentlich Lehen, sondeni 
zum rechten erblichen Anfall, und als ein Weiberlehen. (Dict. §. 1, n. 4et5.i 
Wenn also gedachter Markgraf die Lehne von dem Ferdinando und Maxi- 
miliano recognoscieret, in aller Maass wie die Vorfahren Fürsten desselben 
solches inne gehabt, so giebt die gesunde Vernunft, dass solches nach dem 
Schellenbergischen Lehnbrief zu einem rechtlichen Anfall, mid nach dem 
Privilegio des König Ludwigs, nach Gefallen damit zu thun und zu lassen, 
zu verstehen sei : in mehrer Eirwägung, da der Kaiser Ferdinand den erblichen 
Kauf von dem von Schellenberg approbiert hat. (Vid. supr. §. 1, n. 10.) 

G e g c n i n f o r m a t i n. §. 22. Dieser Markgraf Georg Friedrich sähe sich 
hingegen ohne Hoffiiung männlicher Succcssion imd erkannte darbe! wohl, da&s 
er ohne lehnherrlichen Consens mit dem besitzenden Fürstenthum Jägemdorf nicht 
nach Gefallen schalten und walten*), selbtes auch auf seine Vettern, von der 
märkischen Linie, weilen sie weder a primo acquirente abgestaomict, wcd«^r 
simultanee investieret gewesen, denen Lehnrechten nach nicht fallen können*- 
Er hielte dahero bei dem Kaiser und König ßudolpho verscliiedentlich um dio 
Erlaubniss mid Vergünstigiuig an, von sothanen Fürstenthum frei disponieren imd 
testieren zu mögen®). 

Gleichme aber oben erwähnter Massen von dem König Ludovico sdncxn 
Vater, dem Markgrafen Georg oft besagtes Fürstenthum Jägemdorf nur vor seine 
Person, seinen Brader, und ihre Erben zu besitzen bewilliget, mithin die Con- 
cession alleine auf diese fränkische Linien restringieret worden *), sofort das Leben 
bei ihme Markgrafen George Friedrich schon auf den nächsten Fall gestanden 
ist^), also konnte demselben auch nach der ebenfalls bereits angeführten Ver- 
fassung des Königreichs Böheim, kraft welcher ein zeitlicher König die Lehns- 
anfalle ihme und der Krön selbsten beizubehalten verpflichtet ist, in seinem Ver- 
langen nicht willfahret werden*). 

Beantwortung. 1) Der Markgraf hat dieses so wenig erkannt, dass er nicht 
allein wirklich ohne Consens von seinem Fürsten thiun disponieret, sondeni 
auch in dem Eingang seiner Disposition die Ursachen angefahrt hat, warum 
er von seinem Eigenthum ohne Consens zu disponieren befugt seL 
2) Die jiu*a fcudalia sein klar, dass ein Vasallus von feudis mere haereditarüs, 
oder weiui ihm die facultas alienandi von dem domino directo verstattet wird, 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 165 

ohne Consens des Lehnsherrn zu disponieren und das Lehen veräussem 
könne (ü. F. 48.). Beides findet sich bei diesem Fürstenthum, welches dem 
von Schellenbeig zu einem rechten erblichen Anfsill, mithin als ein feudum 
mere haereditarium verliehen war, und worüber der König Ludwig die Frei- 
heit, nach Ge&llen damit zu thun und zu lassen, durch ein besonderes Privi- 
legium verstattet hat (Vid. Lit. A.) 

£b snccedieret also freilich das Ghurhaus nicht ex simultanea investitura^ 
weil in feudis mere haereditarüs dieselbe intuitu domini nicht stattfinden kanu^ 
wie ad §. 23 mit mehrem gezeiget werden soll 
3) Man findet in denen Archiven nicht die geringste Nachricht hievon, dahero 
man solches, da der Markgraf wirklich ohne Consens disponieret hat, nicht 
glauben kann. 

Wenn aber auch solches zum Ueberfluss geschehen wäre, wird dann da- 
durch das jus disponendi, welches dem Possessori ex natura feudi zustande, 
au%ehoben und der in denen Leimrechten erlaubte actus alienationis an- 
nullieret? 
4} Es veigisset der Verfasser beständig, dass dieser fränkischen Linie nicht allein 
verstattet worden, Güter in Schlesien anzukaufen, sondern auch nach Gefeilen 
damit zu thun und zu lassen. 
5,. Efl ist nicht auf dem Fall gestanden, weil die Tochter noch lebte, welche jure 
BanguinJH, nach dem Privilegio Uladislai, hätte succedieren müssen, wenn der 
letzte Besitzer nicht (wie er befugt gewesen) davon disponiert hätte. 
Öj Dass diese Verfessung die schlesische Fürstenthümer gar nicht binde, ist schon 
vorhin §. 13 et seq. erwiesen worden, 
Gegeninformation. §.23. Ob nun gleich daraufhin berührter Mark- 
graf Georg Friderich mit dem Markgrafen Joachim Friedrich, AdmiAistratore des 
Erzstifts Magdeburg mid nachmaligem Churfürsten zu Brandenburg von der mär- 
kischen Linie sich eingelassen und in anno 1595 demselben das Fürstenthum 
Jägemdorf per Donationem mortis causa in Kraft eines errichteten Donations- 
instnnnenti und besondeni Recessus verschaffet und zugeeignet hat, so kann 
jedoch die ganze unparteiische Welt mit Grund wohl nicht änderst urtheilen, als 
dasB er Markgraf Georg Friedrich denen kundbaren Leimrechten nach solches zu 
thun keineswegs befugt gewesen sei *) , folglich dadurch dem König zu Böheim 
and selbiger Krön an dem rechtmässigen Lehnsanfall in dem ndndesten präjudi- 
ciercn, am allerwenigsten aber auf eine ganz andere, in dem vierzehnten Grad 
rtitfemte und uiemalen mitbelehnte Linie (welches doch nach der in Schlesien 
hergebrachten Lehnsgewohnheit allerdings erforderlich ist) einiges Recht habe de- 
volvieren können*). 
Beantwortung. 1) Das Gegentheil, und dass der Besitzer nach allen gött- 
lichen und weltlichen, in specie aber nach denen Lehnrechten, von seinen 
wahren Erblehnen habe disponieren können, ist oben §. I erwiesen, und zwar 
um 80 viel mehr, da König Ludwig dem Markgrafen George insbesondere die 
Freiheit, nach Gefallen damit zn thim und zu lassen, bestätiget hat (Vid. Lit A.) 
2) Wenn der Markgraf das Fürstenthum als ein wahres Erblehen besessen und 
die Freiheit, nach Gefeilen damit zu thun und zu lassen ex concessione do- 
mini directi gehabt, so siehet man nicht ab, warum er nicht sein Ejgenthum 
habe auf das Ghurhaus devolvieren können, da ihm freigestanden, solches 
einem andern, der gar nicht verwandt ist, zu vermachen. 

Im Uebrigen bt es ein offenbarer Irrtlium, als ob bei denen schlesischen 
Fürsten jemals eine Mitbelehnscliaft ad affectum succedendi seie eingeführet 


2gg Die preussischen Ansprüche &uf Schlesien. 

worden. Es streitet dieses mit der Katar der wahren £rblehne\ welche die 
Vasalli als ihr Eigenthum, einem jeden Fremden, ohne des domim dired 
Yorwissen, und ohne der Agnaten Einwilligung, ver&ussem können. 

Es wird kein einziges Exempel von denen schlesischen Fürsten angefohie^ 
werden können, dass ein Agnatus von dem domino directo jure simultftnea« 
successionis die Lehne erhalten, sondern die Agnati sein, wemi der Vasalla 
ab intestato und ohne Disposition verstorben, jure sanguinis zur Saocesä« 
gelassen worden. Gestalten dann in spede in dem Fürstenthum J&genidoi 
oben §. 7 zwei Exempel angeführt sein, wo die Agnati ohne gesammte Häol 
jure sanguinis succediert haben. 

Unterdessen hat das Erzhaus Oesterreich unter diesem unverantwortücba 
Prätext die meiste Fürstenthümcr, wenn keine Söhne vorbanden gevesd 
eingezogen und denen armen Agnatis das leere Nachsehen wider alles Reek 
und Billigkeit gelassen. 

G e g e n i n f o r m a t i o n. §.24. So unwidersprechlich demnach auf den i 
anno 1()03 erfolgten zeitlichen Hin tritt des so oft gedachten Markgrafens (k 
Friedrich die Eröffiiung des Lehens vor den König und die Krön Böheirn 
ergeben hat, so offenbar ist dagegen, dass von dem Churfursten Joachim Frifd 
durch die hernach bei denen damaligen Kriegstrubeln eigenmächtige 
der Possession wider alle Recht und Billigkeit gehandelt worden seie*). 
Beantwortung. 1) Weil diese wahre Erblehne der Krön Böhmen diircb 
Absterben des Markgraf Georg nicht eröfthct worden, sondern dieser in fi» 
des Churhauscs Brandenburg davon disponieret hatte, so ist ganz offen 
dass der Churfilrst Joachim Friedrich die Possessioö rechtlich habe t 
können, und findet man in der Historie nicht die geringste Spur, dass zu 
Zeit einige Kriegstrubeln sollten obhanden gewesen sein. 

Gegeninformation. §. 25. Dem Authori des gegnerischen Impnsi 
scheinet allhier selbsten nicht wohl bei der Sache zu sein, indeme derselbe? »üeJ« 
handgreifliche \nderrechtliche Verfahren alsogleich mit deme zu verkleistern »a 
zu beschönen suchet, als ob sothane Besitznehmung ohne jemandes Gegenspnich in 
ohne einzige Widerrede geschehen wäre. 

Alleine man will diesem seinem grundlosen Vorgeben nur lediglich 
Antwortschreiben Kaisers Rudolphi, d. d. 27. Novembris anno 1607 an ilme Cii 
forsten Joachim Friedrich als ein ohnverwerfliches Zeugnuss entgegen sttii 
daraus ist deutlich zu ersehen*): 

1. dass bei Ihro Kaiserl. Majestät nicht nur der Markgraf Georg Fridfric 
um die Vergünstigung, über das Fürstenthum disponieren zu können, d«s Ai 
suchen gcthan, sondern auch hochgedachter Churfürst um die Confinnadon il* 
erledigten Fürstenthums Jägemdort selbsten etlichmal gebeten imd angehalt'a 

2. Dass ihme dargegen aus denen zugleich mitangefuhrten höchst triftig* 
Ursachen hierunter nicht willfiahret werden können, sondern vielmehr 

3. ermeld tes Fürstenthum sammt allen von Zeit des Markgrafen Goorji H 
derich erfolgten Ablebens empfangenen Nutzungen wiederum abzutreten und dtn« 
hiemächst darzu verordneten Königl. Commiasarien einzuantworten audßruckeoi 
lieh verlanget worden seie*). 

Beantwortung. 1) Man liat indem rechtsgegründeten Eigenthiun etc. g< 
sagt, dass der Churfürst anno 1603 nach Absterben des Markgraf Geoi^ ^ 
Possession ohne Gegenspruch imd Widerrede ergriffen habe. Der Verfa** 
der Gegeninformation nennet dieses ein grundloses Vorgeben und setaet drti 


Beantwortung der Gegeninformstion. 1741. 167 

selben dn sogenaontes unverwerfliches Zeugubs entgegen, nämlich ein Schrei- 
ben des KaiseiB Rudolph! etc. Allein eben hierdurch bekennet der VerfBLsser 
der Gr^geninfoimation selbst, dass dem Churfursten in denen drei ersten 
Jahren, da er die Possession ergriffen, da er die Huldigung von denen Standen 
eingenommen, die Regierung eingerichtet etc., nicht der geringste Widenspruch 
oder Widerrede gemachet worden, sondern solche erst drei Jahr hernach er- 
iMgt sei. Der Verfasser der Gegeninformation sollte sich hierbei billig 
saner gerühmten Aufrichtigkeit erinnern. 

Dieses ist gewiss, dass das Churhaus in der Possession beständig geblieben 
und der kaiserliche Oberhauptmann nebst dem 'ganzen Oberrecht den Mark- 
pif Johann Georg vor einem Herzog von Jägemdorf agnoscieret, der Kaiser 
Ferdinand aber dieses Fürstenthum erst anno 1621 unter dem Pratext einer 
gegen den poesessorem ergangenen Achtserklärung etc. mit gewafineter Hand, 
aller von dem Churhaus beschehener Protestation ohngeacht, euigenom- 
men habe. 

I Es ist oben schon angcmerket worden, dass man keine Nachricht m dem 
Archiv finde, dass jemals um die facultatcm disponendi seie angehalten worden. 
Wenn (»s aber damit seine Richtigkeit hätte, quid inde? dergleichen conces- 
-ioiies worden mchrentheils zum Ueberfluss gesucht, um alle Chicanen, welche 
insonderheit die böhmische Stände zu machen pflegten, zu e>dtieren. Dasä 
aW der Markgraf solche Concession selbst nicht de necessitate gehalten, er- 
hellet ja offenbar daher, weil er wirklich, ohne Envartung des Consensus, von 
!>(inern Fürstenthum disponiert hat. 

t IHe in dem Sclireiben des Kaisers Rudolphi augeführte Ursachen streiten 
mit der Natur und Eigenschaft derer schlcsischen Fürstenthümer und laufen 
^'♦^eü den legem delationis, gegen die Lehnbriefe und Privilegia. (Vid. 
^pr. §. 1.) • 

Es hat auch das Churhaus sich gar nicht an dieses Schreiben und die 
?•' nnrechtmässiger Weise verlangte Abtretung gekehret, sondern seine Noth- 
•lurft dargegen vorgestellet, worbei es auch das erzherzogliche Haus bewenden 
lasssen, unterdessen aber den Besitzer vor einen Herzog von Jägemdorf durch 
publique actus agnoscieret und erst vierzehn Jahr nachher, unter dem Vor- 
hand der Achtserklärung, dieses dem Chm'haus zustehende Land mit gewaff- 
Deter Hand eingenommen. 

Gegen information. §. 26. Durch diese vorgedachte widerrechtliche 
id «eigenmächtige Occupierung solle nmi dem Churliaus Brandenburg eine recht- 
fei^'e fideicommissarische Erbfolge auf das Fürstenthum Jägemdorf cum perti- 
fctib erwachsen sein *). 

Beantwortung. 1) Da die Besitznehmung von dem Churförsten aus einem 
rechtmässigen, von denen Königen in Böhmen und von- denen Ständen 
^Ibst agnosciertem titulo geschehen, so ist wohl offenbar, dass demselben eine 
rt^htmässige fideicommissarische Erbfolge auf das Fürstenthum Jägemdorf er- 
^acbaen sei. 

(^egeninformation. §.27. Es fallet aber dieses Assertum gleich von 
'"khsten weg, wenn ohne eigenes Yorurtheil in reife Erwägung gezogen wird, dass 
K mala eauaa kein guter Effect entspringen könne ^J, denn es ist in facto dn- für 
i^iuil ohnleogbar, dass der Markgraf Georg Friderich ein Vasall des Königs 
^ da Kfon Böheim gewesen *). Ohnwidersprechlich ist in denen Rechten, dass 
^ Vaaall in denen Lehngütem ohne Consens des Lehnherrens kein fidel com- 


168 ^6 preussischen Ansprache auf Schieden. 

missum familiae errichten könne'). Nothschlüasig ist also, dass, wenn es gleich- 

wohlen geschiehet, solches null und nichtig sei, mithin ein Dritter daraus weder 

etwas mit Recht zu acquirieren, noch mit Bestand auf die Seinige zu derolvieren 

vennöge *). 

Beantwortung. 1) Weil das erzherzogliche Haus ohne alle Ursach und 

wider alle Rechte dieses erbliche Ffirstenthum dem Churhaus gewaltsamer 

Weise entzogen, so spricht rach dasselbe hier selbst sein Urtheil, nämlic^ daas 

ex mala causa kein guter Effect entspringen könne. 

2) Er ist aber em solcher VasaU gewesen, welcher nach Gefallen mit seinen 

Gütern thun und lassen kbnnen. 
8) Dieses ist offenbar falsch und l&nft wider die klare Lehnrechte. Wenn ein 
feudum mere haereditarium ist oder die facultas alienandi von dem Lehns- 
herren in specie verstattet worden, so braucht es keines Gonsensns. Beides 
aber findet sich bei dem Ffirstenthum Jggemdor£ 
4) Gleichwie die gegenseitige Prämissa offenbar falsch und irrig sein, also ist 
auch der Schluss überall null und nichtig. 

Gegeninformation. §. 28. Es ist neben deme hierbei nicht ausser 
Acht zu lassen, dass Kaiser Rudolphus in vorberührtem Antwortschreiben noch 
diesen merkwürdigen Umstand mit beigesetzet habe, was massen er, Chuifarst 
Joachim Friderich, nebst weil, seinem Herrn Vater sich insbesondere dahin ver- 
bimden hätten, dass sie ohne Zulassen und Willigen derer König inBöheim, ihrer 
Erben und Nachkommen, weder in dem Königreich Böheim noch dessen incor- 
porierten Landen keine Herrschaften noch Güter, es seie gleich pÜBuid- oder lehns- 
weis, oder in einig andere Wege mehr an sich bringen sollen etc.*). 
Beantwortung. 1) Weil des Churforstens Joachim Friedrichs und dessen 
Herrn Vaters Versicherung nicht beigelegt worden, so kann man auch darauf 
nicht antworten. Dieses ist gewiss, dass dergleichen Generalrevers und in 
specie wegen der schlesischen Länder nimmermehr >vird producieret werden 
können ; und da der Churfurst, dieses Einwurfs ohngeachtet, bei der Posseasion 
geblieben, auch nach der Einziehung dieses Fürstenthums sein Recht mit dem 
grössten Eifer prosequieret hat, so erhellet ja eben daraus, dass der Churfurst 
nicht zugestanden habe, dass eine dergleichen Versicherung vorhanden ge- 
wesen sei. 

Gegeninformation. §. 29. Aus diesem machet sich also der fernere 
Schluss von sclbsten, dass die hernach gefolgete Einsetzung des Markgrafen Jo- 
hann Georgs in mehr besagtes Fürstenthum Jägemdorf eben so widerrechtlich und 
nichtig geschehen seie, als zuvor die eigenmächtige Besitznehmung des ChurfurstenS; 
seines Herrn Vaters gewesen ist*). 
Beantwortung. 1) Da der Churfurst ein offenbares Recht auf dieses 
Fürstenthum erhalten, so hat er seinen Sohn mit Fug und Recht in dieses 
Fürstenthum einsetzen und ihm solches zu seinem Unterhalt einräume können. 
Gegen Information. §. 30. Die vorhandene Correspondenz mit dem 
Churhaus Brandenburg sowohl als die vielfältige Bescheide, welche ihren Ge- 
sandten auf die verschiedentliche Solicitationes um die königliche Confirmation über 
den Besitz zu Jägemdorf und auf die diesfalls von dem ganzen churfurstiichen 
Collegio und niedersächsischen Kreis eingelegte Intercession gegeben worden sind, 
auch auf den Fall eines ohnverhoffenden Widerspruchs allemal vor Augen geltet 
und dem Publikinn bekannt gemacht werden können, bezeugen sattsam, dass weder 
der Churfurst Joachim Friderich noch vorgedacht dessen Sohn Markgraf Johann 


Beantwortung der GegeninformatioD. 1741. 169 

OeoTg jemals vor rechtmässige Besitzer ermeldeten Füistentbmns Jägemdorf, 
sondern vielmehr jederzeit vor widerrechtliche Detentores angesehen mid gehalten 
worden sind'), also zwar, dass endlich das Churhaos Brandenburg solches Selbsten 
erkennet und blos viam gratiae gesuchet hat'). 

Beantwortung. 1) £8 bestehet eben hierin die Gewaltth&tigkeit, worüber 
man jetzo, da die Prapotems des österreichischen Hauses ein Ende hat, die ge- 
hörige SatLsfieustion suchet; man beschweret sich vornehmlich darüber, dass 
dieses Haus anno 1621 auf eine unerhörte, gewaltth&tige und unverantwortliche 
Weise das Foistenthum Jägemdorf fdndlich überfiftllen und eingenommen, dass 
auf alle Sollicitationes und Intercessiones der meisten Puissancen in Europa 
nicht reflectieret worden und dass diese unrechtmässige und widerrechtliche 
Invasores den offenbaren und rechtmässigen Titulum des Churhauses Branden- 
burg in Zweifel ziehen und sie vor widerrechtliche Besitzer halten wollen. 
Es müssen diese angeblichen Detentores wohl so unrecht nicht gehabt haben, 
weil der Bischof von Breslau, welcher kaiserlicher Oberhauptmann gewesen, 
in seinem anno 1592 erforderten und abgestatteten Gutachten selber festsetzet: 
Dass das Fürstenthum Jägemdorf von dem von Schellenberg erblichen 
an den Markgrafen Georg in einem Erbkauf verkauft imd dieser NB. 
von weiland König Ludwig confirmieret sei etc. 
Worauf er also dann schliesset: 

Ob nun in Ansehung der ersten, König Ludwigs, und der andern Confir- 
mationen des Herrn Markgrafen Erben und Vettern, weil es zu Erbrecht 
derer Erben mid Nachkommen verkauft und bestätiget etc., zu lassen, 
solches stehet bei 8r. Königl. Majestät gnädigstem Erwägen etc. 

2) Das Churhaus Brandenburg hat die Restitution des Fürstenthums Jägemdorf 
niemale als eine Gnade, sondern als ein ohnstreitiges Recht gesuchet und das 
von dem Gegentheil hier angeführte Document besaget nicht allein mit klaren 
Worten , dass der Gesandte sich auf seine Rechtsgründe bezogen , sondern es 
erkläret auch, was es mit der gesuchten Gnade vor eine Bewandtniss habe, 
weil nämlich das Churhaus Brandenburg (wie der Eingang besaget) sich auf 
seine grosse Merita gegen das erzherzogliche Haus bezogen liatte, und dalier 
vermeinte, da es die Gnade wohl verdiente, dass man ihm Justiz administrieren 
miisse. 

G e g e n i n f o r m a t i o n. §. 31 . Es bedarf dahero der gegcntheüige Vorwurf, 
als ob die wirkliche Einziehung des Fürstenthums Jägemdorf hauptsächlich wegen 
der von dem vorgemeldeten Markgrafen Johaim Georg bei der böheimischen Un- 
mhe begangenen Felonie erfolget, dadurch aber sowohl seinem Sohn Emesto als 
auch dem Cliurhaus Brandenbui^ zu viel geschehen wäre, keiner besonderen 
Widerlegung*); denn das erstere nicht sowohl seinem geächteten Vater als viel- 
mehr ex Providentia avi succedieret sei, in Ansehung des letztem aber die Strafe 
der Lehnsverwirkung bei denen Stammlehen und Fideicommissis Familiae gegen 
die unschuldigen und nicht Theil nehmende Agnaten nicht stattfinde, dieses ist 
eine pure petitio priucipii*), und der Ungrund dessen hieroben bereits genugsam 
erwiesen'), auch übrigens von Seiten des kaiserlichen und königlichen Hofes zu 
allen Zeiten zu erkennen gegeben worden, dass die Einziehung des Fürstenthums 
Jägemdorf nicht sowohl ex capite feloniae als vornehmlichen wegen Erlöschung 
der belehnten Linie g^chehen sei, auch nach denen Satzungen des Königreichs 
Böheims habe geschehen müssen*). 


170 ^6 preuasischen Angprüche auf Schlesien. 

Beantwortung. 1) Dieses ist doch der Hauptvorwuif , denn da das Hauä 
Oesterreich unter diesem Pr&text das FOrstenthum gestandlich eingecogeo, des 
Sohns Delictom aber dem Vater nicht schaden kann, so wird der Ver&sKr 
wohl schwerlich einen Grund finden, diesen Vorwurf zu widerlegen. 

2) Dass der Sohn des proscribierten Herzogs Johann Georg, nicht seinem Vater, 
sondern ex Providentia avi succedieren sollen, ist keine petitio principü, aller- 
massen der Churfurst Joachim gedachtem Johann Georg und dessen Erben 
dieses Fürstenthiun als eine dem Churhause Brandenburg ewig incorporiertc 
Appanage eingeräumt hat, dahero die Kinder nicht anders als ex dispositione 
avi in dieses Appanage succedieren können. 

Am wenigsten ist eine petitio principü , dass die poena feloniae gegen dit> 
unschuldigen Kinder und Agnaten nicht stattfinde, weil ja dieses in deoen 
Reichsgesetzen klar und oftenbar also versehen ist. Denn die Erklärung de» 
Landfriedens de anno 1522, tit. 22, declarieret ausdrücklich, dass die Acht 
denen Lehnserben an ihrer Lehen und sonst männiglich an seinen Gerechtig- 
keiten nicht schaden solle. 

o) Man hat von beiden gegentheiligen asscrtis nicht den geringsten Bcvi^eU 
gesehen. 

4) Alle beiden Ursachen sein offenbar ungerecht und ist schon gezeiget worden, 
dass die poena feloniae nach denen natürlichen (Grot. de Jur. Bell, et Pac. 
Lib. 2, cap. 21, §. 12 seq.) und Reichsgesetzen weder denen Kindern noch 
denen Agnatis präjudiciere; und dass also diese Erblehne, wovon der letzten 
jägemdorfischc Vasallus disponieret hat, der Krön nicht auheim gefallen, ein- 
folglich auch ohne die grösste Ungerechtigkeit nicht habe eingezogen werden 
kömien. 

G e g e u i n f o r m a t i n. §. 32. Und aus eben dieser Ursache ist auch Jacoba> 
Herzog in Lievland, Churland und Semigallien, als er sich in anno 1649 nicht 
minder durch einige Abgeordnete um das Fürstenthum Jägemdorf beworben, vor- 
schützend, dass er von des primi acquirentis Georgii Bruders Albrecht Priderich> 
Tochter Sophia abstamme, einfolglich ein mehrers Recht als Churbrandenbuig habe 
gleicher Gestalt abgewiesen worden *). 
Beantwortung. 1) Der Herzog Jacobus hat nicht können zur Succession ge- 
langen, weil der letzte Vasallus bei seinem Leben schon von diesem Fürsteu- 
thiun en faveur des Churhauses Brandenburg disponieret hatte, einfolglich 
dessen Jus potius war. 

Wenn aber der letzte Possessor, Markgraf Herzog Friedrich, nicht dispo- 
niert liätte, so würde das erzherzogliche Haus die Gemahlin des Herzog? 
von Curland mit dem grossesten Unrecht abgewiesen haben, weil ja nach dem 
Privilegio Uladislai auch die Töchter in Jägemdorf succedieren. 

Gegen Information. §. 83. Endlich verfallet der Autor des so betitelten 
rechtsgegnmdcten Eigeuthums noch auf andere Nebenmnstände, nämlich dass die 
Pacificatores des westphälischen Friedens ebenfalls in dieser Sache angegangen 
wären, die sich aber auf den Fuss gesetzet, dass, was nicht causa belli gewesen, 
auch nicht materia pacis sein könnte, und dass Oesterreich inuner Hoffiiung ge- 
macht habe, nach beigelegten Kriegstrubeln diese Streitigkeit in Güte abcuthaen. 
nicht minder dass auch dessentwegen öfters wichtige Geldsummen angeboten wor- 
den wären. 

So viel aber das erste, nämlich den westphälischen Friedensschluas betriffti da 
hat zwar testantibus actis der damalige Churfujrst von Brandenburg die sammentlich 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 171 

protestierenden Stände stark genug angegangen (Vid. Meyers Acta pacis Westph. 
Tom. 1, pag. 807), auch diese (weil man sie berichtet, dass JägemdoiriF blosshin bei 
Gelegenheit der böhmischen Unruhe eingezogen worden) sich der Sache wirklich 
augenommen und dem Casum wegen Jägemdorf unter die restituenda ex Capite 
Amnestiae ziehen wollen (Idem T. 2, pag. 305 et pag. 316). Nachdem aber die 
damalige kaiserliche Gesandtschaft dag^en yorgestellet, dass Jägemdorf schon 
bmge vor der böhmischen Unruhe der Krön Böheim als ein eröffiietes Lehen an- 
heim gefidlen, mithin die Restitution dieses Fürstenthums ohnmöglich zu dem 
Gapite Amnestiae gerechnet werden könnte (Idem loco cit pag. 324 et 418); so 
wurde endlich von Seiten Schweden und der protestierenden Stände selbst von der 
anverlangten Restitution abgestanden und kein Wort davon im Friedensschluss 
gemeldet *), woraus demnach der Ungrund des Vorwurfe, als hätte es österreichischer 
8eits an continuierter Hoffnung nicht gefehlet, sich sofort zu Tage leget*). 

Desgleichen findet sich das Vorgeben wegen der angebotenen wichtigen Geld- 
snmmen ganz anders beschaffen; es haben zwar Ihro Kaiserl. Majestät wegen der 
sogenannten Breslaner Schuld einmal 180,000 Reichsthaler assignieret und ein 
anderes Mal 120 rückstandige Römermonate nachgelassen, beides aber ist keines- 
wegs in Ansehung der jägemdorfischen Prätension, sondern lediglich der hohen 
Verdienste des Churhauses Brandenburg geschehen und hauptsächlich dabei die 
gerechteste, in der That auf viele Tonnen Groldes, ja Millionen sich belaufende 
Anforderung wegen der Contribution auf Grossen, Storka und Peska reservieret 
worden, wie es denn endlich auch noch in anno 1685 Kaiser Leopoldus dabei 
lediglich bewenden lassen'). 

Beantwortung. 1) Die Ursache, warum nichts in dem Frieden gemeldet 
worden, ist nicht diese, als ob die protestierenden Stände geglaubt haben, dass 
Jägemdorf schon lange vor der böhmischen Uniyhe der Krön Böhmen anheim 
gefetllen (denn diese Fabel ist schon widerlegt worden), sondern dieselbe 
wollten sich gar nicht mit dieser Sache melieren, weil dasjenige, was nicht 
belli causa gewesen, auch nicht materia pacis sein könnte. 

2) Von dieser contimderten Hoffnung beziehet man sich auf die von dem Ver- 
fasser selbst producierte Documenta, sub No. XVIII seq., worinnen das erz- 
herzogliche Haus zu einem Aequivalent Hoffiiung gemachet hat. 

3) Das eigene, von dem Verfasser angeführte Document sub No. XIX besaget, dass 
der Kaiser das Aequivalent auf 100,000 Rthlr. determinieren wollen, welche aber 
das Churhaus nicht angenommen, sondern, besage des gegentheiligen Docu- 
menti sub No. XXI, beständig auf der Restitution bestanden imd solche anno 
1683 seq. durch eine besondere Gesandtschaft urgicren lassen; alle übrigen 
Umstände gehören nicht liieher und ist daher auch nicht nöthig darauf zu 
antworten. 

Gegeninformation. §. 34. Wie nun aus der bishero angeführten wahren 
und actenmässigen Beschaffenheit der Sache männiglich klar in die Augen 
^len musa: 

1. Dass das Fürsten thum Jägemdorf nicht als ein Allodium, sondern je- und 
^ewegs als dn^Feudum proprium besessen worden seie ^). 

2. Dass dieses Feudum König Ludovicus zu Böheim nur auf die fränkische 
"■»^rftgräfliche Linie verliehen*) und der ultimus Possessor Markgraf Georg Friderich 
seibeten den Consens, darüber nach Gefällen disponieren und testieren zu können, 
'^f Öfters solicitieret, solchen aber niemalen erhalten*). 


X72 ^® preussischen Anspräche auf Schlesien. 

8. Dass derselbe folglich ohne diesem auf eine ganx andere, nicht mit- 
belehnte Linie keineswegs gültig habe disponieren, mithin 

4. Sothanes Lehen um so weniger auf das Churhans Brandenburg m der 
Person des damaligen Churfursten Joachim Fiiderichs als ein Stammlehen imd 
Fideicommissum Familiae devolvieren können*). 

5. Dass die von ihm Churfursten nachgehends de facto ergriffene Possemon 
und eigenmächtige Einsetzung seines Sohnes Markgrafen Johann Georg bestandig 
widersprochen, die öfters von ihnen gebotene Conürmation und Belehnung keines- 
wegs accordieret, vielmehr das Feudum cum fructibus perceptis zurückgefordert') 
und endlich 

6. Nicht allein ob perduellionem des Markgrafen Johann Greorgs, sondeni 
vornehmlich wegen Abgang der nur allein belehnt gewesenen markgraflich-frin- 
kischen Linie eingezogen worden seie*): 

Also will man den Schluss, wie schlecht die gegentheilige Pratension anf 
das Fürstenthum Jägemdorf in der That gegründet sei, einem jeden ohnpardieüschen 
Gemüth, von was vor einer Religion selbiges immer sein möge, selbst zu machen 
überlassen''). 

Beantwortung. 1) Jägemdorf ist von Anfang her ein feudum impropriiun 
und mere haereditarium gewesen, worinnen auch die Töchter laut des Königs 
Uladislai eigenem Bekenntmss succedieren können. (Supr. §. 1, No. 4 et 5 
et §. 8.) 

2) Es ist dieses Jägemdorf der fränkischen Linie verliehen, cum &cultate nach 
Gefällen damit zu thun und zu lassen. (Supr. §. 1, No. 8.) 

3) Dass ein Gonsens disponieren zu können gesucht sein solle, davon ist diesedts 
nichts bekannt Man hat schon vorhin geantwortet, dass man eines Thdls 
solches nicht glaube, andern Theils solches zum Ueberfluss und ohne Noth- 
wendigkeit, um der böhmischen Stände chicanes zu evitieren, geschehen sein 
könne; dieses ist gewiss, dass der Herzog ohne Gonsens wirklich disponiert 
habe, einfolglich solchen nicht de necessitate müsse gehalten haben. 

4) Da die fränkische Linie facultatem disponendi aus der Natur der Lehne und 
aus der Goncession des König Ludwigs gehabt, so hat dieselbe gültig auf eine 
andere Lmie disponieren und die Lehne auf das Ghurhaus Brandenburg trans- 
ferieren können. 

5) Wegen aller dieser Ungerechtigkeiteu wird eben jetzo die behörige Satisfaction 
gesucht 

6) Beide Ursachen sein bei diesem casu nicht applicable (vid. supr. §. 81). 

7) Man will bei denen vorangeführten Umständen auch die barbarischte Heiden^ 
welche nur einen Funken der Vernunft haben, urtheüen lassen, ob es vor 
Gott zu verantworten sei, dass man dem Ghurhause ein so importantes Fürsten- 
thum aus so frevelhaften Gründen, absque causae coguitione, auf die gewalt- 
samste Art entzogen hat 

Gegeninformation. §. 3ö. Xacluleme übrigens der Verfiewscr des so- 
genannten rechtsgegründeten Eigenthums C. 1, §. 7 nur mit ehiigeu Worten, auch 
deren Herrschaften Leobschütz, Oderberg, Bouthen und Tamowitz gedenket *), und 
darauf, aus der vorhin angeführten Donation Markgrafens Georg Friderichs, eine 
Prätension des Ghurhauses zu machen scheinet, so will auch die Nothwendigkeit 
erheischen, die eigentliche Beschaffenheit von Oderberg und Beuthen, mithin den 
Grund oder Ungmnd sothaner Prätension kürzlich zu untersuchen, denn LeobschäU 
ist ein Appertinens von Jägemdorf und von denen von Schellenbeig an den Mark- 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 173 

gnfen Greorg mit Jfigemdorf verkaufet worden, Tamowitz aber gehöret zu Beuthen, 
mitiun bleiben nur Oderbeig und Beuthen übrig, welche auch zu Anfang des 
vorigen Saeculi das Objectum des bei dem in Schlesien eingeführten Ober- und 
FurBtenrechts diesfalls obgeschwebten Processus gewesen. 

T'^e nun aber die Umstände respectu Oderberg von jenen respectu Beuthen 
ganz unterschieden seind, so gedenket man mehrerer Deutlichkeit willen jedes be- 
aonden zu betrachten und zu diesem £nd den Anfang von Oderberg machen etc. 

Beantwortung. 1) Man gestehet die ganze facti speciem zu und hat auch 
niemaien ein Eigenthumsrecht in diesen beiden Herrschaften prätendieret, da- 
heio man auch nicht nöthig findet, den Text vom §. 36 bis ad §. 42 hierbei 
drucken zu lassen. 

Weil aber der Autor der Gegeninformation dem Churhause Brandenburg 
gar kein Recht auf diese Herrschaften zugestehen will, so wird man sich blos 
hei den §§. 42 und 43 aufhalten, weil darin die Prätension des Churhauses 
ganz deutlich enthalten ist 

Der Verfasser der Gegeninformation führet selber in den §§. 42 und 43 die 
judicata an, wodurch erkannt worden, dass König Mathias die Herrschaft 
von Beuthen NB. gegen die verschriebene Summe einzulösen, die Herrschaft 
Oderberg aber ohne Entgeld zurückzufordern befugt sei, 

und dass der beklagte Markgraf auch beede Herrschaften NB. doch nicht 
eher als gegen Ersetzimg der Pfandsumme auf Beuthen und deren bei- 
den Herrschaften Oderberg und Beuthen angegebenen Besserungen ab- 
zutreten schuldig sei. ^ 

Nach diesem judicato nun soll der Markgraf als Besitzer des Herzogthums 
Jägemdorf, beide Pertinentzen, Oderberg und Beuthen, nicht eher abtreten, bis 
der Pfändschilling und die Meliorationes erstattet werden. 

Dahero stehet die Prätension (nicht in dem fjgenthum dieser beider Herr- 
schaften), sondern in dem Capital und Zinsen (intuitu dessen dem Markgraf 
das jus retentionis in diesen Herrschaften per judicatum zuerkannt worden) ex 
ipsa partis adversae agnitione feste. 

Da nun das GegentheU zugleich in dem §. 44 zugestehet, dass dieses Capital 
nicht bezahlet worden, so bleibt ja natürlicher Weise das jus retentioms des 
Herzogthums Jägemdorf in salvo. 

Es vermeinet zwar der Verfasser der Gegeninformation in gedachtem Para- 
graph, dass der Markgraf Georg sich des Lasters der Perduellion theilhaftig 
gemacht habe, und daher Kaiser Ferdinand berechtigt worden, die auf Beuthen 
gehafteten Sprüche des Pfandschillings als ein Allodium zu confiscieren und 
beide Herrschaften (die der Markgraf jure retentionis inne gehabt) einzuziehen. 

Es ist aber offenbar irrig, dass dieser Pfandschilling ein Allodiiun des 
proscribierten Markgrafen gewesen; es ist in denen vorigen Deductionen ge- 
zeiget worden, dass das Fürstenthum Jägemdorf NB. mit allen Pertinenzen 
dem Churfürst Joachim anheim gefallen, dass dieser seinem Sohn sothanes 
Fürstenthum zu seinem bessern Unterhalt angewiesen, einfolglich dieser das 
Land blos als eine Apanage besessen habe. 

Es hatte sich der Churfürst in dem Documento, wodurch er seinem Sohn 
diese Apanage übertragen, sich den Pfieuidschilling auf Beuthen reservieret, 
jedoch nachhero, auf des Sohnes inständiges Anhalten, demselben bloss unter 
der Condition überlassen, 

dasB, wenn der Pfandschilling bezahlet würde, sowohl die Melioration 
in dem Fürstenthum als der Pfandschilling zur Erweiterung des Herzog- 


174 ^^ prenssischen Ansprüche auf Schlesien. 

thums Jagerndorf angewandt, und die Gelder nicht weniger ak das 

Herzogthum jedesmal bei dem männlichen Stamm des Churhanses bldben 

solle. Lit. H. 

Es ist also irrig, dass der benthensche Pfandschilling und die MehoratioDes 

jemalen des proscribierten Markgrafen Allodium gewesen, sondern es sein diese 

Gelder vielmehr als ein Fideicommissum familiae dem Churhause Brandenburg 

ewig einverleibet worden. 

Dahero dieses wohl befugt ist, die beiden Herrschaften Oderberg üihI 
Beuthen, vi judicati, so lange jure retentionis an sich zu behalten, bis di>r 
l^andschilling nebst Zinsen und denen Meliorationen erstattet worden. 

Gegeninformation §.42. Als nun Markgraf Georg und sein Sohn Georg 
Fritlerich verstorben, mithin die Coucession auf die zwei Leiber erloschen, Chur- 
farst Joachim Friederich aber die Herrschaft de facto in Besitz genommen und 
seinem Sohn Johann Georg eiugeraumet, dieser hingegen solche gutwillig und 
ohnangesehen man sich zur Ersetzung des Pfandschillings vielmal angetragen, niclit 
wieder abtreten wollen: 

So ist die Sache wie wegen Oderberg also auch wegeri Beuthen in anno 16 lö 
zu einem Process bei besagtem Ober- und Fürstenrecht gediehen und den 21. April 
1617 dahin, entscliieden worden, dass das Eigenthum beider Herrschaften dein 
regierenden König in Böheim zustehe, mithin König Matthias die Herrschalt 
Beuthen gegen die verschriebene Pfandsumme einzulösen, die Herrschaft Oderberg 
aber ohne Entgeld zurück zu fordern beftiget, der beklagte Markgraf auf bade 
Herrschaften doch nicht eher als gegen Ersetzung der Pfandsumme auf Beuthen 
imd deren in beiden Herrschaften Oderberg und Beuthen angegebenen Besserungen, 
so viel derselben iimerhalb der langem sachsischen Frist erwiesen werden möchten, 
abzutreten schuldig seie imd solle sodann wegen der von Oderberg von aimo 1604 
eingenommenen Nutzungen femer ergehen was Recht ist. 

§. 43. Auf die hiemächst erfolgte Liquidation des beuthnischen Pfiuid- 
schillings und der Meliorationen ist die weitere Definitive unterm 17. Maji 161 S 
ergangen und darinnen die respectu Beuthen zu ersetzen kommende Pfandschillings- 
und Meliorationsquanta deutlich ausgesetzet, der oderbergische Meliorationes aber 
mit denen genossenen fructibus compensieret worden. 

§. 44. Ob man nun zwar hierauf mit dem Pfandschilling und denei Melio- 
rationskosten von Seiten der königlich schlesischen Kammer sich beständig fertig 
gehalten, zu dessen Beweis man das schlesische Kammerschreiben hier beileget, 
so ist doch von Seiten Markgrafens Johann Georg und seiner Bäthe ein Aufsog 
nach dem andern ausgedacht und die Sache so lange verzogen worden, bis endlich 
Markgraf Georg sich des Lasters der Perduellion theilhafdg gemacht und hierdurch 
Kaiser und König Ferdinandus 11. berechtiget worden , die auf Beuthen gehaftete 
Sprüche des Pfiandschillings als ein Allodium zu confiscieren und endlich bdde 
Herrschaften einzuziehen. 

§. 45. Aus diesem nach einander erzählten und durch unverwerfliche Docu- 
mente bewährten Verhalt der Sache ergiebet sich nun ohne weitere Auisfuhrung 
von selbst: 

1. Dass die Markgrafen von Brandenburg, fränkischer Linie, auf die Herr- 
schaften Beuthen und Oderberg kein anderes als ein Pfandrecht, und dieses zwar 
niur auf gewisse sogenannte Leiber oder Leibserben gehabt^), und dass dahero 

2. Nach Absterben des letztem Markgrafens der fränkischen Linie, Gieoi^ 
Friderichs, die Herrschaft Oderberg ohne Entgeld, Beuthen aber cum onere relui- 


Beantwortung der Gregeninfonnation. 1741. 175 

tionis nach Masegabe des ober- und fürstenrechtlichen Sentenzes anheim gefallen % 
mithin 

3. Der Chnrfurst Joachim Friderich und sein Sohn Johann Georg, da sie 
aas dem snb No. 12 allegierten Donationsrecess und der darinnen (Paragraph: was 
aber etc.) gethanem eigenen Geständniss Markgrafens Georg Friderichs die beste 
Nachricht von der wahren Eigenschaft beider Herrschaften gehabt, widerrechtlich 
;'ehandelt, dass sie solche de facto in Besitz genommen, und so lange Zeit un- 
rechtmässig detinieret haben'). Und endlichen dass 

4. Die auf Beuthen ratione des PÜEUidschillings und der Meliorationen gehabte 
Sprüche ebenfiedls von Ferdinando IL ex capite Perduellionis des Markgrafen 
Johami Georg mit allem Fug eing^ogen worden, einfolglich die diesfalls formieren 
wollende churbrandenburgische Prätension ganzlich ungegründet sei^). 

Wie solches Kaiser Leopoldus in dem oben sub No. 21 an die brandeu- 
burgische Gesandtschaft bei dem sogenannten Satisfactionsgeschäft anno 1685 er- 
theilten Bescheid zur Genüge zu erkennen gegeben hat*). Dass also 

5. Der oft wiederholte Verfasser sich ehender iu denen so vielmal ange- 
rühmten Archivis gründlicher ersehen als mit derlei nichtigen durch Urtheil und 
Kecht schon vor mehr denn hundert Jahren abgethanen Anforderungen ans licht 
Teten sollen*). 

Beantwortung. 1) Dieses ist nie geleugnet worden. 

2j Dieses wird gleichfalls zugestanden. 

3) Es verglast der Verfasser der Gegeninformation, da^ er in §. 48 selber das 
judicatum angefuhret, vermöge welches der Markgraf Johann Georg beide 
Herrschaften nicht eher abzutreten schuldig erachtet worden, bis ihm der 
beuthische Pfandschilling und die Meliorationes erstattet wären. Da nun laut 
dessen eigenem Gestandniss die Bezahlung nie erfolget, so hat ja so wenig 
der Churfurst als dessen Sohn unrecht gethan , diese beiden Herrschaften jure 
retentionis in Besitz zu nehmen. 

1} Dass die PerduelUo des Markgrafen Johann Georg seinem Herrn Vater nicht 
schaden könne, ist schon oben gezeigt worden, dahero diese Einziehung wider 
die natürliche Rechte und Reichsconstitutiones laufet. Vid. supr. §. 31. 

')) Dieser in propria causa gegebene und von dem Churhause bestandig contra- 
diderte Bescheid kann diesem sein jus quaesitum nicht wegnehmen. 

^3.) Man lasset jeden vernünftigen Menschen urtheilen, ob bei denen oben an- 
geführten Umstanden die Anforderung ratione des beuthischen Pfandschillings 
und Meliorationen (derentwegen dem Churhause Brandenburg das jus reten- 
tionis in beiden Herrschaften per judicata zuerkannt worden) abgethan sei. 

Nota. 

^hliesslich muss man hiebei zur Behauptung der diesseitigen Gerechtsame 
auf das Herzogthum Jägemdorf annoch anzeigen, dass der Markgraf Georg, 
welcher dieses Herzogthum ctmi facultate, nach Gefallen damit zu thun und 
zu laesen, acqnirieret hat, wirklich davon disponieret und in dem anno 1553 
achteten Testament das Churhaus Brandenburg (wenn sein Sohn ohne Erben 
und ohne Disposition versterben würde), substituieret habe. (Lit L) Woraus 
nothwendig zweierlei folgen: 

Emtlich, dass der Markgraf Georg nicht den geringsten Zweifel gehabt 
habe, dass er von diesem erblich erkauften Fürstenthum nach Gefallen zu 
disponieren nicht sollte befugt sein, und wie könnte wohl von einem so klugen 


} 76 ^^ preufisiachen Ansprüche auf Schlesien. 

Herrn nur vcrmuthlich sein, dass er, da er imverheirathet gewesen, seiDe 
Allodialgütcr zur Erkaufung eines Mannlehens habe anwenden und seinem 
Haus ein so importantes Allodium entziehen wollen. 

Zweitens, dass das Churhaus Brandenburg, wenn auch schon des Geoigii 
Sohn nicht per donationem mortis causa in dessen faveur disponiert hatte 
dennoch vi hujus substitutionis in dem Fürstenthum JSgemdorf zu snccedieren 
berechtiget sein würde, einfolglich dessen Recht in duplici titulo fundiert sei. 

Capitcl II. 
Von der anmassiichen churbrandenburgischen Prätensiou auf die 
Fürstenthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau. 

Gegeninformation. §.1. Der Autor des sogenannten rechtsgegrihideten 
churbrandenburgischen Eigenthums setzet als eine Gnindveste voraus, dass die 
Herzoge zu Liegnitz aus dem plastischen Haus ihr Land souverän, frei mid erblick 
regieret hätten; man findet aber nicht, was derselbe dadurch behaupten wolle *> 
denn es kommet dermalen auf diese an sich noch nicht ausgemachte Frage gar 
nicht, sondern eigentlich dahin an, auf was Art und Weise die Herzoge dem Koiiig 
und der Krön zu Bölicim diese Fürstenthümer zu Lehen aufgetragen haben*}. 

Beantwortung. 1) Man will dadurch dieses beliaupten, dass diese freie 

Fürsten, welche denen Königen von Böhmen das Dominium directum über ihre 

eigenthümliche und erbliche Fürstenthümer ohne Zwang und von freien 

Stücken aufgetragen, alle vorige Gerechtsame, einfolglich auch die ErbUchkdt 

und daher rührende facultatem alienandi, jure dominii utilis beibehalten haben. 

2) Es kommt freilich hauptsächlich darauf an, unter was vor Condition die 
Bchlesische. Fürsten und in specie die Herzoge zu Liegnitz tmd Brieg etc. ihre 
Fürstenthümer der Krön Böhmen übertragen haben. Nun hat man zwar in 
denen vorigen Deductionen dem publico schon kund gemachet, worin dir* 
Conditiones bestanden, man findet aber nöthig dieselbe (ehe man zur Beant- 
wortung der gegenseits angeführten Gründe schreitet), zum besseren Verstand 
der Sachen allhier zu wiederholen. 

Man hat 1. in der näheren Ausführung etc. gezeiget, dass die schlesische 
Herzogen, ehe sie sich denen Königen von; Böhmen submittieret, ihre Fürsten- 
thümer erblich und eigenthümlich besessen und nach Ge&llen davon haben 
disponieren können, auch wirklich davon disponieret haben, indem sie das 
Dominium directum davon der Krön Böhmen aufgetragen, welches sie nicht 
thun können, wenn sie nicht facultatem alienandi gehabt hätten. 

Man hat 2. in specie aus dem Lehnbrief des Herzogs Bolislas zu Liegnitz^ 
Brieg und Wohlau etc. de anno 1329 erwiesen, dass der König in Bohmei: 
diesem Herzog Friedrich, seinen Erben imd Nachkommen 

sein eigen Land (das er der Krön mit Willen und ungezwungen auf 
gegeben) verliehen habe, zu einem rechten Erblehen, Liegnitz, Brieg etc. 
mit allen Rechten, Freiheiten und Nutzen, als sie von Alters und seinen 
Eltern an ihn gekommen. 
Der König verspricht auch, den Herzogen zu lassen und zu behalten 

bei allen seinen Rechten und bei allen seiner Frdheit, in welcher Wei:^* 
das an ihn kommen und bracht ist von seinen Vorfahren etc. 
Da nun die Herzoge von Liegnitz sich alle Rechte und Freiheiten, welche von 
Alters, von ihren Eltern und Vorfahren auf sie gekommen und gebracht sein- 


Beantwortung der G^genmifonnation. 1741. 177 

vorbehalten nnd cde sich unter keiner andern Condition der Krön Böhmen unter- 
worfen hahen, so folget nothwendig, dass sie auch das jus alienandi, welches 
sie als freie Fürsten vorhin gehabt, behalten, weil ja vernünftiger Weise nicht 
zu rermnthen, dass diese freie Fürsten, welche sich ans freiem Willen, ohne 
Noth dem Schatz des Königs von Böhmen snbmittieret, diesem ELleinod sollten 
renimdert haben; insonderheit, da der Krön Böhmen nichts daran gelegen 
war, weil der Snccessor jederzeit wieder ein Vasall von Böhmen wurde. 

Damit aber m. kein Zweifel hiebei übrig bleiben möchte, so hat der Herzog 
Friederich zum Ueberfluss in dem Auftragsbrief declariert, dass er, seine Erben 
and Nachkommen dieses feudum oblatum NB. als ein rechtes Erblehen, ein- 
folglich als ein feudum mere haereditarium, eoque aUenabile, von der Krön 
Böhmen recognosderen wollte. 

Der König Uladislaus hat IV. anno 1505 nicht allein in genere alle Privi- 
legia derer Herzoge dahin confirmieret, dass sie ihre Erben rechte Nachkommen, 
ihre Füistenthume und Lande etc. inmassen ihre Vorfahren, ehe sie an die 
Krone zu Böhmen gekonomen, gehabt und als freie Fürsten des Reichs geübt 
and gehalten haben, mit aller fürstlicher Ehre, Herrschaften und Beeilten zu 
freiem Erblehen haben und halten sollten, sondern er hat ihnen auch in specie 
erlaabet, ihren Unterthanen, wenn diese vor sie bürgen würden, ihre Schlösser 
etc. zu verpfönden, mit der Versicherung, dass diese Pfander, wenn die Länder 
an die Könige zurückfrdlen, nicht sollten zurückgegeben werden, bis sie aus- 
gelöset etc. Lit K. (Gold. Bob. in denen Beilagen Fol. 361.) 

Es ist also V. ohnstreitig, dass denen Herzogen zu Liegnitz, ihren Erben 
nnd Nachkommen, ihre Fürstenthümer mit denen Rechten, welche ihre Vor- 
fahren vor der Lehnsoblation als freie Fürsten gehabt, zu einem rechten und 
freien Erblehen verliehen worden. 

Hieraus nun folget VI. die Facultas alienandi von selbsten, weil bekannt 
i^t, daas die feuda mere haereditaria absque consensu domini alieniert werden 
kunnen (Lynker Besp. 132, n. 5, Rieht, dec. 25, n. 11, Clarus I. 4, §. feudum 
t^tc. qnaest 40, n. 2), welches unten noch weiter gezeiget imd aus der eigenen 
Bekenntniss derer böhmischen Könige ausser allen Streit gesetzet werden soll. 

Eb vermeinet zwar VII. der Verfasser der Gegeninformation, c 1, §.9, dass 
^ns denen Worten erblichen Lehnen kein feudum mere haereditarium oder 
Veräusserungglehen erzwungen werden könne, es stimmen aber alle der Lehn- 
rechte Erfahrne damit überein, dass, wenn bei dem Wort Erblehen einige Um- 
stände vorkommen oder demselben einige Benennungen beigefuget werden, 
welche quaiitatem haereditariam anzeigen, alsdann das Wort Erblehen ein 
fendum mere haereditarium (Struv. J. F. c 4, Th. 18, Ludwel, de feud. c. 4, 
p. m. d9 Vultej. de feud. lib. 1, c. 8, n. 52), mithin fEUSultatem alienandi 
inferiere. 

Unter diese notas characterislicas eines feudi meri haereditarii aber werden 
frerechnet, 1. wenn ein Vasallus sein eigen Gut dem domino directo zum Erb- 
It'hen offerieret, einfolglich kein Beneficium von dem Lehnsherrn bekommt, 
^cfl, wie schon vorhin angefuhret worden, die vernünftige Vermuthung hiebei 
^^tet, dass der Vasallus, welcher vorhin seine Güter erblich besessen, sich 
^^ freien Disposition nicht habe begeben, sondern sich dieselbe durch das 
Wort Eiblehen reservieren wollen (Fleischer Instit, Jur. Feud. c. 4, §. 58), 
<lahero der gelehrte Knichen (De Vest pact. part. 1, cap. 5, n. 1) gar wohl 
obsenrieret hat, dass die feuda mere haereditaria aus dergleichen^ freiwilligen 
Oblation der eigenen Güter ihren Ursprung genommen haben (Berger Cons. 

''^^'^lAaclie Staataschriften. I. 12 


178 ^^ preiueischen Ansprüche auf Hchlesien. 

97, Cent 2 p. m. 1698 et diflcep. for. tit 40, pag. 1249, 12d0 et 1255. Lynker 
analect ad Strav. Jus feud. cap. 4, §. 12. Strov. J. fead. c. 4, §. 12. Besoldos 
voce Erbleben. Carpz. disp. feud. XI, §. 28. Fleiscb. d. L §. 58. Knich. 
d. 1. n. 5. Rosent de feud. c. 12, q. 14, n. 2 seq. Anton, disp. feud. 1, § S, 
lit d. Zigler dec. 25). 

Hauptsäcblicb aber und 2. wird pro feudo mere haereditario, eoque aüe- 
nabili, gehalten, wenn ein solches Liehen zu rechtem Erbleheu gegeben wii^ 

Nicht weniger 3. wenn ein Lehen dem Vasallo, dessen Erben und KB. 
Nachkömmlingen verschrieben wird (Gail. I. 2 O. 154 n. 8 et 22. Link. B^ 
76 n. 18. Knich, d- 1. n. 57. H. Fist lib. 1 quaest 21 n. 3 et 9) wdl alsdaun, 
nach der gesunden Vernunft;, durch die letztere niemand anders als die Succ- >- 
sores singulares verstanden werden können. 

4. Wenn der Dominus directus dem Vasallo die Facultatem alienimdi ver- 
stattet (Struv. J. feud. c. 3, Th. 13 n. 7 ibidem Dd. Schrad. de feud part. 7 
c. 3 n. 6. Grammat dec. 103, n. 127. Rol. a Valle Cons. 3, n. 62. Cravetra 
Cons. 256, n. 8, Cons. 501, n. 6 et Cons. 109, n. 1). Nicht weniger 

wenn 5. die facultas alienandi bei einem Erblehen durch eine lange Obser- 
vanz hergebracht ist (Lynker in analect ad Struv. jus feud. c 4^ §. 13, n. I • 

Da nun VTI. nach derer Feudisten Lehre, eine einzige von diesen not» 
characteristicis zureichend ist, ein feudum mere haereditarium zu constitniereo, 
so wird um destoweniger bei dem liegnitzischen Erblehen ein Zweifel übrig 
sein, da alle fünf Characteres allhier concurrieren. 

Denn es haben a) die Herzogen zu Liegnitz ihr eigen Land mit Wili'i) 
und ungezwungen der ELron zum Erblehen offerieret und haben also nicht dx« 
geringste Beneficium von denen Königen von Böhmen erhalten. 

Es haben b) diese Herzoge die angeführten Herzogthümer nicht zu einen 
schlechten Erblehen, sondern mit der notablen Clausul zu einem rechtem Erb- 
lehen offerieret und zurück genommen. ' 

Die Herzoge haben c) diese rechte Erblehne nicht allein vor sich uud ihnfl 
Erben, sondern auch vor alle ihre Nachkömmlinge und also auch vor ihre j 
Successores singulares erhalten. i 

Die facultas alienandi ist d) in dem Auftragsbrief und also in lege delstiouii| 
festgesetzet und die Lehnsherren selber haben solche vielfUtig agnoacteret,, 
welches sowohl, als e) die bestandige und unverruckte Observanz aUer schir 
sischen Fürsten, welche von undenklichen Jahren her von ihren Ländem 
disponieret haben, in dem folgenden besonders gezeiget werden solL ' 

So dass b^ diesem Concursu so vieler, eine rechte Erblichkeit anzeigendtri 
Umstände, die qualitas feudi mere haereditarii , einfblglich das Jus alieosndij 
nicht dem geringsten Zweifel unterworfen ist 

Dass aber Vlll. die facultas alienandi in dem Auftragsbiief deatlich exp( 
mieret sei, die Lehnsherren auch selber dieses agnoscieret haben, solches ^ 
nunmehro gezeiget werden, und ist dieser Beweisgrund von desto grössei 
Wichtigkeit, weil der ganze Zweifel auf einmal dadurch deddieret wii 
nachdemalen concessa facultate alienandi auch die gemeine Lehne nach dcai 
Lehnrechten ohne des Lehnsherren Einwilligung ver&ossert werden könnt 
n. F. 28. 

Wenn man 1. den Auftragsbrief selber ansiehet, so erhellet daraus, 
der König zu Böhmen Johannes und Herzog Friderich zu Liegnitz in dt 
anno 1329 geschlossenen Frieden (worin der souveräne Heneog zu liegnil 
seine erbliche Herzogthümer vor sich, seine Erben und Nachkömmlinge 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 179 

Krön Böhmen freiwillig zu einem rechten Erblehen offerieret), sich insbesondere 

dahm vereiniget haben, 

dass, wenn der Herzog, seine Erben oder Nachkömmlinge, etliche ihre 
Städte oder Weichbilder, Vesten, von Nöthen oder anderer Ursachen 
w^gen, nicht an ihre eigene Vasallos, sondern an ihre Genossen oder 
einem andern fugliehen Mann verkaufen oder versetzen müssen, dem 
Lehnherren das Näherrecht zustehen solle. 

Wenn nun in dem Fall, da der Herzog an seine Genossen etzliche seiner 
Städte und Festungen alienieret, dem König von Böhmen dieselbe zuvörderst 
angeboten werden sollen, so folgen nothwendig dreierlei: Erstlich, dass dem 
Herzog firei stehe, Städte und Festungen nach Gefallen zu veraussem, wenn 
er dem König dieselbe zuvor vor eben den Preis anbietet, und dass der Lehns- 
herr, wenn er dasselbe Geld nicht geben will, die Veräusserung nicht Ver- 
bindern könne. Zweitens, dass auch diese Anbietung nicht nöthig sei, wenn 
er seinen eigenen Mannen die Städte imd Festungen verkaufet, in welchem 
Fall also dem Herzog lediglich und indistincte das Jus alienandi zustehet 
Drittens, daas, wenn der Herzog ganze Fürstenthümer alienieret, der König als 
Lehnsherr das Näherrecht nicht prätendieren könne, einfolglich der Herzog 
befngt sei, nach Gefallen solche einem andern zu übertragen; denn weil nur 
in dem Specialcasu, wenn der Herzog etzliche Städte oder Vesten verkaufet 
oder versetzet, dem König das Näherrecht reserviert wird, so folget noth- 
vendig, dass in allen andern Fällen, da nicht einzelne Städte und Festungen, 
sondern zum Exempel das ganze Land alieniert wird, der Herzog freie Hand 
behalte, davon zu disponieren, weil die vorangefuhrte Exception die Regul in 
denen nicht excipierten Fällen bestätiget 

Und dieser Unterschied zwischen Veräusserung eines Theils oder des ganzen 
Landes wird aas denen Goncessionen Uladislai und Ludovici erläutert, weil 
die Könige darin agnoscieren, dass der Herzog, vermöge des Auftragsbriefis, 
^ Land und Leute, NB. ein Theil oder gar verkaufen etc. möge. Nun ist 
aber blos in dem ersten Fall, wenn der Herzog einen Theil, nämlich etliche 
Städte oder Veste veräussert, das Näherrecht dem König vorbehalten 
worden; wiewohl auch gleich gezeiget werden soll, dass die Könige von 
Böhmen, es mag das Land zum Theil oder ganz veräussert werden, dem 
Kaherrecht rennndert haben. 

Und weil 2. der Sinn und Verstand des Auftragsbriefes nicht besser er- 
läutert werden kann als durch des Lehnsherrn eigenes Bekenntniss, so ist 
gewiss, dass die Könige in Böhmen denen Herzogen die facultatem alienandi, 
bis auf den Ferdinandum, niemalen gestritten, sondern dass sie vielmehr viel- 
faltig agnoscieret haben, dass die facultas alienandi ihnen in dem Auftrags- 
brief verstattet seL 

Dann, nachdem 3. die Herzoge um Vergunst anhielten, auch per ultimas 
vohmtates von ihren Herzogthümem zu disponieren, so haben die Könige 
Uladiskuu und Ludewig anno 1511, 1522 und anno 1524 (mithin zu dreimalen) 
drienselben solches aus dieser Ursache concedieret, 

weU die Herzoge sonst, vermöge der Lehnsauftragung, ihr Land und 
Leute bei ihrem Leben, eines Theils oder gar, verkaufen, versetzen und 
vergeben mögen. 

Und als 4. eben dieser König Ludwig anno 1524 in einem (zwischen dem 
Haas vonBethlendorff und dem Herzog Friderich zu Liegnitz) über die Herr- 
^haften Crolow, Stienau und Stauden getroffenen Kaufcontract seinen Consens 

12* 


IgO Die preuBsischen Ansprüche auf Schlesien. 

ertheilet, fuget er diese notable Clausul himsu, dass der Herzog diese Güter 
als sein erblich Kaufgut gemessen und gebrauchen, NB. und damit wie mit 
andern sdnen Fürstenthümem und Landen thun und lassen solle etc. (Apud 
Gold. part. 2, pag. 333). 

Es agnoscieret also dieser König wieder, dass der Herzog mit seineii 
Ländern eben als mit dem gekauften Erbgut nach Grefedien diBponieren könne. 
Es hat 5. der Bischof zu Breslau, Johannes, welcher zugleich königlicher 
Oberhauptmann war, die Agnition des Uladislai dergestalt vor wichtig ge- 
halten, dass er in einem von dem Kaiser erforderten und den 15. Jan. 1604 
abgestatteten Bericht frei gestehet: 

Dass die Concessio Uladislai künftig Sr. Kaiserl. Majestät und der Krön 

etwas beschwerlich fallen möchte (da die liarkgrafen dessen Nachricht 

überkämen) und zu einem starken Fundament gebrauchen würden, als 

wenn die fürstlichen Häuser Liegnitz und Brieg, Kraft dieses Privilßgii, 

gute Fug und Macht gehabt, obangedeutete Erbverbrüderung an&n- 

richten. 

Am aller remarquablesten aber ist, 6. dass der König Ferdinand (welcher 

die von dem Herzog Friederich zu Liegnitz errichtete Erbverbrüderung cassieret 

hat) anno 1539 selbst alle des Herzogs Privilegia NB. über seine Lande und 

Leute bestätiget hat, mit diesen Formalien 

alle Privilegia, Herrlichkeiten, Freiheiten, Gerechtigkeiten etc«, NB. da- 
mit er und sein Land und Leute vormals von unsem Vorfahren be- 
gnadiget worden, wie sie Namen haben mögen, als wären sie von Wort 
zu Wort klärlich hierin begriffen und ausgedrückt, auch in aller Mass 
er und seine Vorfahren dieselbe genossen (Bechtsgegründetes Eigen- 
thum etc.). 
Was kann nun 7. bei diesen Umständen wohl vor ein vernünftiger Zweifel 
übrig bleiben, ob denen Herzogen zu Liegnitz das jus alienandi zugestanden* 
und dieselbe daher befugt gewesen sein, ihre Herzogthümer durch eine Erb- 
verbrüderung auf das Churhaus Brandenburg zu transferieren. 

Und da 8. unter die Characters eines feudi meri haereditarii vorhin ge- 
setzet worden, wenn die facultas alienandi durch eine beständige Observanz 
bei dem Lehen hergebracht ist; an sich auch eine in der Vernunft gegründete 
Begul ist, dass von dem wahren Verstand einer Verschreibung die darauf 
folgende Observanz die beste Erläuterung geben kann (Grot de jur. bell, et 
pac. 1. 1, c. 2, §. 9, n. 1): so bezeugen die unzählige in der schlesischen 
Historie vorkommende Exempel, dass die schlesische Fürsten nach ihrem Ge- 
fallen von ihren Ländern disponiert und dieselbe zum Theil oder ganz ver- 
äussert haben (bei dem Henelio m Silesiogr. c. 8, pag. 223, 234, 289, 262, 296, 
329; bei dem Lucae in Chron. Fol. 1666 et Fol. 753 und in des Schickfos 
schles. Chron. 1. 2, pag. 42, 47, 5^-66, 92, 94, 100, 104, 105—111, 132, 133- 
139, 140, 141). Es finden sich auch sehr viele Exempel, dass die Könige von 
Böhmen selbst, wenn sie ein solches Fürstenthum eingezogen, nach Gefallen 
damit disponiert und solche anderen übertragen haben, gestalten noch bis 
auf diese Stunde verschiedene Fürstenthümer in derer Fürsten von Lichten- 
stein, Auersperg und Lobkowitz Händen sein (Henel. Silesiogr. c. 8, pag. 222* 
766, 896, 1001, 1682). 

Und da der Verfasser der Gegeninformation selbst (wiewohl ohne allen 
Grund) anführet, dass das Churhaus Brandenburg einen Revers habe ausstellen 
müssen, dass es ohne des Königs und der Krön Einwilligung künftig keine 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 181 

Gäter mehr in dem Herzogthum Schlesien ankaufen wolle etc., so ergiebt sich 
eben daher ganz offenbar, daas, wenn dergleichen Bevers nicht ausgestellet ist 
iwie dann das Ghurhaus intuitu Schlesiens dezgleichen niemals gethan) die 
äehlesische Füistenthümer ohn Einwilligung des Königs angekauft werden 
können. Dieses ist gewiss, dass, wenn die schlesische Fürsten kein jus alie- 
nandi beigebracht h&tten, dergleichen Kevers nicht nöthig gewesen wäre, weil 
in denen gemeinen Ltehnen keine Veräusserung statt hat, einfolglich es keines 
besondero Bevers dieserwegen bedürfen würde. 

Anaser dieser Generalobservanz, vermöge welcher allen schlesischen Fürsten- 
thumem die fecultas disponendi et ahenandi zustehet, finden sich 9. bei denen 
Ffinten von Liegnitz noch diese ganz besondere Umstände, dass die Könige 
von Böhmen Uladislans und Ludovicus selbst agnosciert haben, dass denen 
Herzogen vermöge ihres Auftragsbriefs erlaubt sei, unter lebendigen von denen 
Färgtenthümem Li^nitz nnd Brieg etc. zu disponieren. Es führet auch der 
Ver&Bser der Gegeninformation selber §. 8 einen Bevers an, welchen der 
Hexzog Wenceslaus zu li^nitz dem König Carl IV. ausgestellet und worin 
er dch verbinden müssen, dass er das liegnitzische Fürstenthum nicht alienieren 
wolle; nun wäre aber diese Pracaution ganz unnöthig und überflüssig gewesen^ 
wenn der Herzog das Jus alienandi nicht gehabt hätte. Das Exempel des 
letzteren Herzogs zu Liegnitz, Friderichs, bezeuget auch genugsam, dass der- 
selbe eich nicht den geringsten Zweifel gemachet, durch eine Erbverbrüderung 
eeine Länder dem Ghurhaus zu übertragen. 

Gleich wie nun 10. hieraus offenbar am Tage lieget, dass denen Herzogen 
zu Liegnitz, ihren Erben und Nachkommen diese ihre eigene und erbliche 
Füistenthümer, welche sie der Kion Böhmen freiwillig übertragen, zu rechtem 
Erblehen verliehen worden, dass die Könige von Böhmen selber zu dreien 
Malen bekannt, dass die Herzogen vermöge ihres Auftragsbrief befugt, unter 
lebendigen davon zu disponieren und endlich, dass sothanes Jus disponendi 
dorch eine beständige und unverrückte Observanz und der kaiserlichen Ministren 
eigenes Gest&ndniss bestärket werde, ja dass die Könige von Böhmen selbst 
iwenn Sie einige Herzogthümer eingezogen) nach ihrem Gefallen davon dispo- 
niert haben etc., so kann man mit aller Vernunft nicht absehen, was der Erb- 
verbrüderung entgegen stehen könnte. 

Es kann IX. bei dieser Erbverbrüderung und deren Validität um so weniger 
•aniger Zweifel übrig bleiben, weil denen Bechten der Krön Böhmen im ge- 
nngsten nicht dadurch präjudicieret worden, allermassen derselben alle ihre 
Jura (nämlich fidelitatis, servitiorum, aperturae in casum defidentis absque 
<üspoatione, familiae etc.) ausdrückUch darin vorbehalten sein, vielmehr kimn 
Qüt Wahrheit gesaget werden, dass die Macht der Krön Böhmen dadurch ver- 
mehret worden, weil das Ghurhaus Brandenburg seine importante böhmische 
^'Chne besage gedachter Erbverbrüderung mit denen liegnitzischen com- 
bmieren wollen (Schickfus D. 1. 2, c. 1, pag. 2 in fin. vid. Bechtsgegründetes 
Eigenthnm). 

Da nun also diese Güter nach wie vor der Krön Böhmen incorpoiieret ge- 
blieben, so kann man nicht begreifen, was dieselbe sich vor ein jus contra- 
<Ücendi gegen diese Erbverbrüderung habe anmassen können. 

Wenn man aber auch X. (aller dieser angeführten sonnenklaren Umstände 
ohngeachtet) zugeben wollte, dass die literae oblationis et investiturae in An- 
sehung des Juris disponendi et alienandi zwdfelhaft wären, so kommt es auf 
^e Frage an , wem die loterpretatioh derselben zustehe. Nun giebt wol die 


182 ^e preussLschen Ansprüche auf Schlesien. 

gesunde Vernunft an die Hand, dass der König von Böhmen, als Pais, sich 
kein Recht anmassen könne , diese Frage einseitig zu interpretieren (wie er 
gleichwohl durch das Cassationsurtel gethan), weil der Vergleich, wodurch d« 
Herzog von Liegnitz vor sich, seine Erben und Nachkommen seine Hezsog- 
thümer der Krön Böhmen zum rechten Erblehen offerieret, zwÜK^en zweien 
freien Fürsten, welche mit einander im Kri^ befiemgen gewesen, durch dnen 
ordentlichen Friedensschluss errichtet worden, dahero keinem von beiden Theileo 
frei stehet, die Friedensarticuln, wenn über deren wahren Sinn gestritten wii«! 
nach seinem Ge&llen auszulegen, sondern es konmit die Sache wieder in den 
Stand, wie sie tempore transacti gewesen, dergestalt, dass diese freie Fürsten, 
welche keinen Obern erkannt haben, ihr Recht bloss durch die Waffen ao^ 
machen müssen , worauf Se. Königl. Majestät als Successor des Heizogen zu 
Liegnitz es um desto mehr ankonunen lassen können, weil das violente Ver- 
ehren des Hauses Oesterreich und die denen Herzogen sowohl als dem Chor- 
haus zugefugte unleidliche Bedrückungen, mithin die Gerechtigkeit ihrer Sacb^ 
der ganzen Welt nunmehro vor Augen geleget worden. 

Gegeninformation. §. 2. Gegenseits wird alleine die erstere Investitur 
vom König Joanne Lucenburgico de anno 1829 beigeleget ^), daraus nur em mid 
anderes überhaupt angemerket'), sodann ein unechter Unterscheid zwischen auf- 
getragenen und gegebenen Lehen gemacht') und hieraus der irrige Schluss gpfi^Bset, 
dass diese Lande wahrhaftige Erblehen oder feuda haereditaria und alieoabilu 
worden seien*). 

Beantwortung. 1) Man weiss auch von keiner andern Investitur, und vt« 
von einer zweiten de anno 1331 angefuhret wird, ist eine blosse Fabel, welch«? 
bei dem folgenden Paragraph entdecket werden soll. 

2) Man hat aus dem lit. L. hierbei gedruckten Auftragsbrief nur da^enige an- 
gefuhret, auch anzuführen nöthig gehabt, was zur Behauptung der (äesseitiges 
Gerechtsame gehöret 

3) Es soll ad §. 5 gezeiget werden, dass der Unterscheid zwischen denen feudU 
oblatis und datis in unserm casu nicht unecht sei. 

4) Wenn ein feudum oblatum dem offerenti, dessen Erben und Xachkömmlinges 
zu rechtem Erblehen cum facultatc alienandi verliehen wird, so kann init g^ 
sunder Vernunft nicht geleugnet werden, dass solches ein feudum mero haere- 
ditarium, und alienable sei. 

Gegeninformation. §.3. Bevor man aber hierauf antwortet, ist vor- 
gängig zu melden, dass 1. in dieser erstem Investitur noch ^dele andere Hauptpassuf 
enthalten, so man ex adverso imberührt gelassen'). 

2. Dass die Auftragung nur alleine von dem Herzogen Boleslao und noch b(>i 
Lebzeiten seiner Brüder geschehen*). 

3. Hernach aber von ihme Boleslao und semen zweien Söhnen WencesUo 
und Ludovico, als sie die Fürstenthümer liegnitz und Brieg zusammen in Bub*' 
besessen, sothane Auftragung in anno 1331 nicht alleine auf das neue vollkomme« 
erfolget imd respective wiederholet, sondern auch die wahre Eigenschaft dieser 
Lehen besser erläutert worden seie"). 

Wie demnach diese letztere Auftragung und Recoguition , welche sogar in 
öffentlichen Scriptis zu finden (Apud Ludwig in reliquiis manuscript. Tom V, pa§- 
610)*), den wahren Grund zur Sache leget, also will man den Inhalt derselben 
ebenfalls noch kürzlich prämittieren. 




Beantwortung der Gregeninformation. 1741. 183 

Beantwortang. 1) Alle die Passus, die man unberührt gelassen, können 
weder rar Behauptung der diesseitigen noch der gegentheUigen Gerechtsame 
etwas beitragen. 

2i Man kann nicht absehen, wfbs diese Observation zur Sache thun soll, die Brüder 
hatten ja unter sich gethdlet, Henricus bekam das Herzogthum Breslau, und 
Uladisläus liegnitz, welcher aber seinem Bruder, dem Boleslao, Herzog zu 
Bri^, solches cedierte, dahero dieser Bolislas allein Herr von Li^nitz und 
Bri^ war und solches der Krön Böhmen anno 1829 als ein rechtes Erblehen 
offeriert hat 

:}) In dieser Fabel bestehet das ganze Fundament der Gregeninformation, dahero 
wird nöthig sein zu zeigen, dass dieses Document, welches man sub lit M. 
hiebei gefugt, offenbar falsch und supponiert sei. 

4 Diejenigen, welche dergleichen Documente colligieren (wie der vom Gegen- 
theil angeführte Autor gethan) geben dieselbe nicht als authentiques an, weil sie 
zu denen Archiven, woraus die Originalia genommen werden müssen, keinen 
Zotritt haben, sondern sie lassen dieselbe, wie sie ihnen communicieret worden 
oder wie sie dieselbe aus denen Auctionen kaufen oder in denen Büchern 
finden, zum Drucke befördern, weil sonst die grossen Herren unglücklich sein 
würden, wenn ihre Jura durch dergleichen privatim gesammelte Copeien 
komiten angefochten werden. 

Gegeninformation. §.4. Es haben nämlichen die Herzoge 1. vor sich, 
ihre Erben und Nachfolger ihre besitzende Fürstenthümer, Land und Leute mit 
iller daselbst specificierten Zugehör dem König, dessen Erben und Nachfolger, 
wie auch NB. dem Königreich zu Böheim zu einem Erblehen angetragen und zu- 
gesaget, dafür dem König und der Krön Manne zu sein, dergestalt, dass, wenn 
(« «eh 

2. B^eben wurde, dass sie ohne Hinterlassung männlich - ehelicher Leibes- 
erben mit Tode abgingen, diese Fürstenthümer dem König und NB. der Krön zu 
Böbeim völlig anheim fallen sollen, doch 

3. Mit dem Vorbehalt, dass ihnen im Nothfall erlaubet sein solle, ein oder 
andere Stadt oder Schloss, wenn sie solche vorhero dem Köm'g, seinen Ethen oder 
Nachkömmlingen angeboten und sie es nicht kaufen oder einlösen wollten, einem 
sndem ihren Genossen, fGgUchen Mann, zu verkaufen oder zu versetzen, welcher 
fä von dem König, dessen Erben und Nachfolgern eben, wie sie zu Lehen 
^fimgen und davon Pflicht thun solle, deme dieselbe auch noch 

4. Die eventuale Anweisung derer Stände und Unterthanen dahin beigesetzt, 
daas sie in obbemeltem Fall, wenn keine männliche Erben von ihnen Herzogen 
voriuinden sein würden, den König, dessen Erben und Nachfolger an der Krön vor 
iliren Datürlichen Herrn erkennen, demselben pflichtig und gehorsam sein sollen *\ 

Allennaasen die beiden Söhne Wenceslaus und Ludovicus nach Absterben 
ibres Vaters Boleslai solches in anno 1348 wiederholter bestätiget haben*). 
Beantwortang. 1) Dieser ganze so genannte Auftragsbrief des Boleslai und 
seiner Söhne Wenceslai und Ludovici I. ist ein offenbares fsüsches und sup- 
pomertes Document, wie solches nunmehro gezeigt werden solL 

Denn 1. so wird nimmermehr das Original von dem prätendierten Auftrags- 
brief de anno 1331 producieret werden können, dahero dann auch der Herzog 
zn Liegnitz, wie der königliche böhmische Fiscal anno 1546 bei dem wegen 
dieser Erbverbrüderung angestrengtem Process sich auf dieses Document be- 
zogen, haidiment geantwortet, dass dergleichen nicht existiere und dass er solches 
eem Leben lang nicht gesehen, auch niemalen davon gehört habe. 


184 ^6 preusBiBcheii Ansprüche auf SchleBien. 

Wenn man auch 2. die in der Gegeninfoimation fiub No. XXXII prodn- 
cierte und sub Lit M. hiebei gedruckte vidimierte Gopei ansiehet, so eigebeo 
sich sofort unzählige indida fiEÜsitatb, denn es führet der Kaiser Sigismund 
gleich in dem Ingressu an, dass er ohnlftngst gesehen und lesen höroi eine 
gewisse Verschrdbung des Boleslai, Wenceslai und Ludovid, wdche nicht 
abgeschabet oder zerrissen, sondern ganz von allem Tadel und Verdacht frd 
und mit wahren Siegeln versehen gewesen, die er h&tte abscfardben LaaEen, 
damit jederm&nniglich demsdben Glauben beimessen könne. 

Nun ist a) etwas sehr firemdes, dass der König von Böhmen ein Oocumest 
vidimieren ISsset, ohne zu melden, von wem es produderet worden, wer die 
Vidimation verlanget, aus was Ursachen solche verlanget worden und gegen 
wem dieselbe fidem machen solle; diese ungewöhnliche Manier, ein fremdes 
Documcnt, in propria causa und zu seinem Faveur zu vidimieren, niAcht die 
ganze Sache sehr verdächtig; insonderhdt weil b) die von verBchiedenen 
Autoribus gedruckte Exemplarien sehr unter einander differieren; allennafieeii 
c) nach der in der Gegeninformation gedruckten Beilage sub No. >^xxii der 
Becognitions- und Auffcragsbrief anno 1331 ausgestellet sdn soll, dahingegen 
bd dem Balbino und Henelio derselbe anno 1801 datieret ist (Baibin. Part 3 
Epist 26, Fol. 207, Hend. Siledogr. c. 9, Fol. 840). Wie dann auch femer in 
gedachter Beilage die Stadt Brieg sich befindet, welche aber in des Henelü 
Abdruck ausgdassen ist Es ist auch d) sehr verdächtig, dass der Herzog 
Albertus von Oesterreich diese Vidimation mit autorideret hat, welcher mit 
denen Herzogen von li^nitz gar nichts zu thun hatte. Was kann man al$o 
e) vor einen andern Schluss machen, als dass dieses Docnment durch den 
unzdtigen Eifer dnes böhmischen Ministre fabrideret seii, welches f) aus denei 
nachfolgenden Umständen ausser allen Streit gesetzet werden solL 

Um nun der Sachen 4. näher zu treten, so besaget der Inhalt dieaes Docu- 
menti, dass Boleslaus und seine Söhne erst anno 1331 dch der Krön Böhmen 
sollen unterworfen und ihre Fürstenthümer derselben zu einem feudo perpemo 
et haereditario offerieret haben, dieses ist nun dn offenbares Falsnm, ^wdl der 
Verfasser der Gegeninförmation selber gestehet, dass diese Lehnsoblation schon 
anno 1329 geschehen sei, wie solches auch die literae investiturae sab lit L. 
bezeugen. 

Es kann auch 5. keine vernünftige Ursache ang^eben werden, w&nun d^r 
regierende Herzog Boleslaus zwei Jahre hernach eben diesdbe Fürstenthömer, 
ohne die geringste Ursache durch eine neue Oblation und zwar ohne der vor- 
hergehenden im geringsten Meldung zu thun, zum ewigen Erblehen sollte reco- 
gnoscieret haben. 

Der Verfasser der Gegeninformation wendet zwar vor, dass Boleslaus mit 
seinen bdden Söhnen, als sie die Fürstenthümer Li^nitz und Brieg anno 1331 
zusammen in Buhe besessen, die vorige Auftragung nicht allein aufe Neue 
wiederholet, sondern auch die wahre Eigenschaft dieser Lehne besser erläutert 
hätten etc. Es köimte auch dieses einigen Schein haben, wenn in der Oblation 
de anno 1331 der ersteren de anno 1329 Meldung wäre gethan word^i, weil 
alsdann gesagt werden könnte, dass de wäre wiederholet worden; es ist aber 
dieses nicht geschehen und das Document spricht als von einer ganz neuen 
und ersten Oblation, welches aber, wie schon vorhin gemddet worden, eis 
offenbares Falsum ist 

Es kann auch wdter 6. kdne vernünftige Ursache g<^eben werden, warum 
des Boleslai Söhne bd dem actu oblationis concurrieren sollten, da der Vater 


Beantwortung der Gegeninformalion. 1741. 185 

(weldier allein regierender Herr war und von seinen erblichen Gütern nach 
Ge&llen disponieren konnte) solches zwei Jahr vorher durch einen ordent- 
lichen Friedensschluss schon verrichtet hatte, dessen Factum die Söhne ja 
ohnedem hätten prästieren müssen. 

Was aber in der Gegeninformation beigefugt wird, dass der Vater und die 
Sohne dieserwegen die Auftragung wiederholet, weil sie erst anno 1831 die- 
selbe NB. zusammen in Buhe besessen, ist ein blosses Gedichte. Niemand 
machte dem Herzog zu Li^nitz einige Unruhe, nachdem er seit anno 1329 
anter dem mächtigen böhmischen Schutz stand, und es ist irrig, dass der Vater 
und die Söhne jemalen die Begiemng zusammen gefuhrt haben, allenfalls 
warde man ja, wie man schon gesagt, der ersteren Auftragung de anno 1329, 
insonderheit da deren ganze Natur verändert wurde, mit einem Wort Meldung 
gethan haben. 

Ein offenbares indicium falsitatis ergiebt sich auch 7. daher, dass der König 
Uladislaus anno 1505 (einfolglich vor dem anno 1510 ertheilten Incorporations- 
Privilegio) denen Herzogen von Liegnitz alle ihre vorige Privilegia confir- 
mieret und in specie diejenige expressiones, welche in dem Auftragsbrief de 
anno 1829 enthalten sein, wiederholet habe, nämlich: dass sie und alle ihre 
Erben und Nachkommen die Länder, die zu Zeiten des Königs Johannes zur 
Krön gekonunen, inmassen ihre Vorfahren, ehe sie zur Krön gekommen, ge- 
habt, und als freie Fürsten des Beichs geübt, NB. zu freien Erblehen haben 
sollten etc., Lit K. Wobei wohl zn merken, dass nicht ein Wort von der dem 
Documento de anno 1831 eingeflickten Clausul, dass nämlich nach Abgang 
des Mannstammes diese Länder der Krön anheim fallen sollen, darin gemeldet 
werde. 

Und dass diese Clausul ein offenbarer partus supposititius sei, erhellet 8. da- 
her, weil eben dieser Uladislaus, welcher anno 1505 die vorige Gerechtig- 
keiten bestätiget hatte, in einem anderweitigen Document de anno 1511 agnos- 
cieret; und von freien Stücken bekennet, dass die Herzoge zu Liegnitz NB. 
vermöge ihres Aufbragbriefs befugt wären, unter Lebendigen zu disponieren; 
€8 kann also dieses per rerum naturam, nicht der Auftragsbrief de anno 1331 
sein, weil in diesem das Gegentheil versehen und denen Herzogen so wenig 
die facultas disponendi darin verstattet wird, dass vielmehr die Länder, wenn 
die Herzoge ohne männliche Erben versterben, der Krön anheim fallen sollen. 
Und diese Gonfesdo Uladislai ist von desto grösserer Wichtigkeit, weil dessen 
Saccessor, König Ludwig, zu zweien Malen eben dieselbe facultatem alienandi 
vermöge des Auftragsbrief anerkannt hat. Vid. supr. p. 43. /"=* oben S, 173, — 
^l«m. d, HercBuegJ 

Und wenn 9. es mit diesem zweiten Auftragsbrief seine Bichtigkeit hätte, 
wanun hat dann Carolus IV. von dem Herzog zu Liegnitz, Wenceslao, aimo 
1362 einen Bevers genommen, dass er das Fürstenthum Liegnitz nicht ver- 
äofiseru wollte? Es wäre ja diese Präcaution ganz unnöthig gewesen, wenn 
denen Herzogen schon durch die Auftragung de anno 1381 die Hände wären 
gebunden gewesen, und sie ex natura feudi nichts hätten alienieren können. 

Wenn aber auch 10. dieser zweite Auftragsbrief de anno 1331 originaliter 
t^istierte, so ist doch gewiss, dass nachhero die facultas alienandi durch des 
Uladislai Privilegium de anno 1511 denen Herzogen von Liegnitz verstattet 
worden, dnfolglich würde ohne dem die Erbverbrüderung ex novo hoc Privi- 
legio ihre völlige Kraft behalten, insonderheit da dieselbe Coucession anno 
1522, 1524 und 1529 von denen folgenden Königen wiederholt worden (dict. p.43.) 


186 ^^ preussiBchen Ansprüche auf Schieden. 

Da also 11. nunmehro feste stehet, dass dieses zweite Docoment offenbar 
&l8ch sei, und dass, wenn es auch existierte, dennoch das jus alienandi denen 
Herzogen von liegnitz aus denen Concessionen derer Könige in Böhmen, mit- 
hin ex alio capite, zustehen würde, so wird nicht nöthig sein, sich bei dan 
folgenden lange aufzuhalten, weil das meiste auf diesem falschen Documento 
sich gründet und daher von selbsten wegfallt 

Gegeninformation. §. 5. Nun ist zwar nicht ohne, dass obbenidte 
Fürstenthümer als £rblehen aufgetragen worden^). Es ist aber gar kein richtiger 
Schluss, dass sie deswegen pure Veräusserungslehen sein sollen*), sondern es ist 
allemal der Inhalt des Lehnbriefe einzusehen und von der Natur eines Mannleheo^ 
nicht weiter abzugehen, als die Worte des Lehnbriefes es besagen"). 

Denn nachdeme einmal das dominium directum von dem Vasallen angetragen 
worden, so ist sodann zwischen denen feudis oblatis und datis, ad effectum alie- 
nandi, kein Unterscheid mehr, und erstrecket sich die Veräusserungsfreih^t in 
diesen, eben wie in jenen, weiter nicht, als solche von Seiten des Vasallen aus- 
drücklich bedungen und von dem Lehnherm zugestanden worden ist*). 

Beantwortung. 1) Es sein diese eigene und ihrer Natur nach erbliche 
Güter denen Herzogen anno 1329 nicht allein als Erblehne aufgetragen wor- 
den, sondern als rechte Ehrblehne, welche auch auf ihre Erben und Nacbkonun- 
linge kommen sollten. 

2) Da die vorangefuhrte Clausuln ein feudum mere hacreditarium involvieren, 
so folget nothwendig, dass es pure Veräusserungslehen sein, wie denn auch 
die Könige von Böhmen selbst diese qualitatem alienabilem verschiedentlich 
agnosciert haben. Vid. sup. pag. 11 seq. f= oben S, 150» — Anm. d, Herausg.] 

3) Es hat der Gegentheil noch mit nichts erwiesen, dass die schlesiBche Fürsten- 
thümer Mannlehen sein. Der Inhalt und die Worte des Lehnbrie& de anno 
1329 (dann der de anno 1331 ist ein partus supposititius) besagen, dass dies«' 
Fürstenthümer keine Mannlehen, sondern feuda mere haereditaria sdn. Wenn 
es aber auch Mannlehne wären, so agnoscieren doch die Könige von 35hmen 
selbst, dass ,die Herzoge unter Lebendigen davon disponieren könneiL. (Md. 
supr. ad §. 1.) 

4) Wenn ein feudum oblatum mit denen vorangeführten Clausuln und Unostän- 
den verliehen worden, so ist freilich aus dem Lehnbrief selbst ein gpro^er 
Unterscheid zwischen denen offerierten und gemeinen Lehen, quoad efiEectuin 
alienandi, weil die Veräusserungsfreiheit sowohl im Lehnbrief, ab dtuncb das 
Zeugniss der böhmischen Könige allhier feste stehet 

Gegeninformation. §.6. Allhier befindet sich dieses Pactum bloss aui 
den Nothfall, nur auf ein- und anderes Stück Landes auf das Voranbot« auf 
einen fügUchen Mann und auf die nämliche Lehnsschuldigkeit restringieret '^). 

Beantwortung. 1) Dass in dem Auftragsbrief de anno 1329 die £Euniltss 
alienandi ganz und zum Theil auch nach der Könige von Böhmen eig^enem 
Geständniss verliehen sei, ist oben pag. 42 (^ S. 173] gezeigt worden. 

Gegeninformation. §. 7. Niemand wird dahero mit gutem G-tuikI 
anders behaupten können, als dass dergleichen Bedingnuss zwischen dem Ltf^n 
herm und Vasallen auf das genaueste zu nehmen, und dass ausserdone denen 
mehr berührten Fürstenthümem die Eigenschaft eines feudi proprii anklebe and 
verblieben seie*). 
Beantwortung. 1) Dass denen besagten Fürstenthümem von ihrem ersten 
Ursprung her, nicht weniger durch den Auftragbrief de anno 1329, ferner 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 187 

dnrch die Bestätigung Uladislai de anno 1505 und endlich durch der Könige 
von Böhmen so oft wiederholte agnitiones, die qualitas feudi mere haeredd- 
tarii ac alienabilis anklebe, ist oben erwiesen. 

Gegeninformation. §. 8. Und dieses ist um so mehr, da eines Theils 
die Sacceasion lediglich auf die männliche eheliche Leibeserben gestellet und nach 
deren Abgang nicht minder das dominium utile dem König und NB. der Krön zu 
Doheim in dürren Worten zugeeignet, auch vermittelst der Anweisung derer 
Stände und Unterthanen schon eventualiter eingeraumet*), andern Theils aber 
x-oTk dem Herzog Wenceslao in anno 1362 sogar noch auf vorerwähntes Pactum 
de alienando Selbsten für sich und seine Erben renunciieret worden ist'). 

Beantwortung. 1) Dieses fundieret sich in dem falschen Document de anno 
1381, denn in dem wahren, von dem Gegentheil selbst agnoscierten Document 
stehet nicht ein Wort von dieser Clausul (vid. §. 4). 
"2^ Was gehet diese Renunciation den Ludovicum und seine Erben (von welchen 
allein das Churhaus causam hat) an: des Wenceslai Familie starb mit dessen 
Sohn Ruperto aus (Lucae Chron. pag. 1286), dahero hatte diese ex pacto 
herrührende Obligation ein Ende. Unterdessen erhellet aus dieser Benunda- 
tion so viel, dass dem Herzog Wenceslao frd gestanden, sein Fürstenthum 
Liegnitz zu alienieren, und dass er sich dessen erst per speciale pactum be- 
geben habe, welches aber so wenig Ludovicum als dessen Nachkommen 
binden kann. 

Gegeninformation. §.9. Die nachfolgende Herzoge haben dem König 
tind der Krön, als ihren NB. naturlich-, ordentUch- und erblichen obristen Lehn- 
hc!rm ihre schuldige Lehnspflichte auf gleiche Weise geleistet *). 

Beantwortung. l)Sie haben diese Pflicht geleistet als Vasalli eines feudi 
niere haereditarii et alienabilis. 

Gegen Information. §. 10. Es bleibet demnach nicht der geringste 
Zw^fel übrig, dass hierdurch nicht nur allein der König, dessen Erben und Nach- 
kommen, sondern zugleich auch das Königreich Böheim nach Auslöschung des 
Mannsstammen dieser Piastischen Herzoge das An&lls- und Consolidationsrecht 
auf die mehrbesagte Fürstenthümer unwidersprechlich erlanget habe*). 

Beantwortung. 1) Weil dergleichen Document de anno 1331, woraus 
dieser Schluss genommen ist, nicht existiert, so fallet die Folge von sich selbst 
hinweg. 

Hingegen stehet dieser Schluss feste, dass, weil der letzte Possessor des 
Mannstamms von seinem feudo mere haereditario et alienabili disponieret und 
solches auf das Churhaus Brandenburg transportiert hat, die Krön Böhmen 
noch kein Anfalls- und Consolidationsrecht erlanget habe. 

Gegeninformation. §. 11. Und ob zwar in Nachfolge König Uladis- 
laus, dann dessen Sohn König Ludovicus in annis 1511 und 1524 durch den 
Herzog Friderich sich bewegen lassen, den Consens zu ertheUen, dass er seine 
Städte, Leute und Land mit aller ihren Einkommen auf dem Todbette oder testa- 
mentsweise veigeben oder zueignen möchte, wem er wollte, so lieget doch die 
Ungiilti^eit dieser Gunstbriefen am hellen Tage, da darinnen zu der Haupt- 
bew^unache angefuhret worden, als ob diese Herzoge vermöge der Lehnsauf- 
tragung ohnehin die Freiheit hätten, ihre Leute bei ihrem Leben zu verkaufen, 
zu versetzen und zu vergeben, inmassen man solches diesen beiden Königen über- 
wiesenennassen nicht nur alleine ganz irrig beigebracht*), sondern auch verschwi^en 


188 Die preussischeii Anspräche auf Schieden. 

gen hat, dass die vorige Herzoge vor sich, ihre Erhen und Nachkommen deo 
Anfall auf ofterwähnte Fürstenthümer, nach Ahgang ihrer männlichen eheKchen 
Leibeserben schon bereita dem König und NB. der Krön zu Böhdm wirklich be- 
dungen, darüber Revers ausgestellet, auch Eid und Pflicht gelltet haben*), und 
dass sofort ein König zu Böheim dergleichen Anfälle ohne ausdrucklicher Mit- 
einwilligung derer Stände, als einem essential requisito nicht zu vergeben, son- 
dern vor sich, dessen Erben und Nachfolger, dem Königreich und der Krön 
Selbsten beizubehalten, durch einen körperlichen Eid verpflichtet seie*). 

Beantwortung. 1) Es scheinet der Verfasser hier wiederum sdne ge 
rähmte Aufrichtigkeit zu vergessen. Es hat dem König Uladislao niemsnd 
dergleichen beigebracht, und der Herzog Friderich hat nichts gebeten, als 
dass ihm der König erlauben möchte, zu testieren. Der König williget sol- 
ches mit Rath seiner Käthe und setzet NB. aus eigener Bewegung die Ur- 
sache darbei: weil er sonst sein Land und Leute bei seinem Leben verkau- 
fen und vergeben mag. Es ist also dem König nichts irrig beigebracht 
worden, sondern der König, (welcher kurz vorher, ncmlich anno 1505 dem 
Herzog, seinen Erben und Nachkommen ihre Fürstenthum und I^ande, in- 
massen ihre Vorfiihren, ehe sie an die Krön zu Böhmen gekonuneu, gehabt 
und als frde Fürsten des Reichs geübt und gehalten haben, zu freien Erb- 
lehen bestätiget hatte), erkläret hier, was durch diese Glausuln verstanden 
werde: nämlich, dass nach der Natur dergleichen rechten Erblehen die En- 
zöge ohnedem befugt wären, Land und Leute zu verkaufen etc. 

2) Die vorige Herzoge haben den Anfiall nach Abgang ihrer Mannlehnerben nie- 
malen bedungen, auch niemalen einen Revers daräber ausgestellet, viel- 
weniger Eid und Pflicht darüber geleistet 

2) Da diese Güter vermöge des Auftragsbrief de anno 1359 feuda mere haeredi- 
taria et alienabilia gewesen und anno 1505 von dem König Uladislao in dieser 
Qualität bestätiget worden, so giebt die gesunde Vernunft, dass denen Her- 
zogen das nachher anno 1510 ertheilte Incorporationsprivilegium, wenn e? 
auch mit zehen Eiden verknüpfet wäre, ihr jus quaesitum nicht habe ent- 
ziehen können, dahero dann auch nicht allein die Stände dargegen protestiert 
haben, sondern es ist von dem kaiserlichen Oberrecht selber verworfen 
worden. (Vid. c. 1, §. 13 seq.) 

Gegen Information. §.12. Da nun dessen ohngeachtet Herzog Fri- 
derich von Liegnitz und Brieg und seine beede Söhne mit dem Churfursteo 
Joachim von Brandenburg in anno 1537 die von dem Autor des so betitelten 
Rechtsgegründeten Eigenthums sub F. allegierte sogenannte Erbverbrüderung er- 
richtet und darinnen sich unter einander dahin verbindlich gemacht^ da«8, wenn 
die Herzoge ohne männliche Lehnserben abgehen sollten, alle ihre Erbfursten- 
thümer, Land und Leute an Churförst Joachim und seine Erben verfallen, hin- 
gegen, wenn der Churfürst und seine männliche Erben absterbeten, die von der 
Krön Böhdm abhängende brandenburgische Lehne, als Grossen, Züllchau, Sommer- 
feld, Cottbus, Peitz etc. etc. an den Herzog Friderich von Liegnitz und deesen 
Erben gelangen sollen , hierdurch aber der dem König und der Krön BöhciiD so 
bündig verreservierte Anfall auf einmal abgestricket worden: 

So haben die Stände des Königreichs Böheim ja ganz b^ründete Ursach ge- 
habt, diesfalls wider Herzog Friderich und seine Söhne bei dem Kaiseig Feitü- 
nando L Klage zu fahren^), und dieser gerechteste Kaiser hat nach gewocheeiten 
vier Satzschriften und genugsam überlegter Sach nicht wohl änderst tiinn können, 


Beantwortang der Gegeninformation. 1741. 189 

als die Gerechtigkeit zu admimstrieren , mithin den in pr&judicimn r^gis et regni 
eniehteten Erbverbrüderungstractat cum plena causae cognitione, wovon die ge- 
sftmmte Acta noch vorhanden seind, in dem von dem besagten Authore sub lit C. 
allegierten Endurthel zu casäeren und null und nichtig zu erklaren*). 

Beantwortung. 1) Dass die Stände nicht das geringste jus contradicendi 
und die Herzoge von ihrem ersten Ursprung her das jus alienandi gehabt, 
auch solches in dem Oblationsbrief de anno 1329 besage der Könige eigenen 
Agnition beibehalten etc., einfolglich dem König und der Krön Böhmen nie- 
mals der Anfall nach Abgang der männlichen Erben reservieret sei, solches 
bt oben §. 1 umständlich erwiesen worden. 

2) Die Ungerechtigkeit dieses Verfahrens ist von dem VerfEuser des Bechts- 
gegrundeten Eigenthimis deutlich gezeigt worden, und bestehet das Endurtheil 
sowohl ratione formalium als materialium, intuitu des Herzogs selber, in lauter 
insanablen Nullitäten. 

Denn was die Formalia anbetrifft, so ist bekannt, dass die schlesische 
Ffirsten, wenn sie mit denen böhmischen Königen oder Ständen Streit haben, 
nach ihren Privilegiis vor niemand als vor dem Oberrecht in Breslau Recht 
nehmen dürfen (Schickf., Schles. Chron. Lib. 3, c 23, pag. 271, 274 seq.). 
Diesem zuwider ist der Herzog nach Prag, aller seiner Protestation ohn- 
geachtet, citieret worden, der König war bei der Sache interessieret, weil die 
Güter in seine Hände fiallen sollten, dahero man leicht urtheilen kann, was 
von einem a judice incompetente, in propria causa, gesprochenem Urtheil zu 
halten sei. 

Was die materialia anbelangt, so ist ja wohl etwas himmelschreiendes, dass 
man dem Herzog (dessen Vorfahren ihr eigen erbliches Land der ELron 
Böhmen mit Reservation aller vorigen Gerechtigkeiten vor sich und ihre Nach- 
kommen zum rechten und freien Erblehen übertragen und dadurch, nach der 
Könige eigenem Bekenntniss, facultatem alienandi sich vorbehalten haben) 
unter dem Prätezt eines von denen Ständen nachher erschlichenen und von 
dem königl. Oberrecht verworfenen Incorporationsprivilegii sein jus disponendi 
benehmen wollen. 

Gegeninformation. §. 13. Es hat auch ex post der Churfürst Johann 
Geoig solches in dem an Elaiser und König Rudolphum unterm 5. October 1593 
<2riaa8enen Schreiben selbst erkennet und dahero den König gebeten, ihme we- 
lugstens eines von gedachten Fürstenthümem zu überlassen und sich diesfalls bei 
denen böheimischen Ständen seinetwegen anzunehmen; massen er darum selbst 
dtuch seinen Gesandten von Schlichen bei gedachten Ständen anhalten würde; 
wie dann dieser Gesandter bei denenselben um ihren Consens auch wirklich durch 
«n Memoriale gebeten hat, so aber nie erfolget ist*). 

Beantwortung. 1) Weil der Churfürst vorher gesehen, dass ihm das mächtige 
Haus Oesterreich, nach dem Absterben der liegnitzischen Herzoge, nichts aus 
der Erbverbrüderung, die der König von Böhmen anno 1546 cassieret hatte, 
znfliessen lassen würde, so hat er gesuchet NB. die gesammte Hand über diese 
Füistenthümer, oder wenigstens eines derselben, zu erhalten, (wie solches aus- 
diücklich in dem von Gegentheil selbst producierten Schreiben snb Num. 
XXXV lu enthalten ist), umb sich durch diesen neuen und besonderen Titul 
dieser Fürstenthümcr zu versichern. 

Der Churfürst hat aber nicht die geringste Meldung der Erbverbrüderung 
gethan, aus welcher er noch zur Zeit kein jus agendi hatte, viel weniger 


190 I^c preossiflcheii Ansprüche auf Schlesien. 

deren Confirmation gesucht, am wenigsten sich derselben begeben. Dafaero 
ihm nach Abschlagung der gesammten Hand, sein aus der Erbverbrüdenmg 
herrührendes Recht jederzeit in salvo geblieben und hat ihm , nachdem der 
Fall existiert, jederzeit frei gestanden, solches gelten zu machen« 

In mehrer Erwägung, da der Churfurst, wenn er sich auch mit einem 
Fürstenthum hätte b^nügen und durch eine darüber gesuchte gesammte 
Hand der Erbverbruderung renuncieren wollen, seinen Nachfolgern nicht 
würde haben präjudicieren können. 

Gegeninformation. §. 14. Uebrigens hat schon geraume Jahr vorhero 
Carl IV. nach der mit der Krön Böheim geschehenen Incorporation des Herzog- 
thums Schlesien in einer eigenen Constitution de anno 1335 sancieret, dass ge- 
dachtes Herzogthum dem Königreich Böhmen indivisibiliter einverleibet sein solle ^. 
Beantwortung. 1) Der Verfasser verschweiget hier wieder, seiner Gewohn- 
heit nach, die hauptsächlich nöthige Umstände. Es stehet nicht ein Wort in 
diesem Privilegio, dass nach Absterben des Mannstammes diese Länder der 
Krön anheim fallen und die Fürsten nicht von ihren Gütern disponieren 
HoUen, sondern vielmehr das Gegentheil. Denn es haben die Stände nur ver- 
hüten wollen, dass die Herzogthümer in Schlesien, nachdem sie einmal der 
Krön Böhmen zu Lehen offerieret worden, von denen folgenden Königen 
nicht alienieret werden möchten, dahero haben sie verlanget, dass diese 
Herzogthümer dergestalt der Krön Böhmen incoiporiert würden, dass die 
Fürsten, ihre Erben und NB. Successores, wenn NB. NB. ein oder das andre 
Lehen vacant wird, bei niemand anders als der Krön Böhmen die Lehen 
suchen sollten, welches auch König Carl accordiert hat Wenn also ein schle- 
sischer Fürst von seinem Gütern disponiert und das Lehen vacant wird, so 
muss der Successor nach diesem Privilegio die Lehne, wie billig, bei niemand 
anders als bei der Krön Böhmen suchen. 

Wenn aber auch des Königs Intention gewesen wäre, denen schleaschcn 
Fürsten die Disposition über ihre Fürstenthümer durch dergleichen Licor- 
porationsprivilegium zu benehmen, so ist doch oben schon gezeigt worden, 
dass er ihnen nicht habe pr^'udicieren, noch denenselben ihr jus quaesitum 
wegnehmen können, einfolglich ein solches Privilegium, intuitu der Fürsten, 
ipso jure null und nichtig sein würde (yid. supr. c. 1, §. 13). 
Gegeninformation. §. 15. Ingleichen seind nach der Bekanntnuss des 
Breslauer Bischofen Breczeslai und des gesammten Capituls de anno 1358 mit 
einhelligem, durch einen Eid bestätigten Consens aller schlesischen Fürsten die 
gesammte Fürstenthümer in Schlesien dergestalt unzertrennlich der Krön Böheim 
incorporieret worden, dass sie von selbter auf keinerlei Weise abgesondert oder 
veräussert werden können, wie dann ^) besage der in cap. I. allegierter Majestäts- 
Briefen Königs Uladislai de anno 1510") und Königs Ludovici de anno 
1522*) sich eben diese Könige, so den angeblichen Consens ertheilet habest 
auf das kräftigste denen Ständen von Böheim verbindlich gemacht, dass von dem 
Königreich Böheim, besonders aber von denen schlesischen Fürstenthümem und 
deren Anfallen zu ewigen Zeiten nichts veräussert werden solle, mit dem Ziuatz: 
dass, wenn darwider allschon vorhin etwas geschehen wäre, solches als null und 
nichtig angeschen werden solle*). 

Beantwortung. 1) Wenn der Bischof sein Assertnm durch ein von denen 
Fürsten unterschriebenes Document bescheiniget hätte, so könnte man ihm 
Glauben beimessen; da aber dieser Bischof des Königs Caroli IV. Arcbi- 
Cancellarius und also dessen Ministre gewesen, so ist gar leicht zu b^reifeu, 


Beantwortung der G^eninformation. 1741. 191 

dasB, wenn etwas verföngliches darin enthalten ist, er solches zum Faveur 
des Königs und der Krön attestiert habe. Wenn man aber das Docmnent 
^Iber examinieret, so stehet darin nichts weiter, als was in dem Incorporations- 
privilegio Caroli IV. enthalten ist, nämlich, dass alle schlesische Fürsten in 
seiner, des Bischöfe, Gegenwart declarieret hätten, dass sie Vasalli der Krön 
Böhmen wären und dass sie dergestalt der Krön incorporiert sein wollten, 
d&ss sie von dem Reich nicht abgerissen, zertheilt noch alieniert werden 
könnten. Nun werden sie aber von der Krön nicht abgerissen, noch alieniert, 
wenn ein andrer Vasallus substituiert wird, welcher die Lehne von der Krön 
recognosciert und derselben fidelitatem schwöret. 

2} Dieses ist das erste Incorporationsprivileginm , worinnen disponieret worden, 
dass die der Krön anheim gefallene Lehne zu der Könige eigenen Inhabung 
verbleiben sollen. Es ist aber in Cap. 1, §. 13 seq. gezeigt worden, dass eines 
Theils dieses Privilegium denen Ständen ihr jus disponendi semel quaesitum 
nicht entziehen könne, andern Theils von denen Fürsten daigegen protestieret 
und selbiges von dem königlichen Oberrecht selber verworfen sei, dritten Theils 
aber von solchen Lehnen spreche, die der Krön anheim gefallen, welches aber 
von denen schlesischen erblichen Lehen, so lang die Fürsten davon dispo- 
nieren und solche auf andere Vasallos transferieren, nicht gesagt werden kann. 
Dass aber der König Uladislaus diese Incorporation nicht^von denen Fürsten- 
thümem NB. worüber die Fürsten disponiert haben, verstanden habe, erhellet 
ja offenbar daher, weil er gleich darauf, anno 1511 zugestehet, dass die Herzoge 
von Liegnitz vermöge ihres Auftragbriefs befugt wären, ihre Fürstenthümer 
unter Lebendigen zu veräussem, auch dahero ihnen die facultatem testandi 
einräumet. £r würde aber solches nimmermehr accordieret haben, wenn er 
geglaubt hätte, dass diese Concession wider sein wenige Monate vorher denen 
böhmischen Ständen ertheilte Incorporationsprivilegium laufe. 

S) Alle vorhin angeführte Argumenta stehen auch diesem Documento entgegen. 
Und eben dieser König Ludovicus, welcher sich anno 1522 verpflichtet, von 
denen angefallenen Fürstenthümem nichts zu veräussem, hat anno 1524 
agnosdert, dass denen Herzogen von Schlesien ex literis oblationis das jus 
alienandi, wenn der Krön das dominium directum vorbehalten wird, zustehe etc., 
und dadurch genugsam angezeiget, dass das privilegium incorporationis, 
so lang die Herzoge von ihren Fürstenthümem disponieren, auf sie nicht 
applicable sei. 

i) Es )9t schon gesagt worden, dass durch diese Incorporationsprivilegia dem 
juri disponendi derer Herzoge zu Liegnitz nicht prajudicieret werde, weil 
durch dezgleichen Disposition nichts von dem Königreich Böhmen alienieret, 
iiondem nur ein neuer Vasallus, cum eädem fidelitatis lege, substituieret wird. 

Gegeninformation« §. 16. So ist auch von Churbrandenburg, welches 
'loch in der £rbverbrüderung reciproce lauter böhnusche Lehne verschrieben und 
*iie Bewirknng der königlichen Einwilligung versprochen hat, niemalen ein Con- 
^^^QSQs domini directi vorgezeiget wcM^en; mithin hat gedachtes Churhaus gegen 
^e selbst eigene Anerkanntnuss den nöthigen Gonsensum domini directi nicht ge- 
'^bet, viel weniger erhalten *j. 

Aus welchem allem denmach mit Händen zu greifen, dass beede obige Gunst- 
^efe an und für sich selbsten nichtig und ungiltig seind, und die Könige durch 
^e Urnen von Herzog Friderich aus dem Lehnbrief König Joannis vorgebildete 
facultatem alienandi zu derselben Ertheilung verleitet worden*). 


192 ^6 preussiflchen Ansprüche auf Schleaieii. 

Beantwortung. 1) Der Consens ist bloss ex abundanti wegen der von dem 
Churförsten dargegen verschriebenen Lehne vorbehalten worden, masseo 
solcher, da die schlesische Herzogthümer nach ihrer Natur alienable sein, g&r 
nicht nöthig war. 

Man will aber auch den ohngestandenen Fall setzen, dass die Erbveihni- 
derung, so viel die vom Ghurfursten besprochene Länder betrifft, ob defectom 
consensus nicht gültig seL So ist doch wohl zu merken, dass in sothaner 
Erbverbrüderung ausdrücklich disponieret worden, dass, wenn auch der Cod- 
sens wegen dieser dagegen versprochenen Landen nicht erfolgte, KB. NB. 
dennoch die Erbverbrüderung intuitu des Herzogs zu Liegnitz und dessen 
Fürstenthümer, welcher dergleichen Consens hatte, fest und unverbrüchlich 
bleiben solle. 

2) Es erhellet aus dem Vorhergehenden offenbar und ist mit Hftnden zu greifen, 
dass, da beide Gunstbriefe Uladislai und Ludovici in l^e oblationis sich 
gründen, die darin enthaltene und von denen Königen von Böhmen ohoe 
Suggestion, aus eigener Bewegung und Ueberzeugung beschehene Agnition 
das jus alienandi derer Herzoge ausser allen Streit setze. 

Gegen Information. §. 17. Bei solchen Umständen nun hat wohl von 
Kaiser Ferdinande I. keine andere, als sententia cassatoria erfolgen können*); 
denn wenn auch besage der Erbverbrüderung die Fürstenthümer nicht änderst, 
als titulö feudi an Churbrandenburg gelangen sollen, mithin es scheinen könnte, 
dass die Krön Böheim darunter wenig oder nichts verliere, so ist doch dadurch 
gedachter Krön das bei der Auftragung versicherte Anfallsrecht in casum defiden- 
dis ProUs masculae benommen, mithin sothane Erbverbrüderung in praejudicium 
des Königreichs errichtet worden*). Es haben auch die böhmischen Stände um 
so mehr ürsach gehabt, sich der oft berührten Erbverbrüderung entgegen zu 
setzen, als Churbrandenburg respectu der von der Krön Böheim rührenden L^en 
durch seine Präpotenz via facti von allen Prästationibus publicis sich emanci- 
pieret und diesfialls von Rechtswegen der Krön Böheim viele Millionen zu ersetzeu 
schuldig ist'). 

Beantwortung. 1) Die Ungerechtigkeit dieses Cassationsurtheil ist schon 
oben §. 12 gezeigt worden. 

2) Da der Krön Böhmen niemals der Anfall in casum deficientis proUs msscu- 
linae vorbehalten worden, und das Document de anno 1331, woraus solches 
hergeleitet werden will, gegen den ersten und einzigen Auftragsbrief de anno 
1329, gegen die anno 1505, 1511, 1522 und 1524 beschehene königliche agni 
tiones und gegen andere vernünftige Umstände laufet, das Original auch de^ 
vom Sigismmido vidimierten Documenti niemalen existieret, noch jemals wird 
produciert werden können, so kann auch nicht gesagt werden, dass die Erb- 
verbrüderung zum Präjudiz der Krön Böhmen sei errichtet worden. 

3) Man hat dem Erzhaus Oesterreich vielfältig die rechtliche Ursache angezeigct, 
warum Se. Königl. Majestät Sich nicht verbunden erachten, die publicas prae- 
stationes zu entrichten. Man will jctzo nur dieses einzige anfuhren, dass der 
Kaiser Leopoldus selbst in dem schwiebusischen Lehnbrief vom 3. Juni 1686 
anerkannt habe, dass dem Ghurfursten in seinen in Schlesien habende» 
Landen NB. die superioritas territorialis zustehe, und folglich alle jtira, so 
davon dependieren, NB. NB. in specie Contribution, Einquartierung, Appellation 
und was sonst ad superioritatem territorialem gehöret. Was bleiben dann vor 
praestationes publicae übrig? 


Beantwortoog der Gegeninfonnation. 1741. 193 

G eg e n in f o T m a t i o n. §.18. Die schlesische Herzoge von liegnitz. welche 
die oft angeführte Erbverbrüderong mit dem Charfursten Joachim von Branden- 
burg gemacht, haben die Nichtigkeit dieses Handels sofort von selbst erkennet 
imd dahero sich nicht nor dem Urthel Ferdinandi I. sabmittieret, die Erbverbrü- 
denmg widerrofen, und gegen den Charfursten sich nicht mehr Brüder genannt, 
»ndem auch in Confoimität der ersteren Lehnsauftragung wiederholt versprochen, 
duB, wenn sie ohne männliche Lehnserben abgingen, ihre Fürsten thümer, Land 
Leute dem König und der Krön Böheim anheim fallen, denen fürstlichen Töchtern 
aber nur ein gewisses Greld zum Heirathgut gegeben werden solle '). 

In gleichmässigen verbindlichen Ausdruckungen hat Herzog Friderich, des 
Torigen Friderich Sohn, in anno 1596 seinen Revers von sich gestellet, die £rb- 
rerbrüderung für null und nichlig erkannt, das Urthel Ferdinandi I. agnoscieret 
and die an das Churhaus Brandenburg eztradierte Documenta zurück zu ver- 
ach&ffeu sich anheischig gemacht*). 

Beantwortung. 1) Dieses ist ein sehr wunderliches Argument Kann der 
Herzog durch seine Bevocation (wenn sie auch aus freiem A^len geschehen 
wäre), dem Churhaus sein ex contractu jurato, cum consensu statuum, wohl 
erworbenes Successionsrecht wegnehmen? Alle natürliche und Civilrechte 
stimmen darin überein, quod poenitentiae locus non sit, contractu semel rite 
perfecto. 

Wenn man aber die Bevocation selbst einsiehet, so ist sie von eben dem 
incompetenten und ungerechten Bichter vi metuque extorquieret worden, 
welcher die ungerechte sententiam cassatoiiam ausgesprochen hat Man hat 
den armen alten Herzog mit Privation seines Herzogthums ex capite felcpiiae 
bedrohet, wenn er nicht die Erbverbrüderung revocieren und darüber einen 
Revers ausstellen würde. Er schreibet daher an den Churfürsten anno 1646, 
dsss er bei Ihro Majestät keine Gnade finden noch erhalten mögen, er hätte 
denn zuvor dem Spruch ein Grenüge gethan. Er hätte es also thun müssen, 
um die vorige Ungnade nicht zu erregen und seine treue Unterthanen nicht 
wieder in Gefahr zu setzen. Dahero diese revocatio, vi metuque extorta, auch 
die Herzoge von Liegnitz selbst nicht binden kann. 

2 t Was des Yatem durch Gewalt erpresster Benunciation entgegen gesetzet 
worden, stehet auch diesem fstcto entgegen: Quo jure können diese Söhne 
dem Churhaus Brandenburg ein ex contractu rite perfecto erworbenes Becht 
durch ihre Bevocation wegnehmen? 

Gegeninformation. §. 19. So hat auch Ghurfurst Johann Georg in 
*i^o 1593 wie aus seinem oben allegierten Schreiben erhellet, wohl begriffen, 
^ er de jure an mehr gedachte Fürstenthümer etwas zu suchen nicht berechtigt 
3^e, mithin hat sich derselbe ad viam gratiae gewendet und wenigstens um eins 
^is>^ Fürstenthümer bei Budolpho II. das Ansuchen gethan , auch sich um den 
Cooaeas der böhmischen Ständen beworben^); wie wenig aber Kaiser Budolph 
<^^ntuf Reflexion gemacht, zeiget das in anno 1505 an Herzog Friderich ergangene 
^^script*), worinnen demselben nachdrucklich anbefohlen wird, die an sich selbst 
ciclitige und unkräftige Erbverbrüderuug von dem Churfürsten von Brandenburg 
oorück zu verschaffen *), 

Worauf dann derselbe auch den kurz vorher sub Num. 42 angeführten Bevers 
Magestellet hat*). 

Daas also sowohl von Seiten der Uegnitzischen Herzogen als Churbrandenhurg 

Pnainacbe SUatMcbriften. I. 13 


194 Die preussischen Ansprüche auf Schlesieii. 

nicht nur die Nullität der Erbyerbrüdening, sondern auch die Validität des Feidi- 

nandi'schen Endurtheils selbst erkennet worden*). 
Beantwortung. 1) Es ist schon oben gezeiget worden, und es bestätiget auch 
das von gegenseits selbst angefahrte churfurstlicbe Schreiben sub Nuin. 2S, 
warum das Churhaus NB. die gesammte Hand gesucht und durch Erhaltung 
eines novi et scparati tituli die Extremitäten, welche der Churförst in söner 
Familie vorher gesehen und jetzo wirklich erfolget sein, evitieren wollen 
(vid. §. 13). 

2) Obschon der König von Böhmen die gesammte Hand abgeschlagen , so ist 
dennoch dem Churhaus die Prätension aus der Erbverbrüderung, von welcher 
keine Frage war und die der König dem Ghurfursten nicht ent2dehen konnte. 
in salvo geblieben. 

3) Eben dieserwegen, weil der König dem Herzog befohleu, die Erbverbiödeiraig 
zurück zu schaffen, der Churfurst aber solche nicht retradieren woUcn, son- 
dern auf erfolgten Fall sein Recht gelten gemacht, erhellet genugsam, das$ 
das Vorgeben, als ob der Churfurst in dem angeführten Schreiben von selbsten 
b^riffen, dass er de jure an mehr gedachten Fürstenthümem kein R^cht 
habe und sich dieserwegen ad viam gratiae gewandt etc. keinen Grund habe^ 

4) Dessen Nullität aber, sowohl intuitu des gezwungenen Herzogs selber, ab in- 
tuitu des Churhauses, in dem vorhergehenden gezeiget worden. 

5) Dass die Herzoge die Nullität der Erbverbrüderung metu agnosderet haben, 
ist wahr; solches aber kann dem Churhaus Brandenburg nicht präjudiciemi. 
Dass das Churhaus selber diese prätendierte Nullität und die Validität der 
sententiae cassatoriae sollte erkannt haben, ist falsch und irrig. 

Gegeninformation. §.20. Die von dem Autor des Rechtsgegründeten 
Eigenthums wider dieses Decbum, mit vielen anzüglichen und unerlaubten Ex- 
pressionen machende Einwendungen halten auch um so weniger Stich, ab quoad 
Imum, 2dum, 3tium, 4tum allschon oben augedeutet worden, was für ein Prajudis 
der Krön Böheim und ihrem Anfallsrecht durch die vermeinte Erbverbrädenmg, 
wenn auch die Fürstenthümer in qualitate feudali an Churbrandeuburg gekommn 
wären, erwachsen sein wurde'), und wie wenig gedachter Krön mit einem dff- 
gleichen Lehntrager gedienet seie*), wohingegen ad 5tum gleichfalls aus denen 
vorhin angeführten Auftragungen und Reversalibus deutlich genug gezeltet 
worden, dass denen liegnitzischen Vasallen die freie Veräusserung ihrer Lani^^ 
nicht erlaubet gewesen ■). Ob aber Kaiser Ferdinandus I. durch Entscheidung des 
diesfalligen litigii judex in propria causa und author in rem suam geworden, ^ 
lasset man der vernünftigen Welt zu urtheilen anheim, ob solches von eimm 
Monarchen gesagt werden könne, welcher seinen Ständen ad implorationem die 
Justiz administrieret, und wo man sowohl von der Kläger als der beklagten Scit»Ti 
den Krieg befestiget, mit vier Satzschriften pro et contra verfahren, einfolgÜcb 
die competentiam judicis selbst agnoscieret hat*). So machet auch nichts zur 
Sach, dajas Churbrandenburg dazu nicht adcitieret *) , hingegen von dem Doctore 
Strassen nach Publicierung der Sentenz darwider protestieret worden*); dennj 
gleichwie die Causa des damaligen Churfursten zu Brandenburg Joachiuii le^lig i 
lieh nur von dem gültigen oder ungültigen Facto des Herzogs Friderichs voi^ 
liegnitz und seiner Söhne dependieret hat, worüber die böhmische Stände we^'fö 
des der Krön vorbchaltenen Anfiillrechts dnzig und allein Klage gefuhret haben: 
also ist auch die Adcitation des Churfursten ganz und gar nicht nöthig gewc^n^ 
sondern es hat sich derselbe nothwendig daq'enige von selbsten gefallen lasset^ 


Beantwortung der Gkgeninformalion. 1741. 195 

mässen, was diesfalls ürthel und Recht gegenf seine AuÜiores, die gedachte^erzoge 
erkannt hat"), worwider die Protestation des Doctoris von Strassen nichts wirken 
können»). 
Beantwortung. 1) Weil oben schon erwiesen worden, dass der Krön nie- 
mals ein Anfallsrecht in casum deficientis prolis masculinae von denen schle- 
sischen Herzogen übertragen worden und der Auftragsbrief de anno 1331 
offenbar falsch sei, so folget von Selbsten, dass der Krön kein Präjudiz da- 
durch zugezogen werde, wenn die Herzoge ihre wahre und alienable Erblehne 
dem Churhaus Brandenburg übertragen. Und dass gedachte Krone nichts 
verliere, wenn ihr ein anderer Vasallus substituieret wird. 

2) Man glaubt ganz gerne, dass dem Haus Oesterreich nicht mit dem churfurst- 
lichen Vasallo gedient sei, weil derselbe nicht so mit sich, wider die Privi- 
legia und Gerechtsame, wird umspringen lassen, wie dasselbe mit denen andern 
armen Fürsten gethan. Wenn es aber nach dem droit de convenience gehen 
soll, so hätten die schlesische Fürsten viel grössere Ursache gehabt, zu sagen, 
dass ihnen mit einem solchen domino directo , (welcher ihnen alle ihre jura, 
contra legem delatioms zu entziehen gesucht, und ein Fürstenthum nach dem 
andern durch Gewalt und List, mit Exclusion der rechtmässigen Erben, an 
sich gebracht) nicht gedienet sei. 

3) Das Gegentheil ist aus dem Auftragsbrief de anno 1329 aus der Könige 
Uladislai und Ludovici eigenem Bekenntniss, aus einer beständigen Observanz 
aller schlesfechen Fürsten und in specie derer Herzoge zu Liegnitz gezeigt 
worden (vid. supr. §. 1, n. 8 seq.). 

4) Man lasset die ganze vernünftige Welt urtheilen, ob eine Sentenz, welche von 
einem offenbaren incompetenten Richter, in propria causa, contra tertium, non 
citatum, wider alle Rechte, wider den legem delationis und wider der vorigen 
Könige, ja des Ferdinandi selbst eigene Agnitioa gesprochen worden, nicht 
nach allen Rechten der Welt null und nichtig sei. 

Dass aber der Herzog die competentiam judicis dadurch, dass mit vier 
Sätzen pro und contra verfahren worden, erkannt haben solle, ist eine ganz 
unrichtige Folge. Der Herzog hat sich gleich anfangs auf das Fürstenrecht 
bezogen und behauptet, dass er nach denen Privilegüs der schlesischen Fürsten 
dnzig und allein in Breslau bei dem Oberrecht belangt werden könne etc. 
Diese Exception war nicht allein in dem Generalprivilegio de anno 1468 ge- 
gründet (Schickfiis, Schles. Chron. 1. 3, C. 23 pr.), sondern auch in dem Spe- 
cialprivilegio , welches denen Herzogen von Jägemdorf anno 1496 verliehen 
worden und in denen Beilagen sub Lit B. befindlich ist 

Weil aber, aller Protestation ohngeachtet, dem Herzog per interlocutoriam 
anbefohlen worden zu antworten und sich einzulassen, und derselbe gar priva- 
tionem feudi besorgen musste, weil alles auf lauter Gewalt angesehen war, so 
lasst man die ganze vernünftige Welt weiter urtheilen, ob bei solchen Um- 
ständen der Herzog zu Liegnitz competentiam fori agnosciert habe? 

Dom sei aber wie ihm wolle, so kann diese sententia cassatoria gegen das 
Churhaus Brandenburg, utpote res inter alios acta, nicht angefuhret werden. 
(Vid. supr. §. 18.) 
5) Das Churhaus Brandenburg hatte ex pacto confratemitatis, (welches die 
Contrahenten sowohl als die Landstände vermittelst eines körperlichen Eides 
bestätiget hatten) ein offenbares Recht Wenn ihm nun solches hätte ent- 
zogen werden wollen, so wäre ja, nach denen natürlichen und weltlichen 

13* 


196 ^e preaanflchen Ansprache auf Schlesien. 

Rechten nöthig gewesen, dass selbiges darzu h&tte dtieret werdeo mösBen, 
weil niemand seines Rechts ohngehöret beraubet werden kann. 

6) Durch diese obechon absque mandato eingelegte Protestation hat der 
Dr. Strassen anzeigen wollen , dass dem Churhause diese . Sentenz nicht piä- 
judicieren könne. Im Uebrigen würde diesem ohnedem sein Recht in salro 
geblieben sein, wenn auch Dr. Strassen nicht protestieret hätte. 

7) Dieses ist eben die Frage, ob das Factum des Herzogs ungültig und ob ans 
dem zwischen dem Herzoge und dem Churfursten consensu statuum erxichtetai 
eidlichen Contract diesem ein Successionsrecht erwachsen sei? Da ist oan 
nicht genug, dass der Herzog allein darüber gehöret werde, sondern es hätt« 
auch der Churfürst, welcher leugnet, dass des Herzogs Factum nngoltig und 
ihm, dem Churfursten, kein Recht daraus erwachsen sei, darüber gdiöiti 
werden müssen etc. Da er sich dann gewiss nicht vor der bohmischoi Re- 
gierung würde eingelassen, sondern auf das Fürstenrecht provocieret habaLi 

8) Es ist dieses eine ganz neue Jurisprudenz: man weiss wohl, dass, wenn einl 
Vasallus mit einem andern privato wegen des Lehens Streit bekommt, dd 
Agnatus, wenn sonst alles bona fide zugehet, sich denen judicatis unterweifeal 
müsse; dass aber derjenige, welcher mit dem Vasallo contrahieret und darauf 
ein unstreitiges Recht erhalten, sich dasjenige müsse gefallen lassen, was dd 
dominus directus wider die Privilegia, als judex incompetens, in propri^ 
causa, zum Präjudiz des Contrahenten, welcher weder dtieret noch geboret 
worden, vornimmt Solches kann aus keinem Recht in der Welt justificieiet 
werden. 

9) Wenn auch Dr. Strassen nicht protestieret hätte , so würde doch die Se& 
tenz contra tertium, non citatum, nee auditum, ipso jure null imd nichj 
tig sein. 

Gegeninformation. §. 21. Das Churhaus scheinet auch hemacb di« 
gerechte Sach der böhmischen Stände selbst erkannt zu haben, maasen selbigf!^ 
von der letzten Anmeldung Churfurstens Johann Georg de anno 1593 bis 6^ 
annum 1683, mithin durch das ganze 90. Jahr, einfolglich per tempus plus quan 
longissimum, darbei vollkommen acquiescieret>), ja sogar nach dem den 21. ^o^ 
vembris 1675 erfolgten Absterben des letztem liegnitzischen Herzogen Geoig VT)^ 
heim durch acht Jahr, nämlich bis auf den 20. Novembris 1683, sich nicht gemel- 
det, wie solches das Schreiben Churfursten Friderichen Wilhelms bezeuget, wo- 
durch der Einwurf des oft berührten Autors, dass man sich gleich nach Absterbe! 
Herzogs Georg Wilhelms der erledigten Fürstenthümer halber in Bew^^ung p^ 
setzet habe, seine Erledigung erhaltet*). 

1) Wer nur die erste principia juris gelemet hat, der weiss ja die Regul, qoo^ 
contra agere non valentem non currat praescriptio. Es konnte ja das Cbor 
haus aus da: Erbverbrüderung nicht agieren, als nach Absterben derer Herzog« 
zu Liegnitz ; da es nun kein jus agendi hatte, so giebt ja die gesunde Ver 
nimft an die Hand, dass dem Churhaus das Silentium nicht präjudicieret 
könne, insonderheit, da Dr. Strassen sofort protestando angezeiget, dass ditl 
Sentenz dem Churhaus nicht präjudideren könne, dieses auch dadurch, dd^ 
es aller von böhmischer Sdten beschehenen Sollicitation ohngeacht, die Erbi 
Verbrüderung niemals hat zurückgeben wollen, animum reservandi juris genugj 
sam angezeiget Welche Zurüd^haltong der Bischof zu Breslau in sonca^ 
oben c. 2. §. 1, n. 5 angeführten Bericht selber als ein Indidum, daas das Giur 
haus sich dadurch seine Jura reservieren wollen, angegeben hat 


Beaatwortong der Gregeninformation. 1741. 197 

2) Dass sich der Cfanrfurst nicht eher gemeldet^ hat seine natürliche Ursachen. 
Anno 1675, als der liegnitzische Stamm abging, war der Churfürst mit seiner 
Ännee am Bhein und stritte vor das Reich und das EIrzhaus Oesterreich. Er 
mnsste wegen des schwedischen EinMls in der Mark in eben demselben Jahr 
wieder zurücke kooomen, der Krieg continuierte in Ponmiem bis anno 1679. 
£s hatte also der Churfürst keine Zeit, an seine domestique Angelegenheit zu 
denken. Sobald aber derselbe den Frieden gemacht und wegen seiner durch 
den langen Krieg ruinierten Länder das Nöthige veranstaltet, hat er die lieg- 
nitzische Successionzu Herzen genommen, die zerstreute Acta aufsuchen und 
eine Deduction seiner Rechte daraus verfertigen, auch darauf anno 1683 durch 
eine solenne Gesandtschaft umb die Einräumung dieser Herzogthümer An- 
sachung thun lassen. 

Wenn aber auch alle diese Verhinderungen nicht gewesen wären, quid 
inde, wo stehet geschrieben, dass nach acht Jahren eine solche Prätension 
präscribieret werde? 

Gegeninformation. §. 22. Nun will zwar dieser Autor die Welt über- 
reden, dass man an dem damaligen kaiserlichen Hofe, als Churbrandenburg sich 
um die Belehnung gemeldet, und von dem ehemaligen briegischen Canzler von Roth 
eine umständliche^formation eingelanget, die Grerechtsame brandenburgischer Prä- 
U^näon erkennet, mithin anfangs dargegen wichtige G-eldessummen und endlich 
pi ein Stack Landes angetragen habe. 

Gleichwie aber auf der einen Seiten der Canzler Roth für die Gerechtsame 
im Königs und der Krön Böheim sein Gutachten abgestattet, auf der andern 
Bdten hingegen eine Information eines Particularis der Krön und dem König- 
nich Boheim zu präjudicieren nicht vermag, übrigens aber dergleichen Gutachten 
ZQ communicieren und heraus zu geben niemalen gebräuchlich: also wird das 
uch der beschehenen churbrandenburgischen Ajuneldung, sowohl an den Chur- 
fiisten erlassene Antwortschreiben, ab der{seinem Gesandten, Baron von Schwerin, 
ertheilte abschlägige umständliche Bescheid, der Gerechtigkeit liebenden Welt vor 
Augen legen, wie ungegründet das churbrandenburgische Vorgeben wegen An- 
obietong Geldes und Lsmdes seie^), und wie sehr oft berührter Autor die Welt 
dmch Veischweigang der wahren Umstände irre zu machen sich bemühet habe*); 
Baasen in jetzt besagtem Schreiben und Bescheid weiland Kaiser und König Leo- 
poldufl die vermeinte churfürstliche Fundamenta gründlich widerleget, dahingegen 
leine and der Krön Böheim Gerechtsame mit unhintertreiblichen Proben dar- 
g^tfaan, ohne sich im mindesten zu etwas anheischig zu machen'). 

Beantwortung. 1) Es thut gar nichts zur Sache, ob des Kanzlers von 
Both Deduction die jura des Churhauses bestätige oder nicht, und ob dem 
Chnrfaause für die vier schlesische Fürstenthümer Geld oder Land geboten 
sei, oder keines von beiden. £s konmit darauf an, ob das Churhaus Recht 
l^he, wiewohl beides, wenn es etwas zur Sache thäte, aus denen Archivactis 
gezdgt werden könnte. 

2) Man kann vielmehr mit Grund der Wahrheit sagen, dass nicht ein einziges 
Argument von dem Verfasser der Gegeninfonnation vorgebracht worden^ 
vorbei er nicht die wahren Umstände, um die Welt irre zu machen, ver- 
schwiegen habe. » 

^) Da« alle in dem angeführten Schreiben und Bescheid recensierte Funda- 
menta, wider die Jura der schlesischen Fürstenthümer, contra leges delationis, 
contra agnitiones Regnm Bohemiae, und wider alle gebtliche und weltliche 


X98 ^^ preuflsiBchen AnspTäche auf Schledeii. 

Bechte laufen, solches ist ad §. 1 gezeigt worden. Wenn durch dergleichen 
absque causae cognitione, in propria causa expedierte und durch die Prä- 
potenz soutenierte, aber bestandig widerlegte Bescheide jemanden sdn Recht 
entzogen werden könnte, würde niemand in der Welt mehr bei dem Sänigen 
sicher sein. 

Gegeninformation. §. 23. Aus diesem allen fliessen nun nachfolgende 
richtige Sätze. Primo: Dass oftgedachte Fürstenthümer Land und Leute tod der 
ersten Investitur an ein wahres, dem König imd der Krön Böheim aufgetragen» 
Ebrbmannlehen gewesen sei'). 

Secundo: dass also nicht nur nach denen kundbaren Lehnrechten, sondera 
auch nach Anweisung der Aufbragung und Beversalien in Ennangelung mämh 
licher Leibeserben diese Fürstenthümer dem König und der Krön anheim fallen 
müssen *). Einfolglich 

Tertio: die Herzoge darüber in praejudicium regis et regni nicht disponieieii 
können'), mithin 

Quarto: die darüber getroffene Erbverbrüderung an und für sich nal( 
und nichtig errichtet und von Ferdinando I. rechtmässig anullicret und casaieret 
worden *). 

Dahero dann 

Quinto: das Churhaus Brandenburg daraus mit Bestand Bechtens keine Pii 
tension formieren können, sondern nach Absterben des letzteren plastischen Füistai 
Greoigii Wilhelm! die besessene Fürstenthümer als eröfinete Lehen dem Küuig 
imd der Krön zu Böheim anheim fallen müssen*). 

Warum aber Kaiser Leopold sich dennoch in anno 1686 bewegen lasen, mit 
dem Churhaus Brandenburg wegen nichtiger Prätensionen neue Verträge zu 
schliessen, darvon solle jetzo in Cap. 3 gehandelt werden *). 
Beantwortung. 1) Aus allem demjenigen, was bishero angefuhret wordeoi 

fliessen vielmehr folgende unwidersprechliche Sätze: 

Primo: dass obgcdachte Fürstenthümer von der ersten Investitur an keiiie 

Mannlehne, sondern rechte, wahre und freie Erblchne gewesen sein. 
2) Secundo: dass dergleichen Erblehne nach allen kundbaren Rechten nach Ab- 
gang männlicher Leibeserben dem domino directo nicht anheim fallen, wann 

der Vasallus bei seinem Leben darüber disponieret hat 
8) Tertio: dass die Herzoge von diesen ihren feudis mere haereditaiüs, auch 

nach der Könige in Böhmen eigenen Agnition, disponieren können und die 

Krön Böhmen kein jus contradicendi habe. 

4) Quarto: dass die Erbverbrüderung nach allen Rechten gültig und die scn- 
tentia cassatoria nach allen göttlichen und weltlichen Rechten null nod 
nichtig sei. 

5) Quinto : dass das Churhaus aus dieser rechtlichen Disposition eine wahre Piäi 
tension habe, einfolglich diese Erblehne durch Absterben des letzteren Herzogt 
der Krön Böhmen nicht eröffiiet worden. 

6) Dass die gerühmte neue Verträge sowohl in Ansehung der inducierten Contia^ 
beuten selbst, als insonderheit in Ansehung derer Nachfolgere null und nichtkj 
sein, soll nunmehr gezeiget_ werden. 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 199 

Capitel m. 

Von dem sogenannten Satisfactions- und Renunciationsgeschäft 

Von anno 1686 bis 1695. 

Gegeninformation. §. 1. Dass die Könige von Böheim denen vorhin an- 
geführten Pratenäonen niemalen etwas eingeraumet, sondern solche beständig mit 
gntem Grrund widersprochen, dieses ist In denen vorigen Capituln zur Genüge 
daigethan'), und weiland Elaiser Leopoldus würde auch nimmermehr zu bewegen 
gewesen sein, sich darüber in neue Verträge einzulassen, wenn das Churhaus 
Bnmdenbarg nicht abermal von der Gelegenheit zu profitieren und seine ver- 
meinte Pratension zu einer solchen Zeit wiederum au&ubringen gewusst, wo man 
dessen Half zu Dämpfung des Erzfeindes christlichen Namens und zu Erhaltung 
der Rohe in dem römischen Reich höchst nöthig gehabt *), 

Beantwortung. 1) Wie ungegründet aber dieser Widerspruch sei, ist gleich- 
hWs gezeiget worden. 

2i £3 hat der Churfurst bei denen damaligen Umständen nicht eher agieren 
können. Der Herzog zu Liegnitz starb anno 167.5, der Churfurst stand mit 
seiner Armee am Rhein. Bei seiner Zurückkunffc fuhrete er den bekannten und 
blutigen Krieg mit Schweden, und der Friede wurde erst anno 1679 gemacht 
(vid c 2, §. 21). 

Es hat aber der Churfurst so wenig von der damaligen Situation profi- 
tieren wollen, dass er vielmehr vielfaltig declarierete, wie seine Intention nicht 
wäre Ihre Kaiserliche Majestät jetzo zu pressieren, sondern nur in Negotiation 
mit ihnen einzutreten, welches aber der kaiserliche Hof, seiner Gewohnheit 
nach, ins Weite zu spielen gesuchet (Puffend. Gest. Frid. Wilh. Lib. 15, 
§. 82, 85 et 96). 

Gegeninformation. §. 2. Es ist schon Cap. 2, §. 21 gesagt worden, 
dass man churbrandenburgischer Seits nach Absterben des letztem liegnitzischen 
Herzogs durch ganze acht Jahr stille geschwiegen, so bald aber die Türken in 
Ungarn die Oberhand gewonnen und gar bis in Oesterreich eingedrungen, so finge 
Äian an, die alte vermeinte, jedoch beständig widersprochene Prätensiones wiederum 
aufeuwännen *), und als die Jahre darauf das heil, römische Reich von einer ander- 
bärtigen Macht mit Krieg bedrohet wurde, so beginnte man die Anforderungen 
Oiit mehrerem Nachdruck, ja mit Abschickung eigener Gesandtschaften eifriger als 
Jamalen zu betreiben*), mithin sähe sich der glorwürdigste Kaiser Leopoldus 
gleichsam genöthigt, um nur das mächtige Churhaus Brandenburg in dem Nexu 
toit dem Reich zu behalten und dessen damalige schädliche Absichten zu hinter- 
treiben»), mit dem Churfursten Friederich Wilhelm einen Alliancetractat zu 
«blieasen, zu dessen Bewirkung sich selbsten wehe zu thun, sofort auch für un- 
gt^ründete und nichtige Prätensiones auf bewegliches Bitten des Churprinzen 
g^gwi dessen Reversales dem Churfursten den schwiebusischen Kreis und die 
lürst-Lichtenstdnische Forderung auf Ostfriessland zu übergeben *), 

Beantwortung. 1) Da der Churfurst von anno 1675 bis 1679 abwesend und 
im Krieg befangen gewesen und die Aufsuchung der zerstreuten alten Acten 
WS denen verschiedenen Archiven, wie auch die Correspondenz mit denen 
dabei interessierten Häusern etc. eine geraume Zeit erfordert hat, so ergiebt 
sich die Ursache ganz natürlicher Weise, warum man acht Jahre still ge- 
schwiegen. 


200 ^6 preossischen Ansprüche auf SchlesieQ. 

2) Man hat gleich anno 1683 durch eine besondere Gesandtschaft die Bestitalion 
dieser vier Herzogthümer suchen lassen. 

8) Der Verfasser der Gegeninformation sollte sich entsehen, die Aschen dnes lo 
grossen Herren mit solchen calumniösen Imputationen zu beschmitzen, als ob 
er sich yon dem nexu imperü los machen wollen und schädliche Gonalia 
wider das Beich geheget habe. Heisst dieses sich von dem nezu imperii los- 
machen, wenn man das Seinige von einem ungerechten und gewaltthitigen 
Detentore fodert? Der patriotische Eifer dieses Churfursten vor das Bdcb 
und das Haus Oest erreich ist der ganzen Welt bekannt, und eben zn der 
Zeit, da man ihn derer schlesischen Herzogthümer beraubete, defendierte er 
mit seiner ganzen Macht die Jura des Reichs und des undankbaren öster- 
reichischen Hauses. Es hat aber dieses Haus von imdenklichen Jahren her 
die Gewohnheit gehabt, Mass es diejenige Fürsten, welche ihm die grösate 
Dienste gethan, seinem Interesse endlich sacrificieret habe, wovon die tisaxige 
Exempel nicht weit gesuchet werden dürfen. 

4) Man möchte gerne wissen, worin sich der Kaiser in diesem Allianztractat veh 
gethan habe? Der Churfurst versprach eine Armee von 8000 Mann, and 
mehrentheils auf seine Kosten zu stellen. Er renuncierte auf vier Heizog- 
thümer, die ihm von Gott und Bechtswegen . zukamen. Was hat nun der 
Kaiser dargegen gegeben? Er cedierte Schwiebus zum Schein, stipulierte 
aber mit dem Churprinzen, dass es retradiert werden sollte. Die lichtenstein- 
sche Schuldforderung aber, welche sich über eine Million belaufen sollte^ 
wurde nachhero auf 240,000 Rthlr. reducieret, so dass der Kaiser in der Tfaftt 
nichts gegeben hat 

Was es aber mit dem angegebenen Revers vor Bewandtniss habe und anf 
was vor geßihrliche Weise man den Churprinzen darzu inducieret habe, soll 
unten gezeigt werden. 

Gegen Information. §. 3. Gleichwie nun nach denen in dem ersten 
und andern Capitel vor die Krön Böheim angeführten unumstösslichen Grund* 
Sätzen das Churhaus Brandenburg auf die angesprochene Fürstenthümer niemalen 
ein gegründetes Becht gehabt*), also haben auch die jenseitige Hausverträge ood 
das dariimen enthaltene pactum de non alienando, dieselbe zu keiner Zeit affi* 
eieren können*)*, es ist sich vielmehr billig zu verwundem, dass der Verfasser 
des brandenburgischen Scripti sich nicht gescheuet, nicht nur die jetzigen K5nig9 
Herrn Grossvatcm und Herrn Urgrossvatem durch diese Einwendungen so der 
Welt zu beschreiben, als weim dieselbe gegen den Inhalt ihrer Hansvertrfige ge- 
handelt, und sich zu Veräusserungen verbunden hätten, welche nicht in ihren Kräflai 
und Mächten gestanden*), sondern dass er auch hierdurch den jetzigen König Selb- 
sten, wenn sein Vorgeben bestehen solle, in solche Umstände setzet, dass weder 
ein Mitstand des Beichs noch ein fremder Herr oder Staat über Länder mit Dune 
sich vergleichen und gütlich setzen kaim; massen derlei Vergleiche nach dieser 
neuen Lehr an sich null und nichtig wären und die Nachfolgere des Königs nicht 
verbinden könnten^). Da aber die Hausverträge de non alienando bei dem chur- 
und fürstlichen Haus Brandenburg nicht anders ab bei anderen chur^ und fuist- 
lichen Häuseren in Teutschland gemeinet sein können, mithin keinen andern End- 
zweck haben, als das Land beisanmien zu erhalten, übeles Haushalten, oder aocb 
zum Schaden Erstgeborenen Abtheilungen in der Familie und mit einem Wort 
Entkräftungen grosser chur- und fürstlichen Länder zu verhüten, so wird wohl 
niemand durch übele Auslegungen diesen löblichen Endzweck so weit erstreckem 
dass ein churfürstliches Haus, welches pacta de non alienando hat, in der Güte mit 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 201 

eöinn andem über sonderlich zweifelliafte Ansprache sich nicht setzen könnte^). 
Siebet man den g^enseitig angerühmten geranischen Vertrag an, (aus welchem 
joiseits allein eine kurze Stelle beigel^et worden), so wird daraus jedermann von 
Selbsten leicht urtheilen, dass darinnen über ein zu Händen der Krön Böheim auf 
den Fall gestandenes Lehen zum Nachtheil des dritten nicht habe disponieret 
rerden können*), ^cht zu gedenken, dass der Autor des gegnerischen Scripti 
dineo geranischen Vertrag in verschiedenen Stacken und insonderheit, als ob bei 
dem Chnr- und fürstlichen Haus Brandenburg kein Nachfolger in der Ghur, noch 
tnderen Furstenthümeren gehalten seie, seines Vor£Edirem gemachte Schulden zu 
bezablen, wider den klaren Buchstaben selbsten missbrauchet, massen darinnen 
mit deutlichen Worten die Erläuterung geschehen: Was aber Wir der Churfurst 
Ton Schulden verliessen oder noch in Unserm Leben machten, durch Uns selbsten 
oder Unsere Befehlshaber, dieselbe werden von Unser hinterlassenen Erbschaft 
and dem succedierenden Churfursten billig abgetragen« Unsem Markgraf Georg 
Friderichs verlassene Schulden aber werden von dem regierenden Herrn in 
Fruken entrichtet, und also hierin denen altväterlichen Verträgen nachgegangen, 
wie wir denn dasselbe hiemit beiderseits wollen caviert und versehen haben ^). 
Wie ist es also möglich, dass in der gegnerischen Schrift vorgegeben werde, dass 
sogar bei dem Chor- und fürstlichen Haus Brandenburg kein Nachfolger in der 
Chor noch andem Furstenthümem gehalten seie, seines Vorfehren gemachte 
Scbalden zu bezahlen*). Es seind auch überdieses in mehrerwähntem Vertrag 
lUe diejenige Ansprüche des Churhauses Brandenburg, welche man vor gegründet 
gehalten, der Länge nach erzählet, nämlichen: das Fürstenthum Grossen, die 
Füistenthümer Pommern, Mecklenburg, Holstein, Anhalt, Braunschweig-Lüneburg 
Qod dergleichen etc. Hingegen des Anspruchs auf Liegnitz, Brieg imd Wohlau 
Qiit keinem Wort gedacht worden, ungeachtet man den vermeintlichen Anspruch 
uf Jägemdorf nicht vergessen'). Und ob man zwar dargegen sagen könnte, dass 
Torerwähnte Fürstenthumer damab noch nicht erlediget gewesen, und dessentwegen 
aucb in dem geranischen Vertrag nicht ndt benaimt werden können, so sind 
d<Kb die übrige allda enthaltene Länder, ab Holstein, Mecklenburg, Anhalt und 
Bnoiuchweig-Lünebnrg bis auf diese Stunde noch nicht zur Erledigung gekommen 
imd nichtsdestoweniger derselben in dem Vertrag eine Meldung geschehen. **). 
Beantwortung. 1) Das Recht des Churhauses Brandenburg ist auf eine so 

onwidersprechliche Art dargethan worden, dass kein vernünftiger Zweifel weiter 

dabei übrig sein kann. 

2) Da die Herzogthümer dem Ghurhause ohnstreitig zugehören, so sein dieselben 
nothwendig anter dem pacto familiae de non alienando begriffen. 

3) Man kann in der Welt nicht absehen, was der Gloire dieses grossen Chur- 
funten und dessen Herrn Sohn dadurch abgehe, wexm man behauptet, dass 
sie nicht bemächtiget gewesen, wider die Hausverträge solchen ansehnlichen 
Herzogthümem zu renuncieren, sonderlich da man ja weiss, dass die grossen 
Herrn selber die Archive nicht examinieren und daher sich auf den Vortrag 
ond Bath ihrer Minister, welche öfters die behörige Information nicht haben, 
verlassen müssen. 

Der Verfiuser der Gegeninformation gehet ja in diesem Stück noch weiter 
ond scheuet sich nicht, die Vorfahren der jetzigen Königin von Böhmen 
Majestät, Uladislaum und Ludovicum, gar eines Meineides zu beschuldigen, 
weil sie denen Herzogen zu Liegnitz fEusultatem alienandi zugestanden, da sie 
doeh sich eidlich verpflichtet hätten, alle Anfälle der Krön einzuverleiben, and 


202 ^6 preosaiflcheii Ansprache auf BchlesieiL 

dafls alles, was dagegen geschehen wurde, null und nichtig sein solle {^ndt 
Cap. 2, §. 11 et 15). 

4) Man hat hierunter nichts gelehret, als was das Haus Oesterreich in dieser 
Gegeninfprmation selber zum Grund setzet, dass nämlich ein Fürst dasjenige, 
was dem Land einmal incorporiert ist, nicht alienieren könne, und dass alles« 
was dagegen von dem Fürsten vorgenommen wird, ipso jure null und nichtig 
sei (dict. Cap. 2, §. 11 et 15). Und ans diesem Fundament hat auch der 
Kaiser Ferdlnandus IL die liegnitzische Erbverbrüderung (ohngeacht die Her- 
zoge von denen Königen von Böhmen £acultatem alienandi erhalten), cassiert 
und au%ehoben. 

Unterdessen wird das Haus Oesterreich nicht zugestehen, dass es ach durch 
diese Principia in solche Umstände setze, dass weder ein Stand des Reichs 
noch ein Fremder über Länder sich mit ihm vergleichen könne. 

Im Uebrigen ist die Regel in der natürlichen Vernunft g^jündety daas 
alles, was wider die Vertrage und Vereinigung des Hauses von einem Fürsten 
alieniert wird, ipso jure null und nichtig sei; es leidet aber diese Regel ver- 
schiedene Abfalle, wenn nämlich ein Recht sehr zwcifelhaftig ist oder nach 
geführtem Krieg etwas durch einen Friedensschluss abgetreten ist, oder wemi 
ein zureichendes Aequivalent dem Land und dessen Succeasoren verstattet 
wird etc. 

Alle diese exceptiones aber cessieren in diesen Herzogthümem , denn bei 
dem Recht des Churhauses selbst waltet nicht der geringste Zweifel; keine 
Noth war vorhanden, weil der ELaiser nichts von dem Churhaus verlangete, 
einfolglich der Churfurst eine bessere Gelegenheit hätte abwarten sollen, dass 
aber der Churfurst und dessen Successores nicht das geringste A.eqiiivaleDt 
erhalten, soll unten mit mehrem gezeiget werden. 

5) Man ist in thesi mit diesen principüs ganz einig, aber aus eben dieser Con- 
cession folget, dass die anno 1686 beschehene Renunciation ungültig sei, weil 
das Churfürstenthum dadurch vier importante Herzogthümer ohne Noth und 
ohne Aequivalent verloren, mithin sehr entkräftet worden. 

6) Weil offenbar irrig ist, dass diese vier Herzogthümer ein zu banden der Kix>n 
Böhmen auf dem Fall gestandenes Lehen sei, so hat in dem gerauischen Ver- 
gleich gar fögiich darüber disponiert imd dieselbe dem Churhause incorponott 
werden köimen. 

7) Man hat nur von denen Schulden gesprochen, die auf die incorporierte Lander 
gemacht worden, diese dürfen nicht von dem Successore, sondern müssen ans 
der Erbschaft bezahlet werden. 

8) Es ist dieses ja juris communis, dass der Successor keine Schulden ex fidd- 
commisso, sondern blos ex haereditate zu bezahlen schuldig seL 

9) Die Ursache ist ganz leicht zu finden, weil alle übrige Ansprache unter 
dem Wort und dergleichen begriffen sein. 

10) £s ist schon gesaget, dass alle übrige Ansprüche unter dem Wort und der- 
gleichen enthalten sein. 


Gegeninformation. §. 4. Es bleibet dahero wahr, dass Kaiser Leopold 
allein in Ansehung der getroffenen AUiance und also nur pro bono Publici sich 
zu einiger Befriedigung des Churfürstens verstanden habe*), es zeigen auch die 
bä dieser^Gelegenheit gepflogene Acta und Correspondenz insonderheit noch dieses 
an, wie schwer es geilten, den Kaiser zu Abtretung dnes Stuck L«a&des zu 
bringen*); er und sein Ministerium erkannte testantibus Actis allzawohl, H^^ 


Beantwortung der Gegeninformation. 1741. 203 

solches wider die VerfiEUBung und Privilegia des Königreich Böhmen wäre, mit- 
hin in seiner Macht nicht stunde, imd dessentwegen wollte er lieher noch so viel 
Geld gehen oder anderweitig den Churförsten heruhigen, ab demselhen ein Stück 
Land üherlassen *). 

Beantwortung. 1) Dass derELaiser schuldig gewesen, die vier Herzogthümer 
zu restituieren, solches ist klar erwiesen, und dass er sich zu einiger Satis- 
&ction verstanden, gestehet man^ hier seiher, diese Satisfaction aher ist nie- 
mab erfolget 

2) An der christlichen Intention des kaiserlichen Hofes, fremdes Gut an sich zu 
behalten, hat man niemals gezweifelt. 

3: Das kaiserliche Ministerium hat die Jura des Churhauses gar wohl anerkannt, 
es weisen aher die verschiedenen Gutachten, so die kaiserliche Ministri ab- 
gestattet, insonderheit des Kanzlers von Both Deduction genugsam an, was 
man vor Ursachen angefuhret, warum es nöthig sei, dem Churhause Branden- 
burg keinen weitem Fuss in Schlesien zu verstatten. 

Nota. Weil der Königin von Böhmen Majestät sich hauptsächlich darauf gründet 
daas diese Pr&tensiones durch die Verträge de anno 1686 und 1694 völlig ab- 
gethan wären, so wird nöthig sein, ehe man zur Beantwortung derer folgen- 
den Paragraphen schreitet, dem Publico nochmals eine umständliche Information 
zu ertheilen, was der wienerische Hof vor Menses gebrauchet und vor Ressorts 
habe spielen lassen, um den Churfarsten Friderich Wilhelm um sein Recht zu 
denen vier schlesischen Herzogthümem zu bringen und den Churprinzen zur 
Ausstellung eines an sich ganz unerlaubten Reverses zu inducieren. 

Es ist 1) vorhin gemeldet worden, dass der Churfürst, nachdem anno 167^ 
der pommersche Krieg geendiget war, sofort die schlesische Successionssache 
zur Hand genonunen und im Februario 1683 den von Schwerin dieserwegen 
nach Wien abgeschicket habe (Puffend, in gest Frid. Wilh. L. 18, §. 82). 

Der kaiserliche Hof hat 2) anfanglich von keiner Satisfaction hören , son« 
dem seine ungerechte Invasion soutenieren wollen, bis er endlich anno 1686, 
da er der Hülfe sehr benöthiget war und Tmppen von dem Churhause ver- 
langte, sich näher zum Zweck zu legen anfing. 

Er offerierte 3) einige Geldsummen, dahingegen der Churfürst auf Abtretung 
derer Herzogthümer oder eines Aequivalents an Land und Leuten bestünde; 
jedoch (weil er cah, dass er mit Gewalt gegen das kaiserliche Haus nichts vor- 
zunehmen vermochte), sich endlich mit dem schwiebusischen Kreis vorlieb zu 
nehmen declarierte. 

Der kaiserliche Hof hatte 4) die Truppen höchst nöthig und wollte doch 
diesen Kreis nicht abtreten, dahero steckte man sich hinter den damaligen, 
mit seinem Herm Vater brouillierten Churprinzen. 

Und machte demselben 5) glauben, die königliche Ministres hegten schäd- 
liche Consilia, der Churfürst suchte sich von dem nexu imperii los zu machen 
(welche Fabel der Verfasser der Gegeninformation noch jetzo wiederholet), 
die Krön Frankreich setze dem Chnrfunten eine chimerique Prätention auf 
Schlesien in den Kopf, gestalten man von Seiten des Churfürsten auf die 
Cediemng des schwiebusischen Kreises aus keiner andern Ursache bestünde, 
als weil ihm solches heimlich unter der Hand von denen französisch gesinnten 
suggerieret würde (da man wohl wüsste, dass der Kaiser vor ungegründete 
Prätensiones ein solches Stück Landes nimmerhin würde hingeben) und sich 
daher Hoffiiung machte, das ganze Allianzwerk zu hintertreiben etc., wo man 


204 ^® preossifichen AnBpr&che auf Schlesieii. 

ihm versicherte, dass durch diese Intrigaen das ganze Beich, in spede aber 
das Churhaus Gre£ahr litte. • 

Man gab ihm 6) zugleich zu erkennen, dass, wenn er sich reverderen wollte, 
den Kreis nach Absterben seines Herrn Vaters wieder zurück zu geben, der 
kaiserliche Hof den Tractat vollziehen wollte. 

Der Chuiprinz, welcher 7) seinen Herrn Vater aus denen ihm insrnmerten 
Ursachen gerne in die kaiserliche Allianz gezogen h&tte, gab diesen Vor- 
schlägen Gehör, ohne dass er mit einem einzigen Menschen daraus commmu- 
eierte, weil man auf das Inständigste von ihm begehrte, gegen niemand, wer 
es auch sei, davon zu gedenken, dergestalt, dass er auch gegen seinen einzigen 
Ministmm, den von Danckelmann, nichts davon erwähnet hat, wodurch ihm 
die Mittel benommen worden, sich von der Sachen Beschaffenheit näher m 
mformieren. 

£r wurde also 8) dahin gebracht, dass er den 28. Febr. 1686 einen Beven 
von sich stellete, dass er nach seines Herrn Vätern Tod den schwiebusischen 
Kreis restituieren wollte, da dann vier Wochen darauf, nämlich den 22. M«rt. 
1686, der Tractat vollzogen und denen vier Herzogthümem gegen Cession des 
schwiebusischen Elreises renunciert wurde. 

Nach erfolgtem Tod des Churfursten begehrte 9) der kaiserliche Hof die 
Betradition *, die churfurstlichenBäthe, welche über dieses Begehren sehr suipreo- 
nieret waren, verlangten von dem kaiserlichen Ministre darüber einige Infor- 
mation, welcher auch solche schriftlich von sich stellete und nochmals an- 
führte, dass der Churprinz (weil er gesehen hätte, dass durch die französische 
Intriguen der Weg zur Allianz verschlossen würde, indem man dem ChurfEursten 
} eine chimerique Prätension wegen Schlesien in den Kopf gesetzet und ihm auf 
die Abtretung von Schwiebus zu bestehen angerathen hätte, wohlwiasende, 
dass der Kaiser solches ninmiermehr abtreten würde etc.) selber sich zu dem 
Bevers offerieret hätte etc. 

Weil aber 10) der ganze geheime Bath auf seine Pflicht versicherte, dass 
die Krön Frankreich keineswegs diese Prätension suggerieret oder dem Chnr- 
fürsten in den Sinn gebracht hätte, sondern dass das Ministerium solche den 
Churfursten an die Hand gegeben und dass der Graf Bebenac und Frankreich 
zu der Zeit nicht gewusst hätten, ob ein Kreis oder Ort solches Namens in 
der Welt gewesen etc., so hat der Churfurst erst gesehen, dass er hinters Licht 
gefuhrt worden. 

Daher er 11) gedachtem geheimen Bath unterm 9. Sept 1689 schriftlich 
declarieret, dass er gänzlich entschlossen sei, den ausgestellten Schein in keine 
Wege zu halten, es koste auch was es wolle, um so vielmehr, weil seine Ehre, 
Pflicht und Gewissen dabei interessieret wären, und er nicht wolle angesehen 
sein, als gebe er so lüderlich Land und Leute hin oder als wollte er die 
Stücke, so sein Herr und Vater zur Chur gebracht, ohne Noth und Ursache 
wieder dissipieren etc. 

Und dieser Verlauf ist 12) aus des Churfursten eigenhändigen Erklänng 
gezogen, welche er aus dem Lager vor Bonn an seine geheimen B&the, besage 
Beilage sub Lit N., gesandt hat 

Unterdessen hat der Churfurst 13) dem ohngeacht, als man ihn bedrobete. 
dass man Gewalt gebrauchen würde, die Betradition durch dnen anno 1694 
errichteten neuen Tractat wirklich bewerkstelliget 

Man lasset nunmehro 14) die ganze Welt urthdlen, ob der Tractat de anno 


Beaatwortong der Gegeninformation. 1741. 205 

1686 den ChuifaiBt Friderich Wilhelm selbst oder dessen Successores nach 
eiiugem Becht der Welt» binden könne. 

Der Churfurst wollte dem Churhaus einiges, obschon geringes Aeqniyalent, 
veischafPen, und vermeinte, dass der wienerische Hof bona fide sich dazu 
offerierte, und in dieser Intention und mit dieser Gondition hat der Churfurst 
denen vier Fürstenthümem renunderet. 

Dieses Negotium aber war von Seiten des wienerischen Hofes ein pures 
simuliertes Werk, um den Churfursten hinters licht zu führen. Ja man ge- 
stehet von Seiten des Hauses Oesterreich auch in dieser Deduction selbst, dass 
man nimmermehr Willens gewesen, Schwiebus zu cedieren, einfolglich die 
Ceasion blos, um den Churfursten zur Allianz zu inducieren, simulieret hätte* 

Nun stimmen die natürliche und weltliche Rechte in diesem Fall über- 
ein, dass, weil die substantia pacti, nämlich duorum in idem placitom consensos, 
ailhier nicht vorhanden, dergleichen simuliertes Negotium den andern, dadurch 
mduderteu Theil nicht binden könne (1. 7, §. 9 ff. pact) und dass daher die 
lof dieses pactom sich gründende Benunciation weder dem Contrahenten selbst 
noch dessen Nachfolgern entgegen stehe. 

Man lasset auch femer und 15) die vernünftige Welt urtheilen, ob der aus- 
gestellte Bevers den Chuiprinzen habe binden- können. Diese Ausstellung 
selbst war ein &ctum per se illicitum, ein Versprechen von einer Sache, welche 
nicht in des Chuiprinzen Mächten war, es war ein Fingriff in die Hoheit eines 
regierenden Herrn, dergleichen keine Puissance in der Welt, wegen der schäd- 
lichen Folgen, die daher entstehen könnten, approbieren wird. Die natür- 
liche Bechte besagen, dass dn Pactum de facto illicito, et inito de re quae 
non est in jure promittentiB , ipso jure null und nichtig sei (Orot lib. 2, cap. 
XI, §. 8, n. 1). 

Am wenigsten kann 16) dem Erzhaus Oesterreich aus diesem an sich im- 
erUubten Bevers ein Jutf agendi erwachsen, weil der Churprinz durch lauter 
ongegründete Insinuationes dazu induderet worden; man hat die gefahrliche 
Men^ des kaiserlichen Ministri oben n. 5 et n. 9 entdecket, man verbot dem 
von seines Hauses Gerechtsamen geständlich gar nicht informierten Herren, 
mit jemand dieserwegen zu communicieren, man hat ihm einen von dem kaiser- 
lichen ACnistro in Bereitschaft habenden geschriebenen Bevers vorgeleget, 
welchen er unterschreiben müssen etc. Nun ist aber aus denen natürlichen 
Rechten bekaimt, dass dergleichen ex falsa causa durch ungegründete Insi- 
nnationes, per fitllacia^ erschlichenes VersprecheUf keinem ein jus agendi ver- 
rtatten könne (Grot lib. 3, cap. 17, §. 17). 

Und obschon 17) dieser Churprinz, nachdem er Churfurst geworden, den 
Bevers agnoscieret, einen neuen Vertrag anno 1694 errichtet, auch darauf den 
schwiebosischen Kreis restituieret hat und also scheinen möchte, als ob durch 
diese Batihabition das ganze Vitium gehoben sei, so ist doch hiebei wohl zu 
merken, 1. dass dieses Factum retraditionis sich auf einen ipso jure null und^ 
nichtigen Bevers gründe. Nun gestehet aber der Autor der Gegeninformation 
selber zu, dass ex causa vitiosa kein guter Effect entspringen könne, es ist 
auch aas denen natürlichen Bechten bekannt, das dasjenige, was einmal null 
um! nichtig ist, niemals per ratihabitionem convalescieren könne. 2. dass der 
Churfurst selbst die Bestitution des schwiebusischen Kreises wider seine Ehre 
^ Pflicht gehalten, auch anfänglich sich declarieret, solches, es koste auch 
▼as es wolle, nicht zu thun, und dass er sothane Bestitution nicht eher be- 
^v'illiget, als da der Beichskanzler declarieret, dass man mit Gewalt sich diese» 


206 ^^ prensfliBcheii Ansprüche auf Schlesien. 

Kreises bemächtigen würde, welches man gegenseitig selber eben nicht in Ab- 
rede ist, dahero das Vitium beständig continuieret hat 

Wenn aber auch 18) sowohl der Tractat de anno 1686 und die darixme 
enthaltene Benunciation, als der Vertrag de anno 1694 subsstieren könnte, so 
würde dennoch so wenig der Churförst Friderich Wilhelm als dessen Herr 
Sohn daraus verbunden sein. 

Denn es ist wohl zu merken, dass die in dem Tractat de anno 1686 ent- 
haltene fenunciatio weder pura noch in praesens concepta, sondern conditioiiata 
sei; der Kaiser versprach dem Churförsten Friderich Wilhelm, sdnen £ib^ 
und Nachkommen in Art. 14, dass er ihnen den schwiebusischen Kreis cedieren 
wollte, und Art 15 cedierte er die lichtensteinische Schuldforderung dergestalt 
dass Se. Kaiserliche Majestät dem Churfärsten zum vollkommenen wirkliches 
Genuss dieser codierten Forderung verhelfen und kräftiglich dabei mainteni^en 
würde. 

Auf diese Conditiones nun, und wenn dieselbe zur lüchtigkeit würden ge- 
bracht sein, versprach der Churförst allem seinen Recht zu renuncieren, denn 
so lauten die Worte im folgenden Art 16: 

„Dahingegen wollen höchstermeldt Sr. Churförstlichen Durchlaucht, KB. 
„sobald die ganze Sache zur völligen Richtigkeit kommen wird, vor äch, 
„Dero Erben und Nachkommen sowohl in genere als specie allen Pr&tensionen 
„und Ansprüchen, so dieselbe bishero an die vier Herzogthümer etc. und andere 
„Stücke gemacht oder machen können, in perpetuum renuncieren etc." 

Nun sein aber diese Conditiones nie erfüllet und die Sache ist nie zur 
Richtigkeit gebracht worden, denn was den schwiebusischen Kreis anbdsDgt, 
so hat weder der Churfurst noch seine Erben und Nachkommen denselben 
bekommen, weil er niemalen in rechtem Ernst cedieret worden, sondern per 
simulationcm et inductionem bei dem Haus Oesterreich geblieben ist Die 
lichtensteinische Forderung, welche über eine Million importieren sollte, hat 
sich auf 240,000 Rthlr. reducieret, und die übrige, in der Allianz versprochene 
Avantages, welche sich, nach des kaiserlichen Gesandten eigenhändigen Infor- 
mation, in zwanzig Jahren zu Friedenszeiten auf zwei Millionen und zq 
Kriegszeiten auf drei Millionen belaufen sollten etc., sollen noch auf dieee 
Stunde prästiert werden. 

Bei diesen Umständen nun lasset man die ganze Welt urtheilen, ob diese 
durch Simulation und gefahrliche Induction errichtete Tractaten, da die Con- 
ditiones nicht erfolget sein, einige Kraft gegen den Churfurst Friderich Wilhelm 
und dessen Successores haben köimen. 

Hieraus folget nun 19) von selbsten, dass, wenn der Ohuiprinz in seinem 
ausgestellten und der Gegeninformation sub No. 47 beigedrucktem Revers, die 
vor seinem Herrn Vater nachhcro errichtete Allianz und NB. Renunciadon 
genehme hält, derselbe eben die Condition supponiere, wann nämlich alle vor- 
hergehende Conditiones zur Richtigkeit gebracht worden. 

Wenn man aber auch zugeben wollte, dass ratione Schwiebus die Conditioo 
durch die simulierte Cession erfüllet wäre, so ist doch gewiss, dass die beide 
übrige Conditiones noch nicht zur Richtigkeit gebracht worden imd also die 
Renundation keine Kraft habe, sondern vielmehr nunmehro, da der Kaiser 
den Vergleich nicht erfüllet, dem Churhaus frei stehe, gleich&Us von denen 
Verträgen abzugehen und defidente quippe conditione, die vorige jnra ZQ 
vindicieren. 

Gesetzt aber auch 20) dass beide Verträge überall ihre verbindliche 


Beantwortung der Gegeninfonnation. 1741. 207 

lüchtigkeit h&tten und die Renonciation beide Benunciantes obligieren könnte, 
so ist doch aoBser allem Streit, dass die Successores nicht daran würden gebun- 
den sdn, weil dieselbe nicht das geringste Aequivalent davor erhalten, son- 
dern, in Ansehung ihrer, diese vier Fürstenthümer umsonst weggeschenkt 
sein würden, indem, wie schon vorhin gedacht ist, das Land zurück gegeben 
worden und von der lichtensteinschen Post wenig eingekommen, das Geld 
auch nicht wieder angelegt, sondern verzehrt worden. 

Es ist nunmehro nichts mehr übrig, als die Umstände, welche der Autor 
der Gr^eninformation zur Beschönigung dieser vorgemeldeten unverantwort- 
lichen Menses anführet, mit wenigen zu beleuchten. 

Gegeninformation. §. 5. Der damalige Churprinz Friderich und nach- 
herigfT erster König (welcher zur selben Zeit schon das 29. Jahr seines Alters 
erreichet) *), betrachte hingegen als ein vernünftiger Herr auf der einen Seiten die 
Wichtigkeit des Geschäftes und das darunter steckende Heil des gesammten 
nimischen Bdchs*), auf der andern Seiten aber sähe derselbe den Ungrund der chur- 
brandenburgischen Forderung vollkommen ein und trat dahero, um dn dem ganzen 
lömischen Reich so heilsam als nützliches Werk nicht zernichtet zu sehen'), in 
Mittel; er überlegte die Sach mit einigen Vertraueten *), insbesondere mit einem 
nahfn Anverwandten, dem Fürsten Johann Georg von Anhalt^), und weilen er 
die Häiügkeit seines Herrn Vatem und die gefahrliche Absichten des damaligen 
ehurbTandenbnrgischen Ministerii am besten kennete, so Hesse er den kaiserlichen 
^T«äandten zu Berlin, Baron Frietag, nach Anzeige der vorhandenen Correspondenz 
iüftandigst bitten, ja conjurieren, diesfalls das Eis zu brechen und seinem Herrn 
Vater die dem Chnrhaus und seiner ganzen Posterität obli^ende Gefahr vor Augen 
20 stellen, auch den Kaiser zu disponieren, seinem Herrn Vater, so lang derselbe 
li'ben werde, den schwiebusser Kreis abzutreten, worgegen er sich nicht nur in höch- 
^ Geheim gegen gedachten kaiserlichen Gesandten erboten, dasjenige Stück Land, so 
d<T Kaiser seinem Herrn Vater überlassen würde, sofort nach dessen Tod wieder- 
um eiiizaränmen <) , sondern er stellete auch wirklich einen verbindlichen Revers 
ontenn 28. Februarii 1686, mithin einige Monate vor Zustandbringung des Satis- 
^actionstractats von sich, in welchem er selbst bekennet, dass auf sein absonderlich 
beweglich Nebensuchen und Bitten Ihro E^iserliche Majestät seinem Herrn Vater 
'ien achwiebusischen Kreis überlassen, und er sich dahero verbinde, auch Ihro 
Kaiserliche Majestät völlige Macht und Gewalt gebe, dass dieselbe nach seines 
Henu VateiB Todesfall solchen ohne sein, des Chuiprinzen, ferneres Zuthuen 
«iedenun in Possess nehme und reuniere ''), jedoch mit dem Beding, dass ihme dar- 
P^^ entweder die sehwarzenbergische Herrschaften Neustadt und Gimbom zuwege 
gebncht und abgetreten, oder aber anstatt derer 100,000 Rthlr. species in baarem 
frtld ahgefuhret werden möchten»), wobei derselbe am £nde versichert, dass es 
^ der voUkonunenen Renunciation aller und jeder von seinem Herrn Vater for- 
Querten, NB. von Kaiserlicher Majestät nie zugestandenen Prätensionen sein un- 
verbleibliches Bewenden habe*). 

Beantwortung. 1) Der Churprinz war zwar 29 Jahr alt, er wurde aber be- 
kannter massen zu keinen Afiairen gezogen, am wenigsten aber koimte er eine 
zurerläsfiBge Nachricht von der weitläuftigen jägemdorfischen und liegnitzischen 
Prätensiou haben. 

2) Eben durch dergleichen unverantwortliche Insinuationes des kaiserlichen Ministri, 
ftls ob Frankreich dem Churfursten diese Chimäre im Kopf gesetzet und der 


208 ^® preoflsiflchen Ansprüche auf SdüesieKL 

Churfunt sich von dem nexu imperii frei machen woUen etc., hat man den 
Chuiprinzen zu Ausstellung des Beyers inducieret 

3) Wie konnte dieser Herr den Grund oder Ungrund einer so epineusen Priten- 
sion yollkoDunen einsehen, da er zu keinen Affairen gezogen, andere aber za 
consultieren ihm ausdrücklich verboten wurde; der Churfurst widerleget dieses 
selber in der yorangefuhrten Declaration. 

4) Der Churprinz hatte zu der Zeit keinen Vertrauten als den Greheimen Bath ym 
Danquelman, welcher aber, besage der vorgemeldeten chuifurstUchen Deda- 
ration, kein Wort dayon gewusst hat. 

Und welcher Minister würde wohl so hardi gewesen sein, dem Ghuipiinza 
an die Hand zu geben, dass er seinen Herrn Vater hinteigehen, dem ChnriiaiL^ 
Land und Leute vergeben und ohne die geringste Ursache auf vier Fanten- 
thümer umsonst renuncieren sollte; er würde ja mehr als seinen Kopf bazu* 
dieret haben, wenn das geringste dayon wäre bekannt worden. 

5) Welcher vernünftiger Mensch wird wohl glauben, dass dieser w^en semer 
Treue und Redlichkeit in der Welt bekannte Herr, welcher Chef des Consal 
und Statthalter im Lande war, sich dergestalt gegen den Churfürsten sollte 
vergessen und dem Chuiprinzen dergleichen wider dessen Herrn Vätern vjd 
Souveräns Intention und des Churhauses Interesse laufende Conidlia an die 
Hand gegeben haben; es verdienet des nachheiigen Churfürsten und Königs 
Friderichs Declaration mehreren fidem, welcher in dem sub Lit N. be- 
gedruckten und NB. an den Fürsten mit adressiertem Bescript deutlich deck- 
rieret, dass man von ihm begehret hatte, sich keinem Menschen zu vertranen 
etc., welches er dem Fürsten nicht würde geschrieben haben, wenn dies« 
Wissenschaft von der Sache gehabt hätte. 

6) Es wird wohl kein Mensch, welcher von der damaligen Situation des chor. 
brandenburgischen Hofes und dem wenigen Credit des Chuiprinzen einige 
Wissenschaft hat, diese Fabel glauben, dass derselbe von freien Stücken der- 
gleichen geföhrliche Propositiones, welche ihn auf ewig unglücklich hätten 
machen können, sollte gethan haben; der Churfurst bezeuget ja selber, das» 
man ihm beigebracht, als ob hierunter pure französische Intriguen versierten 
imd die schlesische Prätension eine pure Chimäre wäre, dass das Beich wd 
das Churhaus in der höchsten Gefahr stände etc. und dass er dardurch Inda- 
cicrt worden, den Beyers auszustellen. 

7) Diesen Beyers hatte der kaiserliche Minister selber aufgesetzet und mundiert 
dem Chuiprinzen zur Unterschrift vorgeleget 

8) Dieses ist ein herrliches Aequivalent vor vier schlesische Herzogthümer, (ia 
der Kaiser Leopoldus vermöge seiner eigenhändigen Schreiben vom 5. Jan. 
1659 und 6. Mai 1664 NB. bloss vor Jägemdorf 1.800,000 Bthlr. offerieiet 
hatte, welche man aber nicht annehmen wollen. 

9) Weil der kaiserliche Minister selbst den Beyers projectieret und der Churpniu 
von niemand Bath nehmen konnte, hat derselbe diesem, was er gewollt, Tor 
schreiben können ; unteidessen hat man gezeiget, dass so wenig der Chuiprini 
als dessen Successores aus diesem Beyers und der darin enthaltenen Bcnim- 
dation obligieret werden können, 1. weil die Ausstellung dieses Beveis an 
sich ein Factum illicitum ist, wordurch ein Sohn seines Vaters und Souveiin^ 
facta zu entkräften gesuchet 2. Weil der Churprinz geföhrlicher Wdse zQ 
dieser Ausstellung inducieret worden, einfolglich niemand ex sua frülacia ein 
jus agendi erwerben kann. 3. Weil der Churprinz sich bloss auf die väterliche 
Benunciation beziehet, dass es nämlich dabei verbleiben solle, welche aber 


Beantwortung der G^geninformation. 1741. 209 

Dor conditionata gewesen, wenn der Kaiser alles, was er versprochen, richtig 
wird gemacht haben, welches aber bis auf diese Stande nicht geschehen. 
4. Weil der Ghmprinz in präjudicium successorom nicht hat renunderen können. 

Gegeninformation. §. 6. Da denmach hieraus und aus denen vorhan- 
ilaen Actis eriiellet, dass der Chuipiinz die Sach nicht nur für sich, sondern auch 
not andern wohl überleget ^) und den Kaiser um die Abtretung des Schwiebuser 
Kiebes selbst beweglich gebeten*), also wird dem Urtheil der unpartheüschen 
Cfeit äberlassen, wie der gegentheilige Schriftensteiler hierbei dem Kaiser Leopoldo 
IM imd Geföhrde zu Schulden legen könne '), es ergehet ihme aba: diesfalls, wie 
es meisteos bei ungegrundeten Sachen zu gehen pfleget, dass er eich selbst wider- 
^ffochen, und wie ungegründet dieses Vorgeben, dass der Churprinz durch Be- 
drohen und List zu Ausstellung dieses Reverses genöthiget worden seie, genugsam 
rerratfaen*); denn er bezüchtiget zu solcher Zeit den Kaiser und sein Ministerium, 
lidass man ans römisch-katholischen Religionseifer gar schwer daran gegangen, 
pebem protestantischen Fürsten einen Fuss in Schlesien zu lassen*), es hätten aber 
i^NB. die Conjuncturen selbiger Zeit mit dem Churfursten sich dieserwegen auszu- 
söhnen und zu vergleichen erfördert" Verhoffentlich zeigen diese Worte genug- 
tyn. daas dieser Vertrag zu einer Zeit geschlossen worden, da Kaiser Leopold die 
ffilf and Freundschaft des Ghurhauses Brandenburg ganz unentbehrlich nöthig ge- 
bebt habe, als welche Noth allein so stark gewesen, dass man nachzugeben ge- 
linrngen worden •)• 

Wer sollte nun Gewalt, List und Greföhrde bei solchen oben nunmehro ent- 
deckten Umstanden und Zeiten glauben oder sich wohl einbilden können, daas der 
C%UTprinz heimlich inducieret, folglich in der Sach dem jenseitigen ganz unüber- 
^;ten Yo^ben nach snb et obreptitie gehandelt worden seie^, da sogar auch 
^ denenjenigen Scribenten, welche aus denen brandenburgischen Archivb selbst 
abrieben und dieser Handlung halber ausfuhrlich Meldung gethan, nicht mit 
ebfm Buchstaben einer mit unterlaufen sein sollenden List und Grefilhrde (so sie 
pevisslich nicht ausser Acht gelassen haben wurden) gedacht worden*) (Puflfendorf 
^t Ludwig supra cit. loc). 

Beantwortung. 1) Dass der Churprinz mit keinem Menschen die Sache über- 
legt habe, auch vernünftiger Weise niemanden dergleichen gefahrliche Vor- 
schläge habe entdecken können, ist schon vorhin gezeigt worden. 

2 Ist wohl vernünftiger Weise zu glauben, dass der Churprinz, wenn ihm die 
^he nicht vorher auf eine so geföhrliche Art von denen kaiserlichen 
Mmistres wäre vorgestellt worden, diese würde gebeten und conjurieret haben, 
^n 80 ansehnliches Stück Land nebst einer Renunciation auf vier Herzog- 
thümer wieder zurückzunehmen? 

'^' Man will die ganze Welt urtheilen lassen, was die vorangefuhrte men^es, nicht 
^^ glorwürdigsten Kaisers Leopold!, sondern des kaiserlichen Ministerii, vor 
(inen Namen verdienen. 

^) Man fliehet noch nicht, worin man sich widersprochen oder wordurch man sich 
verrathen habe, dass die angeführte gefährliche Induction migegründet^sei. 

-" Der kaiserliche Gesandte fiUiret diese Ursache in seiner eingehändigten Infor- 
mation selber an, denn nachdem er alle die chimeriques Intriguen der Krön 
^^nuikreich (dass nämlich dieselbe, um den Churförsten von der Allianz abzu- 
oalten, diesem die ungegründete schlesische Prätension In den Kopf gesetzet) 
prämittieret hatte, so fahret er also fort: 

Que la France savoit, que se cercle de Schwiebus ätoit uue d^pendance 

^««ssigcl» SUateschriflen. I. 14 


210 ^^ preofisischen Ansprüche auf Schleäen. 

indiBsoluble de Glogau, rempli de religieux de la religion catholique 
etc. etc. qu*en ces regards 8a Majeste ne voudroit et ne pourroit jamais 
s'en d^faire. 

6) Es kommt nicht darauf an, ob der kaiserliche Hof ans Noth dem Chorhaug 
Justiz zu thun sich resolvieret habe (massen man solches gerne zugiebt), bod- 
dem ob derselbe bei dieser Handlung bona fide agiert habe. Man l&sset hier- 
von andre urtheilen. 

7) Die List und Gefährde liegt aus dem Facto vor Augen, die Inductio ist aus 
des Ghurforsten eigenen Declaration genugsam erwiesen und die Vemtmit 
selbst giebt solches an die Hand, die Drohungen aber, so bei der verlangten 
Retradition gebraucht worden, können alle Augenblick aus denen Belationen 
derer Gesandten erwiesen werden. 

8) Die Ursache ist schon oben angefahrt, weil Puffendorf seine Historie anno 
1688 geendiget, und hat daher von demjenigen, was nachhero anno 1691 et 
seq. erst zum Vorschein gekommen, nichts melden können; der Kanzler von 
Ludwig aber hat als ein Historicus nur dasjenige, was in facto sich zuge- 
tragen, berührt, nicht aber die Jura dieses facti berührt, als worzu er nicht 
bestellet war, examiniert 

Gegeninformation. §. 7. Es Hesse vielmehr vorhin besagter massen 
durch des Churprinzen bew^liches Bitten und gegen freiwillig ausgestellten 
Revers Kaiser Leopold das bonum publici seinem Particularinutzen vordringen und 
cedierte in dem erst einige Monat darauf ausgefertigten Instrumento dem Chur- 
fursten 1) den schwiebusischen Kreis in qualitate feudali und 2) die furst-Hchten- 
steinische Prätension auf OstMesland ^). 

Worgegen der Ghurfurst denen ohnehin nichtigen Anforderungen auf Jägern- 
dorf, Liegnitz, Brieg, Wohlau, Oderberg und Beuthen vor damals und auf künftige 
Zeiten für sich, seine Erben, Successoren und Nachkommen auf das kraftigste renun- 
cieret, auch die diesfalls in Händen gehabte Documenta dem Baron v. Frietag zurück 
gestellet, cassieret und kraftlos erkläret: „also und dergestalt, dass an Ihro Kaiserl. 
Majestät und dero nachkommende Könige zu Böheim und obriste Herzoge in 
Schlesien, wie auch wider die damalige und künftige Possessores des Fürstenthums 
Jägemdorf, dann wegen obgemeldten dreien f^ürstenthümem Liegnitz, Brieg und 
Wohlau imd der Herrschaft Beuthen, nicht weniger wegen prätendierender Refusiou 
deren auf die Errichtung des Grabens zu Schiffbarmachung des Oderstroms an 
churförstlicher Seiten aufgewandten Unkosten, und was deme mehr anhängig ist 
oder ex quacunque alia causa de praeterito formieret weiden könnte, Se. Chur- 
fiirstliche Durchlaucht, dero Ebrben, Successoren und Nachkommen weiter keinen 
ferneren An- und Zuspruch sub quocunque praetextu, und wie die immer genannt 
werden möchte, formieren sollen oder können." 

Welches alles dann auch der damalige nächste Agnat Christian Ernst, Marie- 
graf von Bayreuth und Culmbach, für sich und seine Nachkonunen dergestalt 
approbiert, ratificiert und genehm gehalten, der Ghurfurst aber in seiner Renun- 
ciations- Instrumento selbst mit ausdrücklichen Worten bekennet hat, dass von 
Kaiserl. Majestät die churbrandenburgische Prätensiones nie zugestanden, sondern 
beständig widersprochen worden*). 

Beantwortung. 1) Was ist das vor ein Aequivalent vor vier HerzogthümeTf 
insonderheit da der schwiebusische Elreis nur zum Schein und per simulationem 
cedieret worden, einfolglich nicht gerechnet werden kann, die lichtensteinische 
Forderung aber bis auf diese Stunde nicht euigekommen ist 


Beantwortnng der Gegeninfonnalioii. 1741. 211 

2) £8 ist vorhero gezeiget worden, dass dieee von denen Agnatis ratificierte 
Rennndatio des Ghmfursten nicht pura, sondern conditionata gewesen, wenn 
NB. zuvoiderst alles, was der Kaiser versprochen, zur Bichlagkeit würde ge- 
bracht sein, welches his anf diese Stande noch nicht geschehen, dahero diese 
Renondatio den Ghnxfarsten und seine Successores nicht binden kann. 

Es ist aber auch femer gezeiget worden, dass der ganze Tractat ein simu- 
liertes N^otiom gewesen und auch daher den hintergangenen Churfursten nicht 
obligiere. 

Und endlich ist gezeiget worden, dass, wenn auch der Ghurfurst und die 
Agnaten vor ihre Person daran wären gebunden gewesen, die Successores des 
Chnrhauses nach denen pactis familiae dennoch alle pristina jura vindicieren 
konnten. 

Im übrigen kommt es nicht darauf an, ob der Ghurfurst bekennet, dass der 
kaiserliche Hof denen Pr&tensionen widersprochen , sondern ob dieser Wider- 
Fproch gegründet sei, welches der Churforst best&ndig negiert hat 

Gegeninformation. §. 8. Zu Erfüllung dieses Tractats wurden noch in 

v\ns[ dem Jahr 1686 der Schwiebuser Kreis an die churfürstliche Conmiissarios mit 

Kmwüligmig deren Fürsten und Ständen übergeben, einfolglich diesem ganzen 

l^tsehaft ein Ende gemacht'). 

Beantwortung. 1) Dieser Actus retraditionis fundieret sich auf einen Revers, 

welcher ipso jure null und nichtig ist und überdem des Churfursten Successores 

nicht binden kann, dahero nicht gesagt werden mag, dass damit dem ganzen 

negotio ein rechtliches Ende gemachet sei. 

Gegeninformation. §.9. Als nun hernach in anno 1688 der Ghurfurst 
Ftiderich Wilhelm Tods verblichen und sein Sohn Friderich zur Regierung ge- 
Unget, mithin die Zeit, den schwiebuser Kreis mit Schlesien zu reunieren, erschienen, 
"1 hätten zwar Ihre Kaiserl. Majestät denselben nach Anleitung des von dem 
Cbtuprinzen ausgestellten Revers ipso facto selbst in Besitz nehmen können; sie 
^ben jedoch ans besondrer Hochachtung für das Ghurhaui^ lieber durch ihren 
(«sandten darum das Ansuchen thuen, als de facto fürgehen lassen wollen; es 
^t aber das churfürstliche Ministerium aus verschiedenen ganz besonderen Ab- 
lichten die Retradition bald unter diesem , bald imter jenem Vorwand bis in das 
J^ 1694 in Verschub gebracht^), unter andern hat dasselbe zwar schon in anno 
1^93 dorch den churfürstlichen Gesandten zu Wien von Inducierung des Ghur- 
ftimea einige Meldung zu machen sich nicht gescheuet tmd bei dieser Gel^en- 
^t verschiedene neue Bedingnussen in Proposition bringen lassen, als aber das 
^fiserliche Ministerium im Junio des erst besagten Jahres 1693 daigegen er- 
°>&oet, wie dass dem Ghurfürsten nicht entfallen sein könnte, dass er als Ghur- 
Fnnz, da er gesehen, dass Kaiserl. Majest&t diesen Kreis nicht alienieren würden^ 
Bicfat allein nitro den Revers anerboten, um dardurch den AlUanztractat zu faciü- 
QereD ttnd die selbiger Zeit am churbrandenburgischen Hof überhand genonmiene 
*thidiiche Consilia zu unterbrechen*), sondern auch nachgehends, als er zur Regie- 
nog gekommen, alles was tractieret worden, confirmieret und sich mehrmalen zur 
^tntion dieses Krebes anheischig gemacht'), es habe also um so weniger einer 
loduction bedurft, als Kaiserl. Majestät dem verstorbenen Ghurfürsten zu Branden- 
^'^ deotheh angezeiget, auch schon zuvor Kaiser Ferdinandus II. vor dem ganzen 
^'mischen Reich dedarieret habe, dass sie dem Ghurhaus Brandenburg in denen 
r^^itendierten schlesischen Fürstenthümem tmd Landen nichts gestfindig, mithin der 
^^ufoTBt zu Wiedereinraumung des Kreises durch Partictdarhandlung und eigen- 
hao^ Obligation verbunden sei *) : 

14* 


2X2 I^e preossischen Ansprüche auf Schlesien. 

So hat man churbrandenborgiacher Seits sich selbst in die BilU^dt gefondeo 
und nach einigen über die neaen Bedingnisse gepflogenen Handlungen eben 
abermaligen Vertrag unterm 10. Decembris 1694 dahin errichtet, daas der schwie- 
buser Kreis (zu dessen Abtretung sich Se. GhurfurstL Durchlaucht gutwillig er- 
kläret) retradieret werden sollte*), worgegen von Kaiserl. Majest&t dem Chmbaus 
nicht nur in jetzt gedachtem Vertrag der Titel eines Herzogen von Preossen |J^ 
doch ohne Präjudiz des Teutschen Ordens) zugestanden*), sondern anch dem ge- 
troffenen Abkommen gemäss, demselben die Exspectanz auf Ostfriesland (so viei 
bei dem kaiserlichen Hof gewesen) ertheilet^) und em Subjectum der protestan- 
tischen Religion in den Reichs-Hofrath angenommmen worden*). 

Worauf dann den 10. Januarii 1695 nach Bezahlung 250,000 fl. ^e Betn 
•dition des schwiebusischen Kreises wirklich vor sich gegangen und der über 
Schwiebus anno 1686 ertheilte Lehnbrief nebst allen damals ausgehändigten 
schwiebusischen Documenta zurückgegeben, mithin dasjenige von ihme GhurfoistcL 
worzu derselbe sich zuvor als Churprinz in seinem Revers wohl bedSchtigfich an- 
heischig gemacht hat, gutwillig ratihabieret und ohne Zwang vollzogen*), dsrwider 
auch weder von ihme, weder von dem nachfolgenden König (welcher doch lucit 
gewohnt gewesen, seine Anforderungen ersitzen zu lassen), durch mehr dann fünfzig 
Jahre kein Wort erinneret worden*®). 

Beantwortung. 1) Die wichtige Ursachen, warum der Revers den Chor* 
fürst nicht binden könne, sein vorhin angefuhret worden. 

2) Diese Fabel von einem nitro angebotenem Revers ist schon widerleget 
worden. 

3) Dieses wird aus des Churfursten Friderichs Declaration widerl^et, als woraus 
erhellet, dass er, sobald man um die Restitution angehalten, die gefährliche 
Induction vorgeschützet habe. 

4) Es ist dieser vom kaiserlichen Hof gethanen Anzeigung jederzdt b^egnet und 
dass die Prätension des Churhauses offenbar sei, angefuhret, auch dass diese 
Particulirhandlung und eigenhändige Obligation null und nichtig sei. oppo- 
nieret worden. 

5) Man hat nicht der Billigkeit sondern denen Drohungen Platz gegeben, weil 
bei denen damaligen Umständen und Verfassungen derer Ghurlande gar niclit 
rathsam war, mit G-ewalt gegen das mächtige Haus Oesterreich zu verfehlt- 

6) Nachdem in denen pactis Velaviensibus dem Churfurst Friderich Wilhelm dit 
Souveränit^ in Preussen übertragen worden, so hat ihm der davon depeo- 
dierende Titel eines Herzogs in Preussen von kdner Puissance versagt wer- 
den können, am wenigsten aber vom Kaiser, weil diese pacta in dem oUvischai 
Frieden (wo der Kaiser Gompaciscente gewesen) confirmieret sein, daheio der 
Kaiser nichts gethan, als was er zu thun schuldig gewesen. 

7) Der Exspectanzbrief besaget ganz deutlich, dass diese Anwartung nicht al^ 
ein Aequivalent vor Schwiebus oder vor die vier Herzogthümer gegeben wor 
den, sondern NB. zur Satis&etion w^en des durch den schwedischen Einf&I' 
erlittenen Schaden, worüber das ganze Reich den Churfursten zu dedom- 
magieren versprochen hat 

8) Wer diesen Artikel einiger Privatabsichten w^en auf das Tapis gebracht 
wird dem wienerischen Hofe am besten bekannt sein; das Churiiaus hat ?o 
wenig dabei profitieret, dass dieser Reichs-Hofrath, wenn einig gedachtes Hau» 
concemierende Sachen vorgekommen, jederzeit hat aufstehen müssen. 

9) Ob dieses eine gutwillige Abtretung hcissen könne, wenn man einem drohet 
mit Gewalt zu depossedieren, lässt man einen jeden urthellen; dieses istgevw 


Beantwortong der Gegenmfonnation. 1741. 21$ 

and findet dch in denen dieser Sache wegen gehaltenen ProtocoUis, dass der 
ChnifnrBt seiner Posterität diese Jura zu vidicieren überlassen. 
10) Weil das jus agendi unter Forsten an keine Zeit gebunden ist, so hat es jeder- 
zeit von dem Ghnrhans Brandenburg dependieret, wann es convenable findet, 
sdn Becht za vindicieren. 

Wenn der vorige glorwürdige König gelebet hätte, würde das Haas Oester- 
reich in der That er£ahren haben, dass er nicht gewohnet gewesen, der- 
gldchen offenbare und gerechte Anforderungen ersitzen zu lassen. 

Gegeninformation. §. 10. Wohingegen kaiserlicher Seits die ver- 
sprochene namhafte und für das Churhaus unschätzbare Bedingnussen gleichfalls in 
allan auf das genaueste erfüllet ^) und durch die Ertheilung des Titels Herzog in. 
PreasBen, der W^ zu der königlichen preussischen Würde gebahnet worden*), 
vie dann mit Ihre ELaiserL Majestät eben dieser Churfurst den 16. Novembris 1700 
tarnen foimlichen Kronentractat errichtet, die königliche Würde erhalten und be- 
Unptet, auch darbd in eben diesem Tractat, §. 1, alles, was bei der in anno 1686 
getroffenen AlHang geschlossen worden, in allen Punkten, Clausein und Artikeln, 
mithin auch die darinnen enthaltene Renunciation auf die vermeintliche schlesische 
Prätensiones für sich, dero Descendenten und Successoren von neuem approbieret 
"■nd bestätiget hat«). 

Ob nun hierdurch das Erzhaus Oesterreich die Beschuldigung einer Arglist 

asd die jetzige Invasion in Schlesien zum Dank verdienet und ob die feierlichsten 

Tractaten auf eine solche unerhörte Art über den Haufen geworfen, einfolglich 

•isjjenige, was das Band der menschlichen Gemeinschaft zusammen halten sollte, 

s<> leichter Dingen zernichtet werden könne, lasset man anderen Mächten und 

Staaten, denen an Festhaltung derer zu ihrer Sicherheit errichteten solennen Ver- 

tT%en, Bündnussen und Benunciationen ebenfalls gelegen, zum billigen Nachdenken 

iüheim*). 

Beantwortung. 1) Man hat diese unschätzbare Bedingnisse oben examinieret,. 

und dass dieselbe, in Vergleichimg der vier Herzogthümer, wenig oder nichts 

importieren, gezeiget. 

-' Die Ertheilung des preussischen Tituls war eine Schuldigkeit und kann also 

als ein Aequivalent nicht angesehen werden, imd wenn auch wahr wäre, dass 

sotbaner Titul den Weg zur Krone gebahnet hätte, so hat man solches nicht 

dem Kaiser, sondern denen pactis Velaviensibus zu danken. Unterdessen ist 

dieses gewiss, dass man das SufEragium des kaiserlichen Hofes bei Annehmung 

des königlichen Tituls sehr theuer hat bezahlen müssen. 

Ol Wie capliens dieser Krontractat hier angeführet werde und wie künstlich man 

die wahren Umstände, wider die gerühmte Aufrichtigkeit, allhier verschweige, 

soll nmunehro gezeiget werden. 

In dem Tractat de anno 1686 sein zweierlei Negotia verhandelt worden^ 
1) eine NB. Allianz, worinnen dem Kaiser eine ansehnliche Hülfe an Mann- 
H:haft versprochen worden ; 2) die NB. Satisfaction wegen der vier schlesischen 
Fürstenthümer, auf welche der Ghurfürst zugleich renuncierte. 

Ob nun schon beide Negotia den 22. Mart. 1686 in einem Generaltractat 
verÜAsaet worden, so hat man dennoch aus gewissen Ursachen nöthig gefunden, 
zwei besondere Tractaten expedieren zu lassen, wovon der eine blos NB. die 
Allianz, der andere aber blos NB. die SatisfEUition wegen der schlesischen 
Heizogthümer enthielte, welches auch unterm 7. Mai 1686 also ins Werk ge- 
richtet worden, wie dann dieser besondere Satisfactionstractat bei dem Hencdio 
Bachgelesen werden kann. 


214 ^6 preoaBBehen Ansprüche auf Schienen. 

Bei dem preuBsiachen Kionn^gotio verlangte der Kaiser, daas die NB. 
Allianz wegen der darin verBprochenen Mannschaft wieder emeaert wei^ea 
mögte, worauf dann folgender Artikal dem Elrontractat dnverleibet worden. 

„Anfilnglich soll obbemeldte NB.-Alliance de dato 1686 in allen ihren 
^Punkten, Clausuln und Artikulen, nichts davon ausbeschieden, ihre völlige 
^Verbindlichkeit behalten, eben als wenn dieselbe (NB. Allianz) von Wort zu 
„Wort allhier wiederholet wfire, ohne demjenigen, was darin stipulieret, pro- 
„mittiert und verabredet worden, im geringsten zu derogieren, es wfire damu 
„dass ein und anderer darin enthaltener Passus in diesem neuen Tractat mit 
^ausdrücklichen Worten geändert oder gar au%ehoben wäre." 

Weil nun der klare Augenschein zeiget, dass NB. blos die Alhance m 
allen ihren Clausuln und Artiknln , als wenn sie von Wort zu Wort allhitT 
wiederholet wäre, bestätiget worden, so ist es eine offenbare Chicane, wenn 
man diesen Artikel auf den Satisfactionstractat extendieren und daher erzwingeu 
will, als ob durch diese Bestätigung zugleich die in dem SatisfiictionstnicUt 
de anno 1686 enthaltene Benundation auf die schlesische Lande begriffai onü 
wiederholet sei. 

Den Ungrund dieses Vorgehens aber handgreiflich zu zeigen, so würde ja 
folgen, dass, wenn der SatisÜEu^tionstractat in allen Punkten von Wort zu 
Wort in dem Krontractat bestätiget wäre, dasjenige, was nachhero wegen der 
Restitution des schwiebusischeu Kreises ergangen, durch diesen Krontractat 
würde au%ehoben, und alles wieder in den Stand, wie es anno 1686 geweseu. 
gesetzet sein, einfolglich der schwiebusischc Kreis dem Churhaus wieder hattf 
cedieret und abgetreten werden müssen. 

Da aber der wienerische Hof dieses schwerlich einräumen und dass es seine 
Intention gewesen jemals zugestehen wird, so folget von selbsten, dass der 
Krontractat blos dasjenige, was anno 1686 NB. w^en der Allianz verhandelt 
worden, bestätige, und dass an die schlesische Satisfaction und die dabei be- 
scheheue Renunciation damals gar nicht seie gedacht worden. 
4) Man lasset freilich alle andere Puissances urtheilen, ob die bei dem TracUt 
de anno 1686 gebrauchte Kunstgriffe nicht den Namen einer Arglist verdiaieri 
und ob dergleichen Tractaten, wobei alle Treu und Glauben bei Seite ge- 
setzet worden, einige Gültigkeit; mit sich führen können, auch ob nicht durch 
dergleichen Men^ das Band der menschlichen Societät zernichtet werde; wer 
wird künftig mit dem österreichischen Haus sicher contrahieren können, wenn 
man betrachtet, dass dasselbe durch dergleichen unerlaubte Nebenwege die 
Tractaten zu entkräften gewohnt ist 

Gegeninformation. §. 11. Der in Erfindung besonders fertige Autor 
des sogenannten £igenthums suchet zwar dahier abermal der Welt einen Dunst vor 
die Augen zu machen und föllet zu diesem £nd auf neue Erdichtungen, „dass der 
„Churfurst und nachheriger König Friderich die Umstände des Reverses nach au- 
sgetretener Regierung seinem Ministeiio vorgeleg^t, auch als dieses solchen vor an- 
„verbindlich gehalten, darüber auf dem Wahltag zu Augsburg anno 1690 nach- 
„drucksame Vorstellungen machen und die Herau^ebung des Reverses verlangen 
„lassen, die Härtigkeit des damaligen böhmischen obristen Kanzlers YdogegeD 
„diesem Gesuch kein Gehör gegeben, sondern mit militärischer Ezecution gedrobet 
„hätte," er bewähret aber dieses sein Vorgeben mit nichts^) und die vorhandene 
Acta besagten im Gegentheil darvon so viel, dass nicht die nur zum Schein vor- 
gestellte Unverbindlichkeit des Reverses, sondern die Liebe, grössere Länder ta 
besitzen, die Reunion von Schwiebus in so langen Verschub gebracht habe*), w<) 


Beantwortung der Gfr^geninfonnation. 1741. 215 


imnitteJs dem damaligen königlichen böheimischen obiisten Kanzler kein Mensch 
oime Vorartheil f&r eine H&rtigkeit ausdeuten kann, dass er auf die Erfüllung des- 
jangen], bo adnem König so heilig versprochen wäre, seiner Schuldigkeit gemäss 
mit Nachdruck angedrungen, auch sich darvon durch keinerlei Büttel und Wege 
ibv«nd]g machen lassen, ,,und gleichwie die damaligen Umstände, wo Kaiser 
rLfopoldns in einen doppelten schweren Krieg verwickelt wäre, mithin die Hülfe 
M Chmhaoses Brandenburg vonnöthen gehabt, von selbst zu erkennen geben, 
pdaas man zu selber Zeit kaiserlicher Seits mit Waffen nicht drohen können'), 
ptko hat auch endlich vorbesagter massen der Churfurst gutwillig seine Ver- 
.büidlichkeit nicht nur aus Lieb zum Frieden, sondern in rechtlicher Erkenntniss 
fSemer Schuldigkeit zu vollziehen befunden und in anno 1695 wirklich vollzogen" *). 

Beantwortung. 1) Der in denen Erfindungen sehr unglückliche Autor der 
Gegeninfonnation wird aus der von dem Churfursten eigenhändig gethaneii 
Declaration sub lit N. ersehen, dass man nichts avancieret habe, was nicht 
durch Originalacten erwiesen werden kann. 

Die Bedrohungen des Vicekanzlers aber können aus denen Relationen der 
wienenschen Gesandtschaft, wenn es verlanget wird, jederzeit gezeiget wer- 
den. Unter andern hat der Gesandte im October 1694 berichtet, dass der 
obriflte Kanzler ihm declaiieret hätte, dass bei fernerer Verzögerung man die 
Poasession propria autoritate und eigenmächtig ergreifen würde, worauf der 
Geheime Bath unterm 20. October 1694 bei dem Churfursten angefraget, ob 
dieselbe es auf die angedrohete Extremitäten wollten ankommen lassen etc., 
da sich dann Ihro Churfürstliche Durchlaucht endlich wider ihren Willen bc- 
4uemen müssen, der Macht des österreichischen Hauses zu weichen und sich 
ZOT Abtretung zu erklären. 
2 Wer die grosseste Liebe habe, fremde Länder zu besitzen, ist aus dem Ver- 
fahren des wienenischen Hofes genugsam zu ersehen. 
i) Man hat die Bedrohungen aus denen Acten eben jetzb angefuhret 
1; Man iSsset aus dem Verfahren des Churfursten einem jeden urtheilen, ob er 
den Kreis aus Schuldigkeit und gutwillig abgetreten habe. 

Gegeninformation. §.12. Dass aber bei der Reunion von Schwiebuseu 
^e besondere Renunciation von dem damaligen Churfursten erfolget, machet 
leiter zur Sach nichts, welen man solche (da der Churfurst Friderich in seinem als 
Jhoipnoz von sich gestellten Revers alles, was sein Vater gethan, allschon appro- 
fecrt and genehm gehalten), für überflüssig, und damalen, wo es sich nur um die 
^nng Bothanen Reverses gehandelt, nicht mehr vor nöthig erachtet*), denn 
ni die Prätension auf die schlesische Fürstenthümer und Herrschaften anlanget, 
*> hatte ja Churfurst Friderich Wilhelm und der nächste Agnat für sich und ihre 
Acceasoreo allschon anno 1686 solemnissime darauf renuncieret und dessen Herrn 
^ in dem Revers die Renunciation auf das nachdrucksamste bestätiget*), in dem 
^oentzactat de anno 1700 aber wiederum den AUianztractat de anno 1686 in 
^ aeinen Clausuln und Artikuln , mithin auch der Verzicht auf die vermeinte 
*^€sische Ptitensiones vor vollkommen verbindlich erkannt*). 

Beantwortung. 1) Weil die Retradition sich auf einen offenbar null und 
nichtigea Revers gründet, so verstehet sich von selbsten, dass alles, was sich 
<^er originieret, auch null und nichtig sei; wenn man also den Churfursten 
^Ibst hätte binden wollen, hätte auch eine neue Renunciation geschehen 
müsBen, wiewohl dieselbe dennoch ex alioj capite, so wenig seine Person als 
^e Nachfolger, würde haben obligieren können. 


216 ^^ preossischen Ansprüche auf Hchleaieii. 

2) Nachdem gezeiget worden, daea sowohl der simalierte Tiactat de anno 1686 
als der gefthrlicher Weise ezpracticierte Revers null und nichtig sei, so kann 
der wienerische Hof sich nicht anf diese Renuneiationes beziehen, NB. welche 
ohnedem nur sub conditione (die auf diese Stande noch nicht adimplieret ist), 
geschehen. 

3) Dass in dem Krontractat blos die Allianz confirmieret, hingegen von der 
Hatisfactionshandlnng nicht ein Wort darin enthalten sei, ist schon vorhin 
gezeigt worden. 

Gegeninformation. §. 13. Es vermeinet zwar oft besagter Autor^ 
Schwiebus seie kein hinlängliches Surrogatum gegen so namhafte Fürstenthumer, 
und ziehet daraus noch weiter die übel gerathene Folge, dass, nachdeme dieser 
Kreis zurückgekommen, die angebliche Gerechtsame auf besagte vier Fürstenthumer 
in vorigen Stand und Befugniss gesetzet wäre % es zeiget aber dasjenige, so man 
vorhin zum Ueberfluss angefuhret, deutlich, dass Schwiebus nicht als ein Surro- 
gatum der vier Fürstenthumer, als worauf Churbrandenburg niemalen eine be- 
gründete Prätension gehabt, sondern nur in Betracht des boni publici vom Kaiser 
Leopoldo abgetreten und darauf brandenburgischer Seits allen vermeintlichen An- 
forderungen renuncieret worden seie*), und da der nachgefolgte Churfuist aus 
einer neuen Verbindlichkeit sothanen Kreis zurückgegeben, so ist der Schlnss nicht 
zu begreifen, warum daher einige alte, vorhin nicht gegründet geweste, dennoch 
aber abgethane Prätensionea wiedenun erwachen können'). 

Beantwortung. 1) Die Folge ist ganz richtig, der Churfürst Friderich 
Wilhelm hat denen vier Fürstenthümem ea conditione renuncieret, wenn der 
schwiebusische Kreis ihm, seinen Erben und Nachkommen davor abgetreten 
würde. 

Nun ist aber dem Churfursten, dessen Erben und Nachkommen der Eiqs 
nicht vcre, sondern simulate, und also nicht, codieret worden. Es folget also 
nothwendig, dass deficiente conditione alles wieder in den Stand gesetzet 
werde, wie es ante renunciationem gewesen, insonderheit da auch die andere 
Gonditiones nicht sein erfüllet worden. 

2) Man acceptieret utiliter, dass der Churfürst den schwiebusischen Kreis nicht 
als ein Surrogatum erhalten habe, weil der Autor der Gegeninformation da. 
durch zugestehet, dass der Churfürst die vier Fürstenthumer weggeschenkt 
habe, einfolglich das Churhaus destomehr befugt sei, solche alienierte Länder 
zu vindicieren. 

3) Weil die neue Verbindlichkeit sich in der alten gründet und daher beide null 
und nichtig, überdem conditionatae sein, auch sonst die Successores contra pacta 
familiae nicht binden können, so ist gar wohl zu begreifen, wie die alte 
Prätensiones wieder erwachen können. 

Gegeninformation. §. 14. Eben also gehet auch die Krön Böheim nicht 
an, was und wie viel das Churhaus Brandenburg an der fürst -lichtensteiniscfaen 
Prätension auf Ostfriesland eingebracht habe , dann , nachdeme Kaiser Leopoldus 
eine gute und gegründete, auch von dem Schuldner selbst eingestandene Schuld- 
forderung codieret, so ist die Betreib- und richtige Einforderung derselben vor- 
nämlich dem Churhaus obgelegen^). 

Beantwortung. 1) Der Autor der Gegeninformation muss den Tractat de 
anno 1686 nicht nachgelesen haben, weil er sonst daraus würde ersehen 
haben, dass der Kaiser versprochen, 

dass er Sr. Churfursl. Durchlaucht, Dero Nachkommen und Eihea tarn 


BeaatwortoDg der Gregeninfoniiatioii. 1741. 217 

voUkommeDen wirklichen GentuBS dieser also cedierten lichtenstemischen 
Foidemng verhelfen und dabei kraftigst maintenieren wolle. 
Nim hat aber der Kaiser, ohngeacht man dessen Hülfe gesucht, bis auf diese 
Stande dem Gfaurhans zu dem vollkommenen wirklichen Genuss noch nicht 
veriiolfen, einfolglich seiner Seits diesem Tractat kein Genügen gethan; so lang 
also diese Gondition nicht erfallet ist, hat die Benondation keine Kraft. 

Gegeninformation. §. 15. Am allerunbegreiflichsten aber ist, wie es 
wohl m^lich seie, dass der Ver£Eisser des jenseitigen Impressi sogar auch noch 
aaf den so grundlosen Satz habe verfallen können, als ob die Fürstenthümer 
Jägemdorf^ Liegnitz, Brieg und Wohlau, weilen sie Mannslehen seind, nach Ab- 
sterben des österreichischen Mannsstammen auf die dermalige glorreichest re- 
gierende Königin von Böheim nicht mehr h&tten devolvieret werden mögen, son- 
dern deswegen nunmehro an das Churhaus Brandenburg kommen müssten; denn 
es hat demselben aus der von üune selbsten sub lit A. beigelegten Auftragung 
sowohlen, als aus denen übrigen von Zeit zur Zeit vor die Besitzere dieser Fürsten- 
thümer erfolgten Lehnsinvestituren und von denenselben darg^en crtheilten Re- 
versen, denn aus denen übrigen sogar in Actis publicis ohne alle Mühe au&u- 
findenden Documentis ja nicht verborgen sein können, dass ermeldte Fürstenthümer 
sammt und sonders nicht nur zu einem zeitlichen König, allen dessen Erben und 
Xachfolgeren ohne Unterschied, sondern auch dem Königreich und der Krön zu 
B<')heim selbsten zu Lehen au%etragen, derselben auch zu ewigen Zeiten erblich 
and unzertrennlich einverleibet worden seind, folglichen sich kein anderer Schluss 
machen lasse, als dass von Seiten des Vasalli an eine Gonsolidation des dominii 
directi cum utili zu keiner Zeit auch nur gedacht werden könne oder möge, son- 
dern dass, wenn allenfEÜls allhier ein Gasus einer Belehnung vorhanden wäre, 
dolche je- und alleweg von dem Erben oder Erbin dieser Krön ohne allen Zweifel 
und Widerspruch geschehen müsste, massen diese nach der eingeführten Erbfolge 
der ohnstrittige Dominus directus seind und bleiben^). 

Indessen kann jedermann hieraus zugleich genugsam abnehmen, wie weit es 
gegenseits gehe, da man bei mehr besagten Fürstenthümeren nicht einmal den 
geringsten rechtsbegründetta Anspruch auf das Lehen hat und dannoch schon die 
Lehnshenschaft selbsten anzufechten und solche dem Königreich und der Krön 
zu entziehen kein Bedenken traget*). 

Beantwortung. 1) Der Autor des Rechtsgegründeten Eigenthums hat dieses 
Aj^ument nur dazu angeführet, um zu zeigen, dass die Lehnsoblation dem 
König Johann und der Krön zugleich geschehen sei, einfolglich die Krön blos 
80 lange, als männliche Erben (weil zu der Zeit successio foemiuina nicht 
etablieret war), existieren, das dominium directum erhalten habe. 

2) Die Krön Böhmen hat ihr Lehnrecht ex alio capite verloren und sich des- 
selben durch die Violiemng des legis delationis, durch die unverantwortliche 
Vorenthaltung des Lehens und Verweigerung des Rechts, auch nach dem 
jure conununi feudali verlustig gemacht, wie solches in der näheren Deduction 
Cap. rV. weitläuftig ausgeführet worden. 

Gegen information. §. 16. Was weiter wegen Beibehaltung des Tituls 
in Schlesien, auch zu Grossen, zum Schein angeführet worden, verdienet auch um 
so weniger Attention, als der Autor des gegenseitigen Scripti selbst gestehen 
mosBen, und auch sonst weltkundig ist, dass das Ghurhaus Brandenburg niemalen 
sich von denen Fürstenthümem Liegnitz, Brieg und Wohlau geschrieben*), den 
^e Zeit lang geführten Titul von Jägemdorf auch nach dem Satisfactionstractat 


218 ^^ prettBsiBeheii Ansprüche auf Schienen. 

und den von Schwiebusen nach der Bennion freiwillig Belbet abgeleget habe*). Wie- 
wohlen auch sonsten nichts neues, dass durch bändige VertrSge Länder an andere 
abgetreten und dennoch der Titul und Wappen deme ungeachtet beständig fort- 
geführet werden. Es würden die meiste Friedensschlüsse und Verträge unter 
denen Mächten kraftlos und zu nichts werden, wenn aus dem bdbehaltenen Tita! 
und Wappen ein fortwährender rechtlicher «Anspruch gemacht werden kdnnte' . 

Beantwortung. 1) Es ist die Beibehaltung des GkneraMtuls von Schlesieii 
nur obiter angefuhret worden, weil das Recht des Churhauses auch ohne 
Führung des Tituls feststehet 

2) Gleichwie alles, was sich aus dem Tractat de anno 1686 originieret, null und 
nichtig ist, und dem Churhaus nicht prl^udicieren kann, also ergiebt ach von 
Selbsten, dass auch die Ablegung des Tituls von Jägemdorf demselben nicht 
schaden könne. 

3) Man hat schoü gesaget, dass man sein Recht nicht sowohl aus der Beibehal- 
tung des Tituls, als der Natur der Sachen selbst, herleite. 

Gegeninformation. §. 17. Im übrigen kann dem König in Preuaaen 
selbst darmit nicht gar viel gedienet sein, dass sein Schrifteteller nicht undeutlich 
erkennen lasset, es komme hauptsächlich jetzo auf die Gelegenheit an, in welcher 
man ohngeachtet aller errichteten Verträgen die Ansprüche auf Schlesien wieder 
hervorsuchen köime, worauf die angebliche Uebermacht des grossen Gegentheils 
so lange Zeit gehindert imd bis dahin kein ander Mittel vorhanden gewesen seie, 
als Geduld zu haben und die Ausführung dieser Sach einer andern Zeit zu über- 
lassen. Welcher rechtliebender Mensch wird vor eine blosse Geduld und flrwar- 
tung der Zeit halten, wenn man durch zwei solenne Verträge sich auf das bün- 
digste einiger an sich nichtigen Ansprüchen begeben, auch die Verträge so lang 
und viel hält, bis man vermeinet, Gel^enheit zu haben, denenselben entgegen 
zu handelen und sie zu zernichten*). 

Beantwortung. 1) Weil man gezeiget hat, dass der Hauptvertrag de anno 1 686 
durch eine simulierte Handlung, um den Churfurst Friderich Wilhelm zo 
hintergehen, errichtet, der churprinzliche Revers aber durch unerlaubte In- 
ductiones ertheilet worden, so folget wohl von selbsten, dass beide NegoÜa 
nach denen Rechten nicht subsistieren, noch dieselbe die Contrahenten binden, 
einfolglich auch der darauf sich gründende Executionsvertrag de anno 1694 
nicht bestehen könne, in mehrcr Erwägung, da der Kaiser die Conditionee^ 
unter welchen die Renunciation geschehen, selber nicht adimplieret, die Suc- 
cessores auch, nach denen pactis familiae, an dergleichen ohne die geringste 
Ursache präcipitierte Renunciationes nicht gebunden sein. 

Gegeninformation. §. 18. Schliesslichen mag die Welt urtheUen, ob der 
König in Preussen seine vermeintliche Ansprüche, wie in der Schrift voigegeben 
wird, in Frieden gesuchet, da er, ohne sich das geringste von denenselben merken 
zu lassen, in Schlesien mit einem zahlreichen Kriegsheer ganz unversehens einge- 
fallen, und so viel an ihme gewesen, feindlich gehandelt hat*). 

Wenn jemals ein Ueberfall ungerecht gewesen, so ist es gewiss dieser, und 
dem ganzen deutschen Vaterland, ja ganz Europa daran gelegen, diese unerhörte 
Gewaltthat mit allen Kräften zu hintertreiben und zu eines jeden Landesharm 
eigener Sicherheit es dahin zu bringen, dass dergleichen feindlichen Ueber&ll von 
königlich preussischer Seiten niemand mehr zu befahren habe ') ; wie dann dessent- 
wegen die Königin von Hungam und Böheim billig den kräftigsten Beistand aller 
Mächten und Ständen anhoffen kann, welche sich durch die Garantie der Sanctionb 


Beantwortang der G^eninformation. 17^. 219 

Prsgmaticae anheischig gemacht haben, denelben ab rechtmässiger Erbfblgerin 
der gfwunmten Erblanden nichts entziehen oder durch G^ewalt entreissen zu lassen*). 

Beantwortung. 1) Es ist in der natürlichen Vernunft gegründet, dass ich 
einen ungerechten Possessorem mdnes Eigenthums belangen könne, wenn es 
mdne Convenienz mit sich bringet 

Was es mit der Einrückung in Schlesien vor Bewandtniss habe, und dass 
Se. Königl. Majest&t anf&nglich nicht die geringste feindselige Intention ge- 
habt, ist in dem Eingang dieser Schrift gezeiget worden. 

2) Wenn jemalen eine Invasion ungerecht gewesen, so ist es gewiss diejenige, 
welche das Erzhaus Oesterreich gegen das Churhaus Brandenburg durch 
gewaltthätige Occupierung dieser vier Fürstenthümer ausgeübt hat, und ist 
dem deutschen Vaterland, ja ganz Europa daran gelegen, dem Churhaus zu 
assistieren , damit dergleichen Gewaltthätigkeiten nicht durch ' die Lange der 
Zeit autorisieret werden mögen. 

3. Gleichwie die pragmatica sanctio einem jeden seine Jura ausdrücklich vor- 
behält, Se. Königl. Majest&t auch die darin etablierte Successionsordnung nicht 
anfechten, so werden die Guarants dieser Sanction von selbsten ermessen, 
dass sie sehr viel zu thun haben würden, wenn sie alle Invasiones des Hauses 
Oesterrdch, welche mehrentheils sich auf die Präpotenz gründen, defendieren 
sollten. 


xvn. 
Kurtze Eemarquen 

I über die | Von Seiten der Königin in Ungarn, 
nnd I Böheim Majestät | Nenerlich pnblicirte | Sogenante 
Enrtze Beantwortung | Der | Chnr-BrandenbnrgiBcIien | 
Nahem Ansfühmng I Des | In denen Natürliclien und 
ßeichs-Breehten | gegründeten | Eigenthnms | Des | EönigL 
Chnr-Hanses | Prenssen nnd Brandenburg | Anf ;die| 
Schlesische Hertzogthümer | Jägerndorif, Liegnitz, Brieg, 
I Wohlan, | Und Zugehörige Herrschafften. | 

Anno 174L 

LI pp. fol. — Geh. St-A.; Kön. Bibl. zu Berlin. 


Uie österreichische Staaisschrtft, auf welcJie diese „iZemorfuett" repH- 
deren, liegt uns in drei verschiedenen Brüchen vor\ 

1) Kurtze \ Beantwortung \ der femer zum Vorschein gekommeinen 
I Chur- Brandenburgischen \ Sogenanten \ Nähern Ausftämmgl 
Bes I L^ denen NatürL und Reichs-Rechten \ gegründeten | Eigen- 
thums I Bes Königlichen Chur-Hauses IVeussen^ und \ Brandete 
bürg I Auf die Schlesische Herzogthümmer | Jägemdorff^ LiegnUs^ 
Brieg, WoUau \ Und \ Zugehörige Herrsehafften. \ Arno V41. 

12 Ell. fol. — Geh. St-A., aus Regensburg eingeschickt am 4. Ifai 1741. 

2) Kurtze \ BearUwortung \ Ber femer zum Vorschein gekomnunen, 
Chur-Brandenburgischen \ So genannten \ Näheren AusfiAnmg 
Bes I In denen Natürlichen und Reichs-Rechten \ gegrundek» 
Eigenthums \ Bes Königl. Chur-Hauses IVeussen, und \ Br<mda^ 


Remarquen über die Beantwortung der Nfth. Aosführung. 1741. 221 

tmg l Auf du Schlesische Hereogfh&mer \ Jägemdarff, Liegmte, 
Brieg^ WoMau, | und ^gehörige Herrschafflm. \ Anno 1741. 

24 pp. 4« — Ron. Bibl. zu Berlin. 

3) Kurtee \ Beantwortung | Der femer eum Vorschein gekommenen 
I Chur-^Brandenburgischen | Sogenannten \ Nähern Ausführung \ 
Des I In denen Naturl. und Reichs-Bechten \ Gegründeten \ Eigen- 
fhums I Des Königl. Chur-Hauses IVeussen \ und Brandenburg | 
Auf dieSchlesische Herzogihümmer\Jägemdorffj Liegnite^ Brieg, 
Wohlau, I und zugehörige Herrschafften \ Anno 1/41. 

24 pp. 4® — Bibl. zu Fürstenstein. — Derselbe Druck ist dem Thdl 
ly. der Schles. Kri^s£Buna eingeigt 

Der Verfasser der preussischen ^^Remarquen^^^ die am 12. August 
m die Gesandtschaften verschickt wurden, ist aus den Acten nicht er- 
siddlichj doch stammen sie wohl jedenfalls wieder von Cocc^i, 

Der preussische Gesandte im Haag schickte die ^yKurtzen Remar- 
quen" an Jean Bousset nctch Amsterdam^ ,^our le traduire en frangois 
ei pour le mettre dans son recueil historique des actes publics" (Bericht 
vom 29, August). In der Boussef sehen Sammlung findet sich indess 
die Schrift nicht. 


Kurze Remarquen über die von Seiten der Königin 
in Ungarn und Böheim Majestät neuerlich publicierte 
sogenannte kurze Beantwortung der churbrandenbur- 
gischen nähern Ausführung des in denen natürlichen 
und Reichsrechten gegründeten Eigenthums des könig- 
lichen Churhauses Preussen und Brandenburg auf die 
schlesische Herzogthümer Jägerndorf, Liegnitz, Brieg; 
Wohlau und zugehörige Herrschaften. 

Ans der dem Publice schon bekannt gemachten Actenmässigen und rechtlichen 
Oegeoinformation über das ohnlängst in Vorschein gekonmiene sogenannte Bechts- 
gcgröndete Eigenthnm des Churhauses Brandenburg auf die Herzog- tmd Fürsten- 
^^er Jftgemdori^ liegnitz, Brieg, Wohlau etc. etc. hoffet man den Ungrund und 
<Üe Nlchti^eit der vermeinten churbrandenburgischen Anforderung auf erst- 
^c^hte Fürstenthümer bereits genugsam und dergestalt dargethan zu haben, dass 
^*^ keinem unparteiischen Gemüth einiger Zweifel mehr übrig geblieben sein 
^Aon. Nachdeme aber jenseits dieser Tagen noch eine sogenannte Nähere Aus- 
fü^rnug des in denen natürlichen und Beichsgesetzen gegrün- 
deten Eigenthums des königlichen Churhauses Preussen und 
Brandenburg auf die schlesische Herzogthümer etc. an das licht 


222 ^^ preiisascheii Ansprüche anf bchlerien. 

getreten und darinnen durch Anfnhnmg venchiedener Stellen ans denen all* 
gemeinen und Beichsgesetsen, nicht minder einiger Scriptorum, der Ungnmd der 
vorigen Deduction femer, wiewohl yeigeblich, unterstützet werden will, so kann 
dem Publice nicht unangenehm sein, wenn demselben zugleich die schwache 
Fundamenta sothaner Nähern Ausführung, und wie sehr der Verfiasser der- 
selben die Welt durch juristische Kunstgriffe irre zu machen suchet, vor Angeo 
geleget werde'). 
Remarquen. 1) Man hat in der Beantwortung der Gegeninforma- 
tion das Recht des königlich und churfurstlichen Churhauses Brandenbo^ 
auf die benannte vier Herzogthümer in Schlesien dergestalt klar dem Pablico 
vor Augen geltet, dass man vor Gott und vor der Welt versichert ist, djßs 
kein vernünftiger Zweifel dabei übrig bleiben könne. Man könnte es andi 
lediglich dabei bewenden lassen, wenn der gegenseitige Schrift£asser nicht 
einige neue und besondere Umstände angefuhret hätte, welche eine nähere 
Erläuterung bedürfen. 

Ob aber die in der Nähern Ausführung allegierte Jura juristische 
Kunstgriffe sein und wer von beiden Theilen die Welt durch juristiscbp 
Kunstgriffe irre zu machen suche, solches lasset man dem Publice zu beor- 
theilen über. 

Capitel I. 

Von der vermeintlichen Gerechtsame des Churhauses Branden- 
burg auf das Fürstenthum Jägerndorf. 

§.1. Es ist in der Gegeninformation bereits klar gezeiget und mit unumstose- 
lichen Beweisthümem bewähret worden, dase das Fürstenthum Jägemdorf je und 
allezeit ein wahres und rechtes Mannlehen des Königreichs Böheim gewesen und 
noch seie. (Gegeninformation C. 1, §. 5 et seqq. Beilage a No. 2 bis 8)'). 
Remarquen. 1) Es ist zwar dieses Herzogthum wider die Eigenschaft derer 
schlesischen Fürstenthiuner dem von Schellenberg anno 1493 als du Mann- 
lehen gegeben worden , es hat aber der König Ludewig dnige Jahre nach- 
hero selber declarieret, dass es von seinem Ursprung her (als ein Pertinenz 
vom Herzogthum Troppau) ein feudum promiscuum gewesen, und dahero hat 
er 1496 dem von Schellenberg solches NB. als ein Wdberlehen wieder er- 
neuert, wodurch also das ganze gegenseitige Principium auf einmal üben 
Haufen fällt 

Wenn aber auch Jägemdorf ein Mannlehen wäre, so würde es dennoch 
ein rechtes Erblehen, mithin ein Veräusserungslehen bleiben, wenn es nur 
auf einen männlichen Vasallum transferieret wird, wie gleich geaeiget 
werden soll. 

§. 2. Dass der Markgraf Georg solches anno 1524 auch nicht änderst , ftls 
mit eben diesem Nexus an sich gebracht habe (G^eninformation §. 10 et seqq)? 
und zwar nur für mch, seinen Bruder und seinen Erben (G.-I. §. 2 et 17. Bei- 
lage No. 1)'). 
Remarquen. 1) Man gestehet gerne zu, dass der Markgraf Geoxg dieses 
Herzogthum nidit anders als mit eben dem Nexus an sich gebracht habe, wie 
es der von Schellenberg gehabt; dieser Nexus aber bestünde darin, dass ert« 
als ein Weiberlehen und zu einem rechten erblichen Anfall, einfblgUch a» 
ein wahres Veräusserungsgut erhalten (vid. B. der G.-I. G. 1, g. 1, No. 5 et 


Remarqnen über die Beantwortimg der N&h. Ausführang. 1741. 223 

ad §. 8). Und in dieser Qualität hat auch der Markgraf Georg das Herzog- 
thun aoqtdriert, allennassen der Kaufbrief ausdrücklich besaget, dass ihm 
solches zu einem rechten erk&uflichen Erbeigenthum verkauft weiden (das. 
C. 1, §. 1, No. 6). 

Der König Ludewig hat dem Herzog überdem noch eine besondere Con- 
ceadon ertheilet, dieses Herzogthum an sich zu kaufen und NB. damit nach 
Gefallen zu thun und zu lassen, dem König und seinen Nachkommen un- 
gehindert, und die Stände selbst haben den Schellenbergischen erblichen Kauf 
ratihabiert Der Markgraf hat ohne Bedenken sich dieser Concession be- 
dienet und das Ghurhaus Brandenburg seinem Sohne substituieret, dieser 
aber nachhero per donationem mortis causa sein Land auf das Ghurhaus 
transferiert (das. C. 8, §. 1, No. 8 seqq.). 

Bei welchen Umständen wohl kein vernünftiger Zweifel übrig bleibet, 
dass der Markgraf Georg und dessen Sohn nicht sollten fäcultatem disponendi 
von diesem Herzogthum gehabt haben. (B. der G.-I. C. 1, §. 1, No. 1 seqq. 
§. 5 et §. 6.) 

Im übrigen wird nicht geleugnet, dass die Freiheit, schlesische Güter an 
^ch zu kaufen, bloss der fränkischen Linie verstattet worden. Es ist aber 
dieser Freiheit ausdrücklich die Clausul mit beigefugt worden, dass diese Linie 
damit nach Gefallen thun und lassen, einfolglich solche auch wieder alienieren 
könne. (B. der G.-I. C. 1, §. 2.) 

§. S. Dass sein Sohn Georg Friderich darüber zweien Königen die Lehns- 

pdicht geleistet, und als er sich ohne HofShung männlicher Erben gesehen, 

•~<fter8 um den lehnsherrlichen Consens, damit frei disponieren zu können, gebeten, 

«olchen aber, weilen das Lehen schon auf dem Fall gestanden, nicht erhalten 

Itibe. (G.-L C. 1, §. 21, 22. Beilage No. 8, 9.) »). 

Remarquen. 1) Dieser Sohn hat die Lehnspflicht ausdrücklich als von einem 

solchen Lehen abgestattet, welches von seinem Vater NB. erblich auf ihn 

gekommen und wie die Vorfiediren solches inne gehabt (B. der G.-I. 

C. 1, §. 21.) 

Dass der Herzog öfters um die fäcultatem disponendi angehalten habe, 
wird nimmermehr erwiesen werden können; es stehet auch nicht ein Wort 
davon in denen sub lit ded. angeführten Beilagen. Dieses ist aber gewiss, 
dass beide Herzoge, Vater und Sohn, von ihrem Lande ohne des Lehnsherrn 
Consens disponieret haben. (B. d. G.-I. C. 1, §. 22.) 

Es ist also offenbar irrig, dass das Lehen schon auf dem Fall gestanden, 
weil der Possessor davon disponiert hatte, auch davon zu disponieren hefagt 
gewesen ist 

§. 4. Dass also, da derselbe deme ohngeachtet dieses Fürstenthum auf den 
dnuforsten Joachim Friderich von Brandenburg, mithin auf eine ganz andre, in 
'iem vierzehenten Grad entfernte und niemalen mitbelehnte Linie per donationem 
moiti» causa zu bringen sich angemasset, solches Unternehmen nicht nur wider die 
kimdhare Lehnsrechte an sich nichtig und strafbar, sondern auch dem Lehnsherrn 
iiuicbaus obnnachtheilig gewesen. (G.-I. §. 23, 2. Fend. 55.) 

Remarquen. 1) Weil der Markgraf von sdnem erblichen Lehen und eigenem 
Out, welches er mit Bewilligung des Königs Uladislai erkauft hat, nach Ge- 
^en disponieren können, auch kraft dieses Rechts sothanes Erbgut auf das 
Cfamhaos Brandenburg transferieret hat, so muss dieses Factum nach allen 


224 ^^ preiunschen Ansprüche auf Schledea. 

Rechten bestehen, und konunt es m dergleichen fendis alienabilibiis weder 
auf eme Afitbelehnschaft, noch auf eine Verwandtschaft an. 

§. 5. Dass sofort nach sein, des Markgrafen G^rg Friderichs Tod, als mit 
welchem die investitierte Linie gänzlich erloschen, das Fürstenthum Jägerndoif 
dem König tmd der Krön zu Böheim von selbsten eröffiiet worden und heim- 
gefallen. (1. Feud. 5, §. praeterea in fine. 1. Feud. 18. vers. Si aliquis de Capi- 
taneis.) ^) 
Remarquen. 1) Nachdeme diese erloschene Linie von ihren Ländern vermöge 
des derselben zustehenden juris alienandi disponieret hat, kann nicht gesaget 
werden, dass das Fürstenthum durch des Markgrafen Georg Friderichs Tod 
der Krön eröffnet worden. 

§. 6. Dass hingegen der Churförst Joachim Friderich, da derselbe bei denai 
damaligen Kriegstroublen die Possession ermeldten Fürstenthums eigenmächtig 
ergriffen und seinen zweiten Sohn, Markgraf Johann Georg, auf eben solche 
Weise eingesetzet, wider alle Rechte gehandelt habe. (G.-I. C. 1, §. 24 et 29. 
L. 7. C. de acquir. et retin. possess.)') 
Remarquen. 1) Der Ghurfürst hat anno 1603, da keine Kriegstroublen ob- 
handen waren, die Possession geruhig und ex justo titulo ergriffen; der Kaiser 
hat auch über vier Jahr darzu still geschwiegen, nachdem er anno 1592 von 
dem Oberhauptmann und den 15. Mai 1603, mithin kurz vor ergriffener Pos- 
session, von der Hofkammer eine umständliche Nachricht von denen Rechten 
des Churhauses erhalten hatte, welche beide das diesem Herzogthum an- 
klebende jus haereditariiun behauptet haben. (B. der G.-I. C. 1, §. 30.) 

§. 7. Dass durch den von Kaiser und König Rudolphe erfolgten kraAagsteo 
Widerspruch die Gerechtsame des Königreichs Böhmen dargegen ganz ohnverletzt 
erhalten worden. (G.-I. C. 1, §. 25.)*) 
Remarquen. 1) Der Kaiser hat erst im fünften Jahr nach der von Chur- 
brandenbtirg ergriffenen Possession dieses ungerechte Schrdben abgehen 
lassen. £s hat aber der Churfurst durch eine weitläufige Dednction hierauf 
geantwortet und die in dem Bescheid angefahrte Rationes refutieret, worauf 
der Kaiser dreizehn Jahre still geschwiegen, unterdessen aber den ftlarkgrafen 
pro legitimo possessore, auch per actus publicos, declarieret hat (B. der G.-l 
C. 1, §. 1, No. 20 seq. et §. 25.) 
§. 8. Dass folglich der Churfurst Joachim Friderich aus der vorgedaehten 
widerrechtlichen Occupation niemalen einiges Recht erlangen, weniger auf sein 
Churhaus devolvieren können. (L. 7. juncta L. 11. Cod. de acquir. et retin. posses^ 
L. 13 ff., §. fin. de acquir. vel amitt possess.)*) 
Remarquen. 1) Weil die Herzoge zu Jägemdqrf das Recht gehabt, von \htm 
Herzogthum en faveur des Churhauses Brandenburg zu disponieren, so hat 
dieses die Possession davon ex justo titulo ergriffen, und daher ist 'auf da^^' 
selbe ein wahres Recht devolvieret worden. 

§. 9. Dass noch über dieses dem Churhaus Brandenburg der besoiMier^ 

Revers, dass selbes ohne Zulassen und Willigen der Königin in Böheim weder in 

dem Königreich Böheim, noch dessen incorporierten Landen einige Herrschaftes 

und Gilter auf keinerlei Weise mehr an sich bringen wolle, entgegoi stehe. 

(G.-I. C. 1, §. 25, Beilage No. 12.) ») 

Remarquen. 1) Dieses ist wieder ein Figmentum, imd wird man dergleichen 

Generalenrevers wegen des Herzogthums Schlesien nimmermehr prodaeieren 

können. (Vid. B. der G.-L C. 1, §. 28.) 


Remarquen über die Beantwortong der Näh. AuBfühnmg. 1741. 225 

§. 10. Daas übrigeoB erwähntes Fürstenthum Jftgenidorf nicht aowohl 

we^en des von dem Markgrafen Johann Georg bei der böhmischen Unrahe begange- 

DCD Lasten der Perduellion eingezogen, als vornehmlich wegen der voi^edachter 

masseD ex capite lineae investitomm finitae sich schon zuvor ereigneten Apertur 

von dem domino directo rechtmfissig in Besitz genonmien worden seie. (G.-L §.81. 

Beilag No. 15 et 16. Molinaeos ad Tit I. Gonsaet. Paris. §. 1. Gloss. 4 in princ. 

Schroeder de Gonsolidat G. 8, §. 7. Rulpis de Gonsolidat §. 84. 8truv. Sjntag. 

Jor. Fead. G. 15. aphor. 8 et G. 16, aphor. 2, No. 8 et 4.)') 

Bemarquen. 1) Man mag dieses Herzogthnm ex capite praetensae apertorae^ 

oder wegen der von dem Herzog Johann Georg begangene Felonie eingezogen 

haben, so ist beides unrecht, weil das Lehen nicht apert gewesen und die 

Felonie des Usufructoarii dem domino fundi nach allen Rechten der Welt 

nicht präjudicieren kann. (Vid. B. der G.-L G. 1, §. 81 et infra §. 12.) 

§. 11. Dass endlich das Ghurhaus Brandenburg sein diesfalliges Unrecht 
selbst eriuumt und bloss viam gratiae gesuchet habe. (G.-L G. 1, §. 30. Beilag 
Xo. 13 et 14.) ») 
Remarquen. 1) Das Ghurhaus Brandenburg hat niemals viam gratiae ge- 
sacht, sondern beständig auf der Restitution bestanden und bloss die Justiz 
in Ansehung seiner gegen das Haus Gestenreich habenden Meriten gesucht, 
wie solches aus denen gegenseitigen, selbst angeführten Documenten gezeiget 
worden. (K der G.-L G. 1, §. 80.) 

$. 12. Aus diesen kurz wiederholten Grundsätzen und Beweisthämem der 
<Tegeninformation ergiebt sich nun von selbsten*). 

Remarquen. 1) Gleichwie alle diese Gonsectanea auf lauter irrigen, un- 
gegroudeten und vorhin widerlegten Principiis bestehen, also brauchen die- 
selbe keiner besondem Antwort, dahero man nur einige kurze Remarquen 
beifügen wird. 

Primo, dass das Vorgeben des Autoris der Nähern Ausführung, als ob die 
Kion Böheim die vermeinte Jura des Ghurhauses Brandenburg auf das Fürsten- 
thum Jägemdorf niemalen angefochten hätte, grundfalsch, imd nur bloss erdichtet 
^e, dass dieselbe habe geschehen lassen, dass der damalige Ghurfürst, Joachim 
Friderich, Jägemdorf nach Abgang des fränkischen Stammes in Possession genom- 
men habe. £s hat vielmehr in dem der Actenmässigen Gegeninformation sub 
Vo. 12 beigelegten Schreiben Kaiser und König Rudolphus, der von Ghurbranden- 
borg ontemommenen BesitzergreiAmg sich in anno 1607 widersetzet und vor- 
besagtem Ghurfürsten nicht verborgen, dass, nachdeme die fränkische Linie des 
Maikgrafe Georgs zu Brandenburg ausgegangen, so gebühre Jägemdorf ihme imd 
'ia Krön Böheim, dahero der Ghurfürst dasselbe sammt allen von Zeit ob- 
^emeldten Markgraf Georg Friderichs Ableiben her empfangenen Nutzungen 
wiedmun abtreten und zu Händen der kaiserlichen Gommissarien, die er darzu zu 
verordnen gemeinet, einräumen und einantworten solle*). 

Remarquen. 1) Es gestehet der Autor selber zu, dass der Kaiser die Er- 
greifung der PoBsession nicht angefochten habe, weil erst im fünften Jahr 
hernach, als das Ghurhaus die Gonfmnation gesucht, der Eoiiser Rudolph 
Widerspruch gethan hat Man hat aber auch gezeiget, dass derselbe auf be- 
flchehene Remonstration desistiert und den Markgrafen Johann Georg pro 
legitimo possessore declariert habe, weil ihm deutlich vorgestellet worden, 
dass durch der jägemdorfischen Linie Abgang das Lehen, worvon dieselbe 

pRoniieh« Sta»tMc1mfteii. I. 15 


1 


226 ^^ preoflsiflcheD Ansprüche auf Schlesieii. 

disponieret hatte, der Krön Böhmen noch nicht anheim ge&llen sei. (Vid. 
supr. §. 7.) 

Secundo, dass denen Agnatis des Churhaoses Brandenburg in der Persoo 
des Ghurprinzen Joachim Friderichs nicht der mindeste Ansprach anf eist vor- 
berohrtes Fürstenthum Jägemdorf habe erwachsen können, weilen derselbe weder 
mitbelehnet, welches doch nach denen schlesischen Lehnsgewohnheiten edbrder- 
lich ist, weder aus der nichtigen Donation des Markgrafen Greorgs Friderichs, noch 
aus seiner widerrechtlichen Possessionsergreifung selbsten, jemalen einigeB Recht 
darauf erlanget hat'). 
Remarquen. 1) Das Ghurhaus prätendiert auch kein Recht als Agnatos, son- 
dern ex dispositione des letztem Markgrafen; gleichwie nun dessen jus 
disponendi am hellen Tage liegt, also hat gedachtes Ghurhaus daher dnen 
rechtmässigen titulum possessionis erhalten, und ist also irrig, dass in denen 
schlesischen Fürstenthümem keine andere als Mtbelehnte succedieren können. 
(Vid. supr. §. 4.) 

Tertio, dass demnach, da oft ermeldtes Fürstenthum Jägemdorf auch nicht 
einmal eigentlich ex capitae feloniae des Markgrafen Johann G^rgs, sondern ex 
capitae lineae finitae investitorum in Besitz genommen worden, der jenseitige 
Autor sich mit denen der Gonfiscation halber beigebrachten natürlichen und 
Reichsrechten eine ganz vergebliche Mühe gemacht habe^), wobei überdas nicht 
zu leugnen, dass die meiste Rechtslehrer noch davor gehalten, dass, wann sich 
der Lehnmann an dem Lehnherm directe vergriffen, damals das Lehen mit äob- 
schliessung derer Agnaten dem Lehnsherrn zugesprochen werden müssen, wie 
dann auch desfalls erst in der neuem Wahlcapitulation für die Agnaten ein 
Mehrers gesorget worden, daher sich der von dem Gegentheil ans dem Land- 
frieden angeführte Ort nicht einmal hieher schicket (2. Feud. 24. §. fin. Gaii. de 
P. P. L. 2, C. 13, No. la BerUch, p. 3. Concl. 37, No. 19.)*) 
Remarquen. 1) £^ liegt ja ex meto ipso am Tage, dass der Ksüser occanone 
dieser Achtserklärung das Fürstenthum eingezogen, auch beständig diese 
causam mit angeführet habe, dahero man hauptsächlich solches rdfutiereo 
müssen; denn die andere angeführte Ursache ist sogar offenbar ungegrimdeti 
dass man fast nicht nöthig gehabt hätte, darauf zu antworten, weil der 
Kaiser Rudolphus selbst, nachdem ihm anno 1608 die Jura des ChurhaoseB 
deducieret worden, darbei acquiscieret hat (Vid. supr. §. 7.) 
2) Man findet nicht nöthig, sich bei der Meinung derer Doctorum lang an&a- 
halten, weil die meisten ohnedem das Gregentheil statuieren und es bei diesen 
Fürstenlehen nicht auf die jura feudorum privatorum , sondern anf die natür- 
liche und Reichsgesetze ankommt, welche deutlich disponieren, dass denen 
Agnatis und andern, welche ein Recht an denen geächteten Gutem haben, 
solches nicht entzogen werden könne; vornehmlich aber wird dieses in der 
Capitulatione Caroli VI., Artikel 20, deutlich also decidiert und alle daxg^en 
eingerissene abusus NB. auch ratione praeteriti au%ehoben. Wiewohl e» in 
diesem Fall gar nicht auf die Frage ankonmit, ob die felonia vasalli denen 
Agnatis präjudiciere, weil hier nicht der Yasallus, sondem dessen Sohn (wel- 
chem die blosse Nutzung dieses Fürstenthums als ein Apanage und zQ 
seinem Unterhalt eingeräumt worden), feloniam begangen haben soll ^^ 
wird wohl kein Recht in der Welt behaupten, dass, w«m der üsufructaaniK 
eine Felonie begehet, dem Domino dadurch sein Eigenthum entsogen werden 
könne. 


Bemarquen über die Beantwortung der Näh. Aasfuhrung. 1741. 227 

Eb ist die Sache so sonnenklar, dass man einen Ekel findet, sich dabei 
weiter aufisnhalten. 

Hierza kommt noch, dass auch die böhmische Gesetze in dem Fall, wenn 
ein Verbrechen verletzter Majestät begangen worden ist, den König zu gänzlicher 
Einziehang der Lehen berechtigen, welches kaiser- und königlich böheimischer Seits 
anzuführen nicht vergessen, zu gleicher Zeit aber gegen Ghurbrandenburg vorzüg- 
iidi und stark erinneret worden, dass J&gemdorf überdies ein dem König und 
Kdnigreich nach ausgestorbener fränkischen Linie offen gewordenes Lehen seie, 
wovon Puffendorf wohl der beste und unstreitigste Zeuge sein kann. (Puffendorf, 
de reb. gest Wilhelmi magni L. 4, §. 44. Caesarei Camoviae confiscationem le- 
gitimam contendebant, quam etiam leges Bohemiae in bonis fiddconmiisso obnoziis 
pemiittant; quin marchionem Greorgium Fridericum eum ducatum a regno Bo- 
hemiae velut feudum masculinum agnovisse, ad quem reliqui marchiones Branden- 
bnrgici mmultaneam investituram non obtinuerint, qui et post consolidatus sit non 
tarn ob feloniam, quam quia mascula prosapia descendens primi adquirentis de- 
fecerit)*) 
Remarquen. 1) Man weiss von dergleichen böhmischen Observanz nichts, die 
flchlesische Herzoge werden auch dergleichen Observanz wider die natürliche 
und Reichsrechte sich nicht obtrudieren lassen; der angeführte Puffendorf 
zeiget zwar an, dass der wienerische Hof sich darauf bezogen habe, er führet 
aber auch an, dass das Churhaus dem ohngeacht auf seiner Prätension be- 
standen und das ihm offerierte Aequivalent an Geld nicht habe annehmen 
wollen. 

Qoarto, dass sofort der Krön Böheim eine unverantwortliche Vorenthaltung 
dieses Fürstenthums ganz unbesonnen beigemessen werde ^), indeme vielmehr der 
ganzen Welt klar in die Augen fallen muss, dass das Churhaus Brandenburg 
nicht nur die vorhergegangene ungerechte Detention sothanen Fürstenthums an- 
noch zur Schuld auf sich habe, und wenn* die Verträge in anno 1686 und 1694 
nicht erfolget wären, deswegen alle von anno 1603 bb 1622 daraus gezogene Ein- 
konften von rechtswegen zu ersetzen schuldig wäre, allermassen solche Kaiser und 
König Rudolph allschon in anno 1607 zurückgeforderet (G.-I. C. .1, §. 25, Beilage 
No. 12)*), sondern auch durch den damalig feindlichen Einfall wider alle natür- 
tiche, Völker- und Beichsrechte höchst ohnverantwortlich handele'). 
Remarquen. 1) Man lasset die ganze Welt urtheileii, ob bei denen in der 
Gegeninformation angeführten Umständen der Krön Böhmen nicht mit gutem 
Recht eine imverantwortliche Vorenthaltung beigemessen werden, und ob die- 
selbe die Vorenthaltung dieses Fürstenthums vor Gott und vor der Welt jus- 
tifideren könne. 

Man muss sich im übrigen über den Autoren der gegentheiUgen Schriften 
höchlich beklagen, dass derselbe den diesseitigen Verfasser allhier eines un- 
besonnenen Beimessens und anderswo eines unverschämten Vorwurfs (C. 2, 
§. 12, C. 8, §. 4), eines ohne Vernunft und Ueberlegung in den Tag Hinein- 
schreibens (C. 8, §. 9), und eines absurdi (C. 4, §. 1) beschuldiget 

Wenn zwei Ministri ihrer Souveräns Jura auf Specialordre defendieren, so 
wird die vernünftige Welt wohl schwerlich approbieren, wenn ein Verfasser 
den andern durch dergleichen unter honnetten Leuten nicht gewöhnliche Ex- 
pressiones zu choquieren suchen sollte, dahero man, um dieses Ridicule zu 
evitieren, bishero gegen den gegentheiligen Ver&sser alle schuldige Be- 
scheidenheit gebrauchet hat und noch weiter gebrauchet wird. 

15* 


228 ^® preuflsischeii Anspräche auf Schlesieii. 

Dass man aber diesseitB das Yedahren des Erzhauses Oesterreich vot un- 
gerecht ausgegeben und dass der anno 1686 von dem Chuipiinzen erthdlte 
ReveiB nebst dem darauf erfolgten Tractat durch Arglist, Simulation und ge- 
fahrliche Inductiones erschlichen und daher null und nichtig seien, solches er- 
fordert die Natur der Sache, und darin bestehet das Hauptfundament der 
diesseitigen Prätension; daher hat man dig'enige Expressiones gebraacheD 
müssen, welche die Jura an die Hand geben und ohne welche man den Nach- 
druck der Sachen recht zu exprimieren nicht vermag. 

Dieses ist gewiss, dass, wenn mau die in Schlesien pubUderte Patente, die 
Avocatoria, wie auch die Gregeninformation und diese Schrift ansiehet, sich 
auf allen Blättern viele härtere Expressiones, als man diesseits gebraucht hat, 
finden werden. 

Im übrigen hat man die Consideration, welche Se. Rönigl. Majestät vor 
der Königin von Ungarn und Böhmen Majestät beständig beibehalten, der- 
gestalt beobachtet, dass kein Wort denen bisherigen Schriften eingeflossen, 
welches Deroselben Person den geringsten Missfallen verursachen könnte, da- 
hero dieselbe auch nimmermehr approbieren werden, wenn in dieser Schnft 
(C. 3, §. 1) angefuhret wird, dass der Verfasser dem jetzigen ungerechten und 
unverantwortlichen VcrfEihrens seines Königs bei der Welt einen Anstrich zn 
geben suche. 

Der gegenseitige Schriftsteller hat ein gar zu genaues Einsehen, als dase 
man von ihm nur vermuthen sollte, dass er die diesseitige Prätensiou auf 
Jägcmdorf, bei denen in den bisherigen Schriften angezeigten Umständen, vor 
eine blosse Chimäre und ungerechten Anstrich halten sollte. 

2) Weil das Recht des Churhauses offenbar ist, so stehet dessen jus agendi la- 
tione derer Fürstenthümer und fructuum perceptorum feste, dahero die gegen- 
seitig formierte wunderliche Prätension keine Antwort bedarf. 

8) Wegen des sogenannten feindlichen EinfiEdls beziehet man sich auf dasjenige, 
was bei dem Eingang der Gegeninformation erinnert worden und unten noch 
weiter gesaget werden soll. (Vid. C. 5.) 


Capitel II. 

Von der anmasslichen churbrandenburgischen Prätension auf 
die Fürstenthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau. 

§. 1. Man ist zwar mit dem Verfasser der sogenannten Nähern Ausführung 
in demc einig, dass es vorbesagter Fürstenthümer halber hauptsächlich auf die 
Frage ankommt: 

„Ob der Herzog Friderich zu Liegnitz und Brieg, nachdcmc seine Voifahreu 
dem König Joanni und der Krön zu Böhcim diese Fürstenthümer und darzu g^ 
hörige Herrschaften bereits zu Lehen aufgetragen haben, gleichwohlen noch be- 
fuget gewesen seie, eine Erbverbrüderung zu machen und über seine Lande en 
£eiveur des Churhauses Brandenburg, welches zugleich ein Vasall von der Kroo 
Böheim wäre, zu disponieren. 

§. 2. Gedachter Autor verfechtet die Gültigkeit sothaner Erbverbiüdening. 
und bemühet sich, wiewohl vergeblich, solche sowohl aus der Historie, als denen 
natürlichen und Reichsgesetzen, durch verschiedene Allegata zu behaupten. 

Primo berufet sich derselbe auf das Zeugniss derer polnischen und schlea* 


Bemarquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 229 

sehen Scribenten, dass die piastische Herzoge das Land Schlesien erblich und mit 
Aller SouTer&nitftt besessen hätten. 

§. ^ Man lasset aber dieses Vorgeben auf seinem Grund und Ungrund be- 
rohen (in Lucae Chron. befindet sich in dem jenseits allegierten Ort das Wider- 
spiel, dass nämlich Boleslaus denen schlesischen Herzogen niemalen die Souveräni- 
tät zugestehen wollen; und Schickfus meldet loc. dt. hievon gar nichts), weilen 
in der Gegeninformation C. 2, §. 1 schon zu erkennen gegeben worden ist, dass 
dieses noch eine zweifelhafte und unerörterte Sache sd, auch von polnischen und 
deatschen Scribenten mehr dawider als dafür gesagt werde (vid. ex Polonis Gro- 
meros, Lubiensius, Hartknochius: ex Germanis Ludovid de sacro fisci jure c. 1, 
§. 8; Schurzfleisch in Lemmat. Histor. §. 11. pag. m. 6)^), und dass es dermalen 
nicht um die Frage zu thun seie, wie sie Herzoge das Land anfangs inne gehabt, 
sondern die Hauptsache vielmehr von dem abhänge, was selbiges NB. nach der 
beschehenen Lehnsauftragung vor dne Gestalt und Eigenschaft bekonmien habe *), 
Es ist zwar — 

Remarquen. l)£^ist billig zu verwundem, dass man gegensdtig die Hoheit 
und die ErbUclüidt der schlesischen Fürsten, auch dass solche freiwillig ihre 
Länder der Krön zum Lehen offerieret, noch in Zweifel ziehen wolle, da alles 
ans denen gegenseits producierten Documenten selbst, auch sonst offenbar 
am Tage lieget. 

Denn dass sie frde und souveräne Fürsten gewesen, ist daher ausser allem 
Strdt, wdl ja die Krön Böhmen die Souveränität erst durch derer Fürsten 
Oblation erhalten hat, welches aber nicht hätte geschehen können, wenn die 
Fürsten solche nicht gehabt hätten. In dem gegensdtig produderten, wie- 
wohl falschem Recognitionsbrief de anno 1331 stehet ausdrücklich, dass die 
Herzoge terras suas, quas liberas semper et ab onmi Servitute disligatas 
tenuenmt, resignieret hätten. 

Daher confirmieret auch der König Uladislaus anno 1505 denen Herzogen 
zu Liegnitz alle Privilegia, welche sie. als frde Fürsten des Bdchs, ehe sie 
zur Krön Böhmen gekommen, gehabt haben, und dieses behaupten auch alle 
schlesische Scribenten und insbesondere Schickfus L. 1, C. 18 et 19, Lucae 
pag. 69, 91, 658, 1657 seq. 1664, und HeneUus C. 2, pag. 164 seq. 

Die Erblichkdt und das Veränsserungsrecht folget gldchfaUs aus dem 
fiicto oblationis von selbsten, denn wenn die Fürsten das jus disponendi von 
ihren Land und Leuten nicht gehabt hätten, so würden de auch das domi- 
num directum darüber nicht haben auf die Krön transferieren können; und 
diese Erblichkdt bezeugen gldchfedls alle schlesische Historid unanimiter. 
(Vid. Schickfus L. 1, pag, 57, in f. L. 2, pag. 8, Lucae pag. 68, 69, 658). 

Dass aber die schlesische Fürsten ihre Länder gutwillig und ohne Zwang 
der Krön pfferieret haben, besaget nicht allein der wahre und utrinque agno- 
sderte Auftragsbrief de anno 1329, sondern auch der vom Gegenthdl produ- 
cierte Recognitionsbrief de anno 1881 , worinneu Vater und Sohn anfuhren : 
quod nullo penitus non urgente metu, motu proprio, libera voluntate inducti, 
onmes terras suas libere resignaverint, welches auch durch das Zeugniss der 
bewährtesten Scribenten bestätiget wird. 

2) Es ist freilich um diese Frage zu thun, wie die Herzoge von Anfang ihre 
Länder inne gehabt; und giebt dieser erste Status der Sachen dn gross G^- 
'wicht; denn, weil die Herzoge bloss das dominium directum ihrer Länder auf 
die Krön Böhmen transferieret, im übrigen aber dch alle ihre Jura und Frd- 
hdten, die sie und ihre Vorfahren gehabt, reservieret haben (vid. Lucae 


230 ^® preuflBifichen Anspräche auf Schlesien. 

pag. 91 et 1696, Schickfus L. 2, G. 1, pag. 2, L. 8, C. 23, pag. 276, in fin. 
L. 8, G. 18, pag. 176), so folget von selbstcn, dass sie aach das jus disponendi, 
welches sie vorhin gehabt, müssen beibehalten haben« 

Dass sie aber auch nach der Oblation das Yeräasseningsfecht beibebslten 
haben, solches liegt ans denen literis oblationis offenbar am Tage, wie nun- 
mehro gezeiget werden soll. 
Secondo, nicht ohne dass in dem ersten Lehnbrief de anno 1829 die Worte: 
,za einem rechten Erblehen' befindlich, und dass der Herzog Boleslans bei denjeni- 
gen Rechten mid Freiheiten, welche die Herzoge von ihren Vorfinhren auf se ge- 
bracht haben, erhalten worden'). 
Bemarquen. 1) Grleichwie auf diesem Lchnbrief, welcher dnrch einen ordent- 
lichen FriedensBchluss abgefftsset ist, das ganze Fundament der diesseitigen 
Pr&tension beruhet, also ist daraus wohl zu merken, dass der Heraog za 
Liegnitz 1) mit seinen eigenen freien und erblichen Landen, welche er 
2) ohne Noth gutwillig der Krön Böhmen zu Lehen offerieret, 8) vor sich, 
seine Erben und NB. Nachkommen, 4) NB. zu rechtem Erblehen und zwar 
dergestalt beliehen worden, dass, wenn er 5) eine Stadt oder Veste ver- 
äussert, dem König bloss das nähere Becht zustehen solle. 

Man hat weitläuftäg gezeiget, dass ein jedes von diesen Gharakteren zu- 
länglich sei, ein feudum mere haereditarium zu erweisen und dass daher bei 
diesem Goncursu nicht der geringste Zweifel übrig bleibe. Man hat in apede 
und durch Exempel gezeiget, dass die Könige zu Böhmen durch die Forma- 
lam ,zu rechtem Erbgut* ein wahres erb- und eigenthümliches Gut verstanden 
haben, ja man hat aus derer Könige eigenen Agnitionen gezeiget, dass sie zu- 
gestehen, dass denen Herzogen zu Liegnitz vennöge ihres Auftragsbriefe das jus 
alienandi zustehe. (B. d. G.-I. G. 2, §. 1,) 
§. 4. Gleichwie aber in diesem Lehnbrief die ein ordentliches Mannlehen 
andeutende Worte: Und Unser Erben und Nachkömmlingen König von Boheim. 
und Unsers Reichs zu Böheim Mann darvon worden ist, mitbefindlich (vid. Hom. 
in jurisprud. feud. G. 5, §. 20) '), also hat man auch vorhin schon actenmässig ge- 
zeiget, dass es bei sothaner ersten Belehnung nicht geblieben (G.-I. G. 2, §. 2 et 
seqq.). Ja es glauben die bewährteste schlesiBche Geschichtsschreiber, dass diese 
erste Belehnung dem Herzog Boleslao au%edrungen worden (vid. Thebes. lieg- 
nitzische Jahrbücher G. 28)*), mithin allererst in anno 1331 von ihme, Herzogen 
Boleslao, nebst seinen zweien Söhnen Wenceslao und Ludovico, als sie nach Ab- 
sterben ihres resp. Bruders und Oheims, die beide Fürstenthümer Liegnitz und 
Bricg zusammen in Ruhe besessen haben, die rechte Auftragung durch einen be- 
sondem Brief geschehen (G.-I. §. 4, Beilage No. 32), und darinnen einestfaeils die 
wahre Eigenschaft dieser Lehen in denen Worten: „Dass, wenn es sich begeben 
würde, dass sie ohne Hinterlassung mannlicher ehelicher Leibeserben mit Tod 
abgingen, diese Fürstenthümer dem König und NB. der Krön zu Böheim völlig 
anheim fallen, auch die Stände und Unterthanen sodann den König, dessen Erben 
und Nachfolger an der SLron vor ihren natürlichen Herrn erkennen, demselben 
pfiichtig und gehorsam sein sollen^, besser erläutert; andemtheils aber dabei dts 
jus alienandi nur dahin bedungen worden seie: „dass ihnen iin Nothfail erlaubet 
sein solle, ein oder andere Stadt oder Schloss, wenn sie solche voihero dem 
König, seinen Erben oder Nachkömmlingen angeboten und sie es nicht ksuien 
oder einlösen wollen, einem andern ihrer Genossen oder fuglichen Mann zu w* 
kaufen oder zu versetzen, welcher es von dem König, dessen Erben und Nicfa* 
folgern, eben wie sie, zu Lehen empfangen und darvon Pflicht thun solle" *> 


Bemarquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 231 

Bemarquen. 1) Es folget ans diesen Foimnlis gar nicht, dass hie ein Mann- 
lehen sei, weil anch eine Frau vor einen Lehnmann in sensu juris geachtet 
wird; wenn es aber auch ein Mannlehen wixe, so besagen die literae investi- 
taiae, dass tlieser Lehnmann und seine NB. Nachkommen die Länder NB. zu 
rechtem Erblehen, einfolglich cum &cultate alienandi, erhalten haben. (B. der 
G.-L a 2, §. 5.) 

2) Das Vorgeben, als ob es bd diesem Friedensschluss nicht geblieben, ist irrig, 
wie bald geseiget werden soll; dass ab^ die erste Belehnung dem Herzog 
Boleslao aiifgfdrungen sein sollte, wird aus dem vom Gegentheil selbst pro- 
ducierten Document de anno 1329 widerleget (Yid. supr. §. 3.) 

3) Dass dieser neue Auftragsbrief de anno 1331 ein fiEÜsches, snpponiertes und also 
nichts erweisendes Document sei, ist in der Beantwortung der Gregeninforma- 
tion hauptsächlich daher gezeiget worden , 1) weil in dem Auftnigsbrief de 
anno 1331 vorgegeben wird, als ob die Herzoge erst in demselben Jahr ihr 
Land zu Lehen offerieret hätten, da doch gegenseitig zugestanden wird, 
dass die Oblatio schon anno 1329 geschehen sei; 2) weil keine vernünftige 
Ursache gegeben werden kann, warum Boleslaus und seine Söhne ohne Noth 
dem feudo mere haereditario, welches in dem ersten Lehnbrief verschrieben 
war, sollten renunderet haben; es würden 3) diese Vasalli der vorigen Be- 
lehnung in der letztem einige Meldung gethan haben ; es wäre auch 4) lächer- 
lich, wenn die Oblatio erst anno 1331 erfolgt wäre, da der Lehnbrief schon 
anno 1329 ausgefertäget gewesen; dieses ist 5) gewiss, dass sich in allen nach- 
folgenden Documenten und Gonfirmationen keine Spur von der B^cognition 
des Boleslai und seiner Söhne, sondern bloss allein von dem Lehen und Auf- 
tragsbrief des Königs Johannis finde; dahero 6) die Lehnsherren selbst 
agnoscieret haben, dass das jus alienandi vermöge dieses Lehnbrie& denen 
Herzogen zustehe; zu geschweigen, dass 7) die Herzoge, als ihnen bei dem 
Cassationsprocess de anno 1642 diese vidimierte Copie opponiert wurde, heilig 
oontestiert haben, dass sie von dergleichen Auftragsbrief nie gehört hätten 
und das Original ninunermehr produdert werden könnte; überdem 8) die 
Vidimation des Sigismundi (weil darinnen weder angezeiget worden, wer die 
Vidimation und aus was vor Ursachen solche gesucht worden, auch gegen . 
wen dieselbe fidem machen sollte), in propria causa et in praejudicium tertii 
nicht den geringsten fidem meritieren kann. (B. der G.-I. C. 2, §. 2.) 

§. 5. Ob nun schon der Autor der sogenannten Nähern Ausfuhrung 
Tertio, aus denen Worten Erblehen ein pures Veräusseiungslehen, in wel- 
chem der Vasall ohne lehnsherrlichen Consens nach seinem Gefallen disponieren 
könne, machen will und zu dem Ende dnige Allegata aas denen Feudisten bei- 
bringet: 

So ist jedoch denen, welche in denen Lehnrechten erfahren sind, nur allzu 
wohl bekannt, wie unsicher der Schluss aus dem Worte Erblehen auf ein feudum 
pore haereditarium oder Veräusserungslehen gemacht werde. (Vid. Bosenthal de 
feod. C. 2, Conclus. 33 et seqq. Vultej. de feud. L. 1, C. 8, No. 24. Struv. Syn- 
tftgm. juris feud. G. 4, aphoris. 13, No. 1), es ist vielmehr bei denen berühmtesten 
Reehtsgelehrten eine ausgemachte Sach, dass das Wort Erb und erblich in 
fsnask Lehnsbrief von dem Lehnserben und der Lehnserbfolge zu verstehen 
Mäe, mithin daraus kein Schluss auf ein pures Erb- und Veräusserungslehen ge- 
in»^t werden könne (Gail. L. 2 obs. 154. No. 20 et seqq. Modest Pistor. VoL 2, 
^08. 45. Struv. snpra citato loco. Ja der von dem Gegentheil selbst allegierte 


232 ^® preiusischen Anspräche auf Schlesien. 

Lyncker lehret Bespons. 76, No. 17 in verbis: nnd ist unter denen Bechtagelefaiten 
ausgefunden, dass das Wort Erblehen kein feudum pure haereditarinm mit sich 
bringe)^), und dass also, was die Yerftusserungsfreiheit anlanget, es allemal sof 
den eigentlichen Inhalt des zwischen dem Lehnherm und Vasallen emehteten 
Facti vornehmlich ankomme (Homius in jurispmd. feud. G. 4, §. 85) *). in fernerer 
Erwfigung, dass die Praesumtio, wie in denen gegebenen, also auch in denen auf- 
getragenen Lehen allezeit pro feudo proprio und nicht pro feudo improprio Btreite. 
(Herz de feud. oblat pag. 2, §. 40.)') 

Bemarquen. 1) Man hat nicht aus dem alleinigen Wort Erblehen, sondern ans 
denen übrigen, bei diesem Wort concurrierenden und oben §. 3 angemeikteD 
Umständen inferiert, dass denen Herzogen zu liegnitz ihre Lfinder com 
qualitate feudi mere haereditarii et alienabilis verliehen worden, welches audi 
die Lehnsherren selber agnosderet haben. 

2) Es ist schon gezeigt worden, dass in dem zwischen dem Herzogen zu Liegnitz 
und dem König Johanne anno 1329 errichteten Facto jenem die fiacultas 
alienandi vorbehalten sei und dass die folgende Könige solches vielfiütig zu- 
gestanden haben. (B. der G.-I. C. 2, §. 1.) 

3) £^ kommt hier nicht auf Praesumtiones, sondern auf die Pacta an, welche, wie 
eben gesagt worden, dem Herzog und seinen Nachkommen die fitcoltatem 
alienandi klar und deutlich zugestehen. 

§. 6. Gleichwie demnach kraft des vorhin angezogenen Auftragungsbriefe 
Herzogs Boleslai und seiner Söhne bei denen Fürstenthümem Liegnitz und Brieg 
nicht allein die Successio lediglich auf die männliche eheliche Leibeserben ge- 
stellet, in verbis: Haeredibus masculis legitimis, e corporibus nostris procedenlibus 
etc., welches ein offenbares Kennzeichen eines wahren Mannlehens oder feadi 
proprii ant ex pacto et Providentia talis ist (Schrader de feud. Tom. 1, pag. 2. 
G. 3, No. 23 et seqq.), sondern auch nach Abgang der männlichen Leibserben 
der Anfall dem König und NB. der Krön zu Böhehn ausdräcklich bedungen, zu 
dem End auch die eventuale Anweisong deren Ständen und Unterthanen wiiklieh 
geschehen ^), das jus alienandi bloss in dem Nothfall, und noch darzu auf gewisse 
Stücke, keineswegs aber auf ganze Furstenthümer zugestanden'), hernach aoeh 
von dem Herzog Wenceslao in anno 1362 darauf gar renunderet (BeUag in der 
G.-I. No. 34)'), und sofort von denen nachfolgenden Herzogen der Lehnaeid aof 
gleiche Weise geleistet worden ist (Tid. G.-I. C. 2, §. 8, 9, 10. Beilag No. U 
35, 36.)*): 

Also wird vorberührter Autor sich wohl von selbst überzeuget befinden, dass 
diese Furstenthümer die vermeinte qualitatem allodialem keineswegs behalten, 
sondern dargegen die Eigenschaft; eines wahren feudi proprii et inalienabiMs de^ 
gestalt an sich genonunen (Struv. Syntagm. jur. feud. C. 4, aphor. 12, No. 7. 
Hom. jurisprud. feud. C. 4, §. 36), dass sie nach Abgang des plastischen Manns- 
stammes niemand als dem König und der Krön Böheim haben zufallen musseo 
und niemand andern haben zugewendet werden köimen (2. Feud. 12)^;. Aller 
massen dann die übrige jenseits all^erte Autores Ziegler, Bez und Besoldus von 
feudis pure haereditariis et alienabilibus reden, mithin auf gegenwärtigen Ossum. 
wo es sich um wahre Manidehen handelt und wo dem König und der Krön 
Böheim das Anfallsrecht ausdrücklich bedungen worden, nicht applicieret werden 
können*). 
Bemarquen. 1) Weil ad §. 4 schon gezeiget worden, dass der sogenannte 

Auftragsbrief de anno 1331 (woraus diese formulae genonunen sein), fiadsch und 


Remarqaen über die Beantwortung der Näh. Acuifuhrung. 1741. 233 

sapponiert sei, so kann die Krön Böhmen sich kein Recht daraus anmassen. 
In dem wahren und einzigen Auftragsbrief de anno 1829 ist von allem diesen 
nicht ein Wort, sondern vielmehr das G^entiieil enthalten. (B. der G. -L 
C. 2, §. 1.) 

2} In dem rechten Auftragsbrief de anno 1329 ist denen Herzogen die Veräusse- 
nmg ihrer Liande nicht allein von Nothwegen, sondern auch aus andern 
Unachen (salvo jure protimiseos, wenn eine Stadt oder Festung aüeniert wird) 
rentattet, und dahero haben die folgende Könige von Böhmen vielfältig selber 
agnosderet, dass die Hensoge vermöge ihres Anftragsbriefs ihre Länder ganz 
oder zum Theil veräussem könnten, woraus dann wiederum zur Genüge er- 
hellet, dass der prätendierte zweite Auftragsbiief de anno 1381 £älsch und 
supponiert sei. 

3) Hieraos erhellet ja a) offenbar, dass diese Herzoge das jus alienandi gehabt 
haben, weil sonst nicht nöthig gewesen wäre, eine Special-Benunciation von 
denenselben anzunehmen; es ist aber auch b) dieses pactum mere personale, 
welches mit des Wenceslai Tod aufgehöret und auf seines Brüdern Linie nicht 
extendiert werden kann; wiewohl auch c) diese Renunciation bloss auf Liegnitz, 
nicht aber auf die übrige Länder gehet; zu geschweigen, dass d) die Könige 
Ludewig und Uladislaus die feuniltatem alienandi wieder erneuert haben. (Yid. 
iufra §. 7.) 

4; Den Lehnseid haben sie nicht anders als nach der Natur des Lehens, ein- 
folglich als von einem wahren und rechten Erblehen abgestattet 

5' Man ist von des gegenseitigen YerÜEUMers Einsicht versichert, dass er nun- 
mehro völlig überzeugt sein werde, dass diese Fürstenthümer ihre qualitatem 
allodialem beibehalten, und dass denen Besitzern, nach derer Könige eigenen 
Agnition, das Veräusserungsrecht reservieret worden, einfolglich diese Länder 
nach Abgang des plastischen Stammes dem Ghurhaus mit gutem Becht haben 
zugewandt werden können. 

6; Man acceptieret dieses Geständniss, dass die angeführten Autores von feudis 
jnm haereditariis, eoque alienabilibus, reden ; nun sprechen aber dieselbe von 
aolchen Feudis, welche NB. zu rechtem Erblehen gegeben worden, dahero 
kann deren Lehre mit gutem Fug auf die qnästionierte Fürstenthümer (welche, 
wenn sie auch Mannldien wären, zugleich zu rechtem Erblehen verliehen 
sein) appüciert werden ; im übrigen ist schon gezeiget worden, dass das Docu- 
ment de anno 1331 , worinne dem König das AnfaUsrecht bedungen worden, 
fiilsch und supponieret sei. 

§• 7. Es vermeinet zwar der Gkgentheil der Sache seiner Seite, dadurch auf 
ounal das Gewicht zu geben, da derselbe 

Quarte zu denen Gunstbriefen Königs Uladislai und Ludovid die Zuflucht 
^"^DiDet, kraft deren dem Herzog zu Liegnits und Brieg der Consens ertheilet 
voidca wäre, dass er seine Städte, Leute und Land mit allem ihren Einkonmien 

ttf dem Todbett oder testamentsweise vergeben oder zueignen möge, weme er 

»olle. 

^ miwidersprechlich aber ex deductis ist, dass die vorige Herzoge vor sich, 
"^ Erben und Nachkommen das Anfalls- und Gonsolidationsrecht auf erwähnte 
^^'^^Qititümer nach Auslöschung des plastischen Mannsstammes denen Königen 
^ NB. der Krön Böheim wirklich bedungen, darüber Revers ausgestellet, auch 
"^ ond Pflicht geleistet haben, folglich ermeldte Krön hierdurch schon viele Jahre 
^vor dlQB&Us ein jus quaesitum erhalten hat ^) : ebenso unumstösslich hat man in 


234 ^^ preussiachen Ansprüche auf Schieden. 

der Gegeninformation (vid. G.-I. C. 2, §. 18, 14, 15, Beilag No. 4 nnd 5) beroj 
an- und ansgeführet, dass nicht nur denen vorgedachten beeden Königen von d0 
Herzog Friderich fikischlich vorgebracht worden, als ob die Hereoge vetmög d^ 
Lehnsauftragung ohnehin die unbeschrankte Freiheit hätten, ihr Lmd und Leal 
bei ihrem Leben zu verkaufen, zu versetzen und zu vergeben (vid. in dem gegd 
seitigen sogenannten Bechtsgegründeten Eigenthum die Beilagen B. und G.)^), sa 
dem dass man denenselben auch sowohl ihr vorermeldtes Anfidlsrecht, als ü^ 
besondere dieses verschwiegen habe, dass sie, Könige, sich selbsten denen Stindj 
auf das theuereste verbunden, dergleichen Anfälle nicht zu vergeben, sondern d 
Krön vorzubehalten, mithin zu der Ver&usserung derer Ständoi MiteinwiDigd 
als ein Essentiabequisitum erforderlich seie und dass demnach h& solcher d 
Sachen offenbaren Beschaffenheit berfihrte Gunst- oder Majest&tsbri^e allai Reefab 
nach nicht von der mindesten Gültigkeit oder Wirkung sein können (Grot de jd 
belli et pads L. 2, C. 6, §. 9. L. 7. Cod. de. diversis Bescript C. 2, X de Beecript, 
wie dann auch die gegenseits angeführte Generalprivüegien-Gonfirmation Feit 
nandi I. (worinnen ohnedeme von diesen Gunstbriefen kein Wort gemeldet vii 
denenselben keine neue Kraft geben kann*). 
Bemarquen. 1) Da unwidersprechlich gezeiget worden, dass sich di 
Assertnm auf ein offenbar falsches und supponiertes Document de anno 1 
fundiere, so fUlt alles, was daraus inserieret werden will, von selbsten hinwi 

2) Man provocieret auf die Documenta selber, ob dn Wort darin entiialten 
dass die Herzoge dem König vorgebracht h&tten, als ob ihnen das jns 
nendi inter vivos zustehe; es besagen dieselbe deutlich, dass die Herzoge bl< 
iacultatem testandi gebeten haben. Die Könige haben solches accoidier^ 
zugleich von sich selbst und aus eigener Bew^gniss die Ursache beigefüg« 
weil sie ohnedem schon vermöge ihres Auftragsbriefes befugt wären, ihre Ü 
der zu veräussem ; als welches aus der Eigenschaft der rechten £rblehen not 
wendig folget 

3) Gleichwie diese Verbindungen zwischen der Krön und dem König bloss i 
die Lehen gehen, welche der Krön anhdm ge£allen, so folget von selMe 
dass solche auf diesen gegenwärtigen Casum gar nicht applicable sein, w< 
diese Fürstenthümer, welche rechte Erblehen sein und worüber die Yasa 
disponieren können, der Krön nicht anheim fedlen, so lang eine Dispositio d 
Ultimi Vasalli vorhanden ist (B. der G.-I. G. 1, §. 13 seq. C. 2, §. 11) 

Weim aber auch die Könige sich anders verbunden hätten, so wurden d( 
gleichen Privilegia, welche contra legem delationis laufen und denen schlesscb^ 
Fürsten ihr daraus lang vorher acquiriertes Becht benehmen, ipso jure null ^ 
nichtig sein, wie sie denn auch in contradictorio, von denen kaiserlichen M 
dis selbst, zu zweienmalen verworfen worden. (Ibid.) 

4) Der Kaiser Ferdinand hat alle Privilegia über die Länder, als wenn sie vc 
Wort zu Wort inserieret wären (und also per necessariam consequentiam «A 
diesen Gunstbrief) confirmieret, einfolglich die Gültigkeit derselben agnosden? 
quo jure hat dann derselbe nachher solche als null und nichtig declariere 
können? (B. der G.-L pag. 43) [^ oben 8, 180. Amn. d, HeroMsg.] 

§. 8. Es erlediget sich dahero der gegnerische fernere Einwurf von s^ 

Quinto, dass der Krön Böheim durch diese Erbverbrüderung im genast 

nicht präjudicieret worden wäre, weilen demelben nicht nur alle diese Güter ntf 

wie vor incorporieret verblieben und alle ihre Jura (nämlich fidelitatis, servitioni^ 

aperturae in casum defidentis absque dispositione fieuniliae) darinnen ausdruckbfi 


Bemarqnen über die Beantwortang der Nfth. Ansfahning. 1741. 235 

rarbehalten wurden, aondem vielmehr dero Macht, da das Churhaas Brandenburg 
iebe importante böhmische Lehen mit denen liegnitzischen combinieren wolle, nch 
rergFOssert h&ttc. 

Denn ob zwar der Krön zu Böheim das dominium directum bei diesen 
Rixstenthumeren jederzeit h&tte unverruckter verbleiben müssen, so wurde doch der- 
idben ihr so auadrücklich bedungenes Anfalb- und Gonsolidationsrecht nach Ab- 
cifig des piastischen Mannsstamms dardurch platterdings auf einmal benommen 
md de novo auf ein ganz anderes Haus devolvieret worden sein ^). 

Wer in der Welt kann nun etwas solches vor gleichgültig und ohnpräjudi- 
ao^ch ansehen, oder auch wohl gar darfur halten, dass die Macht der ELron zu 
Bvheim vermehret sein sollte, da das Churhaus Brandenburg nicht nur diese an- 
gliche Fürstenthümer vermittelst oftbesagter £rbverbrüderung an sich zu ziehen 
mtd daidurch seine eigene Kräften wider alle vorhergegangene Zusage (vid. supra 
C. 1, §. 9) zu verstärken^), sondern ermeldter Krön sogar das Anfallsrecht auf die 
VW dem Churhaus Brandenburg besitzende ansehnliche böhmische Lehen durch 
1k eben so widerrechtliche Gegenverschreibung dererselben zu benehmen, mithin 
£e Macht der Krön vielmehr auf zweierlei Weise empfindlich zu schwächen ge- 
"ocbet hat'). 

Remarquen. 1) WeU dieses angeblich bedungene Gonsolidationsrecht ein non 
CDS ist, so kann nicht gesaget werden, dass der Krön durch die Erbverbrüde- 
nmg ein Recht (welches sie niemals gehabt) benommen sei. 

^ Wdl nicht geleugnet werden kann, dass die Macht der Krön Böhmen ver- 
stärket werde, wenn ein erbliches Lehnstück an einen Vasallum veräussert 
wird, welcher sich offerieret, seine eigene Länder mit denenselben auf ewig 
zu vereinigen, so ist wohl ohnstrdtig, dass der Yasallus dadurch in einen 
besBem Stand gesetzt werde, die Krön gegen ihre.Feinde zu defendieren. Was 
von dner gethanen Zusage eingeflicket wird, ist schon oben, C. 1, §. 9, ab 
irrig angegeben worden. 

3i Der Churfurst war befugt, wie alle andre Fürsten, von seinen schlesischen 
Lehen zu disponieren, und dieselbe, auch ohne Consens des Lehnherms, denen 
Heizogen zu Liegnitz zu verschreiben, dahero das Recht der Krön Böhmen 
dadurch gar nicht geschwächet worden. 

§. 9. Bei so bewandten Umständen wird nicht so schwer, wie man es gegen- 
M vorbilden will, sondern gar leicht zu begreifen sein, dass die Stände des 
Kö&igreichs Böheim, welche schon bei dem Fürstenthum Crossen durch die Er- 
^^^nmg gelemet, dass der Krön durch die brandenburgische Lehnträger wegen 
^ m £acti entzogenen Concurrenz in contribuendo mehr Schaden als Nutzen zu- 
wachse, mit bestem Grund Rechtens und gutem Gewissen sowohl in ihrem 
Ubello anbringen als auch der König Ferdinandus in der Sententia cassatoria be- 
wipten können: dass diese Erbverbrüderung und Erbhuldigung wider der ELron 
wböm und derselben alterlangte Freiheiten, Rechten, Gerechtigkeiten, Verträge, 
^tzungcn^ Vereinigungen, Einleibungen, erlangtes Eigenthum laufe und der Krön 
>«'hoim Aofoehmen, darzu dem gemeinen Nutzen, höchst schädlich und deshalb 
«1 ibme selbst höchst unkräfüg und nichtig seie*). 

Remarquen. 1) Wenn man betrachtet, dass die Herzoge vor und nach der 
^^^hnsoblation das Veräusserungsrecht nach derer Lehnsherren eigener Agnition 
gehabt haben, so bleibet es ganz unbegreiflich, quo jure die böhmische Stände 
<üe Erbverbrüderung haben anfechten und mit was vor Gewissen der König 
Ferdinand solche contra legem delationis, incompetenter und in propria causa 


286 ^^ prensraschen Ansprüche auf Schlesien. 

habe cassieren können. Wiewohl ohnedem die natürliche Vemnnft an die 
Hand giebt, dass diese Sentenz gegen das Ghorhaus als eine res inter alios 
acta nicht angeführet werden könne. 

Was die angegebene Entziehung der Contribution und das daher auch 
wegen dieser Fürstenthümer zu befürchtende Präjudiz betrifft, darauf ist in der 
vorigen Schrift geantwortet worden, (B. der G.-I. C. 2, §. 17.) 

§. 10. Dass aber der Autor des jensdtigen Scripti 

Sezto, die Worte in der erst gedachten Sententia cassatoria, dass alle Hand- 
lung, welche gegen die Verträge, •Vereinigung und erlangtes Eigenthum buifeii, 
auch zum Schaden des Landes gereichen, null imd nichtig seie, tur sich utilit«r 
annehmen und daraus schliessen will, dass eben darum auch die beede Verträge 
de anno 1686 und 1695 unkräftig und nichtig sein müssten: 

Solches kann um so weniger bestehen, als das Churhaus Brandenburg auf 
mehr erwähnte Fürstenthümer niemaleu einig begründetes Recht erlanget, mithin 
auch durch ermeldte Verträge nicht das geringste verloren, sondern vielmehr, wie 
in dem folgenden Capitel weiter gesagt werden solle, darvon profitieret hat, wo 
hingegen durch die oft berührte Erbverbrüderung denen Gerechtsamen der Krön 
Böheim allzu nahe getreten und selbige dahero rechtmässig cassieret und anuUieret 
worden *). 
Bemarquen. 1) Die Folge ist ganz richtig, das Churhaus hat ein offenbares 
Recht durch die mit dem Herzog zu Liegnitz errichtete Erbverbrüderung er- 
halten, die Pacta des Churhauses bringen mit sich, dass keine Anfälle alieniert 
werden sollen, ergo hat dieser Anfall demselben durch die Renimciationes de 
anno 1686 und 1694 nicht entzogen werden können, weil nach denen Principiis 
des Ferdinand! alle Handlungen, welche gegen die Verträge und Vereinigungen, 
auch zum Schaden des Landes gereichen, null und nichtig sein. 

§.11. Noch weniger Auftnerksamkeit verdienet, wenn vorgedachter Autor, 

Septimo, aus denen schlesischen Historienschreiberen zu behaupten vermeinet, 
dass die schlesische Herzogthümer von ihrem ersten Ursprung an alienable ge- 
wesen und von einer Familie auf die andre durch Raufcontracte , Ehestiftnngen, 
testamentarische Dispositiones, Erbverbrüderungen gekommen, ohne dass die 
Könige von Böheim, am wenigsten aber die Stände darüber wären befraget wor- 
den, gleichwie noch bis auf diese Stund die Fürsten von Lichtenstein, Auerspeig 
und Lobkowitz verschiedene Fürstenthümer theils kaufweise, theib alio titulo, 
ohne Consens derer Stände, in Händen hätten. 

Denn es machet, wie schon oben erinneret worden, nichts zur Sach, ob gleich 
diese Fürstenthümer von ihrem ersten Ursprung an alienable gewesen oder nicht, 
sondern es hätte sollen erwiesen werden, dass dieselbe, nachdeme sie der Krön 
Böheim als Lehen aufgetragen und einverleibet worden, diese Eigenschaft noch 
weiter behalten hätten^). 

Wenigstens melden die gegenseits angezogene Scribenten hiervon nichts 
(Henelius bezeuget in denen citierten pag. 223, 234, 289, 296 das gerade Wider- 
spiel, dass nämlich, so oft derMannsstammen in einer fürstlichen Familie abgegangen, 
die Lehen dem König und der Krön Böheim heimge&llen und pag. 329 wird ge- 
meldet, dass Ferdinandus L dem Markgrafen Georg das Fürstenthum Sagan änderst 
nicht als cum assensu statuum oppignorieren können)*). Wiewohlen denenselbeQ 
überhaupt in solchen Sachen, deren eigentlicher Grund nur in denen Archiven an- 
zutreffen ist, wenig Glauben beigemessen werden kann, allermassen solches aus 
denen jenseitigen eigenen imglücklichen Allegatis vor Augen lieget (Lncae saget 


Bemaiquen über die Beantwortung der Näh. Ansfahrong. 1741. 237 

iD dem ex adverso allegierten 753. Blatt, dass König Ludwig aus habender Qte- 
nlt und aus Erb- und eigenen Rechten dem Markgrafen Georg das Fürstenthum 
KgenKlorf gesehenket hätte, welches aber offenbar unwahr ist Yid. G.-I. C. 1, 
i 10 und 11 ; und die von diesem Antore fol. 1666 erzahlte Erbverbrüderung mit 
m König Ottocaro ist noch vor der Incorporation mit Böheim geschehen und 
{cboret also nicht zur Sach. Bei Henelio hingegen findet sich in denen citierten 
^. 222, 766, 996, 1001 von dieser Materie nichts und die pag. 1682 ist gar in 
im Bach nicht vorhanden)'). 

Es zeigen vielmehr die in denen königlichen böhmischen, ja in denen branden- 
mgischen Archivis selbst befindliche Urkunden, dass nicht nur bei der Yerausse- 
mg emes zu der SLron Böheim gehörigen Fürstenthums, Stück Landes oder Herr- 
ehift, sondern auch, wenn dergleichen zu Lehen gegeben werden, allemal der 
iwouDten St&nde Einwilligung ab ein Bequisitum essentiale erfordert worden; 
cm so hat nach Anzeige der Lehnbriefen und Landtagschlüssen Markgraf Haus 
Scoig von Brandenburg, als ihme von Mazimiliano 11. die in der Niederlausitz 
ikgae Herrschaften Storkau und Pesskau zu Lehen verliehen werden sollen, an- 
vieiist bei offenem Landtag anno 1575 den Gonsens der böhexmischen St&nden 
mehen und erhalten müssen. Eben also bewähret auch der bekannte lausitzer 
^tioDsrecess, dass Ferdinandus HL bei Abtretung der Ober- und Niederlausitz 
es CoDsens der böhmischen Ständen allerdings erfordert habe, welcher dann auch 
\ di-m Landtagsschluss de anno 1636 erfolget ist^). Gleiche Beschaffenheit hat 
I mit denen Fürstenthumem, so die um die SLron Böheim so sehr meritierte 
Inten von Lichtenstein, Auersperg und Lobkowitz als böhmische Mitstände mit 
nehmhaltung der gesammten Ständen zu dato besitzen, indeme das Vorgeben, 
b ob diese Fürstenthümer theils kaufweis, theils alio titulo, ohne Consens der 
täDden, an enneldte Fürsten gekommen, nicht mit dem mindesten beleget oder 
'^gemacht worden, mithin als ein nudum Assertum anzusehen ist, welches 
no« weitem Abfertigung bedarf. 

Remarquen. 1) Wie kann solches deutlicher erwiesen werden als aus denen 
vorhin pag. 12 [=^ oben 8,230] angeführten Umständen, aus dem Lehnbrief selber 
und aus der Könige von Böhmen eigenen Agnition. (B. der G.-I. C. 2, §. 1.) 

! Wenn auch die angeführte Scribenten nichts davon sagten, so wäre nichts 
•iestoweniger wahr, dass die Herzoge, nachdem sie der Krön Böhmen die 
Lehen aufgetragen, das jus alienandi beibehalten haben, dass aber die Scri- 
iHiiteu das Veräusserungsrecht derer Herzoge ausser allen Zweifel setzen, er- 
hellet aus denen von ihnen angeführten ih^empeln, nach welchen die schle- 
%he Fürsten von ihren Ländern nach Gefallen disponieret haben. Der 
Henelins führet das Exempel von Oppeln und Batibor an, C. 8. pag. 233 und 
234; von Münsterberg, d. C. 8, pag. 289 und 292; von Gels, C. 8, pag. 291; 
ron Troppau, pag. 296 und 297 ; von Sagan, pag. 328 seq., ander unzählige zu 
^eschweigen. Man hat in denen vorigen Schriften gezeiget, dass Uladislaus 
'^ Fürstenthum Jägemdorf an den von Schellenbcrg ohne Ck)nsens der Stände 
veräoäsert, dass dieser solches dem Markgraf Georg wiederum erblich ver- 
kauft und der Markgraf das Churhaus darinnen substituieret, dessen Sohn 
^ber dem Churfurst Joachim solches geschenket habe, sodass die beständige 
Ohaervanz ausser allen Streit gesetzet wird. (B. der G.-I. C. 1, §. 1, No. 12 u. 
<- 2, pag. 44.) [^ oben S, 181], 

Man saget zwar gegenseits in denen Marginalnoten, dass Henelius das 
^Tegentheil behaupte, dass nämlich, so oft der Mannstamm in einer fürstlichen 
Familie abgegangen, die Lehen der Krön Böhmen anheim gefollen. Es giebt 


238 1^0 preasaiBchen Anspräche auf Schlesien. 

aber die Natur der rechten Erblehen an die Hand, dass er solches nur Ter- 
stehe, wenn der letzte Vasallus nicht von seinen Ländern disponieret hat, denn 
dass, nach des HeneUi Bericht, die Fürsten haben disponieren können, erhellet 
aus denen von ihm angefuhreten Fxempeln. Wiewohl man nicht leugnen 
kann, dass insonderheit zu denen Zeiten Ferdinandi das fjzhans Oesterreich 
angefangen habe, die Herzoge zu unterdrücken, die Verwandten von der Sac- 
cession zu excludieren und denen Herzogen das jus alienandi, wenn auch 
schon die Stande consentiert haben, streitig zu machen, und unter diese letztere 
Klasse gehöret das Exempel von dem Fürstenthum Sagan, welches der Autor 
in denen Noten anführet; denn der Markgraf Georg hatte Oppeln undBatibor 
ex causa onerosa NB. mit (Konsens der Stände erhalten, die böhmische StSnde 
wollten durchaus das Haus Brandenburg nicht in Schlesien etablieret wissen 
und zwangen dasselbe, bei dem minderjährigen Alter des Georg Fridericha, 
sich beider Fürstenthümer zu begeben, und zwar gegen eine Summe von 
188,833 Goldfl., wovor sie ihm das Fürstenthum Sagan verp&ndeten; zur 
Sicherheit dieses Versprechens haben die Vormünder Statuum Consensum ver- 
langt, damit dieselbe nicht, wie sie bei der Hauptsache gethan, dieserw^en 
weiter den PupiUum chicanieren möchten. 

Wobei wohl zu merken, dass diese Summe bis auf diese Stunde noch nicht 
bezahlet sei, daher das markgräfliche Haus auch dieserwegen seine Jura bei 
denen jetzigen Conjuncturen hervor zu suchen unvergessen sein wird. 

3) Wenn die Scribenten etwas in facto allegieren, so ist wohl zu vermuthen, 
dass sie davon einige zuverlässige Nachricht gehabt haben, ob sie schon in 
denen Umstanden irren ; denn dass der König Ludwig (welches Exempel gegen- 
sdtig in denen marginalibus angefiihret wird) dem von Schellenberg das 
Fürstenthum Jägemdorf gegeben habe, solches ist in facto richtig, obgleich 
der von Lucae angeführte Umstand, dass der König ihm solches aus Erb- und 
eigenen Rechten geschenket, irrig ist. 

Man sagt in denen Marginalibus weiter, dass sich bei dem Henelio in denen 
unglücklichen AUegatis von dieser Materie nichts finde; wenn mau aber die 
allegierte pag. 222 recht nachgesehen hätte, würde man gefunden haben, daas 
die daselbst benannte von Lichtenstein, Lobkowitz und Auersperg dergldchen 
Fürstenthümer besitzen, die übrige allegierte pag. 766, 996 und 1101 etc. sein 
aus dem Lucae (dessen Namen durch des Buchdruckers und Gorrectoris Ver- 
sehen ausgelassen worden) genonunen, wo zugleich die Tituli, wie diese 
Fürstenthümer auf die vorgemeldte Familien gekommen, angefuhret werden, 
aber vom Consens der Stände keine Meldung gethan wird. 

Man lasset also das Publikum urtheUen, wer imglücklich im Allegieren oder 
im Nachschlagen gewesen sei. 

4) Alle diese Gasus sprechen von derLausnitz und nicht von denen schlesschen 
Fürstenthümem, welche ganz besondere Jura ex prima delationis lege habe» 
und worinnen die Fürsten sich die vorige und alte Jura, einfolglich die facol- 
tatem disponendi, ausdrücklich nach der Könige eigenen Agnition reservieret 
haben. 

§. 12. Nachdeme übrigens in der Gegeninformation (Vid. G.-L G. 2, §• 12 
Ins 22) bereits schon überflüssig dargethan worden, dass der Herzog Friderich zu 
Liegnitz und Brieg nebst seinen Söhnen das An&llsrecht auf die Fürstenthümer, 
welches seine Vor&hren denen Königen und NB. der Krön zu Böheim in casom 
deficientis prolis masculae schon lang zuvor bedungen und eingeraumet, durch die 


Bemaiqaen über die Beantwortung der Nfth. Ausführung. 1741. 239 

lichtete Erbyerbrüderung nicht mehr habe abändern noch abnehmen können, 
IS also die Stftnde des Königreichs fiöheim gute Ursach, Fug und Becht gehabt, 
i^ Um, Henog Friderich und seine Söhne ihre Nullitätsklage anzustellen^); 

Dsas von beiden Seiten der Krieg befestiget und durch vier Satzschriften 
identfieh verfuhren; 

DasB in der Sach cum plena causae cognitione gesprochen*), und dass es 
dit nöthig gewesen, das Churhaus Brandenburg hierzu zu addtieren, weil dessen 
ms lediglich von dem facto valido aut invalido des Herzogen Friderichs und 
van Söhnen abgehangen, und sich also nothwendig gefallen lassen müssen, was 
nunter Urtheil und Recht gegen diese seine Autores erkannt hat'); 

Daas folglich die dargegen angewendete Protestation ohne Wirkung und ver- 
iWich gewesen seie*); 

DasB sich solchem Urtheil nicht nur Herzog Friderich und seine Söhne, son- 
nt aach die nachfolgende Herzoge (deren Beversales ebenfalls noch in original! 
iriunden) willig unterworfen, ihr ungerechtes Unternehmen wohl begriffen, sich 
tser nichtigen Erbverbrüderung keineswegs mehr gehalten, sondern dargegen die 
rentualholdigung von denen Ständen und Unterthanen dem König und der Krön 
iBöheim wirklich leisten lassen'); 

Dass das Churhaus Brandenburg endlich selbst erkannt, dass es im Weg 
tthtens an mehrbesagten Fürstenthümem nichts zu suchen und dahero sich ad 
im gratiae gewendet, nur um Ein Fürstenthum gebeten, hiemächst auch sich um 
ta hierzu höchst nöthigen Consens der böheimischen Ständen beworben habe*): 

So fiUet der so unverschämt als anzügliche Vorwurf^), als ob 

Octavo, die Stände der Krön Böheim wider alle Hechte zu klagen nur subor- 
\ni and vom König Ferdinando die Sententia cassatoria ex falsa causa, in causa 
P>pria, Don dtata Domo Brandenburgica, mithin contra Jura Naturae et Imperii 
itbnlet worden, einfolglich ipso jure null und nichtig sei, männiglich als eine 
5rbst ärgerliche und fiEÜsche Auflage von selbsten genugsam in die Augen ^). 

Bfmarquen. 1) Da diese vorgegebene Bedingung des Anfallsrechts in casum 
deficientis prolis masculae nicht den geringsten Grund, vielmehr das jus alle- 
nandi derer Herzogen in dem Auftragsbrief de anno 1329 deutlich enthalten 
ist, so hat der König und die Krön kein Anfallsrecht, so lange die Fürsten 
von ihrem Land disponieren, und ist also irrig, dass durch die Erbverbrüderung 
der Krön Böhmen etwas entzogen werde, oder dass die Stände Ursach gehabt, 
Klage darüber anzustellen. 

2 Man hat in der Beantwortung der Gegeninformation gezeiget, daas der ganze 
Proceas intuitu des Herzogs, sowohl quoad formalia als quoad materiala, nulli- 
tate laboriere , weil er coram judice incompetente angestrenget worden und 
d«r Kaiser in propria causa, contra legem delationis decidiert hat ; hauptsächlich 
aber, dass derselbe das Churhaus, welches zu diesem Zweck weder dtiert noch 
mit seiner Nothdurft gehört worden, nicht binden könne. 

^^ vtt zwar in jure feudali 2 F. 26 §. Si Yasallus de benef. und 2 Feud. 43 
venehen, dass der Dominus feudi dasjenige gegen sich müsse gelten lassen, 
^^ S^Qi^ ^^^ Vasallum per sententiam erkannt wird, wenn man aber die 
Textus nur ansiehet, so ergiebt sich aus dem Augenschein, dass dieselbe auf 
^oisem Casum gar nicht quadrieren. Denn 1), so sprechen gemeldte Textus 
von dem Fall, da ein Dritter mit dem Vasallo streitet und die Sache gegen 
^ Vasallum decidiert wird, und in demselben Fall wird gesagt, dass der 
I^^xninus dieses gelten lassen müsse; hier aber ist der Casus, wo der Dominus 


240 ^^ preoBBischen Ansprache auf SchlesieiL 

selbst mit dem Vasallo streitet, wohin also die Decision nicht ge2sogen werden 

2) Die ratio aeqtdtatiB bestehet in dem ersten Fall darin, dass, wenn der Judex 
Ordinarius, welcher gar nicht verdächtig ist, instracta causa deddiert und im 
übrigen alles bona fide zugehet, kein Verdacht dem Lehnsherrn übrig bleiben 
könne; diese ganze Baüo cessiert in nnserm Fall, wo nicht der Judex Ordi- 
narius, sondern der Lehnsherr selber, in propria causa (wider die gemeine Lehn- 
rechte und in specie wider das privilegierte schlesische Fürstenrecht) du 
Urtheil incompetenter et protestante Vasallo abÜEisset, dem Vasallo die cjuali- 
tatem feudi alienabilis, contra legem dclaiionis und der vorigen Könige Agnition, 
abspricht und dessen Disposition ohne denjenigen, welchem daraus ein Recht 
erwachsen ist, zu citieren, oder ihn mit seiner Nothdurft zu hören, cassiert 
Welche Jurisprudenz in der Welt wird wohl behaupten, dass dergleichen 
ungerechte und verdftchtige Urthel dem Vasallo, oder dem, der causam von 
ihm hat, pr&judicieren könne. 

3) So sagen die Feudisten blos, dass die contra Vasallum ergangene Judicata 
NB. dem Domino präjudicieren ; sie sagen aber nicht, dass solche gegen die 
Agnatos, welche ein Mitbelehnschaft haben, angeführt werden können, am 
wenigsten aber gegen andre, welche ex pacto VaaaUi ein Dominium eventaale 
in dem Feudo erhalten haben. 

Wiewohl auch 4) die bewährteste Rechtslehrer diese ganze Decision als eme 
feudistische Thorheit ansehen (Hottoman. apud. Bitschium ad 2 feud 26, pag. 
428); und diese Dissentientes selber excipieren den Casum, wenn das Jos 
feudi selbst in Anspruch genommen und dem Domino entzogen werden will, 
denn in diesem Fall behaupten sie, dass der Dominus (und daher a majori 
derjenige, welcher ex pacto et traditione Vasalli ein Eigenthumsrecht erhalten) 
citiert und gehört werden müsse. (Bitsch. ad 2 F. 26, pag. 483. Bosenth. de 
feud. C. 9, concl. 23 per tot.) 

Weil nun 5) die angeführte Textus auf unsem Casum gar nicht applicable 
sein, so bleibt es bei der in denen natürlichen und weltlichen Rechten fun- 
dierten Regul: Quod res inter alios judicata aliis non noceat L. 63 pr. re 
jud. etc. 

4) Man giebt gerne zu, dass diese Protestation überflüssig gewesen, weil die Jura 
des weder citierten noch mit seiner Notiidurft gehörten Churhauses ohne die- 
selbe in salvo würden gebHeben sein. Unterdessen hat dieselbe doch diese 
Wirkung gehabt, dass dem Kaiser dadurch kund gethan worden, dass das 
Churhaus die Sentenz nicht agnoscieren, sondern sein Recht zu seiner Zeit 
schon geltend machen würde. 

5) Dass die Herzoge der Sentenz sich willig unterworfen haben sollten, ist falsch, 
die Bedrohung, ihnen die Länder wegzunehmen, hat sie darzu gezwungen, 
wie aus des Markgrafen eigenhändigen Schreiben erwiesen worden. Gresetzt 
aber, dass es mit der freiwilligen Submission derer Herzoge seine Richtigkeit 
habe, was kann dieses dem Churhaus schaden? Wo stehet geschrieben, dass 
in derer Herzoge Macht gestanden, von einem Pacto jurato et Consensu Sta- 
tuum fiimato einseitig abzugehen? dahero alle die angeführte ohnedem durch 
Gewalt von denen Herzogen gezwungene Actus vitiosi sein und dem Churhaus 
nicht präjudicieren köimen. (B. der G.-I. C. 1, §. 20.) 

6) Es ist irrig, dass das Churhaus jemalen wegen der Erbverbrüdemng viam 
gratiae gesucht habe, sondern das Churhaus hat NB. bei Lebzeiten derer Her- 
zoge die Mitbelehnschaft gesucht Da ihm aber solche abgeschlagen worden, 


Bemarquen über die Beantwortung der Nfth. Ausfülirung. 1741. 241 

so hat ihm ja dadurch sein aus der Erbverbrüderung erhaltenes Recht nach 

dem Abgang derer Herzoge nicht entzogen werden können. (Ibid. §. 19.) 
7 Wegen dieser unanständigen Expression beziehet man sich auf dasjenige, was 

oben p. X [=^ 227] gesagt worden. 
;?> Da die Nullität des Processes und der Sentenz offenbar am Tage liegt, so ist 

die Auflage so ärgerlich und falsch nicht, wie man gegenseitig glaubet 

Capitel m. 

Von der angeblichen Ungültigkeit der Verträge de anno 1686 und 

1695. 

§. 1. Gleichwie die Nichtigkeit der churbrandenburgischen ganzen Anforde- 
rang sowohl aus der actenmässigen Gegeninformation (yid. G.-I. C. 1 et 2 per tot.) 
als der gegenwärtigen Wiederhol- und kurzen rechtlichen Beantwortung der gegne- 
nschen sogenannten Nähern Ausfuhrung etc. klar am Tage lieget, also ist auch 
bereite eben so gründlich in vorgedachter Gegeninformation gezeiget worden, dass 
Kaiser Leopold keinesweges aus einer Verbindlichkeit^), sondern eines Theils aus 
liebe zur Wohlfahrt für das gesammte rönusche Reich, andern Theils zur Ge- 
winnung des Churfnrstens in denen damaligen beschwerlichen hungarischen und 
Reicfaskri^en zu Schliessung des Vertrags de anno 1686 bewogen worden (G.-I. 
C. Z, §. 1, 2, 4, 5 und 6)*), und dass solcher eigentlich zu alleinigem Vortheil 
des Choihauses gereichet (dict. Cap. 3, §. 9 und 10)'), mithin der jenseitige Scriptor 
?anz und gar keine andere Ursach habe, diesen erst jetzo (da des damaligen Königs 
HeiT Vater und Grossvater darbei acquiescieret) anzufechten, als nur lediglich dem 
jetzigen ungerechten und unverantwortlichen Verfahren des Königs daidurch bei 
der Welt einen Anstrich zu geben*). 

Remarqnen. 1) Weil des Churhauses Jura offenbar sein, so ist der Kaiser 
6chuld% gewesen, dem Chiurfürsten die vier Fürstenthümer zu restituieren oder 
zureichende Satisfäction zu geben. 

2 Diese beide Ursachen, welche mit der Gerechtigkeit der Sachen verknüpfet 
waren, hätten freilich den Kaiser bewegen sollen, den Churfursten zu befrie- 
digen. Wie schlecht es aber durch den Tractat de anno 1686 geschehen, soll 
gleich gezeigt werden. 

^* Welcher Mensch wird sich wohl weiss machen lassen, dass der Tractat de anno 
I6S6 zu des Churhauses alleinigem Nutzen geschlossen sei? Der Churfürst 
obligierte sich, 6000 Mann dem Kaiser vor geringe Subsidien (NB. welche nicht 
einmal bezahlet worden) zu stellen, und renuncierte zugleich seinem Becht auf 
vier Fürstenthümer (von deren eines ihm 100 Jahre vorher schon 180,000 
RÜdr. offerieret worden). Was hat er nun davor erhalten? Nichts! Denn 
den davor versprochenen schwiebusischen Kreis hat der Kaiser schon antcce- 
denter durch den churprinzlichen Revers zurück erhalten, die lichtensteinische 
Post ist auf diese Stunde nicht gewähret etc., daher mit aller Vernunft nicht 
abzusehen, worin der alleinige Vortheil des Churhauses bestehen solle. 

4 < Der gegentiieilige Verfasser sollte sich billig entsehen, den Bespect, welchen er 
gekrönten Häuptern schuldig ist, dergestalt, wie er thut, bei Seite zu setzen. 
)Ian beziehet sich im übrigen auf dasjenige, was oben pag. X [=^ 227] wegen 
der gegenseitigen Invectiven gesagt worden. 

|. 2. So viel aber dessen beigebrachte Scheingründe selbst betrifft, so solle 
Uno, der Vertrag de anno 1686 deswegen ungültig sein, weil die liegnitzische- 

Preusische StutsaclinfteD. I. 16 


242 ^® preoaeischen Ansprüche auf Schlesieii. 

und übrige Landst&nde in die darinnen geschehene YeTäussernng (massen sie dem 
Churhaus schon gehuldiget) nicht consentieret hatten. 

Nun nimmt man zwar das diesfiUlige gegentheilische eigene aus dem Grotio 
hergeleitete Principium, dass dn Landesherr ohne Consens der Ständen seme 
Lander zu veräussem nicht befugt seie, für bekannt an, weilen dardurch destomefar 
bost&rket wird, dass die oberwähnte von denen beeden Königen zu Böhdm. 
Uladislao und Ludovico, dem Herzog Friderich zu Liegnitz und Brieg ohne Con- 
sens und Einwilligung 'derer Stände des Königreichs Böhmen ertheilte Grunstbriefe 
auch ex hoc capite ungültig und nicht von der geringsten Wirkung sind ^), danua 
aber wird kein vernünftiger Mensch schliessen, dass zu dem Vertrag de anno 16^ 
der liegnitzischen und briegiBchen Standen Einwilligung erforderlich gewesai, 
massen oben schon zur Genüge dargethan, dass das Churhaus Brandenburg nie- 
malen einen gegründeten Anspruch an oft besagte Fürstenthümer gehabt, dass die 
Erbverbrüderung, mithin auch die darauf gefolgte Huldigung, an und für sich noD 
und nichtig, einfolglich auch von keinen Kräften gewesen*), und daas mehr er- 
wähnte Stände diese Nichtigkeit selbst erkannt, sothaner Huldigung wiederum ab- 
gesaget, von ihrem rechtmässigen König darvon losgesprochen und diesem sofort 
von neuem die Huldigung abgeleget worden (vid. G.-L G. 2, §.18, Beilage No. 
40 und 41)«). 
Bemarquen. 1) Dieses von dem Autore vor bekannt angenonmiene Prindpiom 
bestärket keineswegs, dass nach demselben die Gunstbriefe derer Königin 
Uladislai imd Ludwigs, ungültig seien, weil in diesen keine neue fiEumltaa 
alienandi verstattet, sondern nur attestieret wird, dass die Herzoge diese ihre 
rechte Erblehen, vermöge des Auftragsbriefes, zu alienieren befiigt sein. Wcäl 
nun das Veräusserungsrecht in ipsa lege delationis, nach derer Lehnsherren 
eigenem Geständniss, enthalten ist, so ist der Stände Consens darzu gar nicht 
nöthig. 
2) Wenn also die Herzoge ein Veräusserungsrecht gehabt, einfolglich das Chor- 
haus aus der mit Consens der Stände errichteten und beschworenen Erb- 
verbrüderung ein Eigenthum erhalten hat, so gestehet man gegenseitig hoc 
ipso zu, dass kein vernünftiger Mensch anders schliessen könne, als dass die 
amio 1686 ohne Einwilligung derer liegnitzischen Stände beschehene Reniu)- 
ciation ipso jure null und nichtig sei. . 
.3) Die Stände haben der Huldigung ohne Einwilligung des Churhauses durch 
eben die Gewaltthätigkeiten absagen müssen, wordurch die Herzogen ge- 
zwungen worden, sich von der Erbverbrüderung los zu sagen. Es haben sich 
auch die Stände nicht eher darzu resolvieren wollen, bis der König einen 
Revers von sie gestellet, dass ihnen kein Meineid daher imputieret wenlea 
und der König sie contra quoscunque schützen solle. Die Vernunft selbst 
giebt an die Hand, dass durch dergleichen erzwungene Absagungen derer 
Stände dem Churhaus, welches zu der Zeit noch kein jus agendi gehabt, 
auch mit seiner Nothdurft nicht gehöret worden, sein aus der Erbverbruderung 
habendes Recht nicht habe benommen werden können. 

§. 3. Man will zwar nicht gänzlich in Abrede stellen, dass 

Ddo, in Lehnssachen der Besitzer des Lehens den Anwarteren und Nacb- 

folgeren durch seine Renunciation nicht schaden könne. 

Es ist aber in dem Vertrag de anno 1686 von Seiten des Churhauaes Branden* 

bürg die Renunciation nicht auf ein wirklich besessenes Lehen, sondern nur ioi 

eine grundlose, nichtige und zu allen Zeiten widersprochene Anforderung geschehen. 

mithin die Application derer diesfalls angezogenen Rechtsstellen übel gerathenVi 


Remarquen über die Beantwortoogder Näh. Ausführung. 1741. 243 

Ausser deme ist nicht nur von dem unmittelbaren Nachfolger, n&mlich dem 
Chmprinzen Friderich, in seinem Revers (vid. Beilage in der G.-L No. 47), sondern 
aach von dem nächsten Agnaten (vid. Beilage in der G.-I. No. 49) die feierlichste 
Benandation erfolget, mithin alles dasjenige zum Ueberfluss geschehen, was auch 
sonsten die Rechten bei Alienierung dnes wirklich besitzenden Lehens erfordern 
(2. Feud. 39)«). 

Ueber das ist der jetzige König in Preussen allen Rechten nach verbunden 
and gehalten, das Factum seines Herrn Ui^rossvaters und Herrn Grossvaters an- 
saeriL^inen, mithin die Pacta de annis 1686 und 1694 heilig zu halten. Er ist in 
allen Erbe worden, damals aber, wie diese Vertrage von ihnen errichtet sind, noch 
lange nicht geboren gewesen, bei welchen Umständen kein Rechtslehrer behauptet, 
da» dergleichen Renunciationes die Enkel nicht binden sollen'), sonsten müsste 
aneh folgen, dass, was das Churhaus Brandenburg jemals gehabt und ex pacto et 
proTidentia majorum erhalten, hernach aber, um seiner eigenen Convenienz willen, 
wieder hinweg gegeben, mit gewaffiieter Hand bis ans Ende der Welt wieder vindi- 
deret werden könnte*) und müsste ein gleiches anderen fürstlichen Häusern gegen 
das churbrandenburgische ebenfalls zustehen, welches zu einem ewigen Krieg unter 
allen Ständen des Reichs Anlass geben müsste^). 

Eigentlich ist auch in diesen beiden Verträgen mehr nicht geschehen, als 
dase der Churfürst gegen realen Nutzen des churbrandenburgischen Hauses die von 
leiten des Königreichs Böhmen niemals anerkannte Ansprüche fallen lassen, zu 
öner Zeit, da der Ungrund derselben denen damaligen Churfursten von Branden- 
barg schon standhaft vor Augen gelegct worden'). 

Es wird sich also kein Rechtslehrer finden, der behaupten wollte, dass 
solcherlei Ansprüche abzuthun kein regierender Hen' im Stande seie, ohne dass 
s€inem Urenkel und Enkel frei bliebe, sie bei ihme anständiger Gelegenheit wieder 
hervor zu suchen, welches dem königlichen Haus Preussen den meisten Schaden 
bringen und ihm den Vortheil, mit Mächten und mit Ständen in Fried imd Ruhe 
za kommen, benehmen müsste t). 

Remarquen. 1) Weil dem Churhaus durch die Huldigung der Stände diese 
Lander eventualiter tradieret worden, so hat das Churhaus ein dingliches 
Recht daraus erhalten, wenn es aber auch nur eine blosse Anforderung ge- 
wesen wäre, so kann nach denen pactis familiae auch dergleichen blossen 
Angefallen nicht renuncieret werden, dahero die Application derer diesfalls 
angezogener Rechtsreguln gar wohl gerathen ist. 

2) Es ist nicht das geringste von demjenigen geschehen, ^was sonst die Rechte 
bei Alienierung eines dem Churhaus incorporierten Landes erfordern, denn der 
Chiirprinz hat bloss die in dem Tractat de anno 1686 enthaltene Renunciation 
bestälaget, da aber diese conditionata gewesen imd die Conditio von Seiten 
des wienerischen Hofes nicht erfolget ist, so kann auch des Churprinzen Renun- 
ciation denselben nicht binden. Es ist auch gezeigt worden, dass dessen 
Renunciation an sich ein £euitum illicitum und überdem ein per dolosam induc- 
ti9nem sub- et obreptiert, mithin ipso jurenull und nichtig sei, zu geschweigen, 
dass dergleichen Renunciationes denen Successoribus nicht präjudicieren können. 
Der von dem Autore in margine angeführte Textus in 2 F. 39 spricht von 
denen ordinären Feudis, in welchen die Alienation subsistiert, wenn die Agnati 
consentieren; es ist aber ein anders, wenn das Lehen per pacta famiUae mit 
einem fideicommisso perpetuo verknüpfet ist, insonderheit wenn die Renun- 
ciantes, propter dolosam inductionem, selber nicht bindet. 

16* 


244 ^6 preoasiBchen Ansprüche auf Schienen. 

3) Alle Rechte der Welt besagen, dass in denen Fürstenthümem, wo die lineaUs 
successio statt hat oder per pacta familiae ein Fideicommiss darauf geleget tat 
die Erben factum defiuicti nicht prästieren dürfen, wdl sie ihr Recht nicht 
von dem Vater, sondern von ihren Voreltern haben, wie solches OrotiuB l 2. 
C. 7, §. 26 et passim behauptet Dass aber diejenigen Kinder, welche tempore 
renunciationis nicht geboren sein, factum antecessoris zu prästieren oicht 
schuldig sein sollen, läuft wider die naturliche und weltliche Rechte, denn es 
ist ohnleugbar, dass ex pacto primorum disponentium NB. allen und jeden 
Nachkommen ein wahres jus alienandi acquirieret werde und ratione nasci- 
turorum bloss die tacita conditio darunter enthalten sei, si nascentur. Wom 
nun diese Conditio existiert, so kann dieses ex pacto primorum disponentinm 
acquiriertes Recht so wenig denen Nascituris als denen Natis entzogen wer- 
den, vid. Cocceji Disput de Success. Nep. Sect. 1 , §.9. Grotius behauptet 
solches gleichfalls in Terminis, indem er L. 2, C. 7, §. 26 sagt: Sed nee 
nascituris (nocet abdicatio patris) quia impedire non potest, quin ad illos qoo- 
que suo tempore jus pertineat ex dono populi, nisi populus ipse consentiat. 
Wiewohl diese Exception der vorhin angeführten, aus der Vernunft hergelei- 
teten Ration zuwider läuft, weil denen nascituris ihr eventnaliter acquiriertes 
Recht nee consensu populi entzogen werden kann. 

4) Wenn jemand aus dem Churhaus Brandenburg seine ex pacto et Providentia 
majorum erhaltene Länder ohne alle Noth weggeschenket hätte oder zu deieo 
Abtretung dolose wäre inducieret worden, so würden dessen Successores frdlicb 
befugt sein, solche bis ans Ende der Welt mit gewafineter Hand zu vindi- 
ciercn, sonderlich, wenn (wie hie) die cessio conditionata ist, die Conditio aber 
nicht erfüllet worden. 

5) Wenn dem Churhaus etwas sub conditione von einer andern Puissance wäre 
cediert worden und dieses die Condition nicht adimplieret hätte oder wenn e:^ 
durch Arglist und verbotene Menses dieselbe Puissance zur Abtretung einiger 
derselben de jure zustehenden Länder inducieret hätte etc., so könnte mau 
niemand verdenken, wenn er sein Recht gegen das Churhaus quovis tempore 
auf gleiche Weise vindicierte. 

6) Dass das Churhaus keinen reellen Nutzen aus beiden Verträgen erhal- 
ten, die diesseitige Ansprüche aber unwidersprechlich sein, deren Grund 
auch dem Kaiser jederzeit standhaft vor Augen geleget worden, solches ist in 
denen vorigen Schriften zur Genüge gezeigt worden. 

7) £s wird sich kein Rechtslehrer finden, welcher behaupten wird, das8 ein 
r^erender Herr befugt sei, dergleichen wohl gegründete Ansprüche, welche 
einmal dem Reich incorporiert sein, ohne Noth und ohne ein xugängliche^ 
Aequivalent zu renuncieren oder dass derselbe daran verbunden sei, wenn er 
durch Arglist darzu inducicrt worden. Es wird auch kein Rechtslehrer he- 
haupten, dass dem Urenkel und Enkel nicht frei bleiben solle, die Ansprüche, 
welche seine Vorfahren renunciert haben, wieder hervor zu suchen, wenn 1) die 
von denen Vorfiahren stipulierte Conditiones nicht erfolget sein; 2) weim die 
Renunciation per dolosam inductionem erschlichen ist und 8) wenn die Renun- 
ciatio contra pacta familiae laufet 

§. 4. So kann auch nicht mit Grund und ohne die grösste Verunglimpfung 
gesagt werden, dass ^ 

III tio, erstermeldter Vertrag von Seiten des kaiserliehen Hofis ein aimuliertef 
Negotium seie und also denen Rechten nach nicht bestehen, ja den Churfnisten 
selber nicht habe binden können^). 


Remarquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 245 

Denn es ist schon in der Gegeninformation (yid. Gr.-L G. 3, §. 2) angefuhret 
worden, dass das Churhaus Brandenburg zu eben der Zeit, wo die Türken bis in 
Oesterrdch eingedrungen und dem romischen Reich ein anderer geföhrlicher Krieg 
bevorstünde, seine nichtige Prätensiones am heftigsten betrieben *), mithin der glor- 
würdigste Kaiser Leopold bei solchen gefahrlichen Gonjuncturen (vid. die gegen- 
theilige eigene Bekenntniss in dem sogenannten rechtsgegründeten Eigenthum C. 3, 
§. 6. Item G.-I. C. 3, §. 6) sich um so mehr genöthiget gesehen, dem mächtigen 
Churhaus Brandenburg, um solches nur in dem Nexu mit dem Reich zu erhalten, 
hienmter etwas nachzugeben, je gewisser damals der Churfurst Friderich Wilhelm 
ini Begriff stunde, mit einer auswärtigen Macht eine dem gesammten römischen 
Reich und seinem eigenen Haus höchst nachtheilige Alliance zu schliessen *), demi 
dieses Vorhaben war die Ursach, warum der damalige Churprinz und nachmalige 
König in Preussen, Friderich, beweglich den Kaiser Leopoldimi angegangen, gegen 
ausgestellten Revers der Wiedereinraumung seinem Herrn Vater Friderich Wilhelm 
d'D schwiebusischen Kreis auf Lebenszeit abzutreten, dieweil dieses das einzige 
Büttel seie, ihn von obbesagter Bündnuss abzuziehen'). 

In des kaiserlichen Ministri, Baron von Freitags, Relationen ist die geßlhrliche 
Absicht des damaligen churbrandenburgischen Ministerii, wie er sie theils von dem 
Oioiprinzen, theils anderen wohlgesinnten Standespersonen er&hren, dergestalt 
bt^hrieben, dass man sich nicht wenig darüber verwundem würde, wenn man 
alle Umstände bekannt machen und nicht lieber den sonst grossmüthigen und wohl- 
gisinnten Churfursten Friderich Wilhelm und seines grossen Namens so viel möglich 
bchonen wollte; damit aber doch das Publikum wisse, worauf dann die schädliche 
fiundnnss gezielet, so will man aus besagten Freitags Relation vom 21. Januar 
I*S6 (weiche, wenn es nöthig, in Originali und Extenso allemal vor Augen gelegt 
Verden kann) nur nachfolgendes anfuhren*^). 

Remarquen. 1) Die Wahrheit dieses Satzes hat man aus dem Facto selber 
und aus denen natürlichen und Civilrechten deutlich gezeiget. (Vid. der nähern 
Ausfuhrung etc. C. 3.) 

2) Der Churfurst hat diese gerechte Prätensiou von anno 1683 her beständig be- 
trieben, dass er sie aber heftiger zu einer Zeit betrieben haben solle, wie der 
Türk in Oesterreich eingedrungen, ist irrig, weil anno 1686 der Türke lang 
aus Oesterreich verjagt war und der Kaiser die Truppen zu der Belagerung 
von Ofen gebrauchen wollte. Puff. 1. 19, §. 26. 

•i) Dieses sind eben die unverantwortliche Insinuationes gewesen, welche man 
gebrauchet, um den alten Churfursten sowohl als den Churprinzen hinters 
Licht zu fahren, wie gleich gezeigt werden soll« 

4; Wenn man also zeigen kann, dass der Churfurst weder an dergleichen fingiertes 
Bändniss noch an eine dem Reich und seinem Haus nachtheilige Allianz ge- 
dacht habe, so wird hoffentlich auch genugsam erwiesen sein, dass der Tractat 
de anno 1686 per dolosam simulationem und der vorher von dem Churprinzen 
ausgestellte Revers per dolosam inductionem erschlichen sei. 

0, Es ist der wienerische Hof von Anfang her sehr embrassiert gewesen, wie er 
die gefährliche und hinterlistige Intriguen des kaiserlichen Gesandten justi- 
fideren und den simulierten Tractat de anno 1686 salvieren möge. 

Zu dem Ende hat erstlich der kaiserliche Gesandte anno 1689 (da das 
chorfurstliche Ministerium von ihm einige Information über den ihnen un- 
bekannten, von dem Churprinzen ausgestellten Revers verlangte) nichts anders 
voxgegeben (Vid. B. der G.-L C. 3, §. 4): 


246 ^6 preussiBchen Ansprüche auf Schlesien. 

Als dass der Kaiser eine Allianz und Truppen bei dem Churfuisten 
gesucht, die Krön Frankreich aber den Weg darzu verschloaBen hätte, 
indem sie dem Ghurfursten eine chimerique Prfttension auf Schiene io 
Kopf gesetzet 

Weil aber der Churprinz die gefährliche Intriguen der Krön gemeiket 
und von dem Ungrund der schlesischen Pr&tension völlig w&re infonniect 
gewesen, so h&tte er ultro einen Revers de restituendo offeriert und da> 
durch die Allianz zum Stand gebracht 
Weil aber zweitens der Verfasser der bisherigen Schriften vorher gesehen, 
dass diese Ursachen, wenn sie auch schon wahr gewesen wären, die begangene 
Hinterlist nicht justificicren, noch die simulierte und per inductiones vollzogene 
Negotia gültig machen könnten, so formiert derselbe hier einen ganz neoen 
Roman, welchen er aus denen von gedachtem kaiserlichen Gesandten ab- 
gestatteten Berichten extrahiert haben will und der quoad Substantiaha da- 
hin gehet: 

,,£8 habe sich nämlich 1) der Ghurfurst Friderich Wilhelm von dem Nexu Imperii 
losmachen wollen und wäre zu dem Ende 2) im Begriff gewesen , eine dem 
Reich und Ghurhaus schädliche Allianz zu schliessen, welche 3) dahin abgezielet 
hätte, dass der Chuifurst (welchen übelgesinnte Leute wider den Kaiser aaf- 
gebracht hätten) bei Gelegenheit der von Frankreich angestellten Reunion- 
kammer sich mit Frankreich habe verbinden und NB. von dem Rdch abziehen 
wollen; zu dem Ende hätte 4) der Ghurfurst das zum Präjudiz des Churprini«! 
verfertigte Testament bei gedachter Krön anno 1685 niederlegen und NB. den 
Churprinzen dadurch nöthigen wollen, bei dieser schädlichen Bündniss zu ver- 
bleiben ; weil aber 5) der Churprinz gesehen hätte, dass er dadurch dem Willen 
einer fremden Macht würde unterworfen sein, die Zeiten auch so beschaffenr 
dass man leicht einen neuen Krieg, der auch anno 1688 erfolget, voraus sehen 
können, so hatte derselbe bei dem von Freitag Rath gesucht, diesen gefahr- 
lichen Streich zu hintertreiben, und demselben ultro den vorangefuhrten Reveis 
offerieret und ausgestellet, welcher 6) den Effect gehabt, dass der Churfunt 
sein Testament geändert, alles, was gefahrliches darin geflossen, ausgelassen 
und solchergestalt das Ghurhaus von seiner innerlichen Spaltung, mithin von 
dem Untergang, gerettet worden." 

Gleichwie nun drittens der erstere Prätext schon umständlich in der Beant- 
wortung der Gegeninfonnation entkräftet und aus des Ghurfursten eigenhändigen 
Declaration gezeiget worden, dass der Churprinz hierunter schändlieh hinut 
das Lacht gefuhret worden, also ist bei dem zwdten Prätext nichts übrig, aU 
weiter zu zeigen, dass an dem ganzen Roman von einem vorgehabten echad- 
lichen Bündniss mit der Krön Frankreich, oder dass man das Testament, um 
den Churprinzen bei diesem Bündniss zu erhalten, bei derselben d^K>menii 
wollen. Item, was von der Aenderung des Testaments nach ausgestellti^m 
Revers und der dadurch erhaltenen Rettung des Churhauses angefuhret ^-ini, 
kein wahres Wort sei, welches in dem Folgenden klar vor Augen gelepet 
werden soll» 

Die andere Gemahlin Friderici Wilhelm! hatte dne ganz besondere Neigung 
zu ihrem älteren Prinzen PhiUppo und wäre hingegen dem Chuiprinzen Friderich. 
der ohnedem ihr Stiefsohn gewesen, nicht sonderlich geneigt Diese hatte geho^ 
in dem Fall, da ihr Gemahl das schwedische Pommern hätte behaupten könBeo. 
sothanes Land ihrem Prinzen PhiUppo zuwegen zu bringen uud es in soweit von 
der Chur Brandenburg abzutrennen^); wie es bei dem erfolgten Friedensschluss 


Remaiquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 247 

miaslmigen und Pommern an Schweden restituieret werden müssen, so hatten sich 
übelgeEumte Leute gefunden, welche sowohl dem Ghurfürsten als der Churfurstin 
beigebracht, ob habe der kaiserliche Hof ihme Pommern nicht gegönnet und selbsten 
die Hände geboten, dass es der Krön Schweden wiederum emgeraumt werden 
müssen'). 

So bald diese Leute sahen, dass sie den Ghurfürsten hiedurch wider den 
Kaiser aufgebracht, so suchten sie durch die bei Gelegenheit derer bekannten 
Rtimions- und Dependenzkammerem entstandene Unruhen zwischen dem Beich und 
Frankrdch ihre Absichten vollends dahin auszuführen, dass sich der Churfürst mit 
dieser damals feindlichen Krone verbinden, von dem Reich abziehen, sein Testa- 
ment derselben in Verwahrung geben und so viel an ihm war, den Churprinzen 
in demselben binden und nöthigen sollte, er wolle oder nicht, bei diesem vorhaben- 
den auswärtigen Bündnuss zu bleiben'). 

Dieses alles wurde bereits den 19. Januar 1680 bei dem noch erzümeten 
Cfauxf&rstaii zuwege gebracht, das Testament aber (von welchem niemand als der 
Canzlar Jena und ein Secretarius Anfangs Wissenschaft gehabt) noch bis 1681 
geheim gehalten, in diesem Jahre aber den 18. Maji in dem geheimen Rath dem 
Churprinzen zugemuthet, es in dorso nebst den geheimen Bäthen zu unter- 
schreiben^). 

Anno 1685 gingen diese Rathgebere noch weiter und suchten den Ghurfürsten 
zu vennögen, nunmehro sein Testament dem König in Frankreich zuzuschicken; 
so bald der Ghurprinz dieses erfahren, und wie gefährlich ein solches vor ihn sei, 
von seinen vertrauten Bäthen und andern vemonmien, nahm er Gelegenheit, den 
kaiserlichen Gesandten Freitag darüber von freien Stücken anzugehen, welches 
nach Ausweis der Belation im Januario 1686 geschehen ist^). 

Er bezeigte dem Freitag einen grossen Widerwillen, dass sein Herr durch 
Kiederlegi2ng des Testaments und durch die erfolgte Bündniss sich gleichsam 
dem guten Willen einer auswärtigen Macht unterworfen sehen sollte*). 

Die Zeiten waren so beschaffen, dass man leichtUch einen neuen Krieg mit 
dieser Krone damals voraus sehen konnte, welcher auch anno 1688 erfolget^). 

Der Ghurprinz suchte also Bath bei obgedachtem Freitag und hatte alles 
anzuwenden, diesen gefahrlichen Streich zu hintertreiben"). 

Bemarqaen. 1) Man lässt dieses alles an seinen Ort gestellt sein, weil niemand 
mehr lebet, der von diesen Dissidiis domesticis einige Nachricht geben könnte; 
dieses ist gewiss, dass dieser Umstand dasjenige, was daraus gefolgert werden 
will, gar nicht erweise. 

2) £b sein nicht übelgesinnte Leute gewesen, welche dem Ghurfürsten und der 
Ghurfürstin beigebracht, dass der kaiserliche Hof ihnen Ponmiem nicht gönne, 
sondern die That selber hat es gezeiget, weil der Kaiser anno 1678 den Frie- 
den präcipitieret, den Ghurfürsten (welcher alles vor den Kaiser hazardiert, 
ihm mit seiner ganzen Macht assistiert und dadurch sein Land denen Feinden 
exponiert hatte) verlassen, der Krön Schweden das dem Ghurhaus von Gk)tt 
und Rechtswegen zustehende Vorpommern zugeschanzt und -den Ghurfürsten 
gezwungen hat, von der Krön Frankreich in dem St germainischen Frieden 
Gesetze anzunehmen. 

3) Es ist erstlich falsch, dass die vorhin angeführte übelgesinnte Leute gesucht 
haben sollten, bei Gelegenheit der französischen Beunionkammer ihn, den Ghur- 
fürsten, dahin zu verleiten, dass er sich mit der dermaligen feindlichen Krön 
verbinden imd sich von dem Beleb abziehen, oder, wie der Autor sich sonst 
apUciert, von dem nexu imperii ezimieren sollte. 


248 ^^ preuflsischen Am^rüche auf {Schlesien. 

£s ist wahr, dajse der ChurfurBt anno 1682 nicht anrathen wollen, wegoi 
der von Krön Frankreich angestellten Beimion einen Krieg mit derselben an- 
zufangen, weil eines Theils der Krieg zwischen dem Kaiser und dem Türken 
vor der Thür, einfolglich der Kaiser nicht im Stande war, beiden sa wider- 
stehen, andern Theils hatten sich die Stände noch nicht von dem Torigen 
Krieg erholet und daher war gar nicht rathsam, ein^i so mächtigea Feind 
sich auf den Hals zu laden. Der Churfurst vnisste auch wohl, dass der Kaiser 
leicht einen Kri^ anzufangen, hiemachst aber die Ausfuhrung denen Stän- 
den und Allürten zu überlassen, bei dem Frieden aber dieselbe zu ibandon- 
nieren pflegte, wovon er die traurige Erfahrung noch vor Augen hatte, wie 
alle diese Umstände weitläufig in des Puffendorfis Hbtorie lib. 18, §§. 44 '>^ 
68, 94, 102, 105, 111, 114 ausgefuhret worden. Heisst dieses sich a nexa Impeni 
eximieren? 

Wie eifrig aber der Churfurst sich unterdessen der Wohlfahrt des Teatächeu 
Reichs angenommen, erhellet aus denen occasione dieser Reunionskammer i-od 
dem Churfursten angestellten Negociadonen. (Vid. Puffendorf L 18, per tot. 
In specie aber aus dem Tractat, den er den 11. Januar 1682 mit Frankreich 
dieserwegen geschlossen, und welcher dahin ging, dass der König sich verbinden 
müssen, mit allen Reunionen still zu stehen, worbei der Churförst den König 
durch seinen Gesandten beweglich ermahnen liess, dass er mit dem Reich in 
Frieden und Freundschaft leben möchte, gleichwie er selbst schuldig wäre, 
als eines von denen ersten Gliedern des Reichs alles b^zutragen, was zu des 
Reichs Bestem, zu der Stände Freiheit und Behauptung der churfüratücheD 
Vorrechte gereichet etc. (Puffendorf d. 1. 18, §. 44.) Ja, er hat sogar den 
König disponieren wollen, dem Kaiser Hülfe gegen die Türken za schidLen. 
(Puffendorf ibid.) 

Der Churfurst hat durch diesen Tractat und darin vorsprochene Bemühung 
es auch nachhero so weit gebracht, dass l«Vankreich mit dem Kaiser und dem 
Reich den 15. Aug. 1684 einen zwanzigjährigen Stillstand geschlossen, binuen 
welcher die Krön mit allen Reunionen anstehen sollte etc. (Pnffendorf 1. b. 
§. 126, 133 und 134), welche Bemühung dem Kaiser so angenehm gewesen, 
dass er dem Churfursten durch eine besondere Gesandtschaft den verbiud- 
liebsten Dank davor abstatten lassen. (Puffendorf 1. 19, §. 2.) 

Mit was vor Gewissen kann man denn so in die Welt hinein schreiben, 
dass der Churfurst sich von dem nexu imperii habe los machen wollen, (h 
er vielmehr das Reich durch seine Bemühung von dem Untergang errettet hat? 

So wenig nun der Churfurst Willens gewesen, sich a nexu imperii zu exi- 
mieren, so wenig hat er auch zweitens gedacht, mit Frankreich in anno \^ 
ein dem Reich schädliches Bündniss einzugehen. Man kann diese Impostnr 
nicht besser an den Tag legen, als aus dem Puffendorf selbst, welcher uid 
ständlich referieret, dass, als der Churfurst anno 1685 die Allianz mit denen 
Holländern erneuert hatte (Puffendorf 1. 19, §. 6), die Krön Frankreich solche* 
dem Churfursten so übel genommen, dass sie darauf bestünde, der Chorfuist 
sollte die Allianz nicht ratihabieren oder einen ordentlichen Revers ausstellen. 
etc., welches aber dieser durchaus nicht thun wollen und diese gefährliche 
Brouillerie ist nicht eher als im Dezember 1685, da man mit dem Kaiser schon 
in Tractaten stand, geendiget worden. (Puffendorf 1. 19, §. 9, 10, 11.) 

Wie kann sich also ein vernünftiger Mensch nur in die Gedanken kommen 
lassen, als ob der Churfurst nach dieser Demarche Willens gewesai sei, mit 


Remarquen über die Beantwortung der Nah. Ausfuhrung. 1741. 249 

der Krön Frankreich ein dem Reich und seinem eigenen Hause schädUchs 
Büfidniss einzugehen? 

Der Ungrund dieses Vorgebens äussert sich auch ganz offenbar durch die 
Contradiction, worin sich der Autor verwickelt. Bishero hat es geheissen, dass der 
Churfonit anno 1686 ein schädliches Bündniss habe schliessen wollen, unten aber 
behauptet er aus dem Puffendorf, dass dieses schädliche Bündniss schon anno 
1679 wirklich geschlossen gewesen sei und bis anno 1686 contmuieret habe, 
bis endlich der Churförst dessen anno 1686 müde worden wäre und mit dem 
Kaiser den Tractat geschlossen hätte, wie solches unten weiter ausgeführet 
werden soll. 

Es ist dahero nicht genug, so in die Welt hin zu schreiben, dass man 
vorgehabt, ein schädliches Bündniss zu schliessen, sondern man müsste an- 
zeigen, worin solches bestanden, weil der kaiserliche Hof alles dasjenige 
schädlich zu halten pflegte, wenn man ihm nicht in allen Stücken fügen und 
sich seinen despotiquen Maximen confirmieren wollen. 

Man sollte sich also billig entsehen, diesem grossen Churfursten und eifri- 
gen Beichspatrioten beizumessen und der Welt glauben zu machen, als ob er 
capablc gewesen sei, ein solches schädliches Bündniss mit Frankreich zu ne- 
gotüren, wovon des Reichs und des Churhauses Untergang dependierte etc., 
welcher Unfug noch deutlicher an den Tag geleget werden soll, wenn man 
den andern Theil dieses Roman etwas genauer examinieren wird. 

Dieser soll nun 3) darin bestehen, dass der Churfurst ein dem Churprinzen 
prajudicierliches Testament solle verfertiget und demselben solches den 18. Mai 
anno 1681 (um es in dorso zu unterschreiben) vorgeleget haben, welches er 
anno 1686 bei der Krön Frankreich habe deponieren und den Churprinzen in 
demselben binden wollen, bei dem vorhabenden schädlichen Bündniss mit der 
Krön Frankreich zu bleiben. 

Da man nun a) gezeiget, dass das Churhaus keine schädliche Bündniss 
mit Frankreich weder anno 1679 gehabt, noch anno 1686 zu schliessen willens 
gewesen, so fallet auf einmal die ganze Bewegsursache der Deposition 
eines Testaments bei der Krön Frankreich (wovon man ohnedem keine Spur 
in dem Archiv findet) hinweg, weil vernünftiger Weise man keine Intention 
gehabt haben kann, den Churprinzen an etwas zu binden, was in rerum na- 
tura nicht existierte. Man kann auch b) heilig versichern, dass in keinem ein- 
zigen Testament jemalen ein Wort eingeflossen, dass der Chuiprinz bei einer 
Bündniss mit Frankreich bleiben solle. 

Gesetzt aber c) den ungestandenen Fall, dass ein Testament wirklich bei 
der Krön Frankreich wäre deponieret worden, und dass der Churprinz solches, 
wenn es wider die pacta familiae etwas disponierte, nicht hätte halten wollen, 
wer würde Richter gewesen sein? Der König von Frankreich hätte es nicht 
sein können, weil dergleichen Sachen und Successionsstreitigkeiten vor die 
jndida imperii gehören, und wird wohl kein vernünftiger Mensch glauben, 
daas Frankreich w^en dieser domestiquen Streitigkeit eines Reichsstandes 
<inen Krieg mit dem Reich würde angefangen haben. Man möchte also wohl 
wiseen, was dem Reich und dem Churhaus vor eine Ge&hr durch die 
Deposition des Testaments bei der Krön Frankreich hätte entstehen können? 

Man möchte auch d) billig fragen, ob dann diese Gefahr durch die nach- 
her erfolgte Deposition desselben am kaiserlichen Hof gehoben worden, weil 
ja eben dieses Testament ungeändert bei dem Reichshofrath deponiert und über- 
dem von dem Kaiser confirmiert worden, so dass die innerliche Spaltung 


250 ^® preossischen Anfiprüche auf Schlesien. 

des Churhauses durch den sab- et obreptierten Revers und durch die Dcpoä- 
tion des Testaments bei dem Reichshofrath so wenig verhindert worden, cbs 
der Kaiser vielmehr die innerliche Spaltung durch die Annehmnng und Con- 
firmation dieses schädlichen Testaments fomentieret, die darin enthaltene Zer- 
gliederung der Länder protegieret, mithin den Untergang des Hauses dadmth 
zu befördern gesucht hat (Vid. infnu) 

4) Wenn es auch wahr wäre, dass der Ghurfurst dem Ghurprinzen angemnöiet 
hätte, das Testament in dorso zu unterschreiben, wovon doch in dem Proto- 
koll vom 18. Mai 1681 nichts stehet, so würde dieses dem Ghurprinzen gu 
nicht präjudicieret haben , wenn sonst etwas wider die pacta üeuniliae duin 
wäre disponieret worden , weil die Unterschrift in dorso bloss das factom is- 
sinuationis, nicht aber eine Approbation des verschloasenen Testaments er- 
weiset 

5) Man hat schon gezeiget, dass die angefahrte Ursachen, warum dasTesUmeot 
bei der Krön Frankreich deponieret werden sollte, eine blosse Fabel sei Und 
der Verfasser gestehet selber zu, dass der Ghurpiinz solches nur ex andito 
solle gehabt haben. 

6) £s ist nicht zu glauben, dass der Ghurprinz durch einen so ung^gröndetat 
Einficdl (als ob man ihn zu einem Bündniss mit der Krön Frankreich durch 
die Deposition des Testaments zwingen und ihn dem Willen einer answaili- 
geu Macht unterwerfen wollen) bewogen worden sei, den quSstionierten qb- 
glücklichen Revers auszustellen, weil der Gesandte in seiner anno 1689 hierüber 
ausgestellten Information nichts davon gemeldet, der Ghurfurst selb» asch 
in seiner Declaration nichts davon angefuhret hat (Vid. B. der G.-I. C. 3, 
§. 4, ibique Beilage lit. N.) 

Und was hat denn der Ghurprinz dadurch, dass dieses Testament nicht 
bei der Krön Frankreich deponieret worden, gewonnen? Er ist ja durch die 
Deposition bei dem kaiserlichen Hof in viel gefährlichere Hände geratheo. 
allermassen das Testament nicht allein nicht ist geändert worden, sondeni es 
hat der Kaiser vielmehr dieses schädliche Testament confirmieret und ntcb 
des alten Ghurfarsten Absterben sich alle Mühe gegeben, das bei demselbes 
deponierte schädliche Testament und die darin contra pacta üuniliae festge- 
setzte Zergliederung der Länder zum EfiPect zu bringen, die Spaltungen in der 
Familie zu unterhalten und dadurch den Untergang des Ghurhauses zn be- 
fbrdem. 

7) Es ist etwas Lächerliches, der Welt glauben zu machen, dass der ksiserlicbe 
Gesandte wegen des bevorstehenden Krieges mit Frankreich den Ghurfursta 
habe hintergehen müssen, denn es war ja zu der Zeit nicht die geringste Ab- 
zeige eines Ejrieges mit Frankreich vorhanden, weil erst kurz vorher der 
zwanzigjährige Stillstand mit dem Reich getroffen war. Den anno 1688 erfolg- 
ten Ejrieg aber hat man damals so wenig daraus sehen können, so wenig äch 
ein Mensch in die Gedanken hat konunen lassen können, daas der Pnns 
von Oranien anno 1688 nach Engeland gehen und durch dieses neue Incidenx 
das Reich mit in diesen Krieg verwickeln würde. 

b) Weil nun das prätendierte schädliche Bündniss die darauf sich gründende D^ 
Position des Testament und die Furcht von einem bevorstehenden Krieg Uot«r 
Fabeln sein, so wird die vernünftige Welt leicht begreifen, daas man deci 
Ghurprinzen dergleichen terreur panique müsse vorher insinnieret haben. 

Wenn also der Ghurprinz durch dergleichen falsche Rapports die ange- 
führte gefährliche Umstände geglaubet, so hätte der Gesandte demselben diese 


Bemarqaen über die Beantwortung der Näh. Ausfuhrung. 1741. 251 

Impreseion» benehmen, nicht aber von dessen prätendierten Leichtgläubigkeit 
profitieren, noch denselben zum Instrument gebrauchen sollen, den alten Chur- 
füisten zu hintergehen , ihn um vier Fürstenthümer zu bringen und überdem 
zu Stellung einer Armee von 6000 Mann, und zwar vor nichts, zu induderen. 

So viel hat man nöthig gefunden, aus des Freitags Relationes bekannt zu 
maehoi, damit erhelle, 

Imo, daas dem Churfursten nicht von dem kaiserlichen Gesandten durch Be- 
liiohmig, Ust und Gefährde der Revers seie abgedrungen worden^), sondern 

2do, dass er, Churprinz, ohne des kaiserlichen Hofs mindesten vorläufigen 
Znthon, zur Abwendung einer ihme so gefährlich scheinenden auswärtigen BCmd- 
0Q£8 selbst darauf angetragen und gedacht habe, wie er alles dieses hintersteilig 
Duichen könne'). 

So bekannt ihme der Ungrund der Ansprüche auf die schlesische Herzog- 
tfaümcr gewesen, so wenig sähe er ein anderes Mittel, obiges für ihn, Churprinzen, 
zom allermeisten höchst nachtheilige Vorhaben zu hintertreiben, als des Kaisers 
I^pokii Majestät recht angelegentUch zu bitten, durch Einräumung des schwie- 
buaschen Kreises seinen Herrn Vater zu gewinnen, zu einer engen Bündnuss zu 
vmnögen, und zugleich alle, obschon von ihme, Churprinzen, selbst far unstatt- 
luift zom Voraus erkannte Ansprüche auf die schlesische Herzogthümer auf einmal 
ginzlich zu tilgen*). Dieweilen er aber wohl wusste, dass sich Kaiser Leopoldus 
darsTi immöglich verstehen könnte und würde, wenn die Abtretung des schwie- 
tnäschen Kreises auf ewig geschehen sollte, so erbot er sich zu Ausstellung der 
Reversalen freiwillig imd gab dieselbe, noch ehe der Allianztractat mit seinem 
Hrnn Vater geschlossen worden, in des Freitags Hände ^). 

Ea.hatte auch der vom Churprinzen ans eigenem Antrieb an die Hand gegebene 
Weg, semen Herrn Vater wieder zu gewinnen, seine volle Wirkung. Der Chur- 
^t schloss mit Kaiser Leopold eine geheime Bündnuss, begab sich darin aller 
.Vnsprüche an die schlesische Herzogthümer, änderte sein Testament und Hess 
iiUes. was für den Churprinzen Nachtheiliges in demselben eingeflossen war, aus, 
legte endlichen solches in der Reichskanzlei nieder^). 

Remarquen. 1) Wenn der Churfurst durch diese Intriguen des Gesandten 
nicht hinteigangen und der Churprinz zu Ausstellung des Revers nicht dolose 
indncieret worden, so hört die ganze definitio doli auf. Im übrigen hat 
man niemals gesagt, dass der Revers durch Bedrohungen abgodrungen 
worden. 

2> Weü keine Seele an ein auswärtiges Bündniss gedacht hat, so ist ja vernünf- 
tiger Weise nicht zu glauben, dass der Churprinz, wenn ihm solches nicht 
von dem Gesandten wäre vorgebildet worden, auf einen solchen imerlaubten 
Revers, wie vorgegeben wird, angetragen haben würde. 

Und wenn auch der Churprinz, durch falsche Rapports induciert, solches 
geüian hätte, würde dem Gesandten obgelegen haben, denselben ein anders 
zu bedeuten. 

3> Wie kann ihm der Ungrund der epinösen schlesischen Prätension bekannt 
gewesen sein, da er von allen Affairen excludiert war und von niemand In- 
fomiation einziehen dürfen, auch daher selber nachhero declariert hat, dass, 
▼enn er die Umstände gewusst hätte, er nimmermehr dergleichen Revers 
würde ausgestellet haben, und eben dieserwegen dolierte er, dass er so schänd- 
lich sei hinters Licht gefuhret worden, (Vid. B. der G.-I. dict. C. 3, §. 4.) 


252 ^^ preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

4) Dass er dem B. Freitag sollte einen Revers ultro offerieret haben, lauft gleich- 
falls wider des Churprinzen Declaration, worinneu ausdrücklich enthalten, dju^ 
ihm dergleichen Vorschläge gethan worden und dass er sothanen yorach%ni 
Gehör gegeben. (Vid. B. der G.-I. d. C. 3, §. 4.) 

5) Der Autor hätte vielmehr sagen müssen, dass der von dem B. Freitag im 
Churprinzen an die Hand gegebene Weg, den Ghurfursten zu hintergehen, 
seine völlige Wirkung erhalten habe, denn der Churftirst schloss mit dem 
Kaiser ein geheimes Bündniss, versprach ihm 6000 Mann, und renuneterte 
unter der Hoffiiung, den schwiebusischen Kreis zu adquirieren, auf m 
Herzogthümer. Man cedierte ihm aber das Land nur zum Schein nnd hiiit)?r- 
ging ihn also darin, dass man ihm glauben machte, dass seine Nachkommeii 
den schwiebusischen Kreis haben sollten, welchen doch der Kaiser nie za 
geben willens gewesen und bloss per simulationem cedieret hatte. 

Dass der Churfurst aber sein Testament geändert und alles, was vor deL 
Churprinzen Nachtheiliges enthalten , in demselben ausgelassen haben sollte, 
ist offenbar falsch; das Testament, welches in Wien deponiert wordeu, lit 
eben dasselbe schädliche Testament, welches nach des gegenseitigen Ver* 
Hassers Vorgeben bei der Krön Frankreich hat deponiert werden sollen; deuo 
es war schon den 9. Februar 1686, und also drei Wochen vor dem aasgesteil* 
ten Kevers und sieben Wochen vor dem unterschriebenen Tractat von dem 
Ghurfursten vollzogen und unterschrieben; dahero es ohnmöglich durch dk 
Ausstellung des Revers kann geändert worden sein. 

Ja, es ist so wenig wahr, dass dasjenige, was vor den Churprinzen Nach- 
theiliges in demselben eingeflossen war, ausgelassen sein sollte, dass vielmehr 
nach diesem bei dem kaiserlichen Hof deponierten Testament die Land^? 
zeigliedert, die Macht des Churhauses gebrochen und die Spaltung in dm 
Churhaus wirklich veranlasset, einfolglich dieses von dem kaiserticheu M 
selbst in die höchste Ge&hr gesetzet worden. 

Dieses ist gewiss, da^ gedachter Hof alle nur ersinnUche Intriguen untcT 
der Hand gespielet habe, die Prinzen zweiter £he, nach des Testatoiis 
Absterben zu animieren, dass sie auf dem Testament bestehen solltciL Fi 
hat also an dem kaiserlichen Hof nicht gelegen, die innerliche Spaltungen iii 
dem Churhaus zu unterhalten und dessen Untergang zu befördern, wenn nicht 
die Interessenten selbst der Vernunft und der Billigkeit Platz gegeben, die 
pacta iamiliae, welche ihnen selbst zu seiner Zeit zu statten kommen weidiiu 
respectiert, dass des Churfurstens Testament diesen Pactis zuwider laufe 
agnosciert, demselben renunciert und sich wegen eines ansehnlichen Apan^ 
verglichen hätten. 

Wenn man also, wie es fast scheinen will, dem Churprinzen glauben p^ 
macht, dass, wenn er den Revers ausstellte, der Churfurst auch das gefähr- 
liche Testament ändern würde etc., so hat man denselben auch hierin 8chän<i- 
lich hintergangen, weil niemals in dem Churhaus grossere Spaltungen sb oc- 
casione dieses Testaments entstanden sein. 

Es erhellet hieraus genugsam, dass alle gegenseitige Ecliappaden, weich'' 
man gleichsam bei denen Haaren herbeiziehet, nicht zureichend sein, die bei 
dem Tractat de anno 1686 gebrauchte Arglistigkeiten des Baron Freitags 2u 
justicieren, und man ist festiglich versichert, dass keine Puissance deigletcheu 
Menden approbieren werde, wodurch nicht allein Treu und Glauben in der 
menschlichen Societät übern Haufen geworfen, sondern auch alle Soureräue 
ausser Stand gesetzt werden, cum effectu wegen ihrer Länder ein Bündnlv 


Remarquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 253 

einzugehen, wenn einem habilen Miuistre freistehen sollte, sich hinter einen 
missveignügten Successorem zu stecken und von demselben durch hinterlistige 
Insimiationes einen Revers dahin zu erschleichen, dass alles, was dem Souver&n 
cediert und versprochen wird, ungültig sein solle. 

Man mag also die Sache drehen wie man will, so gestehet man gegen- 
seitig zu, dass der«Baron Freitag den Ghurfnrsten Friderich Wilhelm hinter- 
gangen habe, indem er die Cession des schwiebusischen Kreises ihm und 
seinen Nachkommen per simnlationem versprochen und unter dieser ausdrück- 
lichen Condition ihm zu einer onereusen Allianz und zu einer dem Churhaus 
prajndicierlichen Renunciation, wozu er sich ohne diese Condition nimmer-' 
mehr verstanden haben würde, inducieret hat 

Man gestehet g^enseitig auch femer zu, dass der Ghurprinz zum Instru- 
ment dieser Arglist gebrauchet worden, dass der Baron Freitag den Revers, 
denn man will supponieren, dass der Churprinz solchen ultro offerieret habe) 
wodurch der Herr Vater und Souverän hintergangen werden sollte, unter 
einem ganz unerfindlichen Prätext angenommen, der kaiserliche Hof aber 
von diesem Betrug profitieret habe. 

Welcher vernünftiger Mensch wird nun wohl glauben, dass dergleichen 
Handlangen snbsLstieren können? 

Diesen wahrhaften Hergang der Sache besteifet die aus dem brandeuburgi- 
eii«i Archiv geschriebene Historie des PuflFendorfs (PuflFendorf, Hist. Frid. Wilhel. 
■* IS. §. 1 seqq.) *), denn er verhehlet nicht, dass der Churfürst geglaubt, man 
»be ihm Pommern aus Neid und Missgunst nicht lassen wollen, wie denn nach den 
vorgeben widrig gesinnter Leute dem damaligen österreichischen Kanzler Hocher 
Kigemesscn worden, ungescheuet gesagt zu haben: man könne dem Churfursten 
tmmem nicht lassen, dieweil man keinen König der Vandalen haben wolle*). 

Dieser Wahn, seine zu Grund gerichtete Länder und viele Schulden hätten, 
rie PuflFendorf meldet, den Churfursten dahin gebracht, sich um eine französische 
»imdniss zu bewerben, Frankreich aber habe sich sehr kaltsinnig dabei ange- 
ttllpt und insonderhdt sich ziun Geldgeben nicht verstehen wollen, daher der 
^orfuTst endHch auf das schliessen müssen, was ihm von dieser Krön zugestanden 
'•»rden seie*). 

£r leugnet auch nicht, dass der Churfürst bei diesem Bündnuss von anno 1680 
fe 1685 gehüeben (Puffendorf, Hist Frid. Wilhel. L. 18, §, 11), und noch in 
■*^m Jahr neue Versicherung von der Beständigkeit desselben gegeben habe 
"*«ö L 19, §. 11 seqq.)«). Hingegen habe der Churfürst den 27. Januar 1685 
^ ^hwerin nach Wien geschickt , und unter andern seine Anspriiche auf die 
Elegische Herzogthümer und Fürstenthümer mit vieler Hitze treiben lassen, wie 
"^ der Schwerin den 28. Mai dict. anni erklären müssen, dass der Churfürst 
"^t lang bei denen kaiserlichen Ministris um das bitten wolle, was er mit 
"^Jit fordern könne ^). Ob ihme nun gleich zur Antwort gegeben worden, dass 
■^ iof die Herzogthümer Liegnitz, Brieg und Wohlau keinen gegründeten An- 
I*^th habe und sein Herr Vater von diesem Anspruch abgestanden, so wäre er 
•^ti auf dieser Anfordenmg geblieben (idem L. cit §. 2)«). 

^ter, wie Freitag um die Türkenhülfe in eben diesem Jahr zu Berlin An- 
^himg thate, wollte der Churfürst sie unter keiner andern Bedingnuss geben, als 
1^ ihm wegen der schlesicshen Herzogthümer ein Genügen geschehe (Puffendorf, 
^i«t. Prid. Wilhel L. cit §. 25), welches in so lang gedauert, bis endlich der 
-oarfiirgt der auswärtigen Bündnuss müde geworden und anno 1686 mit dem Kaiser 
''«^Wossen»). 


254 ^6 preussischen Ansprüche auf Schlesien. 

Rcmarquen. 1) Es is nicht genug zu yerwundern, wie mau so haidiment be- 
haupten darf, dass der PufFendorf die vorher fingierte facti ^eciem bekräf- 
tige, da doch derselbe nicht ein einziges Wort davon meldet, dass der Chm- 
fürst mit Frankreich ein schädliches, dem Reich und dem Churhaus den 
Untergang androhendes Bündniss geschlossen habe oder zu schliessen willens 
gewesen sei, am wenigsten aber, dass er ein Testamei)^ bei der Krön Frank- 
reich habe niederlegen wollen, um darin den Churprinzen zu binden, bei dem 
schädlichen Bündniss zU bleiben etc., welches doch die Motiven gewesen sein, 
die den Churprinzen bewogen haben sollen, einen so präjudicierlichen Beven 
auszustellen und dadurch das Churhaus von dem angedrohten Untergang zu 
retten. (Vid. supra.) 

2) Dass der Kaiser den Churfürsten, welcher alles vor ihn sacrificiert und da- 
durch seine Länder dem äussersten Ruin exponiert hatte, Vorpommern nicht 
gegönnt habe, solches liegt ja ex fieu^to ipso an dem Tag, weil der Kaiser auf 
die präcipitanteste Art einen Frieden mit Exclusion des Churfürsten ge- 
schlossen und Vorpommern der Krön Schweden zugestanden hat. Was that 
aber dieser Umstand zur Sache? 

3) Der Verfasser confundiert hier vorsätzlich zwei ganz differente Actus; denn 
der Puffendorf sagt a) dass der Churfurst, weil ihn der Kaiser abandonnieret 
hatte, auf das habe schliessen müssen, was ihm die Krön Frankreich zu- 
gestehen wollen etc. Solches ist mm durch den bekannten St Germainiscbai 
Frieden geschehen, und bei diesem Bündniss hat sich die Krön nicht kalt- 
sinnig augestellet, es ist auch damals von Geldgeben keine Frage gewesen. 
Nach geschlossenem Frieden aber hat der Churfurst b) um seinen ruinierteo 
Ländern wieder aufzuhelfen, Geld von Frankreich verlanget und daher cb 
Bündniss mit ihm einzugchen sich erboten ; und hiebei hat sich diese Krön kalt- 
sinnig angestellet und ziun Geld nicht verstehen wollen, dahero so wenig 
wahr ist, dass der Churfurst dasjenige bei diesem proponierten Bündniss 
schliessen müssen, was die Krön gewollt hat, dass gar nichts aus dem Bünd- 
niss geworden ist (Puffendorf, L. 18, §. 1 et 2), woraus dann offenbar er- 
hellet^ dass das schädliche Bündniss, welches der Puffendorf bestärken soll, 
eine pure Chimäre sei. 

4) Der Puffendorf sagt mit keinem Wort, dass der Churfurst bei diesem Bündniss, 
(welches nicht in rerum natura war), von anno 1680 bis 1685 geblieben sei. 
£s gehet auch die von dem Churfürsten anno 1685 gegebene Verdcherung 
seiner Beständigkeit keineswegs auf ein vor anno 1680 mit der Krön errich- 
tetes Bündniss, sondern auf den dem ganzen Reich vortheilhaften Tractat 
welchen der Churfurst anno 1681, wiewohl er erst den 12. Januar 1682 unter- 
schrieben worden, mit dem König von Frankreich geschlossen hat, und worin 
der König sich obligieren musste, die angefangene Reunion, so lange noch 
HofBiung zur Güte übrig wäre, einzustellen. (Puffendorf, Lib. 18, §. 44, vid. 
supra.) 

Auf diesen Tractat bezog sich der Churfurst, als die Krön Frankreich oc- 
casione der mit Holland anno 1685 erneuerten Allianz behaupten wollte, dass 
dieses wider den Tractat anno 1681 liefe, wie solches aus der Antwort d& 
Churfürsten am Tage liegt (Puffendorf, Lib. 19, §. 9, 10, 11.) 

Wo bleibt nun das vorgegebene schädliche Bündniss, welches dem Rdcii 
und dem Churhaus den Untergang angedrohet, und den Churprinzen, um solchen 
zu evitieren, bewogen haben soll, einen solchen priyudicierlichen Revers auszu- 
stellen? Der St. germainische Friede kann es nicht sein, weil derselbe der 


Bemaiquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 255 

ganzen Welt bekannt und nichts darin enthalten ist, was dem Reich und dem 
Chnrfaaus schädlich sein konnte. Der Tractat de anno 1681 konnte es auch 
nicht seuif weil viebnehr dadurch das Reich bei Frieden erhalten und Anlass 
zu dem anno 1684 erfolgtem zwanzigjährigen Stillstand mit der Krön Frank- 
reich gegeben worden, vor dessen Erhaltung der Kaiser dem Churhaus so sehr 
gedanket hat (Vid. supra.) 

Man hat auch schon vorhin gezeigt, dass der Autor sich selber hier 
contradidere. Bishero hat er vorgegeben, der Churfurst seie anno 1685 
NB. Willens gewesen, in eine zum Untergang des Reichs] und des Chur- 
haoses abzielende Allianz mit der Krön Frankreich zu treten, und dass der 
Chuiprinz, dieses zu evitieren, gutwillig einen Revers ausgestellet habe. Jetzo 
aber lautet es ganz anders, dass nämlich dieses schädliche Bündniss schon anno 
1679 geschlossen gewesen und der Churfurst noch anno 1685 Versicherung er- 
theilet hätte, dabei zu bleiben. Man siebet also, wie man alles bei den Haaren 
herbei ziehe, um die unverantwortliche Hinterlist des kaiserlichen Gesandten 
und des wienerischen Hofes zu bemänteln. 

öl Von dieser Declaration findet sich nicht die geringste Spur weder in der In- 
straction des Gesandten, noch in dessen abgestatteten Relationen, noch in denen 
an ihn ergangenen Rescriptis ; sie will auch an sich nichts sagen, weil die Ver- 
nunft selbst an die Hand giebt, dass mau nicht nöthig habe^ um dasjenige zu 
bitten, was man mit Recht fodem kann. 

6) Der Churfurst Friderich Wilhelm hat sein offenbares Recht dem wienerischen 
Hofe vorlegen lassen, welches ihm durch das blosse Negieren dieses Hofes 
nicht hat benonunen werden können, dahero ist er billig bei seiner lAnfode- 
nmg geblieben. 

Dass aber des Churfurst Friderich Wilhelms Herr Vater von dieser An- 
fodemng abgestanden sein solle, ist ein pures Gedichte; der angeführte Puffen- 
dorf sagt auch, nichts davon. 

*) Es war so vernünftig als billig, dass der Churfurst dem Kaiser, welcher ihm 
Tier Herzogthümer vorenthielte, keine Hülfe (worzu man nicht verbunden war) 
schicken wollte, ehe er wegen dieser gerechten Anforderung einige Satisfäction 
erhalten hätte. 

Diese Anforderung hat auch gedauert (nicht bis der Churfurst der aus- 
wärtigen Bündniss müde geworden, wie der Autor vermeinet, weil ja der 
Churfurst kein besonders Bündniss mit der Krön Frankreich hatte), sondern 
bis der Kaiser versprochen, dem Churfursten den schwiebusischen Kreis ewig 
ro cedieren. 

Diese aus dem diesfalls ganz unverdächtigen Puffendorf gezogene Nachricht 
nebst dem Zustand damaliger Zeiten, zeiget nun nicht nur, dass der kaiserliche 
Hof durch Drohen und Arglist weder etwas erzwingen wollen noch können *), in- 
^»oß er diese brandenburgische Hülfe gegen den Türken allzu nöthig gehabt imd 
vitilmehr aas dieser Betrachtung die churbrandenburgische Bedrohung zu übersehen 
ach bemühet befunden, sondern sie stinunt auch mit des Freitags oben angeführter 
^iation in allem überein, ausgenonmien , dass Puffendorf, was von Niederlegung 
^^ churfurstlichen Testaments Freitag gemeldet, vermuthlich aus der Ursach hin- 
v^eg gelassen, dieweil es ihme nicht geziemend geschienen, diesen Umstand anzu- 
^en, sonderlich, da er ohnedem nach errichtetem Bündniss mit dem Kaiser ab- 
'nd der Churprinz völlig sicher gestellet worden ist*). 

Es sind also diesfalls in der That zwei unterschiedene Handlungen unter- 
i'^fen, eine mit dem Churfursten wegen der damals mit demselben geschlossenen 


256 ^^ preussischen Ansprache auf SchleeieD. 

Allianz und respective Renunciation auf die nichtige schleaische Prfitenfflones, die 
andere mit dem Churprinzen wegen Restituierang des schwiebuser Kicssee nach 
dem Tod des Herrn Vater gegen andere Genugthuung '). Die erstere ist nun 
Nutzen und Erhaltung des Churhanses, auch zu dessen alleinigen Vortheil ge- 
schlossen'), zu der andern hingegen hat der Churprinz zu Rettung sdnes eigenen 
Hauses selbst die Hand geboten*), hernach auch alles nicht nur durch einen be- 
sondern Vertrag de anno 1694 und durch die wirkliche Retradition von Schwiebu 
(vid. 6.-1. C. 3, §. 9, Beilage No. 50, 51 und 52 et Signum Solis)*), sondern «ich 
in dem anno 1700 geschlossenen Krontractat ratihabieret und genehm gehalten 
(G.-I. C. 3, §. 10)'). 

Remarquen. 1) Wenn man alle Augen des Leibes und der Vernunft zu Hülfe] 
nimmt, so kann man noch nicht sehen, wie die aus dem Puffendorf angefahrte 
Umstände die Arglistigkeit des kaiserlichen Ministerii justificieren können, wefl. 
wie schon vielfältig gesagt ist, der Puffendorf nicht ein Wort von einer schäd- 
lichen Allianz mit Frankreich, von des Churfursten Intention, sich von dem 
nexu Imperii los zu machen, von einer Deposition eines Testaments bei dn 
Krön Frankreich, welches den Churprinzen binden sollte, bei der achädlicheu 
Allianz zu bleiben etc., meldet, welches doch die Ursachen sein sollen, welche 
dem Reich und dem Churhaus den Untergang gedrohet haben und wodurch 
der Churprinz bewogen sein soll, den Revers auszustellen. 

Im übrigen hat man niemalen gesagt, dass der Tractat de anno 1686 oder; 
bei dieser Gelegenheit ausgestellte Revers durch Drohungen sollte erhalten 
Hein, die Arglist aber liegt ex ipso facto am Tage. 

Und dass nicht ein einziger Buchstabe bei dem Puffendorf zu finden, welcher 
mit des Baron Freitags Relation übcreinstinmiet, ist oben gezeiget worden. 

2) Beide Handlungen aber sind an sich null und nichtig, die erste, weil sae per 
simulationem et dolosam inductionem vollzogen worden, imd die Renunciation! 
nicht anders als sub conditione ^welche bis auf diese Stunde nicht adimpUert 
ist) geschehen, vomämlich aber, weil sie contra pacta familiae laufet; di<* 
andere, weil dieselbe de re quae non erat in jure promittentis geschehen, 
wozu der Churprinz dolose inducieret und wodurch derselbe enormissime lädiert 
worden, hauptsächlich aber, weil sie wider die pacta familiae laufet und da- 
hero weder den Paciscenten noch dessen Nachfolger binden kann etc. vMd. 
B. der G.-I. C. 3, §. 4.) 

3) Dass nicht der geringste Nutzen aus diesen Verträgen dem Churhaus zu- 
gewachsen, vielweniger dasselbe dadurch erhalten worden sei, sondern bloäB 
der kaiserliche Hof durch seines Gesandten Hinterlist und gefahrliche Induc- 
tiones profitieret habe, ist vielfältig schon gezeiget worden. 

4) Es ist gezeigt worden, dass das Churhaus keine Rettung nöthig gehabt habe 
und dass vielmehr dadurch, dass der Kaiser das schädliche Testament confir* 
mieret hat, eine weit aussehende Spaltung in dem Churhaus seie veranlasset 
worden. 

5) Der Vertrag de anno 1694 und die darauf beschehene Retradition sind nur 
Executiones derer vorigen Tractaten und gründen sich einzig und alleiu auf 
denenselben, gleichwie aber diese an sich null und nichtig nnd und übenieo 
denen Successoribus propter pacta feuniliae nicht schaden können, also folget 
wohl von Selbsten, dass ex causa vitiosa kein gültiger Effect erfolgen könne. 
(Dict §. 4, No. 17 und infra §. 10.) 

6) Der Krontractat spricht nicht ein Wort von dem Satisfactionsvertrag und der 
darin enthaltenen Renunciation, sondern bloss von der Allianz, diese ist allein 


Bemarqnen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 257 

wiederholet und bestätiget worden, wie man solches aus nnwidersprechlichen 
Gründen gezeigt hat. (B. der G.-I. C. 3, §. 4, No. 18.) 

Wo sollte nun bei so der Sachen wahren Beschaffenheit der dolus malus und 
die calliditas circumyeniendi (welche zu der von dem jenseitigen Scriptore unver- 
schämt und höchst ärgerlich imputierten Simulation zu beweisen, den Rechten nach 
erfordert wird 5 L. 6 ff. de probat. L. 6 Cod. de dolo malo) wohl stecken')? 

Dem Churfuisten hat man ja hierbei heilig gehalten, was mit demselben ab- 
gehandelt und geschlossen worden*). Es ist auch die Verbindlichkeit des Chur- 
prinzens (welche pur allein, mn ein grösseres Uebel in statu publico Imperii und 
fnr seine Person zu verhindern und der Krön Böheim ein so ansehnliches Stuck 
Landes, als der schwiebuser Kreis ist, ohne einige Rechtsverbindlichkeit nicht auf 
ewig zu entreissen, geschehen) sowohl in denen natürlichen als Völkerrechten der- 
gestalt gegründet (vid. Grot de jure B. et P. L. 3, C. 1, §. 7, L. 1, §. 2 ff. de 
dolo malo, ibi, posse et sine dolo malo aliud agi, aliud simulari, sicut ^Eu^iunt, qui 
per ejusmodi dissimulationem deserviunt et tuentur vel sua, vel aliena), dass solche 
den Namen einer Arglist und Gefährde keineswegs, wohl aber entgegen einen Dank 
verdienet, dass man das Churhaus Brandenburg durch den oft berührten Vertrag 
de anno 1686 von seiner innerlichen Spaltung, mithin von dem Untergang errettet*) 
nnd noch darzu umsonst und um nichts den Genuss dieses schwiebusischen Kreises 
BD viele Jahre eingeraumet und eine ansehnliche Geldprätension auf Ostfriesland 
cedieret habe*): allein da der jenseitige Scriptor nichts zu Recht beständiges wider 
den oft berührten Vertrag aufzubringen vermag, so suchet er nach seiner an- 
gewohnten Art mit unerlaubten Anzüglichkeiten und Schmähworten der Sach einen 
tischen Anstrich zu geben, wie er dann so gar das eigene damalige churfurstliche 
Ministerium und den Churprinzen selbst nicht verschonet, wormit er aber bei der 
vernünftigen Welt sich wenig Ehr gesammelt haben wird'^). 
Remarquen. 1) Man beziehet sich wegen dieser unanständigen Expression auf 
dasjenige, was oben pag. X [== S. 2S7] gesagt worden, und lasset im übri- 
gen die ganze Welt urtheilen, was die gegenseitig selbst angefahrte Facta vor 
einen Namen verdienen. 
2) Heiast das heilig halten, wenn man dem Churfursten und seinen Nachkommen 
ein Stück Land zum Schein verspricht und denselben dadurch inducieret, 6000 
Mann zu stellen und einem offenbaren Recht auf vier Fürstenthümer zu renun- 
cieren etc., vorher aber mit dem Successore heimlich verabredet und denselben 
durch Ustige und falsche Insinuationes verleitet, dass er dasjenige, was zum 
Schein dem Churfursten, als seinem Herrn Vater und Souverän, cedieret wer- 
den würde, zurück geben solle? Ist es möglich, dass man sich einbilden könne, 
als ob ein vernünftiger Mensch sich werde weiss machen lassen, dass dem 
hintergangenen Churfursten das Versprochene heilig gehalten worden? 
8) Wird wohl ein mit Vernunft begabter Mensch glauben, dass in dem natür- 
lichen und Völkerrecht gegründet sei, dass ein Erbprinz seinen Herrn Vater 
und Souverän hintergehen und dessen Tractaten antecedenter durch ausgestellte 
Gegenreverse annullieren könne? Dass auch femer demjenigen, welcher den 
Erbprinzen durch hinterlistige Insinuationes zu einem so unerlaubten Facto 
inducieret, ein jus agendi dahero erwachse? Kann wohl von dem Urheber 
derer natürlichen Gesetze, als dem allerheiligsten Wesen, vermuthet werden, 
dass es dergl. criminelles Menses approbieren könne? 

Am allerunbegreiflichsten aber ist, dass man in den Marginalnoten diese 
gebrauchte Hinterlist pro dolo bono angeben und behaupten darf, dass durch 
diese Simulation das Churhaus von seinem Untergang errettet und der Kaiser 

PreQMisehe Staaissebrifton. \. 17 


258 ^6 prenssiBchen Ansprüche auf Schlesien. 

das Semige gegen einen ung^rondeten Prätendenten geschützt habe, und das 
solches nach dem L. 1, §. 2 ff. dol. malo erlaabt seL 

Denn wenn man die Jura des Chorhauses nur ein wenig anstehet, und 
dasjenige, was Ton der chimeriquen Ge&hr des Churhauscs und der gernbmteD 
Bettung angemerket worden, mit diesem Asserto zusammen h&lt, so wiid m 
jeder selbst aus dieser Ausflucht bemerken, was man vor desperate Wege er- 
greife , um dem hinterlistigen Verfeihren des Baron Freitags und derer bki- 
lichen Ministren eine Farbe anzustreichen. Nach diesem christlichen Prindp) 
des Erzhauses Oesterreich stehet uns frei, denjenigen, welcher an mis einen 
Anspruch macht, auf alle Webe zu betrügen, auch demselben das Yersprocheof 
nicht zu halten, weil wir nur vorgeben dürfen, dass einem Dritten, wenn er 
schon unsrer Hülfe nicht gebraucht, dadurch ein Dienst geschehe oder das 
wir unser Becht dadurch gegen des andern ungerechte Ansprüche defendieit 
hätten. 

Man lässt die ganze Welt urtheilen, was man dem wienerischen Hof voi 
einen Druck wegen dieser Hinterlist schuldig sei, welche Ursach ist, daas man 
ihm vor Nichts 6000 Mann in Ungarn stellen und auf vier Fürstenthüm^ 
renuncieren müssen. 

4) Wenn gesagt wird, dass man umsonst und mn nichts den Grennss des ecfavie- 
busischen Kreises neun Jahr und die ansehnliche lichtensteinische Post cedieit 
bekonunen , so kann dieses alles nicht allein mit dem Succurs der 6000 Mann 
in keine Comparaison kommen, sondern bdide Posten würden nicht den 
zwanzigsten Theil der fiructuum perceptorum von denen vier Hezzogthümeni 
ausmachen. (Vid. infra §. 19.) 

5) Man kann im Gregentheil sagen, dass, da der Autor die dolosam indnctionein 
des kaiserlichen Gesandten nicht bemänteln kann, derselbe auf solche invectiveD 
Fälle, die, wie oben schon angeführt worden, unter honnetten Leuten nicht 
gebräuchlich sein. Vid. supra pag. X. /"=* 127,] 

Es ist aber lächerlich, dass man gegenseitig anführet, man habe den Chor- 
prinzen selber nicht verschonet, da man ja alle die angeführte Umstände aas 
des Churprinzen und nachherigem Churfursten eigenen Declaration ausgezo^ 
hat. (B. der G.-I. C. 3, §. 4, No. 11. 12.) 

Man siebet auch nicht, was dessen Gloire dadurch abgeht, wenn man aus 
dessen eigenem Geständniss behauptet, dass er sich von einem habilen Minb 
und intrigantem Hofe, welcher demselben den Untergang des Beichs und sein 
Hauses als eine ohnfehlbare Suite einer mit der Krön Frankreich vorseieüd 
chimeriquen Allianz, zu einem facto illicito habe inducieren lassen, womi er^ 
wie er selber gestehet, sich nimmermehr würde haben verfuhren lassen, wi 
er die wahre Umstände gewusst hätte. (B. der G.-L C. 3, §. 4, No. U 
12, ibid. Ht N.) 

§. 5. Und wie zumalen in der Gegeninformation (vid. G.-L C. 3, §• 3) &U 
schon zur Genüge gezeiget worden, dass durch die brandenburgische Hansvertrap: 
denen weit älteren Gerechtsamen und Verfassungen der Krön Böhdm nicht p»- 
judicieret werden können, und dass man jenseits besser gethan, wenn man in g^<^ 
wärtigem Fall daraus kein Argument hergeholet hätte, massen nach diesen Pno- 
dpüs keine auswärtige Macht mit dem Churhaus Brandenburg sich sicher in einen 
Vertrag einlassen kann, also brauchet auch das Vorgeben, dass 

Quarto, keinem Besitzer der chur- und fürstlichen Landen erlanbet sei« 

von Land und Leuten etwas zu veräussem, 


Remarquen über die Beantwortung der Näh. Ausführung. 1741. 259 

mn eo weniger einer weiteren Beantwortung, ala es allemal an dem Supposito 
emer rechtsbeständigen Anforderung fehlet ^). 

Remarquen. 1) Dass die Anforderung des Churhauses richtig sei, ist er- 
wiesen. Die pacta familiae, dass keine Angefalle vom Haus alienieret werden 
sollen, liegen am Tage. Dass die prätendierte Incorporationsprivilegia theils 
auf diesen Casum nicht applicable, theils aber in praejudicimn tertii ertheilet, 
emfolglich null und nichtig sein und von denen kaiserlichen Beamten selbst 
verworfen worden (vid. B. der G.-I. C. 1, §. 1, 18 u. 14, C. 2, §.1, 11 u. 12); 
auch dass im übrigen bei allen Völkern eine unstreitige, von dem Autore 
flelbet anerkannte Sache sei, dass die ohne Noth beschehene Alienatioues un- 
gültig sein (Vid. supra C. 2, §. 10 und B. der G.-I. C. 1, §. 23, C. 2, §. 11 
Q. 15, G. 3, §. 3): solches ist schon öfters gezeiget worden. 

§. 6. Dahero dann auch 

Quinto, die angebliche lae&io enormissima yon selbsten hinweg fallet, 
wdlen dergleichen, wo keine Rechtsanforderung ist, ohnmöglich statt 
finden kann^). 

Bemarquen. 1) Man gestehet also zu, dass, wo eine Rechtsanforderung ist, 
die laesio enormissima statt habe. Dass aber hier eine wahre und ohnstreitige 
Rechtsanforderung und zugleich laesio enormissima vorhanden seie, ist er- 
wiesen. 

§. 7. So ist auch der Vorwurf, als ob 

Sezto, das Durchlauchtigste Erzhaus seinerseits den Tractat nicht 
adimplieret hätte, 
pta ohne Grund , und in der G^eninformation (vid. G.-I. C. 3, §. 8, 10 u. 14) 
genugsam beantwortet worden*). 

Remarquen. 1) Dass man gegenseitig den Tractat nicht adimplieret habe, 
ist offenbar. Denn in dem Vertrag de anno 1686 ist versprochen worden, 
dass der schwiebusische Kreis dem Churfürsten und seinen Nachkommen auf 
ewig abgetreten werden solle; solches ist aber nicht geschehen, weil der 
kaiaerl. Hof vorher schon einen Revers in Händen hatte, dass der Kreis zurück 
g^eben werden solle. Die lichtensteinische Post ist nicht zum vierten Theil 
eingekommen, ohngeachtet der kaiserl. Hof die wirkliche Bezahlung zu ver- 
schaffen versprochen. (B. der G.-I. C. 3, §. 4, No. 18; §. 5, 7, 9.) Adde 
in&a /» S, 261 unten Bmarque 2]. 

§. 8. Dass aber 

Septamo, kein Prinz bei Lebzeiten seines Herrn Vaters sich solle ver- 
binden können, 
^Kes ist weder in denen natürlichen noch Reichsgesetzen versehen, sondern aus 
^Qienselben vielmehr bekannt, dass dergleichen Handlungen, besonders mit einem 
äokhen, deme die Erbfolge des Vaters jure proprio gebühret, und welcher zu der 
^t da er den Vertrag geschlossen, l&igstens seine Volljährigkeit erlanget, und 
*^«n Herrn Vater zu nichts, sondern nur sich, seine !&ben und Nachkommen, 
^ Wiedereinraumung des schwiebusischen Kreises bei Antritt seiner Regierung 
verbunden hat, auf alle Weise bestehen. (Grot. cit ex adverso L. 2, C. 11, §. 8, 
^0« li cujus formalia genuina haec sunt: Materiam promissi quod attinet, eam 
'oportet esse, NB. aut esse posse (quae verba ex altera parte studio fiierunt 
^^missa), in jure promittentis, ut promissum fit efficax. Idem d. 1. N. seq. 2, in 
verb.: Qaod si res tnnc non sit in potestate promittentis, sed esse aliquando possit, 
^t in pendenti efficacia, quia tum promissio censeri debet sub conditione, si res 

17* 


260 ^6 preossischen^Ansprüche auf Schlesien. 

in potestatem venerit. Add. L. 89 ff. de oblig. et act L. 5, §. 1 ff. qnod com eo, 
qni in aliena potest.) ^). 

Bemarquen. 1) Man hat nirgend statuieret, daas ein Erbprinz bei Lebzdten 
seines Herrn Vaters nicht contrahieren könne, sondern dass er nicht über 
dessen Land und Leute disponieren, am wenigsten aber contra pacta iuniliae 
etwas alienieren, oder auf richtige Prätensiones renuncieren könne; das er 
nicht befugt sei, seines Herrn Vaters Tractaten antecedenter, durch Anstel- 
lung eines Revers, zu annullieren; dass er nicht Macht habe, durch Anastellimg 
dergleichen Beyers Anlass zu geben, dass der r^erende Soavenn and 
Vater hintergangen und derselbe unter einer simulierten Hoffiiung, vor sen 
Haus ein Stück Landes zu erhalten, zu einer höchst onereusen Allianz mid 
sehr pr&judicierlichen Benunciation inducieret werde etc. Man liiaset aL«o 
einen jeden Treu und Bedlichkeit liebenden Menschen urtheilen, ob bei deoeo 
vorangefuhrten Umständen die versprochene künftige Zurückgebung des 
schwiebusischen Kreises jemals materia promissi könne gewesen sein iwie 
man gegenseitig aus des Grotii Worten: aut esse posse, zu behaupten ver- 
meinet), da das factum per se illicitum ist und denen pactis £uniliae zuwider 
läuft, der Aussteller selbst aber dolo darzu inducieret worden, die Renunciatio 
auch nur conditionata gewesen etc. Der Autor gestehet ja selber zu, dass a 
causa vitiosa kein guter und rechtlicher Effect erwachsen könne. 

§. 9. Noch weniger lasset sich mit Bestand sagen, dass 

Octavo, der Ghurprinz, als ein junger Herr, von der Gerechtsame setnes 

Hauses nicht informieret gewesen, sondern durch allerlei Insinuaüou«$ 

zu Ausstellung des Beverses inducieret worden seie, miüiin aas desan 

Versprechen nicht agieret werden könne. 

Denn es ist aus der Gegeninformation (vid. G.-I, C. 3, §. 5, 6, 7, 9 u. 11) allschoa 

gnugsam zu ersehen gewesen , dass derselbe damalen bereits das 29. Jahr saseii 

Alters erreichet, den Ungrund der brandenburgischen Prätension wohl euigeseheD'.. 

die Wichtigkeit der vorseienden Allianz sowohl, als die aus dem widrigen Erfblf 

sdnem Churhaus erwachsen könnende Gefahr reiflich erwogen'), auch die Sache 

mit einem seiner nahen Anverwandten überleget"), endlich den Kaiser, um den 

schwiebusischen Kreis seinem Vater nur lebenslänglich zu überlassen, beweglich 

gebeten, und den Bevers, solchen Kreis nach des Vaters Tod wiederum abzutreten. 

freiwillig ausgestellet habe*), aus welchem wahren Hergang ja nicht die mindere 

Spur eines unzeitigen Entschlusses oder einer mitunterlofener Indnction, ine der 

jenseitige Autor ohne Vernunft und Ueberlegung in den Tag hinein schreibet ^ 

getroffen, noch auch vernünftig gemuthmasset werden kann'). 

Bemarquen. 1) Man muss aber zugleich bedenken, dass er mit seinem Herrn 
Vater beständig brouillieret gewesen und niemalen zu einigen Afiiuren p"- 
zogen worden. Dahero nicht möglich war, dass er den Grund oderUngnu^^ 
dieser so importanten als epineusen Sache habe einsehen können, ^i^ ^ 
dann selber klaget, dass man ilun alle Mittel benonunen, sich zu uifbrmiei^ 
auch betheuret, dass, wenn er von der Sachen recht wäre informieret gevas^ 
er nimmermehr dergleichen Bevers würde von sich gestellet haben. (H. de^ 
G.-L C. 3, §. 4. n. 11. 12.) 

2) Dass das Churhaus in Gefahr gestanden haben sollte, wenn die Allianx vm 
dem Kaiser nicht wäre geschlossen worden, ist ein blosses Gedichte. & ^^ 
vielmehr durch die kaiserl. Allianz und Confirmation des schädlichen T&i*' 
menti, nicht allein in die äusserste Gefahr, sondern auch in den grv«(^ 


Bemarquen über die BeaDtwortung der Näh. Ausführung. 1741. 261 

Schaden geaetzet worden. Durch die Allianz ist es in Schaden gesetzet 
worden^ weil es 6000 Mann umsonst gestellet und auf vier Herzogthümer re- 
nimcieret hat In Grefahr ist es gesetzet worden, weil der Kaiser das schäd- 
liche Testament confirmieret und die Prinzen zweiter Ehe nachher animieret 
hat, auf dessen Execution zu bestehen. 

:^i Wer wird wohl glauben, dass dieser Verwandter, welchen der Churfürst zum 
Statthalter des Landes und Chef des Conseils gesetzet, dem Churprinzen der- 
gleichen Gonsilia, wodurch der regierende Herr hintergangen werden sollte, 
gegeben habe. (B. der G.-I. C. 3, §. 5.) 

4) Der Chuiprinz declarieret das Gregentheil, dass man nämlich ihm die Vor- 
schläge gethan, und er denenselben Gehör gegeben. Er doliert aber zugleich, 
dass man ihn schändlich hinters Licht gefuhret habe. (B. der G.-I. Cd, §.4, 
No. 10. 11. 12.) 

5i Man wiederholet wegen dieser unanständigen Expression dasjenige, was oben 
pag. X ^sa 2S7] gesaget worden, und überlasset dem PubÜco zu urtheilen, 
was die vor Augen liegende Facta vor einen Namen verdienen. 

§. 10. Endlich solle noch die exceptio metus zu Hülfe konunen, dass 
ßämlich 

Nono, der Churfürst Friderich wäre bedrohet worden, durch gewalt- 
same Mittel zu Wiederabtretung des schwiebuser Kreises angehalten 
zu werden; 
allein man hat nicht weniger auch dieses in der Gegeninformation (vid. G.-I. C. 8, 
^. 6, 10 u. 11. Beilage No. 50) bereits überflüssig abgeleihnet und actenmässig ge- 
xeiget, dass gedachter Churfürst nach dem Tod seines Herrn Vaters und auf die 
TOD dem kaiserL Ministerio erfolgte klare Widerlegung der damalen gemachten 
Einwürfen, zu Abtretung des schwiebusischen Kreises gutwillig erkläret^), einen 
neuen Tractat darüber geschlossen, darbei sich abermalen, ohne dass man darzu 
buerL Sats verbunden wäre, yerschiedene neue Vortheile, besonders denjenigen 
ohnschätzbaren , wodurch demselben der Weg zur Krön gebahnet worden, be- 
dangen, die Retradition daraufhin selbst bewirket, die deswegen in Händen ge- 
habte Documenta ausgehändiget ') und endlich in anno 1700 bei dem damaligen 
Kronentractat den Vertrag von anno 1686 von neuem ratihabieret und genehm 
gehalten: in Summa, alles dasjenige, wozu er sich zuvor als Churprinz anheischig 
gemacht, ex post als Churfürst, verbis et facto, för sich, seine Erben und Nach- 
kommen, in rechtlicher Erkenntniss seiner Verbindlichkeit (Grot L. 2, C. 11, §.4 
ibi unde sequitur, ut promissa praestentur, venire ex natura immutabiHs justitiae, 
qoae Deo, et omnibus bis, qui ratione utuntur, suo modo communis est) wieder- 
holet, bestätiget und crfuUet habe'). 

Remarquen. 1) Wie sehr sich der Churfürst anfanglich gewehret habe, er- 
hellet aus der von ihm selbst ausgestellten Declaration, dass er nemlich alles 
lieher daran setzen, als den Revers halten wolle. Es ist auch vier ganzer 
Jahr dabei geblieben, bis man denselben bedrohet, und der ganze geheime 
Rath bei ihm angefragt, ob er extrema abwarten wolle. (B. der G.-I. 
C. 3, §. 11.) 

2 i Es ist in aUen Schriften ausgeführet worden, dass der Tractat de anno 1694 
eigentlich kein Tractat, sondern ein von beider Theile Ministris gehaltenes 
Protocollum sei, wie der Revers zur Execution gebracht worden. Gleichwie 
nmi der Revers an sich null und nichtig ist, also ist alles ungiltig, was aus 
dem Revers sich originieret Wenn aber auch dieses Negotium als ein neuer 


262 ^^ preossiflchen Anspräche auf Bchleeien. 

Tractat angesehen werden könnte, so würde derselbe dennoch dsher im- 
krftflig sein, weil er contra pacta familiae errichtet und der neae Ghnxforgt 
dadurch enormissime 1 aediert worden. Zu geschweigen, daas die Stände nicht 
darin consentiert und die Successores an dergleichen contra pacta &miliae 
laufende Benunciationes nicht gebunden sein, dahero der in margine allegieite 
Grotius, welcher de pactis jure validis spricht, hieher gar nicht applideiet 
werden kann. 

Die gerühmte accordierte Avantages bestehen mehrentheils in Wind und 
haben keine Proportion mit demjenigen, was der Churfurst Tersprochen hat 

Denn a) so ist die Cessio des schwiebusischen Kreises ja bloss zum Schein 
geschehen; alleimassen der Nachfolger solchen restituieren müssen, b) Die 
Hchtensteinische Post, welche über eine Million austragen sollte, hat seh auf 
240,000 Beichsthaler reducieret, welche aber nicht den zwanzigsten Theil der 
fructuum perceptorum, die die Krön Böhmen restituieren muss, ausmachen 
c) Den Titul vom Herzog in Preussen konnte der Kaiser dem Churhaose 
nicht versagen, weil er, vermöge des olivischen Friedens, worinnen er die 
Souverainit6 von Preussen agnoscieret hat, darzu verbunden war. d) Die 
Expectanz auf Ost^esland ist besage der Verschreibung dem Churhause als 
ein Aequivalent vor den unsäglichen Schaden, welchen es durch die schwe- 
dische Invasion gelitten, und dessen Indemnisation ihm das ganze Reich ver- 
sprochen, verliehen worden, e) Dass man einen reformierten Reichshofinath 
angenommen, davon hat das Churhaus so wenig Vortheil, dass vielmehr der 
Rath in denen churbrandenbuigischen Angelegenheiten jedesmal au&tehen 
müssen. Was endlich f) die erhaltenen wenige Geldsummen betriff so könnoi 
die fructus percepti lange damit nicht getilget werden. 

Im Gegentheil und g) so sein die Avantages, die der kaiserliche Hof tu 
dem simulierten Contract de anno 1686 genossen, reelL Der Churfurst hat 
6000 Mann in Ungarn gestellet und dieselben auf seine Kosten unterhalteot 
weil die stipulierten Subsidien nicht bezahlet worden; er hat nicht aüm 
denen vier Herzogthümem, sondern auch allen occanone dieser Herzogthümer 
ihm zustehenden wichtigen Prätensionen renuncieret; er hat nch der impor- 
tauten Anforderung wegen derer bei dem neuen Graben angewandten Kosten 
begeben etc. 
8) Dass in dem Kroncontract der Vergleich de anno 1686 (so viel den Satisfacdons- 
tractat und die darin enthaltene Renunciation betrifft) confirmieret sein soUe, 
ist fälsch und das Gegentheil in der B. d. G.-I. C. 8, §.10 erwiesen worden. 
Man hat im übrigen gezeigt, dass diese verbis et £Eu:to wiederholte Bestätigui^ 
und Erfüllung contra pacta familiae laufe und die Successores nicht binden 
könne, wenn auch das Negotium nicht an sich null und nichtig wftre. 

§.11. Wer wollte demnach glauben, dass deme allen ungeachtet es wohl 
möglich sein könnte, dergleichen solenne, von denen VorfiBihren so viele Jahre 
heilig gehaltene Verträge nur allein zum Deckmantel eines so unversehenen al^ 
ungerechten feindli chen Ueberfalls auf eine so unstandhafte Weise erst jetzt an- 
zufechten und dadurch das Band der menschlichen Gemeinschaft wider alles natür- 
liche und Völkerrecht (L. 1 in princ. ff. de Pact. Quid enim tarn congruum fidei 
humanae, quam ea, quae inter eos placuerunt, servare) deigestalt zu zerrdfieeii. 
dass sich die Welt daran billig zu stossen habe; indeme, wenn dieses gelten sollte. 
ja keine Macht noch einiger Staat seinen Länderen und Unterthanen durch Bünd- 
nissen und Verträge die geringste Sicherheit zu verschaffen vermöchte, sondern 


Bemarquen über die Beaatwortang der Näh. Ausfiahnmg. 1741. 263 

alles der Zeit und Conveoiesz seines Compaciscenten oder dessen Nachkommen 

würde ansetzen nnd überlassen müssen ')■ 
Bemarquen. 1) Aus denen bishero angeführten Umstanden ergiebt sich, 
dasB man mit vielem grossem Becht gegen das £rzhaus Oesterreich retor- 
quieren könne. Ob es wohl möglich sei, dergldchen solenne Tractaten, als 
zwischen denen Herzogen von li^nitz und denen Königen von Böhmen er- 
richtet worden, nicht weniger so viele von den Königen beschehene Agnitiones 
und Ck>nfirmationes (bloss und allein zum Deckmantel einer unersättlichen 
Begierde, sich derer schlesischen Herzogthümer de &cto zu bemächtigen), 
übem Haufen zu werfen, dem Churhaus die schuldige Satisfaction auf eine 
so hinterlistige Weise zu entziehen, den Churprinzen zum Werkzeug zu ge- 
brauchen, seinen Herrn Vater zu hintergehen und solchergestalt alle Treu 
und Glauben, mithin das Band der menschlichen Societät au&uheben? indem» 
wenn dieses gelten sollte, keine Puissance mehr im Stand sein würde, seinem 
Hans durch einige Verträge mit aller Sicherheit zu prospicieren, weil sie stets 
befurchten musste, dass man den Erbprinzen (insonderheit, wenn er mit dem 
Herrn Vater nicht wohl stehet), durch allerhand gefährliche Insinuationes in- 
dttderen * könnte, antecedenter des Vaters und Regenten Tractaten zu an- 
nullieren. 

Gleichwie also aus deigleichen gefahrlicher Weise geschlossenen Tractaten 
der hintergangene Theil in Ewigkeit nicht obligieret werden kann, insonder- 
heit, wenn dieser Verbindung die pacta feuniliae entgegen stehen: also folget 
auch nothwendig, dass des laesi seiner Convenienz überlassen sei, zu welcher 
Zeit er sich mit dem wenigsten Risico sein Recht zu vindicieren getraue. 

Capitel IV. 

Von dem der Krön Böheim brandenburgischer Seits 

sogar auch noch ansprüchig machen wollenden dominio directo 

auf oftbesagte vier Herzogthümer. 

§. 1. Gleichwie insgemein aus einem Absurde das andere zu folgen pfleget, 
aldo eigehet es auch dahier dem jenseitigen Schriftensteiler ^); denn es will der- 
selbe <üe Krön zu Böhmen sogar einer Felonie gegen das Churhaus Brandenburg 
beecbuldigen , weüen erstere contra legem delationis feudi gehandlet haben solle, 
da sie die von dem Herzog Friderich zu Liegnitz mit dem Churfurst Joachim zu 
Bzandenborg errichtete Erbverbruderung nicht habe gelten lassen wollen. Allein, 
da veimoge der Lehnsdelation der Krön Böheim nach Absterben des piastischen 
Mannfwtammen das Anfallsrecht auf die Fürstenthümer Liegnitz und Brieg aus- 
drücklich bedungen worden (G.-I. C. 2, §. 4. Beilage No. 32), so hat nicht die 
Kion Böheim, wohl aber der Herzog Friderich durch Errichtung der Erbverbrü- 
denmg in der That contra legem delationis gehandlet und denen Lehnrechten 
nach gegen ermeldte Krön eine Felonie begangen (2. feud. 52. 55)*). 
Bemarquen. 1) Man beziehet sich wegen dieser unanständigen Redensart auf 

die p. X /*»> 2S7] gemachte Remarque. 
2) Wenn dieses Vorgeben eines Anfallrechts wahr wäre, so würde man gegen- 
sdtB vielleicht einigen Schein haben, dergleichen Argument zu formieren; da 
aber das Document, woraus dieses Suppositum genonmien wird, offenbar 
falsch (vid. B. der G.-L C. 2, §. 2), hingegen in denen literis investiturae de 
&nno 1329 das jus disponendi derer Herzoge deutlich gegründet ist (vid. B. 
der G.-L C. 2, §. 1), so bleibet der Thesis wahr, dass der Lehnsherr durch die 


264 ^6 preussischen Ansprüche auf SchleäeiL 

ungerechte Cassierung der Erbyerbruderung und nachherige Denegienmg der 
Justiz sowohl nach deren natürlichen Rechten , weil er legem delationis vio- 
lieret hat, als nach dem jure communi feudali, per feloniam das dominium di- 
rectum verloren habe. Grot 1. 3, C. 20, §. 34 et 88. IL F. 6 in f. 26, |. do- 
mino 47. 24 et 22 in f. et arg. n. F. in f. 

§. 2. Wie solle nun aus diesem nichtigen und strafbaren Unternehmen jetst 
gedachten Herzogs Friderichs zu Liegnitz das Churhaus Brandenburg m Recht 
überkommen haben, jetzo sogar das dominium directum anzusprechen, wo dem- 
selben niemalen das dominium utile zugestanden oder eingeraumet worden bt?^ 

Remarquen. 1) Es kommt nicht darauf an, ob dem Churhaus das domimnm 
utile gegenseitig zugestanden werde, sondern ob demselben solches de juie 
zustehe und injuria entzogen sei. Da nun beides erwiesen ist, so folget 
amissio dominii directi yon Selbsten. 

§. 3. Es ist denmach die seltsame Felonleprätension so schwach, dasa sel- 
bige keiner weitem Beantwortung bedarf, wohl aber casu inverso zu sdn^ Zeit 
mit besserer Wirkung formieret werden dörfte^). 

Remarquen. 1) Man muss von eben dieser Zeit abwarten, was dieselbe be- 
wirken dörfte; noch zur Zeit sein schlechte Anzeigungen, dass sich der Cascs 
invertieren werde. 

Capitel V. 
Ob der König in Preussen nicht nöthig gehabt, vor dem Einfall 
in Schlesien eine Kriegankündigung zu thun. 

§. 1. Nachdeme niemand in Zweifel zu ziehen verlangen wird, dass der do- 
minus feudi, wenn er zugleich Territorialherr ist, berechtigt seie, das ihme er- 
öfi&iete Lehen selbst in Besitz zu nehmen (vid. Molin. ad Tit 1. Consuet. Paris. §. 1. 
Glossa 4, in princip.): so ist solches auch der Krön Böheim nach Abgang des piasti- 
sehen Mannsstammen bei denen Fürstenthümem Liegnitz, Brieg und Wohlau ohn- 
strittig zugestanden, mithin fäUet der von dem jenseitigen Scriptore daher ge- 
machte Einwurf von selbst hinweg^). 

Remarquen. 1) Der ThesLs ist richtig, dass der dominus directus, wenn ihm 
das Lehen anheim fallet, solches propria autoritate in Besitz nehmen könne; 
man leugnet aber, dass nach Abgang des plastischen Stammes das Lehen der 
Krön Böheim anheim gefaUen sei, weil der ultimus Possessor vi l^s delatio- 
nis davon disponiert und solches dem Churhaus tradiert hatte. Dahero stehet 
der diesseitige Einwurf feste, dass, weil der König von Böhmen dem Chur- 
haus vi et injuria sein Eigenthum ohne Denunciation entzogen, das Chaxbsus 
jure talionis, eben dergleichen Mittel zu gebrauchen befugt seL 

§. 2. Von gleicher Wichtigkeit ist auch das aus dem Grotio heigehoUe 
Argument, dass keine Ankündigung nöthig seie, wenn man sein Eigenthum vindi- 
eiere. Massen schon zum Ueberfluss dargethan worden, dass dem Chinbaos 
Brandenburg zu den prätendierenden Fürstenthümem nicht der mindeste Ansprach, 
geschweige denn ein Eigenthum zugestanden seie*). 

Es ist auch ein allzumerklicher Unterschied, wenn dner sein Eigenthum vin- 
dideret, wie dieses nach ganzlicher Erlöschung der liegnitzischen Linie von der 
Krön Böheim geschehen*), und wenn einer mit einem Kriegsheer unversehens 
in eines andern Land fallet'), welches der letztem gegentheiligen Grestfindniss 
nach Ihro Elaiserl. Majestät beinahe durch hundert Jahr im Besitz gehabt*), und 


Ranarquen über die Beantwortung der Näh. Ausfiahnmg. 1741. 265 

wonof durch so solenne Yertrfige des Königs in Preussen Vorelteren sich dreimal 
alles Ansprachs begeben haben ^). Unter gesitteten Volkeren ist allerdings un- 
erhört, mit solchen alten abgethanen und unstatthaften Ansprüchen einen unrecht- 
mSasigen Krieg yerdecken zu wollen, zuvor aber ohne alle Ejri^sankündigung 
m das Land zu £dlen, als welches des von dem Gegentheil angeführten Grotü 
Lehre yon Nothwendigkeit der Ejriegsankündigung schnurgerad entgegen ist. 
(Grotius L. 3, C. 8, §. 5.)«) 

In der Güldenen Bull und denen Beichsdatzungen ist ein solches Betragen 
unter Ständen des Reichs scharf verboten und verpönt, ja laufet sogar wider die 
Begoln des Fanstrechts und der Befehdung; mithin ist es allerdings widerrechtlich, 
md billig in dem in Schlesien publicierten Patent davor angegeben worden^. 

Remarquen. 1) Man gestehet also gegenseitig zu, dass, wenn jemand b&xl 
Eigenthmn fod^ keine Kriegsankündigung nöthig sei, da nun das Churhaus 
durch die £rbverbrüderung ein Recht auf diese Fürstenthümer und durch die 
Eventnal - Erbhuldigung ein Eigenthum erhalten, so folgt ex concessis, dass 
man nicht nöthig gehabt habe, eine Ankündigung vorher gehen zu lassen. 

2j Die Krön Böhmen hat wegen der ihr entgegen stehenden Erbverbrüderung 
kein Eigenthum gehabt, dahero hat sie solches auch nicht vindicieren können ; 
da sie nun vi et de facto ' dem Churhaus ohne Denunciation das Seinige ent- 
zogen, so stehet die exceptio talionis von Seiten des Churhauses feste. 

3) Was es mit der Einrückung in Schlesien vor eine Bewandtniss habe, wie auch 
von Sr. Königl. Majestät friedfertigen Intention und des wienerischen Hofes 
feindseligen Declaration, auch dass man dem Exempel des Hauses Oesterreichs 
hierunter gefolget etc., dieserwegen beziehet man sich auf dasjenige, was bei 
der Gegeninformation gleich im Anfuig notieret worden. 

4} Weil die von dem Haus Gestenreich ergriffene Possessio vitiosa ist, so kann 
dieselbe auch durch den hundertjährigen (wiewohl beständig contradicierten) 
Besitz nicht convalescieren, quia tempore non minuitur, sed augetur injuria. 

0; Es ist vielfaltig gezeiget worden, dass der erste Vertrag de anno 1686 ipso 
jure null und nichtig seie, dass der zweite de anno 1694 bloss eine Executio 
des vorigen ungültigen Vertrags und also gleichfalls unkräftig sei, und dass 
der dritte oder der Krontractat mit keinem Wort den Satisfactionsvertrag und 
darin enthaltene Renunciation bestätige. 

tli Da man nicht allein einen blossen Anspruch an diese Herzogthümer hat, son- 
dern durch die Eventualhuldigung ein wahres Eigenthmn daran erlange